vorweg: Der Text ist authentisch, manche Namen sind geändert.Lieber Herr Kanter,
Ihre Mail erreichte mich am Samstag wie
eine Insel im Meer eines Ertrinkenden. Sie hat mir viel Kraft gegeben
und die Möglichkeit, meine Gedanken wieder zu fokussieren – einen
klaren Kopf zu bekommen. Das ist für Autisten nicht immer leicht,
angesichts des Chaos, das in der Welt da draußen herrscht.
Ich möchte mich vorweg für eine
möglicherweise lange Mail entschuldigen – aber Sie haben gefragt,
ob Sie irgendetwas tun können, wenn ich es denn wollte. Ja, ich
will, ich möchte nichts so sehr, wie an der Toni bleiben zu können.
Ich habe bisher an sieben Schulen gearbeitet, und die Chemie – Sie
nennen es Puzzle-Passung – war nur ein einziges Mal so gut wie an
dieser Schule. Ich weiß nicht, was man tun kann. Ich bin geistig
behindert und in dieser Situation vollkommen hilflos. Was ich aber
machen kann, ist, Ihnen ein wenig Hintergrundwissen zu meiner Lage zu
geben. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen – ich schreibe
gern, deswegen führe ich einen Blog. Ich nenne sie „Eine
Geschichte von Fairness“, und sie beginnt mit Ihrem Sohn Steffen.
Ich weiß nicht, ob er Ihnen das
erzählt hat; relativ früh im Schuljahr hatte ich den SchülerInnen
eine benotete Textproduktion aufgegeben, quasi als
Lernstandserhebung. Steffens Text las sich richtig gut – fast, als
wäre er aus dem Internet kopiert worden. Ich habe den Text mit einer
Sechs bewertet und Steffen einen kleinen Einlauf dazugeschrieben. Es
ging in die Richtung, dass er seinen ersten Eindruck bei mir damit
versaut hat. Aber wir waren alle mal Jugendliche, und deswegen habe
ich ihm dazugeschrieben, dass der Text zwar null Punkte bekommt, dass
dann aber Schwamm drüber ist, wenn er die Chance nutzt und sich im
Unterricht ehrlich anstrengt und mir zeigt, dass das ein
Kavaliersdelikt war.
Ich habe in über zehn Jahren Tätigkeit
keinen Schüler erlebt, der sich das so zu Herzen genommen hätte.
Steffen hat sich im Unterricht aktiv beteiligt, gemeldet, wann immer
möglich. Im Laufe des Schuljahres ist er er auch mal nach der Stunde
zu mir gekommen und hat ein bisschen erzählt, auch auf Englisch, und
ist richtig aus sich herausgekommen.
Für mich ist das eine
Selbstverständlichkeit, Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu
verurteilen und jedem eine weitere Chance zu geben. Das bedeutet es
für mich, fair zu sein. Das ist für mich normal. Ich lebe nach
buddhistischen Denkweisen, und da sind Freundlichkeit und Mitgefühl
nur zwei der Grundsätze, die das Denken und Handeln beeinflussen.
Ich habe mein Leben lang so gelebt –
ich habe im Studium versucht, hilfsbereit zu sein, wann immer ich
konnte. Ich habe Latein und Englisch studiert; damals vor zwanzig
Jahren hieß es noch „Mit Latein kannst du dir nachher deine Schule
aussuchen“. Ich bin Autist, ich nehme das wörtlich, was Menschen
sagen, also war ich davon ausgegangen, dass das stimmt. Meine
Vertrauenslehrerin in der Oberstufe hat mir erzählt, dass es sich
auch gut im Lebenslauf macht, wenn man sich an der Uni einsetzt, über
Nebenjobs oder Ehrenämter. Auch das habe ich wörtlich genommen. Ich
dachte, ein guter Lebenslauf hat einen Wert.
Ich wurde wissenschaftliche Hilfskraft
am Institut für Klassische Altertumskunde der CAU Kiel und hatte
dort als Sekretariatsunterstützung viel mit anderen Studierenden zu
tun. Jeder, der ein Latinum für sein Studium brauchte, musste
irgendwann durch unser Büro und an meinem Schreibtisch vorbei.
Das, und die Leitung der Fachschaft
Klassische Philologie scheinen meinen Namen bekannt gemacht zu haben.
Zumindest so bekannt, dass ich dann drei Jahre nacheinander in das
Studierendenparlament gewählt worden bin. Als einer von
einundzwanzig, und das bei über zwanzigtausend Studierenden, das
müsste doch etwas heißen. Und so finden sich zwei Ehrenämter in
meinem Lebenslauf wieder, fünf Jahre Fachschaftsvorsitz und drei
Jahre Abgeordneter, zwei davon als Vorsitzender des
Haushaltsausschusses.
Mir ist erst im Referendariat bewusst
geworden, dass ich polarisiere. Ich wusste bis vor gut vier Jahren
nicht, dass ich geistig behindert bin, nur, dass ich scheinbar ein
Freak war. Das hat sich auf mein Referendariat so intensiv
ausgewirkt, dass Cai Christophel, damaliger Schulartvorsitzender für
Gymnasien im IQSH, unerwartetes viertes Mitglied in meiner zweiten
Staatsexamensprüfung war. Mein Name schien bekannt zu sein; Herr
Christophel hat mich nach der Prüfung gefragt, ob das IQSH meine
Examensarbeit in seiner Bibliothek ausstellen dürfe, weil sie
„vorbildlich“ gewesen sei.
Und dann war ich arbeitslos. Jeweils
1,9 im ersten und zweiten Staatsexamen, ein hervorragender
Lebenslauf, und ich – ohne Arbeit. Das lag nicht am Stellenmangel,
ich habe mich auf viele ausgeschriebene Stellen beworben und war
bisher in siebzehn Auswahlgesprächen. Keine einzige Zusage. Keine
einzige Begründung. Inzwischen sechsmal arbeitslos.
Jetzt endlich weiß ich, dass das an
meiner Behinderung lag – zum Beispiel sage ich in diesen Gesprächen
immer die Wahrheit, die aber meistens von niemandem gehört werden
will. Ich bin auch viel zu offen in Unterhaltungen, damit können
viele nicht umgehen. Und so habe ich hervorragende Voraussetzungen,
Noten, Ehrenämter, eine dienstliche Beurteilung mit Eins, und
aufgrund eines dreißigminütigen Auswahlgesprächs kaum eine Chance
auf dem ersten Arbeitsmarkt (sagt die medizinische Fachliteratur).
Ist das fair?
Die Schulen, die mich genommen haben,
haben das immer aus einer Vertretungsnotlage heraus gemacht. Ich
erfuhr immer die gleichen Reaktionen von begeisterten SchülerInnen
und Eltern. Dass die Schulleitungen mich zu anstrengend empfanden,
erfuhr ich natürlich nicht, denn darüber wird nur hinter
geschlossenen Türen und erst recht nicht mit dem Betroffenen
gesprochen; so ist leider unser Schulsystem.
Es gab da eine Schule, die anders
getickt hat. Die offen war für das Queere an mir. Die Nordseeschule
in St.Peter-Ording hatte einen Regionalschulteil, pädagogischer
Brennpunkt, und das war genau mein Arbeitsfeld. Hier konnte ich
Menschen helfen. Es hat von beiden Seiten gepasst, und man hätte
mich dort gern unbefristet eingestellt.
Ich will ehrlich sein: Ich habe das
Arbeitsverhältnis beendet. Irgendwann ging es um die Frage einer
Zukunftsperspektive, denn ich bin immer von Kiel an die Westküste
gependelt. Das hängt damit zusammen, dass ich mir im Studium, wo
zuletzt alles so wunderbar lief, ein Leben aufgebaut hatte mit
FreundInnen, die mich so akzeptierten, wie ich bin. Ich war froh, in
einer Stadt zu leben und nicht mehr auf dem Land. Das war meine Welt,
hier fühlte ich mich sicher.
Für einen Autisten gibt es im Leben
nichts Wichtigeres als Sicherheit. Die Welt ist chaotisch und
unvorhersehbar, und das macht einem Autisten Angst. Er denkt immer
logisch und kommt nicht mit dem emotionalen Chaos und der Dummheit
vieler neurotypischer Menschen klar. Er eckt an, sie alle sind ihm
dankbar, dass er weiterhilft und sich wirklich für sie interessiert,
aber nur die wenigsten möchten mehr mit ihm zu tun haben.
Deswegen war mir mein Kieler
Lebensumfeld so wichtig geworden und ein Grund, St.Peter-Ording zu
beenden, mit weinenden Augen auf beiden Seiten. Ich musste etwas in
Kielnähe finden, sonst würde mein Leben komplett
auseinanderbrechen. Und dann begannen die vielen Schulwechsel.
Jedesmal wieder, nachdem ich mich in einem Vertretungsjahr an Vieles
gewöhnt hatte – die Gesichter, die Stimmen, die Gebäude, die
Wege, die ich zu gehen hatte, den Stil der Schule – all' das ist
dann wieder weggebrochen, nachdem die Schulleitung zu der Meinung
gelangt war, ich sei zu kompliziert und man wolle lieber eine
Fließbandlehrkraft haben.
Das wirkt sich auf mein Privatleben
aus, in dem es seit sechs Jahren bergab geht. Meine Wohnung ist kaum
noch bewohnbar, ich bekomme Krankheiten, von denen ich noch nie
gehört hatte, weil ich es nicht mehr geschafft habe, die normalen
Lebensabläufe auf die Kette zu kriegen. Wenn ein Autist unter Stress
steht – zum Beispiel, wenn ihm sein Lebensumfeld weggerissen wird –
dann funktioniert er nicht mehr. Ich bin wirklich am Ende mit den
Nerven.
Natürlich will ich das Gute an dieser
harten Zeit nicht herunterspielen – ich weiß jetzt endlich, dass
ich geistig behindert bin, habe seit einigen Wochen mein
fachärztliches Gutachten und der Antrag auf Anerkennung einer
Schwerbehinderung läuft.
Aber die
Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule braucht kein Englisch.
Unser Schulleiter scheint sich nicht zu
erinnern, dass ich mich bereits vor neun Jahren einmal an der Toni
vorgestellt hatte – weil eine Kollegin überzeugt war (und immer
noch ist), dass das die richtige Schule für mich ist, und dass ich
der richtige Lehrer für diese Schule bin; da wären wir wieder bei
der Chemie und dem Puzzle angekommen. Damals war kein Bedarf.
Als ich dann vor vier Jahren für eine
Vertretung vorstellig wurde, durfte ich einen Satz hören, der ein
direkter Schlag in die Magengrube war: „Wie kann es denn sein, dass
jemand mit ihren Referenzen noch keine Stelle gefunden hat?“ Ich
hätte fast an Ort und Stelle angefangen zu weinen, habe dann aber nur
geantwortet „Fragen sie sich das noch einmal, wenn sie mich in ein paar Jahren von der
Schule verabschieden.“
Das war vor vier Jahren.
Als konnte man die
Zukunft vorhersehen.