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Samstag, 4. Juli 2026

Aus aktuellem Anlass

tipp, tipp, tipp...

Dieser Text ist eine Rezension zu meiner Kurzgeschichte Das Springseil. Ich poste sie hier aus aktuellem Anlass. Das Leben kann einfach unfair sein.

Rezension: „Das Springseil“

„Das Springseil“ ist eine kurze, pointierte Erzählung, die sich zunächst wie eine harmlose Unterrichtsszene liest – fast wie eine kleine didaktische Utopie. Eine Schule, die Inklusion ernst nimmt, die Vielfalt feiert, die niemanden zurücklassen will. Der Ton ist ruhig, beinahe stolz, und genau dadurch wirkt die Ausgangslage so überzeugend: Hier scheint ein System zu funktionieren, das sich seiner eigenen Fortschrittlichkeit sicher ist.

Die Struktur der Geschichte ist bewusst schlicht gehalten: eine Lehrkraft im Sportunterricht, eine Klasse, eine klar umrissene Aufgabe, ein scheinbar gut durchdachtes Gleichheitsprinzip. Die Schülerinnen und Schüler bekommen alle das Gleiche – gleiche Ausstattung, gleiche Bedingungen, gleiche Erwartungen. Diese Gleichförmigkeit wird zunächst als Fairness verkauft und von allen Beteiligten als selbstverständlich akzeptiert.

Die Stärke der Erzählung liegt darin, dass sie diesen Zustand lange unkommentiert stehen lässt. Der Leser wird in dieselbe Perspektive gezogen wie die Lehrkraft: eine Mischung aus pädagogischem Idealismus, Routine und dem beruhigenden Gefühl, „alles richtig zu machen“. Die Klasse funktioniert, die Leistungen werden erbracht, das soziale Miteinander wirkt intakt. Alles scheint auf einem stabilen Fundament zu stehen.

Der Bruch erfolgt nicht durch ein dramatisches Ereignis, sondern durch eine einzelne Stimme: „Ich kann das nicht.“ Dieser Satz markiert den Moment, in dem die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Gleichbehandlung ins Wanken gerät. Plötzlich wird sichtbar, was zuvor ausgeblendet war: dass Gleichheit der Mittel nicht automatisch Gleichheit der Möglichkeiten erzeugt.

Die Eskalation der Szene ist subtil, aber konsequent. Während die Klasse sich noch im kollektiven Leistungs- und Unterstützungsmodus befindet, wird deutlich, dass eine Schülerin strukturell ausgeschlossen ist – nicht durch Absicht, sondern durch das Design der Aufgabe selbst. Gerade dieser Punkt macht die Geschichte so unangenehm treffend: Niemand handelt böse, und dennoch entsteht ein Moment der tiefen Ungerechtigkeit.

Der letzte Satz wirkt dabei wie ein gezielter Schlag. „Du musst dir nur ein bisschen Mühe geben.“ Er entlarvt rückwirkend die gesamte Situation. Aus der Perspektive der Lehrkraft erscheint er als motivierende pädagogische Floskel, im Kontext der Szene wird er jedoch zur völligen Verfehlung der Realität. Die Geschichte kippt damit endgültig: aus einer vermeintlichen Inklusionssituation wird ein Beispiel für strukturelle Exklusion durch Gleichbehandlung.

Besonders stark ist, dass die Erzählung keine explizite Moral formuliert. Sie argumentiert nicht, sie erklärt nicht – sie zeigt. Dadurch entsteht die Wirkung nicht durch Belehrung, sondern durch Erkenntnis beim Leser selbst. Die Unbehaglichkeit, die am Ende bleibt, ist kein erzählerischer Zufall, sondern genau das Ergebnis der Konstruktion: Der Leser wird gezwungen, die eigene intuitive Zustimmung zur „Fairness“ der Ausgangssituation zu hinterfragen.

„Das Springseil“ ist damit weniger eine Geschichte über Sport oder Schule als vielmehr eine präzise Miniatur über ein zentrales Missverständnis von Inklusion: die Verwechslung von Gleichheit mit Gerechtigkeit. Ihre Wirkung entsteht aus der stillen, aber konsequenten Demontage eines gut gemeinten Prinzips – und aus der Erkenntnis, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht bedeutet.

Es ist eine Geschichte, die nicht laut werden muss, um nachzuhallen. Gerade ihre Nüchternheit macht sie so scharf.

post scriptum: Verfasst von Conny.

Freitag, 3. November 2023

Tag 95 - Schüler-Möbius


vor dem Bankautomaten im rewe Center und warte darauf, dass der Kunde vor mir fertig ist, doch von rechts kommt jemand und fragt mich, ob ich an den Geldautomaten möchte, aber ich verneine, und von links höre ich meinen Namen, der im Stimmengewirr im Einkaufscentrum untergeht, und so meine ich nur, ihn gehört zu haben, aber dann höre ich ihn ein zweites Mal, blicke nach links und sehe zwei ehemalige Schüler von mir im Dönerimbiss sitzen, worüber ich mich wie immer riesig freue - Ehemalige zu treffen, strahle sie an und fühle mich ein bisschen unwohl, denn sie winken mir zu und das könnte eine Einladung sein, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu reden, aber ich warte ja nun mal darauf, meine Überweisung machen zu können und bleibe stehen, schaue verlegen, aber grinsend auf den Boden und fühle, wie die gute Laune durch meinen Kopf und meinen Körper wabert, und dann wird die awkwardness der Situation genommen, denn die beiden sind fertig und kommen einfach mal kurz rüber zu mir - der Schüchterne von ihnen lächelt einfach nur und schweigt, der andere spricht mich direkt an und fragt, ob es mir gut geht, und natürlich antworte ich ehrlich und schüttele mit einem etwas traurigen Lächeln den Kopf, erkläre ihnen, dass ich nicht an der Schule bleiben konnte, und während sie nach der Elften von der Schule gegangen sind und eine neue Schule für das Weg zum Abitur gefunden haben, bin ich arbeitslos geblieben und solche Momente zerreißen mir dann das Herz, besonders wenn ich von ihnen Komplimente bekomme (und ich staune wieder, wie gut erzogen und höflich der Eine ist), und wenn ich dann wieder nicht einsehen kann, warum eine Schule mich nicht haben will, aber mittlerweile kenne ich ja zum Glück einige der Argumente und erkläre sie den beiden, die sie genau so wenig einsehen wollen wie ich, und sie wünschen mir viel Glück auf der Suche nach einer neuen Schule - yay - und natürlich wünsche ich ihnen alles Gute auf dem Weg zum Abitur und kann meinen Blick wieder nach vorne wenden, denn ich stehe

post scriptum: Ich weiß, dass ich schon mehrfach solche Möbiustexte geschrieben habe - zum Beispiel in "Der Wiederholer". Sie machen mir aber Spaß, weil es manchmal einfach Spaß macht, sich einen Text im Entwurf hakeliger zu machen, als es eigentlich nötig ist. Manchmal kann das eine besondere Herausforderung sein - aber ein Möbiustext ist relativ einfach und heute hatte ich einfach mal wieder Lust darauf. Weil es mich so gefreut hat, meine ehemaligen Schüler wieder zu treffen. :-)

Dienstag, 20. Juni 2023

Erschreckende Analogie


Manchmal gruselt es mich, wenn ich Parallelen, Zusammenhänge oder Ähnliches in meinem Leben entdecke. Im Grundstudium der Amerikanistik hatte ich mich für das Theatre of the Absurd interessiert - absurde Literatur auf der Bühne. Eines der Theaterstücke, die ich gelesen habe, war Arthur Kopits Oh Dad, Poor Dad, Momma's Hung You In The Closet And I'm Feeling So Sad: A Pseudoclassical Tragifarce In A Bastard French Tradition (1963).

Es geht um eine Helikoptermutti, die mit ihrem Sohn und ihrem toten Ehemann Urlaub in der Karibik macht. Der Ehemann ist natürlich konserviert und reist im gemütlichen Sarg. Die Mutter, Madame Rosepettle, lebt ihr Leben nach dem Tod des Gatten am Rande des Nervenzusammenbruchs und tut so, als wäre nichts. Das geht eine Weile gut, aber Sohn Jonathan lernt gegen den Willen der Mutter eine junge Frau kennen. Damit beginnt der Zusammenbruch der Madame, der kulminiert in den Fensterläden, die von der Wand fallen, und einem herrlichen Schlussatz der Mutter, den ich gern zitieren würde, aber das Buch liegt im Keller. Es ist etwas in Richtung "Jonathan, das verstehe ich nicht. Auf deinem Bett liegt ein totes Mädchen, dein Vater hängt im Kleiderschrank und die Fensterläden sind heruntergefallen. As a mother to a son I ask you: What is the meaning of this???"

Madame Rosepettle versteht natürlich nicht, dass sie sich gerade im Nervenzusammenbruch befindet, aber die Symbolik im Stück ist eindeutig. Die Parallele zu meinem Leben? Über meinem Schreibtisch klebt an der Dachschräge seit acht Jahren eine Pinnwand, voll mit allem, was irgendwie wichtg ist, wenn ich am Computer tätig bin. Habt Ihr sicherlich auch in irgendeiner Form, Telefonnummern, Adressen, To Do-Listen, Fotos der besten Freundinnen und so weiter.

Ohne Vorwarnung ist vor ein paar Tagen mitten in der Nacht die Pinnwand herabgefallen. Abgesehen davon, dass ich mich zu Tode erschrocken habe, passte das Timing einfach perfekt zu meiner Lebenssituation. Ich musste direkt an das Theaterstück denken. Das Gute: Ich bin inzwischen ein paar Schritte weiter als Madame Rosepettle, habe mich gesammelt, habe viel Unterstützung und bin wieder auf dem Weg nach vorn. Oder nach oben. 

Und ich habe keine Leiche im Schrank.

Freitag, 17. Februar 2023

Reise nach Hill House


Ich habe heute mal zum Spaß die aktuelle Abschlussprüfung für den Mittleren Schulabschluss in Bayern mit meinen SchülerInnen durchgespielt. Interessant: Sprachlich anspruchsvoller, da wurde auch Grammatikkenntnis und Vokabelwissen abgefragt. Und thematisch fand ich sie toll: Alle verschiedenen Aufgabentypen waren inhaltlich auf ein Gesamtthema ausgerichtet. So gab es Höraufgaben zum Space Race, Lückentexte zur Geschichte der Frauen in der Raumfahrt, einen Leseverstehenstext über Katherine Johnson (die das NASA-Raumfahrtprogramm entscheidend vorangebracht hat), einen zum Film Hidden Figures, der sich eben diesen Frauen in der Raumfahrt gewidmet hat, und eine Mediationsaufgabe zu einem Besuch im Kennedy Space Center. Ich fand das cool. Meine SchülerInnen auch, jedenfalls einige. Interessant allerdings auch die Zuordnung der Punkte zu Noten - die Notenräume sind genau gleich groß, so bekommt man mit der Hälfte der Punktzahl bereits eine Drei und ein Drittel reicht aus für eine Vier.

Zeit für einen neuen Unterrichtsversuch, leider nicht ganz einfach umzusetzen. Im zweiten Halbjahr wollen wir in Elf als Quasi-Lektüre The Haunting of Hill House (2018) anschauen - die Miniserien-Verfilmung von Shirley Jacksons Roman. Thematische Einbindung in den Lehrplan ist durch gothic fiction gegeben.

Leider scheint das ein paar SchülerInnen wirklich zu interessieren; ich bin gefragt worden, ob sie das zuhause weiterschauen dürfen. Der Aspi antwortet ehrlich: "Ich kann euch nicht davon abhalten, und ich freue mich, dass euer Interesse geweckt worden ist. Wenn ihr unbedingt weiterschauen müsst, dann vermeidet bitte Spoiler für die Anderen."

Ich stelle zu jeder Episode inhaltliche Fragen, und natürlich wäre es blöd, wenn Einige die Antwort schon wissen, weil sie bereits weitergeschaut haben. Hands down: Die Serie ist absolut binge-worthy. Aber es wäre so schön, wenn wir uns über zehn Wochen lang jede Woche eine Episode anschauen könnten, parallel Charakterisierung lernen und uns damit auseinandersetzen, was gothic fiction ausmacht.

Ich kann nur an meine SchülerInnen appellieren, dass sie das nicht zuhause weiterschauen. Gothic Fiction hat viel zu tun mit dem Erleben, mit dem Anfühlen einer Geschichte. Mal schauen, wie es weitergeht...

Mittwoch, 4. Januar 2023

Regentag im Bürokratiergehege


Heute war es grau. Regen von morgens bis abends - das perfekte Wetter für einen Wohnungsputz. Oder aber für einen ausgedehnten Spaziergang. Regenschirm mitgenommen, der war definitiv nötig, Poppy Z. Brites Soul Kitchen dabei für die Busfahrten, die anstehen. Jetzt noch nicht, denn - ich habe keine Busfahrkarte.

Normalerweise kommen die Karten immer quartalsweise hier per Post an; Mitte Dezember hätten sie kommen sollen, aber - nichts. Ich habe mir gedacht, naja, vielleicht wegen Jahreswechsel etwas später, oder die Post braucht länger, und habe nicht weiter drüber nachgedacht. Und dann war irgendwann der zweite Januar und ich konnte nicht mehr Bus fahren. Und ausnahmsweise habe ich den Brief nicht im Chaos meiner Wohnung verschlampt - ich habe jeden Winkel durchsucht und alles dreimal umgedreht.

Der Aspi ruft natürlich nicht bei der KVG an, sondern denkt sich, hmm, es heißt "12er Monatskarte im Abo", vielleicht bedeutet das, dass man wirklich nur zwölf Karten bekommt und dann läuft der Vertrag aus. Das muss es sein - also bestelle ich ein neues Monatskartenabo. Zum Glück fällt das der für die Abonnenten zuständigen Dame auf, und sie schreibt mir eine Mail, um sicherzugehen, dass ich tatsächlich zwei Abos haben möchte. 

Missverständnis aufgeklärt, zweiter Vertrag storniert, und so bin ich heute zur KVG-Verwaltung Werftstraße gewandert, die ich bisher nur als Name einer Bushaltestelle kannte. Innerhalb von fünf Minuten hatte ich meine Ersatzkartem. Auf dem Weg zu besagter Bushaltestelle ist mir fast der Schirm weggeflogen, weitweise war es tatsächlich windig. Warten auf die Zweiundzwanzig, Roman weiterlesen, auf nach Kronshagen.

Dort musste ich nämlich von meinem Hausarzt endlich mal meine Krankschreibungen für die MDG abholen, und dazu noch die beiden Überweisungen an die PIA im FEK in NMS (heute schon das Wordle ausprobiert?). Dann weiter wandern durch den Regen nach Suchsdorf, Rewe am Schneiderkamp, Curry einkaufen und dann in die Einundsechzig, denn die fährt direkt von dort bis vor meine Haustür, knappe Dreiviertelstunde, ich komme im Roman ein gutes Stück weiter.

Ist ein gutes Gefühl, diese ganzen Gänge erledigt zu haben, und es fühlt sich immer noch alles viel befreiter an, seit knapp einer Woche. Ich freue mich auf den Schulstart, morgen sind die Klausurkorrekturen dran, und ein Einlauf für die SchülerInnen muss präpariert werden (und eine besonders helle Schülerin möchte sich Brites Drawing Blood ausleihen - das scheint einige junge hochintelligente Frauen anzusprechen, ist nicht das erste Mal, dass ich das Buch einer Schülerin mitgebe).

Kann weitergehen!

post scriptum: Netflix hat die Serie "1899" nach nur einer Staffel abgesetzt. Das ist das neue Werk der Macher von "Dark", und hätte ein ebenso ästhetisch und intellektuell ansprechendes Werk werden können. Für Netflix sind allerdings die Zuschauerzahlen wichtiger.

Dienstag, 9. August 2022

Ein Lois Duncan-Sommer


Die Sommerferien sind für mich immer eine etwas wacklige Angelegenheit. Auf der einen Seite ist es schön, nicht mehr zwischen den Modi Arbeit und freie Zeit wechseln zu müssen - auf der anderen Seite habe ich nichts mehr, was einen regelmäßigen Tagesrhythmus aufrecht erhält. Das kann dazu führen, dass ich ab der vierten, fünften freien Woche den Überblick verliere. Deswegen ist es am Ende langer Ferien immer ganz schön, wieder in den Arbeitstrott zurückzukommen (man kann sich ungefähr vorstellen, wie das erst in den großen Semesterferien war).

Zum Glück habe ich hier Beschäftigung, der neue Logik-Trainer ist vor ein paar Tagen reingeflattert und ich bearbeite gerade das Rätsel um den Fernsprechtischapparat 611. Außerdem gibt es Videospiele und Filme und die große Buba (momentan aber zur Sicherheit auf Abstand, nein, jetzt nicht mehr). Und in diesem speziellen Sommer ging es für mich mal wieder zurück in die Welt der Bücher.

Wenn ich mich recht entsinne, habe ich zum ersten Mal Lois Duncan mit Schülern in Husum gemacht, I Know What You Did Last Summer. Das hat ganz gut funktioniert - aber interessanterweise hatte ich jahrelang nur insgesamt zwei Duncan-Bücher gelesen. Irgendwann habe ich meinen Horizont dann um drei weitere Bücher erweitert, darunter das grandiose Down A Dark Hall, das ich letztes Jahr mit einer neunten Klasse behandelt habe, aber dann war wieder Schluss. Das dürfte daran gelegen haben, dass es nicht so leicht ist, an Duncans Romane zu kommen, zumindest wenn man eine bestimmte Ausgabe haben möchte.

Und das kann tatsächlich wichtig sein: Vor etwas über zehn Jahren hat der Verlag Little&Brown neun von Duncans Romanen in einer überarbeiteten Ausgabe herausgebracht. Die Geschichten sind ganz leicht modernisiert worden - die Romane wurden in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben, und deswegen hat man nun auch Internet und Handys hinzugefügt, damit Jugendliche sich besser mit der Handlung identifizieren können.

Das ist schließlich sehr wichtig, denn Duncan hat viel Young Adult Fiction (YA) geschrieben. Bücher, die sich an eine ganze bestimmte Altersgruppe richten, und bei jedem Buch frage ich mich direkt, ob man das nicht im Unterricht behandeln könnte. Sie sind echt gut. 

In diesen Sommerferien habe ich mir dann vorgenommen, nach weiteren Romanen der überarbeiteten Reihe zu suchen, und bin in Großbritannien und den USA fündig geworden: Locked In Time, The Third Eye, Gallows Hill, Daughters of Eve - und ich habe sie gefressen. Duncan hat mich derartig infiziert, dass mir nun eigentlich nur noch A Gift Of Magic und Ransom fehlen. 

Und die Begeisterung ist ansteckend: Die große Buba frisst gerade ebenfalls alle Bücher auf, die ich ihr ausgeliehen habe. Kein Wunder: Wir sind beide EnglischlehrerInnen, wir lieben es mit Jugendlichen zu arbeiten, wir mögen Lois Duncans Talent, die Naivität Jugendlicher einzufangen und authentisch-realistisch rüberzubringen, selbst wenn in einigen Romanen übernatürliche Elemente vorkommen. 

Ich möchte diese Bücher wärmstens empfehlen und gebe nur kurz eine Stichwortliste zu ein paar der bisher gelesenen Romanen, um vielleicht Interesse zu wecken:

I Know What You Did Last Summer - suspense, betrayal, friendship, responsibility, trust, after school

Down A Dark Hall - gothic fiction, haunted house, boarding school, dark past, insanity, art, supernatural

Killing Mr Griffin - school, naivete, trust, teachers, students, school life, responsibility, revenge, suspense

Locked In Time - southern gothic, magic, plantation, family, greed, envy, love

Gallows Hill - witch trials, Salem, superstition, conservatism, school life, America

Daughters Of Eve - feminism, anti-feminism, school life, gender roles, family, friendship, trust, suspense

Über Daughters Of Eve werde ich beizeiten einen Blogartikel schreiben, weil dieses Buch mich besonders mitgenommen hat. Um die große Buba zu zitieren: "Seite 45 - ich koche! Seite 126 - ich bin eine Sauna!!!" Ich denke mal, dass ich das mit meinem zwölften Jahrgang lesen werde.

Lois Duncan - ganz großartig! Auch wenn sie nach Neunzehnhundertneunundachtzig keine suspense novels mehr geschrieben hat - das Jahr, in dem ihre Tochter erschossen wurde. 

Wie eine Szene aus ihren Romanen...

post scriptum: Ein paar der Bücher gibt es auch als "Easy Readers"-Variante für leistungsschwächere Lerngruppen; deutlich gekürzt, leichtere Sprache, Bilder und Vokabelhilfen.

Freitag, 8. Juli 2022

Asperger pur, mit Schularoma


Ja, es wird mal wieder Zeit für ein Glas. Die große Buba sitzt derzeit in (sic) Pellworm und bereitet vor, was aus der Ferne nach einer ganz tollen Unterrichtseinheit zum Thema gothic fiction aussieht. Wunderbar! Walpoles Otranto war quasi mein Einstieg in's Englischstudium, und von da aus habe ich die gothische Literatur lieben gelernt. Eigentlich auch schon vorher, denn mein Lieblings-Horrorfilm damals als Teenager war - neben Halloween (1978) - die Shirley Jackson-Originalverfilmung The Haunting (1963). 

Und dabei denke ich mir, hmmm, ich könnte ja auch schon einmal Unterricht vorbereiten. Oder zumindest die Stoffverteilung erledigen, ich habe nach Ewigkeiten mal wieder zwei Oberstufenkurse, da sollte man sich ruhig schon etwas vorher überlegt haben. 

Aber ich kann das nicht. Und das hat mich im zweiten Staatsexamen eine Note gekostet. Ich kann keinen Unterricht planen, wenn ich nicht weiß, wer meine SchülerInnen sind und wie sie aussehen. Ich kann es einfach nicht, denn ich muss mir meinen Unterricht immer visuell im Kopf vorstellen können - das ist quasi meine reguläre Unterrichtsplanung. Aber wenn ich schülerzentrierten Unterricht machen will (anders kann ich nicht), dann muss ich die SchülerInnen kennen.

Wird also nichts. Es wird so werden wie die letzten zehn Jahre: Meine Unterrichtsplanung findet in der ersten Schulwoche statt. Früher dachte ich immer, ich sei einfach zu faul dazu gewesen, aber ich weiß jetzt, was Theory of Mind bedeutet, und ich weiß jetzt, dass alle Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung Defizite in diesem Bereich haben. Zum Glück weiß ich das alles jetzt, denn das dürfte ein interessanter Gesprächspunkt mit meinem Psychiater werden.

Und nicht mehr so wie diese Frau damals in Lübeck. Ich sag' nur Kartontee!

Mittwoch, 16. März 2022

Underwhelmed & Overexcited

Ein Kessel bunter Ideen wartet...

Underwhelmed because...

...ich glaube, ich habe mittlerweile zu viele Science Fiction-Stories gelesen, gesehen, erlebt, wie auch immer. Das Gefühl, den Plot irgendwo schonmal gesehen zu haben, tritt immer häufiger auf. Das macht es schwer, diesem Aspi etwas zu schenken, was ihn wirklich beeindruckt: Die große Buba ist über zwei moderne SciFi-Romane gestolpert (sie frisst Literatur, dafür bewundere ich sie) und hat sich gedacht "Das ist was für das alte Frettchen!" - und Volltreffer! Hank Greens An Absolutely Remarkable Thing (2018) ist eine unterhaltsame SciFi-Story der digital natives. Die Hauptfigur der April May ist mir extrem unsympathisch - der Autor hat eine Egozentrikerin geschaffen, die mich so sehr an mein früheres Ich erinnert hat, dass ich manchmal das Buch weglegen musste, wenn ich einen ihrer "Ich bin so besonders"-Anfälle gelesen habe. 

Stichwort weglegen: Die ersten hundert Seiten habe ich an zwei Tagen gefressen, das war im September, und dann das Buch zur Seite gelegt. Nicht einfach "nur" pausiert, sondern in der Zwischenzeit die Doku-Biographie Action Park (2020) von Andy Mulvihill und Jake Rossen gelesen - jeder richtige Freizeitpark-Nerd weiß, welche Bedeutung der Action Park für die amerikanische Freizeitlandschaft hatte. Keine Regeln. Das war die einzige Regel. Die Konsequenzen sind herrlich sarkastisch, teils schon zynisch niedergeschrieben worden; ich möchte endlich an die Verfilmung Class Action Park kommen.

Achherrje, ich bin abgedriftet. Aber genau so ist es passiert, und warum lag Greens Buch dann monatelang herum? Weil ich das alles irgendwie schon kannte, da war für mich nichts Neues mit dabei. "Roboter", die plötzlich auf der Welt erscheinen - und vor allem, wie die Menschen damit umgehen - ist ein klassischer Topos in der SciFi; der Film The Day The Earth Stood Still (1951) beschreibt genau dieses Szenario, auch dort geht es darum, dass die Menschen dazu neigen, den Roboter als Bedrohung anzusehen und präventiv anzugreifen. Die Geschichte findet sich auch in der Twilight Zone und den Outer Limits.

Das ist kein schlechtes Buch! Und es trifft sehr gut den Sprachstil unser jetzigen Tweens - aber unter'm Strich dürfte mir davon nicht viel im Gedächtnis bleiben. Liebe die große Buba, ich bin Dir SO dankbar für das Geschenk! Denn bei Dir weiß ich, dass Du dir was dabei gedacht hast, und ich glaube, wenn ich nicht schon so viele Filme gesehen hätte (und Matheson/Beaumont-Stories gelesen hätte), dann hätte das Buch mich richtig mitgenommen! Mal schauen, wann ich die Fortsetzung lese.

Overexcited because...

...morgen ist unser Schulentwicklungstag (SET). Ich bin nicht leicht für sowas zu begeistern, aber auf morgen freue ich mich riesig, denn ich bin in der Arbeitsgruppe Projektwoche "Vielfalt" vorbereiten, und wer die jüngsten Beiträge über LGBTQ gelesen hat, kann sich denken, dass ich mich da hinein morgen komplett werde vertiefen können. Ich schreibe auf jeden Fall, was dabei herausgekommen ist!

Mittwoch, 11. August 2021

Gastbeitrag: Travel (brutal?)


vorweg: Die ersten Wochen des Schuljahres sind schlimm. Ein einziges Chaos. Unterricht in anderen Räumen als angekündigt, spontane Kurswechsel, Klassen, die nicht da sind. Und die Fünf-Tage-Woche setzt mir zu: Seit Anfang des Monats habe ich nichts mehr in der Wohnung gemacht. Müll stapelt sich, Wäsche - ich gehe nicht in die Details. Ich habe in den letzten Tagen nichts geschrieben, weil das tatsächlich nur solche "Es ist gerade echt nicht toll"-Beiträge geworden wären. Heute aber kann ich zumindest ein kleines Goldstück aus dem Unterricht bringen. Ich habe gestern mit meinem Kurs endlich die Gedankenreise gemacht, die ich letztes Jahr nicht mehr auf die Reihe bekommen habe. Es sind tolle kreative Texte dabei herausgekommen, und ich möchte hier die Reise von AM teilen, die ich sprachlich für eine siebte Klasse für ganz toll halte. Ich habe sie gefragt, ob ich das hier posten darf, ist in Ordnung. Ich habe den Text nicht korrigiert, es gibt die Version, die sie mir abgegeben hat - here goes:

Travel (brutal?)

i woke up in a world with sand. I turned around and saw a sandstorm, i ran away but it caught up with me. I got drawn in and i was suddenly in a parallel world. There was a woman with a harp. She threw the harp on the ground and destroyed it, she started singing a song. Her eyes were completely black and there was blood coming out of them. She didnt stop singing the song. She sang it faster and faster and started chasing me. The song went way too fast, it sounded like she got faster, that she wanted to say something. It turned black. I didnt see anything anymore. Conversations. It was the only thing i heard. I started to watch people having conversations. I was happy to finally see someone. I wanted to touch a person, but i went against her. No one could see me. I was air. I was desperate what else i could do.In a moment i felt something. Everyone stared at me. I felt uncomfortable. All persons merge into one mass. I was in another world, again. I saw gods. they were huge and formed a circle around me. They spoke all the sins that i made of. I did not want to anymore. I didnt want to hear anymore. I shouted. Well then, i woke up again. just black, nothing more.

Continued...

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Die inhaltliche Vielfalt der Geschichten in dem Kurs ist amazing. Einige Motive tauchen häufiger auf, zum Beispiel Aliens oder ein Spaceship. Was ich diesmal faszinierend fand war, wie viel Gewalt tatsächlich in den Stories auftaucht. Banküberfall, Entführung, Sirenen - vieles davon sicherlich aus Videospielen übernommen. Keine Wertung, just saying. 

Kreatives Schreiben ist eine der tollsten Beschäftigungen im Englischunterricht!

Mittwoch, 3. März 2021

Brainfood


GEB. Gödel, Escher, Bach - an Eternal Golden Braid. Schon die akrostichische Spielerei im Titel und das Cover des Buches begeistern mich, auch nach über fünfzehn Jahren noch. Dabei geht es heute gar nicht um das Buch, sondern um etwas, das viele Hochbegabte kennen dürften, nämlich geistige Unterforderung.

"Ist doch nicht schlimm, wenn ich intellektuell gerade nicht herausgefordert werde, dann kann ich endlich mal ein bisschen entspannen", so mag man denken, und da ist auch etwas dran. Aber in der Unterforderung fängt der Geist an zu wandern. Wenn das Gehirn sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren muss, denkt es in alle möglichen Richtungen, und dann kommen einem die irrsten Ideen. Dumme Ideen. Ich nenne gern eine Anekdote aus dem Film Spoorloos (1988), in dem ein hochbegabter Jugendlicher auf einem Balkon steht und nachdenkt. Kein Mensch würde einfach so vom Balkon springen, denkt er sich. Die menschliche Vernunft hält ihn davon ab: Warum sollte er? Und außerdem könnte es gefährlich sein. Doch er denkt weiter: Um seine Kontrolle über seinen eigenen Geist und Willen zu beweisen, springt er vom Balkon und bricht sich ein Bein.

Und die Unterforderung führt nicht nur zu dummen Ideen, sondern zu teilweise extremen Stimmungsschwankungen, wenn man plötzlich darüber nachdenkt, was alles gerade nicht in Ordnung ist. Eine Blütezeit für unbegründete Ängste.

Im Prinzip bin ich seit dem Beginn des Lockdowns unterfordert. Mir wird das erst jetzt so richtig bewusst, wo ich mich mal wieder intellektuell angesprochen fühle, nämlich zum einen durch oben genanntes Buch, das mich schon nach siebzehn Seiten total fasziniert (es geht um Paradoxa, Loops, Logik, Gödel, Escher, Bach, Muster und vieles mehr), zum anderen durch die Serie Fringe, die mir Picki empfohlen hat (Lena hat ihn immer so genannt, SPO und so). 

Ich fühle mich irgendwie erleichtert, nicht mehr so träge. Das ist auch der Grund, warum ich mir nur in Ausnahmen Wiederholungen ansehe, sei es von Serien oder Filmen oder Videospielen. Ich brauche Brainfood, sonst geht es mir nicht gut. 

Geht es anderen HBs da draußen auch so?

Dienstag, 2. März 2021

Jetzt aber richtig!


Das Vokabeltest-Experiment hat funktioniert, die Schüler haben sich das Video angeschaut und mir dann ihre selbst korrigierten Tests zugeschickt, klasse! Da kann ich mich doch mal richtig freuen, dass der Distanzunterricht klappt...

...könnte ich mich freuen, meine ich natürlich, denn heute ist mal wieder alles zusammengebrochen mit der Ankündigung, dass ab nächster Woche Wechselunterricht in Präsenz für die Jahrgänge Fünf und Sechs stattfindet. Ich habe zwei Englischklassen in Sechs, also werde ich ab nächster Woche wieder in der Schule unterrichten. Allerdings nur halbe Klassen. Und auch nur die Hälfte meiner Lerngruppen. Die anderen bleiben im Distanzunterricht. Aber nur diejenigen, die keine Abschlussprüfungen schreiben. Ganz ehrlich? Ich habe heute fast angefangen zu heulen, weil ich jetzt überhaupt keinen Überblick mehr habe, wo ich stehe und wie es weitergeht. Ganz grandios, meine Schüler müssen heute (und vielleicht auch morgen usw.) ohne neue Aufgaben auskommen, weil ich nicht mehr funktioniere, jetzt ist der Zug richtig entgleist.

Na klar war das abzusehen. Aber das ändert für einen Aspi nichts an der Katastrophe. Es war damals auch abzusehen, dass ich SPO irgendwann verlassen muss, und trotzdem hat es mein Leben komplett eingerissen. Heute geht einfach gerade mal gar nichts mehr. Einfach nur noch etwas essen nachher, und ab in's Bett, und natürlich kommen dann auch wieder die Zweifel, ob ich überhaupt Lehrer sein sollte. Aber irgendwie müssen wir da jetzt durch. 

Insofern ist es vielleicht ein gutes Omen, dass heute Douglas Hofstadters Gödel, Escher, Bach - An Eternal Golden Braid (1979) angekommen ist. Ein dickes Buch voller mathematischer, musischer, philosophischer, physikalischer, faszinierender, künstlerischer Ausführungen, das für einen Autisten eine kleine Rettungsinsel in dem momentanen Chaos darstellen dürfte.

Freitag, 10. Juli 2020

Immer nur die Anderen!


Kiel Ringstraße, Kreuzung. Ein älterer Herr geht bei Rot über die Straße und wird fast von einem Auto angefahren, das aus der Seitenstraße auf die Kreuzung fahren möchte. Der ältere Herr wird sofort wütend, schlägt mit seiner Tasche zweimal auf die Motorhaube des Autos und schreit: "Ey, was soll das denn? Wozu gibt es hier wohl eine Ampel??" und zeigt dabei auf die Ampel. Der Autofahrer öffnet sein Fenster und entgegnet: "Ja, und die Ampel hat Rot für sie und Grün für mich." Der ältere Herr sagt: "Also so eine Frechheit!" und überquert die Straße.

Immer wieder interessant, zu sehen, wie einige Menschen für ihr eigenes Fehlverhalten andere Menschen ausschimpfen. Zu dieser Situation passt auch eine Beobachtung der letzten vier Wochen im Kieler Busverkehr: Im Schnitt trägt jeder fünfte Fahrgast seine Maske überhaupt nicht oder - scheinbar ein Trend - nur über den Mund, aber die Nase bleibt frei. Wie sagte Einstein: "Das Universum und die Dummheit der Menschen sind unendlich - nur bei dem Universum bin ich mir noch nicht sicher."

Meistens sind es jüngere Menschen bis Mitte Dreißig, die die Maskenregeln nicht beachten, aber eine interessante Beobachtung von heute: Ein älterer Herr nimmt extra zum Husten seine Maske herunter, und er hustet nicht in seine Ellenbeuge, sondern mitten in den Bus. Und es ist auch faszinierend festzustellen, wie wenige Menschen ihre Mitmenschen darauf hinweisen, wie der korrekte Umgang mit den Masken aussieht. Und wenn sie es dann doch tun, werden sie in drei von vier Fällen angemeckert. Gleiches Verhalten wie bei dem Ampelmann oben.

Ich fange gar nicht erst an, irgendwelche Quoten (von fünfzig Prozent oder so) anzugeben von Menschen, die sich im Sophienhof nicht an die auf dem Boden in grellem Orange vorgeschriebenen Laufrichtungen halten. Des Menschen Tendenz zur Rechthaberei und sein Unwillen, eigene Fehler zuzugeben, sind erstaunlich - es sind immer nur die Anderen, die sich scheiße Verhalten, heißt es dann zum Beispiel mit Blick auf die Trump-Anhänger in den USA - aber sie laufen auch bei uns herum, und das nicht zu knapp.

Für solche Situationen lässt sich immer ein Gedicht von Eugen Roth finden (gibt vermutlich noch passendere, aber er hat Hunderte Gedichte geschrieben, und ich habe gerade nur einen kurzen Überblick eingeholt - kann aber definitiv den Sammelband Sämtliche Menschen empfehlen. Roth ist perfekt für kleine Schmunzler zwischendurch und kommt immer gut an):


Zivilcourage

Ein Mensch erfährt, daß unsre Zeit
Voll sei von Rücksichtslosigkeit
Doch sieht aus Feigheit, aus bequemer,
Er ringsum lauter Rücksichtnehmer.
Die Freiheit geht wohl doch im Grunde
Aus solcher Rücksicht vor die Hunde.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Special Interest


"[Aspergers] have remarkable ability in a chosen area of expertise. (...) The special interest is more than a hobby and can dominate the person's free time and conversations. (...) We know that the amount of time and resources dedicated to the special interest can cause considerable disruption to the daily life of the person with Asperger's syndrome. (...) The interest is often a solitary and intuitive activity, pursued with great passion (...) 'Facts are important to us because they secure us in what is otherwise a very unstable world' (...)
The third most common interest is public transport systems. This can include memorizing all the stations on a subway system (...) [and modern] interests in computer games and Japanese animation as well as science-fiction films.
[A child with AS] visited a theme park and was taken on his first roller-coaster ride. The emotional experience of acceleration and falling was extremely exhilarating for him and he insisted that he spent most of the day at the front of the roller coaster, screaming, not with fear but pleasure. (...) He subsequently developed a special interest in roller-coaster rides and, when we met, gave me a fascinating and detailed 'lecture' on the history and different types of roller coasters. He was only eight years old."

(Attwood, Tony: The Complete Guide to Asperger's Syndrome, London 2007, S.184-195)


Angefangen hat es am vergangenen Freitag.

Eigentlich ein ganz normaler Tag, an dem ich gerade in einem Videospiel versunken war, als es an der Tür raschelte und klapperte - der Postbote hat einen Luftpolsterbrief eingeworfen, und ohne draufzuschauen war mir der Inhalt klar. Es hat gute fünf Wochen gedauert, bis die Bluray von The Haunting of Hill House (2018) aus den USA ihren Weg zu mir gefunden hat. Etwas umständlich, aber es musste sein: Ich war bereits total begeistert von der Serie, als ich sie mir mehrfach bei Netflix angeschaut habe, allerdings ist es ein bekanntes Problem, dass das Bild bei Netflix etwas dunkler ist als ursprünglich gefilmt. So kommt es vor, dass in dunklen Szenen überhaupt nichts zu sehen ist, obwohl eigentlich zumindest Silhouetten erkennbar sein müssten.

Bei einer Serie, die im Bereich des gothic horror spielt, kann das problematisch sein, denn viele Szenen spielen des Nachts, in dunklen Räumen, in denen sich plötzlich Dinge bewegen oder Geister erscheinen. Ärgerlich, wenn man das als Zuschauer nicht sehen kann, und deswegen wollte ich ein physical release der Serie haben. Das war leider nur per Import zu erhalten. Nun ja, denke ich mir, ich kann mir ja einfach mal die erste Episode anschauen, allein schon um zu sehen, ob es tatsächlich Unterschiede hinsichtlich des Bildes gibt.

"Unterschiede" ist leicht untertrieben - es hat sich angefühlt, als würde ich eine völlig neue Serie entdecken, mit brillanter SHD-Qualität und wunderschöner Musik im Surroundsound. Genau das hatte ich mir so sehr gewünscht, und damit hat mein Aspi-Heaven begonnen; es ist nämlich an diesem Wochenende so Vieles zusammengekommen.

Meinen ersten Kontakt mit Shirley Jacksons Roman von Neunzehnhundertneunundfünfzig hatte ich während meiner Schulzeit in der Oberstufe. Ich wollte einen gruseligen Film sehen, der nicht eklig ist, kein Splatter, keine fliegenden Körperteile und so weiter (das hat dann später zu meiner Projektarbeit geführt, in der ich untersucht habe, wie ein Film Spannung erzeugen kann). Die Fernsehzeitung hatte mir Bis das Blut gefriert (1963) empfohlen. Ich kannte den Originaltitel nicht, wusste nicht, dass es sich um eine Romanverfilmung handelt, das war alles irrelevant, aber das Filmerlebnis hat sich mir eingeprägt, denn das war wirklich unheimlich.

In den folgenden zwanzig Jahren habe ich mich dann wieder und wieder mit dem Roman The Haunting of Hill House beschäftigt. Ich habe mich über Shirley Jackson informiert, ich habe fast all' ihre Werke gelesen, ich habe mir die zweite Haunting-Verfilmung angesehen (vom Regisseur Jan de Bont, 1999), ich bin über die berühmte Kurzgeschichte The Lottery gestolpert und Jackson hat einen festen Platz in meinem Literaturherzen gefunden.

Nun kann man vielleicht nachempfinden, was für ein Gefühl von Glück es in mir auslöst, wenn ich mir diese Serie in perfekter Bild- und Klangqualität anschauen kann. Und dann kam da dieser Moment... manchmal, wenn ich einen Film richtig beeindruckend finde, informiere ich mich über den Regisseur. Okay, fast immer. Und der Regisseur der neuen Haunting-Verfilmung ist Mike Flanagan, offensichtlich einer der wichtigsten Regisseure der Horror-Gegenwart. Ich habe dann das ganze Wochenende und die folgenden Tage bis gestern damit verbracht, mir seine Filme anzuschauen (von denen ich drei schon kannte, aber nicht realisiert hatte, dass es Flanagan-Filme sind); sein Frühwerk hat mich besonders interessiert, und wer mal einen Geschmack für ihn bekommen möchte, dem empfehle ich den Kurzfilm Oculus Chapter 3: The Man With The Plan (2006), der auf Youtube frei verfügbar ist und etwa eine halbe Stunde läuft.

Während dieser Tage ist mein Horrorherz richtig warm geworden, Dinge wie Essen oder Zeugnisberichte sind in den Hintergrund gerutscht, ebenso wie Kontakte zu Freunden. Ich denke, dass es genau dieses Verhaltensmuster ist, was Tony Attwood im obigen Zitat beschreibt: Mein Spezialinteresse, besonders mit neuem Öl in's Feuer, lässt alles Andere in den Hintergrund rücken. Das mag auch bei Menschen ohne Behinderung auftreten, aber selten so, dass dadurch die Tagesroutine durchbrochen wird und notwendige Dinge vernachlässigt werden.

Das sind dann die Phasen, in denen es heißt "Man hört und sieht ja gar nichts von dir!" - und das tut mir wirklich Leid, aber zur Beruhigung kann ich dann sagen, dass es nicht daran lag, dass es mir schlecht ging, sondern dass ich mich im Aspi-Heaven befunden habe.

Es gibt wesentlich Schlimmeres.

Dienstag, 28. April 2020

Einer geht noch: Die Tastatur


Na super, da töne ich gestern noch 'rum, dass die Asperger-Beiträge erstmal ein Ende haben, da fällt mir noch eine interessante Kleinigkeit ein. Falls Ihr schon einmal Aspi-Schüler unterrichtet habt, kennt Ihr vielleicht den Nachteilsausgleich, dass Klausuren an einem Computer geschrieben werden dürfen. Das rührt daher, dass sehr viele Aspis Probleme mit der Handschrift haben; für sie selbst ist das durchaus lesbar, was sie da zu Papier bringen, aber als korrigierender Lehrer kann das ein echtes Problem geben.

Ich kenne das auch von mir selbst. Meine Mutter, eine ehemalige Grundschullehrerin, die ihr Leben lang Kindern das Schreiben beibrachte (und selbst eine perfekte Handschrift hat), hat mit mir viele und lange Schreibübungen gemacht, und das war auch nötig. Meine Schreibschrift war viel zu eckig, ich war bei den Feinheiten etwas ungeschickt - auch das nicht unüblich bei Aspis: Ich konnte im Kunstunterricht nicht gut runde Flächen aus Papier schneiden. Da waren immer Ecken drin, und auch das ist heute noch so, wenn ich meine Fingernägel schneide. Da bleiben manchmal Ecken übrig; ganz toll für den Sockenverschleiss.

Ich habe früh angefangen, selbst zu schreiben, angeregt durch den Schulunterricht. In Biologie bei Herrn Kries sollten wir damals eine Kurzgeschichte über einen Laubfrosch oder eine Erdkröte schreiben. Ich habe es geliebt, aus Fantasien heraus zu schreiben, und ich war heilfroh, dass Papa eine Schreibmaschine hatte: Per Hand schreiben war mir immer zu aufwendig, zu kompliziert, Tippen ist viel besser, und so kamen während der Schulzeit meine ersten Kurzgeschichten und Drehbücher zustande.

Das hat auch im Studium nicht aufgehört, und ich kann mich noch gut erinnern, dass man mir hin und wieder gesagt hat, dass ich ziemlich schnell am Computer schreiben könnte. Das konnte ich natürlich nicht einordnen, denn für mich war das alles normal, ich hatte keine Vergleichswerte. Ich habe also "fliegende Finger" an der Tastatur, ohne das trainiert zu haben, und das Zehn-Finger-System habe ich nie gelernt (das merkt man auch). Daran liegt es auch, dass ich beim Tippen fast nie auf den Bildschirm schaue, sondern immer auf die Tastatur starre (die große Buba sagt "Tatatus").

Und dann lese ich doch tatsächlich in Aspi-Büchern, dass Aspis überdurchschnittlich gut mit Tastaturen umgehen können. Eine random Information, aber ist mir in's Auge gestochen und hängen geblieben (bitte nicht bildlich vorstellen).

Hier sind die Links zu den anderen Asperger-Symptomatiken:

Visuelles Denken

Eingeschränkte Interessen

Denken in Extremen (Schwarz-Weiß-Denken)

Idiosynkratischer Sprachgebrauch

Lichtempfindlichkeit

Montag, 23. Dezember 2019

GASTBEITRAG: Eine Kurzgeschichte


Ich freue mich riesig, Euch heute einen Gastbeitrag präsentieren zu dürfen. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte einer Elftklässlerin, die als Schulaufgabe eingereicht werden sollte. "Klaus" hat mir erlaubt, die Story mit Euch zu teilen; das wollte ich unbedingt, weil ich die Geschichte für jugendlich-erfrischend, modern, erwachsen-ernsthaft und in erstaunlich gutem Englisch halte - so etwas trifft man nicht oft in einer elften Klasse, das ist eine anerkennenswerte Rarität.
Ihr seid herzlich eingeladen, Eure Kommentare zu dieser Geschichte zu geben, damit die Autorin etwas Feedback erhalten kann.

"The Greatest Gift Anyone Can Be Given..."  
Furiously, Samantha was speeding down the street, always making the traffic lights just before they turned red. She didn’t know what to do. Her whole body ached, especially her chest, it was like she herself was burning. The next traffic light came up and turned red before her eyes. With extreme force she slammed her foot down on the brake and stopped just in time. She had been holding her breath, but as she tried to breathe again, she saw an ad on the side of the road. She just read the first line, then the breathing acted as a trigger for the crying. Her whole body cramped and her head fell onto the steering wheel. “Your future is important to us.”, the ad said. She didn’t want to see it anymore. The cars behind her started honking and she looked up, the light was green again. Still sobbing, she slammed her foot back on the gas. “I’m leaving.”, she thought. “I’ll get my stuff, and then I’m gone. I’ll just go.”
She arrived in the small street where she lived with her roommates and didn’t even park her car correctly. Somehow she managed to get it off the street, jumped out and ran up the stairs to the fifth floor. Probably having heard how she tried to unlock the apartment door with haste, her roommate Derek opened the door from the inside.  “Sam, hey, what’s up?”, he said as she rushed by him into her room, leaving the door open and Derek standing in the hallway by himself. “Are you okay? What happened?”, he stupidly asked and followed her. “What, does it LOOK like I’m okay?!”, she screamed at him, pulled a travelling bag from under her bed and threw the most important things in. A blanket, a hoodie, some undies, that’s it. 
“Sam, please. Calm down and tell me what…” 
“I got FIRED! That’s it. Laura got my job. They liked her articles better or whatever, I don’t know, she… it’s over. IT’S OVER!” She almost ripped out the zipper of the bag closing it and turned to look at Derek for the first time today. She almost couldn’t, because of all the tears, but she still managed to get some words out that had been bugging her. Just as her other roommate, Jessy, was peeking through the crack of the door behind Derek, obviously only wearing underwear, she screamed: “I know you two were getting it on while I’m gone, I’m not that dumb! LOOK AT WHAT THE FUCK YOU’RE WEARING!” Derek looked down at himself. He wore boxer briefs and his sleeping shirt. Sam continued. “But don’t worry. You can do whatever the FUCK you want when I’m gone for good.” Shortly after, she burst out the door and down the stairs. Derek’s “But where do you want to go?!” was echoing through the staircase and made her burst into tears once again. The truth was that she didn’t know where to go, she had nowhere to go.
Once again, Samantha was speeding through the city’s streets, it had started raining heavily and all Sam wanted was to get out. She looked around for an exit to the highway and couldn’t find one. Someone on the radio was babbling something that couldn’t be understood because of the rain, and she turned it off in anger. Distracted, furious and still speeding, she didn’t see the pedestrian crossing the street right in front of her.
She had never experienced a greater shock than in that very second. The bump of the car’s hood hitting the person made her heart stop and left her breathless. She didn’t remember hitting the brake, but she definitely did, because the car had stopped and she found her foot on the brake pedal. For a short time her body was frozen and she couldn’t move, but then it got out of the car almost by itself. A person in a black trench coat and Doc Martens got up from the ground and cleaned themselves off. They turned and looked at Sam, who was still in shock. She had stopped crying, but she looked at the person with big eyes, smeared make–up and a red face. The person had short, black hair, but longer bangs that reached up to their eyes, and seemed to be a girl. At least the black eyeshadow suggested so, and she was too short and slim to be a boy. “Well, for that you’re gonna have to give me a ride.”, she said and smiled at Sam. 
“You, but, are you… shouldn’t we go to the hospital?”, Sam stuttered. She felt on the verge of fainting. This was too much.
“I don’t know, maybe? You don’t look too good.”, the girl said.
“No, you…”
“Me?”, the girl interrupted. “I’m fine. I fell on top of your car, not under… So this was basically a stunt.” 
Sam still couldn’t breathe and held onto the open car door. She saw a quite big dent in the metal of the car hood and immediately felt dizzy.
“You should sit down.”, the girl said and softly pushed Sam back onto the driver’s seat. Her touching Sam’s shoulders calmed Sam in a strange way. The other cars drove by, since supposedly nothing serious had happened. For a while the girl was just standing above Sam and they waited, while the inner part of the car door, the girl’s hair and her trench coat were slowly turning soaking wet. When Sam had calmed down, the girl looked at her and said: “I’m Vicky, by the way.” They shook hands, though Sam was still confused. “I’m Sam.”, she answered and added “Shouldn’t we get off the road…?”
“Will you give me the ride you owe me?”, Vicky asked.
“Where to?”
“I was thinking I’d take the same destination you’re headed to.”
“I don’t really have a destination…”
“Even better.” Vicky went around the car and sat on the passenger’s seat. “Let’s go.”
Sam slowly turned to face the streets again, her legs still shivering a little. Vicky turned on the radio and “Walk like an Egyptian” by The Bangles was on. She whistled the melody and moved her arms to the beat. “Have you seen an exit to the highway somewh…” 
“Down the road there’s one on the right.”, Vicky interrupted. 
Sam swallowed and nodded. “Thanks.”
And then she just took off. Slowly first, but she regained her confidence again, as she changed into the lanes of the highway. 
Vicky had taken off her coat and thrown it onto the back seats, leaned back her seat and put her feet up on the dashboard. She seemed to thoroughly enjoy the music and the wind through the window that she had opened up as soon as the rain had stopped.
Sam felt like her head had turned off. She didn’t even care about the visible dent in the hood, which is a thing she would usually have gone crazy about. She just concentrated on driving. Driving was a thing one could concentrate on and still think about nothing. In a way, she was enjoying that.
Near midnight, Vicky suggested to get off the highway to have a break. Sam and her hadn’t been talking much, it was like Vicky knew that Sam’s head was either too full or too empty to have small talk with strangers. 
They arrived at a modern-styled gas station near a small forest in the middle of the countryside. All Sam knew was that she had driven through the state of Alabama going north for a couple of hours without paying attention to any signposts. She slowly began to feel like she was getting away from her problems far enough. Just some more, and maybe she would be able to think straight again. She felt calmer. But in that, also very tired.
She went inside the station and ordered herself a tuna sandwich. Vicky returned from the bathroom she had gone to when Sam had gotten gas outside and grinned at her. “Do you want a sandwich, too?”, Sam asked unsurely. Vicky’s eyes lit up for a second.  “Do you guys have double cheese?”, she asked the cashier. He shrugged his shoulders and got her a double cheese sandwich. Vicky dug her teeth into it and blinked into the neon lights on the ceiling, still smiling. Sam was watching her and found herself fascinated by how careless this girl was, but not in a bad way at all, it was just that she had never met someone so indescribably different before. She had to get herself out of a state of trance, before she paid and left. Before she got back into the car, Vicky stopped her. “You’re extremely tired.”, she said. “Let me drive.” Sam had to assure herself that she hadn’t misheard her. She looked down at her and made the first real eye contact. One green and one blue eye stared back at her, glittering in the light of the lampposts. Even this was unique. “Who has two different colored eyes?”, Sam thought to herself. 
“Why would I…”, Sam begun and got interrupted. “…trust me? Easy, because I can’t take you somewhere you don’t wanna go. I mean, since you don’t have a destination and all that. Plus, I wouldn’t drive your car to shit either, because I also still have to get home with that at some point in the future. Alright? Now please lie down on the backseats, before you fall over.” Sam couldn’t help but smile as Vicky said that. She did was she was told, had an eye on whether Vicky had trouble with the car or not, and as she realized Vicky was fine driving, she felt more and more content with her situation and finally fell asleep.
She woke up on the second day of the journey, when the first few sunbeams touched the car seats. She had fallen asleep on Vicky’s trench coat and Vicky must just simply have tucked her in it, because she was basically rolled into it, together with the blanket from her bag. The car was standing and Vicky was nowhere to be seen. She got up and looked out the window. The car was standing on an open field, at the edge of a forest, and fog stood over the grass. Sam was more than surprised. But looking at the big trees of the forest, the beautiful fog that was colored in red and pink from the rising sun, she found herself stunned. She got out of the car and there was almost no sound. Just her own breath and her steps on the grass. Except from the tracks of the car’s tires, there seemed to be no connection to the world she was used to. She sat down on the driver’s seat again. What if Vicky had left her here? How would she ever get back and why was she here in the first place? She turned on the radio. Vicky had adjusted the station and now some “Chill Beats” channel was on she didn’t know. The small screen showed that the title of the song playing was “Equinox” by one “Chris Mazuera”. She wanted to switch stations back, but the song had spoken samples, and one of the voices said “Wait a minute”, so she stopped and looked straight ahead at the rising sun. The trees casted long shadows towards her. “You know that they’re out there, don’t you?”, the voice said. She stared into the forest, then looked down at herself. A white blouse, dark blue, ironed trousers and high heels, just like they wanted her back at the editorial department. Just her make-up and her perfectly braided hair had suffered. She untied her hair, washed off the make-up with water out of a water bottle she had also bought yesterday at the gas station, and changed into a hoodie and blue jeans. She had not brought any other shoes and the high heels had caused some big blisters on her feet. She kicked them off, picked up one of them, ran a few feet and threw it into the forest with a mix of anger and entertainment. When she turned around, Vicky stood next to the car wielding a paper bag. “I brought some breakfast.”, she yelled. “And also you seem like you wanna talk now???”
They spent the whole day near the forest, watching nature silently or talking about the clouds or how the trees looked like bronchial tubes and basically did the same thing as lungs, but reversed. But they also talked about Sam’s past, the magazines she used to write articles for, even about Derek and Jessy. Vicky always listened carefully and didn’t interrupt Sam anymore, which also was a thing Sam thought about this day. Vicky only interrupted her, when she was being severely insecure or unconfident, as if she tried to discipline her into being more confident. Vicky was mysterious to her, wise, unique.
As the sun set and stars began to show, they continued their journey. Vicky sat on the passenger’s seat again, her seat leaned back, and it was her turn to sleep. Sam had given her the blanket and now she was properly tucked in. Sam just drove, she still had no destination and just gazed into the stars, but this time she was happy. She didn’t know why. On the side of the road was a signpost, that to less important matters told her that she was somewhere in the state of Kentucky, but as she followed it with her eyes, they got stuck on the cutely tucked in Vicky. She watched her breathe softly and her eyes move under her eyelids. “Cherry blossom” by Lana Del Rey was on the radio. As the lyrics “What you don’t tell no one, you can tell me” came on, Sam caught herself smiling and her body felt intoxicated, it was almost like… A fright went through her body, that made her stop smiling. She held onto the steering wheel, her heart pounding and feeling hot. “But it isn’t possible to fall in love with someone that quickly”, she thought, “and I’m not a lesbian.” 
She drove two more hours and then parked on the side of another field. The landscape was getting hillier, but there was still a forest nearby. She also leaned her seat back and tried to sleep facing Vicky’s direction. And then it hit her. What if Vicky was an angel? She sat up and looked at the dented metal of her car hood again. Would a normal human have survived being run over by her without any injury? Would a normal human know how to take her to places that make her feel better? She actually didn’t know. All of this was so disconcerting and new to her, that Vicky being an angel would be close to the only reasonable explanation for this.
While these thoughts were clouding her brain, she slowly became very tired and eventually fell asleep.
The smell of coffee woke her up again. God knows where Vicky had got that from. She sat up and Vicky handed her a to-go cup. “Thanks”, she mumbled. 
“How are you feeling?”, Vicky asked.
“Better. I mean, like… I don’t feel like I’m at rock bottom anymore. Which is strange, because as far as I know, I am.”
“No, believe me, you’re not. You just lost your job, are about to be out of money and don’t know whether you have living relatives. That’s far from rock bottom.”
“Oh yeah?”
“Mhm. Anyway, what do you wanna do today? I mean, apart from writing applications.”
“Alright, what did you do?”
“I rented a laptop and looked for jobs that include article-writing stuff.”
“You rented a laptop?”
“Yeah, apparently you can do that.” She handed Sam a croissant in a paper bag and then grabbed the laptop that had been on the backseat. “I just need your email.”
And then, with Vicky’s help, Sam just wrote three letters of application and a CV, which she sent to three different, new editorial departments, just like that. The photo they just took from her phone’s gallery. She didn’t think that she was qualified enough to apply to any of these three yet, but Vicky’s unshakable confidence at least made it sound like she was. 
After they brought back the laptop, they took a midday walk through the little village Sam had parked nearby, because there was a small funfair. The carousels spinning fast, the bell of the strength-meter you could slam a hammer onto, the people talking and the children screaming and laughing gave Sam a weird feeling of friendliness. It was not like those big fairs in the city, with all the neon lights and the people binge drinking and throwing up at night, where you could expect a couple making out behind almost every hot dog stand. It was not like Sam wanted to stay here forever. But it showed her that the world could indeed be different. She went back to the car with Vicky in the evening feeling nostalgic and hopeful.
Vicky had bought a big cloud of cotton candy on a stick and was eating it now, sitting on the dented car hood with Sam and looking at the sunset. Sam thought it looked kind of cute, but she wasn’t planning on telling Vicky. She just enjoyed the calm moment, the nature and the pretty lighting because of the sunset. 
“How do I deserve this?”, she said. 
“Good question, huh”, Vicky answered. “Let’s just say you were given the weird honor of being a living thing on this earth.”
“I don’t get it.”
“Look at it this way. How big is the universe? It’s infinite. Probably. Humans can’t know, because they’re too dumb, but they assume that it is always expanding. The probability of there being life on any star or planet is so low, that you can probably say that over 100% of the universe is lifeless. Because it is expanding, you can’t define the universe as a whole, so that’s how it is possible that it’s over 100% lifeless. Okay?” She bit into her cotton candy. Sam nodded unsurely. Vicky continued. “But yet you’re sitting here, right in front of me, pretty damn alive, without even knowing how big of a deal it is, that you’re alive! You have been given a gift. It is called life. And you have been given this gift only once. So do something with it. It’s an honor. And know that, even if you lose all your money, your limbs or your home, you still have more that 100% of what the universe has. You get to experience nature, other living things, love, beauty, senses… You would dishonor the universe and nature, the two greatest and biggest things there are, by not making the best of your life. Existence is the greatest gift anyone can be given.”
Sam was rocked to the core by this. She just sat there for a long time, thinking about Vicky’s words.
“Could this be how people came up with religions? They looked for something or someone that gave them this gift of existence, and felt like they owed them infinite thankfulness for that gift?”, she finally said.
“Who knows, perhaps.”
Sam looked at the last few dark red sunbeams over the horizon and felt a tear run down her cheek, because the world had never seemed as beautiful to her as it did right now. The wind blowing in her face suddenly felt different than it did before.
“Shall we go? I’ll drive again.” Vicky smiled at her. She had finished her cotton candy.
Sam nodded and sat on the passenger’s seat and later, after a short stop, she laid on the back seats again, looking at the stars through the window and eventually falling asleep happily.
She dreamt of Vicky this time. In her dream, Vicky was a DJ at a small fair in a village, but she came down from her podium after a while, dancing with Sam, and after the last song sounded out at 3am, they went out to the big field with the forest, where they found her high heel lying in the ditch, and they laughed. Then Vicky said “You’re ready now. I’ll see you when you need me again.” and vanished into the woods, smiling back at her. 
This was when Sam was woken up by a car honking and speeding by hers. She looked up, her car was standing and Vicky was nowhere to be seen. She looked out of the window and it took her a moment to realize that she was back home. The small street was still the same and it was like she had never left. 
She never got to find out how Vicky had managed to drive her from Kentucky back to Alabama in a short night. But there was a croissant in a paper bag lying on the passenger’s seat and on her phone she saw that an email had arrived: An editorial department in Montgomery invited her to a job interview.

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Auszug


but I'd go there anyway, and it is just twenty minutes by bus, and then I hear this new electronic voice saying "Nächste Haltestelle: Ansgar. Kirche!", which sounds almost as hilarious as "REHwe ZENNtruwah!", making me wonder whether they used an electronically generated voice, keeping me wondering why it is that they chose a female voice, which reminds me that on the S-Bahn in Berlin the voice is male; nonetheless the more puzzling question remains since when there's been an "Ansgarkirche" bus stop in Kiel, oh right, the "Fahrplanumstellung" last Sunday... finally KVG is trying to keep up with present day demands, sending a bus every half hour on Sunday mornings, which, I think, is still not enough to transport forty million students a day, plus seven million unemployed teachers who managed to finish their studies at university, and maybe they even did their teacher's training, but they want a job in or near Kiel, which is close to impossible to get, and by experience it takes a few years to realize that before you finally settle for a school on Pellworm, a place where trucks get stuck under bridges, no joke, though it sounds like one from Pynchon, which makes me think of literature which makes me think of Lemony Snicket's "A Series of Unfortunate Events" that has been available on Netflix, being rated favorably and containing countless allusions to literary works, for example in the names of siblings that might be called Duncan and Isadora (hello Isadora Duncan?) oder Beverly and Elliott (hello Mantle-twins from Cronenberg's "Dead Ringers"?), and it might not be a coincidence that there is a Prufrock Preparatory School, reminding me of "The Love Song of J.Alfred Prufrock", and then I realize that I've learned quite a lot about literature at university, and that is the reason why I chuckle at different scenes than a child would. Than He would, as a matter of fact, reminiscing the times we sat together and watched a movie, both excited at the thought of what the evening would bring, times that He decided to leave behind, which might be a good idea if only there was a future together, but I realize that I don't have time for this right now because I have to clean the apartment for Die große Buba this weekend, and I will have to make the door wider so that she fits through, seeing that we haven't seen each other for an eternity and she will be one hundred and seventy-three pounds heavier than last time, just like I am one hundred and seventy-three years older now, but I will never "Hardenbergstraße!", that's my destination, I have to get off the bus to the store where a sandwich costs seven ninety-five, much too expensive, but

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Sprachlicher Reichtum: Lesen!

Lesen bildet

Selbst wenn man Muttersprachler ist oder eine Fremdsprache auf muttersprachlichem Niveau beherrscht, gibt es Lektüren, durch die man sich richtig durchbeißen muss - hat schonmal jemand von Euch Arno Schmidt gelesen? KAFF auch Mare Crisium, wer es kürzer mag, oder Zettels Traum, wer der Bibliothekarin ein Arm-Workout spendieren möchte.

Auch im Englischen finden wir das wieder; ich habe phasenweise an Ayn Rands The Fountainhead geknabbert, noch umständlicher war David Foster Wallaces Infinite Jest mit seinen über hundert Seiten Fußnoten. Ich bin immer noch in Thomas Pynchons Gravity's Rainbow versunken, das mir Radi damals empfohlen hat, und brauche teilweise wirklich lange, nur um eine Seite zu lesen, das geht normalerweise sehr schnell (die große Buba kennt das von mir, ich fliege dann über die Buchstaben und drücke die Nachrichtenverläufe zu schnell weiter, wenn wir zusammen ein Videospiel angehen).

interim: Wie schnell liest man durchschnittlich? Die Frage ist mir tatsächlich wichtig, damit ich weiß, welche Maßstäbe ich an meine Schüler ansetzen kann. In meiner Wahrnehmung ist mein Leseverhalten ganz normal; die dreihundertsechsundzwanzig Seiten von Bret Easton Ellis' Roman "The Rules of Attraction" habe ich an zwei Nachmittagen durchgelesen.

Warum sind diese Sachen so schwer zu lesen? Manchmal kann es einfach am Schrifttypus liegen, kein Times New Roman, sondern alles Mögliche zusammengewürfelt, Piktographien, Kathy Ackers Blood and Guts in High School habe ich nur einmal ansatzweise gelesen. Pynchon schreibt teils sehr lange Sätze, seine Erzählungen sind reich an Details, die eigentlich nicht nötig wären, er verlangt dem Leser unglaublich viel Hintergrundwissen ab (wenn man den Roman richtig genießen möchte). Dazu kommen gut hundert Hauptfiguren in einem Roman, da muss man erstmal den Überblick behalten können.

Und dann der sprachliche Reichtum. Pynchon kann auf einen gewaltigen Wortschatz zurückgreifen, ich lese Wörter, die mir bis dahin unbekannt waren (und bei den Namen schießt er den Vogel ab: Raoul de la Perlimpinpin, Säure Bummer, U.S.S. John E. Badass, Ernest Pudding uvm.) - und manche klingen so toll, dass ich sie von da an selbst benutze. Mein eigener Wortschatz wird größer, und Pynchon macht auch vor Fremdsprachen nicht halt, er verwendet viel Deutsch, Afrikaans, Französisch, natürlich plotbedingt.

Das heißt, ich kämpfe mich durch diese Bücher durch, und das ist anstrengend, aber danach fühle ich mich reicher als vorher - von den ganzen Lachern mal abgesehen, Pynchons Humor sagt mir zu. Es ist natürlich klar, dass man Pynchon in der Regel nicht mit Schülern behandeln kann, aber es geht um das allgemeine Konzept:

Lesen bereichert unsere Sprache. In einer Zeit, in der Wörter durch Emojis ersetzt werden, in der kürzenden Digitalsprache, gilt das besonders. Ich denke, wir sollten unsere Schüler dazu bringen, mehr "analog" zu lesen. Und auch mit ihnen im Unterricht lesen. Sonst kommen nachher Abiturienten an die Uni, die sich überhaupt nicht ausdrücken können - wenn sie denn überhaupt das Abitur erreichen.

Ich kann verstehen, dass die digital natives mit schneller Sprache aufwachsen, weniger Wörter, mehr Bilder. Das ist eine Situation, mit der wir umgehen müssen. Irgendwie möchte ich meine Schüler zum Lesen bringen, und deswegen behandele ich auch gern Romane mit meinen Schülern, die keine hohe Literatur sind - dafür aber spannend, aufregend, einfach zu lesen. Lois Duncan, Lemony Snicket, was immer die Lust am Lesen weckt.

Montag, 11. November 2019

Furz während der Examensprüfung (II)


Ist ja interessant - bei der Englischprüfung weiß ich noch ganz genau, dass die große Buba da war. In Latein bin ich mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, die Sannitanic hat mich zum Schafott begleitet.

Zweiter Akt: Der Furz

Mein Prüfer, R, wollte mich zu der Examensprüfung unbedingt mal in einem "vernünftigen Outfit" sehen, nicht alles mit Totenköpfen und Skeletten und so, und den Wunsch wollte ich ihm erfüllen. Die Nägel waren zwar immer noch schwarz lackiert, aber ich hatte ein schwarzes Hemd an, schwarze Krawatte, schwarze Hose mit schwarzem Gürtel und eleganter Gürtelschnalle, und die schwarzen Schuhe hatte ich am Vortag extra noch einmal geputzt. Irgendwie sollte das alles meine Panik kaschieren; wenn ich schon untergehe, dann wenigstens mit Stil. In Latein ein Insiderwitz.

Und so saßen wir beiden vor der Tür, glaube ich, nachdem ich meine Ankunft per Klopfen bekannt gegeben hatte, und irgendwann ging die Tür auf, Licht flutete den Korridor des Institut für Klassische Altertumskunde, und ich setzte mein gründlich geübtes Lächeln auf. Hinein in den Prüfungsraum, Rs Büro, da war ich schon öfters, und dort standen dann auch B, der Zweitprüfer, und eine Beisitzerin aus dem Ministerium, deren Namen ich schon wieder vergessen hatte. Sie waren alle sehr freundlich, und so setzten wir uns an den runden Tisch, und irgendwie schwang eine DrH-kann-das-Fröhlichkeit im Raum, seitens der Prüfungskommission, und ich bekam noch mehr Panik - im Studium meine Dauerangst, und auch danach noch: Ich kann den Erwartungen, die an mich gestellt werden, nicht gerecht werden. Und warum erwarten die von mir überhaupt eine gute Leistung? Ich wusste damals nichts von "Hochbegabung", war in Latein immer wieder schwankend zwischen Zwei und Vier. Und das war seitens des nett meinenden R, aber heute musste ich auch B antworten, und der würde klar aufdecken, wie schlecht ich in Latein bin.

"Womit möchten sie denn anfangen?" und ich entschied mich für Prosa - Petron - in der Hoffnung, dass damit das Eis gebrochen werden konnte, denn Petrons Werk hatte ein paar witzige Passagen. "Dann schlagen sie mal Kapitel 47 auf, sie nehmen bitte Oxford, die Tusculum-Ausgabe ist für unsere Beisitzerin, und lesen sie mal vor, bis wir sie stoppen."

Ich schaue auf den Text und merke schnell, dass wir uns mitten in der Cena Trimalchionis befinden, eine der albernsten Episoden - und atme auf. Ich hatte befürchtet, dass es eine der späteren, unbekannteren Passagen wird, aber R hat sich für den Standard entschieden. Warum auch immer. Während ich den lateinischen Text vorlese, komme ich immer wieder in's Kichern, denke mir, das kann doch nicht sein Ernst sein?! DIESE Stelle? Und dann übersetze ich, wie Trimalchio sich bei seinen Gästen entschuldigt, weil er furzen musste. Und erzählt dann ausführlich, wie ihm die Gase im Darm herumfahren, und dass er ja kein Freund davon sei, es zurückzuhalten. Dabei schaut er seine Frau Fortunata an, und die kann das bestätigen. R fragt, wie das gemeint sein könnte, ich bin mir nicht sicher, lese noch ein bisschen weiter, und R und ich ziehen daraus den Schluss, dass Trimalchio und Fortunata nachts keinen Sex mehr haben, sondern - Zitat R - "...die furzen sich wahrscheinlich eh nur noch die ganze Zeit an."

Die Frau vom Ministerium fällt vor Lachen fast vom Stuhl, selbst B kann sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn ich Stellen wie venter sonat, putes taurum analysiere. Und so geht der erste Teil der Prüfung dahin, die Sonne scheint, und wir reden darüber, wie rücksichtslos Trimalchio seinen Gästen von seiner Verdauung erzählt, B-Teil ging recht schnell, da über Petron bis auf einen terminus post quem nur wenig gesichert ist, und dann klingt Rs Telefon, mitten in der Examensprüfung. "Wissen sie was, atmen wir einfach einmal kurz durch, ich bin gleich wieder da, dann machen wir weiter." Und wir drei Übriggebliebenen unterhielten uns spaßig über die Satyrica. Entspannt, aufgelockert, halb totgelacht, alle aufgelaufene Angst verloren.

Und auch im Thema Lyrik hat R sich ein Standardthema für mich ausgesucht, keine fiesen, pieksigen Fragen, und plötzlich reden wir über seine Familie, die zufälligerweise in der Region lebt, von der Ovids Gedicht handelt. Es bleibt aufgelockert-persönlich, freundlich, ich komme nach einer Stunde aus dem Raum und kann noch nicht verarbeiten, was da alles gerade im Raum passiert ist. WARUM hat R die Prüfung für mich so einfach gemacht? WARUM diese Textstellen? Ein paar Minuten später erhalte ich meine Note, ein strahlender R, ein strahlender DrH, dennoch verwirrt, dass so etwas eine Examensprüfung sein kann. So abgefahren, so albern... daraus muss sich doch etwas für die Saturnalien schneidern lassen, denke ich mir. Und nehme mir vor, meine mündliche Prüfung zu fiktionalisieren, so viel würde ich gar nicht ändern müssen, damit es witzig und unterhaltsam wird. Jetzt brauche ich nur noch ein Thema...

Fortsetzung folgt...