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Mittwoch, 12. August 2026

43 Jahre Abenteuer

Wenn es nur mit ein bisschen Knöppedrücken getan wäre...

Gestern kamen einige Geburtstagsglückwünsche in's Haus geflattert, und wie so üblich, schaffe ich es nicht, mich korrekt dafür zu bedanken bzw. das glückliche Gefühl zu vermitteln, das sie in mir ausgelöst haben.

Früher war mein Geburtstag für mich ein Tag, an dem ich mir komplette Me-Time gegönnt habe: Telefon rausgezogen, Klingel abgestellt, einfach nur den Tag genießen, und das Dasein, und dankbar sein für jeden schönen Moment in diesem Leben.

Das hat sich jetzt ein bisschen geändert, weil ich einen Überschuss an Me-Time habe, durch die Arbeitslosigkeit. Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut, dass gestern eine Mail hereinkam von einem Schulleiter, bei dem ich mich schon einmal vorgestellt hatte. Damals ging es um eine Vertretung, doch leider gab es da diesen Einstellungsstop seitens des Bildungsministeriums: Vertretungen haben zuerst durch das Schulkollegium aufgefangen zu werden. Und somit wurde es damals nichts.

Trotzdem war das ein schöner Tag, weil ich einen Schulleiter kennengelernt hatte, so nett, so kollegial, der mich stark an SPO erinnert hatte: Offen für meine Andersartigkeit, mit dem Gedanken "der könnte gut zu uns an die Schule passen". Ich habe solche Erlebnisse nicht oft. Fast gar nicht. Nur einmal in SPO und einmal hier in Kiel, aber zwei aufgeschlossene Schulleitungen in vierzehn Jahren, das ist keine tolle Quote für diesen Autisten.

Erst recht nicht, wenn ich mich an eine Schulleitung erinnere, die mich im Ref mit einer Mentorin zusammengesetzt hat, von der sie genau wusste, dass wir nicht gut klarkommen würden - "die werden sich ordentlich was zu sagen haben", hieß es damals, es hat meine Note in einem Fach um zwei verschlechtert, und ich hätte damals gern jemandem den Hals umgedreht. Aber damals war ich noch naiver als jetzt und dachte, dass Schulleitungen es gut mit ihren Lehrkräften meinen. Und dass sie unbesiegbar sind.

Nix da.

Und deswegen sind mir gestern die Tränen gekommen, als ich die Anfrage dieses sympathischen SL ohne Scheuklappen bekommen habe. Genau genommen kamen die Tränen erst am Ende, denn es ging um eine Vertretungsdauer von 18 Tagen. That's all. Und dann sehe ich auf der einen Seite diesen netten SL, der sich noch genau an unser Gespräch zu Beginn des Jahres erinnern konnte; der mich noch kannte und auch noch wusste, dass ich eine Perspektive suche - und trotzdem hat er mir das Angebot gemacht und das hat mich ziemlich gerührt. Ich habe geheult wie ein Schlosshund, denn für 18 Tage das Bürgergeld a.k.a. Grundsicherung auszusetzen wäre mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden, und ich müsste das für diesen Monat gezahlte Geld erstmal anteilig wieder zurückzahlen (abgesehen davon, dass bald mein dreimonatiges Coaching beginnt, und ich möchte das Angebot wirklich wahrnehmen!).

Das ist durchaus ein Problem, deswegen finde ich es ja auch zum Kotzen, dass das Ganze nun Grundsicherung heißt. Als würde ich dadurch irgendeine Sicherheit haben. Von etwas mehr als 500 Euro muss ich gut 60 Euro für das D-Ticket abziehen, 88 Euro für die Stadtwerke, gut 30 Euro für Telefon und Internet, da landen wir ganz schnell bei nur noch 300 Euro für einen ganzen Monat Essen, Klopapier, Seife - ach ja, und da sind ja auch noch die Medikamente! -.-

Und bevor jetzt die Unkenrufe losgehen: Natürlich habe ich mich von den Zuzahlungen befreien lassen - aber einige Sachen sind nicht von der Krankenkasse erstattungsfähig. Paracetamol, Buscopan, Salben, Halstabletten und etwas gegen Übelkeit. Und selbst bei den verschreibungsfähigen Medikamenten muss ich in ein paar Fällen noch die Festbetragsdifferenz trotz Befreiung zuzahlen. Dmit landen wir bei ungefähr 70 Euro für Apothekenkrams. Macht also noch 230 Euro zum Überleben. 

Aber lassen wir das Geld-Genöle, es hilft ja nix. Stattdessen realisiere ich erst jetzt, dass ich meinen Geburtstag gestern nicht gefeiert, genossen oder in irgendeiner Weise gestaltet habe, wie es sich gehört.

Also mache ich das heute. Heut' ist mein Tag, wie Blümchen einst sagte. Kein Telefon, keine Mails. Mein morgendliches Ritual mit Nachrichten etc, und dann will ich mir beweisen, dass das Leben schön und lebenswert sein kann. :-)

post scriptum: Ich vergesse wahrscheinlich wieder, mich bei allen für die Glückwünsche zu bedanken -.- Es tut mir leid. 

Ich liebe Euch wirklich, und ich kann einfach nicht rüberbringen, wie viel mir Eure seelische Unterstützung bedeutet... es ist schön, nicht allein gelassen zu sein...

Samstag, 8. August 2026

Farbe zurück in's Leben


Wie das manchmal so gehen kann. Da habe ich mir aus Nostalgie ein Musikvideo von vor zwanzig Jahren angeschaut - drollig, ich sehe gerade, dass ich hier im Blog noch nie darüber geschrieben habe, dabei hat das eine der größten Demos in Kiel begleitet, auf denen ich mitmarschiert bin. Ohrwurm und so.

Kennt jemand den Film THX 1138? Wenn ja, dann erstmal mein Kompliment, denn George Lucas' Debutfilm ist nicht jedermanns Sache. Er zeigt eine dystopische Gesellschaft, und auch wenn das Narrativ nicht immer ganz stringent sein mag, so prägt sich der visuelle Stil ein: Alles ist weiß. Farbige Vielfalt? No way. Individualität? Uh uh.

Hilfe bekommt nur, wer sich selbst helfen kann. 

Genau so hat sich phasenweise in den letzten Jahren mein Leben angefühlt, vor allem in den Auswahlgesprächen an Schulen, erst recht, wenn ich seitens der Schwerbehindertenvertretung (SBV) des Ministeriums keine Unterstützung bekomme und mich allein und hilf- bzw. chancenlos in dieser schulischen Welt fühle. 

Nehmen wir doch einmal als Beispiel das Auswahlgespräch. Wie immer sitze ich in einer Runde von repräsentativen Mitgliedern der Schule: Schulleitung, -vertretung, beide Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragte. Seitdem ich gleichgestellt bin (mit schwerbehinderten Personen), muss immer die SBV des Ministeriums dabei sein, die für die jeweilige Region und Schulart zuständig ist. Das kann es manchmal etwas komplizierter machen, einen Termin für das Auswahlgespräch zu finden, aber hey, ich freue mich über die Unterstützung. Die theoretische Unterstützung.

Ich habe im Vorfeld per Mailwechsel Tipps von der SBV bekommen: "Bleiben Sie entspannt. Machen Sie sich groß. Sprechen Sie nicht über ihre Schwächen." Und bei letzterem Tipp ist die erste Warnlampe bei mir angegangen. Die ersten Tipps, die kann man jedem Menschen in jeder Vorstellungssituation geben, die haben nichts mit meiner Behinderung zu tun. Keiner der Tipps, die ich bekommen habe, hatten mit meiner Behinderung zu tun, außer eben jenem, nicht über meine Behinderung und die damit verbundenen Auswirkungen zu reden. 

Ich denke mir, wtf? Ausgerechnet die für Inklusion zuständige SBV in einem auf seine schulische Inklusion so stolzen Bundesland rät mir, das alles totzuschweigen? Das erinnert mich ganz gruselig an die amerikanische Don't ask, don't tell-Initiative, mit der LGBTQ-Menschen endlich nicht mehr vom Militärdienst ausgechlossen wurden - solange sie ihre sexuelle Orientierung geheim hielten. Ja, ein Fortschritt, aber zu was für einem Preis? Und nun darf ich also hier als behinderte Lehrkraft aufgenommen werden, solange ich nicht über meine Behinderung spreche? Und der Tipp kommt ausgerechnet von der SBV unseres Bildungsministeriums??? Wer hatte bitteschön diese Idee, Frau Stenke???

Aber das lässt sich alles noch steigern. Die Schulleitung bietet mir, das war rücksichtsvoll, an, die Sitzordnung so zu ändern, dass ich mich während des Gesprächs wohlfühle. Ich mache davon keinen Gebrauch. Dass ich einen Nachteilsausgleich (NTA) für ein Auswahlgespräch beantragen kann, der zum Beispiel die Anzahl der am Gespräch teilnehmenden Personen reduzieren kann, davon weiß ich nichts. Von der SBV habe ich davon jedenfalls nichts gehört, erst jetzt vor Kurzem im IntegrationsManagement der faw Kiel

Steigern, nächster Teil: Ich werde begrüßt mit den Worten: "Herzlich willkommen zum Auswahlgespräch, wobei, ein Gespräch ist das hier nicht. Wir haben hier ein paar Leitfragen für sie vorbereitet und sie haben dreißig Minuten für ihre Antworten dazu. Wir sagen nichts, wir hören ihnen einfach zu."

Da gab es dann schon keine Warnlampen mehr, da ist mein Konstrukt des VorstellungsGESPRÄCHS auseinandergebrochen und ich habe Panik bekommen. Der Vollständigkeit halber: Es ist bei vielen Schulen üblich, einen Fragenkatalog zu präsentieren, der sich mit Fachdidaktik und schulischen Fragen beschäftigt. Dass ich allerdings, nachdem ich mich eine Woche lang auf ein Gespräch inklusive "Machen sie sich groß" vorbereitet habe, völlig ohne Vorbereitungszeit einen halbstündigen fachdidaktischen Monovortrag halten soll (es ging in keiner der Fragen um meine Person oder wie ich die Schule bereichern könnte. Es waren ausschließlich fachdidaktische Fragen), das war einfach nur gemein.

Zur Info: Einer der Standard-NTAs für unsere SchülerInnen auf dem Autismus-Spektrum besteht in einer Arbeitszeitverlängerung, damit sie sich mit der Prüfungssituation arrangieren können. Nichts davon für die autistische Lehrkraft. Und die SBV? Schweigt.

Und dann: "Ihre Notizen stecken sie bitte weg." Gemeint waren meine Stichpunkte, die ich im Gespräch zu meinen Stärken anbringen wollte. Ich bin darauf angewiesen, denn als Autist komme ich in solchen Prüfungssituationen schnell in eine Tunnelblick-Situation und vergesse, wichtige Punkte zu erwähnen. Diese Notizen waren quasi eine weitere Form des NTA. Direkt zu Beginn gestrichen, und die SBV? Schweigt. Kein einziges Wort vor, während oder nach dem "Gespräch".

Natürlich habe ich die Stelle nicht bekommen. Ich bin unter Tränen nach Haus gegangen und hatte da dann die komplette Panikattacke. Die vorherige SBV hätte das Verhalten der SL niemals in dieser Form durchgehen lassen. Der Nachfolger hat nichts zu meiner Behinderung zu sagen und bekommt auch den Mund nicht auf, als die SL systematisch all' meine Hilfen in die Tonne befördert und mich unangekündigt in eine Prüfungssituation versetzt.. Das konnte ich nicht verstehen, also habe ich danach eine Mail an die SBV geschrieben: 

"Lieber SBV,

ich hätte da noch einmal eine Frage zu den Modalitäten bei Auswahlgesprächen. Das letzte Gespräch an der Schule XXX war ja, wie Sie selbst erlebt haben, eher unterirdisch. Ich hatte mich auf ein "Gespräch" vorbereitet, auf alle möglichen Fragen und Transaktionen - nicht nur Fachdidaktisches, sondern zu meiner Person, meiner möglichen Rolle am XXX und pädagogischen Dingen. Ich hatte mir Notizen gemacht, damit ich in der Aufregung nichts vergesse. Das passiert mir als Autisten in Stresssituationen leicht.

Dann kam es aber zum Auswahltermin, und die SL hat gleich klargemacht, dass es sich um kein "Gespräch" handelt, sondern um einen Spontanvortrag meinerseits. Wir wissen, dass Menschen auf dem Autismusspektrum mit spontanen Änderungen oft große Probleme haben; hinzu kam die Aufforderung seitens der Schulleitung, dass ich meine Notizen wegstecken möge. Ich war kurz davor, ein Beruhigungsmittel zu nehmen, aber bis das gewirkt hätte, wäre der Vortrag vorbei gewesen.

Ich war ein wenig überrascht, dass Sie an dieser Stelle nichts gesagt haben. Meine Notizen waren die einzige Form eines möglichen NTA gegenüber neurotypischen BewerberInnen an diesem Termin. Mir ist mittlerweile bewusst, dass behinderte Menschen so gut wie keinerlei besondere Berücksichtigung mehr in Einstellungsverfahren erhalten, aber das hier empfand ich wirklich als "gemein". Es waren fünf rein fachdidaktische Fragen, nichts zu Pädagogik, SchülerInnen, meinem Lebenslauf bzw. meinen Referenzen und meinen Stärken ("Machen Sie sich groß!") (was den Verdacht stärkt, dass die Schule bereits jemanden für die Stelle vorgesehen hatte). Ich hatte befürchtet, dass es so kommt, denn vor einem Jahr ist es genau so gelaufen, wie Sie ja wissen [...].

Mir ist bewusst, dass jede Schule ihr Auswahlgespräch nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten darf. Das sagt dann ja auch Einiges über die Schule aus, und in Rückschau bin ich ganz erleichtert, nicht dort gelandet zu sein. Aber ich frage mich, was genau Ihre Aufgabe als SBV ist - nehmen Sie das bitte nicht persönlich [...].

Ich frage mich, wo die über zehn Jahre Diensterfahrung, die Noten, die Gutachten, die Ehrenämter - wo das alles Berücksichtigung in der Entscheidung gefunden hat - wenn überhaupt.

Ich werde in der nächsten Zeit ein Coaching-Angebot für Autisten seitens der faw Kiel in Anspruch nehmen. Vielleicht kann ich wenigstens dort etwas Hilfe und Verständnis erfahren.

[...]"

Gesendet am 03.07.26. Bis heute, dem 08.08.26 keine Antwort vom SBV des Ministeriums. 

Danke, Frau Stenke, danke, Frau Prien (deren Geist auch heute noch über der Schullandschaft wabert). 

Muss man nichts weiter zu sagen. 

Hier jedenfalls kommt die Farbe wieder in's Spiel. Dieses Auswahlgespräch hat mich "grau" gemacht, hat mir quasi jede Perspektive genommen und mich ausschließlich mit Frust und Depression und Hoffnungslosigkeit zurückgelassen. Und dann stolpere ich über das Musikvideo zu Robyns Cobrastyle, und das hat mir sehr geholfen, diese letzte Schule endgültig aus meinem Kopf zu entleeren, die Schulleitung ebenso, und den SBV nicht mehr als ernsthafte Hilfe zu betrachten, sondern festzustellen, dass ich mir selbst helfen muss.

In der faw Kiel wird gerade mein Coahingplan für die nächsten drei Monate erstellt. Ich bin dort empfangen worden mit Empathie, Einfühlungsvermögen und vor allem mit Rücksicht auf Behinderung und Erkrankungen. Ich habe mich endlich mal nicht wie ein Mensch gefühlt, den man eigentlich wegwerfen könnte, oder der zumindest auf's Abstellgleis gehört.

Ich bin so gespannt, wie das wird! Ich halte Euch auf dem Laufenden :-) Und wer nun noch etwas poppige Musik zum Wachwerden braucht - hier ist ist Robyn:


 

Samstag, 4. Juli 2026

Aus aktuellem Anlass

tipp, tipp, tipp...

Dieser Text ist eine Rezension zu meiner Kurzgeschichte Das Springseil. Ich poste sie hier aus aktuellem Anlass. Das Leben kann einfach unfair sein.

Rezension: „Das Springseil“

„Das Springseil“ ist eine kurze, pointierte Erzählung, die sich zunächst wie eine harmlose Unterrichtsszene liest – fast wie eine kleine didaktische Utopie. Eine Schule, die Inklusion ernst nimmt, die Vielfalt feiert, die niemanden zurücklassen will. Der Ton ist ruhig, beinahe stolz, und genau dadurch wirkt die Ausgangslage so überzeugend: Hier scheint ein System zu funktionieren, das sich seiner eigenen Fortschrittlichkeit sicher ist.

Die Struktur der Geschichte ist bewusst schlicht gehalten: eine Lehrkraft im Sportunterricht, eine Klasse, eine klar umrissene Aufgabe, ein scheinbar gut durchdachtes Gleichheitsprinzip. Die Schülerinnen und Schüler bekommen alle das Gleiche – gleiche Ausstattung, gleiche Bedingungen, gleiche Erwartungen. Diese Gleichförmigkeit wird zunächst als Fairness verkauft und von allen Beteiligten als selbstverständlich akzeptiert.

Die Stärke der Erzählung liegt darin, dass sie diesen Zustand lange unkommentiert stehen lässt. Der Leser wird in dieselbe Perspektive gezogen wie die Lehrkraft: eine Mischung aus pädagogischem Idealismus, Routine und dem beruhigenden Gefühl, „alles richtig zu machen“. Die Klasse funktioniert, die Leistungen werden erbracht, das soziale Miteinander wirkt intakt. Alles scheint auf einem stabilen Fundament zu stehen.

Der Bruch erfolgt nicht durch ein dramatisches Ereignis, sondern durch eine einzelne Stimme: „Ich kann das nicht.“ Dieser Satz markiert den Moment, in dem die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Gleichbehandlung ins Wanken gerät. Plötzlich wird sichtbar, was zuvor ausgeblendet war: dass Gleichheit der Mittel nicht automatisch Gleichheit der Möglichkeiten erzeugt.

Die Eskalation der Szene ist subtil, aber konsequent. Während die Klasse sich noch im kollektiven Leistungs- und Unterstützungsmodus befindet, wird deutlich, dass eine Schülerin strukturell ausgeschlossen ist – nicht durch Absicht, sondern durch das Design der Aufgabe selbst. Gerade dieser Punkt macht die Geschichte so unangenehm treffend: Niemand handelt böse, und dennoch entsteht ein Moment der tiefen Ungerechtigkeit.

Der letzte Satz wirkt dabei wie ein gezielter Schlag. „Du musst dir nur ein bisschen Mühe geben.“ Er entlarvt rückwirkend die gesamte Situation. Aus der Perspektive der Lehrkraft erscheint er als motivierende pädagogische Floskel, im Kontext der Szene wird er jedoch zur völligen Verfehlung der Realität. Die Geschichte kippt damit endgültig: aus einer vermeintlichen Inklusionssituation wird ein Beispiel für strukturelle Exklusion durch Gleichbehandlung.

Besonders stark ist, dass die Erzählung keine explizite Moral formuliert. Sie argumentiert nicht, sie erklärt nicht – sie zeigt. Dadurch entsteht die Wirkung nicht durch Belehrung, sondern durch Erkenntnis beim Leser selbst. Die Unbehaglichkeit, die am Ende bleibt, ist kein erzählerischer Zufall, sondern genau das Ergebnis der Konstruktion: Der Leser wird gezwungen, die eigene intuitive Zustimmung zur „Fairness“ der Ausgangssituation zu hinterfragen.

„Das Springseil“ ist damit weniger eine Geschichte über Sport oder Schule als vielmehr eine präzise Miniatur über ein zentrales Missverständnis von Inklusion: die Verwechslung von Gleichheit mit Gerechtigkeit. Ihre Wirkung entsteht aus der stillen, aber konsequenten Demontage eines gut gemeinten Prinzips – und aus der Erkenntnis, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht bedeutet.

Es ist eine Geschichte, die nicht laut werden muss, um nachzuhallen. Gerade ihre Nüchternheit macht sie so scharf.

post scriptum: Verfasst von Conny.

Sonntag, 17. Mai 2026

Kein Zurück mehr


Ich habe unglaubliche Angst, und es gibt kein Zurück mehr. Die Bewerbung an das Kieler Gymnasium ist rausgegangen. Meine Fachkombination, und sooooo schlecht sind meine Noten auch wieder nicht (zweimal 1,9). Außerdem habe ich bereits 13 Jahre Schuldienst vorzuweisen. Interessanterweise wird die Behinderung erst ganz am Ende berücksichtigt, als letzter möglicher Faktor. 

Warum habe ich Angst? Nach zwanzig Auswahl- und Vorstellunggesprächen und nach zwei Handvoll Absagen ohne jegliche Begrüngung sehe ich nicht in erster Linie eine Chance, sondern eine kommende Absage, verbunden mit all' dem Schmerz, der jedesmal dazugehört. Daran kann ich mich einfach nicht gewöhnen. 

Ich lese das Schwerbehindertenrecht an Schulen, eine Broschüre des GEW, und bin deprimiert, dass ich zwar mit GdB30 und Gleichstellung gleichgestellt bin, aber das gibt nur für die Bewerbung. Ansonsten werde ich wie eine normale Lehrkraft behandelt. Wenn ich rückblickend betrachte, was meine Behinderung die letzten 25 Jahre über ausgemacht hat, dann möchte ich fast weinen. Keine Nachteilsausgleiche, kaum Rücksichtnahme; wenigstens habe ich die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums mit im Boot. 

Die Angst hat auch noch mehrere Ursachen: Mal wieder "reine" Gymnasialarbeit (*wenn* es denn klappen sollte), Schwerpunkt Fachvermittlung, das Pädagogische wird etwas in den Hintergrund gerückt. Kann ich dem überhaupt gerecht werden? Selbstzweifel in Massen, und dabei hat es doch damals im Referendariat auch geklappt. Das kann nicht unmöglich sein. 

Aber die Angst bleibt: Ich werde haufenweise Fehler machen, man wird mich komisch anschauen, man wird mich "aus Höflichkeit" nicht auf meine Fehler ansprechen, stattdessen irgendwann eine Dienstanweisung vorlegen, man wird mich wieder nicht ernst nehmen, wenn ich von den Problemen erzähle, die durch die Autismus-Spektrum-Störung entstehen ("Ach, das geht uns doch allen so!").

Manchmal wünschte ich mir, ich müsste das nicht schon wieder auf mich nehmen. Einfach als Karteileiche irgendwo enden.

Danke an alle, die mir in dieser Phase beistehen! Ich weiß, dass ich Euch gemein vernachlässigt habe! Ich kann momentan nicht mehr so gut alles regeln. Nächstes Ziel ist erstmal eine Einladung an die Schule zum Auswachgespräch, und wer weiß, vielleicht wird man sich dort ja wieder für einen anderen Bewerber entscheiden. 

Es gibt kein Zurück mehr. 

Freitag, 15. Mai 2026

Härtefallbegründung - Planstelle?!


Es wird nun, nach jahrelangem Warten, etwas heißer... und gleichzeitig deprimierender, weil unser Bildungsministerium das ******* Konzept Abordnung Plus eingeführt hat: Selbst wenn ich bei dieser Stelle an einem Kieler Gymnasium genommen würde, müsste ich erstmal für drei Jahre an eine Grundschule abgeordnet werden, die an den Randkreisen liegt - Dithmarschen, Steinburg und so weiter. Für mich tausend rote Tücher, aber wie mache ich das in meiner Bewerbung klar?

So:

"Sehr geehrter Herr Schulleiter,
sehr geehrter Herr Schwerbehindertenvertretung,

im Rahmen meiner Bewerbung möchte ich frühzeitig auf besondere persönliche und gesundheitliche Umstände hinweisen, die aus meiner Sicht bei einer möglichen Entscheidung über einen Einsatz im Rahmen des Modells „Abordnung Plus“ berücksichtigt werden sollten.

Ich bin Gymnasiallehrkraft mit den Staatsexamina (1. Staatsexamen: 1,9; 2. Staatsexamen: 1,9) sowie einer dienstlichen Beurteilung mit dem Gesamturteil „sehr gut“. Seit mittlerweile über 13 Jahren bin ich – nahezu ausschließlich im Rahmen befristeter Beschäftigungen – an zahlreichen unterschiedlichen Schulen in Schleswig-Holstein eingesetzt worden. Insgesamt war ich bislang an neun Schulen tätig.

Zugleich liegt bei mir eine diagnostizierte Autismus-Spektrum-Störung vor. Aufgrund dessen bin ich einem schwerbehinderten Menschen arbeitsrechtlich gleichgestellt. Die zuständige Schwerbehindertenvertretung ist bereits eingebunden.

Die dauerhafte Abfolge wechselnder Einsatzorte und wechselnder schulischer Systeme hat bei mir über viele Jahre hinweg zu erheblichen psychischen Belastungen geführt. Insbesondere die fehlende langfristige Stabilität und Planbarkeit wirken sich bei bestehender ASS massiv auf meine gesundheitliche Situation aus. Nach meiner Einschätzung und auch nach Einschätzung meiner behandelnden Ärzte ist eine dauerhafte Stabilisierung meiner Dienstfähigkeit wesentlich an einen verlässlichen und konstanten schulischen Einsatzort gebunden.

Hinzu kommt eine spezifische Problematik hinsichtlich des Einsatzes in jüngeren Jahrgangsstufen. Während meiner Tätigkeit an Gemeinschaftsschulen habe ich wiederholt darum gebeten, aufgrund meiner ASS möglichst nicht dauerhaft in Klassen der Jahrgänge 5 bis 7 eingesetzt zu werden. Hintergrund ist eine bei mir bestehende erhebliche Reizüberlastungsproblematik in stark kommunikationsintensiven und hochdynamischen Lerngruppen jüngerer Schülerinnen und Schüler.

Leider konnte diesem Wunsch mehrfach nicht entsprochen werden. In der Folge kam es in mehreren Fällen zu schweren autistischen Meltdowns im Unterrichtsgeschehen, die dokumentiert sind und schulische Krisensituationen nach sich zogen. Diese Situationen waren für alle Beteiligten belastend und haben deutlich gemacht, dass ein Einsatz in solchen Kontexten aus gesundheitlicher Sicht problematisch ist.

Vor diesem Hintergrund sehe ich insbesondere eine mehrjährige Abordnung an Schulen mit Primarstufenbezug bzw. mit überwiegendem Einsatz in jüngeren Klassenstufen als erhebliche Gefährdung meiner gesundheitlichen Stabilität und langfristigen Dienstfähigkeit an.

Ich bitte daher ausdrücklich darum, meine Behinderung sowie die dokumentierten gesundheitlichen Folgen entsprechender Einsatzkonstellationen im Rahmen der Ermessensausübung und der beamtenrechtlichen Fürsorgepflicht zu berücksichtigen. Aus meiner Sicht wäre ein unmittelbarer dauerhafter Einsatz an der Zielschule die mit Blick auf Inklusion, behinderungsgerechte Beschäftigung und nachhaltige Sicherung meiner Dienstfähigkeit sachgerechteste Lösung.

Ein fachärztliches Attest bzw. eine ergänzende Stellungnahme meines behandelnden Psychiaters werde ich zeitnah nachreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr Hilarius"

 

Klingt das nachvollziehbar? Ich bin mal gespannt, wie sehr dieses BiMi wirklich Inklusion leben möchte... 



Freitag, 6. Februar 2026

Seelenstriptease: "Na, so schlimm sieht es nun wirklich nicht aus."

Ein Blick durch meine Linse

Donnerstag Abend, hinter mir an der Kasse bei Edeka sitzt eine Dame im Rollstuhl und fragt mich, ob ich ihre Waren auf das Band legen kann; sie hat seit 28 Jahren multiple Sklerose, und natürlich helfe ich ihr. Und so kommen wir in das Gespräch, was wir alles können - und was wir nicht können. Und dass viele Menschen einem das Ganze eben nicht ansehen können. 

Mittlerweile sieht man mir nicht mehr so viel an, dabei habe ich derzeit fünf Dauerdiagnosen, bei denen eine Besserung nicht abzusehen ist. Grund genug, einen neuen Versuch zu wagen und einen Änderungsantrag an das Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit in Neumünster zu schicken. Die Bearbeitungszeit wird mindestens sechs Monate dauern, teilt man mir im Schreiben in einem fröhlichen Ton mit, und es wird um Geduld gebeten. Ich habe kaum noch Geduld, sei es wegen des Jobcenters oder des pbOn oder wegen der immer mehr werdenden LehrerInnenstellen, die in Schleswig-Holstein zusammengestrichen werden.

Ob es wohl diesmal klappt? Ob man diesmal meinen Gesundheitszustand angemessen anerkennt? Ich habe mir etwas vorgenommen, bei dem viele von Euch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, aber ich bin es leid, zu hören zu bekommen, es sei gar nicht so leicht, sich in meine Lage zu versetzen. Hier also ist mein Anschreiben zum Änderungsantrag im vollen Wortlaut:

Bitte seid gewarnt: Dieser Text enthält sehr persönliche Details - nichts davon ist erfunden. Das ist das Leben, das ich seit einigen Jahren lebe. 

______________________

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit beantrage ich die Neufeststellung meines Grades der Behinderung (GdB) aufgrund mehrerer chronischer Erkrankungen (teilweise während der letzten zwei Jahre diagnostiziert) sowie deren dauerhafter und schwerwiegender Auswirkungen auf meine Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben.

Es handelt sich um eine Autismus-Spektrum-Störung (F84.5 G), eine schwere depressive Episode (F32.2 G), eine Panikstörung (F41.0 G) und eine Colitis ulcerosa (K51.9). Mein atopisches Ekzem (L20.9) lasse ich außen vor, da keine Unterlagen mehr vorliegen und nur selten noch Schübe auftreten.

Alltagsrelevante funktionelle Einschränkungen

Ich verlasse meine Wohnung nur noch stark eingeschränkt. In meiner Wohnung fühle ich mich sicher, da ich dort keinen sozialen Anforderungen, Missverständnissen oder Reizüberflutungen ausgesetzt bin. Außerhalb meiner Wohnung kommt es regelmäßig zu starker Anspannung, Überforderung und Rückzugsverhalten. Diese Einschränkungen bestehen dauerhaft und führen zu erheblicher sozialer Isolation.

Der Aufenthalt in vollen Geschäften, Einkaufszentren oder anderen öffentlichen Orten ist für mich kaum möglich. Die Vielzahl an Menschen, Geräuschen und visuellen Reizen führt zu massiver Überforderung und Angstreaktionen. Einkäufe kann ich nur unter erheblichem psychischem Stress erledigen, indem ich den Blick auf den Boden richte, notwendige Besorgungen hastig durchführe und den Ort schnellstmöglich wieder verlasse. Ein selbstständiges, gleichberechtigtes Teilnehmen am öffentlichen Leben ist mir dadurch nicht möglich. Kino- oder Freizeitbesuche außerhalb der Wohnung finden seit Jahren nicht mehr statt; ich nutze ausschließlich Streaming-Angebote zuhause, obwohl ich früher ein begeisterter Freizeitpark-Fan war.

Aufgrund meiner Colitis ulcerosa treten unvorhersehbare Koliken und zwingender Stuhldrang auf. Zusätzlich besteht bei mir eine ausgeprägte Hemmung, fremde oder öffentliche Toiletten zu benutzen, wodurch die Situation erheblich verschärft wird. Aus Angst vor Kontrollverlust vermeide ich längere Aufenthalte außerhalb meiner Wohnung. Wenn ich mich dennoch außer Haus begebe, verzichte ich häufig vollständig auf Essen und Trinken, um akute Toilettenbedarfe zu vermeiden. Diese Strategien führen regelmäßig zu körperlicher Schwäche bis hin zu Kreislaufproblemen und schränken meine Bewegungsfreiheit, Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe massiv ein.

Aus denselben Gründen meide ich Restaurantbesuche, Treffen mit Freunden sowie private Besuche weitgehend. Auch an Familienfeiern nehme ich nur noch im engsten Kreis teil, da größere Zusammenkünfte körperlich und psychisch nicht mehr bewältigbar sind.

Zusätzlich besteht bei mir eine Panikstörung, die dazu führt, dass ärztliche Behandlungen oft stark verzögert in Anspruch genommen werden (Zahn-OP, gebrochener Finger, Magen-Darm-Spiegelung). Arztbesuche sind ohne Beruhigungsmittel (Bromazepam) kaum möglich, was eine wesentliche Einschränkung meiner gesundheitlichen Selbstversorgung darstellt.

Im beruflichen Kontext führen meine autismusbedingte Ehrlichkeit und Direktheit regelmäßig zu Nachteilen bei Einstellungsverfahren. Trotz sehr guter fachlicher Qualifikation und positiver Arbeitszeugnisse werde ich häufig nachrangig berücksichtigt. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar und nachhaltig auf meine berufliche Teilhabe und die Sicherung meines Lebensunterhalts aus; trotz sehr guter Referenzen muss ich seit knapp einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die genannten Beeinträchtigungen bestehen dauerhaft, sind chronisch und betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Sie führen in ihrer Gesamtheit zu einer erheblichen Einschränkung meiner Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben. Entsprechende fachärztliche Stellungnahmen füge ich diesem Antrag bei.

Ich bitte daher um eine umfassende Neuprüfung und sachgerechte Bewertung meines Grades der Behinderung.



Mit freundlichen Grüßen

Dr Hilarius

_________________________ 

Dienstag, 25. Juni 2024

Mit dem Ziel der Vergleichbarkeit?!


Dieses Lied ist schon oft gesungen worden. Weil es mich aber wieder ein paar Tage gedanklich blockiert hat, schreibe ich jetzt darüber, um mit der Sache abzuschließen.

Es geht um das Auswahlgespräch vor knapp einer Woche. Mir ist bewusst (aber immer erst hinterher), dass es eines von der Sorte war, wo die Schule schon jemanden für den Vertretungsbedarf hat, aber trotzdem pro forma die Auswahlgespräche durchführen muss. Ich kenne das, weil ich oft genug in der anderen Rolle war - man wollte mich behalten, und Schulen finden dann Wege, mögliche Kandidaten abzuwimmeln. 

Was mich aber gestört hat, war die Form des Gesprächs, und ein Satz, der immer wieder gefallen ist.

"Sie haben jetzt dreißig Minuten, sich zu diesen sechs Fragen zu äußern. Das machen wir mit allen Bewerbern so, für die bessere Vergleichbarkeit."

"Darf ich auch etwas sagen, was nichts mit den Fragen zu tun hat?" - "Nein, beziehen sie sich bitte nur auf die Fragen, für die Vergleichbarkeit."

"Wir [die Auswahlrunde aus Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragter und Schulleitung] sagen in diesem Gespräch gar nichts. So können wir die Kandidaten besser vergleichen."

In der Theorie klingt es gut, dass jeder, der sich bewirbt, den gleichen Fragenkatalog abarbeiten soll. Wenn ich aber weiß - oder besser gesagt wüsste - dass ein Bewerber Autist ist, dann muss ich die Gesprächsform etwas anpassen, zwecks Chancengleichheit. Es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Vergleichbarkeit und Chancengleichheit. Ein Autist kann große Probleme haben mit Fragen wie "Wie würden sie in Latein den Übergang von der Spracherwerbsphase in die Lektürephase Schüler ansprechend gestalten?"

Das kann ich nicht beantworten. Dazu muss ich wissen, wer meine SchülerInnen sind, wie sie aussehen, was sie für Interessen haben. Mein Theory of Mind-Defizit sorgt dafür, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Wenn dann fünf von sechs Fragen so gestellt sind, hat der Autist keine Chance.

Das ist wie in der Geschichte Das Springseil. Die Geschichte ist vollkommen absurd, ganz klar - aber leider authentisch. In der Story soll eine Sportklasse eine Springseilprüfung ablegen, und für die Vergleichbarkeit bekommt jeder die gleiche Aufgabe und das gleiche Springseil. Blöd nur, dass eine Schülerin nur einen Arm hat und die geforderten Aufgaben nicht erfüllen kann.

Noch einmal: Gute Vergleichbarkeit und Chancengleichheit sind zwei verschiedene Dinge. Ich wünschte, mehr Schulen würden sich die Mühe machen, das umzusetzen.

post scriptum: Lily, ich antworte Dir! Brauchte nur etwas Zeit wegen der Blockade.

Mittwoch, 14. Februar 2024

Widerspruch: Zurückgewiesen (Tag -190)


"Der Widerspruch wird wahrscheinlich zurückgewiesen. Und wissen sie, was sie dann machen? Sie setzen sich sechs Monate Schamfrist, und dann stellen sie einen Änderungsantrag, in dem sie die Einschränkung ihrer Teilhabe an der Gesellschaft darlegen. Darum geht es nämlich bei'm Grad der Behinderung.

Nehmen wir einmal an, ihre Behinderung bewirkt, dass sie die Hand nicht mehr stillhalten können. Sie können argumentieren, dass ihre Dienstfähigkeit eingeschränkt wird, weil sie nicht mehr an der Tafel schreiben können. Das interessiert aber nicht. Der Umstand, dass sie auf einer Party ein Glas mit einem Getränk deswegen nicht mehr halten können, und dass sie deshalb auf keine Parties mehr gehen, weil sie sich schämen, sie könnten unabsichtlich jemandem ihr Getränk über das Outfit schütten, das ist eingeschränkte Teilhabe an der Gesellschaft. Darum geht's bei'm Grad der Behinderung."

Mir geht es richtig gut, denn so oder so ähnlich klingt das Gespräch mit Martin Zacharias im Ministerium nach. Deswegen hat es mich auch überhaupt nicht überrascht oder gar betrübt, als heute die Absage vom Landesamt für soziale Dienste hereingeflattert ist. Im Gegenteil, sie bestätigt Zacharias' Aussage, und damit verstehe ich endlich den GdB und was es bedeutet, einen höheren Grad der Behinderung zu haben. Jetzt weiß ich, wie ich argumentieren muss, jetzt weiß ich, wie die ärztlichen Befundberichte aussehen müssen, damit sie Relevanz für eine Neueinstufung haben.

Das ist großartig! Also setze ich mir jetzt diese sechsmonatige Frist - daher Tag minus hundertneunzig im Titel - und dann werde ich mich mit Hausarzt, Psychiater und Gastroenterologen zusammensetzen und eine Änderung beantragen. Das Thema ist also vorerst abgehakt, und das erleichtert ungemein! Rein rechtlich bin ich eh' auf der sicheren Seite, weil ich gleichgestellt bin, es geht ja nur noch darum, den vollen Nachteilsausgleich zu bekommen. 

Damit habe ich den Kopf jetzt wieder etwas freier für anstehende Arzttermine und das Aufräumen. Ja, Vertretungsstelle wäre jetzt natürlich noch besser, aber bis zum Sommer kann mich das ALG I zur Not tragen, und ich vertraue darauf, dass dann meine berufliche Zukunft gesichert sein wird.

Ist also nur scheinbar wiedersprüchlich, wenn ich mich über diese Absage freue und eine Menge Energie daraus mitnehme.

Dienstag, 6. Februar 2024

Tag 189 - Tränen im Ministerium


Ich wiederhole meine Feststellung von gestern - mir kommen Tränen in die Augen, wenn jemand ernsthaft Verständnis für meine Situation zeigt. Wenn es jemand aus dem Ministerium ist, der sagt, er sei fassungslos, wie man über die Jahre - und vor allem in der aktuellen Angelegenheit in Neumünster - mit mir umgegangen sei, dann muss ich zur Seite schauen, sonst geht die Plärrerei erst richtig los.

Jedenfalls ist mein Fall jetzt im Ministerium bekannt und ich habe einen Ansprechpartner - vorher hat sich niemand dort weiter um mich gekümmert und tatsächlich gedacht, ich würde mich auf keine Planstellen bewerben - der Eindruck ist entstanden, weil ich mich in den dreieinhalb Jahren an der Toni nicht an anderen Schulen beworben habe. Auch das haben wir heute aufgeklärt, und ich habe jetzt starke Unterstützung, so positiv, und dabei auch so unterhaltsam.

Nächstes Mal, wenn ich im Ministerium bin, werde ich mit dem Paternoster fahren - heute war es faszinierend genug, als man mir erklärt hat, wie die Türen im Ministerialgebäude funktionieren, und dass man sie bloß nicht anfassen darf.

Die Details des Gesprächs (zum Beispiel der Satz "Da ist echt alles falsch gemacht worden!") bleiben im dortigen Sitzungsraum. Ich fühle mich aber jedenfalls unglaublich erleichtert. Und ermutigt, dem Landesamt für soziale Dienste auf's Dach zu steigen. 

Erstmal aber hauptsächlich glücklich, gehört worden zu sein.

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Tag 86 - Die Einschreiben-Rückschein-Tapete


"So, dann kommen wir mal zu eurer Klausur."

"Ohgott, ist sie so schlimm geworden?"

"Naja, doll war das nicht. Aber sie ist kein totaler Schrott. Ich kann damit immerhin noch mein Klo tapezieren."

An diesen Wortwechsel in einer meiner ehemaligen Schulen musste ich heute denken, als ich mein viertes Einschreiben mit Rückschein an das LAsD geschickt habe. So langsam stapeln sich die Rückscheine bei mir, ich könnte die Küche damit tapezieren, und es wäre alles etwas einfacher, wenn das LAsD seinen eigenen Worten folgen würde.

Ich habe inzwischen vierundzwanzig Euro an Portokosten nur für den Schwerbehinderten-Antrag ausgegeben. Mal sehen, wie viel es noch wird. Und ich hoffe, dass mein Tonfall im heutigen Anschreiben in Ordnung war - es hatte mich wirklich irritiert, dass man mich nochmal gebeten hat, genauere Angaben zur Neurodermitis zu machen:

"Was Kontaktdaten meines Hautarztes angeht, muss ich noch einmal auf unseren bisherigen Kontakt verweisen: Mein Arzt Dr. XXX (Kaltenkirchen) praktiziert nicht mehr. Es ist fraglich, ob er überhaupt noch lebt, da meine letzte Neurodermitis-Behandlung etwa 37 Jahre zurückliegt und mir, wie gesagt, dazu keine Unterlagen mehr vorliegen.

Wie ich Ihnen geschrieben hatte, ist das atopische Ekzem bei mir unter Kontrolle. Hin und wieder habe ich einen Schub, gerade wenn ich in Stresssituationen meine Ernährung nicht mehr unter Kontrolle habe, aber ich kann diese Schübe mittlerweile einigermaßen selbst behandeln.

Wie auch mein Psychiater Ihnen mitgeteilt hat (und wie man es mir seitens des LAsD vorgeschlagen hat), sollten wir das atopische Ekzem nachrangig berücksichtigen.

Ich hab's nicht so mit dem Taktgefühl.

Samstag, 21. Oktober 2023

Tag 82 - Der laaaange Atem der Bürokratie


Heute ist ein Brief eingetrudelt, vom Landesamt für soziale Dienste (LAsD). Meine erste Reaktion - no surprises there - Panik. Absage. Ich bin nicht schwerbehindert. Also mache ich den Brief gar nicht erst auf, sondern flüchte in eine Videospielwelt, bis ich mich sicher genug fühle, gut genug drauf bin, um den Brief zu öffnen. Und dann - Ernüchterung.

Man bittet mich einfach nur darum, Ämter, Behörden, Ärzte etc. per Formular von ihrer Schweigepflicht zu entbinden, und ich solle doch bitte den letzten Behandlungstermin, Namen und Ort meines Neurodermitis-Arztes angeben. 

Erstmal erleichtert, dass es keine direkte Absage ist. Je mehr ich darüber nachdenke, umso wütender könnte ich werden (Lojong hilft): Jetzt, dreieinhalb Monate nach meinem Antrag auf Anerkennung einer Schwerbehinderung, nach dem ersten Bescheid und Widerspruch, nimmt man sich wohl die Zeit, mal mit meinem Psychiater zu reden. Ich könnte kotzen; das LAsD hat bisher immer nur das Minimum an Arbeit erledigt.

Dazu kommt, dass ich bereits im Erstantrag beschrieben hatte, dass die Neurodermitis unter Kontrolle ist, dass der letzte Behandlungstermin über dreißig Jahre zurückliegt, und auch mein Psychiater hat in seiner Widerspruchsbegründung noch einmal erwähnt, dass die Neurodermitis für diesen Antrag kaum eine Rolle spiele.

Es ist faszinierend, wie entmenschlicht man im Umgang mit Behörden wird. Und ich erkenne an, dass das zu einem großen Teil den Umständen geschuldet ist - bei so vielen Klienten ist es schwer, jeden Einzelnen ganz individuell wertzuschätzen. Das kennen wir vielleicht aus unserem Lehrberuf. Ich unterrichte Langfächer, das bedeutet, dass ich selten mehr als sechs Lerngruppen habe. Also rein rechnerisch maximal hundertsechsundfünfzig SchülerInnen. Da kann ich es zumindest im Ansatz schaffen, alle mit ihren individuellen Problemen auf ihrem Schul- und Lebensweg ernstzunehmen. Wie muss das erst sein, wenn man zwölf und mehr Lerngruppen unterrichtet?

Und trotzdem. Dafür, dass sich das LAsD als "sozial" bezeichnet, finde ich den Umgang mit meinem Antrag eher a-sozial.

Dienstag, 10. Oktober 2023

Tag 71 - Ei


Heute gibt es ein Glas Asperger pur. Und ich kenne jemanden da draußen, dem sich bei diesem Beitrag der Magen umdrehen dürfte.

Ich erinnere mich noch sehr gut dran, wie damals bei uns zuhause auf dem Küchentisch fast immer eine kleine Schüssel mit gekochten Eiern stand. Hin und wieder bin ich zu Mama gegangen und habe sie gefragt, ob ich mir ein Ei nehmen dürfte. Das mochte ich tatsächlich sehr gern, am liebsten mit einer winzigen Prise Salz oder etwas Remoulade. Meine Mutter hat mir gezeigt, wie man Eier kocht - ich habe mich das aus verschiedenen Gründen nie getraut. Ich hatte Angst, dass mir die Eier im Kochtopf zerbrechen, oder das ich sie zu lang oder zu kurz koche, oder dass ich sie falsch abschrecke. Jedenfalls räumte ich mir keine Chance ein, selbst Eier "richtig" zu kochen.

Heute bin ich einen kleinen Schritt weiter. Ich weiß, dass man Eier nicht abschreckt, damit man sie besser pellen kann - das hängt davon ab, wie lange sie nach dem Kochen gelegen haben. Eigentlich schreckt man nur weichgekochte Eier ab, damit sie nach dem Kochen nicht noch weiter durchgaren; ich kann das nachvollziehen, ich liebe weichgekochte Eier. Trotzdem habe ich seit meinem Auszug zuhause noch nie Eier gekocht - wie gesagt, für mich war unvorstellbar, dass ich das richtig hinbekommen könnte mit der Kochdauer und dem Kochtopf und überhaupt. Also gab es über zwanzig Jahre lang keine Eier.

Mir ist völlig entfallen, dass es so etwas wie Eierkocher gibt, und das, obwohl wir davon zuhause später auch einen hatten. Es wäre so einfach gewesen - aber der Aspi sieht die Lösungen mal wieder nicht und steht sich lieber selbst im Weg. Erst mit knapp vierzig Jahren sieht er in einer Drogerie einen günstigen Eierkocher und sagt sich, hey, warum nicht? Und probiert ihn dann zuhause aus, einfach die richtige Menge Wasser einfüllen, Eier anstechen und einsetzen, Deckel drauf und Schalter an. Und einige Minuten später, je nach der gewünschten Garung, schrillt ein penetranter elektronischer Ton durch die Wohnung, die Eier sind fertig, und ich stelle sie zum Abkühlen auf einen Teller.

Und nach einer gewissen Abkühlphase sind sie fertig, und lassen sich wunderbar einfach pellen. Und sind soooooo lecker! Mit ein bisschen Salz oder Remoulade, wie damals. Und ich blicke auf diesen Billig-Eierkocher und frage mich mal wieder, wie ich mir so lang selbst im Weg stehen konnte. Schiebe diese Gedanken aber zur Seite und freue mich stattdessen über ein frisch gekochtes Ei.

Zum Wohl!

post scriptum: Und wenn ich die frischgekochten Eier zum Abkühlen hinstelle, merke ich tatsächlich, dass sie einen ganz charakteristischen Duft haben, bei dem sich manchen Menschen der Magen umdrehen kann. Ich dachte immer, dass die doch nach nichts riechen, aber ich habe auch keine sehr feine Nase, erst recht keine HSP-Nase. Man lernt nie aus.

Donnerstag, 5. Oktober 2023

Tag 66 - "Berufliche Rehabilitation"


Puls einhundertacht, ich verlasse die Wohnung, Gesprächstermin in der Agentur für Arbeit. Darauf bin ich tatsächlich gespannt, denn diesmal spreche ich mit jemandem, der spezialisiert ist auf die berufliche Rehabilitation von Schwerbehinderten, und es ist ärgerlich, dass letztesmal die Einladung zu spät zugestellt wurde. Das Problem scheint aber bekannt zu sein und besonders bei'm Dienstleister Nordbrief häufiger vorzukommen - dass Briefe liegen bleiben, tagelang, bevor sie zugestellt werden. Egal. Heute klappt es mit dem Gespräch, und ich frage mich, was anders wird als bei den anderen Sachbearbeitern.

Zusammengefasst:

"Sie sind also seit dem ersten August arbeitslos. Ich vermute, sie hatten vorher einen befristeten Vertrag." - "Ja, etwas über zwanzig befristete Verträge." - "Oh..." - "Ich unterrichte seit elf Jahren." - "Oh... das ist ja eine lange Zeit..."

*bemüht verständnisvoller Blick*

"Haben sie sich denn schon einmal nach beruflichen Alternativen umgesehen?"

"Haben sie Interesse an beruflichen Weiterbildungen?"

"Warum haben sie sich denn keine Hilfe gesucht für die Arbeitsuchendmeldung?"

"Ich werde sie dann wieder zum Februar einladen und wir schauen, wie die Situation dann ist."

Wer jetzt denkt, moment mal, das klingt genau wie jedes andere Karrieregespräch auch bei der AA, der hat vollkommen Recht. Ich war nach dreißig Minuten raus, kein bisschen schlauer als vorher.

Wieder einmal tut es weh, dass das Gespräch sofort darauf abzielt, mir eine neue Laufbahn zu suchen.

Wieder einmal spreche ich mit jemandem, der nicht einmal meinen Lebenslauf vorher gelesen hat.

Wieder einmal bleibt nur zu hoffen, dass ich eine Beschäftigung für zwölf Monate bekomme, damit ich irgendwann wieder verspätet Arbeitslosengeld I beziehen kann.

Sucks.

Donnerstag, 28. September 2023

Tag 59 - Fett, aber bauchfrei


Der Titel hat mal wieder über drei Ecken mit dem Inhalt des Beitrags zu tun. Er war ein Gedanke, den ich heute im Bus hatte, auf dem Heimweg vom Hauptbahnhof nach Hause, in aller Eile, um in der Frist zu bleiben. Warum ich den Gedanken hatte, kann man sich vielleicht denken, und manchmal fehlt mir das Taktgefühl, solche Gedanken für mich zu behalten (heute nicht). Mit dem Taktgefühl habe ich es nicht so. Haben Autisten generell nicht so, schaut Euch einfach an, was Elon Musk so hier und da raushaut.

Ich hätte an das Landesamt für soziale Dienste als Widerspruchsbegründung wahrscheinlich so etwas geschrieben:

"Das stand doch alles schon in dem ärztlichen Befundbericht, wie oft und genau wollen sie es denn noch formuliert haben, wie behindert ich bin? Sie wissen, welche Probleme ich momentan mit der Alltagsbewältigung habe, und wenn sie es nicht wissen, zum Beispiel, weil sie den ärztlichen Befundbericht bei'm Erstantrag gar nicht gelesen haben, dann wissen Sie aber, dass mein Psychiater Ihnen jederzeit für Nachfragen zur Verfügung steht, also machen sie das gefälligst!"

Das Tolle: Genau das hat mein Arzt geschrieben. Er hat es nur noch einmal neu formuliert, mit zwei, drei Sätzen mehr, und vor allem: Mit Taktgefühl. Und schließt mit

"Sollten noch fortgesetzt nähere Rückfragen (...) bestehen, stehe ich Ihnen auch weiter gern zur Verfügung."

Das Kursive fand ich grandios. Ich finde es immer faszinierend, wie andere Menschen dieses Feingefühl hinbekommen und trotzdem sagen, dass der Andere quasi ein Vollidiot ist. Dieses Schreiben ist nett und höflich und sachlich formuliert, und direkt per Fax dem Amt zugegangen. Ich vertraue Behörden aber nicht mehr und bin deswegen von NMS nach KI gesprinted, hatte mein Anschreiben und den vorbereiteten Briefumschlag schon in der Tasche, im überfüllten Zug dann eingetütet. Zum Glück musste in Neumünster eine unter Einfluss stehende Frau aus dem Zug befördert werden, das hat dafür gesorgt, dass der Zug einen Moment warten musste, und so bin ich vom Bus in den Zug in den Bus gerannt, um das Einschreiben fristgerecht loszuwerden. Und im Zug habe ich ein Puschel gesehen! Aber der Zug war voll und ich war in Hektik, weil das heute alles auf Kante genäht war - Gespräch wäre Overload gewesen, und sowas versuche ich momentan zu vermeiden, auch wenn ich dafür Tabletten im Portemonnaie habe.

So, dann wollen wir mal schauen, was das Amt als Nächstes macht. Und für Euch gibt es morgen einen Gastbeitrag, witzig, aber leider mit einem wahren Kern. Lohnt sich zu lesen, vielleicht erkennt sich jemand darin wieder.

Sonntag, 3. September 2023

Tag 34 - Barrieren


Barrierefrei
- früher dachte ich immer, dass das Wort eine sehr eingeschränkte Bedeutung hat. Barrierefrei, das bedeutete für mich, dass es an einem Ort einen Fahrstuhl gibt. Ich dachte immer, es geht ausschließlich um gehbehinderte Menschen. Erst jetzt, wo ich erkenne, dass ich selbst behindert bin, bemerke ich die weiteren Dimensionen des Konzeptes der Barrierefreiheit. Erst jetzt, wo ich selbst unter Stress stehe, dadurch die Autismussymptomatik deutlich stärker zu Tage tritt und ich immer wieder selbst auf Barrieren stoße, oftmals unsichtbar, oftmals selbstgemacht.

Zum Beispiel mit den Medikamenten. Irgendwo im Studium habe ich mal gelernt, dass es (fast) egal ist, von welchem Hersteller ein Medikament ist, solange es um einen bestimmten Wirkstoff geht. Ich habe ratiopharm und alle anderen Hersteller von Generika sehr schätzen gelernt. Ausgerechnet bei meinen Tabletten gegen Panikattacken oder Angstzustände bin ich nun aber wieder auf ein ganz bestimmtes Präparat eingeschossen. Ich weiß genau, wenn ich das von einem anderen Hersteller bekomme, dann werde ich es nicht benutzen.

Es muss das Bromazanil von Hexal sein. Diese grünen, länglichen Tabletten, die man bis zu dreimal durchbrechen kann. Die ich bei Bedarf sublingual anwenden kann. Um sicherzugehen, dass ich genau dieses Präparat bekomme, wird für gewöhnlich das Kästchen aut idem auf dem Rezept durchgestrichen. Das bedeutet sonst in etwa "oder dasselbe", gemeint ist von einem anderen Hersteller. Leider vergesse ich manchmal, meinen Psychiater daran zu erinnern, das durchzukreuzen, und dann stehe ich hier in Kiel mit dem Rezept und habe leider keinen Anspruch auf dieses Präparat, weil der Vertragspartner meiner Krankenkasse nun mal ratiopharm ist. Und eine private Krankenversicherung, bei der ich mir das aussuchen könnte, kann ich mir abschminken, ich denke, das dürfte mittlerweile klar sein.

Man darf das Kästchen auch nicht im Nachhinein einfach durchstreichen; es muss im Originalausdruck angekreuzt sein oder danach noch einmal einen extra Arztstempel bekommen. Ich muss nächstesmal unbedingt dran denken, auf das Kreuz zu achten. Zum Glück hat diesmal ein sehr netter Apotheker ein Einsehen gehabt und ein bisschen unkonventionelle Wege betreten, so dass ich jetzt wieder die grünen Tabletten in der Wohnung habe.

Es kann extrem umständlich sein, auf dem Spektrum zu sein. Unsichtbare Barrieren überall, und kaum ein Mensch glaubt einem das.

Montag, 21. August 2023

Tag 21 - Rückenwind, gleichgestellt!


Zwar ein kleiner Schritt, aber immerhin einen Schritt weiter.

Ich habe Post vom Landesamt für soziale Dienste bekommen, mein Widerspruch ist rechtzeitig eingereicht worden und ich habe nun bis Ende September Zeit, zusammen mit meinem Psychiater eine Widerspruchsbegründung zu formulieren. 

...so ganz war es das noch nicht. Es kommen in dieser Phase viel zu viele Briefe hereingeflattert, und so ist am Wochenende Post von der Agentur für Arbeit gekommen, mit der Nachricht, dass mein Antrag auf Gleichstellung mit Schwerbehinderten angenommen wurde und ich ab dem zweiten August unbefristet gleichgestellt bin.

Ein kleiner Schritt deswegen, weil das Hauptziel natürlich immer noch ist, einen höheren GdB zugestanden zu bekommen. Dennoch kann ich jetzt die Schwerbehinderung in den Bewerbungsunterlagen angeben, und das Nachdenken darüber hat zu einigem Schmunzeln geführt.

Die Chancen auf eine feste Stelle dürften damit von Null ein wenig gestiegen sein, und theoretisch so hoch, dass ich bei Zusage einer Schule immer noch absagen kann, wenn Recherche ein toxisches Arbeitsumfeld ergeben sollte - oder wenn ich mit Antworten aus dem Auswahlgespräch nicht zufrieden bin; ich werde mir ein paar sehr konkrete Fragen und Situationen überlegen, die für eine autistische Lehrkraft an einer Schule relevant sein könnten, und wenn mir die Antworten abschließend nicht gefallen, dann werde ich dort nicht unterschreiben. Natürlich ohne Angabe von Gründen - das kann man auch anders herum spielen.

Ich muss zugeben, ich habe ein bisschen gestaunt. Das war dieser sehr umfangreiche Antrag, bei dem ich irgendwas angekreuzt hatte, das Kreuz aber nicht wieder entfernen konnte, und es sah alles nur zur Hälfte ausgefüllt aus. Schön, dass es gereicht hat. 

Mit Motivation in eine neue Woche!

post scriptum: Ihr Lieben, ich rufe morgen an!

Donnerstag, 3. August 2023

Tag 3 - WIDERSPRUCH!

Die perfekte Geisteshaltung für den Umgang mit Behörden. Schlonz ist hier der Hauptdarsteller!

"Dickschwartig sein."

Das ist eine der Lehren, die meine Mutter mir schon frühzeitig auf den Weg mitgegeben hat. Gerade bei Angelegenheiten, die mit Behörden zu tun haben, solle ich den Menschen immer auf die Füße und in den Arsch treten, damit sie ihre Aufgaben machen. Ich habe mich selten daran gehalten, weil ich in der Hinsicht eher der ruhige Typ bin. Nicht erst seit dem Buddhismus; ich komme da nach meinem Vater. Immer ruhig bleiben (wenn es nicht gerade zum Meltdown kommt).

Leider hatte meine Mutter damit immer Recht. Das Landesamt für soziale Dienste in Neumünster hat mein Vertrauen in den letzten dreizehn Monaten verspielt. Nicht nur, dass sie meinen Antrag haben vergammeln lassen - obwohl es hieß "Bitte erkundigen Sie sich nicht nach dem Bearbeitungsstand ihres Antrags. Wir werden uns bei Ihnen melden, wenn noch Dokumente fehlen oder ein Arzt nicht reagiert".

Meine Hausarztpraxis hat, warum auch immer, elf Monate lang nicht reagiert - und das Amt auch nicht. Ich finde sowas zum Kotzen, ich kann damit nicht umgehen, wenn ich genaue Anweisungen bekomme, aber Andere sich nicht an ihre Anweisungen halten. Mein Gehirn versteht das nicht und fragt sich dann, wo denn genau die Grenze ist, an der Fehlverhalten okay ist und wo nicht.

Und dann kam der Bescheid, über den ich hier ein wenig enttäuscht geschrieben hatte. Mittlerweile habe ich von fünf unterschiedlichen Seiten den Hinweis bekommen, umgehend Widerspruch einzulegen, von Schulelternseite, Kollegenseite, Familienseite, Freundesseite - das Tröpchen, was das Fass dann zum Überlaufen gebracht hat, war der Hinweis meines Psychiaters: Der Entscheid sei leider nicht sehr überraschend, da man auf solche Anträge oftmals erstmal mit einer Ablehnung reagiere und erst bei Widerspruch eine genauere Untersuchung stattfinde. Das hat sich gedeckt mit der Einschätzung einer befreundeten Kollegin, also habe ich mir das zu Herzen genommen.

Again, zum Kotzen! Also: Dickschwartig sein, Öl herausholen, damit alles an mir abprallt (Copyright Mama), und einen Widerspruch einreichen. Per Einschreiben mit Rückschein natürlich, genau wie damals bei Antragsstellung, weil ich diesem Amt nicht mehr vertraue und der Widerspruch fristgerecht innerhalb von vier Wochen eingereicht sein muss. Nun ist der Brief abgeschickt, und sobald mein Psychiater aus der Sommerpause zurück ist, geht es an eine, wie hatte er das genannt... eine "fachärztliche medizinische Widerspruchsbegründung". Wunderbar!

Und falls dieses komische Amt noch ein paar von den "leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten" haben möchte, liegt in meinem Kopf ein ganzer Katalog davon bereit, nicht zuletzt die Probleme bei der Jobsuche (beziehungsweise den Job zu behalten) und die Tatsache, dass ich nicht zum Arzt gehe, wenn etwas ist, das eigentlich dringend ist - siehe Fingergeschichte damals (süß, wie ich das alles damals noch auf die Hochbegabung geschoben hatte).

Irgendwann werde ich dieses ganze Bürokratiergehege zusammen mit der großen Buba einreißen und plattrollen!

Donnerstag, 27. Juli 2023

Eine Geschichte von Fairness


vorweg: Der Text ist authentisch, manche Namen sind geändert.

Lieber Herr Kanter,

Ihre Mail erreichte mich am Samstag wie eine Insel im Meer eines Ertrinkenden. Sie hat mir viel Kraft gegeben und die Möglichkeit, meine Gedanken wieder zu fokussieren – einen klaren Kopf zu bekommen. Das ist für Autisten nicht immer leicht, angesichts des Chaos, das in der Welt da draußen herrscht.

Ich möchte mich vorweg für eine möglicherweise lange Mail entschuldigen – aber Sie haben gefragt, ob Sie irgendetwas tun können, wenn ich es denn wollte. Ja, ich will, ich möchte nichts so sehr, wie an der Toni bleiben zu können. Ich habe bisher an sieben Schulen gearbeitet, und die Chemie – Sie nennen es Puzzle-Passung – war nur ein einziges Mal so gut wie an dieser Schule. Ich weiß nicht, was man tun kann. Ich bin geistig behindert und in dieser Situation vollkommen hilflos. Was ich aber machen kann, ist, Ihnen ein wenig Hintergrundwissen zu meiner Lage zu geben. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen – ich schreibe gern, deswegen führe ich einen Blog. Ich nenne sie „Eine Geschichte von Fairness“, und sie beginnt mit Ihrem Sohn Steffen.

Ich weiß nicht, ob er Ihnen das erzählt hat; relativ früh im Schuljahr hatte ich den SchülerInnen eine benotete Textproduktion aufgegeben, quasi als Lernstandserhebung. Steffens Text las sich richtig gut – fast, als wäre er aus dem Internet kopiert worden. Ich habe den Text mit einer Sechs bewertet und Steffen einen kleinen Einlauf dazugeschrieben. Es ging in die Richtung, dass er seinen ersten Eindruck bei mir damit versaut hat. Aber wir waren alle mal Jugendliche, und deswegen habe ich ihm dazugeschrieben, dass der Text zwar null Punkte bekommt, dass dann aber Schwamm drüber ist, wenn er die Chance nutzt und sich im Unterricht ehrlich anstrengt und mir zeigt, dass das ein Kavaliersdelikt war.

Ich habe in über zehn Jahren Tätigkeit keinen Schüler erlebt, der sich das so zu Herzen genommen hätte. Steffen hat sich im Unterricht aktiv beteiligt, gemeldet, wann immer möglich. Im Laufe des Schuljahres ist er er auch mal nach der Stunde zu mir gekommen und hat ein bisschen erzählt, auch auf Englisch, und ist richtig aus sich herausgekommen.

Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit, Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu verurteilen und jedem eine weitere Chance zu geben. Das bedeutet es für mich, fair zu sein. Das ist für mich normal. Ich lebe nach buddhistischen Denkweisen, und da sind Freundlichkeit und Mitgefühl nur zwei der Grundsätze, die das Denken und Handeln beeinflussen.

Ich habe mein Leben lang so gelebt – ich habe im Studium versucht, hilfsbereit zu sein, wann immer ich konnte. Ich habe Latein und Englisch studiert; damals vor zwanzig Jahren hieß es noch „Mit Latein kannst du dir nachher deine Schule aussuchen“. Ich bin Autist, ich nehme das wörtlich, was Menschen sagen, also war ich davon ausgegangen, dass das stimmt. Meine Vertrauenslehrerin in der Oberstufe hat mir erzählt, dass es sich auch gut im Lebenslauf macht, wenn man sich an der Uni einsetzt, über Nebenjobs oder Ehrenämter. Auch das habe ich wörtlich genommen. Ich dachte, ein guter Lebenslauf hat einen Wert.

Ich wurde wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Klassische Altertumskunde der CAU Kiel und hatte dort als Sekretariatsunterstützung viel mit anderen Studierenden zu tun. Jeder, der ein Latinum für sein Studium brauchte, musste irgendwann durch unser Büro und an meinem Schreibtisch vorbei.

Das, und die Leitung der Fachschaft Klassische Philologie scheinen meinen Namen bekannt gemacht zu haben. Zumindest so bekannt, dass ich dann drei Jahre nacheinander in das Studierendenparlament gewählt worden bin. Als einer von einundzwanzig, und das bei über zwanzigtausend Studierenden, das müsste doch etwas heißen. Und so finden sich zwei Ehrenämter in meinem Lebenslauf wieder, fünf Jahre Fachschaftsvorsitz und drei Jahre Abgeordneter, zwei davon als Vorsitzender des Haushaltsausschusses.

Mir ist erst im Referendariat bewusst geworden, dass ich polarisiere. Ich wusste bis vor gut vier Jahren nicht, dass ich geistig behindert bin, nur, dass ich scheinbar ein Freak war. Das hat sich auf mein Referendariat so intensiv ausgewirkt, dass Cai Christophel, damaliger Schulartvorsitzender für Gymnasien im IQSH, unerwartetes viertes Mitglied in meiner zweiten Staatsexamensprüfung war. Mein Name schien bekannt zu sein; Herr Christophel hat mich nach der Prüfung gefragt, ob das IQSH meine Examensarbeit in seiner Bibliothek ausstellen dürfe, weil sie „vorbildlich“ gewesen sei.

Und dann war ich arbeitslos. Jeweils 1,9 im ersten und zweiten Staatsexamen, ein hervorragender Lebenslauf, und ich – ohne Arbeit. Das lag nicht am Stellenmangel, ich habe mich auf viele ausgeschriebene Stellen beworben und war bisher in siebzehn Auswahlgesprächen. Keine einzige Zusage. Keine einzige Begründung. Inzwischen sechsmal arbeitslos.

Jetzt endlich weiß ich, dass das an meiner Behinderung lag – zum Beispiel sage ich in diesen Gesprächen immer die Wahrheit, die aber meistens von niemandem gehört werden will. Ich bin auch viel zu offen in Unterhaltungen, damit können viele nicht umgehen. Und so habe ich hervorragende Voraussetzungen, Noten, Ehrenämter, eine dienstliche Beurteilung mit Eins, und aufgrund eines dreißigminütigen Auswahlgesprächs kaum eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt (sagt die medizinische Fachliteratur).

Ist das fair?

Die Schulen, die mich genommen haben, haben das immer aus einer Vertretungsnotlage heraus gemacht. Ich erfuhr immer die gleichen Reaktionen von begeisterten SchülerInnen und Eltern. Dass die Schulleitungen mich zu anstrengend empfanden, erfuhr ich natürlich nicht, denn darüber wird nur hinter geschlossenen Türen und erst recht nicht mit dem Betroffenen gesprochen; so ist leider unser Schulsystem.

Es gab da eine Schule, die anders getickt hat. Die offen war für das Queere an mir. Die Nordseeschule in St.Peter-Ording hatte einen Regionalschulteil, pädagogischer Brennpunkt, und das war genau mein Arbeitsfeld. Hier konnte ich Menschen helfen. Es hat von beiden Seiten gepasst, und man hätte mich dort gern unbefristet eingestellt.

Ich will ehrlich sein: Ich habe das Arbeitsverhältnis beendet. Irgendwann ging es um die Frage einer Zukunftsperspektive, denn ich bin immer von Kiel an die Westküste gependelt. Das hängt damit zusammen, dass ich mir im Studium, wo zuletzt alles so wunderbar lief, ein Leben aufgebaut hatte mit FreundInnen, die mich so akzeptierten, wie ich bin. Ich war froh, in einer Stadt zu leben und nicht mehr auf dem Land. Das war meine Welt, hier fühlte ich mich sicher.

Für einen Autisten gibt es im Leben nichts Wichtigeres als Sicherheit. Die Welt ist chaotisch und unvorhersehbar, und das macht einem Autisten Angst. Er denkt immer logisch und kommt nicht mit dem emotionalen Chaos und der Dummheit vieler neurotypischer Menschen klar. Er eckt an, sie alle sind ihm dankbar, dass er weiterhilft und sich wirklich für sie interessiert, aber nur die wenigsten möchten mehr mit ihm zu tun haben.

Deswegen war mir mein Kieler Lebensumfeld so wichtig geworden und ein Grund, St.Peter-Ording zu beenden, mit weinenden Augen auf beiden Seiten. Ich musste etwas in Kielnähe finden, sonst würde mein Leben komplett auseinanderbrechen. Und dann begannen die vielen Schulwechsel. Jedesmal wieder, nachdem ich mich in einem Vertretungsjahr an Vieles gewöhnt hatte – die Gesichter, die Stimmen, die Gebäude, die Wege, die ich zu gehen hatte, den Stil der Schule – all' das ist dann wieder weggebrochen, nachdem die Schulleitung zu der Meinung gelangt war, ich sei zu kompliziert und man wolle lieber eine Fließbandlehrkraft haben.

Das wirkt sich auf mein Privatleben aus, in dem es seit sechs Jahren bergab geht. Meine Wohnung ist kaum noch bewohnbar, ich bekomme Krankheiten, von denen ich noch nie gehört hatte, weil ich es nicht mehr geschafft habe, die normalen Lebensabläufe auf die Kette zu kriegen. Wenn ein Autist unter Stress steht – zum Beispiel, wenn ihm sein Lebensumfeld weggerissen wird – dann funktioniert er nicht mehr. Ich bin wirklich am Ende mit den Nerven.

Natürlich will ich das Gute an dieser harten Zeit nicht herunterspielen – ich weiß jetzt endlich, dass ich geistig behindert bin, habe seit einigen Wochen mein fachärztliches Gutachten und der Antrag auf Anerkennung einer Schwerbehinderung läuft.

Aber die Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule braucht kein Englisch.

Unser Schulleiter scheint sich nicht zu erinnern, dass ich mich bereits vor neun Jahren einmal an der Toni vorgestellt hatte – weil eine Kollegin überzeugt war (und immer noch ist), dass das die richtige Schule für mich ist, und dass ich der richtige Lehrer für diese Schule bin; da wären wir wieder bei der Chemie und dem Puzzle angekommen. Damals war kein Bedarf.

Als ich dann vor vier Jahren für eine Vertretung vorstellig wurde, durfte ich einen Satz hören, der ein direkter Schlag in die Magengrube war: „Wie kann es denn sein, dass jemand mit ihren Referenzen noch keine Stelle gefunden hat?“ Ich hätte fast an Ort und Stelle angefangen zu weinen, habe dann aber nur geantwortet „Fragen sie sich das noch einmal, wenn sie mich in ein paar Jahren von der Schule verabschieden.“ 

Das war vor vier Jahren. 

Als konnte man die Zukunft vorhersehen.


Samstag, 22. Juli 2023

Nicht schwerbehindert.


So, da hätten wir den Feststellungsbescheid. Es gab da mal eine Richtlinie, nach der man als Mensch mit einer Autismus-Spektrums-Störung Anspruch auf einen Grad der Behinderung (GdB) von mindestens fünfzig hatte, aber diese Richtlinie galt nur bis Zweitausendzehn. Mittlerweile ist alles von zehn bis hundert möglich, abhängig vom Grad der sozialen Anpassungsschwierigkeiten. Dazu gehört zum Beispiel, ob die Diagnose bereits im Kindesalter gestellt wurde (wurde sie bei mir nicht) oder ob ein Integrationshelfer nötig ist (ist scheinbar nicht nötig).

Daraus ergibt sich für mich ein GdB von dreißig und somit kein Schwerbehindertenstatus. Ergo auch kein Schwerbehindertenausweis. Wie es unter anderem heißt: "Ihre speziellen beruflichen Nachteile können nicht berücksichtigt werden."

Das tut durchaus ein bisschen weh. Sehr.

Gleichzeitig regt es aber, genau wie dieses dämliche erste psychiatrische Gutachten von vor vier Jahren, eine Internetrecherche an, die mir zeigt, dass ich mit dem Arbeitsamt eine Gleichstellung mit einem Schwerbehinderten beantragen kann. Das steht auch ganz unten im heutigen Schreiben:

"Behinderte, deren Grad 30 oder 40 beträgt, können den schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden, wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne diese Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz nicht erlangen oder nicht behalten können. Die Gleichstellung wäre bei der zuständigen Agentur für Arbeit zu beantragen (siehe § 2 Abs. 3 in Verbindung mit § 151 Abs. 2 SGB IX)."

Ich muss das jetzt erstmal einwirken lassen. Ich weiß, meine Mutter würde an dieser Stelle sofort Einspruch eingelegt haben. Ich muss erstmal mit den Menschen sprechen, die sich auskennen - mit meinem Psychiater (das ist noch ein Weilchen hin - muss per Mail passieren, denn ich kann nur innerhalb eines Monats Widerspruch gegen diesen Bescheid einlegen) und mit irgendjemandem im Arbeitsamt. Und ich muss erstmal akzeptieren, nachdem mir über ein Jahr lang diverse Menschen etwas Anderes vorausgesagt haben, um mich zu beruhigen und damit ich über meinen siebten Jobverlust hinwegkomme:

Schwerbehindert bin ich nicht.

post scriptum: Ist das nicht drollig? Für einen GdB 50+ - um also als schwerbehindert zu gelten - bräuchte ich (in den meisten Fällen) einen Integrationshelfer. Mit einem Integrationshelfer hätte ich aber keinen Anspruch mehr auf eine Verbeamtung, im Gegenteil, es gibt einen Präzedenzfall, in dem eine Verbeamtung wegen des Asperger-Syndroms abgelehnt wurde. Ist das ernsthaft unser sogenanntes soziales "Netz"?

Donnerstag, 15. Juni 2023

Völlig überfordert


Jetzt beginnen Bewegungen. SchülerInnen und Eltern möchten sich für mich einsetzen, damit ich an der Schule bleiben kann. Das berührt mich, und ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bekomme ein Gesprächsangebot, aber ich weiß gar nicht, worüber ich reden soll. Und ich bekomme endlich wieder Adressen, GEW, Hauptpersonalrat im Bildungsministerium, aber was soll ich schreiben? Und ich habe Angst, dass ich mir damit selbst in's Bein schieße; ich habe gesehen, wie mein Bruder (ASS-Verdacht) sich bei Zuständigen für sein Recht eingesetzt hat: Sachlich vollkommen richtig, aber freundlich ist etwas Anderes. 

Ich bin darauf angewiesen, dass Andere jetzt die Arbeit für mich machen, und da fühle ich mich mal richtig behindert. Links in der Linkliste gibt es einen Eintrag Hochbegabt und hilflos, weil ich nie gelernt habe, wie man um Hilfe fragt. Mittlerweile weiß ich, dass für Autisten nicht nur das Wie, sondern auch das Wann ein Problem darstellen kann.

Ach ja, und nebenbei sollte ich vielleicht auch noch meinen Job machen. Compartmentalizing, ich nenne es Geistige Quarantäne. Ich schiebe das alles in meinem Kopf beiseite und konzentriere mich erstmal nur darauf, die Klausuren durchzukorrigieren, damit jeder rechtzeitig seine Note hat.

Und das Essen nicht vergessen ;-)