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Donnerstag, 9. Februar 2023

Es darf kein Unterricht ausfallen!


Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht - ich traue mich momentan nicht mehr, in der Schule zu fehlen. Heute musste ich zu meinem Hausarzt, das war leider dringend, und das hatte ich jetzt drei Wochen lang vor mir hergeschoben, damit kein Unterricht ausfällt (Eltern: Keine Sorgen machen!). Das ist durch Urologen und Psychiater in diesem Jahr bereits zu oft passiert, und wann immer möglich, versuche ich Arzttermine auf meinen "freien Tag" (den Konferenztag als freien Tag zu bezeichnen, ist zynisch) zu legen - oder, so wie in zwei Wochen, auf den Freitag nach meinem Unterricht. Da muss ich dann zwar von der Schule direkt zum Bahnhof, direkt nach Neumünster in die Psychiatrie hetzen, und es irgendwie schaffen, während der Zugfahrt von Schule auf privat umzustellen, aber so ist es eben.

Die Berichterstattung über den Lehrermangel macht es mir da nicht einfacher; im Kopf wird fest verankert: Es darf kein Unterricht mehr ausfallen! Da helfen auch keine Aufgaben über's Internet - die ich zum Beispiel heute herumgeschickt habe: Die SchülerInnen, deren Eltern am lautesten über den Unterrichtsausfall jammern, nutzen nicht die Gelegenheit, die Aufgaben zu bearbeiten und mit mir online zu besprechen. Dahinter steckt vielleicht auch das Bewusstsein, dass Zeitaufwand für Schule auf SchülerInnenseite nur während der Schulzeit geschehen darf. Und bei einer gebundenen Ganztagsschule ist da auch ein Körnchen Wahrheit drin.

Trotzdem klöppelt sich in meinem Kopf dieses Bild zurecht: Ich, die Lehrkraft, muss perfekt sein. Es gibt Gesprächsbedarf seitens der Eltern - glaubt Ihr, irgendjemand von jenen ist vorgestern zum Elternsprechtag gekommen? Es wird Übungsbedarf seitens der SchülerInnen geäußert - glaubt Ihr, irgendjemand von jenen nutzt das zusätzliche Übungsangebot? 

Was mich heute tatsächlich trübsinnig stimmt, ist der Ausfall meiner Stunden im elften Jahrgang. Wir wollen in den nächsten Wochen die Shirley Jackson-Flanagan-Verfilmung The Haunting of Hill House (2018) anschauen und analysieren, dazu Literaturgenres erarbeiten - Schwerpunkt auf gothic fiction - außerdem, wie man eine systematische Charakterisierung anfertigt. Und da haben wir jetzt endlich donnerstags eine Doppelstunde Englisch (ist dafür dringend nötig) und müssen den Start um noch eine Woche verschieben. Dabei liegen die character sheets der Hauptfiguren hier fertig neben mir und ich bin extrem gespannt darauf, wie die Klasse auf die Serie reagiert.

Was sich in meinem Kopf derzeit ebenfalls verfestigt ist, dass der gesamte Unterrichtsausfall immer der Lehrkraft selbst anzulasten ist. Auch wenn LehrerInnenverbände immer wieder betonen, dass die Bildungsministerien sich vielleicht einmal Mühe geben sollten, zumindest eine 100%ige Unterrichtsversorgung zu gewährleisten. Die Kultusministerkonferenz kläfft gegenan, dass sich die Lehrkräfte nicht so anstellen sollen, dass sie einfach mehr Yoga und Entspannungsübungen treiben sollen und gefälligst nicht mehr in Teilzeit arbeiten. Ist es da ein Wunder, dass das Berufsbild leidet? Wenn mit solch' einer Penetranz gefordert wird, dass LehrerInnen nicht solche Weicheier sein sollen?

Zeit für die Entspannungsübungen, damit ich nicht mehr krank simuliere

Und Ihr so?

Dienstag, 20. Dezember 2022

Geht's mir etwa gut?


Ein interessanter Tag heute, so in der Rückschau. Es gab mehrere Situationen, die für ein Glas Asperger pur gereicht hätten, aber ich hatte keinerlei Panikattacken oder den Wunsch, aus der Situation zu fliehen.

Das ging schon nach dem Aufstehen los - heute waren Sprechprüfungen bei meinen Zwölfern dran, immer aufregend, weil ich Angst davor habe, irgendwelche Formalien zu übersehen oder falsch zu erledigen, oder dass ich die Prüfungsaufgaben für meine SchülerInnen vertausche. Heute nichts - alles geordnet im Ordner, in die Tasche. In aller Ruhe die Wohnung rechtzeitig verlassen, keine Angst vor dem, was kommt.

An der Bushaltestelle Diesterwegstraße ging es weiter - ich wollte gerade ein weiteres Logikrätsel bearbeiten, da kommt über die Straße - Er. Wie schon vor ein paar Wochen hatten wir eine kurze gemeinsame Busfahrt, und ich hatte keine weichen Knie, nicht den Drang, schnell wegzukommen, und es gab auch keine Probleme damit, im vollen Bus in den Arm genommen zu werden.

Springen wir zur Bushaltestelle Lüderitzstraße, auf dem Weg zurück. Auch hier möchte ich gerade ein Rätsel bearbeiten, doch zur Linken kommen nette Schüler, und von rechts kommt ein Fremder und bittet mich um meinen Stift, damit er etwas aufschreiben kann. Kein Problem - und dann hat sich daraus sogar ein nettes Gespräch ergeben, über's Renovieren und wie es ist, wenn man älter wird. Kein "Hoffentlich redet er jetzt nicht noch weiter, bitte lass' mich in Ruhe".

Das hätte alles ganz anders laufen können (und die vielen Asperger pur-Beiträge geben einen bunten Einblick in die Erlebniswelt eines Autisten). Könnte es womöglich sein, dass es mir gut geht? Mich irritiert das ein bisschen, denn ich habe immer noch keine feste Stelle, immer noch keinen Diagnoseplatz und meine Wohnung sieht... aus. Es scheint tatsächlich so etwas wie Alltag einzukehren, wie damals im Studium, als es völlig normal wurde, mit dem Fahrrad in die Uni zu fahren und dort sogar mit Freunden in der Mensa essen zu gehen (ich hatte lange Zeit die Mensa geistig abgeblockt).

Darf so weitergehen!

Montag, 19. Dezember 2022

Snow

kalt und dunkel

Die Pellworm-Tuba denkt bei diesem Titel vielleicht noch an unseren hunky Beschützer aus Final Fantasy XIII, und falls nicht, gibt es hier als Erinnerungsstütze ein Foto:


Aber in diesem Beitrag geht es mir um den klassischen Schnee. Das Zeug da draußen. Nimm' das wech. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass ich Schnee für exakt drei Augenblicke lang schön finde.

Der erste Augenblick ist der Moment, in dem ich durch das Rollo aus dem Fenster luge und zum ersten Mal bemerke, dass draußen Schnee gefallen ist. Ich bekomme sowas für gewöhnlich nicht mit, da ich meine Wohnung in der dunklen Jahreszeit rund um die Uhr gegen das Grau da draußen abschotte. Ich merke nicht, ob es regnet, grau ist oder die Sonne scheint. Und gerade deswegen finde ich diesen ersten Augenblick, das erste Realisieren von "Winter!" schön.

Der zweite Augenblick ist das Bewusstsein, dass draußen für eine Weile alles ganz still ist. Eine dicke, weiße Decke hat sich über die Natur gelegt und es kommt mir alles viel ruhiger vor. Autos fahren langsamer und der Schnee schluckt ihre Geräusche - es ist fast, als ob die Realität gerade eine Betäubung bekommen hat und die fängt jetzt richtig an zu wirken. Alles ist weiß und sauber, still und friedlich zugedeckt.

Der dritte Augenblick ist die Freude darüber, wie schön es gerade jetzt in der warmen, dunklen Wohnung ist. Ein Vorteil des Winters, den ich nicht leugnen kann: Wenn es draußen grau und kalt und nass ist, ist es in der Wohnung um so schöner, und somit genieße ich diesen dritten Augenblick.

Aber es ist wie mit der Betäubung (zum Beispiel bei'm Zahnarzt): Am Anfang ist man froh, dass sie wirkt und dass sich alles dick anfühlt, weil nun eventuelle Schmerzen bei der Behandlung (hoffentlich) abgeschaltet sind. Wenn man aber damit durch ist und die Praxis verlässt, kommt irgendwann der Moment, in dem ich mir sage, okay, jetzt darf das aber auch nachlassen, ich möchte wieder etwas fühlen im Mund und nicht dieses komische Gefühl haben, wenn ich ein Glas Wasser trinke.

So auch mit dem Schnee: Nach diesen drei Augenblicken reicht es mir dann auch schon wieder, denn dann kommen die Menschen und die Autos. Der Schnee wird plattgetreten und -gerollt, es werden Sand und Salz gestreut, das Ganze wird zu einem dreckigen Matsch, den man mit in die Wohnung trägt. Und dann nervt es nur noch und ich wünschte mir, es wäre möglichst schnell alles wieder wie vorher.

Immerhin, dieser Wunsch soll gewährt werden; die Wettervorhersage deutet warmes Wetter an und in der Tat schmilzt draußen bereits eine Menge weg oder wird vom Regen davongespült. Also wieder nasskalt. Und das kann ich in meiner Wohnung wunderbar ausblenden.

Sonntag, 30. Oktober 2022

Mehr Zeit


Es ist ja nicht nur, dass dieses Wochenende einen Tag länger ist dank eines Feiertages, den ich überhaupt nicht auf der Rechnung hatte und der mir ein sehr langes Wochenende beschert (Dienstag ist mein freier Tag, auch wenn ich in den nächsten Wochen dienstags immer zu Konferenzen in der Schule sein werde). Es kommt noch dazu, dass die Uhren jetzt umgestellt wurden, und seit langem habe ich das nicht mehr so spät am "Tag danach" realisiert. 

Mir war nur aufgefallen, dass mein Wecker eine falsche Uhrzeit zeigte, im Vergleich zu vielen anderen Uhren in meiner Wohnung. Mir war nicht mehr bewusst, dass ich mittlerweile kaum noch Funkuhren in der Wohnung habe, sondern fast alle per Hand eingestellt werden. Erst nach dem morgendlichen Nachrichtenlesen ist mir aufgefallen, dass es eine Stunde früher ist und ich damit eine Stunde mehr zum Ausschlafen - oder was auch immer - hatte.

Schön! Ich glaube, dann nutze ich diesen Tag ganz dreist nur für mich. Okay, eine Maschine Wäsche anstellen, denn der Mount Wäscherest ist mittlerweile zu groß geworden. Aber ansonsten voll und ganz in die Welt von Star Ocean abtauchen, und zwischendurch vielleicht etwas weiter an einem Farbnonogramm arbeiten. "Suh-weeeeeet!" würde mein Protagonist dazu sagen.

Ich hoffe, Ihr könnt die Zeit ein bisschen für Euch nutzen, um in der nächsten Woche dann wieder erholt in die Schule zu gehen.

Mittwoch, 12. Oktober 2022

Visuelle Rätsel


Anfangs ein leeres Blatt

Ich habe schon als Kind Rätsel immer lieber gemocht, wenn es ein Lösungswort gab. Quasi als Anreiz zu rätseln, sonst hat sich mir nicht erschlossen, warum ich das machen sollte. Ihr kennt diese Buchstabenkästen, in denen Wörter waagerecht, senkrecht und diagonal versteckt sind, vorwärts und rückwärts - ganz oft habe ich sie nur gemacht, wenn die übrig bleibenden Buchstaben einen Lösungssatz oder Spruch, Name, Redewendung, whatever ergeben. Das muss sich schon lohnen, die investierte Zeit.

Erste Felder geschwärzt

Und so geht es mir auch derzeit mit visuellen Logikrätseln, Nonogramme, Ketten, die japanischen Namen habe ich dafür gerade nicht zur Hand. Alle mit der Prämisse: Einige Felder müssen geschwärzt werden, andere bleiben weiß. Die Regeln dafür sind je nach Rätsel unterschiedlich - allen gemein ist, dass am Ende ein Pixelbild dabei herauskommt, und das liebe ich - ich bin ja sowieso eher der visuelle Typ, kein Wunder also, dass diese Rätsel süchtig machen können. Da wird aus "Nur eins mache ich schnell noch..." mal eben eine durchrätselte Nacht. 

Dann kommt immer mehr schwarz dazu

Ein Hauch von Nostalgie.

Bis schließlich ein Bild daraus wird


Sonntag, 2. Oktober 2022

Sonntag

Schall und Rauch, smoke and mirrors

Ich könnte über Verschiedenes schreiben. Darüber, dass Bolsonaro hoffentlich verliert. Dass ich gestern Gaspar Noés neuen Film gesehen habe, ein schonungsloses Stück über Demenz, mit Dario Argento in einer Hauptrolle (Filmliebhaber können sich darunter was vorstellen). Dass es kalt und dunkel wird, und warte mal, genau da könnte ich einklinken. Wenn es draußen grau und regnerisch ist...

...das hat mich in den Kronshagener Bergen immer etwas runtergezogen. Diese einzigartige Aussicht aus dem fünfzehnten Stock konnte bei grauem Regenwetter ganz schön deprimierend sein. Soll heißen, kein Serotonin, lahm, müde, schlecht drauf. Seitdem ich in Hassee wohne, mache ich das anders: Wenn draußen schönes Wetter ist, lasse ich die Rollos hoch und die Sonne hereinscheinen, aber im Winterhalbjahr sind die Rollos die meiste Zeit unten, nicht nur, um das Grau auszublenden, sondern um hier drinnen etwas Atmosphäre aufzubauen.

Lichtkonzepte und Sandelholzduft bewirken schon eine ganze Menge. Heute habe ich wieder das VR-Headset aufgesetzt, Kopfhörer eingeklinkt, in jeder Hand einen dieser Playstation Move-Controller und bin in das Anwesen des Malers in Layers of Fear gegangen. 

Gestern hatte ich noch geschrieben, wie genial es sei, den Handgelenktimer mit seinem Vibrationsalarm zu haben, denn: In der VR sind die Sinne von der Realität abgeschottet. Ich höre nichts von draußen, ich sehe nichts von draußen. Ich bin in diesem Anwesen, auf das gerade ein Gewitter niedergeht, und lese Briefe, Zeitungsartikel, höre Musik und befinde mich im Kopf des Malers, der mit der Zeit den Verstand verliert. Das wird unglaublich effektiv umgesetzt und ist nichts für zarte Gemüter, das kann motion sickness auslösen (bei mir nicht) und die vielen flackernden Lichter und visuellen Effekte können bei Epileptikern einen Anfall triggern. Ich komme da unbeschadet durch, während mir Klaviermusik durch die Ohren schwirrt, Malfarben vor meinen Augen verlaufen, ich blicke mich um und verliere die Orientierung, die Controller in meiner Hand vibrieren und es fühlt sich tatsächlich phasenweise an, als ob sich das Gefüge der Realität zersetzt.

Falls das schlimm klingt: Keine Sorgen machen. Es ist ein atemberaubendes Erlebnis, und mir geht es gut.

Aber unter all' diesen Effekten habe ich nicht einmal mehr das Vibrieren am Handgelenk wahrgenommen; ich beende das Kapitel im Spiel, steige nach und nach aus dem Equipment heraus und in die Realität hinein und werfe einen Blick auf die Uhr - ! What the...?! Plötzlich ist es Abend.

summa summarum: Ich bin ein begeisterter VR-Spieler. Da drinnen gibt es keine unberechenbaren Menschen, die mich stören, sondern einfach nur schöne Landschaften, Klangschaften, Maschinen, Rätsel und Ausblicke. Eine tolle Beschäftigung für einen freien Tag, wenn man wieder auf den Beinen ist.

post scriptum: Schniefen nervt. Aber in VR ist es nicht so einfach, mal eben schnell die Nase zu putzen...

Samstag, 1. Oktober 2022

Und mehr Farbe an den Arbeitsplatz!

Ein Hauch Tron zuhause...

Wo fange ich an? Vielleicht mit dem Umstand, dass ich jetzt zwei negative Coronatests hintereinander hatte. Das tut gut - allerdings irritiert mich, dass bei diesen Tests die Linien nur so schwach zu erkennen sind. Ich muss mir nochmal andere besorgen; die große Buba hatte sich so ein all you can test-Familienpaket geholt, das sollte ich auch machen. Also, es ist besser. 

Ich wollte schon fast den Unterricht für Montag vorbereiten, aber Montag ist ja nicht. Weiß ich jetzt auch, richtig, Tag der deutschen Einheit. Also habe ich heute noch etwas zu essen geholt, Maggi fix, reicht für zwei Tage, und Montag gibt es Döner oder so.

Die Stimmung ist inzwischen auch deutlich besser geworden, und so habe ich mich heute endlich mal wieder an ein neues Grafikadventure gemacht (Red Matter). Science Fiction. Kleines bisschen unheimlich. Und in Virtual Reality, also insgesamt ein Paradies für diesen Aspi, der in die Welt eintaucht und die Zeit vergisst. HA! Eben nicht! Ziemlich cool, hier macht sich der Handgelenktimer bezahlt, denn der hat einen Vibrationsalarm, und so kann ich ihn mir auf eine Stunde einstellen, in die virtuelle Realität gehen und muss nicht Angst haben, wie spät es draußen wohl gerade ist. Das ist eine sehr coole Sache, ich fange an, dieses kleine Gerät liebzugewinnen.

Genauso wie ich zwei neue Geräte an meinem Schreibtisch hoffentlich werde liebgewinnen können - ich habe mich jetzt endlich mal zu einer Gaming-Maus und -Tastatur (die große Buba korrigiert Tatatus) durchgerungen, einfach wegen der leuchtenden Farben. Darauf springe ich nun mal an, mich beruhigt das und ich fühle mich dabei richtig wohl. Mir ist das neulich aufgefallen, als ich mir mal wieder Tron:Legacy (2010) angeschaut habe, ein SciFi-Adventure mit düsterer Ästhetik und leuchtenden Linien. Sowas mag ich - deswegen spiele ich damit ja auch in meiner Wohnung ein bisschen herum.

Ich glaube, ich sollte den Tag mit Blade Runner 2049 (2017) abrunden, das würde stilistisch passen.

Freitag, 26. August 2022

Wadenkrampf


Ich bin grenzenlos überfordert.

Damit lässt sich die zweite Schulwoche zusammenfassen. Das hat auch sein Positives: Ich weiß jetzt, dass ich kein Ausbildungslehrer werde. Mein Kopf würde das nicht hinbekommen. Ich schaffe es ja nicht einmal, meinem Praktikanten zu sagen, wo wir uns treffen könnten zu Beginn des Schultags. Ich merke, ich bin in meinem Unterrichts-Drehbuch drin, aber es läuft jemand mit, und das kann ich nicht. Kenneth, falls Du das liest, siehst Du bitte an keinem Punkt die Schuld bei Dir. Ich bin einfach unberechenbar, und ein Referendar genau wie ein Praktikant braucht Verlässlichkeit. Count me out; für ein dreiwöchiges Praktikum ist das okay, aber für einen Autisten ist das nix.

Mein Kopf ist überall, aber zum Beispiel nicht bei der richtigen Ernährung. Gut, da war er noch nie, aber ich scheine in dieser Woche nicht einmal die Nahrungsergänzungsmittel richtig genommen zu haben: Ich hatte zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder einen morgendlichen Krampf im Bein. So ein Fieser, der kommt, wenn man sich im Bett strecken möchte und auf einmal nur noch zusammenkrümmt vor Schmerz. Magnesium und Calcium sollten helfen.

Da ist es keine große Überraschung, dass ich mit meinem Urologen jetzt eine Art "Trinkplan" festlegen musste, denn zwei Liter Wasser innerhalb von zwei Stunden zu trinken ist keine gesunde Alternative zu verteiltem Trinken über den Tag. Keine Überraschung deswegen, weil ich an's Trinken gerade kaum noch Gedanken verschwende, ach ja, und ich wollte eigentlich den Psychiater anrufen, aber das war alles zuviel. Läuft ja nicht weg. 

Liebe Eltern: Es geht mir gut. Nur gerade sehr viel los, neue Schüler, neuer Plan, neue Räume, für den Autisten eine sehr herausfordernde Zeit.

Mittwoch, 3. August 2022

Das Bushaltestellen-Wunder


Obwohl ich lieber S- und U-Bahn fahre - und ich hoffe sehr, dass der anstehende politische Entscheid für die Kieler Straßenbahn fallen wird - hat doch der Begriff Bushaltestelle in meinem Leben eine besondere Bedeutung gewonnen. Genauer gesagt, drei besondere Bedeutungen.

Da wäre zuerst die Unterrichtsmethode Bushaltestelle, die bei mir so aussieht, dass, wer in einer Erarbeitungsphase zuerst fertig ist, sich an die Bushaltestelle setzt. Das sind zwei Stühle neben dem Lehrerpult. Von da an können sich Schüler melden, die Hilfe benötigen, und der oder die BushaltestellenschülerInnen gehen dann in die Klasse und helfen. Ganz klassisches Schüler-hilft-Schüler-Prinzip, klappt immer wieder super, gerade in den leistungsschwächeren Kursen kann mir das viel Arbeit abnehmen.

Dann war da noch ein ganz besonderes Erlebnis in meiner schulischen Arbeit, an das ich immer sofort denken muss, wenn ich den Begriff "Bushaltestelle" höre - das Bushaltestellen-Wunder. In der Impro AG haben wir damals ganz am Anfang eine Übung gemacht, bei der die SchülerInnen Menschen spielen sollten, die an der Bushaltestelle warten. Sie haben sich also bestimmte Charaktere überlegt und sind dabei in die "Extreme" gegangen: ein spielendes, unruhiges Kind, ein genervter Schüler, zwei, die sich streiten, alles mit ein bisschen overacting. Danach haben wir eine Übung gemacht, bei der wir uns für fünf Minuten so langsam wie irgend möglich bewegen mussten - so langsam, dass die Bewegungen fast wie von einem Schnappschuss zum nächsten wirkten. Diese extreme Langsamkeit hat etwas in den SchülerInnen bewegt; wir haben danach noch einmal die Bushaltestellenszene gespielt, und plötzlich waren da Menschen, die Sorgen im Leben hatten, die verliebt waren, die lecker gegessen hatten, extrem subtil und realitätsnah dargestellt. Ich hatte diesen "Trick" von Viola Spolin gelernt, hätte aber nicht gedacht, dass er so deutliche Resultate bringt. Wirklich ein kleines Wunder.

Nummer drei bezieht sich auf gestern Abend und den Grund, warum ich diesen Artikel überhaupt schreibe. In der großen Buba-Familie gibt es einen Corona-Fall, und zur Sicherheit haben wir uns gestern einfach unten an der Bushaltestelle Diesterwegstraße getroffen, hingesetzt und ein bisschen erzählt. Es gab eine Phase, da hatten wir das hier öfters gemacht, einfach ne halbe Stunde Bushaltestelle, das war cool, wenn ich vielleicht an einem Abend keine Lust auf Menschen hatte. Ich glaube, das war vor unserer Videospiel-Filme-Medien-gemeinsam-erleben-Phase. War großartig und wird deshalb hier festgehalten.

Dienstag, 19. Juli 2022

Hitze

Für mich sind das Schönste am Sommer die Sonnenuntergänge (hier am Kap Sounion in Griechenland)

Eigentlich reicht der Titel schon aus. Und es ist Jammern auf hohem Niveau, sowohl wörtlich (weil ich unter'm Dach wohne und hohe Temperaturen habe, geht heute Abend auf dreißig Grad zu) als auch figurativ, denn in den anderen Regionen Deutschlands ist es natürlich deutlich extremer. Und ich habe mich ja über die Jahre daran gewöhnt, Spiegelfolien auf die Fenster geklebt und der Ventilator ist auf Dauerbetrieb. Außerdem ist das Sofa mit diversen Handtüchern ausgelegt, die ich dann alle drei Tage waschen darf.

Das sollte die Zeit sein, in der man viel trinkt und kalte Mahlzeiten zu sich nimmt, und trotzdem geht hier gleich der Ofen an und alles deutet auf Fischstäbchen hin, denn ich muss den Kühlschrank freiräumen, um ihn zu reinigen und das Eisfach abzutauen, das erinnert mittlerweile an eine eisige Grotte.

Vielleicht sollte ich während dieser Phase mal im Badezimmer schlafen, denn während der Haupt-Wohnraum nachmittags bis abends extrem aufheizt, bleibt es im Bad kühl, das hat nur eine kleine Front nach Osten raus. 

Ich bin gespannt, ob die große Buba das überlebt, wobei, sie kennt das ja nun auch seit einigen Jahren. Davon lassen wir uns nicht abbringen.

Montag, 9. Mai 2022

Einen Moment innehalten


Ellerbeker Markt
. Ich gehe den Weg von meinem Einkauf (Em Eukal-Bonbons mit Granatapfel-Honig-Geschmack) Richtung Parkplatz zurück. Vor dem Gymnasium Wellingdorf steht eine Horde Schüler an der Bushaltestelle, und ich überlege, ob ich einfach hindurchgehen soll, oder lieber etwas langsamer, bis ein Bus mich überholt und die Kinder vom Gehweg wegsammelt. Ich entscheide mich, langsamer zu gehen; die Sonne scheint, es ist draußen sehr angenehm, und ich gehe auf eine Drossel zu meiner Rechten zu, die auf dem Rasen am Fuß eines Baums herumhopst und irgendwas im Gras entdeckt zu haben scheint.

Sie pickt mehrfach in den Boden, und dann sehe ich, dass sie einen Regenwurm erwischt hat. Sie versucht ihn aus dem Boden zu ziehen, aber das ist gar nicht so einfach; sie kommt nur stückchenweise voran und braucht mehrere Versuche. Ich bleibe stehen, wende mich ihr zu und beobachte ihre Aufgabe gespannt. Ich muss schmunzeln und sage ihr, dass sie sich anstrengen soll, und sie kommt tatsächlich mit jedem Versuch etwas weiter, aber der Regenwurm ist lang und steckt zur Hälfte im Boden fest. Immer wieder hackt sie auf ihn ein und zerrt ihn etwas weiter aus dem Boden.

Ich freue mich für jeden kleinen Fortschritt, den dieser Vogel da unten macht. Irgendwie ist das ein schöner Moment, und plötzlich höre ich eine Frauenstimme irgendwo rechts neben mir: "Ich habe mir schon gedacht, dass sie anhalten und der Drossel zuschauen würden." Eine Fahrradfahrerin, vielleicht Mitte fünfzig, steigt ab und schiebt ihr Rad an mich heran. "So wie sie zum Vogel geschaut haben und dann langsamer gegangen sind. Ich hab' mir gedacht, der bleibt bestimmt stehen. Sie sind also einer dieser Menschen, die so einen schönen, kleinen, unauffälligen Moment zu genießen wissen. Ich finde das toll. Das kann nicht jeder Mensch."

Ich hasse es, von unbekannten Menschen angesprochen zu werden, weil ich Angst habe, dass irgendwas schief geht. Heute nicht - denn diese Frau hat Recht mit jedem Wort, das sie gesagt hat, also drehe ich mich lächeln zu ihr: "Ja, ich finde, wir leben in einer so hektischen Welt, und so viele Menschen suchen ihr Glück irgendwo anders und können nicht sehen, dass es so schöne Momente direkt vor ihrer Nase geben kann. Irgendwie sind alle in Eile, jeder muss irgendwo hin, so wenige Menschen können einfach mal da sein. Ich habe auch irgendwie das Gefühl, dass wir erst mit dem Älterwerden irgendwann lernen, das zu sehen, was um uns herum passiert."

"Sehen sie, und solche Momente wertschätzen, das können oft nur ganz besondere Menschen", sagt sie zu mir. "Menschen, die etwas in ihrem Leben durchgemacht haben, was sie bremst. Vor meiner Krebserkrankung bin ich an solchen Situationen auch zu schnell vorbeigegangen, und erst dadurch habe ich gelernt, mal anzuhalten."

Und so sprechen wir ein paar Minuten auf einer Wellenlänge - ich und diese Frau, die ich noch nie gesehen habe, deren Namen ich nicht kenne und die ich vielleicht auch nie wiedersehen werde. In dem Moment ist es mir plötzlich überhaupt nicht mehr wichtig, schnell zum Auto und zurück nach Hause zu kommen. Der Drossel-Moment hält eine Weile an, und schließlich bedanke ich mich bei der Frau für diesen tollen Moment und sage ihr, dass ich den jetzt mit nach Hause und in's Wochenende nehmen werde. Sie wird das auch tun, sagt sie, und tatsächlich sehe ich diesen Moment vor meinem geistigen Auge immer noch so, als wäre er gerade eben passiert.

Nicht nur im Buddhismus trainiert man die Fähigkeit, mal einen Moment innezuhalten, um die Welt um sich herum wahrzunehmen, und das ist eine tolle Fähigkeit: So oft suchen wir unser Glück in der Ferne und släsch oder in der Zukunft und übersehen, dass wir es jetzt und hier direkt bei uns haben können, auch wenn wir uns gerade vielleicht in einer schwierigen Situation befinden.

Unerwartet in Wellingdorf - ein kleiner Moment Ruhe.

Sonntag, 1. Mai 2022

Kulinarische Extravaganz oder Post-Aprilscherz?


Hin und wieder bringt eine deutsche Convenience-Food-Firma neue Sorten von Tiefkühlpizzas heraus, die ich erstmal nicht ernstgenommen habe - dann probiert und teilweise sogar richtig gut fand (Pizzaburger, Pizza Pasta) oder von denen mir zumindest nicht übel geworden ist (Schokopizza). Das neueste Experiment konnte aber einfach nicht gutgehen: Eine Pizza, belegt mit Fischstäbchen.

Das fällt in der Tiefkühltruhe allein schon dadurch auf, dass die Packung fast doppelt so dick ist wie die anderen TK-Pizzen, und der Inhalt etwa fünfzig Prozent schwerer. Der Name Pizza Bastoncini di Pesce hat mich zuerst an an eine Kampfbastion denken lassen, angesichts der Attacke an Fischeiweiß ist das gar nicht so weit hergeholt. Und wie soll das überhaupt logistisch gehen, dass eine TK-Pizza, die nach etwa zehn Ofenminuten durch ist, gleichzeitig essbar sein soll wie Fischstäbchen, die gewöhnlich fünfundzwanzig Minuten brauchen?

Etwa zweiundzwanzig Minuten soll dieses Werk, das an Picasso erinnert (zufällige Anordnung von essbaren Gegenständen?), im Ofen bleiben. Das alles klang so weit jenseits der Norm, vor allem wenn man bedenkt, dass das ganze als Mem auf Twitter gestartet ist. Das kann doch einfach nicht deren Ernst sein, oder Detlef. Eine halbe Stunde später steht dieses Monster vor mir - und ich habe es verschlungen.

Geschmacklich ist es eher undefinierbar, deswegen habe ich noch Zitronensaft auf die Fischstäbchen geträufelt; ansonsten finden sich auf der Pizza Spinat, Tomatensoße und Käse. Die Konsistenz ist allerdings ein interessantes Erlebnis - erst in ein (ansatzweise knusprig-)weiches Fischstäbchen zu beißen und dann auf den krossen Pizzaboden zu stoßen. 

Auch wenn ich glaube, dass es bei einer wirklich begrenzten Edition bleibt (wobei - die Pizza Pasta sollte das ursprünglich auch sein, und es gibt sie noch über zehn Jahre später), werde ich die Pizza demnächst wohl noch einmal probieren. Einfach, um mich zu versichern, dass ich das Ganze nicht geträumt habe.

Fehlt eigentlich nur noch: Pizza Kotelett-Sahnetorte, garniert mit Klosteinen und Radiergummibröseln. Guten Appetit!

post scriptum: Nächste Woche wird spannend. Keep your fingers crossed (und auch gern die toes)!

Donnerstag, 14. April 2022

Dörte Dancing


Es fühlt sich an, als würde die Wohnung aufatmen: Die Fenster können wieder den halben Tag offen stehen, ein leichter Wind zieht hindurch, es ist warm und die Sonne scheint (auch wenn ich sie meistens aus meiner Wohnung aussperre). Der Fußboden kommt nach und nach wieder zum Vorschein, ich kann ungehindert durch meine Wohnung gehen, die Dachbalken endlich wieder als monkey bars benutzen, barfuß alles im Blick haben. Weiter voran: Den Wecker auf vormittags zu stellen, macht enorm viel aus. 

Nach dem ersten Block Arbeit in der Wohnung kommt immer ein kleiner Block des Nachdenkens, und aus irgendeinem Grund musste ich heute wieder daran denken, wie fasziniert ich doch von Sprache bin, und wie sehr ich mich über manche Wortkonstrukte scheckig lachen kann. Damals in St.Peter-Ording hieß unsere Regionalschulsekretärin Dörte, und weil ich die Assonanz von Dörte und dirty so faszinierend fand (und immer noch finde), habe ich in meiner Abschiedsrede den Ausdruck "Dörte Dancing" als Anspielung auf den Film Dirty Dancing (1987) untergebracht. Ich fand das unglaublich witzig. Keiner hat auch nur gelächelt. Genau wie mit einem Paläographiesketch damals bei den Saturnalien; ich fand die Wortspielereien lustig - niemand sonst. Seltsamer Kopf.

Aber das ist gut so. All' diese Indizien können hilfreich sein auf der Suche nach einer Diagnose; morgen ist Feiertag, das ist nervig, aber es stehen ein paar Telefonate an, nützt nichts. Ich merke, dass mir die aufgeräumte Wohnung dabei hilft: Weniger Stress = Weniger Autismus-Symptomatik; so einfach das klingt, so wahr ist es für Aspis.

Mittwoch, 6. April 2022

Eines nach dem Anderen

Das Badreich - endlich wieder zum Wohlfühlen

Compartmentalizing
. Ein Problem, das riesengroß erscheint - und damit unüberwindbar wirkt und lähmt - in viele kleinere Probleme teilen, jeden dieser Teile in eine eigene Schublade sortieren und eine Schublade nach der anderen abarbeiten. Das ist eine coping strategy, die ich vollkommen nachvollziehbar finde. 

"In den Ferien werde ich mein Leben wieder in den Griff bekommen" - das klingt gewaltig, und wenn ich mich umsehe, absolut unmöglich. Die Wohnung gründlich reinigen, Akten sortieren (Papierberge aus Monaten), zur Autismus-Selbsthilfegruppe gehen und einen Diagnosearzt finden, zum Urologen, die Steuer machen, tausend alte Mails beantworten, die ich links habe liegen lassen. Und ich sitze mittendrin, blicke um mich, fühle mich ohnmächtig und mache nichts.

...und darauf habe ich keine Lust mehr. Also teile ich diese Aufgabe Leben in den Griff bekommen in kleine Aufgaben auf, und jeden Tag wird etwas erledigt. Die Selbsthilfegruppe steht in der nächsten Woche an, bis dahin bleibt sie gedanklich weggeschlossen, damit ich mich auf Anderes konzentrieren kann. Ich brauche eine Wohnung, in der ich mich wohlfühle, damit ich Wichtiges erledigen kann. Also steht der Großputz an, und der wird nicht an einem Tag erledigt werden können.

Heute ist ein Schritt geschafft, das Bad kann wieder betreten werden. Kein Schimmel, Staub, keine Silberfischchen, kein Müll, kein komischer Geruch. Morgen geht es weiter, der Urologe ist dran und der viele Müll in der Wohnung muss beseitigt werden.

Es sind nur kleine Schritte - aber immerhin: Es sind Schritte. Stück für Stück, und als Belohnung für die geschaffte Arbeit kann ich dann abends mit der großen Buba Spaß haben. Und den Begriff compartmentalizing werde ich so schnell nicht wieder vergessen.

Donnerstag, 24. Februar 2022

Das Wander-Shampoo

Schwer zu erkennen, aber ich hatte damals seeeeeeehr lange Haare...

"Oh, du lässt dir die Haare länger wachsen, das steht dir."

Aber ich mag das eigentlich gar nicht mehr. Ich hatte einmal sehr lange Haare, einfach um es auszuprobieren (und weil der Schlagzeuger, in den ich damals verliebt war, auch lange Haare hatte). Da gab es immer wieder Menschen, die Komplimente zu meiner "Löwenmähne" machten, aber in meinem Kopf waren ganz andere Gedanken: "Es nervt." 

Es nervt, andauernd Spülungen und Haarkuren verwenden zu müssen (auch wenn es sich toll anfühlt, wenn die Haare bei'm Waschen weich werden). Es nervt, ewig lange die Haare zu föhnen, bis sie endlich trocken sind (aber ich habe damals gelernt, dass man überhaupt nicht mehr föhnen sollte, weil das die Haare stresst). Es nervt, alles vollzuhaaren. Es nervt, wenn mich die langen Haare bei'm Denken stören - klingt albern, ist aber so. Ich fände es praktischer, überhaupt keine Haare zu haben, dann lenkt da auch nichts ab.

Deswegen nehme ich gern the next best thing und lasse mir von Tina die Haare mit der Maschine absäbeln, damit der Kopf sich endlich wieder frei fühlt. Dass die Haare gerade wieder länger werden, liegt einfach daran, dass ich nicht daran denke, zum Friseur zu gehen. Das passiert bei schönen und unschönen Stimmungen, da vergesse ich alles Wichtige (essen, Müll rausbringen, Geschirr spülen, Rechnungen bezahlen). Egal. Morgen frage ich Tina, ob sie vielleicht übermorgen noch was frei hat. 

Was ich allerdings an den etwas längeren Haaren genieße, ist die Haarpflege, seitdem ich festes Shampoo und Spülung benutze. Laut Bedienungsanleitung soll man das Shampoo mit den Händen aufschäumen und dann in den Haaren verteilen - ich halte mein Shampoo einfach in der rechten Hand, während ich die Kopfhaut massiere, das funktioniert wunderbar. Klar, das Stück ist dann etwas schneller aufgebraucht (hält aber immer noch sehr lange), aber es fühlt sich auf diese Weise so intuitiv an und wie aus einem Guss, ohne zwischendurch die Shampooflasche öffnen zu müssen oder das Waschstück zur Seite zu legen.

Mittlerweile bekomme ich ein wenig Routine und kann meine Hände so interagieren lassen, dass das Stück von der einen Hand zur anderen wandert; anfangs hatte ich tatsächlich immer nur die rechte Hand benutzt (Aspis tendieren zu Problemen mit der Feinmotorik und Handkoordination). Jetzt ergänzt sich das zusammen mit dem Thermostat in der Duscharmatur zu einem Gefühl von "richtig". Von "mein Zuhause". Deshalb zählt dieser Beitrag als Home Improvement.

post scriptum: Ich hoffe, die große Buba fühlt sich bei dem Titel an unsere heißgeliebte Wanderkotze erinnert!

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Warten auf den Fahrstuhl

Irgendwann muss ich nicht mehr jeden Tag das Gleiche essen; irgendwann werde ich auch wieder Muße für solche Bildspielereien haben.

Heute war ein Einkaufsbummel dran - vorbereiten für den Jahreswechsel. Das ist momentan nicht ganz einfach, denn seit gut drei Wochen esse ich jeden Tag das Gleiche. Es ist tatsächlich so, dass mich das beruhigt. Ich muss mich nicht fragen, was ich wohl morgen essen werde, ich muss mich nicht zwischen verschiedenen Gerichten entscheiden, ich weiß genau, wie das schmecken wird, was es morgen gibt, da sind keine (oder kaum) Unsicherheiten mehr.

So geht es mir auch mit Verbrauchsgütern wie Handcreme oder Kaugummis - ich nehme nicht irgendwelche mit, es muss eine ganz bestimmte Sorte sein, und dann muss ich halt zu unterschiedlichen Händlern gehen, um meinen Wunscheinkauf zu bekommen. Praktischerweise ließ sich heute alles in einem Rundgang erledigen.

Da gab es zuerst Aldi im Citti-Park, achtmal Handcreme und sechs Kaugummidosen (mehr waren nicht da). Dann ging es zu Media Markt, Zeit für The Legend of Zelda: Breath of the Wild. Auf dem Rückweg einen Schlenker zum Rewe Zenntruwah - viel Salatboxen Orzo, vier Pute-Ei-Sandwiches, vier Tiramisu mit Spekulatiusbröseln. Das produziert leider eine unglaubliche Menge Plastikmüll, und das ist definitiv keine Dauerlösung, aber im Moment hilft es mir.

Der Salat hat es mir besonders angetan: Verschiedene Blattsalate, Walnüsse, Käsehobel, Croutons, Reisnudeln und Sylter Dressing. In der ersten Phase gibt es die knackig-leichten Blätter, in der zweiten Phase wird es dann etwas "handfester" mit den Nudeln, Croutons und Käse. Ganz großartig.

Jetzt ist mein Kühlschrank also ungewöhnlich voll, aber da es alles die gleichen Nahrungsmittel sind, keine große Vielfalt, und das ist für den Aspi auch gut so. Handcreme, Kaugummis, Tee - Ich muss in den nächsten vier Tagen die Wohnung nicht mehr verlassen (theoretisch, denn morgen ist meine Booster-Impfung dran). Der Jahreswechsel kann kommen.

Das Bild, das mir heute in Erinnerung geblieben ist, stammt aus dem Citti-Park: Eine vier Meter lange Warteschlange vor dem Fahrstuhl. Korrigiere: drei vier Meter lange Warteschlangen vor drei Fahrstühlen. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Menschen auf einen Fahrstuhl warten sehen, und ich war froh, dass ich nur die Rolltreppe zum Bahnhof brauchte. Das alljährliche Weltuntergangs-Einkaufen geht auch mit Corona, offensichtlich.

post scriptum: Und mein Highlight in Sachen "Home Improvement" war heute endlich der Austausch meiner Projektoruhr mit roter Anzeige gegen eine mit blau. Es passt mir viel besser, hinten an der Wand eine blaue Uhrzeit zu sehen, viel entspannender.

Montag, 27. Dezember 2021

Zwischen den Tagen

Zeit, die Filmtaschen hervorzuholen...

Nach Weihnachten und vor Silvester. Das ist immer die Zeit, in der es leckeres Essen von Mama gibt, denn natürlich lässt sie ihre Kinder nach Heiligabend nicht ohne tiefgekühlte Leckereien zurückfahren, und Mamas Frikadellen sind die besten der Welt, da wird gar nicht diskutiert. Und Spaghettisauce, Käsesuppe und was der Dinge mehr sind.

Tagsüber werden Geister fotografiert und ein wenig aufgeräumt. Die Betonung liegt auf "ein wenig", denn nur so weit, dass ich ein spirituelles Silvester ohne jegliche Barrieren verbringen kann. Abends kommt die dicke Fritte vorbei und wir zerlegen die Couch immer weiter. Und wir fringen uns durch ein Paralleluniversum, und nebenbei retten wir noch die Welt.

In dieser Zeit denke ich nicht an Schule, noch nicht mal an das neue Jahr, sondern mit Tunnelblick geht es auf Silvester zu, und das muss perfekt werden (typisch Aspi eben). Da muss alles vorhanden sein, was man braucht, Tee, Nahrungsmittel, Medikament gegen Reizhusten, Filme, Klopapier, Badesalz, Videospiele. Den Jahreswechsel nutze ich dann wieder zum Nachdenken, aber dazu in den nächsten Tagen mehr.

Irgendwie ist das also nichts Halbes und nichts Ganzes, und das ist in Ordnung. Da darf noch Chaos herrschen, und ab Neujahr kann es dann anders weitergehen. Macht Ihr irgendwas Besonderes zwischen den Tagen?

Montag, 20. Dezember 2021

Quelle (der Erinnerungen)


Heute nur eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist und tatsächlich etwas ausmacht. Meine Badewannenarmatur hat keinen klassischen Wasserstrahl, um die Wanne zu füllen, sondern per Schlitz kommt das Wasser in einem Schwall heraus. Ich wollte einfach mal etwas Neues ausprobieren. Interessant ist dabei der akustische Effekt; normalerweise klingt ein Wasserstrahl nicht irgendwie besonders, aber wenn ich jetzt im Bad bin und die Augen schließe, klingt es tatsächlich, als säße ich an einer Bergquelle. 

Das Wasser plätschert so vor sich hin, und das hat tatsächlich einen entspannenden Effekt. Nicht so "laut" und "stressig" wie der klassische Hochdruck-Wasserstrahl. Großartig, jetzt kommt im Badreich zusätzlich zur Aroma- und Farb- auch noch die Klangtherapie hinzu. 

Das ist sehr schön, denn das Gehirn stellt sofort Assoziationen her. Ich kenne das schon vom Badesalz: Wenn ich die Tüte aufreiße, die Augen schließe und am Salz schnuppere, sehe ich mich vor dem geistigen Auge sofort wieder am Strand von Methóni in Griechenland stehen, eine steife Brise im Gesicht - das funktioniert jedes Mal. 

Und ebenso funktioniert es auch mit der Armatur und dem Wasserschwall: Wenn ich das Plätschern höre, das Licht im Bad ausschalte und nur die farbige indirekte Beleuchtung einschalte, dann die Augen schließe - dann befinde ich mich noch weiter in der Vergangenheit, nämlich in den Tropfsteinhöhlen, die wir damals als Familie besucht haben, als wir Ferien auf dem Bauernhof im Schwarzwald gemacht hatten. Und da ich Höhlen und Tunnel liebe, ist das ein echt toller Effekt für das Bad.

Happy.

Dienstag, 7. Dezember 2021

Das Duschtelefon


Wer auf einem Handtuchbrot meditiert, der kann auch mit einem Duschtelefon baden.

Vielleicht kennt Ihr das Problem: Ihr wohnt oben in einem Mehrfamilienhaus, und wie heiß das Wasser per Durchlauferhitzer wird, hängt vom Wasserdruck ab; der wiederum kann sich ständig durch die unteren Wohnungen ändern, so dass man sich drei Minuten warum duscht und dann plötzlich verbrüht, die Temperatur nur ein Stückchen herunterdreht und den Kältetod stirbt. Nach acht Jahren in dieser Wohnung habe ich immer noch keine Möglichkeit gefunden, das Problem zu lösen.

Beziehungsweise doch, habe ich, aber das war alles immer ewig weit entfernt: Die Idee, eine Badewannenarmatur mit Thermostat einzubauen. Das war deswegen ewig weit entfernt, weil ich kein Handwerker bin und davon ausgegangen bin, sobald ich irgendeine Schraube losdrehe, dass meine Wohnung direkt überflutet wird.

Dann hatte ich vor einiger Zeit den Probedurchlauf mit einer Billigarmatur aus dem Discounter - einmal testen, ob ich es schaffe, die auszutauschen, und es hat tatsächlich geklappt. Damit waren dann endlich die Weichen gestellt für eine neue Armatur und endlich auch einen vernünftigen Duschkopf - minimalistisch, mit geraden Linien. Und, wie gesagt, mit Thermostat.

Nun ist die Post angekommen und ich habe die letzte Stunde damit zugebracht, im Bad zu handwerkern. Glücklicherweise muss man dabei nicht viel herumgehen, das kann ich mir also erlauben. Und jetzt schaue ich auf eine neue glänzende Armatur mit einem Duschkopf, der ein bisschen an ein minimalistisches Telefon erinnert; ich hatte diverse Duschköpfe mit allen möglichen Funktionen durchprobiert und gemerkt, dass ich die alle gar nicht brauche. Und in seiner jetzigen Form lässt sich der Duschkopf wunderbar auf der Armatur ablegen - wie ein Telefon eben.

Heute Abend wird das Ganze eingeweiht ;-)

Sonntag, 25. Juli 2021

Fest


Da war ich doch gestern in der Drogerie, mal wieder das Nötigste einkaufen, um die Wohnung sauber zu "denken" - als ich die Tüten für den Bioabfall geholt habe, musste ich natürlich sofort an meinen Körper denken und habe mich daran erinnert, wie die große Buba etwas von festem Shampoo erzählt hatte. Mir war das vorher auch schon einmal in den Regalen aufgefallen, hatte mich aber bisher noch nicht gereizt - und dann sehe ich da plötzlich eine Kombipackung aus festem Duschpeeling, Cremedusche und Shampoo.

Wer das nicht kennt: Das sind runde Waschstücke, fast wie Seifenstücke - wobei ich froh war, dass die Duschmittel seifenfrei sind, perfekt für Neurodermitishaut, und dass das Shampoo Arganöl enthält, das habe ich sowieso gern im Bad. Und dann ist da noch der Faktor: Die drei Stücke kommen in einer Pappschachtel, keine weitere Verpackung, keine Flasche, keine Cremetube oder Sprühdose. Kein weiterer Abfall. 

Und diese Kombination aus seifenfrei, verpackungsfrei, Arganöl und recht günstig (die Stücke halten relativ lang) fand ich ziemlich ansprechend. Gestern hatte ich also meine erste Dusche und alle drei Produkte haben funktioniert, wie sie sollten - das Peelingstück reibt man einfach kreisend über die Haut, das Dusch- und Shampoostück schäumt man in beiden Händen auf und verteilt den Schaum dann über Körper beziehungsweise Haar. 

Ein abschließendes Urteil kann ich noch nicht fällen, denn dazu muss ich die Produkte eine Weile konsequent angewendet haben: Ich muss schauen, ob meine Haut das verträgt (und Kokosöl nach der Dusche muss natürlich immer noch sein) und ich muss schauen, ob das Shampoo meiner schuppigen Kopfhaut gut tut - wobei da natürlich auch die Nahrungsumstellung eine große Rolle spielt. 

Aber der Gedanke, dass ich meinen ganzen Badebereich verpackungsfrei halten kann, ist irgendwie toll, und ich kann noch nicht einmal sagen, warum. Genauso, wie ich es toll finde, im Sommer ohne Klamotten in der Wohnung herumzulaufen. Fühlt sich ein wenig befreiend und natürlicher an. Wusstet Ihr, dass Helen Mirren Naturistin ist? Random-Info am Rande ^^

Plastikmüll reduzieren, wenn es geht!