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Dienstag, 20. Dezember 2022

Geht's mir etwa gut?


Ein interessanter Tag heute, so in der Rückschau. Es gab mehrere Situationen, die für ein Glas Asperger pur gereicht hätten, aber ich hatte keinerlei Panikattacken oder den Wunsch, aus der Situation zu fliehen.

Das ging schon nach dem Aufstehen los - heute waren Sprechprüfungen bei meinen Zwölfern dran, immer aufregend, weil ich Angst davor habe, irgendwelche Formalien zu übersehen oder falsch zu erledigen, oder dass ich die Prüfungsaufgaben für meine SchülerInnen vertausche. Heute nichts - alles geordnet im Ordner, in die Tasche. In aller Ruhe die Wohnung rechtzeitig verlassen, keine Angst vor dem, was kommt.

An der Bushaltestelle Diesterwegstraße ging es weiter - ich wollte gerade ein weiteres Logikrätsel bearbeiten, da kommt über die Straße - Er. Wie schon vor ein paar Wochen hatten wir eine kurze gemeinsame Busfahrt, und ich hatte keine weichen Knie, nicht den Drang, schnell wegzukommen, und es gab auch keine Probleme damit, im vollen Bus in den Arm genommen zu werden.

Springen wir zur Bushaltestelle Lüderitzstraße, auf dem Weg zurück. Auch hier möchte ich gerade ein Rätsel bearbeiten, doch zur Linken kommen nette Schüler, und von rechts kommt ein Fremder und bittet mich um meinen Stift, damit er etwas aufschreiben kann. Kein Problem - und dann hat sich daraus sogar ein nettes Gespräch ergeben, über's Renovieren und wie es ist, wenn man älter wird. Kein "Hoffentlich redet er jetzt nicht noch weiter, bitte lass' mich in Ruhe".

Das hätte alles ganz anders laufen können (und die vielen Asperger pur-Beiträge geben einen bunten Einblick in die Erlebniswelt eines Autisten). Könnte es womöglich sein, dass es mir gut geht? Mich irritiert das ein bisschen, denn ich habe immer noch keine feste Stelle, immer noch keinen Diagnoseplatz und meine Wohnung sieht... aus. Es scheint tatsächlich so etwas wie Alltag einzukehren, wie damals im Studium, als es völlig normal wurde, mit dem Fahrrad in die Uni zu fahren und dort sogar mit Freunden in der Mensa essen zu gehen (ich hatte lange Zeit die Mensa geistig abgeblockt).

Darf so weitergehen!

Donnerstag, 31. März 2022

April Freeze

Draußen kalt macht es drinnen umso gemütlicher

Das Busfahren zur Schule hat viele positive Effekte - darunter, dass ich meine Umwelt bewusster wahrnehmen kann, als wenn ich einfach nur im Auto von A nach B fahre, immer nur mit dem Ziel im Blick, so dass ich die Reise vollkommen ignoriere. Busfahren entschleunigt mein Leben, und dafür bin ich sehr dankbar. Heute an der Bushaltestelle Lüderitzstraße ist mir bewusst geworden, wie kalt es auf einmal geworden ist; das ist insofern ungewöhnlich, als dass Aspis eine veränderte Wahrnehmung von Hitze und Kälte haben (zu intensiv oder fast gleichgültig). Mich kümmert die Temperatur eigentlich nicht.

Ein wenig Schnee gab es ja heute auch in Kiel - allerdings habe ich eben im Fernsehen die Bilder von der Westküste gesehen, da ist Einiges mehr runtergekommen. Die große Buba und Sannitanic, ist Pellworm eingeschneit? Hier ist es also zum großen Teil trocken geblieben, aber der Wind war sehr kalt zu spüren, und ich habe es genossen. Mal schauen, wie dieser Frühling sich so entwickelt.

post scriptum: Morgen wird spannend, Gesprächstermin, und die Ausschreibung zur Projektwoche ist herumgegangen. Viele Ideen im Kopf, viele Gedanken - morgen wird ein Meditationstag.

Freitag, 12. November 2021

Videospiele im Unterricht - Kapitel 1


Kapitel 1 - Die Vorgeschichte

Ich weiß nicht, wie es Euch so geht, liebe Lehrkräfte, aber bei Vielem, was ich so erlebe, frage ich mich direkt "Kann ich das irgendwie in meinem Unterricht verwenden?" - besonders, wenn ich es toll finde. Immerhin, ein Zahn ist mir schon früh gezogen worden: Was ich toll finde, finden Schüler deswegen nicht auch gleich super. Menschen sind eben unterschiedlich. Während meines Studiums habe ich überlegt, ob ich eine Serie im Unterricht zeigen könnte - das war sozusagen die Geburt des Are You Afraid of the Dark-Projekts. 

Irgendwann im Referendariat muss die Idee aufgekommen sein, einen Schritt weiter zu gehen. Allerdings noch klein und unauffällig, denn das Referendariat hat mich gelehrt, keine Unterrichtszeit für Filme oder Serien draufgehen zu lassen, das ist alles kostbare Zeit, da wollen wir von Videospielen gar nicht erst anfangen. Und wenn ich dann darüber nachdenke, was ich an manchen Schulen schon für erzürnte Eltern hatte; das ist dann die Schattenseite des "Serie im Unterricht schauen": Gerade an einem Gymnasium - und erst recht an einem Elite-Gymnasium - kommen dann an einem Elternsprechtag erzürnte Mütter vorbei und erzählen mir, wie ich meinen Englischunterricht zu machen habe. Wenn sie dann selbst auch noch Englischlehrerin sind, umso schlimmer. Und das war vor Jahren, als ich noch sehr frisch im Schulsystem war, kein dickes Fell und leicht zu beeindrucken. 

Serien im Unterricht? Habe ich an den Gymnasien nicht wieder gemacht, und an der Berufsschule gar nicht erst daran gedacht. Der Lehrauftrag ist eben ein anderer, das muss ich akzeptieren. Umso deutlicher öffnete sich dann für mich eine Tür mit Lerngruppen, die keinen Bock auf Schule hatten. Da sitzen dann zwischen elf und achtundzwanzig Schülern, hochpubertär, keinen Bock auf gar nichts und erst recht nicht Englisch, denn das braucht man später eh' nicht, und dann auch noch der komische neue Lehrer an der Schule. Immer wieder erlebt - in St.Peter-Ording, in Neumünster, auch jetzt an der Toni. Das ist genau die Art Schüler, bei der jener Leitsatz aus dem Referendariat im Kopf wieder aufleuchtet. Bis zum Erbrechen gehört, immer und immer wieder, und in den Lehrproben natürlich versucht zu zeigen.

"Die Schüler da abholen, wo sie stehen."

(Die große Buba holt dat aber so vor, wie sie dat braucht.) Klar, der Satz ist eine Form von Phrasendrescherei, aber mit diesen Kids in schwierigen Situationen ist das einfach mal die goldene Regel: Finde den Zugang zu ihnen. Schau' sie Dir an! Im Englischen gibt es den Ausdruck "See them!" Und seit St.Peter-Ording habe ich GenZ (oder meinetwegen auch die Digital Natives) kennengelernt. Und in SPO habe ich zum ersten Mal das AYAOTD-Experiment gemacht. Als ich denn gesehen habe, wie gut das funktioniert hat, und wie einige Eltern tatsächlich davon begeistert waren, sind plötzlich wieder die Videospielgedanken in meinen Kopf zurückgekommen - denn ich liebe gute Videospiele.

Und so habe ich also fast sieben Jahre lang darüber nachgedacht: Wenn ich ein Videospiel mit Schülern würde machen wollen - welches nähme ich denn bloß? Welche Klassenstufe? Kann ich das überhaupt verantworten? Ich habe sieben Jahre lang ernsthaft gezweifelt - und an Schulen unterrichtet, an denen solch' ein Unterrichtsexperiment absolut tabu gewesen wäre; die Kieler Gelehrtenschule oder die Jungmannschule in Eckernförde und auch das Berufsbildungszentrum Plön hätten das (zu Recht?) niemals zugelassen. Sieben Jahre lang hin und her überlegen. Von einer Schule an die nächste wechseln. Und dann an der Toni landen, wo man ausprobieren darf. Und so kam es dann, wie es kommen musste.

Heute hatte ich in einer neunten und einer zehnten Klasse meine erste Videospielstunde.

Hier geht es zu Kapitel 2

Mittwoch, 10. November 2021

Die Ablehnung


Das Problem: Eine Physikstunde muss vertreten werden.

Der Plan: Ich mache eine Englischstunde, tell me about your internships, and then we'll do a situation puzzle (=Black Story).

Die Realität: Wir reden über das Geldverdienen. Wieviel Geld verdient man eigentlich so? Was bedeutet brutto und netto? Wo geht das abgezogene Geld überall hin? Wie bekommt man überhaupt Arbeit? Wieviel verdient Dr Hilarius? Was ist Arbeitslosengeld? Kann Dr Hilarius an der Schule bleiben?

Also habe ich wieder mein Bild mit den Kreisen (=Planstellen einer Schule) herausgeholt und den Schülern erklärt, dass ich als Unfallvertretung für Frau Rogenweg (Frau R) eingesprungen bin und eigentlich erstmal nur ein halbes Jahr bleiben sollte.

Das ist interessant, denn ausgerechnet aus der heutigen Klasse hatte ich damals einige Schüler in meinem Englischkurs, und ich weiß noch ziemlich gut, wie sehr ein paar von ihnen mit Ablehnung auf mich reagiert haben (weil Frau R besser ist). Heute sieht das anders aus; Frau R ist immer noch toll, aber ich bin an der Schule ein bisschen bekannter und ausgerechnet die Schüler, die damals stark geblockt haben, haben sich heute im Unterricht beteiligt. The times are a'changin', und ich habe das gleich für eine Lehrstunde genutzt und die Bewerbung an der Toni vor sieben Jahren ausgepackt.

Ich hatte damals im Blog darüber geschrieben, dass ich keinen Erfolg mit der Bewerbung hatte. Der Schulleiter meinte damals zu mir "Werden sie mal konkret.", als ich ihm erzählt habe, dass ich eine ungewöhnliche Lehrkraft bin. Und das konnte ich dann nicht. Im Nachgang klassisches Asperger-Symptom - etwas Hypothetisches nicht genau ausmalen können. Deswegen bin ich nicht vor sieben Jahren an die Toni gekommen, sondern erst vor zwei Jahren aus einer Not heraus.

Weil man mir erstmal mit Ablehnung oder zumindest reserviert begegnet. Fast immer. Deswegen habe ich keine Chance in Auswahlgesprächen auf Planstellen an unbekannten Schulen, das Lied habe ich hier schon oft genug gesungen. Worum es mir geht: Ich konnte anhand dieses Beispiels den Schülern gut zeigen, wie das ist mit ersten Eindrücken, Oberflächlichkeit, Offenheit und verpassten Chancen.

War eine tolle Physikstunde!

Samstag, 3. Juli 2021

Der Stundenplan


Wo fange ich an zu schreiben? Vielleicht einfach mal mit dem post scriptum, in dem ich notiere, was ich am Tag in der Wohnung aufgeräumt habe. Gestern und heute nichts, daher kein PS, und das hat auch einen Grund, denn mein Stundenplan für das nächste Schuljahr ist angekommen - Es wird mal wieder Zeit für ein Glas Asperger Pur.

Natürlich ist ein bisschen Aufregung dabei, wenn man die Mail mit dem Betreff "Stundenplan für Hilarius, Dr" sieht. Endlich werde ich genau erfahren, welche Lerngruppen ich unterrichte, und ob es wieder geklappt hat, den freien Tag auf den Freitag zu legen. Also öffne ich die Datei, und mit dem ersten Blick bricht in meinem Kopf wieder alles zusammen.

Kein freier Tag. In dem Moment reduziert sich bei dem Aspi alles auf einen einzigen Gedanken: "Das ist nicht so, wie ich es geplant hatte", und das bedeutet, dass überhaupt nichts mehr klappen wird. Es kommen Gedanken dazu wie "Wenn ich keinen freien Tag habe, dann hätte ich doch auch mehr Stunden unterrichten können", wobei das für eine Vertretungslehrkraft natürlich immer mit dem zu vertretenden Stundendeputat zusammenhängt. 

Ich schaue noch nicht einmal nach, welche Klassen und Kurse ich unterrichte. Der Blick auf den Fünf-Tage-Plan reicht aus, um meine gesamte Tagesplanung in die Tonne zu treten. Nicht wie geplant. Meine über mehrere Jahre antrainierte Work-Life-Balance verschwindet mit einer einfachen PDF-Datei. Und so greife ich nach längerer Pause mal wieder zu einer psychedelischen Substanz, die mir dabei helfen soll, das zu verarbeiten - alle Implikationen eines solchen Stundenplans zu verstehen und ultimativ hoffentlich zu erkennen, dass doch nicht alles schlecht ist. Das ist ohne Hilfe in diesem Moment nicht möglich, eben ein klassischer Aspi-Zusammenbruch.

Ein zweiter Blick auf den Stundenplan zeigt mir, dass einige Stunden anders eingefärbt sind als der Rest - weil ich im nächsten Schuljahr nicht nur Englisch unterrichte, sondern auch eine Klasse in Lebenspraxis (LP). Meine Vernunft würde mir in dem Moment sagen "Du hast doch gesagt, du machst alles, was nötig ist, damit du bleiben kannst", aber bei einem Aspi-Blackout hat Vernunft nichts mehr zu suchen. Ein neues Fach unterrichten? Passt wunderbar zur unerwarteten Fünf-Tage-Woche, und ich bin kurz davor, alle kleinen Ansätze einer neuen Alltagsgestaltung wieder zu kippen; wozu soll ich das alles überhaupt noch machen, wenn es keinerlei Verlässlichkeit im Leben gibt?

Ich bin kurz davor, die große Buba zu versetzen, um das irgendwie verarbeiten zu können. Letztlich verschiebe ich sie nur etwas nach hinten am Abend, hinter die Meditation und den Versuch, diesem Stundenplan einen Sinn einzuräumen und der Panikattacke zu entkommen.

Und danach ist es etwas besser.

Was mir wieder nicht nur den Sinn von Meditationen vor die Augen führt, sondern auch das therapeutische Potential psychedelischer Substanzen bestätigt. Auch wenn es eine Menge Zeit gebraucht hat, und viele Neustarts im Nachdenken über die kommende Unterrichtssituation. Was ist also dabei herumgekommen?

Dass mir bewusst geworden ist, dass ich LP in der Sieben A unterrichten werde: Die I-Klasse, die ich an der Toni bereits seit anderthalb Jahren in Englisch unterrichtet habe, die mir in ihrer Vielfalt an's Herz gewachsen ist, und mit deren Klassen- und Förderlehrkräften ich mich gut verstehe. In der viele spannende Schüler sitzen, und noch mindestens einer, mit dem ich tatsächlich etwas weiter arbeiten wollte. Ich darf für ein weiteres Jahr mit vier Stunden in der Klasse bleiben, und eigentlich ist das toll, denn auch die Kiddies hatten sich gewünscht, dass ich bei ihnen bleiben kann.

Und bei'm weiteren Nachdenken über die Sieben A und LP: Ich werde da wahrscheinlich nur zwei oder drei Schüler haben, denn die meisten sind im Wahlpflichtbereich in Latein oder Französisch oder Technik et cetera. Das heißt, ich kann fast Privatunterricht machen und diesen Kids beibringen, wie man mit seinem eigenen Leben klarkommen soll. Ausgerechnet ich. Aber daran kann ich vielleicht wachsen.

Dann die generelle Auswahl der Lerngruppen: Ich unterrichte in den Klassenstufen Sieben bis Zehn. Keine Orientierungsstufe - nach Ewigkeiten mal wieder. Eigentlich ist die Mittelstufe doch genau meine Zielgruppe, oder? Ich unterrichte Englischkurse aller Stufen (Grund-, Aufbau- und Erweiterungskurs), habe da also eine gewisse Vielfalt, um meinen Horizont zu erweitern. Einen meiner Kurse aus dem letzten Jahr kann ich sogar weiterführen.

Bleibt nur noch das Problem mit den fünf Wochentagen. Das bekomme ich nicht so schnell in meinem Kopf aufgelöst - da dürfte nur der Buddhismus helfen: Nichts ist entspannender, als das anzunehmen was kommt, und das als Herausforderung zu sehen, als ein Hindernis, das es zu überwinden gilt und das tatsächlich auch überwindbar ist. Das Schlimmste ist die Umstellung (und die Angst vor eben jener); in einigen Wochen oder Monaten könnte es schon besser aussehen. 

Zwei Tage dieser Woche hat mir der Blick auf eine einfache PDF-Datei aber komplett gelöscht (inklusive Essenvergessen und zur Beruhigung vor Rätseln sitzen) - und das lässt sich scheinbar auch im Erwachsenenalter nicht so einfach abstellen. 

post scriptum: Spuckende Schnellkochtöpfe (Plantapomba) und Pustemonster - die große Buba ist wieder im Lande, und das tut gerade echt gut! Also doch PS.

Montag, 21. Juni 2021

"Moin Meister!"

Kann nicht schaden, mit anderen Augen einen zweiten Blick zu riskieren

Hi Lenn!

Ich antworte Dir mal auf diese Weise, denn ich finde, die Leute dürfen ruhig mitbekommen, wie cool es ist, mit einem ehemaligen Schüler herumzunerden. Zwei Filmfreaks - passt. Ich bin sowieso der Meinung, dass man mit Schülern auch über soziale Netzwerke Kontakt halten dürfen sollte. An vielen Schulen ist das allerdings komplett tabu - die Schule, an der wir uns kennengelernt haben, ist so ein Beispiel, und das Schulrecht ist da recht streng. 

Dabei ist das für mich sehr bereichernd. Wir haben öfters ganz unterschiedliche Meinungen zu ein und demselben Film, und das macht es erst recht spannend: Mich interessiert, was Du an einem Film magst - so kann ich Dinge entdecken, die ich bis dahin übersehen habe. Manchmal kann das sogar dazu führen, dass ich meine Meinung über einen Film vollkommen revidiere.

Ich glaube allerdings nicht, dass ich meine Meinung über Tenet (2020) überdenken werde. Ich finde ihn ästhetisch nach wie vor ansprechend, und ich habe ihn mittlerweile mehrfach geschaut, allein für das Visuelle und die Musik. Was mich stört, nämlich dass der Film nicht besonders intelligent ist, liegt an meinem Kopf. Ich habe lieber Filme, die meine Vorstellungskraft anfachen und meine Intelligenz herausfordern. Der critics' consensus auf rottentomatoes.com zum Film Interstellar (2014) enthält den Ausdruck

"...even if its intellectual reach somewhat exceeds its grasp."

Vereinfacht bedeutet das, dass der Film gern intelligent sein möchte, es aber nicht schafft. Wie ein Arm, der nach etwas greifen möchte, aber er ist zu kurz. Nolans Filme wirken oft auf den ersten Blick wirklich intelligent, wissenschaftlich fundiert und so weiter, aber wenn es an's Eingemachte geht, dann sucht er sich Hintertürchen ("Liebe kann Zeitgrenzen überschreiten" und so). Das soll nicht heißen, dass seine Filme dumm sind - überhaupt nicht. Aber sie sind eben nicht wirklich gründlich durchdacht.

Danke für Deine Meinung zu Tenet! Ich finde das wirklich spannend, und ich würde mich freuen, wenn Du auch bei anderen Filmen, die anstehen, nach meiner Meinung fragst. Ich kann sicherlich noch Einiges von Dir lernen ;-) By the way, in diesem Jahr steht A Quiet Place Part II an!

Dr Hilarius

Mittwoch, 17. März 2021

KongKong vs. POMMzilla



Ich staune ein wenig darüber, dass ich mich so über ungewohnte Gesichter im Klassenzimmer freue. Eigentlich sollte ich denken, für den Aspi ist es besser, wenn in der Klasse immer dieselben Personen sitzen, zum Beispiel zwanzig Schüler, eine Schulbegleitung und eine Förderlehrkraft. Das gibt Sicherheit und Vorhersehbarkeit. An meiner ersten Schule ist es genau so gelaufen und ich habe mich sicher gefühlt.

Mit St.Peter-Ording haben sich die Dinge dann allerdings geändert; dort gehörte es zum Unterrichtsalltag am Regionalschulteil, dass Thekla immer mal wieder in eine Stunde geplatzt ist und Schüler herausgenommen hat, um mit ihnen pädagogisch zu arbeiten. Völlig selbstverständlich; ich habe aber auch Schulen kennen gelernt, in denen das ein Unding ist, Schüler ohne Vorwarnung für einige Minuten aus dem Unterricht zu entführen. 

Ich freue mich immer wieder, wenn es unerwartet an der Tür klopft - zum Beispiel, weil der Stufenleiter eine Ansage zu machen hat, oder weil ein neuer Schüler hinzugekommen ist, oder wenn die pädagogische Koordinatorin mal wieder pomplodieren muss, oder wenn ein FSJler neue Spiele oder die aktuellen Pläne der Mittagsfreizeiten vorbeibringt. 

Heute war das besonders herzerfrischend, denn ich hatte Unterstützung bekommen von einer Studentin, die jetzt zu Beginn ihres Masters ein Praxissemester bei uns macht. Total klasse, ich habe keine Probleme damit, wenn jemand meinen Unterricht anschauen möchte, im Gegenteil, ich freue mich dann sogar, wenn ich den Besucher irgendwie einbinden kann, und sei es "nur" als Hilfe bei den Erarbeitungsphasen (ich ziehe auch immer mal gerne die Schulbegleitungen mit hinein, Frau Einlauf kennt das, Frau Schwarzbohrer auch). Ich empfinde es als Auflockerung für den Unterricht, und es zieht mich aus meinen allzu sehr auf meinen Unterrichtsplan verstarrten Gedanken. Die Auflockerung tut mir gut, damit ich nicht zu sehr "in's Aspische" abdrifte.

Heute war das aber auch aus einem anderen Grund herzerfrischend, denn es ist einfach schön, diese Aussage einmal von anderen Menschen zu hören: "Ich werde eigentlich für's Gymnasium ausgebildet, aber ich merke schon, dass mir die Arbeit an einer Gemeinschaftsschule viel mehr liegt. Dass der Fokus nicht zu sehr auf der Fachvermittlung liegt. Dass man pädagogisch mehr gefordert wird. Dass es nicht nur um Leistung geht." Als sie mir das erzählt hat, war es, als würde ich mit meinem SPO-Ich sprechen, und es ist toll, dass auch andere Kollegen diese Erfahrung machen - denn natürlich habe ich an den vergangenen Schulen auch schon den anderen Fall kennengelernt: Möglichst fernhalten von der Gemeinschaftsschule, möglichst lieber die Starken fördern.

Darin soll keine Wertung liegen, nur eine Gegenüberstellung der Denkweisen. Ich bin froh, dass ich etwas herausgekommen bin aus der Denke, die eine Haltung gegenüber der anderen in irgendeiner Form höher zu bewerten. Diese Denke kann man tatsächlich auch noch in diesem Blog finden, wenn man etwas stöbert.

"Für jeden Topf ein Deckel" - so sagt man, und ich habe gern gekontert, dass ich dann wohl ein Wok bin. Scheinbar doch nicht.

post scriptum: Natürlich ergibt der Titel dieses Beitrags für kaum jemanden einen Sinn als für die fette Schnecke da draußen. Aber ich wollte Dir diesen Ausdruck unbedingt zukommen lassen, die große Buba, zum Beispiel als Filmtitel, wenn wir uns dann irgendwann mal live bei'm Daddeln streamen ;-) 



Dienstag, 29. September 2020

Erschießen oder vergasen - was Du willst.


Wir leben in einer Zeit, in der Skandale in der Politik ihre ursprüngliche Wirkung verloren haben. Wenn früher ein Parteifunktionär gesagt hätte, dass wir viele Zuwanderer brauchen, damit es Deutschland schlechter geht und die eigene Partei gut dasteht - man könne sie ja später immer noch erschießen, oder vergasen - hätte es einen Aufschrei gegeben und die Partei wäre in Verruf geraten.

Diese Aussage stammt von Christan Lüth, ehemaliger Pressesprecher der AfD, seit gestern aus der Partei gefeuert, nachdem auf Pro7 eine Reportage gezeigt wurde, in der jenes Interview ausgestrahlt wurde, in dem Lüth diese Worte gesagt hat. Hat diese ungeheuerliche Aussage irgendeine abschreckende Wirkung auf die AfD-Wähler?

Ich kann es mir nicht vorstellen. Gerade die radikaleren AfD-Wähler lieben ihre Partei genau für so markige Sprüche. Sie wollen das hören - Zuwanderer, die uns unsere Jobs klauen, unsere Frauen, die unsere Wirtschaft in den Dreck ziehen, all' so einen Schlonz. Sollte mich nicht wundern, wenn Lüth in der rechten Szene für das Interview gefeiert wird.

Oder schauen wir in die USA, wo nach langem Hin und Her endlich die Information an die Öffentlichkeit gedrungen ist, dass Donald Trump in den Jahren Zweitausendsechzehn und Zweitausendsiebzehn jeweils nur siebenhundertfünfzig Dollar an Bundeseinkommenssteuer gezahlt hat. Jeder papierlose Einwanderer, jeder Kellner mit Migrationshintergrund, hat mehr als zehnmal so viele Steuern gezahlt, rechnet Shooting Star Alexandria Ocasio-Cortez ("AOC") vor. 

Stört es irgendjemanden? Für Trump sind das alles natürlich wieder nur Fake News, und auch wenn man meinen sollte, dass diese Platte nach Jahren andauernder Wiederholung ausgeleiert ist, so geifert seine Anhängerschaft danach. Sie können nicht genug davon bekommen. "Grab 'em by the pussy"? Fake news. "Stormy Daniels"? Fake news. "No income taxes"? Fake news. Vetternwirtschaft bei der politischen Postenvergabe? Fake news.

Die Suche nach Wahrheit in der Politik scheint der Suche nach den spannendsten alternativen Fakten gewichen zu sein, ein Ausdruck, den Kellyanne Conway in einem Augenblick geistiger Umnachtung rausgehauen hat - und der sie zum Star der rechtskonservativen Szene Amerikas gemacht hat.

Wen interessiert schon die Wahrheit? Es wird mit Emotionen gehandelt, und Emotionen werden die USA-Wahl am dritten November entscheiden, genauso wie die Besetzung des freigewordenen Sitzes im Supreme Court. Wichtige, wegweisende und von der Mehrheit getragene Entscheidungen wie Roe v. Wade (das Gerichtsurteil für das Recht auf Abtreibung) können nach Lust und Laune gekippt werden. Das hat nichts mit der Mehrheit und deren Willen zu tun (denn die wird durch das electoral college untergraben). 

Es ist deprimierend. Und es ist abzusehen, dass es auch bei uns in diese Richtung geht, wenn Kommentare wie vom Erschießen oder Vergasen von Migranten unwidersprochen im Raum stehen können. Was wir tun können? Wir könnten unsere Mitmenschen auf ihre Ungeheuerlichkeit aufmerksam machen. Oder wir sitzen weiterhin faul vor dem Fernseher und echauffieren uns über "die Anderen".

Sorry for ranting. 

Mittwoch, 16. September 2020

Aufgefangen


In St.Peter-Ording war es Thekla. Kursiv geschrieben, weil sie eine Institution am Regionalschulteil war (so hieß das damals). Die Schulsozialpädagogin, die Methode, die immer ging. Der Mensch, der sich wirklich dafür interessiert hat, wer Du bist und wie Du bist, egal ob Schüler oder Lehrer. Wenn ich Probleme im Unterricht hatte, war Thekla immer die perfekte Ansprechpartnerin, als Mediatorin zwischen Lehrer und Schülern, oder auch als persönliche Beraterin, als Impulsgeber. Das hat mir sehr gut getan.

Ich habe in den Zeiten danach nicht mehr so sehr die Nähe zu den SozPäden gesucht, weil in meinem Kopf der Gedanke stand "Ich kann eh' nicht an der Schule bleiben, warum sollte ich mir jetzt ein festes Netz mit der SozPäd aufbauen?" und es hat sich ja auch so entwickelt, es ging von einer Schule zur nächsten. Nun habe ich hier schon häufiger herausgepointed (neoclassical compound), dass die SPO-Vibes und die Toni-Vibes sehr ähnlich klingen - sich für mich sehr ähnlich anfühlen, und dass ich mein Leben vielleicht jetzt endlich vernetzt leben kann.

Das würde bedeuten, dass ich endlich wieder eine Thekla habe, die diesmal NK heißt. Das wäre schön, wenn es mal wieder zu "Übersetzungsfehlern" in der Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern kommt. Die große Buba weiß mittlerweile ziemlich gut, welche Übersetzungsfehler das sind, und es wäre cool, wenn ich NK als neues Auffangnetz für schwierige Situationen ansehen könnte. Nach einem Gespräch heute versuche ich das mal (...denn die sind echt cool!).

Passend zur holprigen Situation im Allgemeinen hat mein Fernseher nun den Geist aufgegeben. Nach sechseinhalb Jahren intensiver Hitze in der Wohnung hat einer der Kondensatoren nun versagt und das Gerät lässt sich nicht mehr richtig einschalten. Das ist einer dieser "vor's Regal setzen und vor und zurück wippen"-Momente, denn ich weiß überhaupt nicht, was ich mit dieser Situation anfangen soll. Dieser Fernseher ist für mich tatsächlich überlebenswichtig. Ich schaue darauf so gut wie nie fern, nur die Nachrichten, aber ich brauche den Screen für die Playstation, für die Meditationen als Menüanzeige für das Soundsystem, für Filme, mir bricht gerade der Boden weg und es fühlt sich an wie ein Ding der Unmöglichkeit, ein neues Gerät zu kaufen. Schöne Situation, an der ich veranschaulichen kann, dass ich behindert bin, denn das zerlegt mir meinen kompletten Tag, die Woche, und überhaupt das ganze Universum. 

Und auch hier hilft wieder der Buddhismus mit der Lojong-Losung Meditiere ständig auf das, was dir besonders zusetzt - sodass zum Zubettgehen der Kopf wieder ausgeglichen ist.

Sonntag, 13. September 2020

Nachbarschaftliche Schmunzelei


Ich wirke jünger, als ich bin. Das ist ein alter Hut, und über die Probleme, die das mit sich bringen kann - nicht ernstgenommen zu werden, für unerfahren gehalten zu werden, deswegen keinen Job zu bekommen - habe ich hier im Blog schon mehrfach lamentiert. Nichts davon heute. 

Manchmal kann das nämlich auch eine amüsante Anekdote mit sich bringen. Mein Nachbar wohnt jetzt seit gut zwei Jahren mit uns im Haus, und wir haben immer mal wieder miteinander zu tun. Post annehmen, Schlüssel ausleihen oder einfach ein bisschen chatten. Er weiß, dass ich ein bisschen seltsam ticke, er weiß, dass ich lieber per Briefkasten kommuniziere, als Dinge persönlich zu übergeben, und er kommt damit super klar. 

Er ist fünfzehn Jahre jünger als ich - aber das hat er erst vor ein paar Tagen bemerkt, durch einen Nachrichtenwechsel:

"Das ist eine weise und reife Einstellung."

"Es hat aber auch siebenunddreißig Jahre gedauert, um dahin zu kommen."

"Ach, so alt bist Du schon? :D"

Ist das nicht drollig, wie lange man seine Mitmenschen an der Nase herumführen kann? Und das nur wegen gefärbter Haare, lackierter Fingernägel und unreifen Verhaltens? Irgendwie hat mir das ein Schmunzeln auf's Gesicht gezaubert, und diesmal ganz ohne die deprimierenden Assoziationen (dass das auch in einem Kollegium vorkommen kann, in dem einige tatsächlich über ein Jahr lang denken, man sei ein Nulltsemester ohne jegliche Berufserfahrung und könne deswegen nicht ernstgenommen werden - die Sannitanic kennt das sehr gut. Wobei, jetzt ist sie zweifache Mutter und dürfte in den letzten dreieinhalb Jahren um vierzig Jahre gealtert sein, vielleicht hält man sie jetzt für dreißig).

Jedenfalls scheint es langsam wieder an der Zeit zu sein, die Dinge mit Humor zu nehmen, und endlich wieder zu Joachim Ringelnatz' Spruch zurückzukehren:

"Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt."

post scriptum: So langsam kommt die große Buba auch in diese Sphären, die hat nämlich heute Geburtstag und isst anstelle einer Geburtstagstorte einfach nervige Korrekturen auf. 

HAPPY BIRTHDAY, meine liebste fette Schnecke!!! Dauert nicht mehr lange, dann fliegen die Zimtsterne!!!

Freitag, 4. September 2020

Junger Aspi, alter Aspi


Ich bin endlich fertig mit Tony Attwoods Fachbuch zum Thema Asperger-Syndrom. Um seine Erläuterungen abzurunden, hat er zu Beginn und Ende des Buches einen fiktiven Aspi vorgestellt - "Jack" - einmal im Schulalter und zum Schluss als Erwachsener. Ich habe lange darauf gewartet, diese Passagen mit Euch teilen zu können. Ich fand diese Beschreibungen wunderbar; auch wenn nicht jeder Aspi all' diese Merkmale aufweist, so ist es doch das beste "Aspi-Muster", das mir bisher untergekommen ist. Die folgenden Passagen stammen aus Attwoods The Complete Guide to Asperger's Syndrome. Vielleicht finden meine Freunde mich darin wieder, vielleicht auch nicht, aber für mich waren das zwei der aufschlussreichsten Passagen aus dem gesamten Buch.

Not everything that steps out of line, and thus "abnormal", must necessarily be "inferior". - Hans Asperger (1938)

The door bell rang, heralding the arrival of another guest for Alicia's birthday party. Her mother opened the door and looked down to see Jack, the last guest to arrive. It was her daughter's ninth birthday and the invitation list had been for ten girls and one boy. Alicia's mother had been surprised at this inclusion, thinking that girls her daughter's age usually consider boys to be smelly and stupid, and not worthy of an invitation to a girl's birthday party. But Alicia had said that Jack was different. His family had recently moved to Birmingham and Jack had been in her class for only a few weeks. Although he tried to join in with the other children, he hadn't made any friends. The other boys teased him and wouldn't let him join in any of their games. Last week he had sat next to Alicia while she was eating her lunch, and as she listened to him, she thought he was a kind and lonely boy who seemed bewildered by the noise and hectic activity of the playground. He looked cute, a younger Harry Potter, and he knew so much about so many things. Her heart went out to him and, despite the perplexed looks of her friends when she said he was invited to her party, she was determined he should come.

And here he was, a solitary figure clutching a birthday card and present which he immediately gave to Alicia's mother. She noticed he had written Alicia's name on the envelope, but the writing was strangely illegible for an eight-year-old. "You must be Jack", she said and he simply replied with a blank face, "Yes". She smiled at him, and was about to suggest he went into the garden to join Alicia and her friends when he said, "Alicia's birthday present is one of those special dolls that my mum says every girl wants, and she chose it, but what I really wanted to get her was some batteries. Do you like batteries? I do, I have a hundred and ninety-seven batteries. Batteries are really useful. What batteries do you have in your remote controllers?" Without waiting for a reply, he continued, "I have a special battery from Russia. My dad's an engineer, and he was working on an oil pipeline in Russia and he came home with six triple-A batteries for me with Russian writing on them. They are my favourite. When I go to bed I like to look at my box of batteries and sort them in alphabetical order before I go to sleep. I always hold one of my Russian batteries as I fall asleep. My mum says I should hug my teddy bear but I prefer a battery. How many batteries do you have?"

She replied, "Well, I don't know, but we must have quite a few...", and felt unsure what to say next. Her daughter was a very gentle, caring and maternal girl and she could understand why she had "adopted" this strange little boy as one of her friends. Jack continued to provide a monologue on batteries, how they are made and what to do with them when the power is exhausted. Alicia's mother felt exhausted too, listening to a lecture that lasted about ten minutes. Despite her subtle signals of needing to be somewhere else, and eventually saying, "I must go and get the party food ready," he continued to talk, following her into the kitchen. She noticed that when he talked, he rarely looked at her and his vocabulary was very unusual for an eight-year-old boy. It was more like listening to an adult than a child, and he spoke very eloquently, although he didn't seem to want to listen.

Eventually she said, "Jack, you must go into the garden to say hi to Alicia and you must go now." Her facial expression clearly indicated there was no alternative. He gazed at her face for a few seconds, as if trying to read the expression, and then off he went. She looked out of the kitchen window and watched him run across the grass towards Alicia. As he ran through a group of four girls, she noticed one of them deliberately put out her foot to trip him up. As he fell awkwardly to the ground, the girls all laughed. But Alicia had seen what happened and went over to help him get to his feet.

This fictitious scene is typical of an encounter with a child with Asperger's syndrome. A lack of social understanding, limited ability to have a reciprocal conversation and an intense interest in a particular subject are the core features of this syndrome. Perhaps the simplest way to understand Asperger's syndrome is to think of it as describing someone who perceives and thinks about the world differently to other people. (p.23/24)

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(...) I would like to end with a plausible description of Jack as an adult, based on my extensive experience of several thousand children and adults with Asperger's syndrome and my being able to observe the long-term development of children I originally saw decades ago.

There was a loud knock on the office door. The new Human Resources Manager knew this must be Dr Jack Johnstone announcing his arrival for his annual performance review. He had listened to his colleagues talk about Jack and was eager to finally meet him. The company manufactured energy storage systems and Jack was working on a new energy storage system for vehicles to replace petrol-based engines. The research and development section usually employed a team of scientists to design new products, but Jack worked on his own.

The security staff knew him well. He would often be working in the research department until long after midnight. Jack had explained to his line manager that he worked more efficiently when the building was quiet and there was no one around to interrupt him with superficial conversations about the local football team's home game or what he thought of the new secretary's legs.

The Human Resources Manager had Jack's file on his desk. It was by far the largest file he had seen on a member of staff. There was the basic information on his academic qualifications, reference to his Ph.D. in electrical engineering, and testimonials from previous employers referring to his honesty, integrity and determination. However, there were notes in his file made by the previous Human Resources Manager that were written to assist his line manager and the company. There was a brief explanation of a condition called Asperger's syndrome and how this explained Jack's abilities and personality. The original diagnosis had been made in 2005 when he was nine years old and he had benefited from support at school to develop interpersonal skills, and extension classes to develop his talent for engineering. It was now 2028 and he had moved from academia to industry only two years ago.

There was a detailed description of his qualities in terms of knowledge, alternative ways of thinking and problem solving, and his high standard of work, but there was also advice regarding his difficulties in working in a team, tendency to be very forthright and his inability to cope emotionally with sudden changes in job specifications. His ideas had contributed to the recent improvement in the company's profits as he had designed a new long-life battery for hand-held games concoles. He was considered to be eccentric, but a very valuable member of staff.

There was some office gossip about Jack. He was in his early thirties, lived at home with his parents, and had a close friend he sometimes talked about, Alicia, whom he had met when he was at primary school. He had a relatively small circle of friends at work but apparently had never had a long-term relationship. He had dedicated himself to his research and seemed uncomfortable at social occasions such as the Christman party, last year staying for only 20 minutes. He explained that he had to return home as he had a hobby breeding rare marsupials and needed to ensure his koalas had a fresh supply of eucalyptus leaves. But just over six months ago, a new personal assistant was appointed for the company accountant. She was a single mother with two children and was very popular for her ability to make people feel relaxed in her company, and amazed everyone with how efficiently she organized the accountant's diary. She met Jack when he handed her his monthly expenses sheet, and from that day both their lives were transformed. They were planning to get married next month.

The Huiman Resources Manager said, "Come in", and Jack entered the room. He was not sure what to expect but the person before him was certainly memorable. He had untidy hair, hadn't shaved for a few days and in his shirt pocked there were at least four pencils, two pens and an old-style calculator. One of the pencils had recently leaked black ink onto his shirt. There were no formal pleasantries as Jack sat down and proceeded to give a monologue on his work performance over the last year and his projects for the next year. He seemed to be relieved when he had given the required information.

It was now the turn of the Human Resources Manager to give feedback to Jack regarding his work over the last year. His ideas had been highly original, although sometimes difficult to understand when he verbally explained the principles, but his computer model using 3D graphics was very clear. He was liked by his colleagues, although he did tend to keep repeating the same jokes. Jack had been the winner of the inter-departmental Trivial Pursuit championship and he was perceived as a kind, shy and dedicated colleague.

Jack was thoughtful for a moment and he agreed with the appraisal. He politely asked how the Human Resources Manager was coping with his new position, whether he had found a school for his children and what he thought of the new CEO (chief executive officer). As Jack left the room, he remembered his early childhood: how when he was young he felt that he was not understood or appreciated by the other children at his school, and during his adolescence he had suffered from los self-esteem and longed to be popular. Other children in his class tormented him that he was a failure, but if only those children could see him now! He was not a failure, he was a success. This thought comforted him as he opened the door of his new 7 Series BMW, and he realized he was late for the meeting to go through the final preparations for his wedding. (p.357-359)

Das sind die beiden besten Aspi-Beschreibungen, einmal jung, einmal erwachsen, die ich bisher gefunden habe.

Donnerstag, 13. August 2020

KAH-ma-la

Eben aus der Meditation zurückgekehrt, ist mein erster Gedanke, dass ich morgen, an meinem freien Tag, unbedingt in die Schule möchte. Ich könnte jetzt über die ersten Tage des neuen Schuljahres schreiben. Darüber, wie ich zwei Tage ohne Telefon und Internet auskommen musste. Ich könnte über's Schwitzen unter Masken schreiben, und ich könnte auch stolz davon berichten, dass sich bei uns fast alle Schüler an die Regeln halten, jedenfalls besser als im Kieler Busverkehr. Ich könnte berichten, dass mir heute ein Schüler erklärt hat, dass Männer eigentlich einen normalen Gang haben, dass Frauen aber alle mit einem Hohlkreuz gehen und den Arsch rausstrecken. Auch könnte ich hüpfenden Herzens von dem tollen Gefühl berichten, die bekannten Kollegen und Schüler wiederzusehen, was für mich tatsächlich besonders wäre, denn einen Schuljahreswechsel an ein- und derselben Schule hatte ich nur sehr, sehr selten. Natürlich könnte ich dann auch berichten davon, wie ich das Trinken vergesse, weil mein Kopf komplett "in den Schülern" drin ist. Ich könnte von der chaotischen ersten Woche erzählen, die wahrscheinlich nicht mehr oder weniger chaotisch ist als an anderen Schulen auch. Könnte ich - mache ich aber nicht.

Stattdessen möchte ich einen kurzen Kommentar zu einer Entwicklung in den USA abgeben. Joe Biden, designierter Bewerber um das Amt des Präsidenten, hat sich als running mate Kamala Harris in's Boot geholt. Aussprache beachten: KAH-ma-la. Sollte Biden im November also tatsächlich zum Präsidenten gewählt werden, würde Harris Vizepräsidentin, und das ist aus mehreren Gründen relevant, wichtig und eine richtige Entscheidung.

Eine schwarze Frau in der hohen Politik der USA, das ist wirklich dringend nötig, damit die Staaten sich endlich vom allzu konservativen, ewiggestrigen Beigeschmack der old white men verabschieden können. Sicher, Biden ist ein old white man, aber denken wir vier Jahre weiter: Biden wäre bei seiner Wiederwahl über achtzig Jahre alt, und es steht zu erwarten, dass er eine zweite Amtszeit nicht übernehmen wird, sondern stattdessen Kamala Harris sich um die Präsidentschaft bewerben würde - was sie auch in diesem Jahr versucht hatte, allerdings aussichtslos gegen die anderen Kandidaten.

Harris wäre das, was unsere Merkel gewesen ist - endlich eine Frau an der Spitze des Staates - aber noch mit Upgrade, denn diese Frau ist schwarz, ihre Eltern stammen aus Jamaica und Indien. Es wäre endlich mal ein Zeichen für progressive Vereinigte Staaten. Außerdem könnte Harris auch schon als Bidens Vize Wählergruppen ansprechen, die sich von einem Pommesbaby namens Donald Trump abgehängt fühlen, und das sind nicht wenige.

Ich habe Harris vor vielen Monaten in der Anhörung Brett Kavanaughs um den Posten im supreme court als kampflustig, bissig und no-nonsense erlebt. Ein bisschen erinnert sie mich in der Hinsicht an Julia Wuttke. Vielleicht möchte ich deswegen, dass es klappt. 

In ein paar Monaten sind wir schlauer.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Surreal

Hilarious!

Gestern hat die große Buba ein Foto von mir gemacht, das symptomatisch für einen Teil meiner Lebenseinstellung ist. Ich werde ganz bestimmt nicht sagen "Realität ist langweilig!" - denn das ist sie nicht. Aber sie ist für mich nicht so reizvoll. Ich habe gelesen, dass Aspis häufig die Möglichkeit nutzen, sich in fiktionale Welten zu flüchten.

In der Realität werde ich angefeindet dafür, wie ich bin. In der Realität gibt es Grau. In der Realität gibt es Regen. In der Realität gibt es Schwerkraft. Ich versuche, mir surreale Phasen zu ermöglichen - in denen eigentlich alles wie immer ist, aber eine Kleinigkeit ist eben doch anders. Aus diesem Grund habe ich über meinem Bett eine Schwarzlichtlampe fest an der Wand montiert - dadurch lässt sich eine abgefahrene Atmosphäre erzeugen, und das möchte ich manchmal einfach nur genießen.

Die Realität kann aufregend sein - mein Arbeitsvertrag ist angekommen - aber hin und wieder sehne ich mich nach diesen kleinen Momenten Realität Plus.

Samstag, 4. Juli 2020

Ein Philosoph macht Schule?


Ich bin neulich aus Versehen mal wieder über Richard David Precht im Fernsehen gestolpert. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr ihn kennt, kann hoch sein, denn er ist ein in den Medien omnipräsenter Populärphilosoph, dessen Thesen polarisieren. Das einzige Thema, bei dem ich in Ansätzen mitreden kann, ist Schule. Precht hat ein Buch dazu veröffentlicht, Anna, die Schule und der liebe Gott, das Zweitausenddreizehn Begeisterungsstürme und gnadenlose Verrisse inspiriert hat.

Ich gehöre zu zweiterer Gruppe. Was Precht in dem Buch macht: Er malt ein apokalyptisches Bild unseres Bildungssystems, das an allen Ecken erkrankt ist und komplett reformiert werden muss. Das ist alles nicht neu, diese Rufe gibt es schon seit Jahren, aber Precht stellt sich als eine Art Heilsbringer dar, der endlich mal sagt, was Sache ist. Drollig: Genau aus diesem Grund ist Donald Trump Präsident der USA geworden.

Ist ja schön und gut, wenn man den status quo ein weiteres Mal auf's Tapet bringt, aber Prechts Buch ist deswegen völlig überflüssig, weil es keinerlei konkrete Maßnahmen zur Umstrukturierung des Schulwesens nennt. Es bleibt alles schwammig, unklar, nur angedeutet, wie zum Beispiel das "Abenteuerprojektjahr" im achten Jahrgang, das anstelle des Unterrichts ein gemeinsames Arbeiten an selbstgewählten Projekten stellt, intrinsische Motivation und so. Das kennen wir bereits deswegen, weil Projektarbeiten längst an Schulen etabliert sind. Wenn man dann gern genauere Details zu diesem Jahr erhalten möchte - geht man leer aus. Konkretionen gibt es bei Precht nicht.

Und dann ist da auch noch dieser unsägliche Eindruck, den nicht nur das Buch erzeugt; wenn man Precht in Interviews über Schule sprechen hört, merkt man ziemlich schnell, dass er keine Ahnung davon hat, wie ein Schulalltag konkret aussieht. Keine Ahnung von Bewerbungsverfahren, von Schulrecht, auch hier wieder nur philosophische, ganz allgemein formulierte Ideen.

Eines muss man Precht aber lassen: Er heizt Diskussionen an. Sollte danach allerdings nicht in der Diskussion von Fachleuten mitreden.

Wer eine Dosis Precht erleben möchte, mag sich vielleicht sein Interview mit dem Handelsblatt durchlesen, in dem Precht konstatiert, dass wir in der Coronakrise vollkommen überreagiert haben. Einfach hier klicken.

post scriptum: Wahrscheinlich habe ich mir jetzt einige Feinde gemacht - aber Ihr seid herzlich eingeladen, zu kommentieren, warum Precht eben doch für das Schulwesen unverzichtbar ist.

Dienstag, 28. Januar 2020

"Bon(g) (b)rauche ich nicht."

Witzige Idee eines Bäckers

Jep, Bong rauche ich tatsächlich nicht. Ich habe das ein paarmal ausprobiert, aber mir sagt die Wirkung des THC so gar nicht zu (wobei es lustig war, aus einer leeren Colaflasche, einem Kugelschreiber, einem Perlator, Alufolie und Klebeband etwas zu improvisieren). Ich fühle mich unter dem Einfluss extrem dumm, und ich nehme das als sehr unangenehm wahr. Gilt aber nicht für alle: Ein paar hochbegabte Schüler haben mir berichtet, dass sie ganz froh sind, wenn sie durch das Kiffen für eine Weile ihren Kopf abschalten können und nicht mehr denken müssen. Und ich kann das sehr gut verstehen.

Heute geht es mir allerdings um die andere Lesart des Titels - "Bon brauche ich nicht." - ein Satz, der schon seit Langem in meinem Repertoire ist, dessen Bedeutung mir aber seit der gesetzlich geregelten Bonpflicht immer bewusster wird. Mittlerweile müssen überall Bons ausgestellt werden - ob der besseren Nachvollziehbarkeit der Abrechnung, heißt es. In der Apotheke, im Supermarkt, im Blumenladen, an der Tanke. Jeder muss mitziehen.

Auch eine Supermarktkette wie EDEKA, die es sich - zumindest bei der Filiale da vorne - zur Norm gemacht hat, Bons nur noch auf expliziten Wunsch an der Kasse ausdrucken zu lassen. Das fand ich toll, spart Papier, sehr viele Kunden wollen diese Zettelchen gar nicht haben und werfen sie eh' gleich weg. Das kann problematisch sein, denn viele Kassenzettel sind auf Thermopapier gedruckt, das eigentlich im Sondermüll entsorgt werden muss.

Großartig, nun wird also noch mehr Papier verbraucht und achtlos weggeworfen, und das Drollige dabei: Es gibt keinerlei Sanktionen, wenn ein Geschäft sich nicht an die Bonpflicht halten sollte. Warum denn dann überhaupt? Ich verstehe das bis heute nicht.

Montag, 30. Dezember 2019

Wie verbringt Ihr Silvester?


Sorry für's Verlinken, aber mich interessiert wirklich, was Ihr an Silvester macht. So egal mir Weihnachten ist, so wichtig ist mir die Ausgestaltung des Jahreswechsels.

Früher war ich ein flammender Feuerwerk-Fan. Ich fand es immer unglaublich spannend zu erleben, was passiert, wenn man die Pyroartikel anzündet. Aber irgendwann kennt man die Effekte. Da fehlt das Neue, und irgendwie ist es dann nicht mehr aufregend. Dieser Umstand, kombiniert mit der Klimawandel-Feinstaub-Debatte, bedeutet für mich, dass ich kein Feuerwerk mehr zünde. Ich habe nur noch zwei Stück Kleinfeuerwerk in der Wohnung - Wilde Hummel - für Feieranlässe mit der großen Buba.

Ich verbringe Silvester allein. Ich möchte den Tag ruhig und ausgeglichen verbringen. Der Abend fühlt sich ein bisschen "magisch" an, oder zumindest irgendwie bedeutsam. Natürlich mache ich daraus einen Meditationstag; ich denke nach über alles, was im vergangenen Jahr passiert ist, und was mich stark bewegt hat, und da gab es in Zweitausendneunzehn wieder Einiges. Ich möchte das vergangene Jahr wertschätzen und mich seelisch vorbereiten auf das, was im neuen Jahr kommt, und das wird in Zwanzig Zwanzig Einiges Wichtiges sein. Vielleicht finde ich etwas über mich selbst heraus. Vielleicht finde ich ja einen neuen Job. Vielleicht nehme ich endlich wieder Kontakt mit ihm auf, damit Er nicht denkt, ich hätte ihn abgehakt.

Schöne Musik, die Wohnung dunkel, um Mitternacht aus dem Fenster schauen. Leckeres Essen, Berliner, tolle Filme. Ich genieße es, dass ich den Jahreswechsel allein verbringen kann und nicht auf irgendjemanden Rücksicht nehmen muss, bzw. mein Abendprogramm an irgendjemanden anpassen muss.

Und was macht Ihr?

Montag, 23. Dezember 2019

GASTBEITRAG: Eine Kurzgeschichte


Ich freue mich riesig, Euch heute einen Gastbeitrag präsentieren zu dürfen. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte einer Elftklässlerin, die als Schulaufgabe eingereicht werden sollte. "Klaus" hat mir erlaubt, die Story mit Euch zu teilen; das wollte ich unbedingt, weil ich die Geschichte für jugendlich-erfrischend, modern, erwachsen-ernsthaft und in erstaunlich gutem Englisch halte - so etwas trifft man nicht oft in einer elften Klasse, das ist eine anerkennenswerte Rarität.
Ihr seid herzlich eingeladen, Eure Kommentare zu dieser Geschichte zu geben, damit die Autorin etwas Feedback erhalten kann.

"The Greatest Gift Anyone Can Be Given..."  
Furiously, Samantha was speeding down the street, always making the traffic lights just before they turned red. She didn’t know what to do. Her whole body ached, especially her chest, it was like she herself was burning. The next traffic light came up and turned red before her eyes. With extreme force she slammed her foot down on the brake and stopped just in time. She had been holding her breath, but as she tried to breathe again, she saw an ad on the side of the road. She just read the first line, then the breathing acted as a trigger for the crying. Her whole body cramped and her head fell onto the steering wheel. “Your future is important to us.”, the ad said. She didn’t want to see it anymore. The cars behind her started honking and she looked up, the light was green again. Still sobbing, she slammed her foot back on the gas. “I’m leaving.”, she thought. “I’ll get my stuff, and then I’m gone. I’ll just go.”
She arrived in the small street where she lived with her roommates and didn’t even park her car correctly. Somehow she managed to get it off the street, jumped out and ran up the stairs to the fifth floor. Probably having heard how she tried to unlock the apartment door with haste, her roommate Derek opened the door from the inside.  “Sam, hey, what’s up?”, he said as she rushed by him into her room, leaving the door open and Derek standing in the hallway by himself. “Are you okay? What happened?”, he stupidly asked and followed her. “What, does it LOOK like I’m okay?!”, she screamed at him, pulled a travelling bag from under her bed and threw the most important things in. A blanket, a hoodie, some undies, that’s it. 
“Sam, please. Calm down and tell me what…” 
“I got FIRED! That’s it. Laura got my job. They liked her articles better or whatever, I don’t know, she… it’s over. IT’S OVER!” She almost ripped out the zipper of the bag closing it and turned to look at Derek for the first time today. She almost couldn’t, because of all the tears, but she still managed to get some words out that had been bugging her. Just as her other roommate, Jessy, was peeking through the crack of the door behind Derek, obviously only wearing underwear, she screamed: “I know you two were getting it on while I’m gone, I’m not that dumb! LOOK AT WHAT THE FUCK YOU’RE WEARING!” Derek looked down at himself. He wore boxer briefs and his sleeping shirt. Sam continued. “But don’t worry. You can do whatever the FUCK you want when I’m gone for good.” Shortly after, she burst out the door and down the stairs. Derek’s “But where do you want to go?!” was echoing through the staircase and made her burst into tears once again. The truth was that she didn’t know where to go, she had nowhere to go.
Once again, Samantha was speeding through the city’s streets, it had started raining heavily and all Sam wanted was to get out. She looked around for an exit to the highway and couldn’t find one. Someone on the radio was babbling something that couldn’t be understood because of the rain, and she turned it off in anger. Distracted, furious and still speeding, she didn’t see the pedestrian crossing the street right in front of her.
She had never experienced a greater shock than in that very second. The bump of the car’s hood hitting the person made her heart stop and left her breathless. She didn’t remember hitting the brake, but she definitely did, because the car had stopped and she found her foot on the brake pedal. For a short time her body was frozen and she couldn’t move, but then it got out of the car almost by itself. A person in a black trench coat and Doc Martens got up from the ground and cleaned themselves off. They turned and looked at Sam, who was still in shock. She had stopped crying, but she looked at the person with big eyes, smeared make–up and a red face. The person had short, black hair, but longer bangs that reached up to their eyes, and seemed to be a girl. At least the black eyeshadow suggested so, and she was too short and slim to be a boy. “Well, for that you’re gonna have to give me a ride.”, she said and smiled at Sam. 
“You, but, are you… shouldn’t we go to the hospital?”, Sam stuttered. She felt on the verge of fainting. This was too much.
“I don’t know, maybe? You don’t look too good.”, the girl said.
“No, you…”
“Me?”, the girl interrupted. “I’m fine. I fell on top of your car, not under… So this was basically a stunt.” 
Sam still couldn’t breathe and held onto the open car door. She saw a quite big dent in the metal of the car hood and immediately felt dizzy.
“You should sit down.”, the girl said and softly pushed Sam back onto the driver’s seat. Her touching Sam’s shoulders calmed Sam in a strange way. The other cars drove by, since supposedly nothing serious had happened. For a while the girl was just standing above Sam and they waited, while the inner part of the car door, the girl’s hair and her trench coat were slowly turning soaking wet. When Sam had calmed down, the girl looked at her and said: “I’m Vicky, by the way.” They shook hands, though Sam was still confused. “I’m Sam.”, she answered and added “Shouldn’t we get off the road…?”
“Will you give me the ride you owe me?”, Vicky asked.
“Where to?”
“I was thinking I’d take the same destination you’re headed to.”
“I don’t really have a destination…”
“Even better.” Vicky went around the car and sat on the passenger’s seat. “Let’s go.”
Sam slowly turned to face the streets again, her legs still shivering a little. Vicky turned on the radio and “Walk like an Egyptian” by The Bangles was on. She whistled the melody and moved her arms to the beat. “Have you seen an exit to the highway somewh…” 
“Down the road there’s one on the right.”, Vicky interrupted. 
Sam swallowed and nodded. “Thanks.”
And then she just took off. Slowly first, but she regained her confidence again, as she changed into the lanes of the highway. 
Vicky had taken off her coat and thrown it onto the back seats, leaned back her seat and put her feet up on the dashboard. She seemed to thoroughly enjoy the music and the wind through the window that she had opened up as soon as the rain had stopped.
Sam felt like her head had turned off. She didn’t even care about the visible dent in the hood, which is a thing she would usually have gone crazy about. She just concentrated on driving. Driving was a thing one could concentrate on and still think about nothing. In a way, she was enjoying that.
Near midnight, Vicky suggested to get off the highway to have a break. Sam and her hadn’t been talking much, it was like Vicky knew that Sam’s head was either too full or too empty to have small talk with strangers. 
They arrived at a modern-styled gas station near a small forest in the middle of the countryside. All Sam knew was that she had driven through the state of Alabama going north for a couple of hours without paying attention to any signposts. She slowly began to feel like she was getting away from her problems far enough. Just some more, and maybe she would be able to think straight again. She felt calmer. But in that, also very tired.
She went inside the station and ordered herself a tuna sandwich. Vicky returned from the bathroom she had gone to when Sam had gotten gas outside and grinned at her. “Do you want a sandwich, too?”, Sam asked unsurely. Vicky’s eyes lit up for a second.  “Do you guys have double cheese?”, she asked the cashier. He shrugged his shoulders and got her a double cheese sandwich. Vicky dug her teeth into it and blinked into the neon lights on the ceiling, still smiling. Sam was watching her and found herself fascinated by how careless this girl was, but not in a bad way at all, it was just that she had never met someone so indescribably different before. She had to get herself out of a state of trance, before she paid and left. Before she got back into the car, Vicky stopped her. “You’re extremely tired.”, she said. “Let me drive.” Sam had to assure herself that she hadn’t misheard her. She looked down at her and made the first real eye contact. One green and one blue eye stared back at her, glittering in the light of the lampposts. Even this was unique. “Who has two different colored eyes?”, Sam thought to herself. 
“Why would I…”, Sam begun and got interrupted. “…trust me? Easy, because I can’t take you somewhere you don’t wanna go. I mean, since you don’t have a destination and all that. Plus, I wouldn’t drive your car to shit either, because I also still have to get home with that at some point in the future. Alright? Now please lie down on the backseats, before you fall over.” Sam couldn’t help but smile as Vicky said that. She did was she was told, had an eye on whether Vicky had trouble with the car or not, and as she realized Vicky was fine driving, she felt more and more content with her situation and finally fell asleep.
She woke up on the second day of the journey, when the first few sunbeams touched the car seats. She had fallen asleep on Vicky’s trench coat and Vicky must just simply have tucked her in it, because she was basically rolled into it, together with the blanket from her bag. The car was standing and Vicky was nowhere to be seen. She got up and looked out the window. The car was standing on an open field, at the edge of a forest, and fog stood over the grass. Sam was more than surprised. But looking at the big trees of the forest, the beautiful fog that was colored in red and pink from the rising sun, she found herself stunned. She got out of the car and there was almost no sound. Just her own breath and her steps on the grass. Except from the tracks of the car’s tires, there seemed to be no connection to the world she was used to. She sat down on the driver’s seat again. What if Vicky had left her here? How would she ever get back and why was she here in the first place? She turned on the radio. Vicky had adjusted the station and now some “Chill Beats” channel was on she didn’t know. The small screen showed that the title of the song playing was “Equinox” by one “Chris Mazuera”. She wanted to switch stations back, but the song had spoken samples, and one of the voices said “Wait a minute”, so she stopped and looked straight ahead at the rising sun. The trees casted long shadows towards her. “You know that they’re out there, don’t you?”, the voice said. She stared into the forest, then looked down at herself. A white blouse, dark blue, ironed trousers and high heels, just like they wanted her back at the editorial department. Just her make-up and her perfectly braided hair had suffered. She untied her hair, washed off the make-up with water out of a water bottle she had also bought yesterday at the gas station, and changed into a hoodie and blue jeans. She had not brought any other shoes and the high heels had caused some big blisters on her feet. She kicked them off, picked up one of them, ran a few feet and threw it into the forest with a mix of anger and entertainment. When she turned around, Vicky stood next to the car wielding a paper bag. “I brought some breakfast.”, she yelled. “And also you seem like you wanna talk now???”
They spent the whole day near the forest, watching nature silently or talking about the clouds or how the trees looked like bronchial tubes and basically did the same thing as lungs, but reversed. But they also talked about Sam’s past, the magazines she used to write articles for, even about Derek and Jessy. Vicky always listened carefully and didn’t interrupt Sam anymore, which also was a thing Sam thought about this day. Vicky only interrupted her, when she was being severely insecure or unconfident, as if she tried to discipline her into being more confident. Vicky was mysterious to her, wise, unique.
As the sun set and stars began to show, they continued their journey. Vicky sat on the passenger’s seat again, her seat leaned back, and it was her turn to sleep. Sam had given her the blanket and now she was properly tucked in. Sam just drove, she still had no destination and just gazed into the stars, but this time she was happy. She didn’t know why. On the side of the road was a signpost, that to less important matters told her that she was somewhere in the state of Kentucky, but as she followed it with her eyes, they got stuck on the cutely tucked in Vicky. She watched her breathe softly and her eyes move under her eyelids. “Cherry blossom” by Lana Del Rey was on the radio. As the lyrics “What you don’t tell no one, you can tell me” came on, Sam caught herself smiling and her body felt intoxicated, it was almost like… A fright went through her body, that made her stop smiling. She held onto the steering wheel, her heart pounding and feeling hot. “But it isn’t possible to fall in love with someone that quickly”, she thought, “and I’m not a lesbian.” 
She drove two more hours and then parked on the side of another field. The landscape was getting hillier, but there was still a forest nearby. She also leaned her seat back and tried to sleep facing Vicky’s direction. And then it hit her. What if Vicky was an angel? She sat up and looked at the dented metal of her car hood again. Would a normal human have survived being run over by her without any injury? Would a normal human know how to take her to places that make her feel better? She actually didn’t know. All of this was so disconcerting and new to her, that Vicky being an angel would be close to the only reasonable explanation for this.
While these thoughts were clouding her brain, she slowly became very tired and eventually fell asleep.
The smell of coffee woke her up again. God knows where Vicky had got that from. She sat up and Vicky handed her a to-go cup. “Thanks”, she mumbled. 
“How are you feeling?”, Vicky asked.
“Better. I mean, like… I don’t feel like I’m at rock bottom anymore. Which is strange, because as far as I know, I am.”
“No, believe me, you’re not. You just lost your job, are about to be out of money and don’t know whether you have living relatives. That’s far from rock bottom.”
“Oh yeah?”
“Mhm. Anyway, what do you wanna do today? I mean, apart from writing applications.”
“Alright, what did you do?”
“I rented a laptop and looked for jobs that include article-writing stuff.”
“You rented a laptop?”
“Yeah, apparently you can do that.” She handed Sam a croissant in a paper bag and then grabbed the laptop that had been on the backseat. “I just need your email.”
And then, with Vicky’s help, Sam just wrote three letters of application and a CV, which she sent to three different, new editorial departments, just like that. The photo they just took from her phone’s gallery. She didn’t think that she was qualified enough to apply to any of these three yet, but Vicky’s unshakable confidence at least made it sound like she was. 
After they brought back the laptop, they took a midday walk through the little village Sam had parked nearby, because there was a small funfair. The carousels spinning fast, the bell of the strength-meter you could slam a hammer onto, the people talking and the children screaming and laughing gave Sam a weird feeling of friendliness. It was not like those big fairs in the city, with all the neon lights and the people binge drinking and throwing up at night, where you could expect a couple making out behind almost every hot dog stand. It was not like Sam wanted to stay here forever. But it showed her that the world could indeed be different. She went back to the car with Vicky in the evening feeling nostalgic and hopeful.
Vicky had bought a big cloud of cotton candy on a stick and was eating it now, sitting on the dented car hood with Sam and looking at the sunset. Sam thought it looked kind of cute, but she wasn’t planning on telling Vicky. She just enjoyed the calm moment, the nature and the pretty lighting because of the sunset. 
“How do I deserve this?”, she said. 
“Good question, huh”, Vicky answered. “Let’s just say you were given the weird honor of being a living thing on this earth.”
“I don’t get it.”
“Look at it this way. How big is the universe? It’s infinite. Probably. Humans can’t know, because they’re too dumb, but they assume that it is always expanding. The probability of there being life on any star or planet is so low, that you can probably say that over 100% of the universe is lifeless. Because it is expanding, you can’t define the universe as a whole, so that’s how it is possible that it’s over 100% lifeless. Okay?” She bit into her cotton candy. Sam nodded unsurely. Vicky continued. “But yet you’re sitting here, right in front of me, pretty damn alive, without even knowing how big of a deal it is, that you’re alive! You have been given a gift. It is called life. And you have been given this gift only once. So do something with it. It’s an honor. And know that, even if you lose all your money, your limbs or your home, you still have more that 100% of what the universe has. You get to experience nature, other living things, love, beauty, senses… You would dishonor the universe and nature, the two greatest and biggest things there are, by not making the best of your life. Existence is the greatest gift anyone can be given.”
Sam was rocked to the core by this. She just sat there for a long time, thinking about Vicky’s words.
“Could this be how people came up with religions? They looked for something or someone that gave them this gift of existence, and felt like they owed them infinite thankfulness for that gift?”, she finally said.
“Who knows, perhaps.”
Sam looked at the last few dark red sunbeams over the horizon and felt a tear run down her cheek, because the world had never seemed as beautiful to her as it did right now. The wind blowing in her face suddenly felt different than it did before.
“Shall we go? I’ll drive again.” Vicky smiled at her. She had finished her cotton candy.
Sam nodded and sat on the passenger’s seat and later, after a short stop, she laid on the back seats again, looking at the stars through the window and eventually falling asleep happily.
She dreamt of Vicky this time. In her dream, Vicky was a DJ at a small fair in a village, but she came down from her podium after a while, dancing with Sam, and after the last song sounded out at 3am, they went out to the big field with the forest, where they found her high heel lying in the ditch, and they laughed. Then Vicky said “You’re ready now. I’ll see you when you need me again.” and vanished into the woods, smiling back at her. 
This was when Sam was woken up by a car honking and speeding by hers. She looked up, her car was standing and Vicky was nowhere to be seen. She looked out of the window and it took her a moment to realize that she was back home. The small street was still the same and it was like she had never left. 
She never got to find out how Vicky had managed to drive her from Kentucky back to Alabama in a short night. But there was a croissant in a paper bag lying on the passenger’s seat and on her phone she saw that an email had arrived: An editorial department in Montgomery invited her to a job interview.

Sonntag, 22. Dezember 2019

Stay away!


Gedächtnisverlust ist ein wunderbares plot device, eine hervorragende Möglichkeit, spannende und wendungsreiche Geschichten, Bücher, Filme und vieles mehr zu schaffen. Hervorragend deswegen, weil es in fast allen Geschichten um Gedächtnisverlust früher oder später eine anagnórisis gibt, wie in mancher antiken Komödie (Plautus' Cistellaria und mehr) - eine Wiedererkennungsszene, in der die Vergangenheit bewusst wird, in der die wahre Beziehung zwischen den Figuren aufgezeigt wird.

Wenn man mittlerweile ein paar Filme gesehen hat, gibt es nicht mehr so viele twists, die einen überraschen. Man hat das Gefühl, das alles schon einmal gesehen oder gelesen zu haben - zum Beispiel musste ich bei'm twist ending von The Sixth Sense (1999) zuerst an Carnival of Souls (1962) denken, und auch in der Serie Are You Afraid of the Dark? gibt es eine Episode mit diesem Twist; ich habe dann aber im Studium die Kurzgeschichte An Occurrence at Owl Creek Bridge (1890) gelesen, die denselben Twist fast ein Jahrhundert früher beschrieben hat. Vielen Dank, Ambrose Bierce!

Keine Sorge, das ist nicht der Twist, der mich im vorliegenden Film angesprochen hat - sonst wäre ich wahrscheinlich nicht so beeindruckt gewesen. Hier gibt es ein Ende, das emotional vernichtend sein kann, oder aber total affig und unglaubwürdig, je nachdem, wie man als Zuschauer an die Sache herangeht. Ich habe seit The X-Files gelernt, auch die abgefahrensten Prämissen erstmal zu glauben und mitzuspielen, und das hilft, denn so konnte ich viele total abgefahrene Geschichten genießen. Der kanadische Film Radius (2017) ist so eine Geschichte, und ich will versuchen, ein bisschen Neugier darauf zu wecken, ohne irgendwelche Spoiler zu geben.

Wobei... kann ich den Film überhaupt schmackhaft machen? Die schauspielerischen Leistungen wirken zumindest in der ersten Hälfte recht hölzern und kaum nachvollziehbar. Das niedrige Budget merkt man dem Film hier und da an. Und es geht um ein SciFi-Phänomen, aber die Erlkärung dafür wirkt sehr beliebig, unsinnig, albern, wie mancher Zuschauer denken mag. Aber schauen wir mal mit dem Auge für menschliches Verhalten auf den Film, für zwischenmenschliche Beziehungen, dafür, was uns wirklich ausmacht. Was uns als "uns" definiert - und schon landen wir bei Genregrößen wie Blade Runner (1982). Fangen wir doch einfach mal am Anfang an. Obwohl... nein, tun wir nicht. Macht der Film nämlich auch nicht. Wie bei den meisten Folgen der X-Files werden wir mitten in eine abgefahrene Situation geworfen.

Gewitter, nachts, einem Mann fallen am Steuer des Autos fast die Augen zu. Crash, das alles nur in extrem kurzen Sequenzen. Am nächsten Morgen sehen wir den Mann orientierungslos, mit einer Platzwunde am Kopf, über eine Wiese laufen. Er wirkt verwirrt - bis er schließlich an eine Straße kommt und ihr Richtung Ortschaft folgt. Nach einer Weile fährt ein Auto heran. Der Mann springt auf die Straße, wedelt mit den Armen und ruft laut nach Unterstützung. Wir sehen nicht, wer im Auto sitzt, aber der Blinker wird gesetzt und der Wagen fährt an den Straßenrand. Immer weiter auf den Mann zu. Ohne zu bremsen; der Mann springt im letzten Moment zur Seite, während der Wagen langsam in den Straßengraben rollt, der Motor läuft weiter.

Vorsichtig nähert sich der Mann dem Auto, schaut durch das Fenster und sieht, dass die Fahrerin des Wagens tot ist, mit einem milchigen Schleier über den Augen. Erschrocken weicht der Mann zurück, durchsucht seine Taschen nach einem Handy und ruft die Polizei. Er wird nach seinem Namen gefragt, aber er kann nicht antworten, und erst jetzt dämmert es ihm, dass er sein Gedächtnis verloren hat. Weiterhin orientierungslos folgt er der Straße in die Ortschaft hinein, zu einem Diner, um dort um Hilfe zu bitten - dort findet er mehrere Menschen, aber auch sie sind alle tot, an Ort und Stelle zusammengebrochen, mit diesen milchigen Augen. Dem Mann schwant, dass es sich hierbei um eine Infektion handeln muss; er reißt einen Stofffetzen von seinem Hemd ab und hält ihn sich vor Nase und Mund (bei dieser Szene muste ich an Robert Wises The Andromeda Strain (1971) denken, bei dem es nämlich um eine per Atemluft übertragene Krankheit geht).

Jedes weitere Wort wäre zuviel. Ich kann spoilerfrei sagen, dass der Film sich um die Odyssee des Mannes auf der Suche nach sich selbst und dem Ursprung dieser mysteriösen Krankheit dreht, dass er dabei von einer Frau unterstützt wird, die von dieser Krankheit nicht betroffen zu sein scheint, und dass am Ende die meisten pragmatischen Fragen beantwortet sind - und größere Fragen aufwerfen: Wenn wir irgendwann unser Gedächtnis verlieren sollten, sind wir danach immer noch derselbe Mensch? Oder können wir uns ändern? Dialogfetzen - A: "Ich bin hungrig, wollen wir uns Pizza bestellen?" B: "Wie? Du mochtest noch nie Pizza!" A: "Was? Wie kann jemand keine Pizza mögen?"

Das mag ein ganz banales Beispiel sein, aber der Film trägt die Frage auf eine existentiellere Ebene - können wir nach einem Gedächtnisverlust unsere komplette Persönlichkeit umstellen, da wir ja nicht mehr wissen, wer wir einmal waren? Machen unsere Erinnerungen aus, wer wir sind? Bei dieser Frage musste ich an den großartigen Film Dark City (1998) denken, der dieselbe Frage stellt und dadurch das Nachdenken und Gespräche nach Ende des Films anregt.

Noch einmal: Wer die ganze Zeit auf eine spannende Erklärung für das Phänomen der toten Menschen wartet, könnte bitter enttäuscht werden. Wer erkennt, dass es sich dabei quasi nur um einen Macguffin handelt, um einen Aufhänger für das menschliche Drama, das dadurch ausgelöst wird, dürfte das denouement des Films in seiner ganzen Tragweite spüren und sicherlich reicher aus dem Film hinausgehen.

Gute Unterhaltung!

post scriptum: Ich werde "Radius" in die Liste der Mindfuck Movies aufnehmen, auch wenn er vielleicht nicht ganz so brain twisty ist wie andere Vertreter dort - ich finde, er gehört trotzdem dazu.

paulo post scriptum: Heute gab es Spielbergs "Ready Player One" (2018), weil er auf Netflix verfügbar ist. Der Film ist zwar gut gemacht, da erwartet man von Spielberg auch nichts Anderes, aber er macht mir klar, dass ich mich nach intelligenten und/oder originellen Filmen sehne. Keine verschwendete Zeit, aber auch kein Film, den ich ein zweites Mal schauen muss.