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Freitag, 3. Mai 2024

Don't give up!


vorweg: Die folgende Mail poste ich hier natürlich mit Zustimmung des kreativen Kopfes dahinter.

"Good evening, Dr Hilarius
... it's me again, XY.

I know this might be a bit late but... eh... I'm always late.
Also uhm... this is just... hastily put together so... please don't expect a structure... ;)

So... I've read that you won't be returning to the Toni, which is... sad... I know it's Probably a... bit hard... and some of us (Including me) are going to miss you. But I'm still positive you'll find that School that accepts you for who you truly are, however long that may take. Just don't give up!

When I... first read it I actually... expected it a bit... this uhh... might sound a bit mean but... It's usually what happens to nice People like you, which is very sad, and I can't wrap my Head around why.

I'll keep hoping for you. You're the nicest (and best) English teacher I've had and with the lack of Teachers, I'm sure there will be that one School that finally accepts you. And that Discussion circle for autistic students you mentioned is a good Idea! I'm sure you will get to make that one day!

That's basically all, if you ever want to write me, don't hesitate to reach out, I'll be here and read every single one.

I'll also continue to keep reading your Blog so... the next Mail may be about something I've read on there, or maybe just a response. :D

As always,
with kind regards:

-XY"

 

Das hat mich gerührt und den Tag komplett aufgewertet. Es gibt so Situationen im Leben, in denen das Aufgeben eine echte, realistische Option darstellt. Der Gesundheitszustand hat reichlich Verbesserungspotential, Du hast keine Perspektive und denkst Dir, dass quasi alles besser wäre als weiterzumachen. Wenn mir dann irgendjemand sagt "Kopf hoch, das wird schon", dann möchte ich ihnen den Hals umdrehen, weil die Phrase einfach komplett für'n Arsch ist.

Wenn es da allerdings einen Menschen gibt, einen ehemaligen Schüler, der bis heute diesen Blog verfolgt, den Kontakt aufrecht hält - auch wenn ich mal monatelang (oder gar) nicht antworte - und der nicht das Vertrauen in mich verloren hat; wenn dieser Mensch mir dann in seiner Mail schreibt "Don't give up!", dann geht mir das nahe.

Das ist einer der Gründe, warum ich mich immer sehr freue, wenn der Kontakt mit ehemaligen SchülerInnen nicht abbricht, und wenn ich jemanden von ihnen Jahre später wiedertreffe. Mich stört nur, dass ich ihnen dann leider nie Positives zu mir erzählen kann - deswegen versuche ich das Gespräch dann auf sie zu lenken. Nicht nur als Vorwand - ich interessiere mich tatsächlich sehr dafür, welchen Lebensweg sie bis dahin gegangen sind, ob sie gut untergebracht sind, ob sie Probleme haben.

Es sind und bleiben die SchülerInnen, die diesen Beruf zum tollsten Beruf der Welt machen!

post scriptum: Mein Gehirn knickt immer ein, wenn ich einen Film oder eine Serie sehe über Wissenschaftler, die sich dann aber nicht wie Wissenschaftler verhalten, Körpersprache, Habitus, Sprachregister. Da geht ein Sensor in meinem Kopf a "Irgendwas stimmt da nicht", und das macht mir dann den ganzen potentiellen Genuss madig. Gerade erst wieder erlebt bei der SciFi-Serie "3 Body Problem" auf Netflix - eigentlich interessante Ideen, aber eine stupide Umsetzung, ich kann mir das nicht weiter anschauen. Da wäre es einfacher, mal etwas weniger zu denken.

Sonntag, 5. März 2023

Mad Max (vom Wühltisch)

Verzieh' dich, oder es kracht, du dumme...!!!!!

"Hey Caro, ich hab' einen total grandiosen Film gesehen, ich hab' den vor einiger Zeit mal auf einem Grabbeltisch im Laden gesehen und einfach mitgenommen, aber jetzt erst gemerkt, dass der richtig gut ist. Mad Max: Fury Road, kennst du den?"

"...ja, den kenne ich, denn den habe ich Dir vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt."

"Äh..."

Diese Anekdote wird die große Buba mir bis an's Grab vorhalten - zumindest hoffe ich das. Ich tröte immer groß herum, dass mich Actionfilme nicht reizen. Sage ich immer wieder, wenn meine SchülerInnen mich fragen, ob ich schonmal Fast & Furious gesehen habe. Habe ich nicht, will ich nicht, werde ich nicht. 

Aber wenn ich mich an meine Jugend zurückerinnere... wenn ein Actionfilm wirklich richtig gut gemacht ist - die richtigen Kameraeinstellungen, die die kinetische Energie so richtig auf den Zuschauer übertragen, dann kann ich mich solch' einem Spektakel durchaus hingeben.

George Miller, Regisseur der Mad Max-Reihe kann das. Der ist Profi, und er weiß, wie man das Publikum in Aufregung versetzt. Nur so zum Vergleich: Den zweiten und dritten Film in der Lord of the Rings-Trilogie finde ich langweilig, weil es nur sich immer wiederholende Schlachten sind und nichts passiert, und das je dreieinhalb Stunden lang. Das ist bei der Mad Max-Reihe nicht anders (bis auf die Länge, und das macht einen Unterschied!) - gerade die ersten beiden Teile bestehen aus einem Minimum an Plot, und man kann alle (bisher) vier Film in einem Satz zusammenfassen: "Menschen fahren durch die Einöde."

Ich kenne mich nicht gut genug in Filmtechnik aus, um erklären zu können, warum George Millers Filme um Max Rockatansky mich derart fesseln. Exhilarating sagt man im Englischen, sie versetzen mich in positive Aufregung. Diese postapokalyptische Welt ist derart detailreich ausgedacht, dass es ein fremder Ort ist, den ich glaubwürdig finde, egal wie unrealistisch die vielen Szenen und spektakulären Stunts sind. 

Diese Vielfältigkeit an Figuren - womit nicht Charakter gemeint ist, denn die sind in der Regel alle sehr flach - an Ausrüstung, Fahrzeugen, Gadgets, Tiere, australische Wildnis... hin und wieder mache ich mir ein Mad Max-Wochenende, an dem ich alle vier Filme an zwei Tagen durchschaue. Direkt hintereinander hilft mir sehr, denn:

Ich hatte damals zuerst den vierten Film gesehen (Fury Road, 2015) und konnte überhaupt nichts damit anfangen. Ich wusste nicht, was diese Menschen da sagen, warum sie so komisch aussehen und warum sie die ganze Zeit durch die Wüste fahren. Ich fand den Film bei'm ersten Ansehen richtig scheiße und hätte fast zwischendurch abgebrochen. 

Dann kam Roger Ebert. Ich vertraue seinen Rezensionen so gut wie immer, denn er war auch ein hochbegabter Aspi, und ich konnte sein Denken meistens perfekt nachvollziehen, und er hat sehr positive Rezensionen über die ersten drei Filme geschrieben. Also habe ich mich irgendwann an den ersten Teil rangemacht, der noch recht eng mit der Realität verknüpft ist. Von Film zu Film geht es dann weiter in eine immer desolatere Welt mit immer abgefahreneren Menschen darin. 

Und dann wird Fury Road zu einem brillanten Meisterwerk seines Genres. Wenn man sich einfach mal fallen lassen kann, wenn das Gehirn weiß, dass es keine rationalen Denkweisen anwenden muss, wenn man das Rauschen und Fahren und Röhren der Motoren und Kameraflüge und das Krachen und die Explosionen und die pulsierenden Trommeln einfach nur genießen kann - in 4K UHD ist der Film eine Wucht und das Sony-PS-Headset sorgt für den immersiven Raumklang - dann ist das ein pures Kinoerlebnis.

Hin und wieder darf das sein, und deswegen mag ich auch Speed (1994) und Die Hard (1988). Manchmal gehen Actionfilme eben doch. Und jetzt schaue ich als Betthupferl noch eine intelligente Kleinigkeit an, für den mentalen Ausgleich. Vielleicht mal wieder Come True (2020).

post scriptum: Buba La Tättah, ich liebe diese Anekdote. Und wer weiß, vielleicht wird es Dir ja mit "Atelier Ryza" mal ähnlich so gehen ;-) Also, dass Du das Spiel für Dich entdeckst. Ich glaube nicht, dass Du mir mal erzählen wirst, Du hättest es auf einem Wühltisch gefunden.

paulo post scriptum: "gefeaturt" - dieses Wort habe ich heute im "Spiegel" gelesen ("XY wurde mehrfach in der Sendung gefeaturt."). Ich finde es immer grausamer, wie englische Wörter germanisiert werden. Das ist wie "gelikt" - let's kotz!

Dienstag, 26. Juli 2022

Privatunterricht bei Carl Sagan

Damals und heute - gespannt auf die Zukunft! (rechts ein Bild des neuen James Webb-Teleskops, ein Meilenstein der Wissenschaft)

Man hört und liest ja gar nichts mehr von Dir, wir machen uns Sorgen!

Ich kenne diese Mails. Sie machen mir immer sehr ruckartig bewusst, dass ich mal wieder voll in the zone war. Voll versunken in einem meiner Spezialinteressen; genau das beschreibt der Begriff Hyperfokus: Man ist vollkommen konzentriert auf seine Sache, man nimmt um sich herum nichts mehr wahr. Alles Andere ist zweitrangig, Zeit, Essen, Familie und Freunde, Gesundheit. Das ist deutlich intensiver als einfach nur in eine Sache vertieft zu sein, und deswegen spielt das Konzept in der Psychologie eine große Rolle.

Meine Spezialinteressen... Filme, Medikamente, Videospiele, Achterbahnen, Astrophysik. Letzteres hat mich mal wieder vollkommen in Beschlag genommen, denn ich bekomme dieser Tage Privatunterricht von Carl Sagan. Das ist natürlich Unsinn, denn der Mann ist seit über zwanzig Jahren tot. Ändert nichts daran, dass er eine extrem einflussreiche Persönlichkeit war und ist, ändert auch nichts daran, dass seine Dokuserie Cosmos: A Personal Voyage (1980) bis weit in's neue Jahrtausend hinein die meistgesehene Dokuserie der Welt ist. 

An mir ist das natürlich mal wieder völlig vorbeigegangen. Ich habe ein Talent dafür, mich für eine Sache zu interessieren, aber die wichtigsten Namen nicht zu kennen und mich mit den "Standards" nicht auseinandergesetzt zu haben. An Sagan bin ich über völlig verquere Wege gekommen - zunächst unbewusst über ein Musikalbum, das mich mittlerweile seit fast zwanzig Jahren begleitet, bis in den Schulunterricht hinein: Mystical Experiences (1997) der Psybient-Gruppe The Infinity Project dient mir gern als musikalische Grundlage für Gedankenreisen im Unterricht

Psybient-Musik enthält oft Sprachsamples aus Filmen oder Serien, die irgendwie mit Science Fiction zu tun haben. Jenes Album enthält einige Exzerpte aus Sagans Dokureihe, ohne dass mir das bewusst war. Dann kam irgendwann der Film Contact (1997), der auf Sagans gleichnamigem Roman beruht, und den ich nach wie vor mutig und aufregend finde, ein echtes Abenteuer, auch nach dem zwanzigsten Ansehen.

Genau diese mutige, aufregende, freudige, neugierige, spannende Haltung scheint Sagan auszuzeichnen, der nie die Möglichkeit ausgeschlossen hatte, dass es da draußen irgendwo intelligentes Leben gibt. Seine Begeisterung trägt er vollkommen authentisch in seine Serie Cosmos, und ich bin absolut begeistert. Ich hatte zuerst die modernisierte Variante geschaut - Cosmos: A Spacetime Odyssey (2014), in der Neil deGrasse Tyson in Sagans Fußstapfen tritt - mit moderner Technik und neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft. 

Das könnte mich denken lassen, dass die alte Serie nun mittlerweile veraltet sein dürfte, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Original hat so viel Herz, tolle Musik, die Sagans Begeisterung für sein Thema unterstreicht, und seine Stimme... ich könnte ihm stundenlang zuhören, wenn er mir über sein Thema erzählt. Und was ist sein Thema? Nichts weniger als das Ziel, unseren gesamten Kosmos zu verstehen. Auf wunderbar greifbare Weise lernen wir über die Geschichte des Weltalls, über die Geschichte unserer Erde, über die berühmten Entdecker - und immer mit einem Zwinkern zur Vorsicht, damit wir uns unser kleines Paradies nicht zugrunde richten. Ist aber kein pädagogischer Zeigefinger, sondern bleibt immer angenehm im Hintergrund. 

Ich bin einfach hin und weg, und ich hätte nie gedacht, dass die über dreißig Jahre ältere Serie auch heute noch so unglaublich bereichernd sein kann. Sorry, aber da wird alles Andere gerade unwichtig. Bear with me, cat, too.

Mittwoch, 16. März 2022

Underwhelmed & Overexcited

Ein Kessel bunter Ideen wartet...

Underwhelmed because...

...ich glaube, ich habe mittlerweile zu viele Science Fiction-Stories gelesen, gesehen, erlebt, wie auch immer. Das Gefühl, den Plot irgendwo schonmal gesehen zu haben, tritt immer häufiger auf. Das macht es schwer, diesem Aspi etwas zu schenken, was ihn wirklich beeindruckt: Die große Buba ist über zwei moderne SciFi-Romane gestolpert (sie frisst Literatur, dafür bewundere ich sie) und hat sich gedacht "Das ist was für das alte Frettchen!" - und Volltreffer! Hank Greens An Absolutely Remarkable Thing (2018) ist eine unterhaltsame SciFi-Story der digital natives. Die Hauptfigur der April May ist mir extrem unsympathisch - der Autor hat eine Egozentrikerin geschaffen, die mich so sehr an mein früheres Ich erinnert hat, dass ich manchmal das Buch weglegen musste, wenn ich einen ihrer "Ich bin so besonders"-Anfälle gelesen habe. 

Stichwort weglegen: Die ersten hundert Seiten habe ich an zwei Tagen gefressen, das war im September, und dann das Buch zur Seite gelegt. Nicht einfach "nur" pausiert, sondern in der Zwischenzeit die Doku-Biographie Action Park (2020) von Andy Mulvihill und Jake Rossen gelesen - jeder richtige Freizeitpark-Nerd weiß, welche Bedeutung der Action Park für die amerikanische Freizeitlandschaft hatte. Keine Regeln. Das war die einzige Regel. Die Konsequenzen sind herrlich sarkastisch, teils schon zynisch niedergeschrieben worden; ich möchte endlich an die Verfilmung Class Action Park kommen.

Achherrje, ich bin abgedriftet. Aber genau so ist es passiert, und warum lag Greens Buch dann monatelang herum? Weil ich das alles irgendwie schon kannte, da war für mich nichts Neues mit dabei. "Roboter", die plötzlich auf der Welt erscheinen - und vor allem, wie die Menschen damit umgehen - ist ein klassischer Topos in der SciFi; der Film The Day The Earth Stood Still (1951) beschreibt genau dieses Szenario, auch dort geht es darum, dass die Menschen dazu neigen, den Roboter als Bedrohung anzusehen und präventiv anzugreifen. Die Geschichte findet sich auch in der Twilight Zone und den Outer Limits.

Das ist kein schlechtes Buch! Und es trifft sehr gut den Sprachstil unser jetzigen Tweens - aber unter'm Strich dürfte mir davon nicht viel im Gedächtnis bleiben. Liebe die große Buba, ich bin Dir SO dankbar für das Geschenk! Denn bei Dir weiß ich, dass Du dir was dabei gedacht hast, und ich glaube, wenn ich nicht schon so viele Filme gesehen hätte (und Matheson/Beaumont-Stories gelesen hätte), dann hätte das Buch mich richtig mitgenommen! Mal schauen, wann ich die Fortsetzung lese.

Overexcited because...

...morgen ist unser Schulentwicklungstag (SET). Ich bin nicht leicht für sowas zu begeistern, aber auf morgen freue ich mich riesig, denn ich bin in der Arbeitsgruppe Projektwoche "Vielfalt" vorbereiten, und wer die jüngsten Beiträge über LGBTQ gelesen hat, kann sich denken, dass ich mich da hinein morgen komplett werde vertiefen können. Ich schreibe auf jeden Fall, was dabei herausgekommen ist!

Sonntag, 16. Januar 2022

Endlich wieder da


Ich stelle fest, dass mich die erste Schulwoche vollkommen überfordert hat. Die Kollegen wiedersehen, die Schüler wiedersehen nach so langer Zeit. Den Unterrichtsversuch Videospiele weiterführen. Neue Corona-Maßnahmen, Verdacht auf HB/Aspi bei einer Schülerin und nebenbei eines der besten Videospiele erleben, die ich bisher gespielt habe, und als Abschluss Erkältung am Wochenende. Ursprünglich wollte ich meine Eltern an der Westküste besuchen, aber meine Mutter hat - weise, weise - vorgeschlagen, den Besuch um zwei Wochen zu verschieben, bis ich wieder im Tritt bin.

Acht Wochen ohne Unterricht, ohne Schule, das ist wahrscheinlich auch für neurotypische Menschen nicht einfach so umzustellen. Für den Aspi, der sich auf einen "Krankheits-Alltag" umgestellt hatte, ist das noch eine Spur schwieriger. Aber, und das bleibt immerhin zu erwähnen, es war eine tolle Woche. Viele neue Eindrücke, das Gefühl, dass einige Schüler sich tatsächlich freuen, dass Dr Hilarius wieder da ist. Vielleicht schaffe ich es in der nächsten Woche, das Chaos etwas abzuarbeiten, und vielleicht schaffe ich es endlich, den neuen Psychologen-Termin anzupeilen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass grauer Alltag eine schöne Sache sein kann, aber er bietet Regelmäßigkeit, Sicherheit (so denn möglich), eine Art Ariadnefaden durch das Gewirr der Unvorhersehbarkeiten.

Kann losgehen (mit Zeugniskonferenzen an den nächsten drei Tagen, hochspannend)!

post scriptum: Die Neuverfilmung von Frank Herberts "Dune" durch Denis Villeneuve (2021) ist schön anzusehen und anzuhören [und weckt viele Erinnerungen an "Blade Runner 2049" (2017)], aber ich muss zugeben, sie hat mir wieder Lust auf die Verfilmung von David Lynch (1984) gemacht. Der alte Film mag zusammenhanglos, surreal und dreamlike sein - Lynch eben - aber ich glaube, er gefällt mir besser als der Neue, vielleicht gerade wegen seiner Skurrilitäten; Villeneuves Film ist auf Hochglanz poliert und massentauglich, soweit man bei der Romanvorlage von Massentauglichkeit sprechen kann. I prefer films with an edge.

Freitag, 7. Januar 2022

Der Untergang der Schokoberliner

Alas, I knew him well...

Es war einst in einem anderen Land, weit vor unserer Zeit, als einfach jeder Mensch glücklich war. Männer und Frauen waren glücklich, Kinder und Alte waren glücklich, Schwule und Lesben waren glücklich, Behinderte waren glücklich, Gesunde und sogar Kranke waren glücklich. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie lebten unter der Herrschaft der Schokoberliner.

Seitdem zum ersten Mal ein Mensch in dieses frittierte Wunder gebissen hat und den unbeschreiblichen Segen der Nuss-Nougat-Füllung erlebt hat, ging es mit diesem Land nur noch bergauf. Innerhalb von Minuten konnte ein Schokoberliner jeden Menschen zum Lächeln bringen, zum verträumten Seufzen, zum Strahlen oder dazu, dass sich seine Zähne im Mund auflösen.

Die Schokoberliner hatten unter sich einen zu ihrem Herrscher auserkoren, der war noch praller und runder als sie, und war von allen Seiten glasiert und mit Zuckerstreuseln bedeckt. Er war bis zum Rand mit Nougatcreme gefüllt, so dass diese schon fast zum Füllloch herausplatzte. Ehrfurchtsvoll wurde er von den Menschen "Schoko-Zuckerschock-Bombe" genannt, kurz SZB. Es ging der Mythos, dass wer auch immer in SZB beißt, sofort durch den death by chocolate sein Leben verliert. Kein Sterblicher würde je die zweihundert Milliarden Kalorien überleben, die nur ein einziger Bissen von SZB enthielt.

Die Menschen verehrten und fürchteten also die Schokoberliner. Sie wurden allesamt glücklich, und sie wurden allesamt fett und träge. Denn sie hatten nicht bemerkt, dass die gerissenen Schokoberliner irgendwann ganz von allein in ihren Rachen rollten. Kein Mensch musste mehr zum Bäcker gehen, die kleinen Schokoklopse rollten durch jede noch so kleine Nische, jeden noch so schmalen Geldbeutel und jede noch so sorgfältig geplante Diät weiterhin direkt in den Magen und in das Herz der Bürger. 

Ja, die Bürger waren allesamt glücklich. Und fett. Aber sie waren nicht frei - sie hatten sich von den Schokoberlinern vollkommen abhängig gemacht, und niemand bemerkte es, sie alle wurden weiter randvoll mit Nougatcreme gestopft. Kaum ein Mensch konnte sich noch bewegen, und noch immer rollten die kleinen Monster durch jede Bäckerei des Landes, und sie schienen sich wie die Heuschrecken über das Land zu ergießen, wenn die Weihnachtszeit kam.

Doch dieses Weihnachten sollte alles anders kommen. In einem nicht näher bekannten Ort stand ein großer kleiner Mann auf, mit einem krummen Finger und ganz in schwarz gekleidet, und rief seinen Mitmenschen zu: "Nennt ihr das etwa Glücklichsein? Vollstopfen und dann selig grinsend in ein Fresskoma fallen? Wie könnt ihr nur so leben!" Doch niemand nahm ihn ernst, denn während er diese Worte sprach, pulte er mit seinem Finger noch bunte Zuckerperlen zwischen seinen Zähnen hervor, und in seiner rechten Hand hielt er einen Sack, aus dem geschmolzene Nougatcreme tropfte.

"Ja", rief er, "auch ich hatte einst kapituliert vor der Übermacht der SZB, aber ich werde mein Leben wieder in meine eigene Hand nehmen!" Entschlossen holte er einen Schokoberliner aus dem Sack und biss hinein. Es dauert keine zehn Sekunden, bis sich sein Gesicht in ein seliges Lächeln wandelte. "Verräter, du bist doch auch nicht besser als wir!" schallte es ihm aus den Häusern entgegen... doch dann warf der schwarze Mann den Rest des Berliners auf den Boden und stampfte mit seinem überdimensionierten Kindersarg-Stiefel darauf. 

"Schaut! Es ist möglich, sich zu wehren - ich habe es gerade eben geschafft! Man kann NEIN sagen - und ich werde euch dabei helfen, indem ich eine Bäckerei öffne, die ab Februar keine Schokoberliner mehr führen wird. Nur so können wir uns vom Nutella-Joch befreien."

"Das sagst du so leicht, das ist ja ein schöner Plan für die Zukunft, aber es liegen noch tonnenweise Schokoberliner in unseren Häusern herum, viele davon schon auf dem Weg in unseren..." - mehr konnte er nicht sagen, da sich ein weiterer Schokoboller von selbst in seinen Mund gestopft hatte.

"Ich werde einen Weg finden, diese Abermillionen von tollwütigen Schokoberlinern zu vernichten! Habt ihr von dem Gerücht gehört, dass es irgendwo in einem verborgenen Tal eine große Buba geben soll, wie ein Trichter, in den die Berliner rollen, ohne dass jene Buba jemals platzte? Niemand hat je einen Beweis dieses Wesens gesehen, aber in den Geschichtsbüchern ist von einer Frau die Rede, die einsam den Kampf gegen eine Sturzflut aus Zimtsternen geschlagen haben soll. Wenn dies die Buba ist, dann werde ich sie finden und unsere Welt retten!"

Fortsetzung folgt ausnahmsweise mal nicht; ich habe diesen Beitrag vor knapp einem Jahr geschrieben und unveröffentlicht gelassen. Es kam einfach kein kreativer Funke auf, ihn fertigzuschreiben. Anlass war die Ankündigung der Bäckerei unten an der Kreuzung, dass Schokoberliner ab Februar nicht mehr im Sortiment sind - zum Glück! Die Teile sind absolut gnadenlos schlonzig, und das musste ich einfach literarisch verarbeiten.

Mittwoch, 24. November 2021

Videospiele im Unterricht - Kapitel 4


Kapitel 4 - Das richtige Spiel

Eigentlich ist der Titel irreführend, weil er suggeriert, es gäbe das richtige Spiel für so ein Projekt. Ich habe sieben Jahre lang überlegt, was sich anbieten könnte, und bei vielen Spielen, die ich in dieser Zeit gespielt habe, überlegt, ob das etwas für eine Lerngruppe sein könnte. In der Zeit habe ich mir eine Art Checkliste zurechtgelegt, mit Kriterien, die das Spiel erfüllen sollte.

Mir ist wichtig, dass (möglichst) niemand das Spiel schon kennt. Das Kriterium gilt auch bei allen Filmen oder Serien, die ich meinen Schülern zeige. Meine Überlegung dabei ist, dass die Schüler sich eher zurücklehnen und "berieseln" lassen, wenn sie den Inhalt des Gezeigten schon kennen, und das wäre fatal: Ich brauche ihre Aufmerksamkeit, sie müssen mit ihren Gedanken vorne auf der Leinwand sein und wirklich das verstehen wollen, was da auf Englisch gesagt wird. Auf diese Weise ist es für das Gehirn leichter, sich neue englische Wörter und Phrasen einzuprägen. Außerdem besteht immer die Gefahr, dass jemand wichtige Entwicklungen der Geschichte schon vorher verrät, wenn er die Story schon kennt. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass die Schüler sich selbst "spoilern", wenn sie im Internet nachschauen, was passiert - aber dann läge das in der Verantwortung jedes Schülers selbst, wohingegen sie keine Wahl haben, wenn ein Mitschüler ihnen alles verrät.

Wenn ich ein Videospiel wähle, das möglichst vielen der Gamer in der Klasse gefällt, gibt es ein Problem: Die Mehrheit favorisiert First Person Shooter. Kommt für mich nicht in Frage, mit Schülern ein Spiel zu spielen, in dem man - egal aus welchen Motiven! - herumläuft und andere Menschen tötet. Da diskutiere ich gar nicht erst, ebensowenig bei Fifa oder anderen Sportspielen, Autorennen und so weiter, denn:

Das Spiel muss einen einigermaßen komplexen Plot haben. Ich brauche etwas, was die Aufmerksamkeit der Schüler nach den fünfundvierzig Minuten Unterricht eine Woche lang gespannt hält bis zur nächsten Stunde. Da muss etwas passieren auf dem Bildschirm, und nicht sauer sein: Bei Resident Evil passiert nicht viel (und trotzdem liebe ich die chronologisch ersten beiden Teile, und Autorennen und so weiter). 

Es spricht also alles für ein Adventure, ein Abenteuer, das oftmals nach klassischer Drei- oder Fünf-Akt-Struktur aufgebaut ist. Jetzt wiederum besteht die Gefahr, dass das Ganze zu langweilig für die Schüler mit kürzerer Aufmerksamkeitsspanne wird, und davon haben wir heutzutage ziemlich viele. Da muss also etwas auf der Leinwand passieren, was idealerweise alle interessiert, und es müssen wichtige Dinge in nicht allzu großem Abstand voneinander passieren.

Dann bleibt noch die ewige Frage des unterschiedlichen Interesses bei Jungen und Mädchen, das übrigens kein Klischee ist, sondern empirisch belegt. Sicher gibt es immer Ausnahmen, aber Jungen und Mädchen tendieren generell zu unterschiedlichen Spieltypen.  Jetzt wird es wirklich eng mit der Spieleauswahl, denn wie soll ich die Schüler alle mitbekommen nach den oben genannten Kriterien? Die Schüler da abholen, wo sie stehen, das ist einfach gesagt. Ein Videospiel finden, mit dessen Inhalten sich eine ganze Lerngruppe identifizieren kann?

Vor einigen Jahren habe ich ein Spiel gespielt, bei dem mir relativ schnell klar war, dass das etwas für Jugendliche ist. Protagonistin ist eine achtzehnjährige Schülerin, Max, die Fotografie studiert. Der Prolog des Spiel sieht Max in einem schrecklichen Sturm, in dem sie von einem Gebäudeteil erschlagen wird - aber es stellt sich als Traum heraus, und sie wacht direkt in einer Unterrichtsstunde bei ihrem Lieblingsdozenten Mr Jefferson auf. Ein Blick durch die Klasse und wir erkennen sofort altbekannte Schülertypen: Das Mauerblümchen, das von den anderen gemobbt wird, die reiche, modebewusste Bitch, die den typischen Digitalsprech verwendet, das verwöhnte, arrogante Einzelkind mit psychischen Problemen, es wird noch einen witzigen, verpeilten besten Freund geben und ein Mädchen mit Punk-Attitüde, das gegen alles rebelliert.

Es dauert nur eine Viertelstunde, bis bereits ein dramatisches Ereignis eintritt, und damit verrate ich noch nicht zu viel: Auf der Schultoilette nach der Unterrichtsstunde zieht der verwöhnte Junge eine Waffe und erschießt das Punk-Mädchen, und Max muss das aus einem versteckten Winkel mitansehen. Und in diesem Moment entdeckt sie, dass sie die Fähigkeit hat, Dinge ungeschehen zu machen... 

Wir haben hier diverse Genres vermischt, Teenagerdrama, LGBTQ, Science Fiction, Thriller, Romanze. Es werden sehr harte Themen angepackt, und deswegen ist in den ersten Stunden umfangreiche Aufklärungsarbeit nötig: Kindesmissbrauch, Drogenkonsum, häusliche Gewalt, Suizid. 

Das ist der Punkt, der mir immer noch ein bisschen Sorge bereitet. Das Spiel bemüht sich um einen ordentlichen Entfremdungseffekt, aber es gibt einige Szenen mit Triggerfunktion für labile Schüler, und deswegen muss klar sein, dass die Schüler jederzeit ohne Angabe von Gründen den Hörsaal verlassen dürfen, dass ihnen jederzeit ein Gesprächspartner zur Verfügung steht, und als Spielleiter muss ich vor besonders intensiven Szenen vorwarnen, denn was nützt es, ein Spiel spoilerfree zu halten, wenn dafür ein jugendliches Trauma reaktiviert wird?

Es gibt nicht das richtige Spiel - aber ich denke schon seit längerer Zeit, mit Life Is Strange (2015) könnte dieses Experiment funktionieren; die erste Stunde hat gezeigt, dass sehr viele Schüler auf diese Reise mitgenommen werden. Jetzt musste ich mir nur noch die konkrete Durchführung zurechtlegen.

Fortsetzung folgt...

post scriptum: Ihr seid herzlich eingeladen, eine Diskussion in den Kommentaren zu starten, gerade zum "subject matter" des Spiels. Alle Leser der Kommentare seien an dieser Stelle gewarnt, dass es dort starke Spoiler geben kann (und wird).

paulo post scriptum: Wie aufregend, heute ist tatsächlich ein großer Brief von meinem Kurs in Neun angekommen! Gleich auspacken, lesen, verarbeiten. Freude, trotz krank!



Donnerstag, 14. Oktober 2021

Guilty Pleasure Two


"You sneaky little beyootch!"

Wenn ich mir einen neuen Film anschauen möchte, überprüfe ich vorher immer den Kritikerspiegel auf rottentomatoes.com. Immer. Ich weiß nicht, ob das ein Aspiding ist, aber ich habe Angst davor, mit einem schlechten Film meine Zeit zu verschwenden. nota bene: Mir ist bewusst, dass mir auch ein von der Kritik hochgelobter Film absolut nicht gefallen könnte. Kommt allerdings wirklich sehr selten vor. Und mir ist auch das Pendant bewusst - dass mir ein schlechter Film richtig gut gefallen kann. Darum geht es heute.

Ich bin über irgendwelche Filmempfehlungen ("Kunden schauten auch...") auf Happy Deathday (2017) gekommen. Ich schaue mittlerweile kaum noch Slasherfilme, weil sie mich nicht reizen, und so habe ich den Film nicht geschaut. Die Fortsetzung aber, Happy Deathday 2 U (2019), hat eine Science Fiction-Komponente, und das hat mein Interesse geweckt. Auch, dass der zweite Film auf RogerEbert.com besser bewertet worden ist als der erste. 

Die Prämisse beider Filme ist simpel - Scream meets Groundhog Day: Eine Studentin wird an ihrem Geburtstag ermordet, wacht morgens auf und erlebt den Tag immer wieder. Klang irgendwie überhaupt nicht reizvoll für mich - aber der zweite Teil geht an die Frage, wodurch dieser Effekt ausgelöst worden ist. Natürlich nicht ernsthaft: Beide Filme haben FKS12, weil es Komödien sind und die Morde nicht ausführlich gezeigt werden. Okay, die Erklärung für das Deja Vu ist komplett hanebüchen, und letztlich war der Film unterhaltsam, aber nothing to write home about. 

Warum also landet das Teil nun doch hier im Blog? Weil ich mir nun doch einfach mal den ersten Teil angeschaut habe und am Ende begeistert war. Nicht Arrival-begeistert, aber ich habe viele gute Dinge an dem Film entdecken können. Zum Beispiel, dass der Film sich selbst als extrem dumm darstellt, aber ein cleverer Twist am Ende relativiert das Ganze dann wieder und es zeigt sich, dass tatsächlich ein Plot vorhanden ist. Mir gefällt die positive LGBTQ-Message (Outing eines unwichtigen Nebencharakters), und mir gefällt, dass das ein Film ist, den ich mit Schülern schauen werde.

Der Film ist anspruchslos, da gibt es nicht so viel zu verstehen, und ist genau auf Teenager zugeschnitten. Der könnte tatsächlich im Film Club gut ankommen. Gleichzeitig wird den Teenies vor Augen geführt, was Scheiß- und gutes Verhalten ist. Der Film ist albern. Trash. Die Protagonistin heißt Tree und wird echt sympathisch. Nicht wirklich lustig, nicht wirklich erschreckend (ist eben doch eine Horrorkomödie). Kritikerspiegel durchwachsen. Aber für mich ein guilty pleasure.

post scriptum: Ich dachte immer, "biatsch" wäre die kontemporäre Anrede unter Mädchen. Dass eine Studentin zu der anderen "You sneaky little beyootch" sagt, hat meinen Wortschatz erweitert.

Freitag, 8. Oktober 2021

Originelle Filme


Ich habe mittlerweile ein paar Hundert Filme gesehen, und es stellt sich ein Effekt ein: Wenn ich mir einen neuen Film anschaue, frage ich mich immer bei bestimmten Szenen, in welchem anderen Film ich sie schon einmal gesehen habe. Das ist zwar ein recht lustiges Spiel, aber es führt mir auch vor Augen, dass es nur wenige Filme in meinen Genres gibt, die wirklich originell sind.

Gerade in der Horrorecke ist das ein Problem: Horrorfilme sind eine ganz einfache Möglichkeit, Teenagern, Twens und eigentlich jedem das Geld aus der Tasche zu ziehen, denn sie stehen drauf. So werden jedes Jahr extrem viele Horrorfilme herausgebracht, auf der ganzen Welt. Da ist es kein Wunder, dass sich eine gewisse Ernüchterung einstellt, weil man das alles schonmal gesehen hat. Paradebeispiel Zombiefilme - gibt es massenhaft, aber originelle Varianten findet man nur selten - zum Beispiel in The Girl With All The Gifts (2016). 

Generell gibt es wenige originelle Horrorfilme. Ein paar Beispiele sind The Babadook (2014), It Follows (2014), Get Out (2017), I'm Thinking of Ending Things (2020). Das soll natürlich nicht heißen, dass unoriginelle Filme automatisch schlecht sind - Paradebeispiel dafür ist A Quiet Place (2018).

Umso glücklicher bin ich, dass ich mit Come True (2020) einen (zumindest teilweise) originellen Science Fiction-Thriller entdecken konnte. Sarah Dunn, eine achtzehnjährige Schülerin, hat Schlafprobleme. Um dem auf die Spur zu kommen, nimmt sie an einer Studie in einem Schlaflabor teil, die aufschlussreiche Ergebnisse liefert. Das ist ein intelligenter Film, der dem visual storytelling generell Vorrang gibt vor expositorischen Dialogen oder voiceovers. Wir sehen schöne (klassische) Traumsequenzen und erleben mit, wie Sarah nach und nach von Alpträumen heimgesucht wird. Und das alles wird begleitet von einem tollen, immer präsenten Soundtrack, der die surreale Atmosphäre des Films unterstützt.

Klar, das klingt natürlich sehr altbacken. Schön ist aber, dass der Film keine Klischee-Alpträume zeigt, sondern sich einem ganz realen Problem vieler Schläfer widmet - Schlafparalyse. Wach werden, aber der Körper ist noch nicht bereit. Halluzinationen (genauer: eine ganz bestimmte Halluzination), die Angst machen, kombiniert mit der Unfähigkeit, die eigenen Gelenke bewegen zu können um zu "entkommen". Der Film bleibt bei diesem realen Phänomen und denkt sich keine Monster aus, die plötzlich real werden.

Der interessanteste Punkt ist für mich allerdings das Ende, denn es stellt den gesamten Film auf den Kopf und nimmt ihm den psychological horror-Tenor. Es löst Gedankenzüge aus, wodurch der Film nachwirkt und zu wiederholtem Anschauen einlädt: Ein ganz klassisches mindfuck movie, das ich hiermit in meine Liste (Links sind Links) aufnehme. Ich liebe mind trips.

Mittwoch, 29. September 2021

Verschimmelter Schimmelkäse!


Endlich wieder online. Wo fange ich nur an?

Erstmal die Eckdaten - Wochenende mit Fieber zuhause verbracht, jetzt aber wieder bis auf Schnupfennase okay. Seit Samstag kein Internet und Telefon - Router/Modem kaputt, Techniker und so weiter, und natürlich komme ich nicht auf die Idee, dass ich alles Internettige ja in der Schule erledigen kann. Dafür begrüßen mich jetzt zig Nachrichten und Dienstmails; kombiniert mit einer Woche voller Klassenarbeiten eine gute Grundlage für eine Panikattacke. Dieser Tage versuche ich also einfach nur zu überleben, bitte nicht böse sein, wenn ich erstmal in den Ferien landen muss, um wieder in Form zu kommen.

Und was macht man so ohne Internet und Telefon? Man arbeitet mit dem, was man zuhause hat. Videospiele - wie passend, dass diesen Monat Tales of Arise erschienen ist; Tales of ist eine meiner Lieblings-Rollenspielserien. Und ich habe die Gelegenheit genutzt, endlich mal wieder die Holle Honig-Hörspiele durchzuhören.Sehr witzig, und ich frage mich wirklich, was die geraucht haben, um den Charakter Babsi Boingboing zu erfinden. Das geht schon mit dem Namen los - die anderen Figuren haben einen Nachnamen, der quasi ein Attribut darstellt - Holle Honig ist ein Bär, Johnny Jumper ist ein Känguruh, Alois Amazonas ist ein Papagei. Und Babsi? Die ist wirklich boingboing - nicht nur, dass sie eine rosa Hexenmaus auf einem Düsenbesen ist; ihr Sprech ist einfach der Hammer. Beispielszene: Babsi spricht mit dem Mäusekönig, und selbstverständlich spricht sie ihn mit Eure Hoheit an. Auch Euer Hochwohlgeboren. Aber weil sie immer wieder neue Namen für die Menschen benutzt, taucht dann später auch mal Euer Hochdruck auf, oder Euer Hochofen (Kopfkino ^^), und das Gespräch endet mit: "Vielen Dank, Euer... Hochbahn." Also lustig war die Zeit definitiv.

Und dann war da natürlich die Wahl, zu der ich wieder etwas schreiben wollte - genauer gesagt zum Wahl-o-Mat - machen wir es kurz: Oben seht Ihr mein Ergebnis. Ich gebe zu, die Linke war bei mir bisher noch nie so weit oben. Linke Socke. Ich habe grün gewählt, hätte mir ein etwas besseres Ergebnis für sie erhofft, aber gleichzeitig beruhigt mich, dass auch der Stimmanteil für die AfD gesunken ist. Annalena Baerbock hätte eine super sympathische Kanzlerkandidatin sein können, aber irgendwie hat sie sich bei den öffentlichen Auftritten blöd angestellt. Irgendwas hat mir da nicht gepasst. Wie dem auch sei, Sondierungsgespräche laufen und ich vermute, es läuft auf die Ampelkoalition hinaus, mit Scholz als Bundeskanzler. We'll see.

Was anderes Schönes: Die Bluray mit dem science fiction-psychological horror-Film Come True (2020) ist angekommen; es geht um eine Schülerin, die an einer Studie im Schlaflabor teilnimmt. Ich bin so happy - endlich wieder ein neues mindfuck movie! Muss ich definitiv meiner Liste hier im Blog hinzufügen, aber das mache ich im Zusammenhang mit einem eigenen Beitrag. Ich liebe Filme, die nachwirken. Filme, bei denen mit der Schlussszene das große Nachdenken erst anfängt. Dann noch mit schönen Farbfiltern und toller Musik - ein echter mind trip.

So, das war für jetzt erstmal alles, ich bin einfach nur froh, wieder "da" zu sein. Ferien nahen!

post scriptum: "Verschimmelter Schimmelkäse" ist ein Fluch, den Babsi Boingboing in jeder Folge mindestens einmal ausspricht, ebenso wie "geringelter Mauseschwanz" und "du kahle Katze!"

Donnerstag, 15. April 2021

SETI


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Gibt es da draußen im All noch anderes Leben? Ich finde diese Frage sehr spannend, und ich mag es, wenn sich Romane, Filme oder Serien ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen. Also keine small grey creatures als Aliens, sondern ein Organismus, der in der Lage ist, die extremen Bedingungen im Weltall auszuhalten. Das ist schwieriges Theoretisieren, aber ich finde es schön, dass immer mehr Werke das Thema behandeln.

Ich schaue zur Zeit die Serie The Expanse, die mittlerweile von Amazon übernommen wurde. Sie geht recht komplex auf einem politischen und wissenschaftlichen Level vor; basierend auf einer Romanreihe zeigt sie das Leben etwa dreihundert Jahre in der Zukunft, als die Menschheit bereits begonnen hat, das Sonnensystem zu besiedeln - etwas Anderes bleibt uns nicht übrig, wenn man unseren derzeitigen Lebensstil anschaut: Wir vermehren uns und richten gleichzeitig unseren blau-grünen Planeten zugrunde. Das wird in der Serie ebenfalls thematisiert, und so gibt es Belters, die im Asteroidengürtel aufwachsen, es gibt Stationen auf den Jupitermonden - und das Alles wirklich ernsthaft: Ein eigener Soziolekt wird von den Beltern gesprochen, und für Menschen, die unter Bedingungen im All aufgewachsen sind, ist es schwierig, mit der Erdatmosphäre und Gravitation klarzukommen.

Und eines darf natürlich nicht fehlen: Homo homini lupus. Der Mensch dem Mensch ein Wolf, will heißen: Menschen werden es niemals schaffen, in Frieden miteinander zu leben. Nehmen Sie es hin, das ist eben so, wie Dr. Dohm würde gesagt haben. Und in diese Konflikte zwischen Marsianern, Beltern und Erdmenschen kommt dann tatsächlich ein außerirdischer Organismus.

Carl Sagan fand das Thema Search for Extra-Terrestrial Intelligence (SETI) so faszinierend, dass er seinen Roman Contact (1985) darauf aufgebaut hat - großartig verfilmt mit Jodie Foster. Auch hard scifi-Filme wie Europa Report (2013) handeln davon, und nun eben The Expanse. Und es desillusioniert mich immer etwas, zu sehen, wie die Menschen mit dem außerirdischen Organismus umgehen. Wie sie versuchen, ihn mit unserem Genom zu paaren, wie sie versuchen, ihn als Waffe einzusetzen. Immer wieder ein beliebter Topos in der Science Fiction; The Day The Earth Stood Still (1951, das Remake ignorieren wir einfach mal) thematisiert ziemlich deutlich dieses menschliche Verhalten, alles Fremde als Bedrohung zu sehen und erstmal zu Waffen zu greifen.

Das Universum ist so riesig - das wäre doch eine Menge Platzverschwendung, wenn da nicht irgendwo Leben auftauchte, oder?

Freitag, 9. April 2021

Moorhead&Benson

Die beiden Regisseure haben in The Endless auch die Hauptrollen gespielt

Ich habe sehr lange auf diesen Film gewartet. Seit ein paar Monaten habe ich immer wieder geschaut, ob ich ihn bei Amazon Prime finden kann - nichts. Dann, vor etwa einem Monat, konnte ich bei Amazon endlich die Bluray vorbestellen, sodass der Film zum öffentlichen Erscheinungsdatum in meinen Händen ist. Normalerweise lege ich mir Filme als physical release nur zu, wenn ich weiß, dass es gute Filme sind und ich sie noch mehrmals anschauen werde. 

Dass ich die Bluray dieses Films schon vor dem ersten Ansehen bestellt habe, liegt an einem gewissen Vertrauensvorschuss in das Regisseurduo aus Aaron Moorhead und Justin Benson (M&B; drollig, in der Freizeitparkszene ist B&M ein weltweit bekanntes Kürzel). Ich weiß, dass die beiden intelligente Filme machen, ohne umfangreiche Exposition, abseits des Mainstreams und mit vielen offenen Fragen, die zum Weiterdenken anregen. Ich habe schon einmal in einem Beitrag über Indiefilme unter anderem über die beiden geschrieben, und auch da schon den B&M-Kommentar gebracht.

Ich habe ihre drei bisherigen Filme gesehen und gemerkt, dass ich den Stil von M&B liebe; zur Intelligenz und Mainstream-Entfernung kommt noch die visuelle Ästhetik mit warmen, weichen Bildern, und die typische Science Fiction-Musik, die dazu beiträgt, dass die Filme immer etwas surreal wirken. Die große Buba hat das auch einmal erlebt, als wir uns zusammen The Endless (2017) angeschaut haben. Das war erleuchtend für mich, denn DGB hat mir klargemacht, dass der Film auch in das Genre des psychological horror gehört - ich hatte das bis dahin nicht wirklich wahrgenommen, vielleicht, weil ich mich zu sehr auf die Was wäre, wenn-Gedanken konzentriert habe. M&B-Filme gehen immer eine Gratwanderung zwischen Genres, immer zwischen SciFi und Horror, und bei Spring - Love is a monster (2014) als spannende Romanze (ja, tatsächlich mal eine Romanze im Film, die ich toll finde).

Der neueste Film Synchronic (2019) lässt sich da wunderbar einordnen. Und ich bin wieder einmal darin bestärkt worden, Filme völlig unwissend anzuschauen (mit Ausnahme des Titels, Genres und des Kritikerspiegels). Weil das mehreren Menschen so geht, schreibe ich hier nichts zum Plot, außer, dass Zeit wieder ein zentrales Thema ist. Stattdessen fasse ich nur kurz zusammen, dass der Film wieder einmal toll aussieht, die Musik ist streckenweise ein eigener Charakter, und die erste Hälfte ist ganz im Stil von The Endless oder Resolution gehalten.

Das wechselt dann aber ein wenig. Ich hatte mich schon etwas gewundert, dass mit Anthony Mackie ein recht populärer Schauspieler die Hauptrolle übernommen hat; normalerweise liebe ich es bei Indiefilmen, dass ich die Schauspieler nicht kenne und dadurch unvoreingenommen rangehen kann. In der Tat ist die zweite Hälfte des Films dann doch unerwartet massentauglich gewesen. Ist nicht so, dass der Film schlecht ist, aber das nimmt ihm ein bisschen den Charme, den The Endless hatte.

Trotzdem, ich mag den Film sehr (und ich war überrascht, wie politisch er ist), zeigt sich darin, dass ich ihn gestern zum ersten Mal gesehen habe und dann, als die große Buba wieder nach Hause gerollt ist, gleich ein zweites Mal. Ich mag es, wenn man Filme aufgrund ihres Stils richtig genießen kann wie eine Trüffelpraline.



Donnerstag, 11. März 2021

Fringe Binge


Dieser Beitrag ist spoilerfrei.

Pure bliss. Anders kann ich das Gefühl nicht beschreiben, das ich derzeit habe, wenn ich mir eine weitere Folge Fringe anschaue. Dabei ist es gar nicht mal so sehr die Serie selbst (obwohl sie wirklich gut ist); was mir den meisten Genuss verschafft, ist das Blättern in meiner Kopf-Videothek, woher ich das alles schon kenne. Die Parallelen zu The X-Files sind nicht zu übersehen, und ich bin mir sehr sicher, dass auch die Macher von Dark in die amerikanische SciFi-Mysteryserie geschaut haben (und das Ganze dann etwas anspruchsvoller aufgearbeitet haben).

Das bedeutet also, obwohl ich in der Serie keine großen Überraschungen erlebe, bin ich total begeistert. Vielleicht sollte ich es umformulieren: Ich bin total begeistert, gerade weil ich das, was ich dort sehe, wiedererkenne. Aus irgendeinem Grund ist es für mein Gehirn ein Riesenspaß, Muster wiederzuerkennen, Zusammenhänge herzustellen, aufzudecken, wie alles in das große Ganze zusammenpasst. Das heißt, ich kann mein Aspi-Gehirn befriedigen, ohne auf Wiederholungen bereits bekannten Materials zurückgreifen zu müssen. 

In Kürze gesagt: Wer The X-Files mochte, dürfte von Fringe gut unterhalten werden, und auch wer mehr von den Ideen aus Dark erleben will, darf mal hineinschauen. Und in dieser chaotischen Gesamtsituation mit Corona und Schule ist es für mich sehr beruhigend, etwas Bekanntes wiederzuerkennen.

post scriptum: Einen herrlichen Satz von heute möchte ich Euch nicht vorenthalten; ich musste die Episode stoppen, weil ich von einem dreiminütigen Lachanfall inklusive Applaus fast dahingerafft wurde:

"This temptress, she tricked my son, and he fell right into her vagenda!"

Ich finde das Wort "vagenda" (ein portmanteau aus "vagina" und "agenda") brillant. Ich liebe Sprache!

Sonntag, 28. Februar 2021

Die X-Buba


Nun ist es also soweit, die große Buba hat sich die erste Staffel The X-Files von mir ausgeliehen und möchte in Mulder&Scullys Universum abtauchen. Ich bin gespannt, wie sie die Serie wohl findet.

Das weckt in mir Erinnerungen an meinen ersten Kontakt mit der Serie. Schon damals war das erste Attribut, was mir in den Sinn gekommen ist, "horizonterweiternd". Ich fand es total spannend, in jeder neuen monster-of-the-week-Episode ein anderes, unnatürliches Phänomen kennenzulernen und zu erleben, wie die Menschen damit umgehen; das hatte fast etwas von einer Dokuserie für mich. Und bei den mytharc-Episoden habe ich von Staffel zu Staffel mitgefiebert: Ob es wohl wirklich außerirdisches Leben gibt (die Serie lässt einen herrlich lange im Unklaren darüber)? Ob Mulder und Scully sich vielleicht irgendwann doch noch näherkommen? 

Dann wiederum gab es einige Episoden, die sehr intensiv waren - Home, anyone? Aber im positiven Sinn; das waren eben jene Geschichten, die mir meine Scheuklappen genommen haben. Und ab der zweiten Staffel immer wieder die kleine Neugier, wann wohl die nächste "lustige" Episode kommt... dann waren da natürlich noch jene Episoden, die nachgewirkt haben und solche, die ich erst retrospektiv zu schätzen gelernt habe, weil mir da ein paar landeskundliche amerikanische Grundkenntnisse gefehlt haben (X-Cops zum Beispiel). Und es haben sich einige Bilder in mein Gehirn eingebrannt, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Außerdem hat sich in mir mittlerweile ein typischer Lehrergedanke breitgemacht: Wenn ich etwas Neues sehe, schwingt immer automatisch die Frage mit "Kann ich das irgendwie für die Schule verwenden?" - drollig. An meiner ersten Schule wurde eine Kollegin in den Ruhestand verabschiedet, und in einer Abschiedsrede wurde genau darauf verwiesen: "Liebe X, du wirst dich jetzt vielleicht nicht mehr ununterbrochen fragen, ob du dies oder das im Unterricht verwenden kannst." Das war vor acht Jahren, damals habe ich das noch nicht so ganz durchdrungen, aber mittlerweile habe ich die Bedeutung verstanden, denn mir geht es auch so - und ich wette, Euch auch ;-)

post scriptum: Wer von Euch hat mir die Netflix-Serie "Alice in Borderland" empfohlen? Ich bin gerade zur Hälfte durch und das trifft tatsächlich meinen Nerv, die wird nachher durchgebinged - so eine Begeisterung hatte ich vorher bei "Tiger King" und "The Queen's Gambit". Ist halt dieses Miniserien-Ding.

paulo post scriptum: Wie pervers ist das denn? Knuspermüsli ist natürlich absolut ungesund wegen des ganzen Zuckers, um es knusprig zu machen. Aber: Ich habe eine neue Sorte entdeckt, und Neues muss ich oft einfach ausprobieren. "Chai-Schoko", tatsächlich, ein Müsli mit Chai-Gewürzen und es ist himmlisch...

Donnerstag, 4. Februar 2021

Ein Auge für Ästhetik

Szene aus Cube

Es gibt Filme, die einfach schön anzusehen sind. Die große Buba wird mir beipflichten, wenn ich sage, dass The Haunting of Hill House (2018) ein visueller Genuss ist. Hohe Auflösung, Farbfilter, Mattfilter, alles Dinge, die dem Auge schmeicheln. Es gibt auch Filme, bei denen das Visuelle wesentlich wichtiger ist als der Inhalt; über Dario Argentos Suspiria (1977) schrieb ein Rezensent, es sei ...a movie that makes more sense to the eye than to the brain, und das muss nichts Schlechtes sein. Ich genieße Tarsems The Cell (2000) jedesmal wieder intensiv.

Einer der Regisseure, die ein solches Auge für Ästhetik haben, ist Vincenzo Natali. Wie viele andere Zuschauer auch bin ich über sein Filmdebüt Cube (1998) mit ihm in Berührung gekommen. Ein Science Fiction-Horrorfilm mit einer genialen Prämisse, so genial, dass sie auch schon zuvor in der Twilight Zone-Episode Five Characters In Search Of An Exit verwendet wurde: Eine Gruppe Menschen findet sich an einem unbekannten Ort wieder, sie wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, sie wissen nicht, wie sie von dort wieder wegkommen sollen, und vor allem fragen sie sich: Warum?

Cube leidet an den trashigen Dialogen und schauspielerischen Leistungen, aber der Film ist trotzdem toll anzusehen und das Grundkonzept lässt mich nicht los, und mittlerweile habe ich auch andere Filme von Natali gesehen, die genau diese Attribute - intelligent, sieht gut aus, hat Humor, ist spannend, Trashdialoge und fragwürdige Spezialeffekte - weiterführen, wie Splice (2009), Cypher (2002) und die Stephen King-Verfilmung In The Tall Grass (2019).

Cypher habe ich gestern zum ersten Mal gesehen - es war echt nicht leicht, an den Film heranzukommen, und er ist tatsächlich witzig, spannend und wieder einmal ein Genuss für die Augen, ein Spionagethriller über einen Otto Normalbürger, der sich auf eine Stelle als Geheimagent bewirbt. Fand ich so unterhaltsam, dass ich ihn mir heute noch einmal anschaue. 

Ich finde es immer wieder schön, wenn ich einen Regisseur entdecke, der Filme "mit Herz" macht.

Freitag, 11. Dezember 2020

Play it again, SAM!


Corona verschafft mir mehr Zeit zuhause, und so verschaffe ich mir mehr Zeit zum Schreiben - heute über eine aufregende Story. 

Gute Science Fiction-Geschichten bringen mich zum Staunen. Sie erfüllen mich mit Ehrfurcht, sie machen mir Angst. Mir bleibt der Mund offen stehen, ich fühle mich bereichert. Im Englischen gibt es das großartige Wort exhilarating dafür. Am Ende einer solchen Geschichte bin ich aufgeregt, würde am liebsten wissen, wie es weitergeht, habe genügend Denkimpulse, mir die weitere Handlung im Kopf auszumalen. Ich bin inspiriert.

2001: A Space Odyssee (1968) ist ein klassisches Beispiel dafür, oder auch Arrival (2016) oder der Roman The Invasion of the Body Snatchers von Jack Finney, der nicht ohne Grund bisher viermal verfilmt worden ist. Solche aufregenden, spannenden Geschichten finden wir in diversen Medien wieder: Auf der Playstation bietet The T.A.L.O.S. Principle eine tolle Story getragen von vielen herausfordernden Rätseln - und im vergangenen Jahr ist ein neues Spiel hinzugekommen, das die Grenzen zwischen Videospiel und Film mal wieder verschwimmen lässt.

Observation (2019) handelt von einer Astronautin Emma Fisher, die nach einem Blackout auf der namengebenden Weltraumstation im Orbit über der Erde erwacht - der Spieler schlüpft allerdings nicht in die Rolle eben jener Astronautin, sondern in die des Betriebssystems der Station Systems, Administrations & Maintenance, oder einfach SAM. SAM und Emma versuchen nach diesem Blackout herauszufinden, warum genau sie auf dieser Station sind, was die Mission ist, wo die anderen Besatzungsmitglieder sind.

Für einen Aspi-Nerd ist es total toll, eine künstliche Intelligenz spielen zu können, die logisch denkt und handelt - aber auch für andere Spieler dürfte dieses Spiel ein kleines Meisterwerk darstellen - sei es nun die Regie der spannenden Szenen, sei es die klassische SciFi-Musik oder das Unbekannte, was einem in Form eines Sechsecks begegnet. Das macht neugierig.

Das Spiel ist in vier bis sechs Stunden durchgespielt, und das ist auch gut so: Die Story ist straff, die Rätsel behindern die Progression nicht, man hat nie das Gefühl, festzuhängen. An mehreren Stellen wird es wirklich unheimlich, aber in einem positiven, aufregenden Sinn, man möchte wissen, wie es weitergeht - und am Ende der Geschichte möchte man applaudieren, weil die Schlussszene besser nicht hätte gemacht werden können.

Hey die große Buba, falls Du das liest: Ich habe das Spiel jetzt zum zweiten Mal gespielt. Das zeigt mir, dass es nicht langweilig wird, sondern dass es immer wieder ein Erlebnis ist. Wenn wir in den Ferien zwei Abende dafür finden könnten, verspreche ich Dir ein kleines Kunstwerk, das nachwirkt. Schon die Titelsequenz mit Musik eines Nine Inch Nails-Mitglieds zeigt, dass da etwas Aufregendes wartet.

"BRING HER!"



Freitag, 2. Oktober 2020

Das neue Spiel


Ich spiele seit einiger Zeit ein neues Spiel, faszinierend, ungewöhnlich, intellektuell fordernd und mit einem abgedrehten Humor - also genau das Richtige für mich; es erinnert mich ein wenig an den Rubik's Cube. Das Spiel wird von Amazon produziert? gesponsert? ...whatever, jedenfalls steckt Amazon mit drin und das wird später noch relevant sein. 

Es ist kein kostenloses Videospiel; man muss sich einen Account anlegen und kann dann für einen Euro das Spiel für vierundzwanzig Stunden auf dem eigenen Gerät freischalten. Das könnte als pure Abzocke betrachtet werden, vor allem, weil das Spiel ein hohes Suchtpotential hat, aber es gibt da eine kleine, aber geniale Regel, die das alles aufwiegen könnte.

Zuerst aber zu den Regeln: Das Spiel ist minimalistisch aufgebaut; auf dem Bildschirm sieht man einen großen dreidimensionalen Würfel, wie aus Plexiglas, und in diesem großen Würfel befinden sich maximal drei mal drei mal drei kleinere Würfel (auf höheren Leveln können es auch vier oder fünf hoch drei Würfel sein). Der Würfel ist nicht bis obenhin mit diesen kleinen Würfeln gefüllt, gerade am Anfang ist noch sehr viel leerer Raum vorhanden, sonst könnte man das Spiel auch gar nicht spielen, denn es geht darum, den großen Würfel zu drehen.

Es gibt Drehungen um neunzig Grad, so dass man den Würfel auf jede angrenzende Seite drehen kann. Da die Schwerkraft hier vorhanden ist, bedeutet das, dass bei einer Drehung die Würfel im Inneren umherfallen und neu ausgerichtet werden. Die kleinen Würfel sind farbig, immer in maximal sechs verschiedenen Farben, die in den höheren Levels auch mal wechseln können. Die Grundfarben sind rot, gelb, grün, blau, orange und violett. Selten ist ein kleiner Würfel auch mehrfarbig.

Der große Würfel, in dem sich die kleineren befinden, hat verschiedenfarbige Seiten; sechs unterschiedliche Farben, und deswegen haben die kleinen Würfel auch maximal sechs verschiedene Farben. Es ist nämlich so: Wenn ein kleinerer roter Würfel auf die rote Seite des großen Würfels fällt, fällt er aus dem Würfel heraus und ist damit verschwunden. Das Ziel ist es, mit möglichst wenigen Drehungen alle kleinen Würfel "abzuräumen", damit der große Würfel leer ist.

Das ist am Anfang noch sehr einfach, aber es kommen unterschiedliche Hürden dazu: Die Zahl der Innenwürfel steigt, die Schwerkraft wirkt zeitweilig in eine andere Richtung - das kann sehr verwirrend sein, wenn auf einmal alle Würfel nach links fallen - oder die Schwerkraft ist für einen Moment komplett aufgehoben, so dass man den Außenwürfel beliebig drehen kann, ohne die Position der Innenwürfel zu verändern. 

Man kann auch Spezialgegenstände bekommen, mit denen man zum Beispiel eine Seite des Außenwürfels neu einfärben kann, oder einen beliebigen Innenwürfel auflösen. Einer der besonderen Gegenstände ist die White Hole Sphere, und jetzt wird es richtig interessant: Wenn man diesen Gegenstand benutzt, wirkt die Schwerkraft in alle Richtungen gleichzeitig, die Würfel werden quasi vom Mittelpunkt des Außenwürfels abgestoßen und können zu mehreren Außenseiten herausfallen. 

Wenn man es schafft, die kleinen Würfel richtig zu positionieren und dann die White Hole Sphere benutzt, kann man alle Würfel gleichzeitig zu allen Seiten herausfallen lassen und den gesamten Außenwürfel aufräumen. Das kommt nur äußerst selten vor, aber wenn man es schafft, bekommt man einen Preis - im realen Leben! 

Der Wert des Preises errechnet sich nach den Beiträgen, die ich seit dem letzten Gewinn eingezahlt habe (ein Euro für vierundzwanzig Stunden). So hatte ich zum Beispiel gleich am dritten Spieltag es geschafft, alles abzuräumen. Mein Gewinn hatte daher einen Ausgangswert von drei Euro. Das wird mit einem zufälligen Multiplikator von null bis maximal hundertfünfzig Prozent verrechnet, so dass mein Gewinn einen zufälligen Wert zwischen null Euro und vier Euro fünfzig hatte. Auch die Art des Gewinnes wird dann per Zufallsgenerator aus dem gesamten Sortiment von Amazon bestimmt. Ich habe von Nutzern gelesen, die eine von diesen japanischen Winkekatzen bekommen hatten, oder ein HDMI-Kabel, oder einen Roman, mal war es eine Videospielkonsole (will nicht wissen, wie lange dieser Nutzer dafür hat spielen müssen), mal ein Klorollenhalter. 

Was genau der Preis ist, erfährt man erst, wenn der Postbote kommt und das Päckchen auspackt. Man erkennt diese Päckchen daran, dass das ganz normale A-Logo von Amazon darauf ist, aber in einem Würfelnetz gedruckt. So habe also auch ich Post bekommen - es war ein recht kleiner Brief, war ja logisch, bei dem Wert - und darin fand ich einen Tubenschlüssel. Das ist so ein Teil, mit dem man Cremetuben (Zahnpasta, Hautcreme usw.) aufrollen kann, um sie ganz einfach möglichst vollständig zu leeren. Eigentlich Tinnef, aber momentan habe ich das Ding bei mir im Bad und rolle damit Neurodermitiscremes auf, muss wohl eine Art Stolz sein, dass ich die Herausforderung geschafft habe. Immerhin, ein paar Wochen später habe ich ein neues Duschhandtuch bekommen. In rot, wie toll. Ist im Kleidersack gelandet.

Das Spiel macht wirklich süchtig, weil immer die Aufregung dabei ist, ob man diesmal eine White Hole Sphere bekommt und alles mit einem Schlag abräumen kann. Die Musik im Spiel ist großartig, Ambient, entspannend, und es gibt eine Stimme, die manche Spielzüge kommentiert, und sie ist so herrlich sarkastisch, fast schon zynisch, und sie wird nicht müde, mich daran zu erinnern, dass ich in der ganzen Zeit eigentlich auch in der realen Welt etwas erledigen bzw. erleben könnte. Aber das muss warten; ich bin jetzt schon eine Menge Levels aufgestiegen, ich habe jetzt den vier mal vier mal vier Würfel, mehrfarbige Miniwürfel, manchmal wechselnde Farben des Außenwürfels, so langsam wird es ziemlich komplex und ich liebe es, wie mein Kopf raucht.

Ich habe auch heute wieder zwei Stunden davor verbracht und würde wahrscheinlich immer noch davor sitzen, wenn es nicht an der Tür geklingelt hätte und ich wieder ein Paket mit dem A-Logo in einem Würfelnetz bekommen hätte. Das hat mich ein bisschen verwirrt, denn ich habe bisher keinen neuen Jackpot geschafft, das rote Handtuch war das letzte, was ich gewonnen hatte. Ich habe das Paket noch nicht geöffnet, denn irgendwie finde ich das schon komisch. Ob das eine Werbeaktion ist? Irgendeine personalisierte Werbeaktion anhand meiner Nutzerdaten, oder ob es irgendwas mit Phishing zu tun hat?

Jedenfalls wollte ich diese Gelegenheit nutzen und Euch erstmal von diesem Spiel schreiben. Ich hätte das schon viel früher tun können, aber wie immer, wenn etwas meine volle Aufmerksamkeit bekommt, vergesse ich alles um mich herum. Dieses Paket hat mich quasi aus meiner Spielewelt herausgerissen, und jetzt, wo ich das alles für den Blog geschrieben habe, habe ich keine Lust mehr zu warten. Ich mache mich mal an's Öffnen; das Teil ist etwas größer als ein Schuhkarton und verhältnismäßig schwer, schauen wir mal...

...okay, und so schnell kann es zwei Stunden später sein. Ich bin etwas überrascht, und irgendwie ist die ganze Sache auch ein bisschen creepy, ich hab erstmal gegoogelt, ob ich Infos zu dem Paket bekommen kann - nada. Nichts. In dem Paket war ein Würfel aus - ist das Plexiglas? Oder Acrylglas? Kantenlänge zehn Zentimeter, habe gerade nachgemessen, also recht handlich, und darin sind kleinere Würfel. Also quasi wie das Videospiel, nur in echt. Und mein erster Gedanke war, okay, das soll vielleicht ein Souvenir sein, um ein bisschen Werbung für das Programm zu machen, und ich hab den Würfel einfach dekorativ auf den Couchtisch gestellt.

Ich habe erstmal nicht weiter darauf geachtet, aber nach einer halben Stunde oder so kam ein Geräusch von dem Würfel, so eine Art Plastikgeklöter, und dann habe ich tatsächlich einen Schreck bekommen, denn ohne Vorwarnung war da ein weiterer Würfel in dem großen Würfel - erst waren es sechs, jetzt sind es sieben. Waren es sieben; ich fand das ziemlich gruselig, wie ein Würfel aus dem Nichts erscheinen kann, und dann bin ich auf die Idee gekommen, dass das ja mit visuellen Effekten gemacht sein könnte, dass da also keine echten Würfel drin sind, sondern Hologramme oder so etwas - ich bin mit optischer Technik nicht so vertraut. 

Also habe ich mir den Würfel genommen und geschaut, ob ich ihn auseinandernehmen kann, habe nach Schrauben gesucht, aber da war nichts zu sehen. Nur glatte Seiten und Kanten aus "Glas". Als ich den Würfel dann herumgedreht habe, um die Unterseite abzusuchen, ist genau das passiert, worum es im Spiel ging: Ein grüner Würfel ist auf die grüne Außenseite gefallen und hat sich aufgelöst. Ich habe KEINE Ahnung, wie man so etwas entwerfen kann, welche Technik dahintersteckt, aber ich finde das ziemlich cool, dass es das Spiel jetzt auch in echt gibt. Ich habe direkt am Würfel herumgedreht, und jetzt ist es etwas später und ich habe fast alle Würfel in dem großen Würfel abgeräumt. Nice! Ich frage mich, ob man hier auch "Bonusgegenstände" bekommen kann, wie die White Hole Sphere - ich halte Euch auf dem Laufenden, jetzt muss ich erstmal in's Bett, denn es ist kurz vor Mitternacht und die letzte Schulwoche steht an.

(...)

Jetzt nimmt das Ganze etwas sonderbare Forman an. Long story short: Ich bin aufgewacht und der Würfel war fast komplett wieder mit kleinen Würfeln angefüllt, muss über Nacht passiert sein - und ich hab überlegt, ob ich schnell vor der Schule noch eine Runde damit spielen sollte, aber das ging nicht, ich musste pünktlich zu einer Mikrofortbildung da sein, also habe ich den Würfel liegen gelassen. Es ist jetzt gerade... fünfzehn Uhr zwanzig, und ich habe ja damit gerechnet, dass der Würfel mittlerweile voll sein würde, aber das hier macht mir echt ein bisschen Angst: Der Würfel ist etwas größer als am Anfang. Wie in dem Videospiel passen jetzt vier Würfel je Kante hinein, ich habe nachgemessen, die Kantenlänge beträgt jetzt exakt dreizehn Zentimeter. So etwas kann es gar nicht geben, und ich fühle mich wie in einer Science Fiction-Geschichte. Und es kommt noch besser: Ich habe ein bisschen mit dem Würfel gespielt und versucht, viele kleine Würfel loszuwerden, und als ein großer Teil abgeräumt war, ist mir der Würfel aus der Hand gefallen - weil er kleiner geworden ist?!

Das sollte jetzt eigentlich der Moment sein, an dem ich bei Amazon anrufe, denn so nett dieses Spiel auch ist, das geht mir einen Schritt zu weit. Ich habe jetzt gerade aber keinen Nerv dafür, morgen lasse ich zwei Klassenarbeiten schreiben und wir haben Fachkonferenz. Kommt auf die To Do-Liste. 

(...)

Schlecht geschlafen. Mir lässt das keine Ruhe, und dann bin ich viel zu spät eingedöst und habe verschlafen, so eine Scheiße. Direkt zur Schule, gar nicht an den Würfel gedacht, Unterrichtsprogramm abgespult und dann wieder ab nach Hause - und jetzt fangen die Probleme richtig an. Ich hatte den Würfel auf dem Couchtisch gelassen - als ich reingekommen bin, lag er auf dem Fußboden. Sehr viel größer, und offenbar sehr viel schwerer, denn die Ecke der Tischplatte (aus Glas) ist abgebrochen. Scherben auf dem Fußboden und dazwischen ein Würfel mit weit über zweihundert Würfeln darin. Nein, das müssen rein rechnerisch weit über fünfhundert Würfel sein; die Kantenlänge des Würfels ist über dreißig Zentimeter, und es passen jetzt nach Augenmaß bis zu tausend Würfel hinein.

Ich muss das irgendwie loswerden. Ich habe versucht, den Würfel herumzukippen, aber er ist mittlerweile echt schwer geworden. Zum Glück geht es noch, und ich habe laut Uhr fünf Stunden gebraucht, um den Würfel wieder deutlich zu verkleinern - da geht die nächste Nacht dahin, es ist vier Uhr morgens, und warum schreibe ich das überhaupt noch.

(...)

FUCK!!! 

(...)

Okay, es ist Donnerstag, mein letzter Schultag ist vorbei, meine Nerven auch. Wo fange ich an. Ich war zwei Tage nicht in der Schule. Dienstag habe ich FUCK!!! geschrieben, weil ich nach drei Stunden Schlaf gesehen habe, dass der Würfel sich wieder auf acht mal acht mal acht kleine Würfel vergrößert hatte. Die neuen Würfel sind immer schneller aufgetaucht! Am Anfang ist ein Würfel alle halbe Stunde herausgeploppt, jetzt hat es nicht mal mehr drei Minuten gedauert! Und im Panikmodus kann ich nicht mehr sehr gut denken - einzige Überlegung: Wenn ich jetzt in die Schule fahre, dürfte mich am Nachmittag in meiner Wohnung das absolute Chaos erwarten, wenn der Würfel wieder größer geworden ist und irgendwann womöglich meine Einrichtung zerlegt, also habe ich mich krankgemeldet. Sowas hatte ich echt noch nie, blaumachen und so. Was für ein Scheißgefühl, aber immerhin konnte ich mich dem Würfel zuwenden.

Ich habe den ganzen Tag gebraucht, nichts gegessen, und ich bin auch nicht an's Telefon gegangen, als es zweimal geklingelt hat, oder vielleicht auch öfters, ich habe das nicht mehr so ganz mitbekommen. Wenn ich das Spiel auch nur zehn Minuten allein gelassen habe, waren wieder eine ganze Reihe neuer Würfel aufgetaucht, immer schneller und ich musste gegenan arbeiten. 

Irgendwann am späten Abend war es geschafft - die Zeit habe ich auch nicht mehr mitbekommen, weil ich immer schneller gegen die neuen Würfel ankämpfen musste, aber nach und nach ist der Würfel kleiner geworden. Klar, ich liebe das Kopfrauchen bei Logikspielen, aber das war echt zu hart. irgendwann hatte ich nur noch vier kleine Würfel, und nach ein paar weiteren Drehungen, waren sie verschwunden - und mit dem letzten Würfel hat sich dann der große Würfel einfach aufgelöst.

Ich war so kaputt und habe einfach erstmal geglaubt, dass das alles war, und bin in's Bett gefallen - und habe dann erst gemerkt, welcher Schlafentzug sich bei mir angestaut hatte, denn ich habe den ganzen Mittwoch durch geschlafen - ohne mich bei der Schule abzumelden, ohne alles, und erst nach dem Aufwachen, als ich gesehen habe, dass der Würfel tatsächlich komplett verschwunden war, habe ich meinen Rechner gestartet und gesehen, dass sich achtunddreißig Mails angesammelt hatten, die ich nicht gelesen hatte, und vier Nachrichten auf dem Anrufbeantworter.

Ich habe mich SO MIES gefühlt... weil sich Leute wirklich Sorgen um mich gemacht haben. Und weil ich die Schule vollkommen im Unklaren gelassen habe. Heute bin ich dann endlich wieder zum Unterricht gegangen, ich war bei Silke, meiner Schulleiterin, und habe mich entschuldigt. Und als erstes habe ich das Spiel von meinem Rechner gelöscht. Spannend schön und gut, aber es hat mir gereicht; mein Tisch kaputt, völlig übernächtigt, meine Mitmenschen besorgt oder enttäuscht, weil ich nicht mehr erreichbar bin, und ich werde ihnen das nicht einmal sinnvoll erklären können, denn das glaubt mir garantiert keiner. Alles, was sie mitbekommen haben, war, dass ich mich zurückgezogen habe, ohne Kommentar, dass meine Arbeit darunter gelitten hat und dass ich keine Mails mehr beantwortet habe.

Es hat so gut getan, den Uninstall-Button zu klicken. Als ob eine Last von mir abfällt. Aber auf der Seite mit der "Danke, dass Sie gespielt haben!"-Seite wurde ein interessantes neues Spiel gezeigt, das klingt echt faszinierend, und jetzt sind ja Ferien...


Disclaimer: Diese Geschichte ist Fiktion. Dieses Spiel gibt es nicht - aber das beschriebene Problem gibt es sehr wohl, in allen Altersgruppen, und in meinem nächsten Beitrag werde ich einen kleinen Kommentar zu dieser Geschichte schreiben - warum mir als Lehrer diese Thematik besonders wichtig ist. Spielsucht kann in allen Altersgruppen auftauchen, sie ist ein alter Hut, aber keine Kleinigkeit. Seid wachsam und achtet auf auffälliges Verhalten bei Euren Schülern, unentschuldigtes Fehlen, Müdigkeit, rapider Abfall der schulischen Leistungen, Zurückgezogenheit, Nicht-Darüber-Reden-Wollen und mehr.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Die Corvette

Wie wir waren

Man wird diesen Beitrag leicht als Kommentar zum Thema Oberflächlichkeit lesen können, aber eigentlich geht es mir um etwas ganz Anderes, und ich hoffe, dass das bis zum Ende des Artikels deutlich wird. Auch sollte dieser Beitrag ursprünglich Über das Alleinsein heißen, denn genau daran musste ich heute viel denken - aber wie es so kommen kann: Die Gedanken sind frei.

Ich versinke zur Zeit in einem Panoptikum auf mein bisheriges Leben, unterstützt durch das, was von meinem Tagebuch seit dem Jahr Zweitausend erhalten ist. Ich stelle fest, wie ich mich verändert habe, und es ist nicht immer einfach zu lesen - wie schnell ich mich habe beeindrucken lassen, wie schnell ich zu Meinungen und Vorverurteilungen gelangt bin, wie impulsiv ich damals gedacht habe (wesentlich drastischer als heute), wie meine Tagebuchgedanken von Oberflächlichkeiten geprägt waren - nicht immer einfach zu lesen, weil es mich mit einem leichten Grauen davor schüttelt, was ich für ein Jugendlicher gewesen bin.

Sinngemäß habe ich den Satz heute wieder in einer Fernsehserie gehört, die sich mit dem Thema Zeitreisen beschäftigt - ist es nicht bemerkenswert, wie wir die meiste Abneigung einem Menschen gegenüber im Blick auf uns selbst empfinden können? Mich reizen Zeitreisegeschichten, wenn sie wirklich gut gemacht sind, wegen ihrer Implikationen: Wenn ich könnte, würde ich in die Vergangenheit reisen, um einen Menschen zu retten, den ich verloren habe? Wenn ich könnte, würde ich versuchen, mich davon abzuhalten, der zu werden, der ich heute bin? Wenn ich könnte, würde ich Dinge ungeschehen machen? Herrlicher Diskussionsstoff für die Oberstufe, und es gibt mittlerweile wirklich viel brillante Literatur, Filme, Serien, Videospiele und noch mehr, die sich mit diesen Fragen ernsthaft und anspruchsvoll auseinandersetzen.

Angeregt also durch diese Serie und einige Gedanken daraus, habe ich heute einmal auf eine Anekdote zurückgeblickt, die zwar nicht im Tagebuch festgehalten ist, an die ich mich aber sehr gut erinnern kann.

Gehen wir zurück, etwa zwanzig Jahre, als Dr Hilarius ein Jugendlicher war und in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, mit einer Nachbarsfamilie, deren Töchter S1 und S2 ganz tolle Spielgefährten waren - was ich ihnen damals nie in dieser Form habe bewusst werden lassen. Wie Kinder nun einmal so sind - Mitmenschen und Freunde werden quasi als selbstverständlich hingenommen. Und wie Teenager dann auch so sind - es finden sich erste Partner an. Und so stand eines Tages auf dem Rasen vor dem Nachbarhaus ein Auto, das wir in unserer Straße bisher noch nie gesehen hatten - eine Corvette. Ein auffälliges Auto, und kombiniert mit dem Umstand, dass in einem Zweitausend-Seelen-Dorf viel geredet wird und jede Veränderung kommentiert wird, oft mit Misstrauen, konnte das Lästern beginnen.

Die ältere Schwester S1 hatte sich also einen Freund geangelt, der eine Corvette fährt, ein Sportwagen, und ziemlich schnell haben sich Meinungen gebildet - in unserem Haus, aber auch bei S1s Eltern, und überhaupt in der ganzen Straße. Sofort war für alle klar, was das für ein Mensch sein musste, dieser neue Freund, mit so einer Prollkarre. Engere Auseinandersetzung mit diesem Menschen war gar nicht gewollt.

Nun ist es also zwanzig Jahre später, und wir haben mittlerweile vielleicht selbst Kinder. Werden wir auch so reagieren? Werden wir auch misstrauisch werden, wenn unsere Tochter sich mit einem Jungen trifft, der ein auffälliges Auto fährt? Oder wenn unser Sohn eine Freundin mitbringt, die sich sexuell aufreizend kleidet? Oder wenn plötzlich ein gleichgeschlechtlicher Partner auftaucht? Oder werden wir es anders machen wollen als unsere Eltern, weil wir damals erlebt haben, wie das ist? Und werden unsere Kinder es dann wieder anders machen wollen?

Ich merke, dass ich mich sehr an meine Examensarbeit erinnert fühle - Die Generation X in der nordamerikanischen Literatur - in der ich mich mit diesen Fragen auseinandergesetzt habe (Ach sieh' an, die habe ich noch nicht veröffentlicht? Ist in Arbeit!). Das war vor knapp zehn Jahren, und nun bin ich wieder etwas älter, denke wieder etwas anders, und wahrscheinlich werde ich in zehn Jahren - wenn dieser Blog dann noch besteht - wieder anders denken. Das fasziniert mich ungemein, und deswegen bin ich auch von dieser Serie fasziniert, beziehungsweise Zeitreisegeschichten im Allgemeinen. Werden wir immer derjenige, der wir später sind? Können wir da überhaupt "mitreden"? Sind wir uns dessen überhaupt bewusst? Und wie haben unsere Eltern diese Gedanken erlebt, und wie werden unsere Kinder diese Gedanken erleben?

Eure Gedanken dazu?

Eine Corvette

Montag, 18. Mai 2020

Vorne

Wieder einmal umgestellt

Ein grauer, vernieselter Tag wie jeder andere, ich atme in meine Maske, während ich auf den Bus warte, der von dort kommt. Sieben weitere Fahrgäste warten an der Haltestelle Diesterwegstraße an diesem Montag. Sie alle sitzen in und am Wartehäuschen. Ich mache das nicht - es nieselt kaum und wir müssen ja eh' hinten einsteigen, also setze ich mich auf die hintere Bank.

Der Bus kommt, ich entscheide mich für die letzte Tür, drücke auf den Knopf zur Türöffnung, aber nichts passiert. Ich drücke mehrfach, schaue dann einmal nach vorne, ob die anderen Leute einsteigen können. Können sie, tun sie, und zwar so wie früher: Nur durch die Vordertür darf in den Bus eingestiegen werden. Kurzer Moment Verwirrung, dann muss ich ja wieder meine Busfahrkarte vorzeigen, ich steige ein und realisiere die neue "Busausstattung" - ein Plexiglasschutz für den Fahrer, die vorderen Sitzplätze gesperrt, Maskenpflicht, sonst alles wie früher.

Und erst jetzt realisiere ich, dass wir ja einen Schritt weiter gegangen sind in Sachen "Öffnung", einen Schritt in Richtung Normalität. Nächste Woche beginnt wieder Unterricht, in reduzierter Form, ich unterstütze die Englischlehrkräfte in drei neuen Klassen. Mittlerweile schockt mich das nicht mehr so, in meinem Kopf habe ich abgemacht, dass überhaupt nichts mehr planbar ist, dass nichts mehr "gewiss" ist, und versuche einfach alles hinzunehmen. Der Buddhismus hilft dabei, und ich zitiere wieder den Dalai Lama: "Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt."

Ist dann halt eine Phase, in der ich nicht funktioniere. Ich denke nicht daran, mich bei meiner Familie zu melden, ich vergesse, meinen Schülern neue Aufgaben zu schicken, meine Wohnung sieht unmöglich aus. Der Umstand, dass wir eine Phase weiter sind, einen Schritt raus aus dem lockdown, macht die Lage für mich nicht einfacher, sondern verwirrender.

Immerhin weiß ich jetzt, dass ich im Bus wieder vorn einsteigen muss.

post scriptum: Nach langer Zeit habe ich mir heute mal wieder James Ward Byrkits "Coherence" (2013) angeschaut - und er ist wesentlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Kleiner Indie-Film mit einer Dinnerparty, bei der etwas schiefgeht. Nicht psychological horror-schief wie in "The Invitation" (2015), sondern science fiction-schief. Mystery. Echt klasse, schönes mind food, regt zum Nachdenken an. 

Die große Buba: Das könnte ein Webstuhl-Film für uns sein, ein bisschen im Stil von "Primer" (2004).

Freitag, 10. April 2020

Ups

Neue Einblicke

Wie unangenehm. Ich habe mich heute in die erste Hälfte meines ersten Asperger-Buches versenkt, und realisiere erst jetzt, dass ich mal wieder alles um mich herum vergesse - ich komme sozialen Pflichten nicht nach, habe viel zu lange meine iServ-Nachrichten nicht gecheckt, meine Eltern hören nichts von mir. Immerhin kennen sie das schon und haben trainiert, sich keine Sorgen zu machen.

Ich stecke einfach gerade vollkommen in der kleinen Aspi-Welt. Je mehr ich in diesem Buch lese, umso seltsamer erscheint mir das Gutachten aus Lübeck. Ich bekomme eine Menge Informationen, und ich kann das nicht so schnell verarbeiten, und verliere Manches deswegen zur Zeit leider aus dem Blick. Bear with me. Katze auch.

Sobald ich dieses Buch ausgelesen habe und eine erste Einschätzung geben kann, schreibe ich hier, das ist klar. Immerhin, so ganz nutzlos ist mein Autismus-Gutachten nicht: Eine der Ärzte-Checklisten für das Asperger-Syndrom beinhaltet den Checkpoint "Diagnose Autismus wurde ausgeschlossen." - da kann ich jetzt einen Haken setzen.

Genießt die Ostertage, egal, wie Ihr sie verbringt! Sonnige Grüße aus dem dritten Stock!

post scriptum: Ist ja interessant, "dank" Corona werden manche Kinofilme momentan zusätzlich zum Kino-Release auch direkt als video on demand zur Verfügung gestellt. So konnte ich mir schon heute den SciFi-Streifen "The Invisible Man" (2020) anschauen, die Neuverfilmung des Romans von H.G.Wells, und die ist unglaublich gut! Es ist sehr verstörend, wie der Regisseur es schafft, das reale Problem von "male abuse" auf die Leinwand zu bringen. Wir leiden mit, wenn wir erleben, wie die Protagonistin von ihrem Mann gequält wird - und letztlich versucht, sich zur Wehr zu setzen. Das passt zu dem aktuellen Beitrag "Horror-Frauen-Power", endlich werden Frauen als starke Menschen gezeigt, die sich von ihrem Mann unabhängig machen können.