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Freitag, 23. Januar 2026

Der absolute Horror


Im ersten Jahresdrittel wartet der absolute Horror auf mich. Das könnte schon morgen losgehen, aber dazu schreibe ich lieber erst etwas, wenn ich Genaueres weiß, ich hasse es, Gerüchte und Eventualitäten zu verbreiten. Die zwei anderen Horrorerlebnisse kann ich aber voller Vorfreude schon einmal ankündigen, und ja, natürlich, es geht um Filme, Videospiele, was sonst. Denn normalerweise ist Horror ja nicht gerade etwas Ersehnenswertes.

Die große Buba kennt eines meiner Lieblings-Videospiele aus dem Genre, weil sie es zusammen mit mir durchgestanden hat: Project Zero 2: Crimson Butterfly. International wird die Reihe unter dem Namen Fatal Frame veröffentlicht; in Japan heißt sie schlicht Zero. Ganz klassischer J-Horror, Geistergeschichten, völlig ohne Ballerei, die einzige Möglichkeit, sich gegen die Geister zu schützen - die nicht alle böswillig sind - ist eine altmodische Kamera, mit der man sie fotografieren muss. Dazu eine unbehagliche Atmosphäre und eine sehr tragische, in japanischer Kultur verwurzelte Geschichte, und Dr Hilarius ist glücklich. Und siehe da: Jetzt im März soll endlich ein Remake für die PS5 erscheinen. Vorfreude, toll, und es kommt noch besser:

Ebenfalls im Anmarsch ist eine Verfilmung eines der besten Spiele aus dem psychological horror, die bis heute auf den Markt gebracht wurden, nämlich Silent Hill 2. Ich bin sehr gespannt, wie treu Regisseur Christophe Gans dem Material geblieben ist - der Trailer ist extrem vielversprechend und ich freue mich riesig darauf, endlich diesen seit mehreren Jahren erwarteten, tragisch-gruseligen Film sehen zu können, hoffentlich inklusive Pyramid Head, einer ikonischen Figur der Reihe.

Und der Horror geht noch weiter: Angst, es nicht zu packen. Denn es gibt eine ganz kleine Chance, dass ich übernächste Woche wieder befristet beschäftigt bin. Drei Wochen. Mit Ziel bis zum Sommer (oder vielleicht sogar länger), denn dann hätte ich wieder Anspruch auf ALG I. Davon ist allerdings noch nichts spruchreif, also bitte keine Glückwünsche ;-)

Es wird auf jeden Fall spannend! 

Mittwoch, 30. Juli 2025

Blut Druck

Irgendwie ist das das einzige Bild von mir mit ganz langen Haaren, das ich finden kann, aus einer Zeit, in der ich Sicherheit im Leben hatte...

Meine Küchenschranktüren habe ich früh nach Einzug neu dekoriert, indem ich an einige von ihnen Tafelfolien geklebt habe. Wer die nicht kennt - das sind so schwarze Folien mit etwas rauher Oberfläche, auf denen man dann mit Kreide schreiben kann. So kann ich alle wichtigen Termine direkt auf meine Küchenschränke schreiben und einfach wieder abwischen, oder wichtige Erinnerungen notieren. Als ich noch Sicherheit im Leben hatte, habe ich mir zum Beispiel alle "Wartungstermine" aufgeschrieben - Waschmaschine reinigen, Bad wischen, Ölstand messen und so weiter.

Bis vor Kurzem war auch tatsächlich noch ein Termin zur Kühlschrankreinigung aufgeschrieben, "Juli '22", das ist schon ein bisschen her... jetzt notiere ich mir da andere Sachen, zum Beispiel meine Medikamente für die Tablettenbox und neuerdings immer mal wieder meinen Blutdruck.

Durch die colitis war der nämlich unter anderem wegen Salzmangels oft zu niedrig, was zu Schwindelanfällen geführt hat, wenn ich zu schnell aufgestanden bin. So habe ich dann den Begriff orthostatische Hypotonie kennengelernt, und dank meines Graecums kann ich mir auch übersetzen, was das heißt. Interessanterweise ist es jetzt aber so, dass die Infusionstherapie offensichtlich anschlägt, ich habe wieder zugenommen, Farbe im Gesicht, die Nährstoffaufnahme scheint wieder zu funktionieren. Das betrifft auch das Salz, und da wird mir nun wieder bewusst, dass ich mich zu salzhaltig ernähre, denn:

Jetzt ist der Blutdruck ab und an tatsächlich zu hoch, und das kann auch zum Zittern in den Händen führen. Für den Augenblick habe ich dann zum Glück ein Medikament, um den Blutdruck zu senken, aber auf lange Sicht muss ich meine Ernährung anpassen - und auch auf Sachen wie Bildschirmzeit achten: Als Arbeitsloser habe ich viel Zeit, und ich liebe nun mal gute Filme, Serien und Videospiele. Und wenn ich dann eine neue Serie entdecke, so wie jetzt gerade, dann besteht die Gefahr des Bingens, eine Folge nach der anderen schauen und die Zeit gar nicht mehr mitbekommen - und so haben sich dann schnell ein paar Stunden Bildschirmzeit und Daddelaction angesammelt, die den Blutdruck auch in die Höhe treiben können.

Die Serie, die es mir momentan angetan hat, ist von 2022 (bis heute), eine Mischung aus Science Fiction und Horror, also im Prinzip genau das, was ich mag. From hat eine ganz ähnliche Prämisse wie Lost damals, Menschen finden sich an einem Ort wieder, aus dem sie scheinbar nicht mehr entkommen können. Das kann dann zu ganz interessanten existentiellen Überlegungen führen - versucht man einen Weg heraus zu finden, oder akzeptiert man seine Lage und macht das Beste daraus? Und natürlich kommt es zwischen Menschen in einem abgeschlossenen Raum immer wieder zu interessanten Transaktionen, gerade mit so herrlich sperrigen Charakteren wie hier. Und glücklicherweise ist From noch nicht dem Lost-Fehler verfallen, das Ganze künstlich mit unzähligen Episoden in die Länge zu ziehen - hier gibt es je Staffel zehn Episoden, in denen auch Einiges passiert.

Das Rad wird nicht neu erfunden. Aber wir haben Charaktere, die wir wiedererkennen, und eine Atmosphäre zwischen unheimlich des Nachts und kleinen Momenten des Glücks tagsüber. Und ein aufregendes Abenteuer, wenn die Einwohner versuchen, einen Weg aus ihrer Kleinstadt heraus zu finden. Also eigentlich genau wie Lost - nur eben straffer und mit einem deutlichen Einschlag in Richtung übernatürlichen Horrors. From gibt es auf Amazon prime.

Und davon gibt es jetzt noch eine oder zwei Episoden, bevor ich dann mit einem einigermaßen durchschnittlichen Blutdruck in's Bett gehe.

post scriptum: Und wer sich über die Schreibweise des Titels dieses Beitrags wundert - der darf sich auch weiter wundern ^^ 

Freitag, 8. September 2023

Tag 39 - Horror-Hitze


Mein Thermometer zeigt dreißig Komma vier Grad in der Wohnung an, das ist herausfordernd. Am besten bleibt man einfach irgendwo sitzen und liest was. Oder schaut sich etwas an, Hauptsache wenig Bewegung. Da kommt es mir gelegen, dass hier noch ein Spiel herumliegt, das ich bisher noch nicht gespielt hatte (wegen Stress mit Arbeitsamt und so weiter).

Es ist ein Spiel genau nach meinem Geschmack: Ein Adventure, ich erforsche in aller Ruhe einen Ort, finde Briefe, Notizen, Postkarten, Mementos, anhand derer ich mir die Hintergrundgeschichte im Kopf zusammensetzen kann. Ich mag es, wenn mein Kopf etwas zu tun hat; mindless action, damit kann ich nichts anfangen.

Wenn dazu dann noch hochauflösende Grafiken kommen, ein surrealer, künstlerischer Stil, und perfekt abgemischter Sound auf den Kopfhörern, das Ganze gepaart mit dem Genre des psychological horror, bin ich in meinem Element. Dann nehme ich die Hitze in der Wohnung kaum noch wahr - natürlich tut auch der Ventilator zuverlässig seinen Dienst.

Ist es bei Euch auch so heiß?

post scriptum: Ich liebe es, wenn ich kreativen Köpfen vertrauen kann. Ich kann davon ausgehen, dass "ultimae records" großartige Musik für mich herausbringen und dass "bloober team" wunderbare Spiele für mich kreieren. 

"Da weiß man, was man hat", jetzt verstehe ich diesen Satz endlich ;-)

Mittwoch, 23. August 2023

Tag 23 - Aspi-Heaven


Langsam realisiere ich, dass ich jetzt Zeit habe. Das merke ich an den Nachrichten, die ich auf Anrufbeantworter und per Mail bekomme; da gibt es Schulen, die momentan dringend Vertretungslehrkräfte suchen und wegen meiner Note werde ich vielen von ihnen angezeigt. Macht also doch etwas aus, die Note, aber leider nichts, was mir bisher geholfen hätte. Schönkirchen hat per Anruf und Mail angefragt, und da es eine Zusammenarbeit mit der Toni gab, könnte ich mir vorstellen, dass irgendjemand meinen Namen bei der Schönkirchener Schulleiterin hat fallen lassen. Das klingt theoretisch auch nach einer sehr interessanten Stelle - allerdings ist es eben nur eine Vertretung. Das mache ich nicht mehr ohne Perspektive.

Aus irgendeinem Grund spiele ich in dieser Phase wieder survival horror-Videospiele, eine schöne Kombination aus Rätsellösen, Plotaufdecken und Selbstverteidigung. Da gibt es einige brillante Spiele, eines von ihnen ist Silent Hill 2. Wenn die große Buba das liest, wird sie da vermutlich nicht besonders begeistert sein, denn sie war damals, als wir das gespielt haben, definitiv underwhelmed. Vielleicht hat es daran gelegen, dass wir aus Versehen ein anderes Ende als das Kanonende freigespielt haben, ich weiß es nicht.

SH2 ist in so vielerlei Hinsicht ein Meilenstein der video game history. Horrorspiele, bei denen man herumrennen und Zombies umlegen muss, das gibt es reichlich, und letztlich ist das gar nicht so weit von der primitiven Befriedigung einer Moorhuhn-Jagd entfernt. Silent Hill zeichnet sich dadurch aus, dass es psychological horror ist, also alles im Kopf stattfindet. Eines meiner Lieblingsgenres. Wieviel mir das Spiel bedeutet, merkt man am Blogbild, das ich fast immer benutze, wenn es um etwas Psycho-logisches geht. Eine Spielszene.

Plot nur ganz kurz: Ein Witwer erhält einen Brief aus Silent Hill, von seiner Frau Mary, die ein paar Jahre zuvor verstorben war. Verwirrt reist er nach Silent Hill, um dort Antworten zu finden. Diese Prämisse ist terrific, spannend, wirft viele Fragen auf und kommt zu einer Erklärung, die tiefenpsychologisch interessant ist. Da hat mein Kopf etwas zu tun, das mag ich.

Jedenfalls ist das Spiel zweiundzwanzig Jahre alt; damals sah die Szene noch so aus:

Es gibt mehr technische Möglichkeiten, das gut umzusetzen, mit der Playstation 5. Was mich aber besonders auftreibt ist das Entwicklerteam. Für das Remake zeichnen Bloober Team verantwortlich. Das ist eine Truppe aus Polen, die das unglaublich gute Layers of Fear kreiert haben. Das haben sie so gut gemacht, dass ich ihnen bereits aufgrund weniger Spiele vollkommen vertrauen kann.

Das ist Aspi-Heaven. Eines der besten psychological horror adventures aller Zeiten wird von einem Team überarbeitet, das den psychological horror auf seiner Visitenkarte hat. Ich bin sehr gespannt!

Und warum spiele ich überhaupt solche unheimlichen und grauslichen Spiele? Ganz einfache Antwort: Um mich meinen Ängsten zu stellen, und das führt tatsächlich in der Realität dazu, dass ich wesentlich entspannter bin als noch vor ein paar Jahren. Beschäftigung mit Horror nimmt dem Unbekannten den Schrecken.

Ich bin unheimlich aufgeregt und werde selbstverständlich einen Eintrag zu der Neuauflage des Spiels verfassen. Ist nicht alles schlecht in der Arbeitslosigkeit, solange es nur eine Transitionsphase ist.

Freitag, 17. Februar 2023

Reise nach Hill House


Ich habe heute mal zum Spaß die aktuelle Abschlussprüfung für den Mittleren Schulabschluss in Bayern mit meinen SchülerInnen durchgespielt. Interessant: Sprachlich anspruchsvoller, da wurde auch Grammatikkenntnis und Vokabelwissen abgefragt. Und thematisch fand ich sie toll: Alle verschiedenen Aufgabentypen waren inhaltlich auf ein Gesamtthema ausgerichtet. So gab es Höraufgaben zum Space Race, Lückentexte zur Geschichte der Frauen in der Raumfahrt, einen Leseverstehenstext über Katherine Johnson (die das NASA-Raumfahrtprogramm entscheidend vorangebracht hat), einen zum Film Hidden Figures, der sich eben diesen Frauen in der Raumfahrt gewidmet hat, und eine Mediationsaufgabe zu einem Besuch im Kennedy Space Center. Ich fand das cool. Meine SchülerInnen auch, jedenfalls einige. Interessant allerdings auch die Zuordnung der Punkte zu Noten - die Notenräume sind genau gleich groß, so bekommt man mit der Hälfte der Punktzahl bereits eine Drei und ein Drittel reicht aus für eine Vier.

Zeit für einen neuen Unterrichtsversuch, leider nicht ganz einfach umzusetzen. Im zweiten Halbjahr wollen wir in Elf als Quasi-Lektüre The Haunting of Hill House (2018) anschauen - die Miniserien-Verfilmung von Shirley Jacksons Roman. Thematische Einbindung in den Lehrplan ist durch gothic fiction gegeben.

Leider scheint das ein paar SchülerInnen wirklich zu interessieren; ich bin gefragt worden, ob sie das zuhause weiterschauen dürfen. Der Aspi antwortet ehrlich: "Ich kann euch nicht davon abhalten, und ich freue mich, dass euer Interesse geweckt worden ist. Wenn ihr unbedingt weiterschauen müsst, dann vermeidet bitte Spoiler für die Anderen."

Ich stelle zu jeder Episode inhaltliche Fragen, und natürlich wäre es blöd, wenn Einige die Antwort schon wissen, weil sie bereits weitergeschaut haben. Hands down: Die Serie ist absolut binge-worthy. Aber es wäre so schön, wenn wir uns über zehn Wochen lang jede Woche eine Episode anschauen könnten, parallel Charakterisierung lernen und uns damit auseinandersetzen, was gothic fiction ausmacht.

Ich kann nur an meine SchülerInnen appellieren, dass sie das nicht zuhause weiterschauen. Gothic Fiction hat viel zu tun mit dem Erleben, mit dem Anfühlen einer Geschichte. Mal schauen, wie es weitergeht...

Freitag, 13. Januar 2023

Hochauflösend

Jetzt noch leuchtender, phantasmagorischer, unheimlicher...

Die erste Schulwoche und ich bräuchte eigentlich ein doppeltes Wochenende, um alle Eindrücke abzuarbeiten. Scheiße, genau für sowas brauche ich den Freitag frei, damit ich ab Samstag wieder normal arbeiten kann. Das ist alles zu viel, und meine Challenge für morgen ist, mir einen Plan für diese Wohnung zu machen. Es muss ein wenig umgeräumt werden. Die große Buba hat bereits mutmaßt, dass es um die Entsorgung der Couch gehen könnte - wenn ich nur schon so weit wäre! Erstmal muss Ordnung einkehren, Müll raus, manche Klausuren am liebsten gleich mit.

Heute habe ich etwas Neues erlebt, bin voll in the zone und muss das alles verarbeiten. Dabei ist es eigentlich eine ganz simple Sache: Einer meiner Lieblingsfilme, Suspiria (1977), hat endlich die Veröffentlichung bekommen, die er verdient. Sound in Dolby Atmos, über Kopfhörer, und als 4K UHD-Bluray.

Dieser Film ist mehr denn je ein auf Zelluloid gebannter Alptraum: Die neue Soundabmischung lässt den Film aufleben, überall hört man das Ächzen und Seufzen, und der Transfer auf 4K bewirkt, dass die Farben, die Argentos Film ausmachen, richtig lebendig den Film durchziehen. Ich fühle mich, als wäre ich mitten drin.

Die 4K-Bluray hatte ich schon seit einigen Monaten im Haus, aber heute habe ich endlich eine Möglichkeit gefunden, sie abzuspielen, und es ist ein irres Erlebnis, das sich kein Fan entgehen lassen sollte ;-)

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Wenn Dein Kind Schul-Amokläufer wird...

Nikolas Cruz

vorweg: Der Beitrag stammt vom Wochenende.

An utterly soul-draining experience.

Mir sind keine anderen Worte eingefallen, um ein Video zu beschreiben, das ich letzte Nacht auf Youtube gesehen habe. Eigentlich wollte ich über den tollen Erlebnissonntag schreiben, den die große Buba und ich - jeder auf seine Weise - hatten, aber jetzt ist es drei Uhr morgens und ich muss ein paar Gedanken festhalten.

Und es tut mir leid, wenn es vielleicht "langweilig" wird, aber es geht mal wieder um school shootings in den USA, genauer um den Amoklauf an der Marjorie Stoneman Douglas-High School in den USA (Parkland, Florida). Ich habe in den Nachrichten das Strafmaß für den jungen Mann gesehen, für den die Anklage die Todesstrafe beantragt hatte. Die Jury hat sich zu lebenslänglich ohne Bewährung durchgerungen, und das fand ich faszinierend, weil ich wissen wollte, warum diese "Gnade" gezeigt wurde. 

Immerhin gibt der Schütze, Nikolas Cruz, in den Gesprächen mit Psychologen ein Bild wieder, das ich definitiv als chilling bezeichnen würde; außerdem hatte ich Tränen in den Augen, weil ich das Verhalten des jungen Mannes in diesen vierzig Minuten Video nachvollziehen konnte. Wie er da sitzt und ganz sachlich, total engagiert beschreibt, was er über Waffen weiß, wie er in seiner Kindheit Tiere gequält hat und wie er die Schüler an seiner ehemaligen Schule erschossen hat.

Das war allerdings "nur" chilling, nicht soul-draining. Spannender wurden dann zwei vorgeschlagene Videos mit Zeugenbefragungen von Nikolas' Schwester und einer früheren Bekannten von Nikolas' Mutter. Da haben sich Abgründe aufgetan und ich habe Teile des Videos eben gerade mit Tränen in den Augen hier am Schreibtisch verbracht. 

Jene Bekannte erzählt von ihrem Leben als Prostituierte, zusammen mit Cruz' Mutter. Beide ständig unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen, um den Alltag aushalten zu können. Sie erzählt sehr anschaulich, in welches Umfeld Cruz hineingeboren wurde, fetales Alkoholsyndrom inklusive, natürlich. Es ist spannend zu sehen, wie die Bekannte mittlerweile von der Straße runter ist und sich einsetzt und Frauen wie ihrem früheren Ich hilft. 

Der ganze Fall zeigt, wie wichtig das kindliche Umfeld für die Entwicklung ist, und diese Videos haben mir das Herz gebrochen - es bricht jedes Mal, wenn ich sehe, wie jemand komplett aus dem Leben abgerutscht ist. Und mittlerweile verstehe ich, warum drei Juroren gegen die Todesstrafe waren.

Bitte versucht, Euren Kindern eine sichere Kindheit zu geben!

post scriptum: Ich bin in jedem Fall gegen die Todesstrafe. Ihr?

Sonntag, 9. Oktober 2022

Der Stoff, aus dem Albträume sind


Mittlerweile kann ich das sagen, ohne rot zu werden: Ich bin ein Fan von intellektuell anspruchsvollen virtual reality-Ausflügen. Bisher immer mit PSVR, in Spielen wie Obduction oder Transpose oder Red Matter, in denen es Rätsel zu lösen und Geschichten zu entdecken gibt. Ich genieße diese völlige Freiheit, ungestört zu sein, nicht mit der Unberechenbarkeit anderer Menschen konfrontiert zu werden, sondern auf die meist logisch aufgebauten, verlässlichen Spielmechaniken vertrauen zu können. Schöne landscapes and soundscapes vervollständigen das Ganze, einfach traumhaft.

Umso erschrockener war ich, als ich vor einer Weile zum ersten Mal einen Trailer zu Mark Zuckerberg(äi käi äi Meta)s Horizon Worlds gesehen habe. Das ist also die virtuelle Onlinewelt, in der nach Zuckerbergs Vorstellung sich alle Menschen wohlfühlen können sollen. Dass ein weiblicher User dann früh von einem gang rape-Erlebnis mit mehreren männlichen Usern berichtet hatte - das waren dann eben Startschwierigkeiten. Die konnte man mit Zensur oder Blockfunktion unter den Tisch kehren.

Es gibt gute Medien, die uns den potentiellen Horror von virtuellen Realitäten vorführen - seien es nun Filme wie Kathryn Bigelows Strange Days (1995) oder Hank Greens A Beautifully Foolish Endeavor (2020) - oder wie etwas harmloser dargestellt in Spielbergs Ready Player One (2019). Oder aber der Zuckerberg-Trailer, in dem mir ohne Vorwarnung unterkörperlose Torsos präsentiert wurden, die durch die Gegend gefahren sind. Das klingt irgendwie lustig, aber im ersten Moment war es ein (ernstes) Horrorszenario. Wenn mir sowas in einem Traum begegnet, wechselt das Ganze sofort in einen Albtraum - und davon habe ich eigentlich nicht mehr so viele. Macht auch gar nichts.

Insofern danke an Mark Zuckerberg für eine unvergessliche Erfahrung, die ich mir nicht durch allzu schnelle Wiederholung verderben möchte.

Ein Blick lohnt sich - wenn vielleicht auch aus den falschen Motiven:



Donnerstag, 28. Juli 2022

Geburtstagsgeschenk, unkonventionell


Hey Tobi,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Ich erinnere mich, dass wir uns im letzten Jahr gegenseitig eine Filmempfehlung geschenkt haben, und das fand ich extrem sinnvoll - ich bin von Deiner Empfehlung damals nicht enttäuscht worden. Also habe ich mir gedacht, dass ich das in diesem Jahr wieder mache. Was für einen Film soll ich nur nehmen? Es sollte nichts sein, was voll im Mainstream liegt, denn dann kennst Du das wahrscheinlich schon, oder hast davon gehört. Es sollte irgendwas Spezielles sein. Weil ich mir nicht sicher bin, schenke ich Dir diesmal zwei ganz unterschiedliche Empfehlungen:

Nummer Eins ist eine kultige Highschool-Komödie aus den Achtzigern. Heathers (1989) ist eine Satire auf das amerikanische Highschoolleben, rabenschwarzer Humor, geniale Sprüche, mit Winona Ryder und Christian Slater. Es geht um eine Mädchenclique, die an der Schule total "in" ist, aber menschlich einfach nur armselig, und ein Mitglied (Ryder) möchte nur noch raus. Dann kommt ein neuer Schüler an die Schule (Slater), der ihr den Kopf verdreht und romantisch-tödliche Teenie-Fantasien hat - und nervige Mitschüler einfach aus dem Weg räumt. Den Film empfehle ich Dir ein bisschen mit Blick auf Deine damalige Empfehlung.

Nummer Zwei ist ein moderner Indie-Horrorfilm. Ich weiß nicht, ob Du Indie magst, aber die Raimis haben ja auch sehr familiär gestartet. Hellbender (2021) handelt von einer Jugendlichen, die mit ihrer Mutter abgeschottet von der Welt ein recht unkonventionelles Leben führt, unter anderem haben die beiden ihre eigene Heavy Metal-Band und ein interessantes Verhältnis zu Magie. Es ist ein Coming of Age-Film, ich fand ihn echt unterhaltsam, vor allem hat mir die Mutter-Tochter-Beziehung gefallen, richtig cool "gespielt" (denn die Darsteller sind auch in Realität eine Familie). 

Vielleicht ist ja etwas Interessantes für Dich dabei - in jedem Fall wünsche ich Dir für das neue Lebensjahr alles Gute - in erster Linie Gesundheit und die Fähigkeit, das Leben zu genießen ;-)

Liebe Grüße aus Kiel,

Dr Hilarius

Mittwoch, 22. Juni 2022

This is not goodbye.


Die Tränen rollen wieder. Abschiedsgeschenke der SchülerInnen und ich würde am liebsten aus dem Fenster springen, weil das alles einfach so unfair ist und weil ich sie nächstes Jahr einfach weiter unterrichten möchte. Daraus wird nichts (in der klassischen Form), aber ich werde meinen Fuß in der Schultür behalten. So schnell werden die mich nicht los!

Morgen ist der letzte reguläre Schultag. Immerhin darf ich meinen Kurs in Acht noch einmal wiedersehen, nachdem ich sie zum Halbjahr abgeben musste. Ihnen hatte ich damals auch einen Horrorfilm versprochen - also wird es auch für sie morgen Drag Me to Hell (2009) geben. Mit meinen Siebenern schauen ich dann noch das Finale des Films, das fehlte uns, und es gibt Zeugnisnoten und -gespräche. Danach muss ich dann fix nach Hause, habe eine wichtige Mail bekommen, Details müssen warten...

...denn gleichzeitig ist morgen der letzte Vorbereitungstag für die Projektwoche, die am Freitag beginnt. Meine Gruppe hat sich nochmal etwas verkleinert, da dürften zehn SchülerInnen sitzen, mit denen ich dann zusammen ein bisschen Filmanalyse, Filmhistorie und Horizonterweiterung betreiben kann. Das mildert den Trennungsschmerz etwas ab, aber natürlich verschwindet der nicht einfach.

Aber - ich lass' nicht los. This is not goodbye!

post scriptum: Und in den Sommerferien gibt es noch ein Kurstreffen mit meinen Zehnern, darauf freue ich mich schon sehr.

Donnerstag, 16. Juni 2022

Mit dem falschen Bein aufgestanden


Gibt es da nicht diese Redewendung? Wenn an einem Tag fast nichts klappt? Mir geht da wieder der Passierschein A-38 durch den Kopf, und mein Telefonathorror hat sich mal wieder selbst bestätigt: Ich erreiche den Arzt nicht. Nicht unter der Nummer, die er mir gegeben hat, nicht unter der anderen Nummer, die ich heute erfahren habe. Da ist ernsthaft eine kleine Panikattacke an mir vorbeimarschiert und ich habe es nochmal per Mail versucht, diesmal von meiner Schuladresse aus, vielleicht landet die nicht im Spam. Und morgen früh versuche ich es noch einmal per Telefon, bevor ich mir dann ein paar mündliche Prüfungen anschaue.

Dann der Gedanke, dass ich heute nochmal gern die Pizza mit dem Käserand hätte. Nebenbei ist es interessant zu bemerken, wie sehr die Marken ihre Artikel auf Englisch trimmen - Stuffed Crust, Salted Caramel, Salt & Vinegar, die Liste kann man sehr lang weiterführen. Die deutsche Sprache könnte dabei ein bisschen verloren gehen, wobei "Pizza mit gestopftem Rand" nicht unbedingt marketingtauglich ist.

Also fahre ich in's rewe-Zenntruwah, die haben diese Pizza immer vorrätig. So gehe ich die gefühlten vier Kilometer Weg durch Süßes und Ungesundes und lande in der Tiefkühlecke, und finde... nichts. Alles leer. Stopfpizza leer. Fischstäbchen leer. Pfannengerichte leer. Finderfood leer. TK-Gerichte leer. Ich habe die Tiefkühlecke im Center noch nie so ratzekahl leer geräumt gesehen, und aus Neugier habe ich eine Angestellte gefragt, ob der Tiefkühllaster ausgeblieben ist - wird wohl so sein, erklärt sie mir, und dass es noch sehr viel mehr Lieferschwierigkeiten zu geben scheint. Mein Gehirn denkt frei-assoziativ gleich an den Ukraine-Krieg und macht dicht. 

Ab nach Hause. In Sicherheit. Mit der letzten Schachtel Fischstäbchen, die im Regal zu finden war. Manchmal könnte man sich einbilden, es gäbe so etwas wie schwarze Tage (an denen man mit dem falschen Bein aufgestanden ist).

Aber das ist natürlich Unsinn, versichern mir Buddha und gesunder Menschenverstand. ;-)


Donnerstag, 9. Juni 2022

Der letzte Zaubertrick


Heute war die letzte Stunde in meinem Englischkurs im siebten Jahrgang, in der wir Are You Afraid Of The Dark? geschaut haben. Perfektes Timing: Es war die letzte Episode der zweiten Staffel, diesmal ging es um einen Zauberer, der einen Nachfolger für sich gesucht hat. Genau wie geplant haben wir also zwei Staffeln der Teenie-Gruselserie in einem Schuljahr geschaut, jeden Donnerstag eine Folge mit ein, zwei Ausnahmen.

Und es hat funktioniert; die Schüler haben die Midnight Society kennengelernt, die Gruppe Teenager, die sich jede Woche am Lagerfeuer trifft, um sich unheimliche Geschichten zu erzählen. Das hatte Wiedererkennungswert. Auch das Bewertungssystem war aufschlussreich - nicht wirklich überraschend, aber jetzt habe ich es mal schwarz auf weiß erlebt: Die Episoden, die ich richtig großartig finde - aufgrund ihres Plots, aufgrund ihrer warnenden Botschaften - sind bei den Kiddies eher mittelmäßig gut angekommen. Besser waren die leicht verdaulichen Folgen mit oberflächlicherem Charme; warum haben Teenager es immer mit unheimlichen Clowns? Warum fahren sie so darauf ab? Und Episoden, die total durchgeknallt sind und inhaltliche Anschlussfehler haben: In dem Alter schauen viele Schüler darüber hinweg, das wird nicht wahrgenommen.

Ich bleibe bei dieser "Unterrichtsmethode", und bleibe dabei, dass das für die Jahrgänge Sieben, Acht und Neun wunderbar geeignet ist. Pures Sprachbad, Englisch, keine Untertitel, und Fragen und Antworten zwischendurch natürlich auch einsprachig Englisch. 

Jetzt stehe ich allerdings vor einem Problem: Die SchülerInnen haben mich gefragt, ob wir auch mal einen "richtigen" Horrorfilm schauen könnten. Und ich Idiot habe zugesagt, ich habe ihnen versprochen: "Bevor ich euch als meine Schüler abgebe, schauen wir einen klassischen Horrorfilm zusammen" - ich verspreche Schülern sonst nie etwas, auch generell nie, weil ich weiß, dass ich es aufgrund meiner Verpeiltheit nicht halten kann. Und ich bin davon ausgegangen, dass ich diesen Englischkurs in den nächsten Jahren weiterführen werde - so dass in meinem Kopf dann ein Horrorfilm am Ende der zehnten Klasse stand, wenn sie sechzehn sein würden.

Daraus wird nichts. Also sondiere ich morgen mit ihnen zusammen mal meinen Kopf nach einem familienfreundlichen Horrorfilm. Davon gibt es einige, und ein paar davon sind gar nicht so schlecht. The Babadook? A Quiet Place? Poltergeist? Ich schaue mal, dass ich etwas finde, was sie mit einem Grinsen nach Hause gehen lässt.

Diese Schüler nach zweieinhalb Jahren abgeben zu müssen... das trifft in's Herz.

Mittwoch, 25. Mai 2022

And... again.

Symbolbild, Oxford hat nix damit zu tun

"He shot and killed, horrifically, incomprehensibly..." (Greg Abbott, Texas' Governor)

Ich würde ja schreiben "Es geht schon wieder los", aber passender wäre wohl "Es hört einfach nicht auf." - ein Achtzehnjähriger hat an der Robb Elementary School in Uvalde, Texas mindestens neunzehn SchülerInnen und zwei Erwachsene erschossen. Die Waffe hat er sich kurz zuvor gekauft, direkt nach seinem achtzehnten Geburtstag.

Jetzt wird es in den USA ablaufen, wie es immer abläuft in diesem Zweiparteienland mit seiner gun lobby: Die Demokraten werden laut nach strengeren Waffengesetzen schreien, die Republikaner werden zurückschreien, dass jetzt nicht der Zeitpunkt sei, um über gun control zu reden, jetzt müsse man erstmal trauern. Und es wird nichts passieren - da können Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris noch so fassungslos sein und Beflaggung auf Halbmast für den Rest der Woche anordnen. Sie kommen nicht gegen die einflussreiche Waffenlobby an, in einem Land, das die Wörterbuchdefinition von trigger happy darstellt.

Das muss man sich mal vorstellen. Diese GrundschülerInnen haben überhaupt nichts verbrochen, und jemand kommt und erschießt sie nacheinander mit zwei assault rifles (Sturmgewehren). Und dann soll mir nochmal irgendjemand erzählen, die Szene in Gus Van Sants Elephant (2003) sei unrealistisch: An einem ganz normalen Schulvormittag, an dem jeder seinen Tätigkeiten in einer High School nachgeht, betreten zwei Schüler das Gebäude und erschießen systematisch Mitschüler und Lehrer. Emotionslose Darstellung, unsentimental, ohne Glamor, ohne Erklärung.

"incomprehensibly" sagt Greg Abbott - unverständlich, nicht nachvollziehbar sei diese Tat gewesen. Unverständlich? Unbegreiflich?? Was erwartet ihr denn, wenn in eurem Land jeder volljährige Einwohner Zugriff auf eine oder mehrere Waffen haben kann? 

You're fucking kidding me. 

This will never stop.

post scriptum: Hier gibt es eine knapp dreiminütige, sehr emotionale Rede von Steve Kerr, Basketballcoach, vor einem anstehenden Spiel, in der er sich über die Bedeutungslosigkeit der Schweigeminuten und die Machtlosigkeit angesichts des Senats aufbringt:

Hier geht's zum Video der Ansprache

Montag, 23. Mai 2022

Have your cake... and eat it!


Oh mann.

Das war mal echter Horror - so schlecht, dass es wehgetan hat. Und dieser Schrott hat haufenweise Nominierungen für Preise erhalten, darunter Golden Globe und Emmy-Awards. Jetzt werde ich einen Beitrag schreiben, in dem ich fürchterlich arrogant klingen werde, wenn man zwischen meine Zeilen etwas hineinliest. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich einfach nur Fakten aufliste.

Es ist ein Irrglaube, wenn man denkt, nur weil eine TV-Serie viele Staffeln hat, weil einige Gaststars dort auftreten, weil sie Publikumspreise bekommen hat, weil sie in der IMDb eine sehr gute Wertung halten hat, dass das dann tatsächlich eine gute Show ist. Es ist mal wieder ein Fall von unterschiedlicher Wahrnehmung: Das Publikum liebt es, die Kritiken verreißen es.

Zumindest teilweise: Viele bemühen sich, der Serie American Horror Story Gutes abzugewinnen. Gibt es auch: Etwa Eins Komma Drei gute Szenen in jeder Folge und Jessica Lange spielt mit. Eine der großen Schauspielerinnen, die sich trotz der Triple Crown of Acting nicht zu schade dafür sind, sich dem Schrott hinzugeben. Helen Mirren ist auch so eine. Ich akzeptiere das.

Und ich glaube, wenn man mit dem Bewusstsein herangeht, dass es eine Serie von inkompetenten Machern ist, dann kann man da auch viel Spaß haben; wenn man einfach nicht zu viel erwartet. Da fällt das alles gar nicht auf: Grottenschlechte Schauspieler, tonnenweise acting out of character, plot holes, fehlende Anschlüsse, Kameraführung ohne Konzept, Sinn und Verstand, infantile Dialoge, negativ-dimensionale Charaktere, die ohne Vorwarnung zwischen verschiedenen Persönlichkeiten hin und her springen (und dafür gibt es leider keine plotbedingte Erklärung), male gaze, dass es einem zu den Ohren herauskommt, Homophobie und natürlich auch eine Frau mit dem Down-Syndrom, die "tragisch" in der Mitte der Serie stirbt, nachdem sie eine Barrikade von "Mongo-Sprüchen" abbekommen hat. 

Wenn man tatsächlich die ganze erste Staffel (Murder House) durchgeschaut hat, ergibt am Ende alles irgendwie Sinn, und die vorletzte Szene ist auch gut. Blöd nur, dass der schöne Eindruck durch die letzte Szene kaputt gemacht wird - als hätten die Macher das Gefühl, sie müssten immer noch einen obendrauf setzen, völlig egal, ob die Drehbuchlogik das überhaupt hergibt.

Unheimlich ist das ganze an keiner Stelle. Das ist kein Horror, das ist Trash-Comedy. Sicherlich hat auch das Genre seine Berechtigung, aber ich habe gemerkt, dass ich das nicht aushalte. Ich habe eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als drei Sekunden, und deswegen fällt mir jede noch so kleine Ungereimtheit auf, und ich kann nicht einfach drüber hinweglächeln und Spaß haben. Ich habe mehrfach überlegt, das Ganze abzubrechen - aber sowas mache ich nicht. Ich habe Geld für die gesamte Staffel ausgegeben, also schaue ich sie mir auch bis zum Ende an. Have your cake... and eat it! 

Hier ist mir meine Intelligenz im Weg. Ich bin völlig unfähig, so etwas zu genießen. Ich habe mittlerweile so viele von Roger Eberts Filmrezensionen gelesen, dass ich zu dem Schluss komme, er könnte auch ein Aspi gewesen sein. 

*kurze Recherche* 

OMG! Ich lese, dass Ebert tatsächlich auch ein Aspi war - da fällt mir alles wie Schuppen von den Augen - warum er so viel Gutes in Filmen sehen konnte (wie zum Beispiel in The Cell (2000) oder Stay (2005), die von den meisten anderen Kritikern komplett verrissen wurden), warum er mit Dummheit überhaupt nicht klargekommen ist, warum so viele ihn gehasst haben, warum ich seine Rezensionen liebe.

Das macht jetzt alles einen Sinn.

Ich sollte American Horror Story dankbar sein.

post scriptum: Ich brauche dringend ein Antidot, ein Gegengift gegen diese stupide Unterhaltung, Zeitverschwendung, wie auch immer man es nennen will. Also schaue ich mir nochmal "The Haunting of Hill House" an - um wieder zu erleben, was eine wirklich gute Haunted House-Serie ist.

paulo post scriptum: Ohklott, das klingt jetzt alles so bösartig! War aber nicht so gemeint. Es ging mir nur darum: Ich kann mein Gehirn nicht abschalten, und ich kann den Fehler-Geigerzähler nicht abschalten. Ich *kann* so eine Serie nicht genießen, und ehrlich gesagt beneide ich die Zuschauer, die das schauen und einen Mordsspaß haben...

Samstag, 26. Februar 2022

LGBTQ v1.2: "Es gibt doch bereits Angebote!"


vorweg: Jeglicher Zusammenhang mit dem gestrigen Beitrag über das Stillsein ist zufällig und nicht beabsichtigt. Ich kämpfe immer noch damit zu realisieren, dass solche Disclaimer nötig sind.

Die beiden Beiträge zum Thema eines LGBTQ-Angebots an Schulen haben Reaktionen hervorgebracht - ganz unterschiedlicher Art. Eine Reaktion auf den ersten Beitrag hat zu v1.1 geführt, und eine weitere Reaktion auf das Konzept des safe space bringt mich zu diesen Überlegungen.

Dass ein sicherer Raum an einer Schule fehlt, gilt nicht nur für trans-Jugendliche. Es gilt nicht nur für homosexuelle Jugendliche oder jegliche, die sich der LGBTQIA+-Community zugehörig fühlen. Es gilt für jeden Jugendlichen, der sich konkret anders fühlt. Der sein Anderssein auf bestimmte Faktoren zurückführen kann, und sei es nur ein ständig wiederkehrendes Gefühl.

So kann es zum Beispiel sein, dass der tägliche Gang in die Schule für jemanden jahrelang zur Hölle wird, weil er hochintelligent ist. Und er kann sich noch so viel Mühe geben, das herunterzuspielen. Bescheidenheit bei den vielen Einsen zeigen, die er erhält. Sich nicht im Unterricht melden, um bloß nicht aufzufallen. Es wird immer die Streberleiche sein und immer aus irgendwelchen Richtungen dafür Anfeindungen erhalten, und er wird immer das Gefühl haben, sich verstellen zu müssen, um nicht ausgegrenzt zu werden, und auch für ihn gibt es womöglich keinen safe space in der Schule.

Was mir dann auch häufiger geschrieben und gesagt wird ist, dass es doch bereits Angebote für diese Schüler gibt: Es gibt das Enrichment für die Hochbegabten. Es gibt die Vertrauenslehrer für jegliche Probleme von Jugendlichen. Und immer wieder in den letzten Jahren wurde mir bei konkreten Ideen gesagt, dass man dafür ja bereits die Schulsozialpädagogen hat, und dass das Angebot auch gut genutzt wird und erfolgreich ist. Dass man das schlicht nicht braucht.

Das sind valide Argumente. Aber was ist mit der Dunkelziffer?

Ich kann nur für mich sprechen. Wir hatten einen Vertrauenslehrer an unserer Schule, und ich bin während der neun Jahre Gymnasium nicht ein einziges Mal zu ihm gegangen. Nicht wegen des Drogenhandels um mich herum, nicht wegen des Mobbings in der Klasse, nicht wegen der seelischen Folter vor und nach den Sportstunden, nicht wegen des schlechten Gewissens, weil ich eine Mitschülerin in einen Fluss geworfen habe, nicht wegen meiner sexuellen Neigungen, nicht wegen des Gefühls, dass mit meinem Kopf etwas nicht stimmt. 

In der Oberstufe gab es für Schüler extra das Tutorensystem: Jeder Schüler hat sich aus dem Kollegium einen Tutor gesucht, als Ansprechpartner für jegliche Art von Problemen. Ich bin sehr froh, dass ich meine Tutorin hatte, denn sie hat mir ein Gefühl von "okay sein" gegeben, bei den Kurstreffen, die wir bei ihr hatten, ohne dass ich mich irgendwie erklären musste.

Aber genau darin sehe ich die crux:

Es gab für mich kein Angebot, dass mir expressis verbis signalisiert hat, dass ich als schwuler Jugendlicher jemanden dort habe, an den ich mich wenden könnte. Keines der Angebote hatte das im Namen oder explizit in seinen agenda zu stehen. Ich habe mich meiner Tutorin in der Oberstufe nicht ein einziges Mal anvertraut, obwohl sie eine der tollsten Lehrerinnen war, die ich je hatte.

Ich kann nicht für den trans-Mann sprechen, der mir geschrieben hat. Ich kann nicht für die Hochbegabten sprechen, die mir geschrieben hatten. Vielleicht geht es ihnen ebenso, vielleicht stehe ich allein da. Aber mein Problem war, dass mir niemand gesagt hat "Wenn du schwul bist, dann ist das okay" oder "Wenn einer unserer Schüler über seine Sexualität sprechen möchte, dann haben wir ein Angebot, das genau für ihn gemacht ist". Enrichment ist schön und gut, aber es ist gemacht für "erkannte" Hochbegabte. Was ist mit hochbegabten Underachievern, die ihr Potential nicht nutzen können oder wollen, die aber tief im Inneren wissen, dass sie anders sind und gern mit jemandem drüber sprechen wollen, der sie versteht, und der vielleicht nicht nur den Unruhestifter in ihnen sieht? 

Es fehlt nicht an einem Angebot, das ruft: "Sag' uns, was Dein Problem ist, und wir helfen Dir." Die gibt es bereits reichlich, aber oft können Jugendliche ihre Probleme mit dem Anderssein noch nicht verbalisieren, noch nicht einmal bildlich konkretisieren.

Es fehlt an "Du bist schwul? Komm' zu unserem Gesprächskreis" oder "Du bist intelligent und fühlst Dich allein? Komm zur Mind Food-Gruppe" - und was es noch mehr gibt!

Wir müssen klarmachen, dass unsere helfende Hand speziell zu ihnen ausgestreckt ist.

post scriptum: Es tut mir WIRKLICH leid, wenn dieser Beitrag pathetisch klingt. Aber für zu viele Jugendliche ist die Schule eine jahrelange Folter, und jeder einzelne Teenager, der deswegen Suizid begeht, ist ein Zeugnis für unser kollektives Scheitern.

paulo post scriptum: Es war nicht geplant, dass aus diesem Thema eine Beitragsreihe wird - aber es kommt immer wieder ein Aspekt hinzu, der meiner Meinung nach hier Raum bekommen sollte. Bear with me. Cat, too.

Samstag, 19. Februar 2022

LGBTQ v1.1: Kannst Du es nachvollziehen?


vorweg: Dieser Artikel hat grünes Licht von allen beteiligten Personen bekommen.

Wie fühlt es sich an? Als LGBTQ-Teenager auf eine Schule zu gehen, in der einem unentwegt klar gemacht wird, dass das "nicht normal" ist. Dass es irgendwie falsch ist und man sich anpassen muss?

"Oh ja, das muss schlimm sein, das kann ich gut nachvollziehen."

"Nein, das kannst du nicht."

Du sagst es, um mir ein wenig von der damaligen Last und dem damaligen Schmerz zu nehmen, eine Art Höflichkeit oder Freundlichkeit. Aber:

Kannst Du es nachvollziehen? Wie es ist, sich jeden Morgen zu wünschen, krank zu sein, damit man nicht in die Schule gehen muss, und zwar nicht wegen der zu lernenden Inhalte? Wie es ist, auf der morgendlichen Busfahrt in die Schule auf den Fußboden zu schauen, in die eigene Kopfwelt zu verschwinden und die letzten zwanzig Minuten Frieden des Tages zu genießen? Aus dem Bus auszusteigen, und auf dem Weg in den Klassenraum einfach nur noch Angst zu haben? Angst davor, bestimmte Mitschüler zu sehen? Angst vor den Sportstunden? Angst davor, mit Stiften und anderen Sachen beworfen zu werden, weil Du anders bist? Angst davor, während des gesamten Vormittags keine Möglichkeit zu haben, aufzuatmen? Keinen Ort, an dem Du OK bist, so wie Du bist? Angst davor, von anderen Schülern gemobbt zu werden und am Ende dafür auch noch selbst Ärger vom Lehrer zu bekommen, Woche für Woche für Monat für Jahr? Mit Deinem Kopf in einem Rätselheft zu verschwinden, compartmentalizing, um nicht in der Stunde vor achtundzwanzig Mitschülern anzufangen zu heulen? Das grenzenlose Aufatmen, wenn Du nach der letzten Stunde endlich den Klassenraum verlassen kannst? Wenn Du weißt, dass auf der Rückfahrt im Bus wildfremde Schüler versuchen werden, Dir Drogen zu verkaufen, einfach nur um Dich zu verarschen, aber das stört Dich schon gar nicht mehr, weil es nichts ist im Vergleich zu der Folter, in der Schule absolut niemanden und absolut keinen Ort zu haben, um das alles mal herauszuschreien? Wenn Du im Supermarkt von einem wildfremden Mann angesprochen wirst, der Dir anbietet, ein Schwulenmagazin für Dich zu kaufen? Dein Tagebuch ausschließlich zu nutzen, nicht um täglich etwas zu schreiben, sondern um fünfzehn Jahre lang nur all' das hineinzuschreiben, was Du durchmachen musstest an diesem Tag, in dieser Woche? Wenn es sich anfühlt, als würde in Deinem Kopf jeden Tag eine Atomexplosion rückwärts ablaufen, wenn Du all' diese Wut, diesen Frust, diese Angst und Trauer so weit in Dich hineinsaugst, dass Dein Kopf irgendwann nur noch aus Atombomben kurz vor der Explosion besteht? Und Du hast nirgendwo die Möglichkeit, endlich einmal den Zünder zu drücken und das alles loszuwerden?

Kannst Du das wirklich nachvollziehen?

Wenn ja, dann kannst Du es auch verstehen, warum ich in Tränen ausgebrochen bin, als ich am Donnerstag folgende Nachricht erhalten habe:

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Hi! Ich habe gerade Deinen Blog über lgbtq Angebote in Schulen gesehen und möchte das gerne zum Anlass nehmen und mich ganz doll bei Dir bedanken!

In der 9. Klasse Englisch hast Du uns lgbt näher gebracht und wir haben u.a. über 'don't ask don't tell' diskutiert - das hat mir viel bedeutet und damals das Gefühl gegeben, dass mich 'zumindest ein paar Menschen akzeptieren werden' und dass ich nicht alleine bin und vor allem: dass das noch nicht mal im entferntesten Sinn etwas 'Schlimmes' ist. Für mich war die Schule kein sicherer Ort, mich als trans zu outen, zumal ich teilweise mitbekam wie sogar Lehrer untereinander abfällige Witze in diese Richtung gemacht haben und auch ohne Outing jede einzelne Pause Schüler über mich getuschelt haben und sich gefragt haben "ob ich ein Mädchen oder Junge bin". ^ dieser Satz hat mich jahrelang so verfolgt, dass ich bei jedem Flüstern in der Öffentlichkeit automatisch nur das gehört habe! [Unsere AG] besonders war für mich ein Safe Space - ich konnte dort sein wie ich bin! 😁 Ich hatte oft überlegt, ob ich mich Dir anvertrauen soll, letztendlich aber zu viel Angst gehabt, weil mein Umfeld alles andere als supportive war und ich mich mit einem Outing nicht verletzlich machen wollte - ich hatte mir damals stillschweigend gesagt, dass Du mich als die Person, die ich wirklich bin, siehst - danke, Dein Englischunterricht hat mir Hoffnung gegeben, dass irgendwann alles gut wird ☺ Liebe Grüße!!

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Zuerst hatte ich nur den Namen und das Profilbild gesehen, ein junger Mann, den ich nicht wiedererkannt habe. Ein ehemaliger Schüler? Dann der Blick in's Gesicht und der Nachname und der Ausdruck safe space. Ich hatte vor zehn Jahren eine hochintelligente, brillante Schülerin in Englisch, konnte anspruchsvolles Englisch in der neunten Klasse verstehen und auf muttersprachlichem Niveau schreiben. 

Jetzt weiß ich, dass dieser brillante Kopf ein Schüler in einem falschen Körper war. Und dann hat jeder einzelne Satz, den er mir geschrieben hat, tief in's Herz getroffen, über die Schule als unsicheren Ort, die abfälligen Witze, das Tuscheln und vor allem die Hoffnung, dass irgendwann alles gut werden wird. 

Ich hatte am Donnerstag Tränen in den Augen und auch jetzt laufen sie mir über das Gesicht, während ich diese Zeilen schreibe. Endlich habe ich die Gewissheit, dass die Schüler zumindest in meinem Unterricht oder Projektangebot einen safe space haben. Etwas, das sie zuhause nicht haben, draußen nicht haben, und auch sonst in der Schule nicht haben.

Und deswegen werde ich auch weiterhin für meine Schüler versuchen, diesen sicheren Raum einzurichten. Egal, wieviel Gegenwind es geben wird.

Ich freue mich riesig, dass er sich "gefunden" hat.

Montag, 7. Februar 2022

Let's talk!


Eigentlich mag ich Elternsprechtage ja. Ich finde es spannend, mit Erziehungsberechtigten über ihre Kinder zu sprechen, vielleicht einige meiner Verdachtsmomente zu bestätigen, vielleicht neue Impulse für den Unterricht bekommen und - nicht oft, aber vorhanden - mir sagen zu lassen, wie ich meinen Unterricht zu machen habe. Das ist alles sehr interessant.

Corona hat das natürlich alles verändert, und nicht erst seit diesem Jahr. Es gibt bei uns telefonische Elternsprechtage; wir Lehrkräfte stellen den Eltern Zeiträume zur Verfügung, in denen wir sie nach Anmeldung anrufen und per Telefon alles Wichtige besprechen. Absoluter Horror für einen Aspi, denn ich weiß nicht, wie die Menschen klingen, die ich anrufe, und ich weiß nicht, worum es gehen soll. Das weiß ich bei einem klassischen Elternsprechtag oft auch nicht, aber am Telefon fühle ich mich extrem unter Druck gesetzt und besonders verunsichert. Und ich habe Angst, dass ich meinen Gesprächspartner nicht verstehe, oder dass es zu Missverständnissen kommt - also quasi alle üblichen Telefonprobleme.

Nützt alles nichts. Morgen stehen Gespräche an, und ich werde versuchen, ruhig zu bleiben. Einer Mutter habe ich im Vorfeld geschrieben, dass ich mich auf das Gespräch freue, und das stimmt in dem Fall ja auch. Vielleicht wird es alles gar nicht so schlimm morgen.

Macht Ihr auch telefonische Elternsprechtage?

Freitag, 17. Dezember 2021

Geliebte Idiosynkrasie


vorweg: Es gibt gerade so Vieles, über das ich würde schreiben wollen, so viel Neues, Wichtiges, Entwicklungen, und dann ruft auch noch mein Bruder an und signalisiert mir indirekt, dass ich ihm nicht ganz egal bin. Das ist zuviel, da entgleisen alle Gedankenzüge und ich gehe in die "geistige Quarantäne", das Telefon wird ausgestöpselt, das "Nicht Stören"-Schild an der Wohnungstür befestigt, das Bad läuft ein, Zirbenholz und Amyris, dunkel und beruhigend, Meditation ist angesagt, ich peile gut anderthalb Stunden an. Das ist nötig. Bitte nicht wundern, wenn ich mich nicht melde. Im Englischen sagt man als Außenstehender "He's in the zone." Dabei geht es heute eigentlich um etwas ganz Tolles, und ich bin sehr froh, dass ich diesen Beitrag bereits heute Mittag geschrieben habe, so dass ich ihn jetzt veröffentlichen kann. Und deswegen hat das Bild auch eher etwas mit dem "vorweg" als mit dem eigentlichen Beitrag zu tun.

Endlich, endlich, endlich.

Es gibt da diese Videospielreihe - in Japan heißt sie Zero, in Europa wird sie als Project Zero (PZ) veröffentlicht, in Nordamerika unter dem Namen Fatal Frame - wahrscheinlich, weil das mehr potentielle Kunden ziehen soll, auch wenn diese Strategie nicht aufgeht: PZ gilt als Kultspiel, es gibt eine kleine, aber außerordentlich treue Fangemeinde, die Verkaufszahlen waren nie hoch, und das, obwohl (oder gerade weil?) PZ2 zum Beispiel als eines der unheimlichsten und besten Videospiele seiner Art auf dem Markt gilt. 

Kein Wunder: Für den Mainstream sind die Bewegungen der Figuren zu behäbig, die Gehwege zu eng (man kann nicht einfach zwischen zwei Bäumen hindurchgehen, sondern sich nur auf willkürlich vorgegebenen Pfaden bewegen), die Story zu anspruchsvoll, zu wenig Blut, keine klassischen Waffen zum Gemetzel, weibliche Hauptfiguren, man muss viele Texte lesen, die deutsche Übersetzung ist grausig. Ein Inbegriff für Videospiel-Idiosynkrasie.

Wie es nun aber ist bei Medien, die zum Kult werden: Sie erfreuen sich gerade wegen dieser Unebenheiten, gerade wegen ihrer Lage abseits des Mainstream, bei ihrer Fangemeinde großer Beliebtheit, und ich bin sehr froh, dass es solche Videospiele (und Filme und Hörspiele und Bücher und mehr) gibt. Denn gerade die PZ-Reihe habe ich wegen ihrer Macken lieben gelernt. 

Da steht dann auf dem Bildschirm, nachdem man einen Gegenstand von der Wand abgenommen hat "Spiegelung Maske. Ich habe es." - was eine wortgetreue Übersetzung der japanischen Kanji ist, aber im Deutschen natürlich unfreiwillig komisch ist. Für die große Buba und mich waren das sehr hilfreiche, klospülende comic reliefs in den doch atmosphärisch extrem dichten Spielen (und in Sachen Atmosphäre sind die Macher echte Meister ihres Handwerks, womit bei den Köpfen hinter der Dead or Alive-Reihe nicht zu rechnen war - Chapeau!). Und die Halsknickfrau, und der Klingelopa, die Balkonsturzfrau und so weiter... 

Und ich bin sehr davon angetan, dass man mal nicht mit Zaunlatte, Nagelkeule, Schrotflinte, Maschinengewehr, Flammenwerfer und Kettensäge auf Zombies und Fehlzüchtungen oder einfach nur auf irgendwelche Militärs losgehen muss: Die einzige "Waffe", die einem zur Verfügung steht, ist ein alter Fotoapparat, die camera obscura (auch wenn sie mit dem Original nicht mehr viel zu tun hat). Die Gegner sind zudem Geister, mit denen man ernsthaft sympathisieren kann: Jeder einzelne Geist hat seine eigene Hintergrundgeschichte, und sie greifen einen nicht (oder nur seltenst) an, weil sie irgendwie "böse" seien - das Konzept sieht die japanische Kultur ein wenig anders.

Überhaupt weiß ich das japanische Flair sehr zu schätzen. Wer einmal einen J-Horrorfilm gesehen hat, kennt das, diese düstere Atmosphäre mit den rauschigen, schlecht zu erkennenden Videofetzen und Yurei, rachsüchtigen Geistern oder einfach solchen, die nach der Erklärung für ihren derzeitigen Zustand suchen.

Ich genieße es auch, dass die Serie zum großen Teil ohne Blut auskommt. Während Serien wie Resident Evil scheinbar nicht ohne Splatter auskommen, lösen sich die Geister hier einfach auf, nachdem man ihnen durch das Fotografieren ihre spirituelle Energie geraubt hat. Nur in manchen Teilen taucht in Rückblenden auf antike Rituale manchmal Blut auf; es ist aber interessant zu sehen, dass PZ2: Crimson Butterfly, der unheimlichste Teil der Reihe, mit Ausnahme einer einzigen Szene, völlig blutleer ist. Zeigt, dass man sich auch ohne eklige Szenen und fast komplett ohne jumpscares fürchten kann (diese sind ein Zeichen für ziemlich anspruchslosen Schockwert).

Nachdem der vierte Teil der Reihe nach wie vor nur in Japan erhältlich ist und die Reihe von Nintendo übernommen wurde - warum auch immer - war der fünfte Teil (PZ: Maiden of Black Water) zunächst nur für die Wii U erhältlich - eine Konsole, die ich nicht habe, und die ich mir nicht für ein einziges Spiel zulegen wollte. Umso besser, dass jetzt, Jahre nach der Veröffentlich des Originals, ein remaster für neue Konsolen, unter anderem auch für die Playstation-Reihe von Koei Tecmo veröffentlicht wurde.

Endlich, endlich, endlich. Da haben wir sie wieder: Leicht bekleidete Mädchen, die völlig unbeeindruckt von Geistererscheinungen durch alte Häuser wandern (diesmal auf einem fiktiven Berg, einer ehemaligen Touristenattraktion), unfreiwillig komische Geisterrufe ("Joooiiiiin me!" - "I will GLAAAANCE into your soul!" - Ich glänze höabah...), tanzende Geister, alte Frauen, die mich in eine Kiste stecken wollen und dann außen herumwabern, sterbende Geister, die wie verreckende Klospülungen klingen, Kämpfe in viel zu engen Gängen, in denen sich die Geister einfach mal durch die Wände bewegen, klobige Bewegungen der Hauptcharaktere, Kameraupgrades, eine komplexe Geschichte mit vielen Texten zum Lesen, und endlich, dank des neuen Mediums, reichlich Filme zum Anschauen, die immer noch enigmatisch sind - aber es ist toll, zu jedem feindlich gesinnten Geist per Fatal Glance ein Video zu bekommen, unter welchen Umständen der Mensch damals um's Leben gekommen ist. Das macht es leichter, mit den Geistern Mitgefühl zu empfinden und noch tiefer in das Geschehen einzutauchen. 

Und es ist toll, wie der fünfte Teil sich in die Mythologie der anderen Teile einreiht; Miku Hinasaki, Protagonistin aus dem ersten Spiel, hat hier eine tragende Rolle, die Kurosawas aus dem zweiten und dritten Teil wirken mit, und wir erfahren endlich mehr über den Erfinder der (fiktiven) Camera Obscura, Dr. Kunihiko Aso (oder Asou, je nach Transkription), über seine Kindheit und über die Frau, in die er sich verliebt hat - und wie und warum er die Kamera überhaupt erst erfunden hat.

Das wäre rundum ein schöner Abschluss für die Serie (für die es auch noch graphic novels und einen Kinofilm gibt) - aber ein kleiner Teil in mir erhofft sich natürlich irgendwann einen sechsten Teil, auch wenn es schwer sein wird, neue Ideen auf den Tisch zu bringen. Mal schauen, was die Zukunft bringt, und bis dahin werden weiterhin Geister von wackeltittigen Mädchen totfotografiert.

Project Zero ist eine in vielerlei Hinsicht anspruchsvolle Videospielreihe.

post scriptum: Immerhin ist es erfreulich, dass für andere Kult-Videospielreihen neue Teile in Arbeit sind, so wird zum Beispiel an "Dragon Quest XII: The Flames of Fate" gearbeitet, und im nächsten Jahr sollen "Star Ocean: The Divine Fate" (hoffentlich mit etwas mehr Inhalt als der letzte Teil) und "Atelier Sophie 2" erscheinen. Irgendwann steht auch der neue Teil der "Myst"-Macher auf dem Plan, "Firmament", wieder als VR-Erlebnis. Wird also nicht langweilig!

paulo post scriptum: Und damit habe ich es jetzt schwarz auf weiß: Ich werde vor Weihnachten nicht mehr in die Schule zurückkehren. Im neuen Jahr kann es dann pünktlich wieder losgehen, nur im März ein Termin zur Kontrolle/Vorsorge. Es wird besser! Und zum Abschluss noch das eigentlich für diesen Beitrag passende Bild:



Samstag, 4. Dezember 2021

Eltern und Verantwortung


Es hört einfach nicht auf.

Vor ein paar Tagen gab es in den USA ein weiteres school shooting - es ist deprimierend, dass der Begriff dort mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch aufzufinden ist. An der Oxford High School in Michigan hat ein fünfzehnjähriger Schüler vier Menschen mit einer Handfeuerwaffe getötet und sieben weitere verletzt. Und, wieder einmal, hätte das alles vermieden werden können - aber nicht nur durch strengere Waffengesetze, denn:

Es gab eindeutige Hinweise auf düstere Gedanken des Teenagers, Zeichnungen von Gewaltphantasien, Terrorismusdrohungen gegen die Schule, ein abgetrennter Tierkopf, der vom Dach der Schule geworfen wurde (es klingt alles wie im Film, und das ist erschütternd), Hinweise, die im Unterricht ebenso einkassiert wurden wie eine Onlinesuche auf dem Smartphone nach Munition - und die Waffe? Die hatte der Vater vier Tage zuvor zusammen mit dem Sohn eingekauft; wie die Mutter in sozialen Netzwerken postete, als "Weihnachtsgeschenk" für den Sohn.

Diese Waffe wurde dann in einer unverschlossenen Schublade im Haus aufbewahrt, auf die der Sohn jederzeit Zugriff hatte. Behalten wir also im Kopf: Der Vater hat die Waffe zusammen mit dem Sohn eingekauft. Sie wurde unverschlossen aufbewahrt. Die Gewaltphantasien des Jungen waren bekannt. Die Drohungen gegen die Schule waren bekannt. Die Mutter hat ihrem Sohn eine SMS geschrieben - mit einem LOL dazu - dass er nur lernen muss, sich nicht schnappen zu lassen. Bang bang you're dead, der Rest ist Geschichte. 

Es ist wieder einmal alles so abgelaufen wie in Gus Van Sants Film Elephant (2003), meiner Meinung nach der beste Film über Amokläufe an Schulen, den es gibt - weil er beobachtet und nicht kommentiert oder wertet, und damit eine exzellente Diskussionsgrundlage für die Schule gibt. The banality of evil, diesen Ausdruck gibt es im Englischen.

Was diesen Amoklauf jetzt besonders interessant zu verfolgen macht, ist nicht der Umstand, dass ein Fünfzehnjähriger nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden wird (und ihm damit lebenslange Haft droht), sondern dass beide Eltern ebenfalls angeklagt werden mit dem Strafbestand involuntary manslaughter - da sie durch ihre Nachlässigkeit zur Durchführung dieses Amoklaufs maßgeblich beigetragen haben.

Ich persönliche finde das gut und ein wichtiges Zeichen - liebe Eltern da draußen, wie seht Ihr das?

Sonntag, 7. November 2021

Filmgenuss mit Botschaft

Szene aus Candyman (2021)

Ein Film, der die Effekte der Gentrifizierung sozial schwächerer Viertel amerikanischer Großstädte aufzeigt. Ein Film, der Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern anprangert. Der in der Kunstszene spielt. Der selbst künstlerisch ansprechend ist. Der seine Sozialkritik mit rabenschwarzem Humor verbindet. Der gender fluidity wie selbstverständlich zeigt und uns gleich zu Beginn ein interracial gay couple zeigt, das tatsächlich eine wichtige Rolle spielt. Für mich klingt das wunderbar. Oh, und es ist ein Horrorfilm. Und so viel mehr.

Das verwundert nicht, wenn man sich anschaut, wer dahinter steckt - Jordan Peeles Monkeypaw Productions; der gute Mann hat uns mit Get Out und Us bereits zwei psychological horror films präsentiert, die sich mit racial injustice and the Black Experience in den USA auseinandersetzen. Diesmal handelt es sich um einen übernatürlichen Slasherfilm und Nia DaCosta hat Regie geführt. Dass es kein Standard-Slasher vom Fließband ist, zeigen die ersten zehn Minuten des Films: Die Auflistung der Produktionsfirmen verläuft etwas anders als üblich, und die opening credits zeigen uns eine Kamerafahrt durch soziale Wohnungsbauprojekte in den USA - konkret das Cabrini-Green - allerdings mit überkopf gehaltener Kamera, die die Hochhäuser nach oben filmt. Wenn man die vorbeigleitenden Wolkenkratzer betrachtet, deren Spitzen im Nebel verschwinden (gleichzeitig ein flashforward aus den Siebzigern in die Gegenwart), und dazu die abstrakte Musik hört - eindringlich-hypnotisierend, aber kein Ohrwurm - hat man eher das Gefühl, man schaut einen Science Fiction-Film mit in den Wolken schwebenden Gebäuden. Muss nicht extra erwähnt werden, dass ich mir die gesamte Sequenz wieder und wieder angesehen habe.

Und so geht es den gesamten Film über: Unkonventionelle Kameraarbeit und eine Regisseurin, die wenig Gewalt direkt zeigt (in den Mordszenen), aber über Musik und Geräusche mit unseren Vorstellungen spielt. Und sie gleichzeitig immer wieder überrascht: DaCosta liebt das Spiel mit der misdirection, der In-die-Irre-Führung: Man erwartet anhand bestimmter Kameraperspektiven dramatische Entwicklungen, aber sie enthält sie uns vor. Eine der Mordsequenzen erinnert an eine Einstellung aus dem neuen Halloween, in der die Kamera außerhalb des Hauses bleibt und durch die Fenster beobachtet, wie drinnen das Chaos ausbricht.

Horror in der Künstlerszene

Der Film ist definitiv auch durch George Floyd und sämtliche zeitgenössischen Enthüllungen amerikanischer Polizeigewalt inspiriert - die tagline des Films lautet nicht ohne Grund "Say his name!" Die deutsche Filmkritikerin Antje Wessels zieht folgendes Fazit: 

"In seiner stilistisch herausragenden Mischung aus abgebrühtem Killerfilm, Rassismusanklage und Psychodrama um einen von seiner Muse vereinnahmten Künstler ist „Candyman“ einer der besten Filme des Jahres und mit Sicherheit der Startschuss für eine spannende Karriere der Regisseurin Nia DaCosta."

Candyman | Wessels-Filmkritik.com

Ich freue mich schon, wenn im Dezember die Bluray veröffentlicht wird.

post scriptum: Wieder ein moderner Horrorfilm, der in der Künstlerszene veranlagt ist - das erinnert mich an die schwarze Horrorsatire "Velvet Buzzsaw" ("Die Kunst des toten Mannes") mit Toni Colette und Jake Gyllenhaal ;-) Aber der hier hat mehr zu sagen.