Samstag, 31. August 2019

Die Rossmann-Sauberei

"Hallo! Wir hätten gerne Spülmittel. Ach deidhe. Sphüwbhitthew!"

Heute möchte ich ein Gefühl mit Euch teilen; vielleicht erkennt sich ja jemand wieder. Ich weiß, die große Buba kennt das, denn wir haben das festgestellt.

Putzen. Das ist großartig, wenn man es denn macht, ich denke da so selten dran. Und dennoch gehen mir nach und nach Drogerieartikel aus. Kein Badesalz mehr, kein Spülmittel mehr, Küchenrolle ist alle, Duschbomben auch, und ich brauche Textmarker für mein Psych-Notizbuch, Luftpolstertaschen - es kommt der Moment, an dem der Einkaufszettel für die Drogerie so voll ist, dass es sich nicht mehr aufschieben lässt.

Dann machen wir doch geich ein Happening daraus, denken sich das alte Frettchen und die fette Schnecke, springen in's Auto und fahren nach Bettendorf (oder so ähnlich), um dort eine kleine Shoppingtour zu erledigen. So oft waren wir da noch nicht, bisher haben wir da noch kein Hausverbot. Klar, natürlich schauen uns die Leute auch da an, als wären wir Außerirdische, aber daran sind wir gewöhnt. Wer den Artikel Buba-Revenge gelesen hat, kennt unsere non-sequitur-Gespräche.

Gut, alles erledigt, Bettendorf leergekauft, ab nach Hause, die Einkäufe wegräumen. Und da tritt ein interessanter Effekt ein: Ich fühle mich unglaublich gut, wenn ich meine Drogerieeinkäufe an ihren Platz wegsortiere. Klovorräte aufgefüllt, endlich wieder Interdentalbürsten und Kaugummis. Wenn ich mit dem Wegräumen fertig bin, die Einkaufstaschen wieder weggehängt habe, fühle ich mich so stolz, als hätte ich die ganze Wohnung geputzt! Wie verzaubert, ich meine, versaubert...

...was natürlich dazu führt, dass ich mir denke, so, jetzt ist die Wohnung wieder frisch, dann muss ich ja nichts mehr machen. Und so gammelt das alles weiter vor sich hin, so floriert das Badreich, der Mount Trasherest und auch der Mount Waschmore. Als ob der Einkauf von Putzmitteln bedeutete, die Wohnung geputzt zu haben. Völlig unsinniger Zusammenhang, aber jedesmal wieder.

"Ich wiehbe es!"

Freitag, 30. August 2019

Date mit AA

Quasi mein zweites Zuhause...

Bei dem Titel keckert die große Buba gerade vor sich hin, oder auch nicht. Jedenfalls habe ich nun endlich meine Einladung bekommen, in zwei Wochen geht es auf in die Agentur für Arbeit in Kiel, und mit etwas Glück bekomme ich dann auch endlich mein Arbeitslosengeld. Es ist immer wieder interessant, wie lange es im Bürokratiergehege dauern kann, eine Arbeitsbescheinigung zu bekommen. Vielleicht habt Ihr - wenn Ihr einmal in dieser Situation ward - mehr Glück gehabt als ich; ich habe jedesmal mindestens zwei Wochen gebraucht, bis die Arbeitsbescheinigung zunächst im Finanzverwaltungsamt und dann im Ministerium für Bildung blabla durch war. Als arbeitsloser Lehrer ist man hier im Norden immer wieder vor Barrieren gesetzt, so scheint es.

Ach faszinierend, mir geht gerade durch den Kopf, dass genau diese Situation damals der Auslöser für die Entstehung des Blogs war; der allererste Eintrag hieß Arbeitslose Lehrer, vor dreieinhalb Jahren, damals noch ohne Titelfoto und mit richtigen Zahlen.

Ich bin sehr gespannt, wie sich diese ganze Psychiatrie-Geschichte auf mein erstes Gespräch mit meinem Sachbearbeiter auswirken wird. Sorry, SachbearbeiterIN - das hat mich verstört. Normalerweise ist in Kiel immer Herr Denk für Akademiker zuständig gewesen. Noch immer ist der Denk-Zettel der meistgelesene Beitrag dieses Blogs. Doch nun soll ich zu einer neuen Dame. Ich fühle mich etwas unsicher, aber ich bin optimistisch, dass wir zusammen endlich ein paar Antworten finden können. Und ich bin gespannt, ob mir trotz der psychischen Lage Jobangebote wie "RBZ Wirtschaft Kiel, zwei Monate lang, acht Wochenstunden" angeboten werden und ich diese annehmen muss.

Wir werden sehen.

Und ich werde schwarz tragen

Donnerstag, 29. August 2019

All Hell Breaking Loose (HC II)


Hier geht es zu Teil I

"Sind sie denn wahnsinnig geworden!"

Ich schrecke auf und fange direkt an zu husten. Als meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt haben, erkenne ich, dass ich mich in einer riesigen Staubwolke befinde, gelblich-ocker, und kann um mich herum nichts mehr erkennen außer dem Paar Beinen, das vor mir steht. Ich fische in meiner Hosentasche nach dem Taschentuch, halte es mir zum Schutz gegen den Staub vor den Mund und versuche, die Person vor mir zu erkennen. Ein Mann, braungebrannt mit nacktem Oberkörper - abgesehen von der orangenen Warnweste. Er beugt sich zu mir herunter; ich schaue in sein Gesicht, und irgendwas kommt mir merkürdig vor. Ist es nur der aufgeregte Tonfall, in dem er mit mir spricht, oder warum kommt mir dieser Mensch so sinister vor?

"Haben sie nicht mitbekommen, dass hier ab heute die Welt untergeht? Und sie sitzen da, schlafen gemütlich an der Absperrung, ich glaube es nicht! Machen sie, dass sie hier wegkommen, bevor sie in den schwarzen Schlund gezogen werden!" Der Mann schüttelt den Kopf und verschwindet zügig in der Staubwolke. Jetzt erst realisiere ich, wo ich bin - ich bin letzte Nacht mitten auf der Straße eingeschlafen. Wie dumm, und das, wo ich mich über die Dummheit der anderen Menschen lustig machen wollte. Und jetzt erst realisiere ich, was mich an dem Mann so irritiert hatte. Rote Augen. Und nicht nur einfach gerötet vom Staub, der die Bindehaut reizt - rote Pupillen! Was geht hier vor sich?

Ich muss hier weg. Es ist staubig, es ist heiß, der Boden fühlt sich an, als würde er glühen - und erst jetzt wird mir der ungeheure Lärm bewusst, der hinter mir aus der Staubwolke zu kommen scheint. Wie konnte ich bei dem Lärm nur schlafen? Wenn man an der Hamburger Chaussee wohnt, scheint man dagegen wohl abgehärtet zu sein.

Ruckartig stehe ich auf und merke zwei Sekunden später, dass das ein Fehler war; das Blut sackt in meine Beine und ich verliere schwindelig das Gleichgewicht. Ich versuche mich auf der Absperrung abzustützen, die zum Glück im Boden verankert ist. Mein Oberkörper stürzt nach vorn und beugt sich hinüber, so weit nach unten, dass ich inmitten des Staubes den Erdboden erkennen kann - oder zumindest das, was einmal der Erdboden war. Das, was einst eine Straße war, ist jetzt aufgerissenes Brachland, hier kann kein Fahrzeug mehr fahren, es sind Risse im Boden, hier und dort ist die Straße aufgeplatzt, und wo sie noch in Ordnung ist, stehen mehr orangene Männer mit Presslufthammern und zerstören die letzten Reste. Warum tun sie das, was ist mit ihnen los? Und überall diese roten Augen...

Ich wusste ja, dass hier die Katastrophe losbrechen würde, ich wurde vorher gewarnt, aber ich dachte, dass es sich um ein natürliches Unglück handeln würde. Ich hatte keine Ahnung, dass diese halbnackten, schwitzenden Männer dafür sorgen würden, dass hier alles in Schutt und Asche zerfällt. In Filmen ändert sich die Augenfarbe der Figuren immer, wenn sie von jemandem besessen sind. Sind diese Männer besessen? Ich versuche, sie zu erkennen, während ich mich wieder aufrichte, aber in dem dichten Staub kann ich nur wenig sehen. Was ist hier los???

Und wo der Boden aufgeplatzt ist, ist es schwarz. Tiefschwarz, glänzend, und es ist heiß. Was ist das? Einer der orangenen Männer tritt auf die schwarze Fläche, um die Erde von einem anderen Winkel her aufzubrechen, doch in dem Moment, als sein Fuß das Schwarz berührt, züngeln Flammen hervor, die seine Schuhe zum Schmelzen bringen und sich langsam an seinem Blaumann empor fressen. Ich kann es nicht glauben - er scheint davon nichts mitzubekommen, er sagt nichts, scheint keinen Schmerz zu spüren, sondern arbeitet weiter, während er lichterloh in Flammen aufgeht und langsam in der schwarzen Masse versinkt.

Scheiße, ich muss hier weg, was passiert hier?? Was ist das, was sich dort so schwarz ausbreitet? Ich muss hier weg, wenn das so weitergeht, wird das Schwarz bald mein Haus an der Ecke der Kreuzung erreichen - wo ist mein Haus? Ich kann kaum etwas erkennen, dieser Staub treibt mir die Tränen in die Augen, trotz Taschentuchs muss ich husten. Ich versuche, mein Gesicht mit dem freien Arm zu schützen.

Okay, ich muss einen klaren Kopf bewahren, was soll ich tun... das Auto. Ich muss mein Auto finden, in das Auto springen und weg von hier, einfach nur weg. Über die Hamburger Chaussee wird es nicht mehr gehen, aber am anderen Ende ist ja noch die Rendsburger Landstraße, meine Lebensader in die Freiheit, wenn ich nur endlich meine verdammte Karre finden kann! Und dieser ohrenbetäubende Lärm, das Rattern der Presslufthammer knallt, als ob das Werkzeug sich direkt in meinen Kopf hineinklopfen wollte - Ruhe bewahren... calm down... ausatmen, Augen schließen.

Wo bin ich? Ich blicke nach oben, versuche irgendwo ein Straßenschild zu entdecken, aber der Staub ist gnadenlos. Ich stolpere ein paar Schritte nach vorn, dort, dort ist ein Pfahl, vielleicht einer mit einem Straßenschild oben. Ich lege den Kopf in den Nacken, es ist schwer zu erkennen... ich bin am Karpfenteich, zum Glück, hier irgendwo hatte ich mein Auto geparkt - hier hatten auch viele andere Menschen ihre Autos geparkt und ich versuche, nach meinem Nummernschild Ausschau zu halten, oder stand die Karre auf der anderen Straßenseite?

Nein, ich habe den alten Opel erreicht, endlich, jetzt nur noch weg von hier! Ich schließe auf, springe in den Fahrersitz, Tür zu, rasch den Gurt angelegt, der Motor springt zum Glück sofort an. Ich schaue in den Seitenspiegel... oh fuck. Ich bin zugeparkt - und nicht nur vorne und hinten, auch direkt neben mir stehen Autos. Erst jetzt realisiere ich, dass die ganze Straße von Autos blockiert ist. Ich steige aus und versuche zu erkennen, wie weit der Stau reicht. Rendsburger Landstraße, mein Fluchtweg - vollkommen verstellt. Autos, soweit das Auge reicht - auch wenn es in diesem Staub nicht mehr sehr weit reicht; das laute und reichhaltige Hupen bedeutet mir, dass hier unzählige Autos festsitzen dürften. Scheiße, und das wusste ich doch vorher! Die Straße ist als Umleitung ausgewiesen für die Milliarden Menschen, die an jedem normalen Tag über die Hamburger Chaussee nach Kiel fahren, oder wieder raus.

Meine Hoffnung löst sich in Luft auf, ich kann sie quasi vor mir sehen, sie verweht mit dem Staub in alle Richtungen. Das war es, Endstation. Flucht unmöglich. Und die Lage scheint immer schlimmer zu werden, denn das Dröhnen und Rumpeln des Höllenabgrundes übertönt nun schon fast das gewaltige Hupen - ich halte es kaum aus, ich brauche Ruhe, ich muss einen Plan finden! Nur eine Möglichkeit: Ab nach Hause. Hinein in meine eigene Wohnung, meine Weltraumbasis, von der aus ich den Überblick habe, und dort kann ich hoffentlich einen Ausweg finden. Immerhin weiß ich jetzt, wo ich mich befinde, und komme schnell zu meiner Haustür, auch wenn es bedeutet, dass ich dem Lärm immer weiter entgegengehen muss.

Das ist ja seltsam... vor meiner Haustür ist der Abgrund noch gar nicht aufgebrochen, keine schwarze Masse, die alles verbrennt und aufsaugt. Vielleicht ist doch noch nicht alles verloren? Doch in diesem Moment dröhnt es aus dem Staub, wie ein Nebelhorn, und aus dem ockerfarbenen Staubschleier taucht ein Schlachtschiff auf. Ich gehe drei Schritte zurück, um bis nach oben zu schauen, und kann meinen Augen nicht trauen. Vorn am Bug steht der Name des Schiffes - Lola - und es bricht sich seinen Weg durch die bisher noch unversehrte Erde. An Bord stehen sie, zahllose Männer in Warnwesten, mit diesem irren Blick ins Nichts, diesen roten Augen... wieder ertönt das Nebelhorn, und Lola frisst sich weiter durch den Asphalt. Endlich ist sie vorbei, und lässt hinter sich eine Spur der schwarzen Masse, die tödlich-gierig auf ihr nächstes Opfer wartet. Es geht zu Ende, jetzt hat es also auch mein Haus erreicht.

Ich renne durch das Treppenhaus nach oben, und sie alle kommen mir entgegen, Frau Kuntzmann, Herr Pfennig - "Wir müssen von hier verschwinden, bevor alles zu spät ist", hustet sie mir entgegen, aber ich versuche, cool zu bleiben. Endlich bin ich in meiner Wohnung unter dem Dach angekommen, und gerade als ich mich ruhig setzen will, erreicht mich eine Nachricht: "Pomsa, ich komme zu Dir rübergepotert, der Staub geht nur ein paar Meter hoch, in deiner Wohnung sind wir sicher!"

What?! Sie hat Recht. Die große Buba hat Recht: Ich schaue aus den Fenstern und sehe - nichts. Blauen Himmel. Und einige Meter unter mir beginnt irgendwo die Staubdecke. Von hier oben kann ich viel besser erkennen, was unten abgeht, und ich sehe diesen schwarzen, dampfenden Abgrund, der sich immer weiter auftut. Und da hinten ist sie! Ich winke der dicken Frau zu, die da durch den Staub rollt - ich Idiot, sie kann mich von unten doch eh' nicht sehen. Hoffentlich beeilt sie sich... ach du scheiße... der schwarze Abgrund! Sie muss da irgendwie rüber, um an meine Haustür zu kommen... hat sie überhaupt eine Ahnung, was mit denen passiert, die ihre Füße auf die schwarze Masse setzen? Ohgott, und sie kommt immer näher, geht fröhlich-spülend - oder ist es angestrengt-teigend? - auf den Abgrund zu. Ich schreie aus dem Fenster, versuche, sie zu warnen, aber der ohrenbetäubende Lärm verhindert jegliche Kommunikation.

Ohmeingott, jetzt ist sie am Abgrund angekommen, ohmeingott, und sie geht einfach weiter, nein, nein, ich kann das nicht mit ansehen, ich drehe mich vom Fenster weg, setze mich auf den Fußboden, schließe meine Augen und halte mir die Ohren zu... das passiert alles gerade nicht wirklich, das kann alles nicht wahr sein! Ich verharre in dieser Position eine Weile. Warum kann es nicht einfach nur ein Traum sein, und wenn ich meine Augen öffne, bin ich wach, in meinem Bett, und alles ist ganz normal?

Ich öffne meine Augen, nehme die Hände von den Ohren, aber ich bin nicht auf meinem Bett. Es ist alles real. Es ist alles genau wie in den letzten Minuten, wobei... etwas ist anders. Unheimlich anders - ich höre nichts. Gar nichts. Das Fenster steht sperrangelweit offen, aber draußen ist es still. Diese Stille ist verstörend. Es sollte knallen, poltern, krachen, drohen, aber ich höre... nichts? Warum ist es so still?

WARUM IST ES SO STILL???

Fortsetzung folgt...

Dienstag, 27. August 2019

Sichtweisen eines Aspis


Es wird wieder einmal Zeit zum Aufräumen; diesmal möchte ich alle Thema...-Beiträge in einem Sammelthread zusammenfassen, weil die Linkliste links zu lang geworden ist. Sie beschreiben meinen Standpunkt zu diversen Themen. Mir ist bewusst, dass einige dieser Artikel ein paar Jahre alt sind, und vielleicht hat sich mein Blickwinkel hier und da verändert - aber gerade das finde ich interessant: Dass es sich um Momentaufnahmen handelt, und dass es zeigt, dass mein Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Ich habe ursprünglich mit den Themenbeiträgen angefangen, um mich selbst immer wieder daran erinnern zu können, was ich zu einem bestimmten Zeitpunkt gedacht habe, und um den Lesern dieses Blogs einen Eindruck davon zu geben, ob ich jene Themen ähnlich sehe wie sie - oder vielleicht vollkommen anders, weil ich eben "anders gestrickt und anders getaktet" bin (sagte meine Studienleiterin). Das Fragezeichen im Titel rührt daher, dass ich keine Ahnung habe, ob bei mir irgendeine Form von Autismus vorliegt. Sobald die Untersuchungen zu einem Ergebnis gelangt sind, werde ich das aktualisieren (wenn ich denn daran denke -.-).

(Wer gründlich schaut, wird viele Widersprüche finden ^^)

Die Sortierung der Beiträge erfolgt alphabetisch. Hier ist nun also, was ich denke über das


Thema...


...Abhängigkeit

...Altersunterschied

...Asperger-Probleme

Montag, 26. August 2019

"Ich kann nicht homophob sein, denn..."

Schwule sind okay, solange sie nicht schwul wirken.

 "...denn ich habe einen Schwulen in meinem Freundeskreis."

Keine Ahnung, wie ich diesen Beitrag anfangen soll, ich habe mal ein Zitat genommen, dass viele von uns sicherlich schon einmal gehört haben. Wenn jemand in meinem Freundeskreis zur LGBTQ-Community gehört, dann kann ich gar nicht homophob sein, also darf man mir das nicht vorwerfen. Und homophob sind sowieso immer nur die Anderen. Ich nicht, und meine Freunde auch nicht.

Denkste.

Ich erzähle einfach mal von zwei Fällen aus meinem eigenen Freundeskreis, und ich möchte niemanden damit bloßstellen, deswegen benenne ich die Beteiligten einfach mit Zahlen. Auf das Geschlecht sollte nicht zurückgeschlossen werden.

Ich habe mit 1 jahrelang an der Kieler Christian-Albrechts-Universität studiert. Wir haben uns echt gut verstanden, waren völlig unterschiedlich, vielleicht hat uns das gut getan. Wir waren eng befreundet, und wir sind auch immer noch befreundet, nur mittlerweile etwas älter geworden. Ich habe 1 gern besucht, wir waren öfters zusammen unterwegs, und wir hatten - und haben - beide einen Knall, und akzeptieren uns gegenseitig, so wie wir sind.

Irgendwann habe ich mich mit 1 auch mal über das Thema Homosexualität gesprochen, einfach mal ein paar Sichtweisen austauschen. Ich musste mir keine Sorgen machen; 1 und ich waren enge Freunde, dann kann 1 nicht homophob sein, oder? Und tatsächlich hatte 1 auch überhaupt keine Probleme mit Schwulen und Lesben - solange sie nicht in der eigenen Familie sind. Und dann kam irgendwann ein Satz von 1, den ich bis heute nicht vergessen kann: "Also wenn mein Sohn später schwul wird, ich glaube, dann bringe ich mich um."

Natürlich war das ein dahingeworfener Satz, spur of the moment, Alkohol war nicht im Spiel und wir haben das auch nicht weiter vertieft. Es war allerdings auch kein Ausrutscher, sondern hatte Wurzeln in einer echten Überzeugung. Es hat mich verstört, und ich habe mich danach nie getraut, das einmal mit 1 auszudiskutieren. Ich wollte nicht, dass unsere Freundschaft einen Knacks bekommen könnte.

Nach meinem Verständnis ist das Homophobie: Wenn man Angst hat, dass das eigene Kind homosexuell sein könnte. Es tut mir heute ein bisschen weh, das zu schreiben. Aber ich möchte aufzeigen, dass sich in meinem Freundeskreis Homophobie wiederfindet. Die Angst vor Mitgliedern der LBGTQ-Gemeinschaft.

Auch 2 habe ich an der Uni kennengelernt, und wir haben uns angefreundet und irgendwann konnte ich 2 aus meinem Bekanntenkreis nicht mehr wegdenken. 2 war selbst ziemlich überzeugt davon, nicht homophob zu sein, und meinte zu mir: "Ich habe überhaupt keine Probleme mit Schwulen, solange sie sich nicht zu feminin verhalten. Dieses Tuckige, das mag ich nicht so."

Ich kann 2 vollkommen verstehen. Es gibt so viele Menschen, die genau mit diesem nicht-heteronormativen Verhalten überhaupt nicht klarkommen. Keine Männer, die sich weibisch aufführen, keine burschikosen Frauen. Dass ich es verstehen kann, ändert leider nichts an der Tatsache, dass dieses Genervtsein ein klassisch homophobes Verhalten ist.

Das sollte einfach nur ein Beispiel dafür sein, dass Homophobie nicht nur außerhalb unseres Freundeskreis auftreten kann. Es sind nicht immer nur die Anderen, nur die AdF, nur die Männer, nur die Ausländer und so weiter. Das sind wir alle. Ich hatte (habe?) homophobe Menschen in meinem Freundeskreis, die hoffentlich mit dem Älterwerden etwas aufgeschlossener werden können.

Erinnert ein bisschen an Trumps "I'm the least racist person you've ever met!"

Samstag, 24. August 2019

Before the Cataclysm (HC I)

Nur ein Hauch von Science Fiction...

Alles ist still. Niemand hier. Die meisten Anwohner haben die Warnungen der Behörden ernst genommen, und nun wirkt die Hamburger Chaussee wie ausgestorben, wenn man von den wenigen Linienbussen absieht, die noch fahren. Und natürlich gibt es einige besonders beratungsresistente Bürger, die ihre Autos noch immer auf dem Seitenstreifen oder in zweiter Reihe parken. In regelmäßigen Abständen werden diese Wagen abgeschleppt, doch wie Fliegen auf Essensresten setzen sich immer wieder Fahrzeuge mit oder ohne Warnblinklicht dort ab, als würde das etwas ändern. Als hätten sie damit die Erlaubnis, dort zu stehen. Zeigt nur, dass sie die Dummheit haben, dort zu stehen, auch wenn der Kollaps bevorsteht, und sie ihre Fahrzeuge womöglich nie wiedersehen werden.

Sehen sie denn nicht die Warnschilder entlang der Straße? Sehen sie nicht die halbseitigen Sperrungen, haben sie denn nicht die Briefe der Stadtverwaltung bekommen? Manche Menschen scheinen für sich Sonderrechte herauszunehmen, nur weil sie einen IQ von hundertvierunddreißig oder achtundvierzig Zentimeter Oberarmumfang oder einen hochgetunten Mercedes haben. Sind wir das? Sind wir so? Nehmen wir uns das Recht heraus, selbst zu entscheiden, was wir dürfen und was nicht? Nehmen wir uns selbst die Klugheit heraus, zu wissen, was gut für uns ist und was nicht? Ist es tatsächlich so, dass wir nicht auf andere Menschen hören, auch wenn sie uns warnen?

Ein beliebter Topos in Katastrophenfilmen. Man neigt dazu zu denken, aha, da ist wieder jemand beratungsresistent, der wird definitiv vom Tsunami ergriffen oder wird in den Vulkan stürzen, oder er wird in einem zusammenstürzenden Hochhaus erschlagen. Es scheint tatsächlich so, dass jeder Katastrophenfilm solche Charaktere hat, und vielleicht sollte man sich darüber nicht aufregen, wenn man bei'm Blick in die Realität bemerkt, dass es wirklich solche Menschen gibt. Dumm - bin ich auch immer und immer wieder. Aber ich habe meinen Wagen nicht in der Hamburger Chaussee geparkt.

Jetzt ist es also soweit. Nacht. Ich sitze mitten auf der Hamburger Chaussee, einer der meistbefarenen Straßen Kiels, und ich muss mir überhaupt keine Sorgen machen, dass ich jetzt überfahren werden könnte. Die Straße ist abgesperrt, vor der Katastrophe, genau wie eine Blutstaubinde vor einer Operation angelegt wird, damit kein Blut durch die zu operierende Stelle gepumpt wird. Ich sitze mitten auf der Kreuzung. Vor mir, in einiger Entfernung, der Waldwiesenkreisel, links die Helgolandstraße, und rechts geht es zur großen Buba, die den Untergang der Hamburger Chaussee live miterleben wird, da hilft auch kein Teigen oder Spülen, es wird ernst. Ich drehe mich um, schaue auf den noch befahrbaren Teil der Straße, und lehne mich gegen die rot markierte Absperrung. Nichts zu sehen, doch... ein Motorengeräusch wird langsam immer lauter, und wenn ich vom Geräusch auf die Geschwindigkeit schließen kann, weiß der Fahrer noch nicht, dass es hier kein Durchkommen mehr gibt. Ich lächele, lehne den Kopf hinten an, und warte, dass das Auto hinter der Kuppe des Hügels auftaucht. Ich hole meine Kamera heraus und bin bereit... ich möchte sehen, wie er sich wohl verhält, wenn er merkt, dass es hier nicht mehr weitergeht. Wie eine Maus im Labyrinth; dort leuchten die Scheinwerfer auf. Der Autofahrer macht keine Anstalten, den Wagen herunterzubremsen. Er benutzt die Lichthupe, möchte mich wohl von der Straße verscheuchen, aber wo will er denn hin? Ich grinse über das ganze Gesicht, während das Geräusch immer näher kommt.

Wir wissen, dass die Katastrophe bevorsteht. Wir wurden vor Wochen gewarnt, dass es passieren wird, die Erde wird aufbrechen und nichts wird mehr so sein, wie es einst war. Wir werden von der Außenwelt abgeschnitten sein, denn heute war meine letzte Autofahrt, bevor ich den Wagen in sicherer Entfernung abgestellt habe. Wie geht man damit um, wenn man weiß, dass die Welt untergehen wird? Jeder findet dafür seinen eigenen Weg, der eine verzweifelt, der andere geht in aller Ruhe auf das zu, was kommt. Und ich schließe meine Augen...

Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 21. August 2019

Familientreffen (Cluedo, früher Roman)

Fräulein Maria, mit dem Dolch, in der Küche! ...oder?

vorweg: Heute gibt es wieder etwas aus den Archiven. "Familientreffen" war mein erster Versuch,einen zusammenhängenden Roman zu schreiben, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Daher bevölkern Gut Trontstein stark überzeichnete Charaktere, silly, aber das Schreiben hat wirklich Spaß gemacht.

Es hat nicht geklappt, den Text in ein vernünftiges Format für den Blog zu bringen. Wer das Buch tatsächlich lesen möchte, möge mit einem Rechtsklick "Alles auswählen" nutzen und den Text dann mit Copy & Paste in ein Textbearbeitungsprogramm kopieren. Oder hat jemand einen guten, kostenlosen Filehoster zur Hand, auf den ich das Ganze als PDF hochladen könnte?

 
Kapitel 1

Gut Trontstein genau zu beschreiben ist wohl zu schwierig; es hat einfach zu viele Zimmer und zu viele künstlerische Kleinigkeiten außerhalb des Gebäudes. Man müsste es selbst sehen, um die wahren Ausmaße zu begreifen. Das Landhaus entspricht jedoch ziemlich den geltenden Klischees eines adligen Wohnsitzes. Das große Gebäude liegt einige hundert Meter von der Hauptstraße entfernt; ein kleiner, von Eichen gesäumter Weg führt von der Straße auf den runden Vorplatz des Hauses. Das Haus selbst erfüllte die Erwartungen, mit denen sich ein Besucher den langen Weg von der Straße nähern würde. Mochten es von dem Haupteingang, den zur Linken und Rechten unter einer Art Vordach je zwei griechische Säulen zieren, zur West- wie zur Ostseite des Anwesens ungefähr vierzig Meter sein, so führen dazu noch zwei Stockwerke in die Höhe. Gut Trontstein hat unzählige Zimmer, viele Gästezimmer, mehrere Bäder, zwei Kaminzimmer – alles viel zu viel, da nur zwei Menschen dieses Haus bewohnten.
Graf Maibusch saß in der Küche und blickte durch das Fenster hinaus auf den Vorgarten. Dieser war schon lange nicht mehr richtig gepflegt worden und zeigte zwar alle Anzeichen des Sommers, bot aber dennoch ein Durcheinander von Blumen aller Art, während die Sträucher, die einst den Vorplatz in Reih und Glied säumten, nun wild wucherten. Der Graf wandte seinen Blick von dem Garten zurück zur Küche, in der eine ältere, kräftige Frau am Waschbecken stand und das Geschirr spülte.
Ach, Frau Schmidt, ich bin wirklich froh, dass ich sie damals eingestellt habe. Sie sind ja so effizient!“ sagte er mit einem leicht verzückten Ton in der Stimme, der nur daher rührte, dass er froh war, nicht selbst die Unmengen an anfallender Arbeit erledigen zu müssen.
Frau Schmidt zog den Stöpsel aus dem Waschbecken und machte sich daran, Teller und Gläser abzutrocknen.
Nun übertreiben sie mal nicht. Ich mache doch nur meine Arbeit! Aber sagen sie, wie kommen sie voran?“
Scheinbar hatte der Graf nicht mit so einer Frage gerechnet. Wie vor den Kopf gestoßen fragte er: „Ich verstehe nicht ganz – meinen sie die Geschäfte?“
Unsinn. Haben sie es denn schon wieder vergessen? Sie haben ihre Familie eingeladen. Zumindest einen Teil davon, die, die sie noch erreichen konnten.“
Als Graf Maibusch sie noch immer verständnislos anschaute, fügte sie hinzu: „Zum Familientreffen!“
Familientreffen… Familientreffen…“ grübelte er vor sich hin, bis er sich mit dem Finger an die Schläfe tippte.
Natürlich! Du meine Güte, das habe ich vor lauter Geschäften ganz vergessen.“
Graf Maibusch stand von seinem Platz auf und ging durch die Tür ins Esszimmer nebenan. Dort führte der Weg ihn schnurstracks zum großen Schreibtisch, der von Papieren geradezu zugedeckt war. Nach kurzem Suchen hielt er triumphierend ein Blatt Papier in die Höhe und ging zurück in die Küche.
Hier, Frau Schmidt, sie haben recht. Große Güte, das soll schon übermorgen sein! Wie konnte ich das vergessen, ich werde doch wohl nicht alt?“
Alt konnte nicht das richtige Wort sein. Graf Maibusch betrachtete sich selbst mit 56 Jahren im besten Alter für das Grafendasein. Er legte immer sehr viel Wert auf seine Erscheinung und schaute bei dem Gedanken an sich herab. Im schwarzen Anzug und mit dem leicht ergrauten Haar bot er in der Tat eine würdige Erscheinung dar. Seine Gedanken wurden von Frau Schmidts Worten unterbrochen.
Übermorgen schon? Dann muss ich unbedingt Vorbereitungen treffen. Einkaufen und so weiter. Wie viele Leute haben sie eingeladen?“
Also, da wäre meine Nichte Maria“, antwortete der Graf, indem er seinen Blick über den Zettel schweifen ließ. „Sie wird erst übermorgen kommen. Meinen Erben habe ich eingeladen, Herrn Flip.“
Warum erbt denn nicht ihre Nichte?“
Das verstehen sie nicht. Flip hat mir früher, im Krieg das Leben gerettet, aber die Geschichte ist zu lang. Kommen wir zur Gästeliste zurück. Herr Fröhlich, mein Anwalt, kommt auch. Er kommt schon morgen, weil er wohl noch irgendeinen Fall erledigen muss.“
Warum laden sie ihren Anwalt zu einem Familientreffen ein?“ fragte Frau Schmidt völlig zu Recht. Die Antwort war jedoch sehr vage.
Ich habe einige Erbangelegenheiten zu regeln.“
Seltsam. Mir scheint es, als wären sie gar nicht so uneigennützig bei diesem Familientreffen.“
Ach, reden sie keinen Unsinn. Es geht mir wirklich darum, meine lieben Verwandten und Bekannten mal wieder zu sehen.“
Bei dem Wort „Bekannten“ sah Frau Schmidt von ihrer Arbeit auf.
Wird Frau Sauerlich kommen?“ fragte sie kurz angebunden.
Aber natürlich. Wir kennen uns seit Jahrzehnten und laden uns immer gegenseitig ein.“
Beleidigt legte Frau Schmidt das Handtuch weg und begann, das Geschirr an seinen Platz in den Schränken und Schubladen einzuräumen.
Sie wissen genau, dass ich diese Pute nicht leiden kann. Immer so aufgetakelt, unerträglich. Wirklich unerträglich!“ zischte sie und betonte jede Silbe einzeln.
Dafür hatte der Graf jedoch überhaupt kein Verständnis.
Dann stecken sie ihren Groll mal für einen Moment zurück. Es kommt noch meine Tante, die kennen sie vielleicht noch nicht. Seit ihrer Hochzeit ist sie die Komtess zu Bärenwald. Klingt hochtrabend, nicht? Dann wäre da noch mein Onkel mütterlicherseits. Ganz ohne Titel, ich weiß nicht einmal mehr seinen Vornamen. Mahler heißt er.“
Interessant. Ich arbeite seit zehn Jahren für sie und jetzt kommen sie mir mit Menschen, von denen ich noch nie ein Wort gehört habe.“
Nun, sie werden sie noch kennen lernen. Genauso wie meinen Bruder, Leonard Maibusch.“
Aber… hatten sie nicht zwei Brüder?“
Ja, sie meinen bestimmt Friedrich. Ich…“ Der Graf machte eine kleine Pause und räusperte sich. „Ich habe ihn leider nicht erreicht.“
Sind sie sich sicher?“ Frau Schmidt zweifelte an der Aussage des Grafen, der jedoch winkte ab.
Ach, auf jeden Fall.“
In Ordnung. Ich fasse zusammen: Maria, Flip, Sauerlich, Fröhlich, die Bärenwald, Mahler, Leonard. Das macht dann sieben Gäste.“
Genau. Und um eines muss ich sie bitten.“
Wenn ich ihnen helfen kann?“
Das können sie. Ich möchte, dass für die Zeit des Familientreffens Gut Trontstein wieder zu einem adligen Herrenhaus wird.“
Entrüstet setzte Frau Schmidt sich gegenüber dem Grafen auf die Bank.
Das können sie mir nicht auch noch zumuten. Haben sie sich mal ihren Garten und den Park hinten angesehen? Sie brauchen einen Gärtner!“
Frau Schmidt, ein Gärtner ist teuer!“
Na und? Sie haben es doch dicke. Sie haben von ihrem Vater geerbt. Und es ist ja nur für die paar Tage.“
Sie haben recht. Ich werde nachher mal die Stellenanzeigen durchgehen. Oh, und wo wir gerade dabei sind – hat sich jemand auf die Stelle für den Butler gemeldet?“
Zwar ist mir noch immer schleierhaft, weshalb sie einen Butler brauchen, aber ja, es hat sich jemand gemeldet. Ein gewisser James Clifford.“
Hört sich englisch an. Hat er seine Telefonnummer gegeben?“
Nein.“
Der Graf schüttelte den Kopf über diesen Leichtsinn. „Wie soll ich ihn dann erreichen?“
Ich habe alles arrangiert, er kommt um vier Uhr vorbei.“
Sie sollen nicht immer so selbständig handeln!“
Wieso? Wenn sie ein adliges Herrenhaus markieren wollen, dann brauchen sie einen Butler, und zwar schnell! Wo kämen wir denn da hin, wenn ich in meiner Zeit hier nicht ein wenig Eigeninitiative entwickelt hätte? Vor allen Dingen: Wo wären sie dann jetzt? Sie würden doch in ihrem Müll ersticken!“
Ist ja schon gut, sie haben alles ganz wunderbar geregelt. Ich werde jetzt erst mal einen Gärtner suchen.“
Tun sie das.“ Nachdem der Graf die Küche verlassen hatte, meinte Frau Schmidt noch zu sich selbst: „Das hat dieses Anwesen auch bitter nötig.“

Zur gleichen Zeit saß Fräulein Maria einige Kilometer entfernt mit ihrer Mutter am heimischen Küchentisch und diskutierte die Lage. Genauer gesagt schwärmte sie mit den Händen wild gestikulierend vor sich hin, während die Mutter sich merklich zurückhielt und ihren Kaffee trank.
Übermorgen… ich freu´ mich schon darauf, die Familie wiederzusehen. Willst du denn nicht mitkommen?“
Ihre Mutter antwortete gekränkt: „Nein, ich bin ja nicht eingeladen worden. Vielleicht bin ich deinem Onkel nicht fein genug, weil ich nur angeheiratet bin. Aber sag, kommt dein Großvater mit?“
Ja, er kommt mit.“
Maria schaute ihre Mutter erwartungsvoll an, deren Blick wanderte von der Kaffeetasse gelangweilt zur Wand und den Postkarten, die diese zierten.
Na, da hat dein Onkel sich ja ein exklusives Publikum ausgesucht. Ich dachte, es soll ein richtiges Familientreffen werden.“
Das wird es ja auch, nur halt auf Henrys Art und Weise.“
Ich gebe es auf. Wann willst du denn losfahren?“
Bei diesen Worten wurde Fräulein Maria wieder ganz unruhig und antwortete voller Vorfreude: „Ich habe gesagt, dass ich übermorgen ankomme. Ich überlege, ob ich ihn nicht überraschen und vielleicht schon heute kommen soll…“
Kind, ich rate dir, lass das lieber. Du weißt, wie empfindlich mein Schwager auf solche Überraschungen reagiert.“
Stimmt schon, er ist ziemlich pingelig, aber es wird Zeit, dass ich mal Schwung in die Bude bringe. Ich fahre morgen.“
Wenn du das wirklich so willst.“
Scheinbar hatte der Ton in der Stimme ihrer Mutter seine Wirkung nicht verfehlt, denn Maria wandte sich ihr wieder zu.
Wenn es dir so sehr auf dem Herzen liegt, fahre ich eben zum vereinbarten Termin. Aber sag mal, irgendwie bist du heute nicht gut drauf, kann das sein?“
Du merkst wirklich alles.“
Mit diesen ironischen Worten stand Grete Mahler mit ihrer Kaffeetasse auf und schüttete den Rest in den Ausguss. Die Tasse stellte sie in den Geschirrspüler. Langsam platzte ihrer Tochter der Kragen.
Dann sag mir doch endlich, was los ist!“
Es ist nur, dass dein Onkel mich nicht eingeladen hat. Das ist unerhört. Ich fühle mich alleingelassen. Damals schon, als dein Vater… Und nun will mich nicht einmal mehr dein Onkel berücksichtigen. Ich muss mich ablenken. Und du machst am besten, was du willst.“
So wie immer.“
Kopfschüttelnd verließ ihre Mutter die Küche, während Fräulein Maria auf einem Zettel systematisch eine Checkliste für ihre Abreise vorbereitete.

Die Sonne scheint an diesem Nachmittag, als ob sie dafür eine Extrazulage bekommt, dachte Franz Hansen und ließ die Jalousie seines Schlafzimmers ein Stück herunter. Kurz darauf klingelte das Telefon, das auf einem kleinen Beistelltisch neben seinem Bett stand.
Ich komme ja schon, ein alter Mann ist doch kein Schnellzug“, rief Herr Hansen, während er zum Apparat stolperte. Er nahm den Hörer ab.
Guten Tag, spreche ich mit Franz Hansen?“
Die Männerstimme am anderen Ende war durchaus nicht unsympathisch, dennoch hielt Herr Hansen es für angebracht, in etwas schroffen Tonfall nachzufragen.
Ja, aber mit wem spreche ich?“
Oh, wie unhöflich“, erwiderte die Stimme. „Graf Maibusch hier.“ Dieser Name ließ ihn einen Moment ins Leere starren. Graf Maibusch… „Ich rufe an wegen ihres Zeitungsinserates. Ich suche nämlich einen Gärtner für mein Landhaus. Zunächst nur vorübergehend, vielleicht danach als feste Anstellung.“ Herr Hansen sagte nichts. „Hallo, sind sie noch dran?“
Ja… ja, natürlich. Entschuldigen sie bitte. Ein Landhaus, sagten sie? Wo liegt es?“
Ein kleines Stück östlich von Berlin. Birkenstein. Wenn sie erst mal dort sind, ist es ausgeschildert, eigentlich gar nicht zu verpassen.“
Nachdem Herr Hansen seine Verwunderung überwunden hatte, wurde er nun geschäftstüchtig.
Das ist ja praktisch. Wenn es ihnen passt, würde ich noch heute vorbeikommen, mir das Grundstück ansehen und so weiter. Dann könnten wir auch über das Geschäftliche reden.“
Das ist durchaus machbar, allerdings habe ich erst ab fünf Uhr nachmittags Zeit. Ich hoffe, das macht ihnen nichts aus?“
Auf keinen Fall, ich muss ja auch erst einmal zu ihnen hinkommen. Die Fahrt wird auch ein kleines bisschen dauern. Ich werde gegen fünf bei ihnen vorbeischauen. In Birkenstein.“
Ja, es ist sogar eher noch am Stadtrand. Aber, was sag´ ich, sie werden es schon finden.“
Gut, bis dann. Auf Wiederhören!“
Dann hörte Graf Maibusch das Klicken in der Leitung. Herr Hansen hatte aufgelegt. Unauffällig hatte sich inzwischen Frau Schmidt wieder hinzugesellt.
Na, Herr Graf, wie geht ihre Suche voran?“
Bestens! Heute Abend habe ich vielleicht schon Butler und Gärtner. Sie übernehmen das Hausinnere. Dann ist eigentlich alles bereit und die Gäste können kommen.“
Frau Schmidt erhob die Hand, um den Grafen in seinem Eifer zu bremsen.
Wie sie schon gesagt haben, das ist noch ein Weilchen hin.“ Dann wechselte sie selbst zu einem geschäftigen Tonfall. „Dieser Flip, ihr Erbe, kommt schon morgen, und auch Herr Fröhlich. Der Rest wird dann übermorgen antanzen. Und wehe, sie stören mich bei meinen Vorbereitungen!“
Mit diesen gewichtigen Worten machte Frau Schmidt sich auf Richtung Küche. Schmunzelnd schaute der Graf ihr hinterher.
Wunderbar, Frau Schmidt, das nenne ich Arbeitseifer!“

Berlin Tiergarten. „Anwaltskanzlei Fröhlich“ stand an der Glastür des Büros mitten in der Hauptstadt geschrieben. Drinnen, in einer Art Vorzimmer, saß ein junges Mädchen mit unglaublich ausladender Frisur in einem bequemen Stuhl, die Beine über Kreuz auf den Schreibtisch geschwungen und kaute ein gelbes Kaugummi, das ihr pinkfarbenes, hautenges Kleid an Hässlichkeit kaum noch übertreffen konnte. Gelangweilt betrachtete sie ihre Fingernägel und schaute zwischendurch aus dem Fenster. Der Ausblick war nicht atemberaubend, aber es war immerhin besser, als vom Erdgeschoss aus direkt in der vorbeifließenden Verkehr zu schauen. Aus dem dritten Stock konnte man angenehm darüber hinwegsehen.
Ein Klopfen an der Tür ließ das Mädchen aufschauen. Noch bevor sie „Herein!“ rufen konnte, betrat eine pompöse Figur den Raum. Innerhalb von Sekunden waren die Gesichtszüge des Mädchens entglitten. Schnell nahm sie die Beine vom Schreibtisch herunter. Ehrfürchtig schaute sie die Person an und betätigte die Sprechanlage.
Herr Fröhlich, Frau Beul ist jetzt da.“
Der Angesprochene saß in seinem Büro und hatte noch einen offenbar schwierigen Gesprächspartner am Telefon. Entnervt bellte er in den Hörer: „Frau Holzing, jetzt machen sie bitte nicht mich dafür verantwortlich, dass ihr Sohn seine Hände nicht bei sich behalten kann! Wir sehen uns in zwei Wochen, dann werden wir den Fall genauestens besprechen. Und bis dahin machen sie bitte keine Zugeständnisse! Auf Wiederhören.“ Er warf den Hörer auf die Gabel.
Herr Fröhlich, Frau Beul wartet.“
Danke, Janine. Schicken sie sie herein.“
Herr Fröhlich war von der Erscheinung der Frau Beul bei weitem nicht so imponiert wie Janine, die Vorzimmerdame. Dabei stellte die hagere Dame einen Anwärter für ein Kuriositätenkabinett dar. Sie war hoch aufgeschossen und spindeldürr, trug sehr altmodische Kleidung und einen Hut mit breiter Filzkrampe. Anstatt einen Zwicker auf der Nase zu tragen, zog sie es vor, ihre Brillengläser, die an einem interessanten Gestell befestigt waren, selbst mit der linken Hand auf Augenhöhe zu halten. Dadurch erhielt ihr Gesicht, das auffällig an einen Habicht erinnerte, ein weiteres Detail, das perfekt ins Ensemble passte. Gemäßigten Schrittes betrat sie mit einem missbilligenden Blick das Büro des Anwalts.
Guten Tag, Frau Beul! Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen, ich habe glatt gedacht, mit ihnen ist mal alles in Ordnung. Wo drückt denn der Schuh?“
Frau Beul war der ironische Unterton in Herrn Fröhlichs Stimme nicht entgangen. Sie warf ihm zwar aus ihren Habichtsaugen einen verachtenden Blick zu, setzte jedoch schnell eine Leidensmiene auf und begann, von ihrem Unglück zu erzählen.
Ach, Herr Fröhlich! Wissen sie es denn noch nicht? Ich habe mich von meinem Mann scheiden lassen.“
Das sind ja Neuigkeiten! Warum haben sie sich denn getrennt?“
Wir haben gemerkt, dass unsere Interessen doch ein wenig zu weit auseinanderliegen.“
Herr Fröhlich schmunzelte und sah im Geiste vor sich das Ehepaar Beul. Sie eine hagere, große Habichtsdame, er ein kleiner, gemütlicher Waschbärmann. Sie spielte den Hausdrachen, er ging eher lockerer mit den Regeln um. Beinahe hätte Herr Fröhlich laut gelacht, was auch Frau Beul nicht entgangen war.
Heh, hören sie mir überhaupt zu? Wir haben uns also im Guten getrennt.“
Nun, da sie sich im Einvernehmen getrennt haben, sehe ich nicht ganz, wo das Problem liegt, Frau Beul.“
Es geht um das Sorgerecht für unsere Tochter Nadine. Jeder will sie ganz für sich haben, aber ich will nicht, dass er sie in die Finger bekommt. Seine Erziehung ist mir doch etwas zu unkonventionell. Ich bin eher für Strenge, denn ich will nicht, dass aus unserem kleinen Mädchen später vielleicht mal so jemand wird wie die in ihrem Vorzimmer.“
Der Schein trügt, Janine ist sehr effizient. Aber wir wollten nicht vom Thema abkommen. Da der Fall ernst ist, schlage ich vor, dass sie vor Gericht gehen.“
Glauben sie es oder nicht – das hat mein Ex-Mann bereits getan. Die Gerichtsverhandlung ist übermorgen und ich brauche sie unbedingt als meinen Anwalt.“
Das müsste möglich sein. Einen Moment!“ Herr Fröhlich öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und holte einen Terminplaner heraus. Er blätterte, bis er die entsprechende Seite gefunden hatte und blickte plötzlich wie versteinert darauf.
Ja, was ist denn?“ fragte Frau Beul besorgt.
Frau Beul, es tut mir sehr Leid, aber ich kann nicht. Ich bin in den nächsten drei Tagen ausgebucht. Eine wichtige Angelegenheit vor Ort.“
Und meine Tochter ist nicht wichtig, oder wie?“
Ganz die besorgte Mutter, dachte Herr Fröhlich.
Nun verstehen sie doch, Frau Beul! Dieser Auftrag ist wirklich sehr wichtig. Natürlich, ihre Angelegenheit ist auch ernst. Aber dieser Vor-Ort-Termin steht schon seit fast einem halben Jahr fest! Ich kann da nicht so einfach absagen. Außerdem steht der Ruf meines Klienten auf dem Spiel!“
Frau Beul kniff ihr Habichtsgesicht zusammen und blitzte Herrn Fröhlich an. Mit giftigem Ton begann sie zu wettern.
Gut, retten sie ruhig den Ruf ihres Klienten. Dann werde ich aber dafür sorgen, dass ihr Ruf in den Keller wandert. Sie glauben ja nicht, wie schnell so etwas geht, vor allem, wenn alle hören, dass sie eine Mutter in Not im Stich gelassen haben!“
Frau Beul, das können sie nicht tun!“ Herr Fröhlich wand sich in Qualen.
Und ob ich das kann. Auf Wiedersehen!“
Energisch stand Frau Beul auf und wandte sich zum Gehen. Dabei fegte sie zufällig-absichtlich eine gläserne Skulptur vom Schreibtisch des Anwalts. Gespielt mitleidig meinte sie: „Oh, wie konnte das nur passieren!“ Dann war sie verschwunden.
Wütend machte Herr Fröhlich daran, die Scherben vom Boden aufzusammeln.
Vielen Dank auch, Herr Graf. Wenn mich das meine Karriere kosten sollte, dann gnade ihnen Gott!“

Weitaus ruhiger ging es bei der Kaffeegesellschaft im Hause Sauerlich zu. Zusammen mit drei weiteren Frauen ihres Formates saß die Dame des Hauses am Wohnzimmertisch und blätterte in einer Modeillustrierten. Zwischendurch gab sie immer wieder ein verzücktes Seufzen von sich. Dann schaute sie sich ein Modell an, das ihr schon vorher ins Auge gefallen war. Kritisch wandte sie sich an die anderen.
Und ihr meint wirklich, dass mit diese Stola stehen würde?“
Die ehrenwerte Katherine von Schneider legte einen Arm um Frau Sauerlichs Schulter.
Aber natürlich, meine Liebe! Noch besser würde sie aber zu dem blauen Kleid passen, das du dir auf unserem Ausflug in Prag gekauft hast.“
Dieses lange Ballkleid?“
Genau! Das wäre der absolute Höhepunkt unter der ganzen Gesellschaft.“
Frau Sauerlich geriet ins Schwärmen. Sie malte sich aus, wie alle sie anstarren würden, wenn sie in diesem erhabenen Kleid mit der Stola auftreten würde. Es würde die Eleganz und Würde, die sie schon immer erstrebte, noch unterstreichen. Frau Sauerlich war 52 Jahre alt und zählte sich selbst allein deshalb zur gehobenen Gesellschaft. Natürlich achtete sie sehr auf ihren Umgang. Verzückt betrachtete sie die Ringe, die sie an den Fingern trug.
Unvermittelt schaltete sich Johanna Güldenburg wieder ins Gespräch ein.
Ich glaube, ich bin nicht ganz auf dem Laufenden. Welche Gesellschaft meint ihr? Und warum bin ich da nicht eingeladen?“
Süffisant nahm Frau Sauerlich einen Schluck Kaffee und erwiderte: „Weil es um eine persönliche Angelegenheit geht. Du erinnerst dich noch an meinen Freund? Henry Maibusch?“
Zuerst grübelte Frau Güldenburg, dann schien der Groschen gefallen zu sein.
Aber ja, dieser Graf! Du hast uns oft genug von ihm erzählt.“
Ich kann gar nicht oft genug von ihm erzählen“, meinte Frau Sauerlich. „Er ist einfach einzigartig. Übermorgen feiert er Familientreffen. Ich weiß gar nicht, warum. Er findet so etwas sonst immer ganz lästig. Aber bitte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er nicht mehr davon abzubringen.“ Sie legte die Illustrierte zur Seite.
Ganz nebenbei machte sich Frau Adelstein bemerkbar. Unschuldig fragte sie: „Familientreffen? Da wird bestimmt eine Menge los sein!“
Frau Sauerlich bemerkte den lauernden Ton in ihrer Stimme. Sie winkte ab.
Ich weiß gar nicht mal, ob wirklich so viele Gäste kommen. Sein Vater ist seit zwanzig Jahren verschollen, man glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass er noch lebt. Seine Mutter ist ebenfalls tot. Seine Brüder wird er wohl eingeladen haben. Aber wenn ich mich recht erinnere, konnte er einen von beiden überhaupt nicht leiden. Wir müssen aufpassen, dass es keinen Streit gibt, wenn sie sich begegnen.“
Die ehrenwerte Katherine von Schneider rümpfte die Nase.
Das sind aber noch nicht sehr viele Gäste.“
Meine liebe Katherine, ich sagte schon, dass ich nicht genau weiß, wer alles eingeladen ist. Ich muss mich überraschen lassen.“
Wenn es wirklich nur so wenige sind, würde es doch gar nicht stören, wenn wir auch kämen, oder?“ Wieder hatte die Stimme von Frau Adelstein diesen unschuldigen Unterton. Genüsslich biss sie in einen Keks.
Frau Sauerlich zeigte sich überrascht.
Das ist nicht dein Ernst, oder? Mir scheint es, als würdest du den Ernst dieser Angelegenheit nicht zu würdigen wissen. Das ist nicht eines unserer Kaffeekränzchen. Meinem Henry ist es wichtig, mal wieder wenigstens einen Teil der Familie vereint zu wissen.“
Um die gute Frau Adelstein zu schützen, übernahm Frau Güldenburg das Wort.
Das ist aber nicht nett von dir, Josephine. Du bist schließlich auch kein Teil seiner Familie, sondern nur eine Bekannte. Wir sind außerdem deine besten Freundinnen. Ich finde das nicht gerade fair.“
Johanna, anscheinend willst du mal wieder nicht verstehen.“ Zu ihrer Verteidigung gestikulierte Frau Sauerlich wild mit den Händen. „Du bist mir natürlich immer willkommen, aber bei der Feier übermorgen wärst du einfach fehl am Platze.“
Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, wenn sie auch etwas anders ausfiel, als Frau Sauerlich sich das erhofft hätte. Johanna Güldenburg setzt ihre Kaffeetasse ab und eine beleidigte Miene auf.
Ach. Wenn du mich brauchst, dann bin ich dir natürlich immer eine gute Freundin. Aber wenn du mal deinen Spaß haben willst, drehst du mir den Rücken zu. Dann bin ich fehl am Platze! Feine Freundin, so was, solche finde ich ja zuhauf im Supermarkt auf den Wühltischen!“ Mit diesen hitzigen Worten stand sie auf, warf ihren Mantel im und nahm die Handtasche mit. Im Nu war sie verschwunden. Frau Adelstein warf Frau Sauerlich einen bösen Blick zu.
Das war nicht sehr nett von dir. Ich werde die Arme wieder aufheitern müssen.“ Ebenso schnell hatte sie das Zimmer verlassen. Frau Sauerlich wollte sie aufhalten, doch die ehrenwerte Katherine von Schneider hielt sie zurück.
Nein. Dieses Mal hast du es dir mit uns verdorben. Du bist nicht mehr die alte Josephine Sauerlich, die wir mögen. Komm zu uns, wenn du wieder normal bist.“ Sie ließ eine betroffene Frau Sauerlich sitzen und schloss die Tür hinter sich.
Nein! Gerade jetzt dürft ihr mich nicht einfach alleine lassen! Wenn ihr nur wüsstet…“ Schnell schlug ihre Betroffenheit in Zorn um. Sie nahm das Halstuch, das über ihrer Lehne hing, an sich. „Ich hoffe, dass sich alles wieder einrenkt, sonst geht es dir an den Kragen!“ Wütend zerriss sie das Tuch.

Der Tag war schon weiter fortgeschritten, als Graf Maibusch sich in der Küche Gut Trontsteins erneut mit Frau Schmidt unterhielt.
Sie sind ja schon wieder beim Abwasch! Was gibt es denn so viel zu tun?“
Scheinbar haben sie vom Haushalt hier überhaupt keine Ahnung. Wissen sie, wie lange die guten Gläser und das Tafelsilber in den Regalen gestanden haben? Unbenutzt! Ich muss das alles unbedingt reinigen, bevor der Besuch kommt. Sie sollen schließlich keinen schlechten Eindruck hinterlassen.“
Vielen Dank, Frau Schmidt. Wo wir gerade beim guten Eindruck sind – dieser Clifford sollte jetzt bald kommen. Ich hasse unpünktliche Leute.“
Frau Schmidt versuchte, ihn zu beruhigen.
Regen sie sich nicht zu früh auf. Er wird kommen.“
Die Kuckucksuhr an der Wand schlug vier Mal. Bereits nach dem zweiten Ton klingelte es an der Tür.
Na, was sage ich?“ meinte Frau Schmidt überlegen und wandte sich dem Geschirr zu.
Okay, sie bleiben erst mal in der Küche.“ Graf Maibusch stand auf. Nach einem letzten Zupfen an seinem Anzug ging er zur großen Eingangstür und öffnete.
Vor der Tür stand ein hagerer Mann, der ungefähr so groß sein mochte wie der Graf. Er trug einen vornehmen schwarzen Anzug und weiße Handschuhe.
Ich wünsche einen angenehmen Nachmittag, Mylord“, sagte er mit einer unterwürfigen Stimme, die jedoch einen kaum erkennbaren zynischen Ton mitschwingen ließ. „Mein Name ist James Clifford. Ich habe mich auf ihre Anzeige bezüglich der Stelle des Butlers beworben. Zu meinen Referenzen werde ich nur sagen, dass ich von Ivan Chesterton ausgebildet wurde. Das sollte als Empfehlung genügen.“ Es klang unglaublich wichtig.
Der Graf zeigte sich auch prompt beeindruckt. Mit soviel Würde in der Vorstellung des Mannes hatte er nicht gerechnet.
Sie haben mich geradezu überrumpelt. Graf Maibusch“, sagte er und reichte seinem Gegenüber die Hand. „Ich muss zugeben, dass mir der Name Ivan Chesterton gar nichts sagt.“
Sie müssen ja nicht alles wissen. Doch was ich gerne wüsste: Werde ich hier fest angestellt oder muss ich um meine Arbeit bangen?“
Graf Maibusch überlegte. Er war sehr angetan von der Art und Weise, wie James ihm gegenübertrat.
Tja, das ist in der Tat eine Frage… ich habe ein Familientreffen in zwei Tagen. Daher benötige ich sie eigentlich nur für drei Tage. Aber wir werden mal sehen. Wenn sie mich als Butler überzeugen, sehe ich sie vielleicht auch in Zukunft hier auf Gut Trontstein.“
Sie werden mit mir zufrieden sein, Sir. Davon bin ich überzeugt.“ James verneigte sich leicht.
Dann möchte ich sie doch gleich mal mit meiner Hausfrau bekannt machen“, sagte der Graf und führte James in die Küche, in der Frau Schmidt schon erwartungsvoll stand. Den Abwasch hatte sie vorsichtshalber zur Seite geräumt. Es macht keinen guten Eindruck, wenn man gleichzeitig spült und sich dabei vorstellt, dachte sie.
Das ist Luise Schmidt, der dienstbare Geist des Hauses.“ Und zu Frau Schmidt gewandt: „Frau Schmidt, vor ihnen steht unser neuer Butler.“
Sie grüßten sich.
Nennen sie mich einfach James.“
Ah, endlich mal ein frischer Luftzug in diesem angestaubten Haus.“ Frau Schmidt schaute demonstrativ die Wände um sie herum an. „Dieses Anwesen ist einfach viel zu groß für zwei Leute allein. Vor allen Dingen für mich als Hausfrau. Gut, dass jetzt auch noch ein Butler zur Hand ist.“
Graf Maibusch räusperte sich und wandte sich an James.
Sie meint mit angestaubt gar nicht mal die Arbeit, die hier zu erledigen ist, nicht wahr Frau Schmidt?“
Wovon reden sie?“ Die Hausfrau schaute ihn unschuldig an.
Ach, sie wissen schon, was ich meine! Als meine Mutter noch lebte, waren die Sitten in diesem Haus ziemlich konservativ gehalten. Streng, aber gut. So bin ich erzogen worden. Und nachdem meine Mutter dann von uns ging, habe ich wenig getan, um diese Gewohnheiten abzuschütteln.“
Tja, sie sind halt eingestaubt. Insofern haben sie recht, wenn sie denken, ich hätte mich darauf bezogen“, warf Frau Schmidt dreist ein.
James sah verwirrt vom einen zum anderen.
Sie scheinen schon länger zusammenzuleben, oder? Sonst wären sie nicht so…“ Ihm fehlten die Worte.
Frech?“ Graf Maibusch half ihm. „Richtig, Frau Schmidt nimmt sich hier schon einiges raus, aber ich gehe immer einfach darüber weg.“
Nun, da sie beide schon so fabelhaft zusammenarbeiten, ist es wohl auch für mich einfacher, wenn ich die allzu förmliche Sprache ablege.“
Frau Schmidt stimmt James zu.
Tun sie das, ist besser für uns alle.“
Ich kann noch gar nicht glauben, dass alles so schnell ging“, meinte der Graf.
Warum denn nicht? Scheinbar gibt es hier keine Probleme. Doch zur Sache“, drängte James. „Sie sagten, sie hätten ein Familientreffen?“
Ja, übermorgen wird das Haus voll sein. Ich werde sie natürlich mit den Gästen bekannt machen.“
Ich denke, es ist noch wichtiger, dass ich die Räumlichkeiten dieses Hauses kenne.“
Als Frau Schmidt das hörte, stand sie von ihrem Stuhl auf und meinte: „Eigentlich ist es meine Aufgabe, sie herumzuführen, aber ich muss noch abwaschen.“ Sie war froh, wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können, ohne Gefahr zu laufen, von James mit abwertenden Blicken bedacht zu werden.
Graf Maibusch klopfte ihr auf die Schulter.
Das macht doch nichts, Frau Schmidt. Ich übernehme das. Wenn sie mir dann folgen wollen, James!“
Der Graf und der Butler verließen die Küche, während Frau Schmidt weitere Gläser spülte und dabei ihren eigenen Gedanken nachging.
Wenn sie mir dann folgen wollen, James!“ äffte sie ihren Arbeitgeber nach. „Ich komme mir vor wie in einem Museum. Alles voller Fossilien. Es wird wirklich Zeit, dass hier ein wenig Stimmung in die Bude kommt. Hoffentlich ist Fräulein Maria bald da“, seufzte sie.

Ich kann das alles noch gar nicht glauben“, sagte Herr Hansen zu sich selbst, während er in seiner Manteltasche nach dem Autoschlüssel suchte.
Graf Maibusch, das klingt ja wieder hochtrabend. Verflucht, wo ist dieser verflixte Schlüssel? Ah, hier.“ Nach langer Sucherei hielt er endlich einen Schlüsselbund in der Hand, an dem mindestens zehn verschiedene Schlüssel baumelten. Herr Hansen griff nach einem mit einem schwarzen Plastikanhänger und schloss die Tür seines Autos auf.
Eine feste Anstellung bei Graf Maibusch, das macht doch was her. Nach all den Jahren…“, meinte er verträumt. „Hoffentlich merkt es keiner. Wenn nur sie nicht da ist… Und er wohnt in Birkenstein, wie passend. Fast um die Ecke.“ Er atmete noch einmal tief durch und setzte sich in den Wagen. „Na, dann wollen wir mal!“ Und er drehte den Zündschlüssel.

Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als der Wagen von Herrn Hansen die lange Allee Gut Trontsteins entlang gefahren kam. Er bremste auf dem Kiesvorplatz. Herr Hansen stieg aus und schaute auf seine Armbanduhr.
Fünf Minuten vor fünf. Nicht schlecht, Franz!“ Damit ging er zum malerischen Eingang des Hauses und klingelte.
Eine Sekunde später hörte er aus dem Fenster links neben dem Eingang ein Klirren von Porzellan, dann ein lautes Fluchen. Kurz darauf öffnete Frau Schmidt ihm die Tür.
Ja?“ fragte sie barsch.
Guten Tag. Ich bin Franz Hansen. Ich bin der neue Gärtner, ich hatte einen Termin mit Graf Maibusch um fünf Uhr vereinbart.“
Unvermittelt wechselte Frau Schmidt in eine freundlichere Tonlage.
Ach, Herr Hansen! Der Graf hat mir von ihnen erzählt. Sie sind der Gärtner?“ Ein wenig Misstrauen klang in ihrer Frage mit, während sie den Mann vor sich musterte. Herr Hansen war viel älter, als sie erwartet hatte. Sie schätzte ihn auf über siebzig Jahre. Andererseits war er ihr gleich sympathisch wegen der Kleidung, die er trug. Endlich mal kein Anzug und so ein Schickimicki-Zeug, dachte sie.
Laut sagte Frau Schmidt: „Sind sie sicher, dass sie sich das zutrauen? Es gibt eine Menge zu tun.“ Herr Hansen wehrte ab.
Lassen sie sich nicht täuschen, ich mache das schon. Oder glauben sie etwa, ich sei zu alt?“
Und ob ich das glaube, meinte Frau Schmidt zu sich. Aber ich will ihm eine Chance geben.
Falls ich den Eindruck gemacht habe, entschuldigen sie bitte. Ich hatte nur befürchtet, dass sie sich vielleicht überfordert fühlen könnten. Andererseits ist ein Mann mit Erfahrung genau das, was hier gebraucht wird. Graf Maibusch ist momentan leider damit beschäftigt, unseren neuen Butler in die Räumlichkeiten unseres Guts einzuweisen. Aber wenn es sie nicht stört, kann ich ihnen schon mal die Gärten und den Park zeigen.“
Herr Hansen zeigte sich beeindruckt, als er von „den Gärten“ und dem „Park“ hörte. Er sagte zu Frau Schmidt: „Das ist mir durchaus recht. Aber, wer sind sie denn eigentlich?“
Frau Schmidt nahm erschrocken die Hand vor den Mund.
Habe ich das vergessen zu erwähnen? Wie unhöflich von mir, eine Entschuldigung ist angebracht.“ Ohne weiter darauf einzugehen verkündete sie mit majestätischer Stimme: „Mein Name ist Luise Schmidt, Hausfrau.“
Man hätte meinen können, eine Königin hätte sich vorgestellt. Nur der Begriff Hausfrau erschien in dem Zusammenhang etwas unangebracht, was Herrn Hansen zum Schmunzeln brachte.
Lachen sie nicht. Ich arbeite schon seit Langem auf Gut Trontstein.“
Aber der Butler und ich, wir sind erst kürzlich eingestellt worden?“
Frau Schmidt räusperte sich und meinte süffisant: „Noch sind sie nicht eingestellt. Aber ich habe verstanden, worum es geht. Ich weiß nicht, ob der Graf sie informiert hat oder mal wieder seine Pflichten hat schleifen lassen, aber in diesem Haus soll übermorgen ein Familientreffen stattfinden. Um vor seiner Familie wieder etwas darzustellen, möchte Graf Henry, dass wir diesem alten Kasten wieder einen adligen Glanz verleihen.“
Das kann ich verstehen. Typisch!“ sagte Herr Hansen lächelnd. Sofort blitzte Frau Schmidt ihn misstrauisch an.
Was meinen sie?“
Ach, ist es nicht immer so, dass man vor Bekannten als alter Graf einen möglichst hohen Status präsentieren möchte? Aber was rede ich, das gehört nicht zum Thema.“
Frau Schmidt meinte abfällig: „Herr Hansen, da muss ich ihnen zustimmen. Das gehört nicht hierher. Kommen sie, ich zeige ihnen zunächst den hinteren Garten.“
Gleich nachdem Frau Schmidt mit Herrn Hansen um die Ecke verschwunden war, kam Graf Maibusch mit James, dem Butler, die große Treppe in der Haupthalle hinunter.
Ich muss mich für den Lärm vorhin entschuldigen“, meinte der Graf. Dann rief er in die Halle: „Frau Schmidt? Frau Schmidt, waren sie das eben?“ Als er keine Antwort bekam, sprach er wieder zu James.
Jedenfalls kennen sie jetzt das meiste von Gut Trontstein. Hinten im Garten befindet sich noch ein Wintergarten. Aber den können sie sich anschauen, wenn sie sich hier eingerichtet haben. Sie bleiben doch, oder?“
Natürlich! Ich sehe keinen Grund, weshalb ich die Stelle abschlagen sollte. Ich bin sicher, dass wir gut auskommen werden.“
Der Graf lugte aus der Eingangstür um die Ecke und schaute sich dann noch mal in der Haupthalle um.
Selbstverständlich werden wir das. Ich sehe, sie haben noch kein Gepäck mitgebracht?“
Nein. Ich wollte mir erst mal die Voraussetzungen anschauen. Wenn es ihnen nichts ausmacht, werde ich morgen hier einziehen. Ich werde gegen Mittag kommen.“
Das ist in Ordnung“, meinte der Graf beiläufig, als er auf seine Uhr schaute. „Eigentlich sollte Herr Hansen, unser Gärtner, mittlerweile hier sein. Ich hasse es, wenn Leute zu spät kommen.“
Unterwürfig verbeugte James sich ein weiteres Mal.
Bevor es hier noch Ärger gibt, gehe ich dann besser. Auf mich können sie sich verlassen. Einen schönen Abend noch!“
Ihnen auch, James!“
James drehte sich um und verließ mit aufrechtem Gang das Haus. Bewundernd sah der Graf hinterher. Der hat bei dem Richtigen gelernt, meinte er froh. Gut, dass ich ihn habe.
Dann betraten Frau Schmidt und Herr Hansen, die ihrerseits den Rundgang beendet hatten, wieder das Haus. Beinahe stießen sie mit Graf Maibusch, der noch immer in der Eingangstür stand, zusammen. Frau Schmidt zeigte sich empört.
Da sind sie ja endlich, Graf Maibusch. Dies“, sie deutete auf den Mann an ihrer Seite, „dies ist Herr Hansen, unser neuer Gärtner. Wo waren sie denn die ganze Zeit?“
Ich habe den Butler herumgeführt. Aber was haben sie eigentlich gemacht? Der infernalische Krach aus der Küche war ja nicht zu überhören!“
Frau Schmidt wich aus. „Äh… die Türklingel hat mich so überrascht, dass mir eine der Schüsseln aus der Hand gefallen ist. Die muss ich noch wegräumen!“ Sie wollte gehen, doch der Graf hielt sie zurück.
Bleiben sie doch!“ Er reichte Herrn Hansen die Hand. „Guten Abend, Herr Hansen!“
Guten Abend! Ich hoffe, ich habe sie nicht in Verlegenheit gebracht?“
Während Frau Schmidt unruhig zappelte, blieb Graf Maibusch ganz ruhig.
Aber keineswegs!“
Dann bin ich froh. Ich habe mir bereits den hinteren Garten angeschaut. Der ist ja ziemlich vernachlässigt worden. Ich habe ordentlich zu tun, wenn ich bis übermorgen daraus ein Paradies machen soll!“ Der Graf war verwundert.
Ach, Frau Schmidt hat ihnen schon davon erzählt?“
Nur das Gröbste, nur das Gröbste“, meinte die Hausfrau beschwichtigend.
Jedenfalls mache ich ihnen ein Angebot: Ich nehme den Job und komme dann morgen Vormittag, gegen zehn Uhr, vorbei, damit ich möglichst früh anfangen kann. Da gibt es nur ein kleines Problem… die ganze Fahrerei hier her… sie verstehen schon.“
Aber natürlich“, beruhigte Graf Maibusch Herrn Hansen. „Machen sie sich keine Sorgen, sie wohnen solange hier.“
Herr Hansen strahlte über das runzlige Gesicht. „Das ist wunderbar. Dann kann es ja losgehen! Bis morgen Vormittag!“
Tschüs, Herr Hansen, bis morgen!“ Graf Maibusch gab ihm zum Abschied die Hand, Frau Schmidt winkte hinterher.
So, Frau Schmidt, und nun möchte ich sie noch etwas fragen.“ Die Stimme des Grafen war jetzt wieder ernst und sachlich. Frau Schmidt wurde gleich verunsichert.
Ja?“
Warum sind sie mir eben immer ausgewichen? Und was haben sie Herrn Hansen erzählt?“
Nichts!“
Warum haben sie sich denn eben so komisch aufgeführt?“
Frau Schmidt wand sich in Qualen. Zu gern wäre sie aus dieser Situation entflohen, aber sie musste mit der Wahrheit rauskommen.
Also… versprechen sie mir, nicht böse zu sein! Die Schüssel, die kaputtgegangen ist… die war eines der Andenken an ihre Mutter.“ Als würde sie geschlagen, hielt Frau Schmidt zur Abwehr die Arme vors Gesicht. Der Graf jedoch blieb erstaunlich ruhig. Es war lange her, dass er Frau Schmidt derart schuldbewusst gesehen hatte. Nur damals hin und wieder, als sie angefangen hatte. Aber das war nun schon zehn Jahre her und sie hatte sich immer als kompetent und effizient erwiesen.
Frau Schmidt, das ist nicht so schlimm. Wichtig ist jetzt in erster Linie das Familientreffen, alles andere sind Lappalien.“
Erleichtert atmete sie auf.
Oh, ich danke ihnen vielmals. Sie werden sehen, bis übermorgen erhält Gut Trontstein seinen ehrwürdigen Charakter zurück.“
























Kapitel 2

Das Krähen des Hahnes von Bauer Willems zwei Häuser weiter weckte die Bewohner des Gutes früh am nächsten Morgen. Schlaftrunken schaute Graf Maibusch auf den Wecker, der neben seinem Bett auf einem kleinen Nachttischchen stand. Er zeigte zehn Minuten nach Acht an. Der Graf fiel zurück ins große Doppelbett und drehte sich auf die andere Seite. Nur noch fünf Minuten, dachte er.
Frau Schmidt war da anderer Meinung. Sie betrat einen Augenblick später schwungvoll das Schlafzimmer, ging direkt zu den Fenstern und zog die Jalousien nach oben. Das Licht der frühen Sonne fiel direkt auf das Kopfkissen des Grafen.
Aufstehen, bester Graf! Die Arbeit ruft, sie können doch nicht ewig weiterschlafen.“
Graf Maibusch blinzelte. In seinem Zimmer war es jetzt taghell. Unmöglich, noch weiterzuschlafen.
Vielen Dank, Frau Schmidt“, sagte er missmutig, „aber sie hätten mich ruhig noch länger schlafen lassen können.“
Wo denken sie denn hin? Heute kommen die ersten Gäste, haben sie selbst gesagt! Da müssen sie doch wach sein.“ Empört wollte Frau Schmidt die Bettdecke zurückschlagen.
Frau Schmidt, nun reicht es aber!“ Der Graf hielt die Decke mit beiden Händen fest. „Ich denke, meine Freunde wollen einen wachen Grafen sehen, wenn sie kommen. Schauen sie mich doch nur an! Ich stecke noch halb im Schlaf.“
Ach was, da werden sie sich gleich schön kalt duschen, das weckt die Lebensgeister. Ich muss mit ihnen schließlich die Speisepläne durchgehen, damit ich dann einkaufen gehen kann.“
Nun seien sie nicht so kompliziert. Ich überlasse ihnen die ganze Speisekarte, sie wissen das sowieso immer alles am besten. Und die Zutaten und was weiß ich noch alles, das können wir uns auch bringen lassen. Oder sie bestellen einfach alles beim Partyservice.“ Er klang ziemlich entnervt.
Das Wort „Partyservice“ brachte Frau Schmidt auf die Palme. Sie fing an zu toben.
Müssen sie immer so mit ihrem Geld herumprotzen? Das ist nicht auszuhalten. Sie wagen es, mir vorzuschlagen, ich solle einen Partyservice anrufen? So weit kommt es noch. Ihre kleine Teegesellschaft werde ich schon alleine versorgen können. Und meine Zutaten kaufe ich immer noch selbst!“ Sie redete sich richtig in Rage. „Und was die Speisekarte angeht: Sie sind immer am Meckern, dass sie dies und das nicht mögen, dass sie allergisch gegen fast alles sind. Das ist zwar der größte Unsinn, den ich so höre, denn sie stellen sich einfach nur pingelig an. Aber um das zu vermeiden, werde ich in einer Stunde die Pläne mit ihnen durchsprechen. Und bis dahin sind sie fertig!“
Wutschnaubend stampfte Frau Schmidt aus dem Zimmer. Der Graf schüttelte den Kopf wie ein geprügelter Hund und machte sich auf den Weg ins Badezimmer.
Es war knapp neun Uhr, als Graf Maibusch im Anzug sein Zimmer verließ und sich in die Eingangshalle begab, um das Klingeln der Türglocke zu beantworten. Es hatte bereits mehrmals geklingelt, doch schien Frau Schmidt anderweitig beschäftigt zu sein. Der Graf öffnete die Haustür und sah einen jungen Mann, der an einer der Säulen lehnte, die das Vordach stützen.
Dieser junge Mann war eine auffällige Erscheinung. Er sah nicht viel älter aus als 30 Jahre, vielleicht waren es 35, aber in jedem Fall betonte die sportliche Kleidung das jugendliche Erscheinungsbild des Mannes. Er war braungebrannt und hatte schwarzes, kurzes Haar. Eine dunkle Sonnenbrille verdeckte den Blick auf seine Augen. Seine Schuhe waren ebenso schwarz wie seine Jeans; das einzig Bunte war das Hemd, das Graf Maibusch in grellen Tönen von Grün bis Gelb entgegenleuchtete. Der Graf zeigte sich überrascht.
Guten Morgen, Flip! Warum bist du denn schon hier? Ich hatte dich nicht so früh erwartet!“ Sein Gegenüber grinste.
Ach, die Frauen…“ Henry Maibusch musste nun auch schmunzeln. Tatsächlich war Herr Flip sehr attraktiv; auf die jungen Damen musste er wie ein junger Gott wirken. Lässig betrat Flip das Haus.
Mal ganz im Ernst – Als Leiter einer Versicherungsagentur muss man immer bereit sein. Du weißt genau, dass ich eine lange Anreise habe. Wenn ich später losgefahren wäre, wäre ich den ganzen Tag unterwegs gewesen, für meine Klienten unerreichbar. Nun habe ich zumindest mein Handy dabei.“
Aha. Hochinteressant.“ Die Stimme des Grafen klang alles andere als interessiert. „Komm, lass uns irgendwo hinsetzen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Wir müssen uns unterhalten“, meinte Graf Maibusch ernst und führte Herrn Flip mit sich zu einer Tür unter der großen Haupttreppe.
Das hört sich ja sehr wichtig an.“ Herr Flip folgte dem Grafen in einen großen Raum, der bunt eingerichtet war, mit Teddybär-Tapeten an den Wänden und viel Spielzeug auf dem Boden. Flip schaute sich missbilligend um.
Was soll das? Das hier ist ja ein Kinderzimmer?! Empfängst du deine Gäste nicht mehr in der Küche?“
Die Küche hat Frau Schmidt für sich beschlagnahmt. Erinnerst du dich noch an unsere Hausfrau?“
Herr Flip lachte.
Aber natürlich! Wer könnte Frau Schmidt und ihr Reich vergessen? Wenn sie die Küche reserviert hat, ist es purer Leichtsinn, diesen Raum zu betreten. Aber sag, wofür braucht sie die Küche?“
Morgen ist das Familientreffen. Sie meint, sie müsse ganz viel vorbereiten“, sagte der Graf und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Flip schüttelte den Kopf und meinte verständnisvoll: „Aber ihr hättet euch doch das Essen kommen lassen können. Das ist gar nicht so teuer und mitunter ziemlich gut.“
Das habe ich ihr auch gesagt. Sie hätte mich beinahe dafür gelyncht! Ich will sie ja nicht davon abhalten, wenn ich auch meine, dass sie ganz gewaltig übertreibt.“
Das hat sie halt so an sich“, meinte Herr Flip und setzte sich auf ein rotes Sofa mit bunten Mustern. „Erzähl, was gibt es Neues?“
Mit einem Seufzer ließ Graf Maibusch sich auf einen Sessel fallen.
Am Haus selbst eigentlich nichts. Das Personal habe ich ein wenig aufstocken müssen, das war unbedingt nötig.“
Vielleicht solltest du etwas konkreter werden?“ schlug Herr Flip vor.
Ich habe einen neuen Butler und einen neuen Gärtner. James und Herr Hansen.“
Welch interessante Art, die Leute anzusprechen. James und Herr Hansen. Hört sich an, als wären die beiden schon seit Jahren hier. Die werde ich später sicherlich kennen lernen. Warum hältst du eigentlich dieses Familientreffen ab? Du hast dich nie richtig für Familie interessiert, und jetzt gleich dieser Aufwand! Was ist hier los?“
Obwohl niemand im Zimmer und sonst nur Frau Schmidt im Haus war, drehte sich der Graf um und schaute nach beiden Seiten, als würde er belauscht. Dann beugte er sich vor und meinte geheimnisvoll: „Ich denke, dir kann ich es erzählen. Aber sag es bloß keinem weiter! Es geht um dein Erbe.“
Herr Flip lehnte sich zurück und schlug ein Bein übers andere.
Wieso um mein Erbe?“
Als unser Vater starb, hinterließ er meinen beiden Brüdern und mir ein Vermögen. Das Vermögen, das er sich ein Leben lang erarbeitet hatte. Es sollte gerecht geteilt werden, doch ich vermute, dass es da irgendeinen Betrug gegeben hat. Ich habe meinen Anwalt, Herrn Fröhlich, hinzugebeten. Er wird ebenfalls heute hier eintreffen. Morgen wird es dann vielleicht großartige Enthüllungen geben.“
Das ist ja interessant. Du misstraust deinen Brüdern derartig?“ fragte Herr Flip.
Graf Maibusch schaute aus dem Fenster in den hinteren Garten, der zu dieser frühen Stunde noch im Schatten der gewaltigen Villa lag.
Eigentlich nur Friedrich. Ich habe mich nie gut mit ihm vertragen. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass Leonard etwas damit zu tun haben könnte.“
Und das Familientreffen dient nur als Fassade für deine Nachforschungen? Das ist doch, entschuldige den Kommentar, ziemlich verrückt.“
Nein, ich freue mich auch darauf, meine Familie mal wiederzusehen. Ich werde ja noch mehr Gäste haben“, verteidigte der Graf sich.
Ist schon in Ordnung. Aber nun lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Wer kommt alles?“
Nun, du bist ja schon da. Herr Fröhlich kommt noch. Zusätzlich meine Freundin, die gute Josephine.“
Josephine?“
Natürlich. Josephine Sauerlich!“
Eine Freundin? Du hast mir nie von ihr erzählt!“
Kann gar nicht sein. Sie ist so eine gute Seele, ich freue mich wirklich auf ein Wiedersehen mit ihr.“ Der Graf zählte an den Fingern ab. „Dann kommt meine Tante, die Komtess zu Bärenwald, mein Onkel… wie war bloß noch der Name? Jo… Johannes? Nein! Joachim Mahler, genau! Dann mein Bruder Leonard…“
Und Friedrich natürlich.“
Nein! Auf keinen Fall!“
Du hast Friedrich nicht eingeladen?“
Nein, warum sollte ich? Wir haben uns nichts zu sagen.“
Wie willst du dann hinter die Sache mit dem Betrug kommen?“
Das werde ich schon machen, keine Sorge. Ja, und schließlich sind da noch der Butler und Herr Hansen. Und meine Nichte, Fräulein Maria. Die könnte dir gefallen, sie ist ganz bezaubernd“, meinte Graf Maibusch und zwinkerte Flip zu.
Der ließ sich nichts anmerken.
Und wann wird sie ankommen?“
Leider erst morgen. Aber das wird schon nicht so schlimm. Jetzt müssen wir erst einmal auf Herrn Fröhlich warten. Komm mit, ich zeige dir dein Zimmer. Ich kann mir denken, dass du nicht im Kinderzimmer schlafen möchtest, oder?“
Nein, da hast du wohl recht.“
Lachend verließen beide das Zimmer.

In der Küche waren mit unglaublicher Präzision silberne Löffel, Messer und Gabeln auf dem Tisch angeordnet. Sie alle warteten nur darauf, von James geputzt zu werden. Der Butler war im Begriff, die Silberpolitur zu holen, während Frau Schmidt auf der Bank saß und in der Tageszeitung, dem „Märkischen Anzeiger“ blätterte. Zwischendurch sah sie immer wieder mit lustiger Miene von ihrer Lektüre auf und beobachtete James, der auf der Suche nach der Politur langsam, aber sicher verzweifelte.
Ach, James, man merkt doch, dass sie gerade erst angefangen haben. Wenn sie auf der Suche nach etwas sind, warum fragen sie mich denn nicht einfach? Ich kenne mich hier bestens aus.“
James errötete.
Ach, Madam, das ist mir peinlich. Dass ausgerechnet ich sie damit belästigen muss…“
Ach, nun seien sie mal nicht so verkrampft“, meinte Frau Schmidt. Es war ihr unerklärlich, wie ein Mensch so verklemmt mit gesenktem Haupt durch die Küche laufen konnte.
Wie?“
Ganz, wie ich es sage: Verkrampft. Das nützt uns doch nichts, wenn sie hier den Duckmäuser spielen. Was haben sie denn gelernt bei ihrer Ausbildung? Aufrecht gehen, Würde zeigen! Gestern kamen sie mir noch viel vernünftiger vor.“
Ich dachte, weil ich mich doch erst hier einarbeiten muss, sollte ich vielleicht etwas defensiv arbeiten.“
Frau Schmidt legte empört die Zeitung zur Seite und stand auf.
Was ist denn das für ein Unsinn? Defensiv arbeiten? Sie haben hier keine Zeit, sich einzuarbeiten. Morgen geht es hier rund, also setzen sie bitte sofort ihr unerträglichstes Butlergesicht auf, das sie draufhaben. Wir beide müssen zusammenarbeiten, wenn der Laden hier laufen soll!“
Um ihren Willen zur Mitarbeit zu demonstrieren, ging Frau Schmidt raschen Schrittes in die Speisekammer, reichte mit der Hand auf ein sehr hohes Regal und fischte die Flasche mit der Silberpolitur hinunter. Sie ging wieder in die Küche und überreichte sie James, der noch immer etwas ratlos in der Küche stand.
Vielen Dank, Madam.“
Madam? James, es reicht. Ich heiße Frau Schmidt, klar? Sie werden bei ihrem Lehrer doch gesehen haben, wie man sich als Butler verhält, oder?“
Ja.“
Nun?“ meinte Frau Schmidt. Sie bohrte mit dem Zeigefinger in James´ Richtung. „Halten sie ihren Kopf hoch, die Nase noch höher. Sie müssen hier auf niemanden Rücksicht nehmen. Ein abfälliger Blick ist das mindeste.“
Danke, Frau Schmidt, ich habe verstanden. Ich weiß, wie ich zu arbeiten habe. Ich brauchte nur die Zustimmung, dass ich mein normales Verhalten an den Tag legen darf.“
Sie dürfen nicht nur, sie sollen sogar. Ich hoffe, das Thema wäre damit erledigt.“
Natürlich, Frau Schmidt.“ James setzte ein hochnäsiges Gesicht auf. „Danke für die Politur. Ich werde noch einen Staubwedel holen, um die Regale zu säubern. Gäste mögen es nicht, wenn es Staub regnet.“
Frau Schmidt lachte. „Ganz bestimmt nicht! Den Staubwedel finden sie auch in der Speisekammer, der hängt neben dem Sicherungskasten an einem Nagel.“
Mit dem Gerät in der Hand kam James wieder in die Küche. Frau Schmidt hatte sich inzwischen wieder auf die Bank gesetzt und schaute nach draußen. Langsam machte die Morgensonne ihre Runde. Das Licht blendete nicht mehr in die Küche.
Ach, das Wetter ist einfach wunderbar!“
Und das schon so früh am Morgen“, ergänzte James. „Es wird bestimmt wieder ein schöner Tag und mit etwas Glück bleibt es morgen genauso.“
Wo sie gerade von früh am Morgen sprechen – warum sind sie eigentlich schon hier?“
Das fragen sie mich jetzt, wo ich bereits mitten in meiner Arbeit stecke? Frau Schmidt, morgen ist die Feier und es gibt hier noch eine Menge zu tun. Vielleicht ist ihnen das noch nicht ganz bewusst? Je früher ich hier bin, desto besser.“
Ich hoffe, sie wollen mir nicht vorwerfen, dass ich schlechte Arbeit leiste?“ fragte Frau Schmidt misstrauisch. Mit undefinierbarem Unterton antwortete der Butler: „Das käme mir nie in den Sinn.“
Die Türglocke hinderte Frau Schmidt daran, weiter nachzufragen. James machte sich auf den Weg zur Haustür. „Einen Moment, wir haben Besuch.“
Als Frau Schmidt allein war, ließ sie den Blick über den Tisch schweifen, über das Geschirr, die Politur und den Staubwedel.
Na endlich, ganz der Butler. Er scheint nicht unfähig zu sein, also wollen wir ihm mal eine Chance geben. Aber den Staubwedel hätte er wegräumen können. Das Silber muss zuerst poliert werden. Wenn der hier herumliegt, das macht keinen guten Eindruck.“
Die Hausfrau nahm den Staubwedel und ging in die Speisekammer, um ihn zurückzuhängen. Dabei fiel ihr Blick nach oben auf den Sicherungskasten und den Gegenstand, der darauf lag. Es war eine große Rohrzange, die normalerweise ihr Dasein im Schuppen draußen fristete.
Mein Gott, das ist ja lebensgefährlich! Das Ding könnte runterfallen, und warum liegt es überhaupt dort?“ Sie reichte nach oben und nahm das Werkzeug vorsichtig vom Sicherungskasten herunter. In dem Moment vernahm sie eine Stimme hinter ihrem Rücken.
Frau Schmidt, was machen sie denn da?“
Unverkennbar James. Als ihr bewusst wurde, dass es nicht allzu alltäglich war, dass die Hausfrau eine Rohrzange in der Speisekammer versteckt – und den Anschein musste die Szene haben – versteckte sie das unhandliche Ding hinter ihrem Rücken, bevor sie sich umdrehte und scheinheilig lächelte.
Ach, gar nichts! Ich habe mich nur umgeschaut.“
James schien kein Interesse daran zu finden, dass Frau Schmidt vielleicht gerade Böses im Schilde führte.
Wie dem auch sei, Herr Hansen ist da. Kommen sie in die Küche, dann können sie ein wenig plaudern.“
Aber selbstverständlich“, sagte Frau Schmidt erleichtert. Nachdem James sich umgedreht und den Raum verlassen hatte, legte sie die Rohrzange in die Kiste zu den Kartoffeln. Dann ging sie in die Küche, um den neuen gast zu begrüßen. Herr Hansen hatte sich auf die Bank gesetzt, wo Frau Schmidt zuvor noch gesessen hatte.
Guten Morgen, Frau Schmidt!“
Herr Hansen! Sie sind ja auch so früh.“ Frau Schmidt setzte sich gegenüber Herrn Hansen auf einen Stuhl und betrachtete missbilligend die dreckigen Schuhe, die der Gärtner trug. Sie rümpfte die Nase.
Ich habe doch gesagt, dass ich früh herkommen muss. Der Garten ist das reinste Schlachtfeld. Ich muss dort etwas tun.“
Da haben sie allerdings recht.“ Die Hausfrau musterte Herrn Hansen von oben bis unten. Was für ein lustiges, altes Menschlein, dachte sie bei sich. Dann fiel ihr Blick auf das große Messer, das im Burt seiner Arbeitshose steckte.
Herr Hansen war Frau Schmidts bleiches Gesicht nicht entgangen.
Was haben sie denn? Ist ihnen nicht gut?“
Frau Schmidt deutete auf die blitzende Klinge.
Was haben sie denn mit dem Messer da vor?“
Aber Frau Schmidt“, sagte Herr Hansen lachend, „ich arbeite damit! Blumen und Stöcke schneiden und so weiter. Nun stellen sie sich mal nicht so an. Oder glauben sie etwa, ich hätte vor, die ganze Gesellschaft unter die Erde zu bringen?“ Scherzend nahm er das Messer aus dem Gurt und tat so, als würde er Frau Schmidt erstechen.
Diese schüttelte den Kopf und lachte.
Nein, ist schon in Ordnung. Mir kommen nur plötzlich so viele Waffen über den Weg, ich glaube, ich werde noch wahnsinnig.“
Lassen sie das mal schön bleiben, es gibt doch keinen Grund dazu.“
Nein, sie haben recht.“ Frau Schmidts Stimme wurde geschäftig. „Also, wenn sie Blumen, kleine Ableger oder Sträucher oder was auch immer brauchen: Das bekommen sie alles in Sievers´ Gärtnerei. Da fahren sie nach Birkenstein rein, Richtung S-Bahn und direkt vor dem Bahnhof links ab. Dann können sie´s nicht mehr übersehen. Setzen sie alle Unkosten auf die Rechnung das Grafen. Und nun an die Arbeit, ich sehe es nicht gerne, wenn das Personal auf der faulen Haut liegt.“ Demonstrativ nahm Frau Schmidt das Tuch, das James vorher liegen gelassen hatte, und polierte das Geschirr weiter.
Aye aye, Frau Schmidt! Ich fahre dann erst mal in die Stadt!“
Sprach´s und war verschwunden.

Das Telefon klingelte. Am schmalen Ende des Salons, der sich in der südwestlichen Ecke des Anwesens befand und damit einen wunderbaren Blick auf den Garten bot, befand sich ein Schreibtisch, auf dem der Apparat stand. Graf Maibusch nahm den Hörer ab. Er war derart in seine Vorbereitungen vertieft, dass er nicht bemerkte, wie James durch die geöffnete Flurtür schaute. Der Butler war jedoch diskret genug, um wieder im Korridor zu verschwinden. Dennoch konnte er einige Gesprächsfetzen nicht überhören.
Hallo, hier Maibusch. …Ah, Leonard! Schön, mal wieder von dir zu hören… Ja, immer noch gesund… Nein, wieso? …Morgen … Was, du kannst nicht kommen?“ Der Graf klang höchst erschrocken. „Wie bitte? Deine Frau ist im Krankenhaus?... Aha. …Ja. …Aber es geht ihr schon ein wenig besser? …Das ist gut zu hören. …Aber das braucht dir doch nicht leid zu tun! Wäre es denn nicht möglich, das Treffen auf überübermorgen, also um zwei Tage zu verschieben? …Nein, von mir aus kein Problem. …Na also. Dann wäre doch alles geregelt. Wir verschieben das Familientreffen um zwei Tage. Mach du dir keine Sorgen darum, ich sage den anderen Bescheid. …Ja, kümmere dich erst mal um deine Frau. Wir sehen uns dann! …Bis bald!“
Graf Maibusch legte den Hörer auf die Gabel und atmete tief durch. James betrat das Zimmer und ging auf den Grafen zu.
Ich glaube, der Zufall hat es so gewollt, dass ich noch den Rest ihres Gespräches mitbekommen habe, Mylord. Soll ich ihre Verwandtschaft verständigen?“
James!“ meinte der Angesprochene erschrocken. „Was machen sie hinter meinem Rücken? Haben sie mich etwa belauscht?“
Sie beleidigen mich. Lauschen ist unter meiner Würde. Ich habe die Vasen im Flur abgestaubt. Ich denke mal, das sind alles Erbstücke. Jedenfalls lässt die dicke Staubschicht darauf schließen. Frau Schmidt scheint sich nicht so sehr darum zu kümmern.“
Frau Schmidt kümmert sich schon um alles Nötige; bleiben sie bei ihren Aufgaben.“
Aber natürlich. Jedenfalls waren sie im Flur nicht zu überhören, da zumal die Tür noch offen stand.“
Meinetwegen kann es die ganze Belegschaft erfahren. Die Feier wird verschoben, um zwei Tage.“ Graf Maibusch suchte zwischen den Unterlagen einen Zettel hervor. Es war die Liste der Besucher, die er am Vortag schon Frau Schmidt gezeigt hatte.
Ich habe hier die Liste aller Teilnehmer. Einen Moment“, meinte er und markierte einige Namen mit einem Bleistift. „Ein paar sind ja schon hier. Jene, die ich mit einem Kreuz versehen habe, müssten sie anrufen und ihnen die Nachricht mitteilen. Die bereits hier Anwesenden können es auch nachher erfahren, wenn sie sowieso schon hier sind. Wir haben reichlich Zimmer frei. Bringen sie sie einfach irgendwo unter.“
Natürlich. Ich fange am besten mit den Anrufen an.“
Es klingelte an der Haustür. Graf Maibusch stand auf und meinte zum Butler: „Ich werde zur Tür gehen, dann haben sie hier ihre Ruhe.“
Ich danke ihnen“, antwortete James und setzte sich an den Schreibtisch.
Der Graf ging aus dem Salon, den Korridor hinunter in die Empfangshalle und zur Haustür, wo der Besucher ungeduldig ein weiteres Mal klingelte.
Ich komme schon!“ rief der Graf und öffnete kurz darauf die Tür.
Draußen stand eine Dame mittleren Alters mit langem, feuerroten Haar und einem kleinen Muttermal auf ihrer rechten Wange. Das Rot hob sich deutlich von der ansonsten dezenten Erscheinung ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und um ihren Arm eine dunkelblaue Handtasche. Graf Maibusch setzte sofort ein freundliches Lächeln auf und machte eine einladende Geste.
Hallo Konstanze! Welcher Weg führt sie denn hierher?“
Ich bin immerhin ihre Nachbarin“, meinte Konstanze Braunfeld verlegen. Sie hatte eine ruhige, tiefe Stimme. Mit der roten Frisur versuchte sie offenbar, ihre Schüchternheit zu übertünchen. Die Haare sind gefärbt, dachte Graf Maibusch, ließ sich aber nichts anmerken.
Natürlich, natürlich. Es ist ja kein Verbrechen, wenn sie mich mal besuchen. Aber wir sollten besser in den Wintergarten gehen. Der Salon ist gerade besetzt. Kommen sie!“
Beide gingen durch die Empfangshalle unter der Treppe hindurch ins Kinderzimmer.
Hier war ich ja noch nie“, meinte Frau Braunfeld.
Hier ist das Kinderzimmer. Es ist die beste Abkürzung, wenn man in den Wintergarten will. Hier, durch die Schiebetür kommen wir in den Garten.“ Der Graf öffnete das Große Fenster und die Tür. Beide verließen das Haus und gingen in den Garten. Ein Weg führte direkt in einen kleinen Pavillon mit einem Brunnen. Hier teilte sich der Weg.
Herr Maibusch, warum haben sie mir nie den Garten gezeigt? Er ist wunderschön!“
Der Graf räusperte sich vernehmlich.
Wunderschön? Meiner Meinung nach braucht er dringend einen Gärtner. Aber man kann vieles daraus machen. Sehen sie: Hier ist der Mittelpunkt das Gartens. Wenn man nach rechts geht, kommt man in den Park. Geradeaus geht es weiter zum Wintergarten und nach links kommt man vom Anwesen aus über einen langen Weg zum Birkensee. Ein sehr beliebtes Erholungsgebiet, wenn Birkenstein auch nicht mehr das ist, was es einmal war.“
Konstanze Braunfeld lächelte milde.
Das müssen sie mir nicht erzählen. Dieser Weg führt auch hinter meinem Haus vorbei. Ich bin ja selbst gerne am See. Ich mag es eher, wenn nicht so viel los ist. Das ist idyllischer. Deswegen war ich ja auch so empört, als der Stadtrat beschlossen hat, die S-Bahn hierzubehalten.“
Aber Konstanze, die Bahnanbindung ist doch furchtbar praktisch. So kommt man schnell nach Berlin oder weiter hinaus, außerdem würde unsere Stadt doch bald aussterben, wenn es nicht die Touristen gäbe.“
Sie haben ja Recht, lassen wir das Thema beiseite. Wissen sie was, ich finde es hier im Pavillon so schön, da können wir auch gleich hierbleiben.“
Natürlich! Den Wintergarten kann ich ihnen auch ein anderes Mal zeigen. Setzen sie sich doch!“ Der Graf wies auf eine der vier Bänke, die um den Brunnen herum aufgestellt waren. Die Klematis, die das ganze Bauwerk bedeckte, spendete etwas Schutz vor der heißen Sonne. Frau Braunfeld setzte sich auf eine Bank, der Graf daneben.
Während Frau Braunfeld den Blick auf das Anwesen genoss, sagte sie beiläufig: „Es ist seit gestern Nachmittag recht viel bei ihnen los… ich wollte nur fragen, ob alles in Ordnung ist. Und warum können wir eigentlich nicht in den Salon? Sie sagten, der ist besetzt?“
Das sind nur meine Angestellten. Ich habe das Personal erweitern müssen“, meinte Graf Maibusch nicht ohne Stolz, „weil ich in drei Tagen Familientreffen feiere.“
Frau Braunfeld konnte die Begeisterung des Grafen nicht recht teilen. Sie machte einen bedrückten Eindruck, bemühte sich aber, dennoch fröhlich zu wirken.
Das ist aber schön! So etwas würde ich wohl nicht mehr übers Herz bringen.“
Jetzt bemerkte der Graf erst, dass er in ein Fettnäpfchen getreten war. Er entsinnte sich der Vergangenheit seiner Nachbarin. Einfühlsam sagte er: „Wie taktlos von mir. Es tut mir so leid! Wie konnte ich nur das mit ihrer Familie vergessen!“
Trösten sie sich, vielleicht gilt es als Entschuldigung, dass die verhängnisvolle Reise mittlerweile zwei Jahre her ist.“
Nein, das entschuldigt längst nicht mein Verhalten. Wenn ich das aber richtig beobachtet habe, seit ihr Mann und ihre Kinder damals…“ Er rang mit den Worten. „Seit das damals passiert ist, sind sie ja kaum mehr unter Leute gekommen. Vielleicht haben sie Lust, zum Familientreffen zu erscheinen? Sie brauchen auch nicht extra einen Aufwand darum machen. Kommen sie einfach!“ Aufmunternd legte er den Arm um ihre Schulter. Sie streifte ihn jedoch ab.
Nein, das könnte als sehr unhöflich aufgefasst werden. Ich habe bei ihrem Familientreffen nichts zu suchen.“
Nun gehen sie mal nicht so hart mit sich ins Gericht. Sie brauchen eine Aufmunterung. In drei Tagen ist es so weit; ich möchte sie dann hier sehen!“
Ach, Henry, sie waren schon immer so zuvorkommend. Ich weiß gar nicht, wie ich ihnen danken soll!“
Graf Maibusch wiegelte ab.
Das lassen sie mal. Ich freue mich auf ihre Anwesenheit, da ist es Dank genug, wenn sie kommen.“
Dankbar blickte Konstanze Braunfeld Graf Maibusch aus dunklen Augen an.
So soll es sein. Ich werde kommen.“
Der Graf klopfte ihr auf die Schulter und stand auf. Er reichte ihr die Hand.
Es wird alles ganz wunderbar werden und nichts wird sie mehr an das Unglück erinnern.“ Die beiden verabschiedeten sich und Frau Braunfeld ging den direkten Weg zu ihrem Grundstück hinunter. Graf Maibusch ging zurück zur Villa.

Es schien niemand in der Nähe zu sein; dennoch schloss Frau Schmidt das Badezimmer im oberen Stockwerk des Hauses ab, um in Ruhe mit ihrem Gast reden zu können. Herr Fröhlich, der Anwalt, lehnte sich gegen die Wand und blickte Frau Schmidt neugierig an.
Als Frau Schmidt zugeschlossen hatte, giftete sie ihn an: „Wie konnten sie nur hier her kommen!“
Frau Schmidt“, entgegnete Herr Fröhlich, „das musste sein. Als Anwalt von Graf Maibusch ist es meine Pflicht, hier zu erscheinen, wenn er rechtliche Unterstützung braucht.“
Rechtliche Unterstützung, wenn ich das schon höre!“ höhnte die Hausfrau. „Gehört Bestechung etwa auch dazu?“
Um Himmels Willen, seien sie ruhig. Es könnte uns jemand hören.“
Frau Schmidt nahm ein Handtuch und wischte das Waschbecken aus.
Na und? Warum eigentlich nicht? Wir stecken beide tief genug in der Sache drin. Warum sollte ich sie nicht gleich mit in das Verderben ziehen, das sie mir hier bereiten?“
Sie scheinen da etwas missverstanden zu haben.“
Frau Schmidt rastete aus.
Missverstanden?“ rief sie und warf das Handtuch mit Schwung in die Ecke. „Sie haben sich schamlos am Konto des Grafen bedient! Da gibt es keine Missverständnisse! Gerade nachdem er geerbt hatte. Und sie haben seinen Schmerz, als er seinen Vater verloren hatte, nur so ausgenutzt.“
Ja, aber spielen sie nicht den Unschuldengel. Sie haben es zwar herausgefunden, doch haben sie auch versprochen, Stillschweigen zu bewahren. Gegen eine gewisse Summe natürlich“, fügte er grinsend hinzu. „Und das nennen sie ehrlich?“
Frau Schmidt starrte den Anwalt an. Dreist lehnte er da an der Wand, zurechtgemacht wie ein Zuhälter. Jedenfalls schien es ihr so. Einen dunkelgrünen Pullover hatte er locker um die Schultern gelegt, sein helles Polohemd darunter rundete den Gesamteindruck ab. Sie musste sich zusammenreißen.
Okay, wir haben uns beide schändlich verhalten. Lassen wir das jetzt!“
Von mir aus, aber es gibt da kleine Problemchen.“
Frau Schmidt wurde misstrauisch.
Problemchen? Was meinen sie?“
Was glauben sie eigentlich, warum der Graf dieses Familientreffen inszeniert hat?“
Vielleicht, weil er seine Familie mal wieder sehen will?“ Frau Schmidt schüttelte den Kopf über so wenig Verstand.
Davon kann gar keine Rede sein. Er vermutet, dass sein Bruder – sie wissen schon, Friedrich… jedenfalls befürchtet er, dass Friedrich einen zu großen Teil des Erbes für sich beschlagnahmt hat. Und um das herauszufinden, will er die gesamte Familie ein bisschen aushorchen.“
Die ganze Familie?“ Frau Schmidt schien unsicher. „Aber nicht seinen Bruder Friedrich. Er hat ihn leider nicht erreicht.“ Herr Fröhlich dachte aufgrund dieser Neuigkeit kurz nach, bevor er antwortete.
Nicht erreicht… nicht erreicht. Also das ist seine Ausrede… er hat ihn nicht einladen wollen. Er mag ihn nämlich nicht besonders“, erklärte er.
Das ist ja interessant.“
Wie dem auch sei“, fuhr der Anwalt fort, „jedenfalls habe ich jetzt seinen Bruder verständigt, Friedrich. Er wird auch kommen.“
Was!“ Frau Schmidt schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „So blöd kann man doch gar nicht sein! Jetzt kann man nur noch hoffen, dass nichts passiert.“
Nennen sie mich nie wieder blöd!“ fuhr Herr Fröhlich sie an.
Wie dumm, und das alles haben wir angezettelt. Vielleicht sollten wir es dem Grafen sagen, damit alles ein Ende hat?“
Sind sie noch zu retten?“ Eindringlich ermahnte er Frau Schmidt: „Wir könnten in den Knast kommen. Glauben sie mir, dazu habe ich keine Lust.“ Mit diesen Worten holte Herr Fröhlich eine Pistole scheinbar aus dem Nichts hervor. Frau Schmidt hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder sie schweigen, oder sie bringen den Grafen zum Schweigen. Aber wenn sie reden, dann kann die Situation für sie sehr ungemütlich werden“, sagte er drohend, drückte Frau Schmidt die Pistole in die Hand und schloss die Tür des Badezimmers auf. „Überlegen sie sich ihre Entscheidung gut!“ Damit verließ er das Badezimmer und ließ eine sehr verwirrte Hausfrau zurück.

Alle Anwesenden des Hauses hatten sich im Salon versammelt. Es war am frühen Abend und die untergehende Sonne schien vom Garten her durch die großen Fenster. Der Einfachheit halber hatte James Kekse und Gebäck angedeckt und servierte Tee. Die Gruppe schien offensichtlich noch nicht sehr aufgetaut zu sein. Jeder hatte eines der Möbel um den großen Tisch in Beschlag genommen. Es schien, als versuchten alle, möglichst weit weg voneinander zu sitzen. Nur Frau Schmidt und Graf Maibusch saßen zusammen auf einem Sofa. Der Graf ergriff das Wort.
Es wird langsam Abend… bevor der Tag zu ende geht, sollte ich vielleicht doch noch etwas bekannt geben.“
Frau Schmidt starrte ihn erstaunt von der Seite an.
Wovon sprechen sie? Wenn es darum geht, dass ich kein Abendessen gemacht habe… Also, sie wissen genau, dass ich momentan eine ganze Menge anderer Sachen habe. James, ich hätte auch gern eine Tasse Tee!“ rief sie vorwurfsvoll in Richtung der Tür, durch die der Butler verschwunden war.
Ach was, Abendessen. Unsere Gäste können sich heute auch gut selbst versorgen“, sagte der Graf und warf einen Blick in die illustre Runde. „Morgen sollte ja wie geplant das Familientreffen stattfinden, doch es gibt leider ein paar Umstände, die uns dazu zwingen, das Treffen um zwei Tage zu verschieben. Ich hoffe, ich finde euer Verständnis.“
Im allgemeinen Schweigen, das darauf folgte, nutzte James die Gelegenheit, um Frau Schmidt ihren bestellten Tee zu reichen, und setzte sich dann auf einen Stuhl. Ihm Gegenüber saß der junge Sunnyboy, Flip, der die unangenehme Pause zögerlich durchbrach.
Hmmm… ist das dein Ernst? Ich meine, müssen wir wirklich noch so lange warten?“
Es tut mir ja leid, aber es lässt sich nun mal nicht ändern. Meine Schwägerin liegt im Krankenhaus und mein Bruder musste schnell zu ihr, und was wäre ein Familientreffen, wenn nicht einmal mein Bruder da wäre, oder? Außerdem, zwei Tage sind ja nicht die Welt und James hat bereits alle benachrichtigt, also gibt es keine Diskussion.“ Entschlossen nahm Graf Maibusch einen Schluck und musterte die Runde. Die Aussicht auf zwei weitere Tage schien keinen wirklich zu erheitern, dennoch versuchten alle, eine nette Miene aufzusetzen.
James beobachtete ebenfalls die Anwesenden. Verständnisvoll meinte er: „Nun seien sie nicht so missmutig! Es gibt hier viele Möglichkeiten, die Zeit zu verbringen. Sie alle könnten sich miteinander bekannt machen. Wenn sie nichts zu tun haben, können sie in die Stadt fahren. Oder sie unternehmen einfach mal einen Spaziergang durch den Garten oder den Park.“ Dann wandte er sich an Graf Maibusch. „Allerdings muss ich sie korrigieren. Ich habe alle bis auf ihre Nichte und ihre Freundin, Frau Sauerlich, erreicht. Ich werde es nachher noch einmal versuchen. Ansonsten stellen sie sich bitte darauf ein, dass die beiden schon morgen kommen.“
Das wäre doch gar nicht so schlimm“, warf Flip ein und streckte sich auf der Chaiselongue aus. Sein Gesicht hatte sich aufgehellt. „Dann hätte ich etwas Zeit, mir deine Nichte mal anzusehen“, meinte er zum Grafen. Frau Schmidt blickte ihn scharf an.
Herr Flip! Höre ich da etwa ein gewisses Interesse aus ihrer Stimme?“
Nun ja…“
Seien sie doch nicht so direkt, Frau Schmidt“, fuhr der Graf sie von der Seite an.
Jaja, schon klar“, schnarrte diese zurück. James, der die Szene beobachtete, musste schmunzeln. Der Graf und seine Hausfrau, die waren schon ein verrücktes Paar.
Herr Hansen, der sich bisher merklich zurückgehalten hatte und nur ein paar Male an der Tasse mit dem heißen Tee genippt hatte, meldete sich zu Wort.
Das heißt dann, dass ich noch etwas länger hier bleiben werde?“
Natürlich! Wenn es ihnen nichts ausmacht, meine ich.“
Warum sollte es“, meinte der alte Gärtner strahlend. „Ihr Garten braucht viel Pflege, je mehr Zeit bis zur Feier bleibt, umso besser.“
Frau Schmidt schaute durch die großen Fenster hinaus in den Garten, der von der Abendsonne in wunderschönes Licht getaucht wurde.
Ich muss ja sagen, sie haben schon eine ganze Menge geschafft.“ Tatsächlich waren sämtliche Beete umgegraben und neue Blumen eingesetzt, die Büsche zurückgeschnitten und das Unkraut entfernt worden. Herr Hansen wiegelte dennoch ab.
Das scheint nur so. Ich habe den Teil erledigt, der man gemeinhin Vorarbeit nennt. Morgen geht es dann richtig los.“
Herr Flip flüsterte zu Herrn Fröhlich, der zu seiner Rechten in einem Ohrensessel saß.
Was man gemeinhin Vorarbeit nennt – hält der sich für was Besseres?“
Nun, er ist immerhin Fachmann“, antwortete der Anwalt. „Er kann so etwas behaupten, ohne gleich als Angeber abgestempelt zu werden.“
Finde ich nicht. Ich kann ihn jedenfalls nicht leiden“, zischte Herr Flip.
Sie haben doch kaum mit ihm gesprochen. Sie als junger Hüpfer sollten ein wenig mehr Respekt vor dem Alter zeigen.“
Mittlerweile war auch der Graf auf die Unterhaltung der beiden aufmerksam geworden.
Gibt es was Wichtiges, Herr Fröhlich?“
Der Anwalt meinte ausweichend: „Nein, nichts. Ich habe Herrn Flip nur von der Arbeit in meiner Kanzlei erzählt.“
Unwichtig.“ Der Graf machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die Feier steht im Vordergrund. Ich werde mich jetzt zurückziehen.“
Graf Maibusch stand auf und verließ bedeutsam den Salon.
Alle schauten hinterher. Nur Frau Schmidt ereiferte sich sofort: „Wissen sie, ich habe ja eigentlich nichts gegen den Grafen, aber die Art, wie er immer im Mittelpunkt stehen will, macht mich eines Tages noch verrückt. Diese aufgeblasene Seite kann ich nicht ausstehen!“
James stand auf und blickte zur Flurtür.
Frau Schmidt! Beruhigen sie sich, der Graf könnte sie hören“, sagte er leise und begann dann, den Tisch abzuräumen. Frau Schmidt schaute trotzig aus dem Fenster.
Soll er doch. Dann weiß es wenigstens, was ich manchmal von ihm halte.“
Herr Fröhlich sprach aus, was alle dachten: „Tja, die Stimmung ist nicht gerade rosig. Wollen wir hoffen, dass es morgen besser wird.“ Er stand auf und setzte sich an den Flügel, der in einer Ecke des Raumes stand. Er begann, Blues zu spielen, während Frau Schmidt noch immer schmollte. Herr Flip nickte auf der Couch ein und Herr Hansen nahm sich eine der Zeitschriften, die in einem Korb unter dem Tisch standen. James besaß schließlich soviel Taktgefühl, dass er Herrn Flip weckte und ihm riet, auf sein Zimmer zu gehen. Nach kurzer Zeit verschwanden die anderen ebenfalls einer nach dem anderen, um sich zur Nachtruhe zu begeben.

Am nächsten Morgen blieb alles ruhig auf Gut Trontstein. Gegen neun Uhr waren die einzigen Personen, die bereits aufgestanden waren, Herr Flip und Herr Hansen. Ein Großteil des hinteren Gartens lag noch im Schatten. Diese Zeit wollte Herr Hansen ausnutzen, bevor die Sonne ihn unbarmherzig zum Kreislaufkollaps führen würde. Er hatte sich mit Handschuhen, Eimer und Schaufel und einem Karton Setzlingen bewaffnet und machte sich daran, den Teil südlich des Pavillons zu bepflanzen. Dabei dachte er viel über das nach, was er am Vortag gehört hatte und versuchte, das Bild der Anwesenden gerade zu rücken. So in Gedanken versunken bemerkte er nicht, wie Herr Flip lässig den Pfad vom Haus zum Pavillon entlang geschlendert kam. Dort angekommen ging er zum knienden Gärtner hinüber.
Guten Morgen, Herr Hansen. Heute sollte das Familientreffen sein“, sagte er verächtlich und ließ den Blick über den Garten schweifen. „Sehr weit sind sie mit ihrer Arbeit ja noch nicht.“
Herr Hansen bemühte sich, ruhig zu bleiben. Sein Blutdruck war sowieso schon zu hoch, da musste er sich nicht von so einem Grünschnabel verrückt machen lassen.
Das Familientreffen ist verschoben worden“, erklärte er gelassen, „sie haben es selbst mitbekommen. Ich habe also noch genug Zeit.“
Jetzt schon, aber im Ernstfall sähe der Garten aus wie eine Müllhalde.“
Sie haben leider Unrecht, Herr Flip. Ich wusste früh genug, dass das Familientreffen verschoben wird, so dass eine Intensivpflege von kurzer Dauer nicht mehr nötig war.“ Herr Hansen legte die Schaufel beiseite und stand auf. Dabei klopfte er sich die Erde von der Hose. Er blickte zuerst Herrn Flip an und schaute dann über den garten zum Park hin. „Stattdessen nehme ich mir jetzt die Zeit und werde diesen ehemals schönen Garten ordentlich auskurieren.“
Sein Gegenüber verdrehte die Augen gen Himmel.
Ordentlich auskurieren… wie sie sich ausdrücken! Haben sie sich eigentlich mal den Vorplatz angeschaut? Die Büsche dort müssen dringend gestutzt werden, der rasen muss gemäht werden. Das schafft doch jeder. Und sie erzählen mir hier etwas von ordentlich auskurieren. Als ob sie ein Arzt wären!“
Bin ich aber nicht“, entgegnete der Gärtner. „Warum sind sie überhaupt so unfreundlich?“
Der Sunnyboy stemmte die Hände in die Hüften und konterte: „Unfreundlich? Ich? Sie haben da wohl etwas nicht richtig verstanden. Ich verhalte mich nicht unfreundlich, sondern meinem Gesprächspartner angemessen.“ Er funkelte Herrn Hansen an.
Der wiederum zeigte sich empört.
Jetzt werden sie nicht frech, junger Mann!“
Ich will ihnen mal was sagen“, zischte Herr Flip leise und kam einen Schritt auf Herrn Hansen zu, als würden sie belauscht. „Ich glaube, dass sie nicht derjenige sind, für den der Graf sie hält. Sie sind mir schon gestern Abend so seltsam aufgefallen, als wären sie hier zu Hause! Ich rate ihnen, den Grafen in Ruhe zu lassen, sonst bekommen sie es mit mir zu tun.“
Nun wurde Herr Hansen böse. Er zog das Messer aus seinem Gürtel und hielt es Herrn Flip drohend entgegen. Er erhob seine Stimme und sagte laut: „Jetzt hören sie mir mal zu!“
Herr Flip wich sofort einen Schritt zurück, den Herr Hansen aber gleich wieder aufholte. Durch die laute Stimme aufmerksam geworden, schlich eine Dame mittleren Alters sich vom See aus an. Herr Hansen bemerkte sie nicht, da er zum Pavillon gewandt und damit mit dem Rücken zum See stand. Er wurde sich aber bewusst, dass er zu laut gesprochen hatte, und fuhr etwas leiser fort.
Es interessiert mich nicht, was sie glauben und was nicht. Graf Maibusch hat mich hier als Gärtner engagiert und diesen Job werde ich auch allen Erwartungen entsprechend erfüllen. Sie sind doch nur ein…“ Er zögerte und musterte Herrn Flip mitleidig lächelnd von oben bis unten. „…Versicherungsvertreter. Ich dulde es nicht, dass mich ein Emporkömmling wie sie dabei behindert.“
Ich bin Leiter einer Versicherungsagentur, sie alter Tattergreis!“ wehrte Flip sich.
Herrn Hansen schien das nicht zu kümmern. Er fuchtelte mit dem Messer und sagte: „Sie verschwinden jetzt besser aus dem Garten!“ Die Dame vom See war inzwischen näher gekommen. Sie sah, dass Herr Hansen ein Messer in der Hand hatte und nahm behutsam eine der Vasen, die am Wegrand standen, auf. Sie konnte gut verstehen, was der Gärtner nun sagte: „Ein letztes Mal warne ich sie: Mischen sie sich nicht in meine Geschäfte ein, sonst ergeht es ihnen schlecht!“
Nichts da!“ rief die Frau und zog dem alten Mann die Vase über den Kopf. Sie zerbrach in unzählige Scherben. Der kleine Mann fiel offensichtlich bewusstlos zu Boden. Herr Flip starrte erschrocken zuerst auf den zusammengekrümmten Körper zu seinen Füßen. Dann blickte er noch erschrockener die Dame gegenüber an. Ihre Reaktion überraschte ihn am meisten.
Sie blickte abwertend auf die ganze Szene, dann zum Anwesen hinüber. Sie rückte den unübersehbaren Federschmuck, den sie auf dem Kopf trug, zurecht und zupfte dann hier und da an ihrem dunkelblauen Kleid herum. Um ihren Hals hingen mindestens vier verschiedene Ketten und sehr teure Ringe zierten ihre Finger. Soweit es möglich war, klopfte sie ihre Hände ab.
Ist doch immer wieder schön, hier nett empfangen zu werden“, sagte sie verächtlich.
Herr Flip war noch immer erschrocken und rief: „Wer sind sie? Und warum haben sie diesen Mann niedergeschlagen?“
Nun seien sie mal nicht so ein kleines Kind. Der wird schon wieder, ist doch nur eine Beule. Die Vase war dünn wie Papier. Er braucht nur eine kleine Pause“, sagte die Frau taktlos. Sie fügte majestätisch hinzu: „Ich bin Josephine Sauerlich, aber sie dürfen mich „Frau“ Sauerlich nennen.“
Sie sind das also!“ Flip gab sich überrascht. „Frau Sauerlich, die Freundin des Grafen. Ich habe mich gewundert, wie sie wohl aussehen würden.“
Ihr Gerede ist mir unverständlich. Natürlich bin ich es und ich sehe immer so aus. Jeder kennt mich, Henry erzählt ja immer Geschichten von mir“, ergänzte sie bescheiden.
Da muss mir was entgangen sein, mir hat er nie von ihnen erzählt.“ Herr Flip hatte sich von dem Schock erholt und gewann seine Burschikosität zurück
Das kann doch nicht sein! Ach, ich glaube, ich bin schwerhörig, aber könnten sie mir vielleicht noch einmal ihren Namen sagen?“
Flip.“
Frau Sauerlich lachte laut auf, was aufgrund ihres Bestrebens, würdig zu erscheinen, ziemlich lächerlich wirkte.
Flip? Flip??? Einfach nur Flip? Was soll das denn für ein Name sein, da hat wohl jemand bei der Auswahl zu tief ins Glas geschaut. Das habe ich ja noch nie gehört!“
Immerhin habe ich keinen unschuldigen Menschen niedergeschlagen“, versuchte Herr Flip, sich zu verteidigen.
Aber er hat sie doch bedroht?“
Nein, nein. Er war nur etwas erhitzt, weil ich nicht gerade sehr freundlich zu ihm war.“
Egal, nun haben wir den Schlamassel. Doch gehen wir ins Haus, da wird uns schon einfallen, was zu tun ist“, meinte sie und ging, ohne sich weiter darum zu kümmern, Richtung Anwesen. Beim Pavillon drehte sie sich noch einmal um und rief: „Und vergessen sie diesen Mann da nicht!“ Sie deutete auf Herrn Hansen, der ohnmächtig am Boden lag.
Flip schaute kopfschüttelnd hinterher. Was für eine seltsame Frau, dachte er und bemühte sich, den Gärtner ins Haus zu schaffen.

Das Arbeitszimmer des Grafen lag im ersten Stock des Hauses im südlichen Korridor. Herr Fröhlich befand sich dort und suchte in einem Regal diverse Aktenordner durch. Nachdem er einen Ordner herausgenommen hatte, kam James zur Tür herein, mit dem Staubwedel bewaffnet.
Guten Tag, Herr Fröhlich. Ich hatte gestern gar nicht bemerkt, wie sie angekommen sind.“ Der Butler begann, die Regale abzustauben.
Natürlich nicht. Ich mache nicht so viel Aufhebens um meine Person.“
Wann sind sie denn angekommen?“
Der Anwalt setzte sich an einen Schreibtisch und schlug den Ordner auf. Während er in den Akten blätterte, meinte er beiläufig: „Am späten Nachmittag. Frau Schmidt hat mich empfangen.“
Gut zu wissen“, sagte James und sammelte eine vertrocknete Spinne vom Boden auf, die aus dem Regal gefallen war. Nachdem er das Tier in den Mülleimer befördert hatte, setzte er sich auf einen anderen Stuhl und wandte sich Herrn Fröhlich zu.
Also, ich bin ja neu hier und würde mich gerne ein wenig mit den Menschen vertraut machen. Erzählen sie mir doch etwas über sich!“
Ich weiß zwar nicht, was sie das angeht“, sagte Herr Fröhlich, „aber wahrscheinlich hat Henry sie auf mich angesetzt. Davon ganz abgesehen sind sie mir sympathisch. Nicht so ein Schleimer wie gewisse andere Personen hier. Sind alle nur hinter seinem Geld her… Wie sie mittlerweile wissen dürften, bin ich Graf Maibuschs Anwalt. Ich habe meine eigene Kanzlei in der Stadt.“ Er zögerte und blickte James fragend an, der etwas nachdenklich aussah.
Aber, wenn sie eine eigene Kanzlei haben, noch dazu in der Großstadt“, wandte er vorsichtig ein, „wie können sie es sich dann erlauben, einfach so für ein paar Tage zu verschwinden?“
Sehen sie, äh…“
Nennen sie mich James.“
Gut.“ Der Anwalt setzte zu einer Erklärung an. „Also, James, das stellt in der Tat ein Problem dar. Ich habe ein hohes Ansehen als Anwalt und hatte gerade den Fall einer Stammkundin, wenn ich das so sagen darf, zu behandeln. Die Dame bildet sich immer irgendwelche Kleinigkeiten ein, aber schließlich muss ich auch solche Fälle übernehmen. Das bleibt aber unter uns!“ ermahnte er den Butler.
James nickte verständnisvoll.
Jedenfalls hatte sie dieses Mal eine ernste Angelegenheit. Und dann habe ich diesen Termin, das Familientreffen, in meinem Kalender gesehen. Das stand ja schon lange fest, also musste ich den Fall meiner Klientin vernachlässigen.“
Und die war darüber bestimmt nicht erfreut?“
Das ist noch milde ausgedrückt. Sie drohte mir, sie würde meinen Ruf ruinieren. Aus Rache, sie verstehen?“
Schon klar.“
Und ich werde Graf Maibusch dafür zur Verantwortung ziehen, wenn dieses Familientreffen erfolglos bleibt.“
Mit einem Mal wurde der Butler hellhörig.
Erfolglos? Was meinen sie denn damit?“
Habe ich erfolglos gesagt? Da habe ich mich wohl versprochen, ich meinte: Wenn das Familientreffen ausfällt“, meinte Herr Fröhlich peinlich berührt. James war jedoch von dem Versprecher nicht überzeugt.
Das hörte sich aber anders an. Aber das geht mich ja nichts an“, lenkte er ein. „Ich möchte ihnen nur einen Rat geben: Sollte etwas nicht nach ihren Wünschen laufen, dann bleiben sie ruhig. Sie sehen etwas gereizt aus.“
Da könnten sie recht haben.“ Der Anwalt klappte den Ordner zu und stellte ihn ins Regal zurück. „Ich brauche wirklich etwas Ruhe.“ Dann verließ er den Raum.
James ging hinterher. Draußen auf dem Flur blickte er sich um; Herr Fröhlich war verschwunden. Was soll´s, dachte er. Dieser Staubwedel muss wieder weg. Er ging zur Haupttreppe und nach unten in die Küche. Dort traf er auf Frau Sauerlich, die am Tisch saß, den Kopf über die Tageszeitung gebeugt. Herr Hansen, der Gärtner, lag noch immer ohnmächtig auf der Bank.
James erschrak bei diesem Anblick.
Was ist denn hier los!“ Es war ungewöhnlich, den Butler derart außer Fassung zu sehen. Schwungvoll, so es ihre Gewänder erlaubten, stand Frau Sauerlich auf und drehte sich um.
Sie begrüßen mich ja auch so freundlich“, keifte sie. „Scheinbar bin ich hier nicht erwünscht. Ich bin Josephine Sauerlich. Welchen Namen gab man ihnen?“ fragte sie unwirsch.
James. Ich bin der Butler.“ Er hatte seine Fassung wiedererlangt und bemühte sich um ein möglichst hochnäsiges Gesicht.
Du meine Güte! Hat mein Henry sich jetzt auch noch einen Butler zugelegt. Ich glaube, ich sollte hier einziehen. Aber zuerst muss dieser Herr“, sie deutete auf den Gärtner, „wieder aufwachen.“
Das ist Herr Hansen“, stellte James kühl fest. „Was haben sie mit ihm gemacht?“
Wenn sie es so genau wissen wollen: Er wurde niedergeschlagen. Er hat einen anderen Herrn im Garten bedroht, diesen Schönling mit dem komischen Namen.“
Herr Flip? Aber warum sollte Herr Hansen Herrn Flip bedrohen?“
Woher soll ich das wissen? Ich bin gerade erst hier angekommen. Ich…“ Aus einem unerfindlichen Grund taumelte Frau Sauerlich plötzlich einen Schritt nach vorne. Sie sank auf ihren Stuhl zurück und stützte ihren Kopf mit beiden Händen. James beugte sich besorgt über sie.
Frau Sauerlich! Ist alles in Ordnung mit ihnen?“
Ja, das geht gleich vorüber.“
In diesem Moment betrat Graf Maibusch die Küche. Sein Blick fiel zuerst auf seine langjährige Freundin. Erfreut rief er: „Hallo! Da bist du ja!“ Er wollte sich auf sie stürzen, doch James hielt ihn davon ab.
Einen Moment nur, sie hat einen Schwindelanfall oder so.“
Frau Sauerlich warf den Kopf zurück und atmete tief durch.
Es geht wieder. Das kommt manchmal vor, machen sie sich keine Sorgen.“ Dann fiel ihr Blick auf den Grafen. „Henry!“
Na endlich. Ich dachte schon, du würdest mich gar nicht mehr erkennen“, frotzelte er.
Ich bin ja so froh, dich wiederzusehen. Endlich mal ein normaler Mensch hier. Du musst wissen, ich bin hier nicht sehr nett empfangen worden. Es scheint mir, als ob mich alle wieder loswerden möchten! Aber ich bleibe doch zur Feier. Sag schon, wann kommen die Gäste?“
Es gibt eine kleine Komplikation, nicht weiter schlimm. James hat versucht, dich gestern noch zu erreichen.“
Leider waren sie nicht zu Hause“, fügte der Butler hinzu. Er hatte sich mittlerweile auf die Bank gesetzt. Auf der anderen Bank lag Herr Hansen, vom Grafen noch unbemerkt. Dieser hatte sich Frau Sauerlich gegenüber auf einen Stuhl gesetzt und erklärte ihr nun die Sachlage.
Das Treffen wird um zwei Tage verschoben.“
Aber das macht doch gar nichts. Solange ich die Zeit über hier wohnen darf?“
Natürlich. Das bin ich dir schuldig.“
James wagte einen kleinen Einwand: „Nur bitte schlagen sie niemanden mehr nieder.“ Es war nicht eindeutig, ob er scherzte oder es ernst meinte.
Wie bitte?“ Graf Maibusch stutzte. Dann endlich sah er Herrn Hansen auf der Bank liegen. „Himmel! Was ist denn passiert?“
In Anbetracht der unangenehmen Situation hielt James es für taktvoller, sich zurückzuziehen. Unauffällig verschwand er aus der Küche.
Ich habe Herrn Flip beschützt“, rechtfertigte Frau Sauerlich sich. „Er wurde bedroht. Wie auch immer, es ist ja nicht so schlimm. Herr Hansen wird schon wieder aufwachen.“
Ich will darüber hinwegsehen, aber er wird dann ziemlich sauer auf dich sein.“
Wieso? Er hat mich nicht erkannt, und du wirst es ihm doch sicherlich nicht erzählen, oder? Wir sagen einfach, es sein ein Dachziegel heruntergefallen.“
Graf Maibusch streckte die Hände von sich.
Das kannst du nicht von mir verlangen. Ich muss ihm die Wahrheit sagen.“
Das solltest du nicht tun. Ich bin schließlich deine Freundin. Ich wäre sonst sehr enttäuscht von dir.“ Abrupt stand sie auf und verließ die Küche. Graf Maibusch blickte auf Herrn Hansen, der noch immer grabesstill auf der Bank lag.
Und was soll ich dann machen?“ fragte er in die Stille.

Das Fenster vom Kinderzimmer in den Garten stand weit offen. Ein zarter Windstoß hatte einen Stapel Blätter vom Schreibtisch geweht. Herr Flip, der leichtsinnigerweise die Tür zum Garten als auch die zum Haus hatte offen stehen lassen, mühte sich damit ab, die Papiere einzusammeln. Unbemerkt von ihm trat Herr Hansen leicht schwankend in das Zimmer. Er hatte sich noch nicht vollständig von seiner Ohnmacht erholt.
Herr Flip! Sie habe ich hier gar nicht erwartet“, sagte er mit überraschter Stimme. Herr Flip stand erschrocken auf und wich ein paar Schritte vom Gärtner zurück.
Mit ihnen habe ich auch nicht gerechnet, das können sie mir glauben. Sie sind ja schon wieder munter“, setzte der junge Mann hinzu.
Wollen sie mir das etwa übel nehmen?“ fragte der Gärtner gekränkt. „Ach nein“, ergänzte er dann bissig, „sie wollten mich ja für eine längere Zeit aus dem Weg haben. Deswegen haben sie mich wohl niedergeschlagen, oder?“
Entrüstet trat Flip wieder näher an Herrn Hansen heran.
Was sagen sie da? Ich hätte sie niedergeschlagen? Sie sind wirklich seltsam. Sie haben mich schließlich mit ihrem Messer bedroht!“
Ist das ein Grund, mir eins über den Schädel zu braten? Was habe ich ihnen denn getan?“
Eigentlich nichts, aber mit dem Messer hätten sie eine Menge anrichten können. Außerdem war ich es gar nicht, der sie niedergeschlagen hat.“ Herr Flip grinste überlegen. Das verunsicherte den kleinen alten Mann, doch versuchte er, hart zu bleiben.
Ach nein? Wer war es dann, hä? Außer ihnen war doch keiner im Garten!“
Es war unser neuer Gast, Frau Sauerlich.“
Und das soll ich ihnen glauben?“
Herr Flip zuckte mit den Schultern und sagte: „Sie müssen ja nicht. Aber sagen sie niemandem, dass ich ihnen das erzählt habe. Man würde das bestimmt nicht gutheißen.“
Weshalb sollte ich ihnen diesen gefallen tun?“
Tun sie es besser, sonst werde ich dem Grafen stecken, was sie außer ihrer Gartenarbeit noch so unternehmen.“
Wenn sie auf die Messergeschichte anspielen – so, wie sie mir an den Karren gefahren sind, war das doch wohl verständlich.“
Das ist ihre Auslegung der Dinge. Sie kamen mir etwas seltsam vor. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich ihnen einfach so glauben kann. Aber es scheint, als bliebe mir keine andere Wahl.“
So sieht es aus. Was denken sie denn, was ich kleiner armer Mann anrichten sollte? Glauben sie, ich arbeite für den Geheimdienst oder fürs KGB? Lachhaft! Was diese Angelegenheit betrifft, haben wir jeder etwas gegen den anderen in der hand. Wir sollten also einfach weiterleben, als wäre nichts passiert.“ Herr Hansen senkte seine Stimme. Trotz seines harmlosen Aussehens wirkte er auf den smarten Sunnyboy ziemlich gefährlich, als er drohte: „Sollte es dennoch passieren, dass jemandem ein Wort herausrutscht, kann das schlimme Folgen haben!“
Dann setzte der Gärtner wieder ein harmloses Gesicht auf, blickte verächtlich auf den Blätterstapel, den Herr Flip bereits angehäuft hatte und verließ das Zimmer. Dem jungen Mann fehlten die Worte. Schweigend suchte er weiter nach den Papieren und versuchte, das Bild des Gärtners zu vergessen.



Kapitel 3

Nur ein wenig später, immer noch am Vormittag, klingelte es wieder an der Haustür. James ging sofort seiner Pflicht nach und öffnete. Etwas verwundert betrachtete er die Besucherin. Es war eine junge Frau, die noch schnell eine Zigarette austrat und sich direkt vorstellte.
Guten Morgen! Ich bin Maria Mahler, die Nichte von Graf Maibusch. Ich bin zum Familientreffen hier.“
James blinzelte. Illustre Mischung, die sich der Graf hat kommen lassen. Einen Anwalt, einen alten Gärtner, einen jungen Gigolo, eine pompöse Freundin und jetzt das: Fräulein Maria hatte volles, dunkelbraunes Haar, das sie zu einer wilden Frisur aufgesteckt hatte. Dazu trug sie ein kirschrotes Kleid, mindestens so grell wie ihre stark nachgezogenen Lippen. Die Augen waren ebenfalls auffällig geschminkt. Sie trug, passend zum ganzen Outfit, rote Lackschuhe. Provozierend hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt.
James ließ sich nicht anmerken, was er von der Erscheinung hielt, die ihn da anstarrte. Höflich meinte er: „Fräulein Maria! Schön, sie hier zu sehen. Der Graf hat mir schon so viel von ihnen erzählt! Ich bin James, der Butler. Bitte kommen sie herein!“
Fräulein Maria trat in die Eingangshalle und blickte erstaunt die beinahe leere Garderobe an. Dann spähte sie in die Flure, konnte aber niemanden entdecken. Auch war es erstaunlich still im ganzen Haus.
Es ist ja noch gar keiner da“, bemerkte sie verwundert.
James versuchte, zu vermitteln.
Das Familientreffen ist verschoben worden. Ich habe noch versucht, sie telefonisch zu erreichen, aber es war niemand da. Das Familientreffen wird übermorgen stattfinden. So lange werden sie hier wohnen und sich ein wenig mit den anderen Gästen des Hauses anfreunden müssen.“
Ach, wissen sie, das macht mir gar nichts aus. Ich freue mich, mal wieder unter Leute zu kommen. Die paar Tage werde ich ja wohl überstehen. Wer sind denn die anderen Gäste?“
Also, an Frau Schmidt werden sie sich wohl noch erinnern.“
Die Hausfrau ist immer noch da?“ Es hatte einen etwas abwertenden Unterton, der auch Frau Schmidt nicht entging, die gerade aus dem Flur in die Halle kam.
Fräulein Maria, vorlaut wie eh und je“, begrüßte sie die junge Frau. „Ja, ich bin immer noch hier. Gefällt ihnen das nicht?“
Hallo, Frau Schmidt“, stammelte Maria.
Sie sollten besser in den Salon gehen, um sich zu unterhalten. Hier kann sie jeder, der vorbeikommt, hören.“
Die Gruppe ging zum Salon. Auf dem Weg dorthin meinte Fräulein Maria entschuldigend zur Hausfrau: „Ich habe es doch nicht so gemeint. Ich freue mich, dass sie es hier so schön finden, dass sie noch länger geblieben sind: Damals wusste ja niemand, ob sie Gut Trontstein verlassen würden.“
Nun, meine Liebe, ich bin geblieben.“
Die drei betraten den Salon und setzten sich. Bis auf James, der sofort etwas Gebäck holen wollte. Frau Schmidt hielt ihn davon ab.
Lassen sie das. Setzen sie sich lieber hier hin. Sie wollten der jungen Dame doch gerade etwas erzählen?“
Ja. Ich erzählte gerade von den Gästen. Wenn ich dann noch Herrn Hansen, den Gärtner, Frau Sauerlich, die Freundin des Grafen, Herrn Flip, seinen Erben…“
Und ein unverschämter Bengel“, warf Frau Schmidt ein. James bedachte sie mit einem hochnäsigen, strafenden Blick.
Danke. Zuletzt ist da noch der Anwalt. Sie alle werden bis übermorgen hier wohnen.“
Maria dachte kurz nach und sagte entschlossen: „Es ist wohl nützlich, wenn ich sie alle im Laufe der Tage ein wenig besser kennen lerne.“
Ein wahres Wort, Fräulein Maria.“ Dann wandte die Hausfrau sich an den Butler. „Schämen sie sich denn nicht“, herrschte sie ihn vorwurfsvoll an, „das arme Mädchen so zu überrumpeln? Sie hat doch noch nicht einmal ihre Sachen ausgepackt.“
Maria meldete sich zu Wort.
Welche Sachen? Ich bin mit der S-Bahn gekommen, und der Bahnhof liegt ein Stück weit von hier entfernt. Da wäre es mir doch zu schwer gewesen, all so´n Zeug zu schleppen. Außerdem habe ich ja nicht geahnt, dass ich meine Sache brauchen würde.“
Aber das ist kein Problem“, meinte James und musterte sie. „Wir finden bestimmt noch was für sie zum Anziehen.“
Frau Schmidt kicherte hämisch.
Was denn? Die verstaubten Sachen des Grafen werden einer jungen Dame wohl nicht recht gefallen.“
Das versteht sich von selbst. Sie werden sich etwas konservativer mit den Gewändern von Graf Maibuschs verstorbener Mutter kleiden“, beschloss der Butler und nickte zufrieden. Endlich hatte er die Gelegenheit, diesem jugendlichen Auftritt etwas Würde zu verleihen. Süffisant überging er die entsetzten Mienen seiner Gesprächspartner.
Das wollen sie mir doch nicht ernsthaft zumuten, oder? Ich fahre gleich zurück, um meine Sachen zu packen. Das dauert ja nicht lange.“
Das ist wohl die beste Idee“, meinte Frau Schmidt zustimmend. James zuckte mit den Schultern, eine Geste, die für einen Butler seines Ranges äußerst unangemessen war. Doch auch er war nur Mensch und konnte den modischen Geschmack der Jugend nicht nachvollziehen.
Wenn sie es so für richtig halten“, brummte er.
Und ob. Bis später!“ rief Maria, stand auf und machte auf dem Absatz kehrt. Schon war sie aus dem Salon verschwunden.
Ein schwungvolles junges Mädchen“, kommentierte James ihren Abgang. „Sie wird ein wenig Leben hier hereinbringen.“ Ungeachtet dessen, ob es angemessen ist oder nicht, fügte er im Geiste hinzu.
Frau Schmidt setzte eine rechthaberische Miene auf.
Hatte ich es ihnen nicht gesagt? Aber legen sie sich nicht mit ihr an. Sie hat das gewisse Etwas, das einen sofort in Verlegenheit bringen kann.“ Sie funkelte ihn rätselhaft an und ging in Richtung Küche davon.
James stand auf und rief hinterher: „Wie meinen sie das? Frau Schmidt! Was wollen sie damit sagen?“ Keine Antwort.

Graf Maibusch saß mit seinem Anwalt im Wintergarten. Auf einem Tisch standen zwei Gläser und verschiedene Getränke, die der Graf schnell noch aus einer Minibar geholt hatte. Zwar mag eine Minibar in einem Wintergarten einen merkwürdigen Eindruck machen, doch ließ auch die übrige Einrichtung keinen Zweifel daran, dass dies kein gewöhnlicher Wintergarten war. An mehreren Bändern waren quer durch den Raum japanische Laternen aufgehängt und diverse Wandbehänge, teils aus Seide, teils aus Kaschmir schmückten die Seiten des Raumes, die nicht komplett verglast waren. Viele Blumen und Grünpflanzen standen auf dem Boden, auf Fensterbänken oder hingen von der Decke. Mehrere Mobiles hingen von der Decke und ein Windspiel baumelte an der Tür. Ein sehr kostbarer Läufer zierte den Fußboden. Tagsüber machte der Wintergarten einen sehr hellen, aber auch kalten Eindruck, da all die Kostbarkeiten ihre Wirkung nicht voll entfalten konnten.
Dafür hatten die beiden Gesprächspartner jedoch keinen Blick. Es gab Wichtigeres zu besprechen.
Ich hoffe, die Verschiebung hat keine Auswirkungen auf unseren Plan“, fragte Graf Maibusch. Herr Fröhlich schüttelte beruhigend den Kopf.
Die Hauptsache ist, dass ihr Bruder Leonard kommt. Dafür war eine Verschiebung erforderlich. Das ist aber nicht weiter schlimm.“
Da bin ich beruhigt. Ich hatte für eine kurze Zeit mein Vorhaben schon scheitern gesehen.“ Der Graf nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Sagen sie, haben sie auch die Scherben auf dem Weg beim Pavillon gesehen? Richtung See hinaus?“
Jetzt, wo sie es erwähnen… ich habe nicht weiter darauf geachtet, weil sie nicht auf meinem Weg lagen, aber es schien Porzellan gewesen zu sein.“
Da liegen sie richtig. Die Scherben sind von einer Vase. Zum Glück war sie nicht besonders wertvoll. Aber wieso liegen jetzt die Scherben auf dem Weg? Irgendjemand muss sie fallengelassen haben.“
Herr Fröhlich wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.
Vielleicht hat sie auch jemand absichtlich heruntergeworfen. Ich meine, vor einiger Zeit einen Streit hier gehört zu haben. Und dann hörte ich das Krachen der Vase.“
Also gab es einen Kampf?“ fragte Graf Maibusch nach. Dann überlegte auch er. Plötzlich kam der Geistsblitz. „Natürlich! Warum ist mir das nicht gleich eingefallen! Konnten sie hören, wer beim Streit anwesend war?“
Also, da war eine unbekannte Frauenstimme; die Stimme vom Gärtner war deutlich zu erkennen. Und ein Mann war da noch. Könnte ihr Erbe, dieser Flip gewesen sein, mit dem habe ich mich ja gestern unterhalten.“
So muss es gewesen sein. Die Frauenstimme, die sie gehört haben, war von Frau Sauerlich. Sie hat mit der Vase Herrn Hansen niedergeschlagen. Er muss Herrn Flip bedroht haben.“
Herr Fröhlich trank aus seinem Glas und winkte dann ab.
Das ist aber eine ziemlich mutige Behauptung. Wie können sie sich da so sicher sein?“
Frau Sauerlich hat es mir selbst erzählt – indirekt zumindest.“
Frau Sauerlich…“ Der Anwalt dachte kurz nach. „Das ist doch ihre Freundin, oder?“
Genau“, bestätigte der Graf. „Sie ist heute hier angekommen. Und es wird noch jemand heute eintrudeln.“
Ja? Das ist mir ja völlig neu.“
Haben sie mir etwa gestern Abend nicht zugehört, Herr Fröhlich?“
Ich muss in dem Moment gerade abgelenkt gewesen sein. Aber lassen wir das. Wer ist es denn?“
Also, wenn sie mir nicht zuhören, sehe ich mich nicht gezwungen, ihnen alles zweimal zu erklären. Lassen sie sich einfach überraschen, sie müsste jeden Moment kommen.“
Mit diesen vieldeutigen Worten stand Graf Maibusch auf, trank sein Glas aus und ging damit zum Haus zurück. Er ließ einen verwirrten Anwalt zurück.
Sie… wen kann er nur gemeint haben?“ fragte er sich und schenkte ein weiteres Glas ein. Schreckensvisionen von Frau Beul, die auf einen Besuch vorbeikommt, gingen ihm durch den Kopf. Bloß nicht, die verrückte Schachtel würde alles durcheinanderbringen, dachte er und spülte die Gedanken mit einem Cognac weg.

In seinem Schlafzimmer stand Herr Hansen an dem großen Fenster und schaute hinaus. Die Sonne war ein gutes Stück weiter gewandert, so dass er nicht mehr geblendet wurde. Dadurch hatte er einen guten Überblick über den Vorplatz und die wild wuchernden Sträucher sowie den Vorgarten. Viel zu tun, dachte er bei sich. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sich mit einem Ruck die Tür öffnete.
Herr Hansen!“ hörte er die überraschte Stimme hinter sich.
Hallo, Frau Sauerlich. Lange nicht gesehen. Aber was sind sie so überrascht? Das hier ist mein Zimmer.“
Frau Sauerlich holte Luft.
Ich dachte, es wäre meins. Ich habe mich wohl in der Tür geirrt. Einen Moment mal – woher wissen sie, wer ich bin?“
Die Augen des Gärtners verengten sich.
Sie sind diejenige, die mich niedergeschlagen hat“, fuhr er sie an. „Im Garten, und das ohne triftigen Grund! Ich sollte sie anzeigen!“
Ob dieser unverschämten Anschuldigung wurde nun auch Frau Sauerlich böse. Viel mehr überraschte sie jedoch, wie viel dieser kleine alte Mann wusste.
Wer hat ihnen das gesagt?“
Ich habe versprochen, meine Quelle nicht zu verraten“, antwortete Herr Hansen kühl. Frau Sauerlich setzte eine überlegene Miene auf.
Ha, ich ahne sowieso, wer es ihnen erzählt hat.“ Sie wandte sich zum Gehen. Kein Zweifel, dass ihr guter Freund Henry geplaudert hatte. „Ich denke, ich werde ein paar Takte mit dieser Person reden müssen.“
Sie wollte hinausstolzieren, doch der Gärtner hielt sie zurück.
Denken sie jetzt etwa, damit sei alles erledigt? Sie hätten mich umbringen können!“
Sie sehen das alles ein wenig zu dramatisch“, winkte die Dame ab. „Wie hätte ich ihnen mit einer hauchdünnen Vase etwas zu leide tun können?“
Unterschätzen sie das bloß nicht. Ich werde sie anzeigen.“
Frau Sauerlich trat an Herrn Hansen heran. Sie war bestimmt einen Kopf größer als er. Sie beugte sich herab und zischte: „Das wagen sie nicht, ist das klar? Ich könnte sonst nämlich allen erzählen, dass sie Herrn Flip mit einem Messer verletzen wollten. So war es doch, nicht wahr?“
Der Gärtner wandte sich in Qualen.
Das können sie mir nicht anhängen. Ich habe ihn nur aufgefordert, seine Nase aus anderer Leute Angelegenheiten herauszuhalten. Das Messer sollte meiner Forderung etwas mehr Ausdruck verleihen.“
Aber es hätte zu viel Schlimmerem führen können.“
Wie dem auch sei“, fuhr Herr Hansen fort, „sie denken doch wohl nicht, dass ihnen jemand diese Geschichte glauben sollte, oder? Ich werde sie anzeigen, da können sie sagen, was sie wollen. Herr Flip war lästig, und jetzt sind sie es auch noch… ich denke“, er machte eine kurze Pause. „Ich denke, ich werde sie beide aus dem Weg räumen müssen.“
Das hätte er besser nicht gesagt, denn Frau Sauerlichs Gesicht war rot angelaufen. Wutschnaubend ging sie zur Kommode, auf der ein schwerer Kerzenhalter stand und nahm diesen an sich. Wie eine Waffe drohte sie damit dem alten Mann.
Sie werden gar nichts tun. Ich bin auf der Hut, und denken sie daran: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Nur dieses eine Mal kann die Grube tödlich tief sein!“
Noch mit dem Kerzenständer in der hand verließ Frau Sauerlich schwungvoll das Zimmer und ging in den Korridor. Dabei murmelte sie zu sich: „Henry hat mich verraten. Das hätte ich nie von ihm gedacht.“
Neben ihr öffnete sich eine Tür und Fräulein Maria trat hinzu.
Hallo, was ist denn hier los“, fragte sie verwundert.
Frau Sauerlich wurde sich der Tatsache bewusst, dass sie noch immer den Kerzenhalter mit sich schleppte. Verlegen stellte sie ihn auf einen der Schuhschränke im Flur.
Sie sind Fräulein Maria, richtig?“ fragte sie, um abzulenken.
Ja, aber wer sind sie?“
Ich bin Frau Sauerlich, die Freundin des Grafen“, meinte die Angesprochene nicht ohne Würde.
Ach so.“ Dann drehte Maria sich um und rief in den Flur: „James!“ Sie wandte sich wieder Frau Sauerlich zu.
Es tut mir leid, Frau Sauerlich, aber ich habe mein gesamtes Gepäck draußen stehen“, meinte sie entschuldigend. „Das muss erst mal reingebracht werden.“ Dann rief sie, noch etwas lauter als zuvor: „James!! Dieser Butler scheint schlecht zu hören. Vielleicht ist er draußen, ich werde mal im Wintergarten nachsehen. Entschuldigen sie mich, wir können später reden.“
Ist in Ordnung, ganz, wie sie meinen.“ Frau Sauerlich war froh, als sie sah, wie Maria Richtung Ausgang rauschte. Sie war gerade noch davongekommen, ohne dass die junge Frau ihr peinliche Fragen gestellt hatte. Sie atmete erleichtert auf und ging ihres Weges.
Fräulein Maria dagegen hatte keine Ruhe. Sie lief eilig in den Garten, durch den Pavillon und zum Wintergarten. Dort traf sie jedoch nicht auf den Butler, sondern auf Herrn Fröhlich, der nach dem Gespräch mit Graf Maibusch dort verblieben war.
Beide starrten sich einen Moment an, der ihnen wie eine Ewigkeit vorkam. Dann sagte Fräulein Maria nur: „Du!“ Es klang wie ein Pistolenschuss.
Herr Fröhlich wollte zur Rede ansetzen: „Maria…“ Viel weiter kam er nicht. Maria fing an, hysterisch zu schluchzen.
Wie kannst du es wagen, hierher zu kommen. Nach allem, was du Mama angetan hast!“ schrie sie ihn an.
Herr Fröhlich versuchte, ruhig zu bleiben.
Hör mal, es war nicht…“
Natürlich nicht“, unterbrach sie ihn. „Du musstest es ja tun. Wie konntest du nur, es hat ihr Leben zerstört!“ Sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
Hör mir doch wenigstens zu!“
Ich wüsste nicht, warum.“ Fräulein Maria mühte sich, ihre Stimme unter Kontrolle zu bringen. „Ich hatte gehofft, dich nie wiedersehen zu müssen. Warum hat mein Onkel dich bloß eingeladen?“
Er… weil…“ Dem sonst so schlagfertigen Anwalt fehlten die Worte.
So etwas würde er mir nie antun. Warum nur?“
In diesem Moment betrat Frau Schmidt den Raum. Sie schien in Eile zu sein. Sie würdigte Fräulein Maria nur eines kurzen Blickes.
Hallo, Fräulein Maria. Da sind sie ja wieder, ich hoffe, sie haben jetzt alles.“ Ohne eine Antwort abzuwarten oder weiter auf die sich ihr darbietende Szene einzugehen, fuhr sie fort: „Herr Fröhlich, der Graf muss ihnen noch etwas Wichtiges geben. Bitte kommen sie gleich zu ihm.“ Dann war sie wieder verschwunden.
Maria schaute den Anwalt höhnisch an.
Fröhlich? Gott, muss das lange her sein. Kein Wunder, dass Onkelchen dich nicht erkannt hat. Dass du so hinterhältig bist, hätte ich nie gedacht. Wir sprechen uns noch!“ Sie ging davon, nicht ohne ihren Gegenüber mit einem verachtenden Blick zu würdigen.
Maria!“ Herr Fröhlich wollte sie aufhalten, doch sie ließ sich nicht beirren. „Ich wusste doch nicht… Wie konnte der Graf das nur tun! Verdammt!“ Wütend ließ er seine Faust auf den Tisch sausen und trank sein Glas aus.

Etwas später, am Abend, erhellte nur die Sparlampe über dem Spiegelschrank das Bad im oberen Stockwerk des Herrenhauses. Mehr Licht war aber ohnehin nicht notwendig. Graf Maibusch konnte auch so erkennen, dass Herr Flip ziemlich unruhig war und ihn etwas wurmte. Sonst hätte er ihn schließlich nicht zu diesem Gespräch bestellt.
Nun“, setzte der Graf an, „warum wolltest du mich sprechen?“
Es mag vielleicht nicht so wichtig erscheinen, aber die Lage hier spitzt sich etwas zu.“
Graf Maibusch grinste höhnisch.
Witzig. Wovon sprichst du?“
Die Gelassenheit des Grafen brachte Herrn Flip beinahe aus der Fassung.
Tu nicht so cool. Es geht schließlich um dich. Diesem Gärtner, den du eingestellt hast, würde ich nicht weiter über den Weg trauen, als ich einen Elefanten werfen kann.“
In der Tat, das ist nicht sehr weit. Aber warum sagst du so etwas? Er ist doch sehr zuverlässig.“
Nervös ging Flip auf und ab und schaute dann aus dem Fenster in die Dämmerung.
Ich hab´ da so ein Gefühl… ich würde mich nicht auf das Äußere verlassen. Leider habe ich noch nichts herausgefunden.“
Nur so ein Gefühl hilft uns wohl kaum weiter.“
Der junge Mann drehte sich um und blickte dem Grafen beschwörerisch in die Augen.
Vielleicht erinnerst du dich, dass dir mein Gefühl schon mal das Leben gerettet hat?“
Ja. Aber das war ganz anders.“ Graf Maibusch schüttelte den Kopf. „Du beschuldigst meiner Meinung nach einen unschuldigen Menschen! Ich denke, ihr habt euch noch nicht gut genug kennen gelernt.“
Gut genug, meine ich.“
Unsinn. Heute Abend treffen wir uns wieder im Salon, sagen wir in einer Stunde. Dann werde ich ein bisschen plaudern. Fräulein Maria ist auch da, das wird dich ablenken.“
Ach, von ihr hast du mir ja schon erzählt.“
Genau. Ich bin sicher, ihr werdet euch anfreunden“, meinte der Graf gönnerhaft und lachte fett. „Wir setzen uns dann gemütlich in die Runde, besprechen das Nötigste und plaudern über alles Wichtige, was es denn da noch geben könnte. Dann wirst du sehen, dass mit Herrn Hansen alles in Ordnung ist. Ich glaube ja vielmehr, dass es da noch andere dunkle Geschäfte gibt“, fügte er mit unsicherer Stimme hinzu.
Du sprichst von meinem Erbe?“
Auch das. Aber… da ist noch so viel mehr… bitte, komm nachher unbedingt!“
Kein Problem. Jetzt habe ich aber noch etwas zu tun. Ich glaube, es ist besser, wenn ich vor dir herausgehe. Sonst schöpft noch jemand Verdacht.“ Herr Flip nickte dem Grafen zu und verließ das Badezimmer. Graf Maibusch schaltete einen Moment später das Sparlicht ab und ging hinaus. Er würde die nächste Stunde dazu nutzen, Klarheit in seinen Gedanken zu schaffen.

Genau wie am Vorabend hatten sich die Bewohner und Gäste Gut Trontsteins im Salon zusammengefunden, um den Abend entspannt ausklingen zu lassen. Von Entspannung selbst war jedoch nicht allzu viel zu spüren. Fräulein Maria warf Herrn Fröhlich giftige Blicke zu, falls sie ihn überhaupt anschaute. Herr Flip blickte immer wieder misstrauisch zu Herrn Hansen herüber. Frau Schmidt wiederum warf ihrerseits immer wieder verachtende Blicke zum Anwalt hinüber. Graf Maibusch schien von alledem nichts mitzubekommen. Er ließ sich von James ein Getränk einschenken und blickte dann erwartungsvoll in die Runde. Als er bemerkte, dass ihm nicht die gebührende Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, ließ er sein Glas klingen. Die Anwesenden lösten sich von ihren Gedanken und blickten zum Hausherrn.
Ich finde es schön“, setzte dieser an, „dass wir uns alle hier einmal in der gemütlichen Runde zusammengefunden haben. Das ist die Gelegenheit, sich etwas besser kennen zu lernen.“ Er wandte seinen Blick zu Maria.
Maria, seit deiner Ankunft hast du dich ziemlich rar gemacht. Also, für alle, die sie noch nicht kennen: Das ist meine Nichte Maria.“ Und er zeigte nicht ohne Stolz auf die junge Dame.
Fräulein Maria selbst stand von ihrem Platz auf, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Richtig, Onkelchen. Und für alle, die diesen Herrn dort“, wobei sie auf Herrn Fröhlich zeigte, „noch nicht richtig kennen sollten: Das ist Herr Fröhlich. Für dich, mein allerliebster Onkel, sollte er mehr sein als nur dein Anwalt.“ Ihre Stimme bekam einen bitteren Beigeschmack. „Er ist dein Cousin… und mein Vater“, fügte sie nach einer Kunstpause hinzu.
Maria!“ rief der Graf höchst überrascht.
Klar, dass du mir nicht glaubst. Wann hast du ihn denn überhaupt mal zu Gesicht bekommen? Er hat meine Mutter verlassen, als ich vier war!“
Herrn Fröhlich schien die Luft knapp zu werden. Nervös zupfte er mit den Fingern am Kragen seines Hemdes herum, während ein Augenpaar nach dem anderen verwundert zu ihm blickte. Fräulein Maria hatte sich inzwischen in Fahrt geredet.
Glaub bloß nicht, dass ich dir jemals verzeihen werde, was du ihr und mir angetan hast!“ schrie sie.
Frau Sauerlich hatte als erste die Fassung wiedergewonnen und sprach Herrn Fröhlich mit vorwurfsvoller Stimme an.
Also, das ist ja unglaublich, wirklich empörend! Was haben sie dazu zu sagen, Herr Fröhlich?“
Der Anwalt schüttelte sich wie ein geprügelter Hund. Noch immer lasteten die Blicke aller wie eine tonnenschwere last auf ihm. Händeringend sagte er: „Maria, es tut mir leid. Ich wollte dir nicht wehtun, und ich habe ja auch nicht ahnen können, dass es deine Mutter so mitnimmt!“
In den Augen seiner Tochter brannte der Hass, als sie ihr Weinglas erhob.
Ich stoße auf dein Verderben an.“ Sie trank einen Schluck und begann wieder zu schreien. „Du Schwein, wie konntest du nur so unsensibel sein! Ich will dich nie mehr sehen!“ Mit diesen Worten schüttete sie ihrem Vater den Rest des Weines ins Gesicht und stürmte aus dem Zimmer.
Der Wein brannte schrecklich in den Augen. Herr Fröhlich rief hinterher: „Maria, bitte lass mich erklären!“
James, der die Situation richtig eingeschätzt hatte, reichte dem Mann ein Tuch, um sich die Augen zu trocknen. Er riss es ihm aus der hand und ging dann ebenfalls aus dem Zimmer.
Im Salon war die Stimmung im Leerlauf. Keiner hatte verdaut, was eben vor sich gegangen war. Graf Maibusch schaute ins Leere und stammelte: „Mein Cousin?“
Der Butler war als einziger erstaunlich unberührt. Lakonisch verkündete er: „Es scheint, als wäre ihre Familie größer, als wir alle dachten.“
Jetzt übertreibt er es bald mit dem Hochnäsigsein, dachte Frau Schmidt, hing dann aber sofort ihren eigenen Gedanken nach. Sie würde unbedingt mit Herrn Fröhlich sprechen müssen. Frau Sauerlich lehnte sich in ihrem Sessel zurück.
Welch eine Schande. Wie kann ein Mensch nur zu so etwas fähig sein.“ Kaum hatte sie diesen Satz beendet, nickte ihr Kopf zur Seite weg. Herr Flip sah, wie seine Sitznachbarin zusammengeklappt war und fragte: „Frau Sauerlich, ist alles in Ordnung?“
Die vornehme Dame holte tief Luft und bemühte sich um Fassung.
Jaja, es geht schon wieder. Ich meine, ihnen schon gesagt zu haben, dass ich das in letzter Zeit öfters habe. Ist nicht weiter schlimm.“
Ihr Wort in Gottes Ohr“, meinte Herr Flip. Er war nicht ganz überzeugt, hielt sich aber dennoch zurück.
Graf Maibusch versuchte, abzulenken. Er wandte sich an seinen Erben.
Nun, Flip, jetzt hast du meine Nichte gesehen. Wie gefällt sie dir?“
Sie sieht super aus“, antwortete der junge Mann mit einem Grinsen, „aber sie hat jetzt wahrscheinlich andere Probleme, als sich mit mir anzufreunden.“ Er genehmigte sich einen Sherry.
Frau Schmidt konnte nicht mehr länger tatenlos herumsitzen. „Wo sie recht haben, haben sie recht“, verkündete sie. „Ich werde mal nachsehen, ob alles in Ordnung ist.“ Schwerfällig stand sie von ihrem Stuhl auf und verließ den Salon.
Die Runde löst sich aber früh auf“, merkte James an. „Ich hoffe, das ist kein schlechtes Zeichen.“
Naja, es kommt ganz darauf an.“ Herr Hansen hielt es für nötig, seiner schlechten Laune ein wenig Luft zu machen. Er sagte, wobei er auf Herrn Flip blickte: „Mit gewissen Leuten kann es in diesem Haus ja nicht gut gehen.“
Flip blickte zurück, als könne er kein Wässerchen trüben.
Ich weiß gar nicht, was sie meinen“, sagte er unschuldig. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Frau Sauerlich stand wütend von ihrem Platz auf.
Und ob sie das wissen“, fuhr sie Herrn Flip an. „Ich habe sie vor Herrn Hansen beschützt und stehe jetzt als schwarzes Schaf da!“ Dann wandte sie sich an Graf Maibusch. „Wenn du mich nicht verraten hättest, hätten wir die Sache leicht vergessen können.“
Der Graf war total überrumpelt.
Ich? Ich habe dich nicht verraten.“
Für James schien das alles zu schnell abzulaufen. Schnell trat er aus dem Dunkel hervor und unterbrach die Streithähne.
Moment, das verstehe ich nicht mehr. Können sie mir mal erzählen, was hier vorgefallen ist?“
Was geht sie das an? Sie sind hier nur der Butler“, blaffte Frau Sauerlich James an und ging mit schnellen Schritten aus dem Zimmer.
Der Gärtner betrachtete gelassen die kleine Runde, die im Salon zurückgeblieben war. Einen ironischen Kommentar konnte er sich nicht ersparen.
Das kann ja ein sehr kurzes Familientreffen werden. Falls wir alle den Tag morgen überleben sollten.“
Er hätte sich besser zweimal überlegt, was er da von sich gab. Er war näher an der Wahrheit, als er selbst glaubte.

Herr Fröhlich war Fräulein Maria bis in das Arbeitszimmer des Grafen gefolgt. Hier gab es keine Fluchtmöglichkeit mehr. Der Anwalt nahm Maria am Arm und sagte: „Nun lass mich doch bitte erklären!“
Die junge Frau riss sich los und trat ans Fenster. Sie schaute in den Abendhimmel, der aufgrund der Jahreszeit noch erstaunlich hell war. Erstaunlich ruhig drehte sie sich zu ihrem Vater um.
Da gibt es nichts zu erklären. Du hast meine Mutter verlassen und dafür hasse ich dich. Du hast sie sitzen gelassen wegen einer Anderen. Und das, als ich gerade vier Jahre alt war. Wie kann ein Mensch nur so verantwortungslos sein, ich kann es gar nicht oft genug sagen.“
Herr Fröhlich atmete durch. Endlich war Maria nicht mehr am Schreien. Vielleicht ließ sie jetzt mit sich reden.
Versteh mich doch bitte“, setzte er an. „Du warst auf der Welt, als ich merkte, wie ich mich immer mehr um dich und deine Mutter kümmerte. Ich hatte kaum noch Interesse an meiner Arbeit, ihr standet für mich im Mittelpunkt.“
Maria schaute verständnislos und fragte: „Aber das ist doch super, warum bist du denn gegangen?“
Meine Karriere stand plötzlich an zweiter Stelle. Ich wollte ein erfolgreicher Anwalt werden, und nun drohte, aus mir ein Pantoffelheld zu werden. Das konnte ich nicht zulassen. Verstehst du? Ihr wart mir nur ein Klotz am Bein!“
Fräulein Maria stampfte mit dem Fuß auf und erhob ihre Stimme.
Ein Klotz am Bein?“ rief sie laut. Herr Fröhlich deutete ihr, leiser zu sprechen, doch seine Tochter nahm das gar nicht wahr. „Du nennst deine eigene Tochter einen Klotz am Bein? Und das wegen deiner Unfähigkeit, im Beruf voranzukommen, geschweige denn, Beruf und Privatleben zu verbinden? Wie kannst du es nur wagen, mir das ins Gesicht zu sagen!“
Nach dieser flammenden Anklage schaute Maria sich krampfhaft im Zimmer um, bis sie im Regal bei den Briefen einen Brieföffner fand, einen kleinen Dolch mit Jadegriff. Sie nahm ihn an sich und streckte ihn ihrem Vater entgegen.
Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich dich längst umgebracht“, verkündete sie. „Für dieses Mal bleibt es bei einer Drohung, aber ich warne dich: Fahr mir nie wieder an den Karren, sonst sehe ich schwarz für deine Zukunft!“ Wütend ging Maria aus dem Zimmer, das Messer noch in der Hand.
Herr Fröhlich ballte die Fäuste.
Verdammt! Wie konnte der Graf es nur zulassen, dass wir uns wiedersehen?“
Mittlerweile wäre Fräulein Maria auf dem Flur beinahe in Frau Schmidt gelaufen, die den beiden gefolgt war. Die junge Frau sagte kein Wort, sondern stürmte zur Haupttreppe. Die Hausfrau ging zum Anwalt in das Arbeitszimmer, nicht ohne einen Blick auf den Brieföffner in Marias Hand geworfen zu haben.
Ohne Begrüßung herrschte sie Herrn Fröhlich an: „Sie haben sich keine Sympathien eingefangen, ist ihnen das klar?“
Dieser versuchte, die Angelegenheit lockerer zu sehen.
Solange weiter nichts passiert…“, meinte er gelassen.
Jaja, sie sehen wieder alles von der leichten Seite. Haben sie anscheinend schon immer gemacht. Aber denken sie bitte auch mal an andere.“ Frau Schmidt sprach etwas leiser. „Denken sie an mich! Sie spielen sich hier skandalös in den Vordergrund und wollen dann noch vertuschen, dass sie das Geld damals an sich gerissen haben? Sie sollten nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken, das wäre für uns beide gesünder.“
Frau Schmidt, ich kann nichts dafür! Der Graf ist an allem Schuld. Er macht mich noch wahnsinnig.“
Das stimmt ausnahmsweise mal. Der Graf ist unser einziges riesiges Problem. Wissen sie was? Bringen sie ihn um“, schlug sie skrupellos vor. „Dann haben wir freie Bahn. Und ich verspreche ihnen: Wenn sie es nicht tun, tue ich es!“
Herr Fröhlich hatte keine Gelegenheit, zu antworten. Frau Schmidt hatte das Arbeitszimmer verlassen. Der Anwalt setzte sich auf das Bett und stützte den Kopf in die Hände. Wie kann Frau Schmidt nur so über ihren langjährigen Arbeitgeber denken! Aber sie hat recht, er ist im Weg. Und wenn Maria nicht gekommen wäre, hätte alles so einfach werden können! Mit einem Seufzer stand Herr Fröhlich auf und ging zu seinem Zimmer. Es hatte keinen Sinn, sich jetzt den Kopf zu zerbrechen. Morgen früh würde alles ganz anders aussehen.

Es war der letzte Tag vor dem Familientreffen. Graf Maibusch war mit James unterwegs, um letzte Besorgungen zu tätigen. Auch Fräulein Maria war außer Haus. In aller Seelenruhe saßen Herr Hansen und Frau Sauerlich zusammen mit Herrn Flip am Küchentisch und frühstückten. Der ganze Trubel ließ sie unberührt.
Ist die ganze Meute ausgeflogen?“ fragte Herr Hansen, während er auf einem Brötchen herumkaute.
Das scheint mir so“, antwortete Herr Flip grinsend, als der Gärtner sich an einem Krümel verschluckte. „Fräulein Maria habe ich noch gar nicht gesehen, James und der Graf sind einkaufen gefahren, Herr Fröhlich macht sich sehr rar…“
Frau Sauerlich setzte ihre Kaffeetasse ab. Die Plörre war ihr viel zu schwach.
Das wird sie doch hoffentlich nicht auch noch verwundern, oder? Herr Fröhlich ist ein niederträchtiger, gemeiner…“ Weiter kam sie nicht, Herr Hansen wiegelte ab.
Wir haben verstanden. Lassen wir das Thema beiseite. Ich habe nachher draußen noch genug zu tun, da passt es mir nicht, wenn sie mir jetzt schon die Stimmung verderben. Wie kommt es eigentlich, dass wir hier so gemütlich am Tisch sitzen, obwohl wir uns doch eigentlich die Haare raufen sollten, nach dem gestrigen Abend?“
Ich bin es, die empört ist“, warf Frau Sauerlich ein. „Schließlich bin ich verraten worden. Und meine Heldentat wurde als Schande dargestellt. Ich gelte jetzt als das Enfant terrible in diesem Trio Infernale.“
Oh, wie gebildet sie sich ausdrücken!“ spottete Herr Hansen.
Frau Sauerlich ignorierte die Spitze. „Ich bin der Bösewicht! Und das nur, weil ich sie“, sie nickte zu Herrn Flip, „vor dem bösen Monster gerettet habe.“ Dabei zeigte sie auf den Gärtner. Der schüttelte den Kopf.
Nun ist aber mal gut. Auch ich habe bloß versucht, mich zu verteidigen. Gegen sie, Herr Flip, weil sie mir so taktlos gekommen sind. Mich irgendeines Verbrechens zu bezichtigen!“
Habe ich mich nicht schon einmal entschuldigt?“ Herr Flip klang entnervt. „Das reicht ihnen wohl nicht. Sie reizen mich wieder, mein Bester!“
Ach bitte, bitte! Reden sie doch nicht so viel über sich!“ unterbrach Frau Sauerlich hochnäsig das freundliche Gespräch der beiden Männer. Pikiert fuhr sie fort: „Ich bin es, die hier schlecht behandelt wird. Sie können ihre kleinen Streitereien auch später klären. Das tut hier jedenfalls nichts zur Sache.“
Herr Flip zeigte sich einsichtig. „Bitte, wir müssen nicht über unseren Zwist reden. Aber auch nicht über ihren. Kommen wir zu angenehmeren Themen“, beschloss der Sunnyboy. „Kennt einer von ihnen Fräulein Maria etwas besser? Ich fand sie gestern ziemlich reizend.“
Wohl eher etwas reizbar.“ Herr Hansen kicherte über seinen kleinen Witz. „Da wird sich doch wohl nicht jemand verlieben?“ Und er dachte an seine eigenen jungen Jahre. Seine Frau, die mittlerweile das Zeitliche gesegnet hatte… Sie war die schönste Frau der ganzen Welt gewesen. Wenn sie nur sehen könnte, wie sich die Kinder entwickelt hatten!
Pah!“ Herr Flip holte den träumenden Gärtner in die Wirklichkeit zurück. „Ich glaube, Liebe wäre etwas übertrieben. Sympathie ist wohl passender.“
Frau Sauerlich rückte mütterlich ein Stück näher an Herrn Flip und meinte entzückt: „Aber sie brauchen sich doch nicht zu schämen. Junge Liebe ist etwas Wunderbares! Auch ich war einmal jung“, schwärmte sie.
Trocken konterte Flip, dem die alternde Dame etwas zu nahe gekommen war: „Das muss aber schon sehr lange her gewesen sein.“
Das zahle ich ihnen heim.“ Urplötzlich war Frau Sauerlichs Gesicht wieder verschlossen. Sie kniff die Augen zusammen und starrte Flip an. Herr Hansen verdrehte die Augen gen Zimmerdecke.
Himmel!“
Und sie sind mal schön ruhig.“ Auch den Gärtner kanzelte Frau Sauerlich prompt ab. Das reichte Herrn Flip. Er stellte seinen Teller in die Spüle und verließ mit einem schlichten „Sie öden mich an. Bis demnächst!“ die Küche.
Der ist heute ja wieder schrecklich. So gewöhnlich!“ ärgerte die Angesprochene sich.
Herr Hansen beugte sich vor. Jetzt war Gelegenheit zum Reden.
Ich muss sie mal was fragen“, begann er. „Haben sie zufällig irgendeine besondere Beziehung zwischen Herrn Fröhlich und Frau Schmidt bemerkt? Die beiden hängen bemerkenswert oft miteinander herum.“
Frau Sauerlich zeigte sich überrascht und gestand sich im Geiste sogleich ein, dass sie die anderen im Hause kaum eines Blickes würdigte. Sie selbst stand schließlich im Mittelpunkt des Universums! So sollte es zumindest sein.
Ja? Das ist das erste Mal, dass ich davon höre“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Die beiden kennen sich doch kaum. Sie glauben wirklich, dass die unter einer Decke stecken?“
So weit würde ich nicht gehen. Aber da ist etwas faul. Ich weiß nur noch nicht, was. Aber da komme ich schon hinter.“
Jetzt fangen sie genau an wie der verrückte Flip. Stecken ihre Nase in Angelegenheiten, die sie gar nichts angehen. Sie finden das doch selbst so nervig, warum also machen sie das?“
Neugier. Ich werde schon herausfinden, was Herr Fröhlich im Schilde führt.“
Neugier. Die Quelle jeglicher Tratschsucht. Ohne Neugier gäbe es wohl kaum die illustre Runde um Frau Sauerlich. Die ehrenwerte Katherine von Schneider, Johanna Güldenburg und Frau Adelstein wären wohl ohne ihr tägliches Klatschbedürfnis nie zusammengekommen. Wenn sie, Josephine Sauerlich, nun ein wenig lauschen und vielleicht sogar geheime Intrigen entdecken könnte… das wäre herrlich! Herr Hansen hatte sie überzeugt.
Sie könnten recht haben. Ich nehme mir mal Frau Schmidt vor“, willigte Frau Sauerlich ein.
Herr Hansen nickte zustimmend. „Gut. Viel Erfolg bei ihren Nachforschungen!“ Der Gärtner verließ die Küche und machte sich auf in den Garten. Schließlich musste dort noch etwas getan werden.
Frau Sauerlich stand auf und stellte ihren Teller zusammen mit dem von Herrn Hansen in die Spüle. Dann blickte sie missbilligend auf den Teller, den kurz zuvor Herr Flip dort hineingestellt hatte. Typisch, dachte sie. Immer die Arbeit auf andere abwälzen. Ich werde Frau Schmidt das Spülen abnehmen. Gerade wollte sie das Wasser ins Spülbecken einlaufen lassen, da fiel ihr ein, dass das Spionieren viel wichtiger war. Wozu hat man außerdem eine Hausfrau, dachte sie unbekümmert und machte sich auf den Weg, Frau Schmidt zu suchen. Erst wird sie mir ein paar Fragen beantworten, dann kann sie hier abwaschen. Mit diesen Gedanken verließ Frau Sauerlich die Küche.

Anders, als alle Zurückgebliebenen dachten, war Graf Maibusch nicht einkaufen gefahren. Zusammen mit seiner Nichte Maria spazierte er durch den Wald am Birkensee. Obwohl es wieder ein wunderbarer Sommertag war und die Morgensonne aus voller Kraft schien, drangen nur wenige Lichtstrahlen durch das Blätterdach des Waldes. Es war sehr finster, nur hier und da eine einsame Lichtung. Mitten in diesem Wald war der Friedhof von Birkenstein gelegen. Da es überall derart finster, bekam der Friedhof eine unheimliche Atmosphäre, zumal sich außer bei Beerdigungen kaum ein Mensch dorthin verirrte. Eine kleine Kapelle stand in einer Ecke des Friedhofes. Von dort aus konnte man über eine alte, kaum benutzte Straße nach Birkenstein gelangen. Alternativ konnte man natürlich auch den Weg durch den Wald nehmen, so wie Graf Maibusch und Fräulein Maria.
Schweigend waren sie durch den Wald gewandert und hatten den Geräuschen der Tiere gelauscht, das leise Rauschen der Blätter und des Baches wahrgenommen. Am Friedhof angekommen hielt der Graf die Spannung nicht mehr aus.
Maria, jetzt sind wir also hier – das ist ja alles schön und gut. Aber nun musst du mir endlich erzählen, wozu der ganze Aufwand nötig war. Den anderen zu erzählen, ich sei mit James einkaufen gefahren. Das kann der auch gut allein. Was soll das Theater?“ fragte er.
Maria holte aus ihrer Handtasche ein paar Seiten einer Zeitung, die sie wohlweislich eingesteckt hatte, und breitete sie auf einer bemoosten Bank aus, um sich zu setzen. Auf keinen Fall durfte ihre extravagante Kleidung, die mal wieder in kirschrot gehalten war, schmutzig werden!
Das ist doch harmlos.“ Die junge Frau warf einen Blick gen Himmel, soweit das möglich war. Die Stadtverwaltung hatte zwischen die Gräber weitere Bäume gesetzt, nicht zu dicht, sondern gerade so, dass sie angenehmen Schatten spendeten. Daher war es auf dem Friedhof nur ein wenig heller als in dem Wald.
Maria holte aus ihrer Tasche einen kleinen Spiegel und betrachtete ihr Make-up. Während sie sich bewunderte, fuhr sie fort: „Sei froh, dass alles so glimpflich abläuft. Ich hätte Herrn Fröhlich auch einfach erschießen können. Wie kann er es nur wagen, zu diesem Treffen zu kommen? Wie kann er es wagen, mir noch einmal unter die Augen zu treten?“
Du sagst ´Herr Fröhlich`? Das ist ziemlich unpersönlich, er ist immerhin dein Vater!“
Jetzt nicht mehr“, erwiderte Fräulein Maria trotzig.
Wie du willst, aber bitte gib nicht Herrn Fröhlich die ganze Schuld. Er wusste nicht, dass du kommen würdest.“
Das ändert nichts an der Tatsache, dass er meine Mutter verlassen hat. Seitdem lebt sie einsam vor sich hin. Du hast sie nicht zum Familientreffen eingeladen. Das gibt ihr nicht gerade das Gefühl, als würde sie von allen geliebt. Warum übergehst du sie?“
Weil ich dieses Treffen nicht allein aus familiären Gründen einberufen habe.“
Ach?“ Es klang sehr höhnisch.
Es ist notwendig, dass ein ganz bestimmtes Publikum kommt.“
Dann kannst du mir doch sicher verraten, warum?“
Nein“, antwortete Graf Maibusch. Er befand sich in einer Zwickmühle. Irgendwie musste er das Zusammentreffen von Maria und seinem Anwalt entschuldigen und sich dafür rechtfertigen, seine Cousine nicht eingeladen zu haben, durfte dabei aber kein Wort über seine wahren Absichten bei der Feier verlieren. Sein Erfolg war sehr dürftig.
Fein, meine Laune wird immer besser“, sagte Maria bissig. „Ich weiß nicht, was mich daran hindert, dich einfach so umzubringen.“
Erschrocken erwiderte der Graf: „Ich bin immerhin dein Onkel!“
Ich halte Familienbande nicht für fähig, einen Mord zu verhindern. Aber es wäre wohl sinnvoller, wenn ich tatsächlich Herrn Fröhlich beseitige“, fügte sie trocken hinzu.
Das kannst du nicht tun! Ich brauche ihn für meinen Plan!“ In Not stand Graf Maibusch auf und ging mit gesenktem Haupt vor der Bank auf und ab. Wie könnte er die Situation lösen?
Aha, ein Plan?“ fragte Maria hellhörig. „Dann plane man bitte gleich mit ein, deinen lieben Anwalt irgendwie aufs Kreuz zu legen. Er hat es verdient. Du kannst doch deiner lieben Nichte so einen kleinen Gefallen nicht abschlagen, oder?“
Der Graf blieb stehen und sah auf. „Und ob ich das kann.“ Ich habe es nicht nötig, dass meine Nichte sich in meine Sachen einmischt, dachte er.
Das brachte Fräulein Maria auf die Palme. Sie stand von der Bank auf und zischte ihren Onkel an: „Dann stell dich besser darauf ein, dass du in Zukunft nicht mehr viel zu lachen hast!“ Hoch erhobenen Hauptes verließ sie den Friedhof.
Der Graf wanderte durch die Reihen und blieb schließlich bei einem Grab stehen. Er schaute auf den Grabstein und sagte: „Ach, Vater! Wenn du noch da wärst, du wüsstest, was zu tun ist. Dieses Treffen gerät mir langsam, aber sicher aus den Händen. Warum kann es nicht gut laufen? Irgendwie habe ich Angst vor dem morgigen Tag.“ Dann schüttelte er den Kopf und ging forsch zum Waldweg. „Jetzt rede ich schon mit einem Grabstein. Das nützt doch nichts. Ich werde morgen dieses Treffen durchziehen, koste es, was es wolle. Wenn alles klappt, werde ich Maria für den Schmerz entschädigen. Wäre doch gelacht, wenn das nicht ginge!“ Mit entschlossener Miene machte er sich auf den Heimweg.

Frau Sauerlichs Neugier nahm inzwischen Überhand, und so war sie sehr erleichtert, als sie Frau Schmidt im östlichen Kaminzimmer der Villa vorfand. Die Hausfrau schaute gerade eine der vielen Mittags-Talkshows. Unbemerkt schlich sich die Besucherin an, nahm vom Beistelltischchen die Fernbedienung und schaltete den Apparat ab.
Frau Schmidt, ich möchte mich mal mit ihnen unterhalten.“
Nachdem die Angesprochene sich von ihrem Schreck erholt hatte, wies sie freundlich auf einen alten Ohrensessel.
Natürlich, Frau Sauerlich. Setzen sie sich“, meinte sie einladend. „Möchten sie etwas Bestimmtes wissen oder einfach so plaudern?“
Ich wäre sehr daran interessiert, wie lange sie hier schon arbeiten.“
Ich hätte nicht gedacht, dass sie das wissen wollen“, erwiderte Frau Schmidt erstaunt. „Aber ich gebe ihnen gerne Auskunft. Vor zehn Jahren habe ich hier als Hausfrau angefangen.“
Nach der Erbschaft war mein Henry ja ziemlich vermögend. Hat er ihr Gehalt erhöht oder hatten sie vielleicht vorher schon ein relativ hohes Gehalt?“ fragte sie interessiert.
Es gelang ihr, Frau Schmidt gesprächig zu stimmen. Sie erklärte: „Also, zunächst möchte ich sagen, dass der Graf nicht nur durch die Erbschaft reich geworden ist. Er hatte auch so immer ein Händchen für Geschäfte, wenn auch nicht für das Geld, das er damit verdiente. Mein Gehalt jedoch ist gerade angemessen, also nicht überdurchschnittlich viel.“
Frau Sauerlich lehnte sich zurück und blickte vielsagend in die Luft.
Ist er also mal wieder knauserig. Das hatte ich mir schon fast gedacht.“ Dann blickte sie Frau Schmidt fest in die Augen. Es war Zeit, zum Thema Nummer Eins zu kommen. „Kannten sie Herrn Fröhlich schon vor diesem Treffen?“ fragte sie direkt.
Frau Schmidt war nicht auf diesen abrupten Themenwechsel vorbereitet.
Es bleibt mir rätselhaft, wie sie jetzt auf Herrn Fröhlich kommen“, stotterte sie. „Wir haben uns damals bei dieser Erbschaftsangelegenheit kurz getroffen, ansonsten kenne ich ihn praktisch überhaupt nicht.“
Warum lügt die Frau mich an, dachte Frau Sauerlich wütend. Sie musste etwas direkter werden.
Also, Frau Schmidt, ich will ja nicht neugierig oder aufdringlich sein“, heuchelte sie, „aber ich habe gesehen, wie sie verdächtig oft mit dem Anwalt unterwegs sind.“
Frau Schmidt schluckte.
Unterwegs?“
Ich meine, wie oft sie sich mit ihm unterhalten. Und dann habe ich auch noch mit ansehen müssen, wie Herr Fröhlich in ihrer Gegenwart eine Pistole geschwenkt hat.“
Jetzt wurde es Frau Schmidt doch ziemlich ungemütlich. Sie stammelte: „Aber das kann ja gar nicht sein. Das war vorgestern, da waren sie doch noch gar nicht…“ Die Hausfrau hielt sich die Hand vor den Mund. Zu spät bemerkte sie, dass sie sich verraten hatte.
Frau Sauerlich biss sofort an: „Also geben sie zu, dass da etwas faul ist?“
Sie können mir gar nichts beweisen.“ Frau Schmidt verschränkte trotzig die Arme. „Wie sind sie überhaupt zu diesen Informationen gekommen?“
Ich höre mich nur um. Und ich habe einen guten Bekannten in diesem Haus, der sich gerade in diesem Moment mit Herrn Fröhlich unterhält. Also, es hat keinen Zweck, zu lügen. Was ist hier los?“
Frau Schmidt suchte fieberhaft nach einer plausiblen Erklärung, mit der sie Frau Sauerlich abwimmeln konnte.
Ja… das ist nicht einfach…“ Hilflos stammelte sie vor sich hin.
Erbarmungslos drängte ihr Gegenüber weiter.
Ich will es aber hören.“
Na gut“, meinte Frau Schmidt. Es half nichts, ein Teil der Wahrheit musste preisgegeben werden. „Aber ich muss mich darauf verlassen, dass sie es für sich behalten.“
Das werde wohl noch ich entscheiden.“
Wie sie meinen. Sagen sie nicht, ich hätte sie nicht gewarnt. Graf Maibusch, ihr alter Freund, vermutet, dass einer seiner Brüder sich damals den größten Teil des Erbes gekrallt hat, obwohl es gleichmäßig aufgeteilt werden sollte.“
Ich verstehe!“ rief Frau Sauerlich erfreut. „Jetzt veranstaltet mein Henry also dieses Familientreffen, um seinen Brüdern mal genauer auf den Zahn zu fühlen.“
Ja. Herr Fröhlich soll dabei die Rechtsgrundlagen als Beweis heranziehen und Graf Maibusch vertreten.“
Aber ich verstehe nicht, was sie damit zu tun haben.“
Frau Sauerlich, ich bin seit zehn Jahren hier. Der Graf hat mir immer alles anvertraut, was irgendwie wichtig war. Ich habe mich also mit Herrn Fröhlich abgesprochen und unterstütze den Grafen bei seinem Plan.“
Und was hat eine Pistole bei dieser Unterredung zu suchen?“ Frau Sauerlich war noch immer nicht zufrieden, doch die Hausfrau wusste auch darauf eine Antwort.
Herr Fröhlich will die Brüder zur Rede stellen, wenn es soweit ist. Er befürchtet, dass einer von ihnen gewalttätig werden könnte. Also braucht er etwas zur Verteidigung. Nur für den Notfall, sie verstehen?“
Das klingt ja alles schön und gut, aber irgendwie noch zu halbseiden. Hört sich ja fast an, als hätten sie sich das aus einer dieser Talkshows abgeschaut. Irgendwie ist mir das noch zu halbseiden. Henry vertraut Leonard. Nur der andere Bruder, Friedrich, könnte zu Gewalt neigen. Aber der ist ja noch nicht einmal eingeladen. Also irgendwie traue ich ihnen nicht.“
Frau Schmidt stand auf und warf einen prüfenden Blick durch das Zimmer. Ohne Frau Sauerlich eines weiteren Blickes zu würdigen, meinte sie: „Das bleibt ihre Sache. Ich habe alles gesagt. Aus Herrn Fröhlich werden sie nicht mehr herausbekommen.“ Erleichtert über ihre elegante Flucht verließ Frau Schmidt das Zimmer. Sie musste nachher unbedingt mit dem Anwalt sprechen, an einem ungestörten Ort.

Derweil hatte Herr Fröhlich ähnliche Sorgen wie Frau Schmidt. Er saß auf dem Drehstuhl im Arbeitszimmer des Grafen und blickte Herrn Hansen an, der provozierend am Regal lehnte. Solch alte Menschen sollten nicht versuchen, cool zu wirken, dachte der Anwalt und fragte: „Was gibt’s?“
Herr Fröhlich, ich arbeite ja erst seit kurzem hier. Ich kenne mich mit den Eigenarten bestimmter Leute noch nicht so aus. Erzählen sie mir doch ein wenig darüber.“
Entspannt lehnte sich der Angesprochene im Stuhl zurück. Endlich mal ging es nicht darum, ihm die Schuld für das Leiden seiner Tochter zuzuschieben. Er war froh, endlich wieder normal mit jemandem reden zu können. Davon wollte er sich aber auf keinen Fall etwas anmerken lassen.
Daher sagte er gelangweilt: „Scheint sie tatsächlich zu interessieren. Sonst hätten sie mich wohl kaum hierher gebeten. Also, Frau Sauerlich ist die Freundin des Grafen. Sie ist immer ein wenig rücksichtslos, manchmal furchtbar aufgetakelt und überkandidelt. Das lässt aber nach ein paar Stunden nach, sie müssen sich nur daran gewöhnen.“
Herr Hansen schloss die Augen. Daran gewöhnen, dass die Frau mich niederschlägt?
Davon unbeeindruckt fuhr Herr Fröhlich fort: „Herr Flip, also, über den weiß ich selbst nicht viel. Er soll dem Grafen mal das Leben gerettet haben. Da weiß ich nichts von.“
Stimmt, er hatte das mal angesprochen. Das muss aber ganz schön wichtig sein, wenn Herr Flip deswegen zum Erben ernannt wurde.“
Sie wissen davon?“ fragte der Anwalt überrascht. „Hier scheint ja nichts geheim zu bleiben. Aber ich kann ihnen versichern, dass sie gut unterrichtet sind. Über meine Tochter kann ich ihnen nicht viel erzählen. Da fragen sie sie besser selbst. So, das war´s schon.“
Moment“, schaltete der Gärtner sich ein wenig zu laut ein, „was ist mit Frau Schmidt?“
Sofort wurde Herr Fröhlich misstrauisch.
Frau Schmidt? Die kenne ich doch kaum. Damals, als das mit der Erbschaft von Graf Maibuschs Vater geregelt werden musste, haben wir uns kennen gelernt. Aber es blieb beim einfachen Gruß, dann war alles erledigt. Sie werden die Hausfrau schon noch lieb gewinnen.“
Wahrscheinlich nicht so schnell wie sie. Ich habe gesehen, wie sie ihr letztens eine Pistole vor die Nase gehalten haben“, sagte Herr Hansen bohrend. „Hat es dafür einen triftigen Grund gegeben?“
Herr Fröhlich stand auf. Es wurde ihm sehr ungemütlich. Woher wusste Herr Hansen so viel? Er war nur der Gärtner!
Er antwortete kühl: „Sie werden es nicht glauben, aber Frau Schmidt mag alte Dinge. Sie wissen schon, Reliquien, die einst dieses Herrenhaus schmückten. Ich habe auf dem Dachboden diese alte Pistole gefunden und Frau Schmidt war ganz begeistert“, log er.
Sie sah aber nicht sehr fröhlich aus.“
Kein Wunder. Solche alten Gegenstände sind richtig schön, wenn noch eine Staubschicht darauf ist. Auch eine Patina kann dem Ganzen eine ehrwürdige Ausstrahlung verleihen. Und ich Trampel habe das Ding vorher extra noch abgewischt, damit es nicht so hässlich aussieht.“
So eine hanebüchene Geschichte soll ich ihnen glauben? Dass Frau Schmidt die Pistole in all ihrer Dienstzeit hier übersehen hat?“ Herr Hansen tippte sich an die Stirn.
Ich sagte doch, sie war auf dem Dachboden. In einer der Kisten, und sofern Frau Schmidt diese nicht alle durchgeforstet hat, kann sie das Teil gar nicht gesehen haben.“
Dann stellt sich mir jetzt die Frage, was sie in den Kisten da oben zu suchen hatten. Sie kommen mir sehr seltsam vor. Ich werde sie im Augen behalten“, meinte Herr Hansen und umkreiste den Anwalt wie der Fuchs seine Beute.
Herr Fröhlich, der eben noch recht unsicher gewirkt hatte, blickte auf und schritt mit aufrechtem Gang zur Tür.
Machen sie doch, was sie wollen. Das muss ich mir nicht länger bieten lassen“, zischte er den alten Mann an und trat hinaus auf den Korridor. Ich muss Frau Schmidt finden, dachte er. Das duldet keinen Aufschub.

Nachdem die Hausfrau fieberhaft nach Herrn Fröhlich gesucht hatte, stieß sie auf der Haupttreppe beinahe mit ihm zusammen.
Da sind sie ja, ich habe sie schon gesucht. Kommen sie mit, wir müssen uns unterhalten!“
Sie zog den Anwalt am Ärmel mit sich in die Waschküche unten. Dort war sie sich sicher, nicht gestört zu werden. Herr Fröhlich rümpfte die Nase. Die feuchtwarme Luft und der starke Geruch von Waschmittel behagten ihm nicht. Dafür war jetzt jedoch keine Zeit. Frau Schmidt schaute sich um und schloss dann die Tür.
Herr Fröhlich“, begann sie, „Frau Sauerlich hat mich mit sehr unangenehmen Fragen genervt. Ich glaube, sie vermutet etwas von unserem kleinen Spiel.“
Genauso erging es mir mit Herrn Hansen. Unglaublich penetrant hat er versucht, alles aus mir herauszuquetschen. Erst nur mit harmlosen Fragen, aber dann… Haben sie keine Angst – die beiden wissen bestimmt nichts. Wie sollten sie auch? Sie haben uns nur bei unserer Unterredung beobachtet und wollen jetzt auf den Busch klopfen.“
Da gibt es schon einen kleinen Widerspruch. Frau Sauerlich kann uns gar nicht gesehen haben, die war noch gar nicht da zu diesem Zeitpunkt.“
Herr Fröhlich hockte sich auf einen Holzblock.
Stimmt. Das heißt, die beiden stecken auch unter einer Decke. Was haben sie Frau Sauerlich erzählt?“
Sie werden nicht sehr zufrieden sein. Ich habe ihr von dem Plan des Grafen berichtet. Dass er seine Brüder überprüfen will und so weiter.“
Was!“ rief Herr Fröhlich. Frau Schmidt deutete ihm, still zu sein. Etwas leiser fuhr er fort: „Den Grafen wird das nicht freuen! Das sollte doch geheim bleiben, und nun weiß es ausgerechnet Frau Sauerlich, die größte Klatschbase der Welt.“
Frau Schmidt nahm einen der Wäschekübel und begann, die Kleidungsstücke in die Waschmaschine zu geben. Es hatte keinen Sinn, den ganzen Tag zu schwatzen. Die Hausarbeit musste gemacht werden. Während sie ein Teil nach dem anderen hineinsortierte, arbeitete ihr Verstand auf Hochtouren.
Machen sie sich keine Sorgen, sie wollte mir eh nicht recht glauben. Ich denke, Frau Sauerlich ist eine von der Art, die nichts weitererzählt, von dem sie selbst nicht total überzeugt ist. Mich interessiert nun vielmehr, was sie Herrn Hansen erzählt haben.“
Eine absurde Geschichte. Ich habe gesagt, dass sie Antiquitäten mögen und deshalb so begeistert von der Pistole waren.“
Frau Schmidt blickte den Anwalt an und stemmte die Hände in die Hüften.
Was für ein Blödsinn. Wenn dieser Mensch auch nur einen Funken Verstand hat, wird er Verdacht schöpfen. Und der Graf kriegt von alledem scheinbar gar nichts mit.“
Das ist auch gut so. Er darf unter keinen Umständen erfahren, dass wir hinter dem verschwundenen Geld stecken. Wir müssen verhindern, dass Frau Sauerlich und Herr Hansen neugierig werden.“
Na toll. Die springen doch wie die Spürhunde auf unsere Fährte an, wenn sie sich besprechen und dabei herauskommt, dass wir ihnen völlig verschiedene Märchen aufgetischt haben.“
Ich sehe das Problem nicht“, meinte Herr Fröhlich ruhig. „Sie werden sich darum kümmern, dass die beiden nicht irgendwo zusammenkommen und sich austauschen. Das könnte verheerende Folgen für mich und auch für sie haben.“
Das haben wir ja schon einmal durchdiskutiert. Ich bin nicht für den Knast geboren. Also, wir müssen die beiden trennen.“
Und wie lange?“
Tja… auf Dauer kann das nicht gut gehen.“
Also, wenn wir es bis zum Ende des Familientreffens schaffen, habe ich einen Ausweg. Ich könnte Graf Maibusch irgendeinen Unsinn erzählen, dass sein Bruder Leonard das Geld an sich gerissen hat.“
Davon war die Hausfrau nicht überzeugt.
Denken sie etwa, dass Leonard das zugeben wird?“ fragte sie.
Natürlich nicht, er hat es ja nicht getan“, lenkte der Anwalt ein. „Deshalb werden sie ihn aus dem Weg räumen“, fügte er hinzu und hob eine schwere Rohrzange auf, die neben dem Holzblock auf dem Steinboden lag. Frau Schmidt blickte zunächst misstrauisch auf das Werkzeug. Es war dieselbe Zange, die sie gestern in die Kiste in der Speisekammer gelegt hatte… oder war es vorgestern? Und wie kommt sie jetzt hierhin?
Ich verlasse mich auf sie, sie sind ja auch sonst so eine kompetente Person“, meinte Herr Fröhlich süffisant und drückte ihr das Werkzeug in die Hand. Daraufhin verließ er den Raum.
Frau Schmidt stellte die Waschmaschine an und betrachtete die Rohrzange in ihrer Hand. „Es muss auch noch eine einfachere Methode geben. Na warten sie, lieber Graf…“, sagte sie in die Stille, die nur vom Summen der Waschtrommel unterbrochen wurde. Plötzlich erschien ihr der Gedanke an Mord nicht mehr ganz so abwegig. Mit Gedanken, die nicht viel reiner waren als die noch ungewaschene Wäsche ging sie schwerfällig auf den Ausgang zu.


























Kapitel 4

Das herrliche Wetter lud dazu ein, draußen zu sitzen. Graf Maibusch hatte James eingeladen, sich eine Pause zu gönnen. Daher saßen beide im Pavillon im Garten und tranken Tee. Herr Hansen war dabei beschäftigt, diverse Blumen und kleine Sträucher umzusetzen und die Beete zu gießen. Der Graf schaute freudig auf den Garten, der immer schöner wurde. James hatte eine Illustrierte in der Hand und blätterte interessiert. Hin und wieder blickte er verächtlich auf eine Schlagzeile. Dann gab er das Blatt dem Grafen und tippte auf einen Artikel.
Sehen sie sich das mal an! Familiendrama – Tochter tötet Vater wegen Make-up. Also, so einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen“, sagte er.
Graf Maibusch riss ihm die Zeitschrift aus der Hand und warf sie auf den Boden.
Sie sollten ja auch nicht so einen Schwachsinn lesen, James. Käseblätter sind nichts für die gehobene Klasse. Ich will nicht, dass morgen auch nur ein Blatt dieser Sorte in meinem Anwesen zu finden ist. Beseitigen sie diesen Müll bitte, wenn sie genug pausiert haben“, ordnete er an.
Ich werde dafür sorgen, Sir“, erwiderte der Butler untertänig. „Haben sie sonst noch irgendwelche speziellen Wünsche bezüglich der Feier morgen?“
Ja. Alles muss perfekt werden. Aber ich merke schon, bei dieser Gästewahl könnte das etwas schwierig werden. Wir müssen das Beste daraus machen.“
James drehte die Augen gen Himmel.
Sie sprechen gerade so, als sei dieses Familientreffen ein notwendiges Übel! Sie haben es doch selber angeleiert. Freuen sie sich etwa nicht, die Familie wieder vereint zu wissen?“
Der Graf schaute etwas verlegen in die Gegend. „Vielleicht sollte ich ihnen dazu etwas gestehen“, druckste er.
Das halte ich für gar keine schlechte Idee. Wenn es zumindest ein paar der Probleme hier klärt. Ich versuche krampfhaft, eine Erklärung für das Verhalten einiger Personen hier zu finden.“
Graf Maibusch war durch das forsche Auftreten des Butlers ein wenig eingeschüchtert. „Vielleicht könnten sie etwas deutlicher werden?“ fragte er.
Selbstverständlich! Frau Schmidt ist ebenfalls Angestellte hier. Sie ist Hausfrau, verhält sich aber wie ein internationaler Spion. Es kommt mir so vor, als wüsste sie viel mehr als wir alle.“
Ich habe sie in mein Vertrauen gezogen“, erklärte der Graf und blickte dabei auf Herrn Hansen, der jetzt mit einem kleinen Bäumchen den Weg in den Park betrat, „das ist doch selbstverständlich. Sie arbeitet seit zehn Jahren hier und ich weiß, dass ich ihr vertrauen kann. Sie sehen ja selbst, dass Frau Schmidt nichts verrät.“
Und sie verraten mir auch nichts“, stellte James fest. „Sie mogeln sich um meine Fragen herum.“
Graf Maibusch übertünchte seine Verlegenheit, indem er forsch aufstand und herablassend erklärte: „James, ich muss sie darauf hinweisen, dass ich durchaus ein Recht auf Privatsphäre habe. Ich bitte sie, das zu respektieren.“ Damit ging er zurück zum Haus.
James blieb auf der Bank sitzen und schaute seinem Arbeitgeber hinterher. Ich bekomme keine Antworten, dachte er. Immer wieder neue Fragen. Der Graf hat also etwas zu verbergen, das hat er selbst zugegeben. Ich werde wohl Frau Schmidt fragen müssen. Vielleicht ist sie etwas redseliger.
Der Butler sah, wie eine Frau den Weg des Grafen kreuzte. Sie grüßte ihn. Graf Maibusch schien ein paar Worte zu sagen und deutete dann zum Pavillon hin, wo James saß. Die Frau nickte und ging dann zum Pavillon.
Sie kam direkt zum Butler und schüttelte seine Hand. Freundlich grüßte sie: „Guten Tag! Sie müssen James sein. Ich bin Konstanze Braunfeld, ihre Nachbarin. Ich habe eben den Grafen getroffen, aber er wollte nicht mit mir reden und hat mich an sie verwiesen“, sagte sie entschuldigend.
Das ist schon in Ordnung.“ Der Butler wies auf den eben freigewordenen Platz. „Setzen sie sich zu mir, dann können wir uns ein wenig unterhalten.“
Frau Braunfeld setzte sich auf die Bank und beugte sich dann vor.
Also, James, irgendwie kommt mir der Graf in letzter Zeit ein wenig merkwürdig vor. Können sie sich das erklären?“
Das ist ganz erstaunlich“, sagte James. „Wissen sie, ich arbeite erst seit ein paar Tagen hier, und doch habe auch ich eine Veränderung mitbekommen. Es ist mir genauso rätselhaft wie ihnen. Aber das muss an den Gästen in diesem Haus liegen.“ Er sah, wie Herr Hansen wieder aus dem Park herauskam und zur Hausvorderseite ging.
Wegen des Familientreffens morgen?“ fragte Frau Braunfeld.
Nicht unbedingt. Die Anwesenden reichen schon völlig aus. Da laufen irgendwelche krummen Geschäfte ab, scheint es mir. Ich will der Sache mal nachgehen.“
Konstanze Braunfeld lehnte sich zurück. Ein Butler, der Nachforschungen anstellt?
Ich will ihnen ja nichts vorschreiben, aber denken sie nicht, dass das weit über den Aufgabenbereich eines Butlers hinausgeht?“ fragte sie zweifelnd.
James sah es an der Zeit, seine Aufgaben zu erklären.
Ganz unrecht haben sie natürlich nicht, aber ich will ihnen mal sagen, warum ich es trotzdem machen werden. Erstens sind meine Aufgaben als Butler hier sehr beschränkt. Es gibt in der Tat wenig zu tun, gerade, da das Treffen verschoben wurde. Ich sitze hier fast nur herum. Hier und da mal etwas zur Seite räumen, aber auf mehr läuft es nicht hinaus. Meine Hauptrolle ist die des Adelsrepräsentanten. Morgen beim Familientreffen will der Graf etwas darstellen, daher der ganze Hofstaat. Sie dürfen ihm das nicht übel nehmen“, setzte er hinzu, als er sah, wie Frau Braunfeld leise kicherte. „Zweitens beunruhigt mich die Lage sehr. Diese geheimen Machenschaften überall stellen eine Bedrohung für den Grafen dar. Sie hätten gestern Abend hier sein sollen!“
Gestern Abend? Warum denn?“ fragte die Braunfeld neugierig.
Kennen sie Fräulein Maria, die Nichte des Grafen?“
Ja. Sie ist so ein nettes Mädel…“
Manchmal auch ziemlich keck. Allein diese aufreizende Kleidung, dem Anlass völlig unangemessen. Wie dem auch sei, dann kennen sie bestimmt auch Herrn Fröhlich?“
Allerdings. Ich habe ihn auch schon mal aufgesucht. Er ist ein sehr kompetenter Anwalt, wenn er nicht so eine Schwäche für gewisse Gelder hätte.“
Sie meinen, er ist bestechlich?“ fragte der Butler ungläubig. Wie kann ein so angesehener Mensch es sich erlauben, krumme Geschäfte zu machen?
Ich kann es ja ruhig sagen, es ist unter seinen Klienten und Bekannten ein offenes Geheimnis. Seine Hobbies sind Golf und Korruption.“
Moment, besticht er oder wird er bestochen?“
Wie es halt am besten passt.“
Ich danke ihnen für diese Information. Das ist wirklich sehr interessant. Jedenfalls hat der Graf beide, Fräulein Maria und Herrn Fröhlich, für das Fest eingeladen. Er hat nicht mehr gewusst, dass Herr Fröhlich der Vater von Maria ist.“
Diese Nachricht war auch für Frau Braunfeld eine Neuigkeit. Erschrocken hielt sie die Hand vor den Mund.
Du meine Güte! Der Kerl, der das arme Mädchen und ihre Mutter verlassen hat, ist Herr Fröhlich?“ fragte sie empört.
James blieb sachlich. „So ist es. Gestern hat es eine heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden gegeben. Ich kann nur hoffen, dass es eine Versöhnung gibt.“
Die elegante Frau schaute ihn spöttisch an.
Sie sind ein Optimist. Herr Fröhlich hat Frau Mahler…“, als sie James´ fragenden Blick sah, ergänzte sie: „Das ist Marias Mutter. Jedenfalls hat er ihr so viel angetan. Ich glaube nicht, dass das jemals behoben werden kann. Somit dürften jetzt zwei Leute ziemlich sauer auf Graf Maibusch sein.“
James überlegte und sprach schließlich aus, was beide dachten: „Es bleibt nur zu hoffen, dass die Situation nicht eskaliert.“
Ich weiß auch gar nicht mehr, ob ich morgen kommen soll oder nicht“, sagte Frau Braunfeld bedrückt.
Ach, sie sind auch eingeladen?“
Der Graf war so freundlich“, erwiderte sie.
Ich bitte sie, kommen sie! Wir müssen zusammen versuchen, das Schlimmste zu verhindern“, sagte der Butler aufmunternd und blickte die Nachbarin an. Sie hatte neuen Mut geschöpft.
Gut. Wir sehen uns morgen. Und sagen sie keinem ein Wort von unserer Unterhaltung“, sagte sie entschlossen.
Natürlich nicht“, versicherte James und schüttelte ihr zum Abschied die Hand.

Wo ist Frau Schmidt, wenn man sie mal braucht, dachte Herr Flip und durchsuchte fluchend die Regale der Speisekammer nach Essbarem. Er merkte nicht, wie von hinten Fräulein Maria sich anschlich. Sie tippte ihm auf die Schulter, worauf er zusammenzuckte und sich umdrehte.
Sie sind doch Herr Flip, nicht wahr?“ fragte sie freundlich.
Ihr Gegenüber hatte sich von dem Schrecken erholt und antwortete: „Und sie sind Fräulein Maria. Suchen sie auch etwas zu essen?“
Scheint so, sonst würde ich diesen engen, vollgestopften Raum nie betreten.“ Fräulein Maria blickte sich nach allen Seiten um und rümpfte die Nase. „Ich bin Besseres gewöhnt.“
Vielleicht kann ich ihnen helfen“, schlug Flip vor. „Suchen sie etwas Bestimmtes?“
Doch die junge Dame winkte ab.
Ach lassen sie nur. Wenn ich all diese Schlemmereien sehe, wird mir übel. Davon werde ich fett.“
Herr Flip blickte Maria an. Von fett konnte gar keine Rede sein. Sie trug mal wieder sehr figurbetonte Kleidung, die keinen Zweifel an ihrem schlanken Körper ließ. Gleichzeitig warf Fräulein Maria einen neugierigen Blick auf Flip. Er scheint gut in Form zu sein, dachte sie und schmunzelte. Dann setzte sie wieder eine kühle Miene auf und sagte: „Sie können mir aber anderweitig helfen.“
Geht es um ihren Vater?“ fragte Flip ahnend.
Genau. Ich hatte gehofft, es würde nicht Gesprächsthema Nummer Eins werden, aber dazu ist es ja jetzt wohl zu spät.“ Ungeniert griff sie sich einen Apfel vom Regal und biss herzhaft hinein.
Dafür war ihr Auftritt aber auch zu beeindruckend.“ Der junge Mann schmunzelte und erinnerte sich an den Vorabend. Die Szene erinnerte ihn an eine schlechte Seifenoper.
Dafür hatte Maria überhaupt kein Verständnis. „Sie tun ja gerade so, als hätte mir das Spaß gemacht“, sagte sie vorwurfsvoll. „Sie wissen doch, was dieser Mensch mir und meiner Mutter angetan hat. Da ist es nur natürlich, wenn ich die Nerven verliere.“
Trotzdem sollten sie sich zurückhalten.“ Herr Flip versuchte es nun auf die einfühlsame Tour. „Es gibt Menschen, die nimmt so ein Ereignis derart mit, dass sie zu erschreckenden Mitteln greifen. Ich bitte sie, diesen Fehler nicht auch zu begehen.“
Wem wäre denn damit geholfen? Es gibt nichts, was diese Schande rückgängig machen kann.“
Herr Flip beobachtete Fräulein Maria, die trotzig ein weiteres Mal in ihren Apfel biss. Er hielt es für besser, dem jungen Mädchen reinen Wein einzuschenken, damit es nicht zu noch mehr Enttäuschungen für sie kommt. Er setzte an: „Es wird ihnen sicher keine Freude bereiten, was ich ihnen zu erzählen habe. Der Graf und Herr Fröhlich arbeiten zusammen.“ Fräulein Maria blickte ihn scharf an. Er fuhr fort: „Graf Maibusch hat dieses Treffen extra organisiert, um…“
Fräulein Maria brauste auf: „Was!!! Das hat er alles mit Absicht gemacht? Ich hasse ihn, diesen verdammten Mistkerl. Wie kann er seiner Nichte nur so etwas antun! Oh, wenn sie wüssten, was für eine Wut ich habe“, zischte sie Flip an, der einen Schritt zurückgewichen war. Die Aufgebrachte ging auf ihn zu. „Gehen sie mir aus dem Weg, ich brauche was Handfestes, um meinen Zorn abzulassen.“
Fräulein Maria, sie haben mich falsch verstanden!“
Ich verstehe noch sehr gut. Graf Maibusch hat das alles zusammen mit meinem Vater geplant, um mich in den Wahnsinn zu treiben, doch damit ist jetzt Schluss. Ich werde diesen miesen Wurm beseitigen, damit ich ihn nie mehr ertragen muss.“
Wen meinen sie?“
Was macht das schon aus? Ich werde beide erledigen. Herrn Fröhlich für seine Hinterhältigkeit und meinen Onkel, um mich an ihm zu rächen. Die beiden werden nichts mehr zu lachen haben. Gehen sie schon weg, da muss doch irgendwas sein, um mich zu verteidigen!“
Fräulein Maria wollte an das hintere Regal gelangen, doch Herr Flip versperrte ihr den Weg. Mit beiden Händen drängte er die Furie zurück. Fräulein Maria sah ein, dass sie hier nicht weiterkommen würde. Sie drehte sich auf der Stelle um und sagte: „Gut, wenn sogar sie schon gegen mich sind – ich kann mir auch alleine helfen.“
Fräulein Maria rauschte davon. Herr Flip war beeindruckt von dieser turbulenten jungen Frau. Er rief hinterher: „Aber sie haben das falsch verstanden! Die beiden arbeiten zusammen, um mir zu helfen!“ Doch das hatte sie wahrscheinlich schon nicht mehr gehört.

Nach dem Gespräch mit Frau Braunfeld war James ernüchtert von Graf Maibuschs Verschlossenheit ins Haus gegangen, in der Hoffnung, aus Frau Sauerlich die Wahrheit herauszubekommen. Er fand die Hausfrau im Bügelzimmer. Sie legte gerade die Wäsche zusammen. Das Rollo war zum größten Teil heruntergezogen, um vor der blendenden Sonne zu schützen. Dadurch herrschte eine gedämpfte, düstere Atmosphäre in dem Raum, ganz anders als im Rest des Hauses. Frau Schmidt schien sich hier wohl zu fühlen. Leise betrat der Butler das Zimmer und setzte sich auf einen Stuhl. Eine Zeitlang schaute er Frau Schmidt beim Bügeln zu.
Ist was?“ fragte sie schließlich gereizt.
Frau Schmidt, bitte erzählen sie mir, was sie wissen. Ich weiß, dass sie und der Graf mir einiges verheimlichen. Ich bin immerhin der Butler. Ich fürchte, dass das Familientreffen unter dunklen Vorzeichen steht und würde gerne das Schlimmste verhindern, aber ich kann nicht, wenn sie mich über alles im Unklaren lassen.“
Lassen sie es, James“, antwortete Frau Schmidt kühl. „Sie sind hier genauso Angestellter wie ich. Ich wüsste nicht, was ich wissen sollte, dass sie nicht bereits erfahren haben.“ Demonstrativ knallte sie das Bügeleisen auf den Tisch. „Es spricht sich doch sonst alles so schnell herum“, höhnte sie.
Der Graf hat es mir selbst gesagt. Ihnen hat er etwas anvertraut, weil sie nun schon seit mittlerweile zehn Jahren hier arbeiten. Ich bin zwar erst kurz hier, aber mir ist klar, dass hier einige Leute unter einer Decke stecken. Das wäre ja noch harmlos, wenn es nicht gleich mehrere Decken auf einmal wären.“
Frau Schmidt drehte sich um und stemmte die Hände in die Hüften. Was redete dieser Mensch für ein wirres Zeug!
Könnten sie sich vielleicht etwas klarer ausdrücken“, forderte sie.
Herr Hansen hat irgendetwas mit dem Grafen zu tun. Das spürt man einfach, wenn ich auch nicht weiß, worum es geht. Gleichzeitig ist da aber auch etwas mit Herrn Flip und Frau Sauerlich. Während Frau Sauerlich wiederum scheinbar etwas mit ihnen im Schilde führt.“
Mit mir?“ fragte Frau Schmidt erstaunt, wobei sie das „mit“ betonte. Hatte diese aufgetakelte Frau sie nicht erst kürzlich ganz unverschämt verhört? „Da müssen sie sich täuschen, ich kann Frau Sauerlich nicht leiden. Sie ist mir ein wenig zu resolut, wenn sie auch in letzter Zeit scheinbar unter Schwächeanfällen leidet.“
Das liegt vielleicht am Wetter“, vermutete der Butler. „Jedenfalls kann ich wohl keinem im Haus trauen, außer vielleicht Fräulein Maria.“
Wie aufs Stichwort stürmte Fräulein Maria in das Zimmer. In der rechten Hand hielt sie eine Pistole.
Wo ist mein Onkel?“ bellte sie, schaute sich kurz um und ging wieder, ohne eine Antwort abzuwarten. James schaute zur offenen Tür.
Scheinbar habe ich mich geirrt. Ich werde nachher ein ernstes Wort mit der jungen Frau reden müssen.“
James, sie machen mich wahnsinnig. Als ich ihnen sagte, sie sollten wie ein typischer Butler auftreten, meinte ich nicht die Neugier mit eingeschlossen! Für wen halten sie sich denn? Halten es für nötig, die Besucher auszuhorchen. Als ob das nötig wäre. Aber tun sie doch, was sie wollen. Nur belästigen sie mich nicht weiter!“
Frau Schmidt verließ das Zimmer, ohne sich die Mühe zu machen, die Kleidungsstücke vom Bügeltisch wegzuräumen. James runzelte die Stirn und öffnete das Rollo.
Frau Schmidt schritt inzwischen forsch den Flur entlang, als sie aus dem Arbeitszimmer von Graf Maibusch Stimmen hörte. Sie öffnete die Tür und sah erschrocken, wie Frau Sauerlich sich mit dem Gärtner unterhielt.
Frau Sauerlich! Und Herr Hansen!“ schrie sie.
Entsetzt dachte sie an ihr Gespräch mit Herrn Fröhlich und um welchen Preis verhindert werden musste, dass die beiden sich unterhielten. So abrupt, dass die beiden fast einen Herzinfarkt bekamen, änderte Frau Schmidt ihren Tonfall und brüllte in den Flur: „Herr Fröhlich!! Kümmern sie sich mal um Herrn Hansen hier.“ Dann ging sie zu Frau Sauerlich, packte sie am Arm und zog sie hinaus auf den Flur in das Bad gegenüber. Hinter sich schloss sie die Tür ab.
Frau Schmidt, was erlauben sie sich eigentlich? Ihr Verhalten ist empörend!“ schnaufte Frau Sauerlich.
Es ist nur zu ihrem Besten“, antwortete Frau Schmidt, jetzt etwas ruhiger.
Wie meinen sie das, zu ihrem Besten?“ Frau Sauerlichs Knie wurden weich und sie taumelte ein paar Schritte. Sie setzte sich auf die Toilette und hielt sich den Kopf.
Geduldig stand Frau Schmidt daneben.
Diese Anfälle scheinen sich zur reinen Plage zu entwickeln“, sagte sie. Es war nicht zu erkennen, ob sie es fürsorglich oder entnervt meinte. Frau Sauerlich jedenfalls winkte ab.
Aber ich bitte sie, das ist nicht so schlimm. So, und nun erklären sie mir, was das hier soll. Ich wollte mich gerade gemütlich mit Herrn Hansen unterhalten.“
Frau Schmidt atmete auf. Also hatten die beiden noch nichts besprochen. Dann blickte sie misstrauisch auf die edle Dame, die auf der Toilette zusammengesunken mit dem Kopf in die Hände gestützt wie eine Betrunkene aussah.
Und worüber?“ fragte sie spitz. „Wollten sie wieder über mich und Herrn Fröhlich tratschen? Ich lasse es nicht zu, dass irgendjemand Lügen über mich verbreitet. Also seien sie still. Das wird das Beste für alle sein.“ Sie nickte selbstzufrieden.
Frau Sauerlich war damit nicht einverstanden.
Unerhört“, klagte sie. „Das ist einfach unerhört! Woher nehmen sie das Recht, so mit mir zu reden? Sie sind hier nur die Putzfrau. Ich werde zu Henry gehen und mit ihm über ihr bourgeoises Verhalten reden. Wenn sie so weitermachen, wird er sie entlassen.“
Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich arbeite seit langer Zeit hier, und sie sind doch nur so ein Emporkömmling. Ah“, fluchte sie, „ich weiß schon, warum ich Angst hatte, dass sie kommen würden. Sie machen nur Ärger.“
Sie wagen es, mich als Emporkömmling zu bezeichnen? Ich garantiere ihnen, lange werden sie hier nichts mehr zu lachen haben, auf die eine oder andere Art!“
Mit diesen Worten nahm sie das Seidentuch von ihren Schultern, knüllte es zusammen und warf es Frau Schmidt ins Gesicht. Hochhackig schloss sie die Tür auf und ging davon. Wenn sie Krieg wollen, sollen sie Krieg haben, dachte Frau Schmidt und nahm das Tuch fest zwischen beide Hände. Soll noch einer sagen, ich wäre hier nur die Hausfrau…

Graf Maibusch hatte den Butler in den Salon bestellt. Da die Dämmerung bereits eingesetzt hatte, erhellten die Leuchter an der Decke den Raum. Graf Maibusch saß an seinem Schreibtisch. Da dieses Zimmer am nächsten Tag mit Gästen gefüllt sein würde, hatte der Graf sich die Mühe gemacht und die Arbeitsfläche von allen herumliegenden Papieren befreit. Solch eine Unordnung konnte er seinen Gästen nicht zumuten, obwohl er selbst nach der Devise handelte: Nur ein Genie beherrscht das Chaos.
James stand daneben und blickte beiläufig durch den Raum. Es war alles für den Besuch gerüstet. Graf Maibusch nahm eine Liste zur Hand und hakte mit einem Bleistift systematisch einen Punkt nach dem anderen ab.
Dann wollen wir doch mal sehen, ob für morgen alles vorbereitet ist. Sind die Gästezimmer fertig?“ fragte er.
Aber natürlich“, antwortete James unterwürfig.
Wie sieht es mit dem Essen aus?“
Also, nachher wird wie immer Frau Schmidt das Essen vorbereiten. Wegen der vorzüglichen Menüfolge morgen werde ich ihr dann zur Hand gehen.“
Also will sie tatsächlich das Essen für so viele Leute vorbereiten? Ich hatte ihr doch zu einem Partyservice geraten.“
Und sie dabei in ihrer Ehre gekränkt“, fügte der Butler hinzu. „Sie wird das schon schaffen, sie ist ja nicht unfähig.“
Kommen wir zum nächsten Punkt.“ Das Thema Frau Schmidt wurde dem Grafen unleidig. „Wer wird morgen überhaupt kommen?“
Eigentlich sollten sie die Liste im Kopf haben, aber ich kann ja verstehen“, sagte James mit unerkennbar ironischem Unterton, „dass sie ein vielbeschäftigter Mann sind und nun durch die Verschiebung alles ein wenig durcheinanderbringen. Zu den Gästen, die bereits hier sind, werden noch die Komtess zu Bärenwald, ihr Onkel Joachim Mahler, ihr Bruder Leonard und ihre Nachbarin Frau Braunfeld kommen.“
Wir haben Glück, dass das Treffen wegen Leonard nicht ganz ausfallen musste.“
Sie sagen es. Aber schließlich haben sie hier auf Gut Trontstein genügend Möglichkeiten, die Gäste unterzubringen. Wir haben immer noch Zimmer frei.“
Kein Grund, uns unnötig Arbeit zu machen.“ Graf Maibusch tippte mit dem Stift auf den nächsten Punkt. „Mir ist das Programm für morgen noch nicht ganz klar. Die Gäste sollen am frühen Nachmittag, gegen 14 Uhr eintreffen. Ist das richtig?“
So hatten sie es zumindest auf die Einladungen geschrieben. Wir werden dann, nachdem sich alle frisch gemacht haben, einen Willkommenstrunk reichen. Das ist ihre Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen. Ich hoffe, sie haben sich darauf schon vorbereitet?“
Graf Maibusch spielte verlegen mit dem Bleistift herum und sagte dann: „Eigentlich noch nicht so. Was soll ich mit einer Rede? Das ist ein Familientreffen, nichts weiter.“
Wenn es „nichts weiter“ wäre, hätten sie es nicht extra verschoben, um es trotz aller Hindernisse stattfinden zu lassen. Wie dem auch sei. Nach der Begrüßung gibt es Musik und die Unterhaltungen beginnen.“
Musik haben sie ausgesucht?“
Graf Maibusch, ich muss sie schon bitten. Ich bin Butler und kein Veranstalter. Nicht ich bin es, der ihre Party organisiert. Ich überlasse ihnen die Auswahl der musikalischen Begleitung. Wir sollten jetzt fortfahren.“
Fahren sie fort“, meinte der Graf.
Gegen 16 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen. Dazu setzen wir uns alle zusammen. Um 19 Uhr gibt es Abendessen, danach beginnen wir mit Bridge.“
Wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal Bridge gespielt habe?“
Langsam wurde der Butler unruhig. Wenn Graf Maibusch sich doch nur etwas auf die Arbeit konzentrieren würde!
Kann doch egal sein“, sagte er genervt. „Morgen werden sie es bestens schaffen. Tja, und der Rest des Abends ist noch nicht verplant.“
Das ist gut, dann habe ich Zeit, noch etwas zu erledigen“, meinte Graf Maibusch und machte eine zusätzliche Notiz auf seinem Zettel. James versuchte, einen Blick zu erhaschen, was ihm aber nicht gelang.
Wenn sie mir doch nur endlich sagen wollten, worum es geht…“
James, ich werde langsam gereizt. Seien sie nicht so unverschämt neugierig.“
Nun denn“, sagte der Butler süffisant, „warten wir also bis zum Abendessen. Frau Schmidt wird uns bestimmt etwas Wunderbares herbeizaubern.“
James ließ den Grafen allein im Salon zurück. Im ganzen Haus herrschte eine gespannte Stimmung, die sich auf jeden Bewohner übertrug. Es blieb nur zu wünschen, dass alles glimpflich abliefe.

Ein wenig später hatte Herr Fröhlich Herrn Flip ins Kinderzimmer gebeten, in der Hoffnung, einen unvoreingenommenen Gesprächspartner zu finden. Das Feuer der Abendsonne leuchtete über den Garten direkt durch das große Fenster, doch der Anwalt hatte keinen Blick für das wunderschöne Panorama. Ihn quälten andere Sorgen.
Herr Flip, vielleicht reden sie noch mit mir. Inzwischen hat ja wohl jeder den Eindruck, als wäre ich das mieseste Schwein, das man sich nur vorstellen kann.“
Herr Flip ahnte, dass es kein leichtes Gespräch werden würde und setzte sich auf das Bett.
Es war ja wirklich nicht die feine Art, wie sie mit dem Fräulein Maria umgegangen sind.“
Ich bereue es ja auch“, antwortete der Anwalt verzweifelt. „Glauben sie nicht, dass ich Angst hatte, sie würde hier sein?“
Sie müssen sich einmal in Ruhe mit ihr unterhalten.“
Das geht leider nicht. Ich habe es versucht, mehrmals schon, aber es hat nichts genützt. Sie will mir einfach nicht zuhören. Kaum nähere ich mir, rennt sie schreiend davon!“
Sie muss wirklich sehr verletzt sein. Soll ich vielleicht mal mit ihr reden?“ fragte der junge Mann nicht ohne Hintergedanken.
Das ist zwar sehr nett von ihnen, aber es ist doch offensichtlich, dass sie eine gewisse Sympathie zu Fräulein Maria entwickeln.“
Das ist doch gerade gut, dann kann ich mich mit ihr unterhalten.“
Aber ich will doch nicht, dass ihre Zuneigung wegen mir zerstört wird.“
Ein unglaublich feinfühliger Gedanke für jemanden, der seine Tochter im Stich gelassen hat. Es gibt da noch eine Alternative, die sie eher wählen sollten.“
Herr Fröhlich wurde hellhörig. Schnell fragte er: „Und die wäre?“
Sprechen sie mit Frau Sauerlich. Sie ist eine sehr resolute Person, gleichzeitig kann sie aber auch sehr einfühlsam sein. Das war zumindest mein Eindruck bei unserem ersten Gespräch. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wird sie sie, Herr Fröhlich, niedermachen, weil sie Fräulein Maria geschadet haben, oder sie wird ihnen helfen, weil sie ungelöste Konflikte nicht ausstehen kann. So habe ich sie in den letzten beiden Tagen erlebt.“
Herr Fröhlich seufzte. Es gab keinen anderen Ausweg.
Ich hoffe, dass sie mir helfen wird.“
Mehr als hoffen steht nicht in unserer Macht“, konterte Herr Flip realistisch. Dann klopfte er dem Anwalt kumpelhaft auf die Schulter. „Und nun lassen sie den Kopf nicht so hängen. Es gibt gleich Essen, von Frau Schmidt zubereitet. Sie soll eine begnadete Köchin sein.“
Fangen sie nicht auch noch mit Frau Schmidt an!“ Schaudernd dachte Herr Fröhlich an seine Geschäfte mit der Hausfrau. Herr Flip schüttelte den Kopf ob der Beziehungsprobleme seines Gegenübers.
Herrje, sie müssen echt Probleme haben.“ In diesem Moment hörten die beiden ein helles Klingeln eines Glöckchens aus der Eingangshalle. Das Abendmahl war angerichtet.
So, nun kommen sie essen“, forderte Herr Flip Herrn Fröhlich auf, „es wird Zeit, aus dem Selbstmitleid zu erwachen.“
Dankbar stand der Anwalt auf und folgte ihm Richtung Küche.

Es war schon spät, als Graf Maibusch im Schlafanzug über den Flur schlurfte. Das Essen war sehr reichlich gewesen und er hielt sich den Bauch. Frau Schmidt hat sich mal wieder selbst übertroffen, dachte er und betrat sein Schlafzimmer. Nun bin ich jedoch ziemlich müde… Seltsam, ich bin doch sonst so eine Nachteule. Graf Maibusch gähnte vernehmlich. Die Anderen hatten sich zurückgezogen, bis auf Herrn Hansen, Herrn Flip und Frau Sauerlich, die noch eine Runde Karten im Salon spielten. Da sein Schlafzimmer über dem Salon auf der anderen Seite des Flures lag, konnte der Graf deutlich das Lachen der Sieger und die Flüche der anderen hören. Es wird Zeit, ins Bett zu gehen, damit ich morgen ausgeschlafen bin, sagte er sich zufrieden und legte sich in das große Doppelbett. Im Nu war er eingeschlafen.
Die Nacht war weiter fortgeschritten, inzwischen hatten sich alle zu Bett begeben. Graf Maibusch schlief tief und fest und bemerkte nicht, wie eine Gestalt unmerklich den Flur entlang schlich und die Tür zu seinem Zimmer öffnete. Innen war es stockduster, auf dem Flur brannte das Licht. Die Gestalt stand jetzt im Türrahmen und erhob ihre Hand. Darin blitzte ein Gegenstand. Der Finger saß am Abzugshebel. Es knallte. Nicht laut, aber eine Pistole muss nicht laut knallen, um ihre Wirkung zu erreichen. Dann herrschte Totenstille.










Kapitel 5

Am nächsten Morgen lag Graf Maibusch regungslos in seinem Bett. Er hatte die Augen geschlossen. Die Wecker zeigten 12 Uhr und 29 Minuten an. Kein Laut war zu hören. Dann klingelte einer der Wecker. Das Geräusch zerriss die Stille, die im Schlafzimmer geherrscht hatte. Keine Reaktion des Grafen.
Etwa fünf Minuten später schrillte die andere Uhr. Gleichzeitig schellte die Türglocke. Abrupt riss Graf Maibusch die Augen auf und drehte den Kopf zur Seite.
Verdammt!“ rief er mit einem Blick auf die Uhren. „Ich habe verschlafen!“
Schnell stand er auf. Dabei entdeckte er, dass mit dem Kissen in der anderen Hälfte des Bettes etwas nicht stimmte. Es war zerrissen. Er hob es hoch und entdeckte darunter ein Loch in der Matratze. Nach kurzem Suchen hielt er eine Pistolenkugel in der Hand.
Inzwischen war Frau Sauerlich unten zur Haustür gegangen und öffnete. Zwei Gäste standen im Vorbau. Ein Herr, der Herrn Hansen nicht unähnlich war, ebenso groß und vielleicht nur ein paar Jahre jünger. Er trug einen braunen Anzug. Neben ihm eine alte, aufgetakelte Dame in einem Nerzmantel mit einem Kopfschmuck, der so teuer aussah, als könne eine Kleinfamilie einen Monat davon leben.
Hoch erhobenen Hauptes und mit einer schnarrenden Stimme verkündete die Dame, die Frau Sauerlich im Auftreten in nichts nachstand: „Guten Morgen. Sie müssen das Dienstmädchen sein. Melden sie Komtess Gladiola zu Bärenwald und Joachim Mahler an.“
Frau Sauerlich blieb die Luft weg. Nie hatte sie geglaubt, dass jemand noch impertinenter sein konnte als sie selbst. Es schien, als sei sie ihrem Meister gegenübergetreten.
Empört sagte sie: „Sie nennen mich Dienstmädchen? Was für eine Frechheit, ich bin Henrys Freundin.“
Diese Feststellung veranlasste die Komtess dazu, abfällig die Nase zu rümpfen.
Ich kann nicht sagen, dass mein Neffe immer den besten Geschmack hatte.“
Herr Mahler schien offenbar ein sanfteres Gemüt zu haben. Beruhigend bemerkte er zu seiner Begleiterin: „Ach, lass nur, Gladiola. Ihr wart öfters entgegengesetzter Meinung, das muss aber doch mal ein Ende haben.“
Frau Sauerlich erhob den Zeigefinger, um auf sich aufmerksam zu machen. Jahrelang war das nicht nötig gewesen, doch jetzt schien sich alles nur um die Komtess zu drehen. Sie zog alle Beachtung auf sich.
Wenn ich vielleicht auch etwas anmerken dürfte?“ fragte sie vorsichtig. „Kommen sie doch herein.“
Ohne sie weiter zu beachten, gingen die Bärenwald und Herr Mahler in die Eingangshalle.
Graf Henry ist noch kurz… abwesend…“, erst jetzt bemerkte Frau Sauerlich, dass sie gar nicht wusste, wo sich ihr Freund aufhielt. „Er wird aber gleich hier sein. Inzwischen sollten wir uns bekannt machen. Kommen sie mit.“
Herr Mahler nahm der Komtess vorsichtig den kostbaren Mantel ab und brachte ihn zur Garderobe im Flur, wo er auch seine Jacke ablegte. Dann führte Frau Sauerlich die beiden in die Küche, wo sie sich setzten. Mal wieder war die Küche der Zufluchtsort in einer ungemütlichen Situation.
Wie ungemütlich es war, bekam Frau Sauerlich von Seiten der aufgebrachten Komtess zu spüren. Sie blickte sich in der Küche um und legte los: „Wenn er sich schon Graf nennen will, dann sollte er zumindest ordentliches Personal haben. Ich sehe keine Köchin, die hier bereits ein schmackhaftes Essen vorbereitet. Auch hat mir kein zuvorkommender Butler den Mantel abgenommen. Das sind unmögliche Zustände. Bei mir zuhause wäre das nie passiert. Ich habe meine Angestellten unter Kontrolle.“
Nun bleib doch ruhig, verehrte Schwägerin“, versuchte Herr Mahler, die erhitzte Löwin zu besänftigen.
Wir haben Personal“, antwortete Frau Sauerlich gereizt. „Es scheint nur gerade nicht hier zu sein, das müssen sie verstehen.“
Ich verstehe gar nichts“, klagte die Komtess.
Ein lautes Poltern und anschließendes Fluchen aus dem Flur lenkte die Blicke der Anwesenden auf die Küchentür, durch die einen Moment später Graf Maibusch hereingeplatzt kam. Er trug einen Morgenmantel und Hausschuhe. Überrascht vom Anblick seiner Gäste sagte er: „Tante Gladiola, Onkel Joachim! Ihr seid ja schon so früh hier.“
Na, mein Junge, sehr fit siehst du aber nicht aus“, scherzte der Onkel. Verlegen blickte der Graf an sich herunter.
Ich habe verschlafen“, murmelte er leise. „Ich kann mir gar nicht erklären, wie das passieren konnte. Ich habe nur noch eine Stunde Zeit, um alles vorzubereiten, mich inklusive. Josephine“, meinte er zu Frau Sauerlich, „ich brauche jetzt deine Hilfe. Du trommelst James und Frau Schmidt zusammen, und mit der Hilfe von meinem Onkel und meiner Tante bringst du dieses Haus auf Vordermann, während ich mich vorzeigebereit mache.“
Der Graf umarmte seine Tante, die dieses gnädig über sich ergehen ließ und dabei an das dachte, was ihr Neffe eben verkündet hatte. Konnte das sein Ernst sein? Der Neffe schüttelte seinem Onkel die Hand und meinte eilig: „Es ist schön, euch nach so langer Zeit mal wieder zu sehen.“
Das war längst überfällig. Sag mal“, fragte Herr Mahler, „hast du meine Verwandtschaft auch eingeladen? Maria und ihre Mutter?“
Graf Maibusch spielte am Gürtel seines Morgenmantels herum. „Deine Enkelin ist bereits hier. Und Marias Mutter wollte nicht kommen. Das kann ich mir gar nicht erklären, aber ich muss das akzeptieren“, log er.
Die Komtess zu Bärenwald hatte die Nachricht, die der Graf eben mitgeteilt hatte, noch nicht verdaut. Sie glaubte, alles war nur ein Scherz. So fragte sie vorsichtig: „Sag mal, war das dein Ernst, als du sagtest, du wolltest mich hier zum Aufräumen einteilen?“
Graf Maibusch kannte die Art seiner Tante gut genug. Er ließ sich nicht auf die Klagelieder seiner Tante ein, die sicher folgen würden. Stattdessen kanzelte er sie direkt ab.
Mein voller Ernst. Ihr seid noch zu früh, da könnt ihr gleich ein wenig mithelfen.“
Theatralisch hob seine Tante ihre Hand an die Stirn und sagte leidend: „Ach, was waren das noch für Zeiten, als der Titel einer Person respektiert wurde…“
Du lebst scheinbar noch im Mittelalter. Und nun zack, zack, das muss schnell gehen“, forderte Graf Maibusch die anderen kurz angebunden auf und rauschte davon.
Frau Sauerlich ging in den Flur und rief: „James! Frau Schmidt! Kommen sie in die Küche, es ist ein Notfall!“
Nur einen Augenblick später kamen zuerst der Butler, dann die Hausfrau angelaufen.
James fragte überrascht: „Ach, die ersten Gäste sind schon da? Mit wem haben wir die Ehre?“ Auch er hatte nicht damit gerechnet, dass die Besucher schon so früh ankommen.
Die Komtess zu Bärenwald sah nun ihre Chance, ihre Wut abzulassen.
Eine Unverschämtheit!“ rief sie. „Wer sind sie denn überhaupt?“ Dann drehte sie sich zu Frau Sauerlich. „Und sie? Ich rede schon seit fünf Minuten mit ihnen und kenne noch nicht einmal ihren Namen. Unerhört!“
Josephine Sauerlich“, antwortete die Angesprochene und unterbrach damit die Wahntiraden der alten Dame. „Und nun lassen sie das Theater mit den Namen, das können wir gleich bei der Arbeit regeln. James, sie helfen der Komtess, Herrn Mahler und mir, das Wohnzimmer und den Wintergarten vorzubereiten. Frau Schmidt, sie bereiten das Essen vor. James wird ihnen zwischendurch zur Hand gehen. Und jetzt los!“
Es folgte eine ungeheure Putzaktion. Man hätte meinen sollen, alles wäre bereits in den vorhergehenden Tagen auf Vordermann gebracht worden, doch da hätte man sich geirrt. Herr Mahler und Frau Sauerlich begannen, im Salon die Möbel umzustellen, während James die Regale abstaubte und die Komtess sich von ihrem Wutausbruch ausruhte und die Anwesenden hin- und herdirigierte. Frau Schmidt hatte in der Küche alle Hände voll zu tun zwischen allen Töpfen und Pfannen, die den Herd besetzten. Weiter ging es in der Eingangshalle, wo Teppiche ausgeklopft wurden und Frau Sauerlich mit dem Staubsauger für Ordnung sorgte. Auch die Komtess trug ihren Teil zur Arbeit bei, indem sie ihren Nerzmantel in Sicherheit brachte, aus Angst, etwas Staub könnte ihn ruinieren. Aus der Küche zogen mittlerweile wahre Dampfschwaden hervor. Niemand traute sich, der Küche nahe zu kommen, also begaben die vier sich in den Wintergarten, wo Stühle verschoben wurden, Frau Sauerlich die Scheiben putzte, James dafür sorgte, dass die Minibar gefüllt war und die Komtess alle Hände voll damit zu tun hatte, die Einrichtung des Wintergartens missgünstig zu beurteilen und den Geschmack ihres Neffen erneut anzuzweifeln.
Schließlich, um Punkt 14 Uhr waren alle Vorbereitungen getroffen. Geschafft, aber zufrieden sah man dem Familientreffen entgegen.

Fräulein Maria und Herr Flip hatten sich der Arbeitswut diskret enthalten. Sie hatten den Mittag damit verbracht, die richtige Kleidung auszuwählen. Dabei ist Fräulein Marias Wahl auf ein langes, figurbetontes Cocktailkleid in hellem Rot gefallen, während Herr Flip sich für einen grünen Anzug entschieden hatte. Man wusste bei beiden nun nicht mehr, ob sie gehobene Gesellschaft darstellen wollten oder nicht.
Die beiden hatten sich in Graf Maibuschs Arbeitszimmer zusammengefunden. Maria schien sehr aufgeregt zu sein.
Es müssen schon die ersten Gäste da sein, es hat jetzt fünf Minuten nach zwei.“
Und warum lassen sie sich dann nicht blicken, Fräulein Maria? Ich dachte, sie gehören gerne zu den gehobenen Kreisen.“
Natürlich, immer doch“, meinte Maria beschwichtigend. „Ich kann meinem Onkel aber zurzeit nicht unter die Augen treten, ohne wütend zu werden. Und bitte, wir sollten auf das alte „Du“ zurückgreifen, es ist doch reichlich unangenehm sonst.“
Herr Flip rieb sich die Hände. Der erste Schritt war geschafft. Irgendwie musste diese reizende junge Frau schließlich zu erobern sein.
Ganz, wie du meinst“, sagte er. „Du musst aber mit deinem Onkel sprechen. Klar, er arbeitet mit Herrn Fröhlich zusammen, aber doch nur, um mir zu helfen. Graf Maibusch hat das Gefühl, dass sein Bruder ihn um das Erbe betrogen hat. Deswegen hat er dieses Familientreffen organisiert.“
Fräulein Maria sagte einen Moment gar nichts. Endlich gab es eine plausible Erklärung für diesen Zirkus. Doch eines war ihr unklar.
Was hat das mit dir zu tun?“ fragte sie.
Ich bin der Erbe des Grafen“, antwortete Flip.
Aha. Es geht dir also nur ums Geld.“ Maria seufzte. Hatte sie nicht eben noch gehofft, einen interessanten jungen Mann kennen zu lernen? Jetzt stand vor ihr dieser Möchtegern und druckste herum: „Nun ja…“
Fräulein Maria rückte ihren Kopfschmuck zurecht und drehte sich brüsk um.
Ich halte das hier nicht mehr aus, ich muss unter Leute kommen, sonst gehe ich ein. Irgendjemand ist schon hier, das habe ich eben gehört, und ich werde nachsehen, wer es ist. Bleib du nur hier und gammel´ vor dich hin.“
Sie ging aus dem Zimmer. Auf dem Flur hörte sie eine bekannte Stimme.
Maria?“
Sie drehte sich um und ging den Flur hinauf zu einem der leerstehenden Schlafzimmer. Im Türrahmen stand Herr Mahler. Fräulein Maria fiel ihm um den Hals.
Opa! Wie schön, dich wiederzusehen! Was machst du hier?“
Was mache ich hier, was soll das denn für eine Frage sein? Dies ist ein Familientreffen, da gehöre ich hin! Und ganz nebenbei brauche ich ein wenig Ruhe von der guten Gladiola. Sie treibt mich noch in den Wahnsinn.“
Meine Großtante ist auch da? Oh Mann, da muss ich mich ja in Acht nehmen. Wenn jetzt noch Mama hier wäre, dann wäre alles perfekt gewesen.“
Aber sie wollte ja nicht“, stellte Herr Mahler fest. „Erzähl mir, warum wollte sie ihren alten Vater nicht wiedersehen?“
Überrascht hielt Maria inne.
Wie bitte? Sie wollte nicht? Das ist mir ganz neu. Sie hat mir erzählt, dass mein Onkel sie nicht eingeladen hat. Er hat es mir gegenüber sogar selbst zugegeben. Er wollte nur ein ganz bestimmtes Publikum haben.“
Herr Mahler kam nun auch ins Grübeln.
Ich frage mich, warum. Wenn das hier ein ganz normales Familientreffen werden soll… also, das glaube ich nicht mehr. Da steckt mehr dahinter“, meinte er entschlossen. Es gab keinen Zweifel.
Ich habe etwas von Geldaffären gehört“, deutete Maria vage an, „aber mittlerweile kann man niemandem in diesem Haus mehr trauen.“
Wovon sprichst du?“
Das wirst du schon noch früh genug merken. Ich kann dir allerdings sagen: Wir können von Glück sprechen, wenn dieser Tag ohne Zwischenfälle über die Bühne geht.“
Das klingt nicht sehr vertrauenerweckend“, antwortete Mahler. Was seine Enkelin ihm da erzählte… war das vielleicht wieder nur ihre blühende Fantasie? Mit einem Kommentar machte sie diese Vermutung zunichte.
Wenn das nur alles wäre. Mein Onkel hat deinen Schwiegersohn eingeladen.“
Empört sagte Herr Mahler: „Herrn Fröhlich, dieses Ekel, das sich dein Vater nennt?“
Genau.“
Wie konnte Henry das nur zulassen? Das war unverantwortlich. Es muss dich schwer getroffen haben!“
Maria antwortete gleichgültig: „Ich versuche, mit der Situation klarzukommen, so gut es geht. Das ist leider nicht leicht, wenn einem dauernd der Mann über den Weg läuft, der dein Leben ruiniert hat.“
Das kann ja heiter werden. Ich muss wohl mal ein ernstes Wörtchen mit Herrn Fröhlich reden. Aber komm mit hinunter, Maria, sonst vermissen uns die anderen Gäste. Du brauchst etwas Abwechslung und die Gesellschaft wird dir sicher behagen.“
Dankbar ging Fräulein Maria mit ihm zur Empfangshalle. Sie war froh, dass wenigstens ihr Großvater anwesend sein konnte. Ihm vertraute sie. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, dass das vielleicht die falsche Wahl war…

Mit etwas Verspätung war auch Konstanze Braunfeld, die Nachbarin eingetroffen. Überrascht blickte sie auf den Vorplatz, der erst von zwei Autos geschmückt war. Sie hatte deutlich mehr erwartet. Gerade wollte sie klingeln, als Herr Hansen von der Seite des Hauses zu ihr kam.
Hallo! Sind sie auch zum Familientreffen gekommen?“ grüßte er freundlich.
Ja. Ich bin Konstanze Braunfeld, die Nachbarin. Graf Maibusch war so freundlich und hat mich eingeladen.“
Der Gärtner schüttelte ihr die Hand. Ausnahmsweise war sie mal nicht schmutzig. Auch trug Herr Hansen heute nicht seine Arbeitskluft, sondern einen dunkelbraunen Anzug, dem Anlass angemessen. Frau Braunfeld hatte sich für ein cremefarbenes Kleid entschieden. Du musst keine graue Maus mehr sein, hatte sie sich zu Hause gesagt.
Freut mich, sie kennen zu lernen. Ich bin der Gärtner, Herr Hansen. Kommen sie doch herein!“
Zuvorkommend öffnete er der Dame die Tür und wies auf die Garderobe: „Hier können sie ihren Schal und die Handtasche ablegen, wenn sie möchten.“
Das ist sehr nett von ihnen, vielen Dank!“ Frau Braunfeld war von der galanten Art des älteren Herrn sichtlich angetan. „Heutzutage gibt es so wenige freundliche Menschen. Sie sind da noch vom alten Schlag.“ Es sollte ein Lob sein, doch das Wort „alt“ konnte seine Wirkung verfehlen. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund und wollte zu einer Entschuldigung ansetzen, doch Herr Hansen schmunzelte.
Ich weiß, was sie meinen“, sagte er. „Es gibt eben noch echte Kavaliere.“
Frau Braunfeld blickte ihn dankbar an. Dann sah sie sich um. Die Garderobe war erstaunlich leer.
Bin ich etwa eine der ersten?“ fragte sie.
Frau Braunschweig, das weiß ich auch nicht so genau. Wir sollten einfach abwarten, was noch passiert.“
Natürlich. Nebenbei, der Name ist Braunfeld.“
Oh, entschuldigen sie bitte.“
Frau Braunfeld lachte. „Wir entschuldigen uns hier die ganze Zeit nur, soll das ewig so weitergehen?“
Auch Herr Hansen musste lachen.
Kommen sie in die Küche, da kann man am besten reden.“
Herr Hansen führte die Nachbarin in die Küche. Dort duftete es noch immer nach dem von Frau Schmidt zubereiteten Essen. Die Hausfrau hatte in weiser Voraussicht das Feld geräumt. Sie wusste, dass die Küche der beliebteste Treffpunkt für Neuankömmlinge war und hatte sich deshalb in den Salon verzogen. Nun aber, als sie hörte, wie die Küchentür geschlossen wurde, verließ sie den Salon und schlich über den Flur. Sie presste ein Ohr an die Küchentür und lauschte. Es war nicht zu überhören, dass zwei Menschen lachten.
Haha, auf jeden Fall wird der Nachmittag sehr unterhaltsam werden“, kicherte Herr Hansen.
Frau Braunfeld hatte sich inzwischen wieder gefangen.
Ja, ich freue mich schon darauf. Das wird mich ein wenig von meinem eigenen Schicksal ablenken.“
Ihr eigenes Schicksal?“ fragte der Gärtner.
Meine Familie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem lebe ich allein.“
Mein Beileid“, meinte ihr Gegenüber mitfühlend. „Es muss schrecklich für sie sein, so plötzlich allein leben zu müssen.“
Wissen sie, mittlerweile komme ich damit zurecht. Es nützt ja nichts, sich selbst zu bemitleiden. Ich habe jetzt für mich selbst zu sorgen, und das werde ich auch schaffen. Es sind nur manchmal solch kleine Abwechslungen wie dieses Familientreffen notwendig, um nicht dauernd daran erinnert zu werden, dass nicht alles so ist, wie es hätte sein können.“
Herr Hansen schaute sie ernst an.
Ich sage ihnen das nicht gerne, aber so einfach wird das nicht werden“, setzte er an. „Es gehen hier seltsame Dinge vor, irgendwie ist niemand das, was er zu sein scheint.“ Herr Hansen hielt kurz inne und dachte über die Bedeutung seiner Worte nach. Dann fuhr er fort: „Irgendjemand versucht hier und heute, seine dunklen Geschäfte abzuwickeln. Wenn ich nur Genaueres wüsste…“
Frau Braunfeld hatte aufmerksam zugehört und nickte zustimmend. Sie erinnerte sich an das Gespräch mit James zuvor.
Also muss da etwas dran sein. Ich habe von dem Butler schon gehört, was hier mit dem jungen Fräulein passiert ist… es sollte mich wirklich nicht wundern, wenn hier noch mehr krumme Dinge gedreht werden.“
Als Frau Schmidt vor der Tür das hörte, trat sie verstört einen Schritt zurück. Sie drehte sich um und wollte in den Salon zurückgehen, doch im Türrahmen stand Herr Fröhlich, der sie beobachtet hatte.
Ein Glück, dass der Graf dieser aufgetakelten Schnepfe gerade den Wintergarten zeigt, sonst könnten sie hier nicht so unfein lauschen, oder?“ Der Anwalt grinste überlegen.
Jaja, sie reden fein daher“, meinte die Hausfrau nervös. „Wissen sie was? Wir sind in ernsten Schwierigkeiten. Inzwischen hat jeder hier so eine Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis der Gedanke auf unseren Betrug fällt.“
Sie hätten den Grafen halt beseitigen sollen“, konterte der Anwalt gelassen.
Ich habe es doch versucht!“ Dann schleppte Frau Schmidt Herrn Fröhlich in den Salon, damit nicht jeder ihrer Unterredung lauschen konnte. „Ich habe gestern Abend extra Schlafmittel in sein Essen gegeben und ich war mir sicher, ich hätte ihn gestern Nacht erschossen.“
Und warum stolziert er noch immer wie ein Pfau hier herum?“
Ich habe auf die falsche Betthälfte gezielt“, gab Frau Schmidt zähneknirschend zu. Selten war ihr bisher so ein grober Fehler unterlaufen. „Das kann ich ja nicht ahnen, dass der Graf da nicht lag.“
Herr Fröhlich überlegte und stellte nüchtern fest: „Jedenfalls wird unser Problem nicht kleiner.“
Dann sollten sie endlich mal handeln.“ Frau Schmidt nahm demonstrativ eine Zeitschrift aus dem Korb neben dem Kamin, rollte sie zusammen und dirigierte damit in der Luft herum. „Der Graf geht uns ja immer durch die Lappen. Warten sie also, bis sein Bruder hier ist und töten sie ihn. Dann können wir die gesamte Schuld auf ihn schieben und niemanden wird es stören.“ Frau Schmidt war sichtlich stolz auf ihren Plan, Herr Fröhlich dagegen schien sehr verstört.
Frau Schmidt, wie können sie nur so skrupellos sein?“
Es geht um ihr eigenes Wohl, also handeln sie.“ Damit drückte sie dem Anwalt die Zeitschrift in die Hand. „Viel Zeit bleibt uns nicht.“
Frau Schmidt verließ den Salon. Es war besser, nicht zu lange bei dem Anwalt zu bleiben. Der schaute ihr mit großen Augen nach. Diese Hausfrau scheint ein kleines Problem mit Loyalität zu haben, dachte er. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Ich möchte mit Maria reden, damit der heutige Tag friedlich verläuft.
Herr Fröhlich stand von seinem Sessel auf und machte sich auf die Suche nach seiner Tochter.

Graf Maibusch und die Komtess zu Bärenwald hatten sich zuvor ebenfalls im Garten aufgehalten. Der Graf hatte ihr den Weg zum Birkensee gezeigt und von den Vorzügen des Ortes geschwärmt. Der Rundgang durch den Garten war nun beendet. Die beiden gingen um das Haus herum auf den Haupteingang zu.
So, Tante Gladiola, jetzt hast du mein Anwesen gesehen. Wie findest du es?“
Ich muss sagen, mein erster Eindruck hat mich getäuscht. Es ist doch nicht so heruntergekommen, wie ich zuerst dachte. Ich bin hier ja so in Hektik herumgescheucht worden, da konnte ich das alles nicht in Ruhe betrachten.“ Die Komtess blickte auf das Haus und breitete ihre Arme aus. „Allerdings habe ich ja auch hier mit aufgeräumt, sonst würde es sicher nicht so herrschaftlich aussehen.“
Du hast ja wieder so recht“, erwiderte ihr Neffe. Der Graf konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Komtess „geholfen“ hatte. Bestimmt hatte sie dagesessen und Kommandos verteilt. Sie wird sich nie ändern, dachte er und öffnete die Haustür. Die beiden betraten die Empfangshalle, die nach der Putzaktion wirklich wunderbar aussah. An der Garderobe entdeckte Graf Maibusch eine Handtasche.
Meine Nachbarin, Frau Braunfeld, ist auch schon da. Dann fehlt ja nur noch Leonard. Dann wären wir vollzählig. Geh schon mal in den Salon, Tantchen.“
Einladend deutete der Graf auf den linken Korridor.
Du sollst mich nicht Tantchen nennen“, rügte die alte Dame ihn und spazierte hochnäsig an ihm vorbei.
Da Graf Maibusch schon in der Halle stand, als es wieder an der Tür klingelte, öffnete er gleich selbst. Draußen stand ein Mann, der nicht viel älter als Graf Maibusch sein konnte. Wenn man die Gesellschaft auf Gut Trontstein beobachtet hatte, so musste nun die Kleidung des Besuchers auffallen. Es schien, als wäre der einzige normale Charakter auf der Feier erschienen. Keine auffälligen Details. In schlichter Freizeitkleidung war er erschienen. Graf Maibusch freute sich umso mehr über den neuen Gast. Sein Gegenüber war ebenso glücklich, den Grafen wiederzusehen. Er fiel ihm um den Hals.
Henry!“
Leonard!“ rief der Graf. „Es ist so schrecklich lange her seit dem letzten Mal. Du hast dich gar nicht verändert!“ sagte er.
Leonard Maibusch blickte an seinem Bruder hinab.
Du aber auch nicht“, sagte er schließlich. „Meine Güte, was du dir für ein schönes Haus gesucht hast, das ist wirklich prächtig.“
Nachdem Leonard bewundernd erneut auf die griechischen Säulen geblickt hatte, warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und fragte unsicher: „Ich hoffe, ich bin nicht der letzte im Bunde?“
Der Graf legte seinen Arm um die Schulter seines Bruders und führte ihn ins Haus.
Wen kümmert das schon?“ fragte er locker. „Komm in den Salon, Tante Gladiola wartet dort schon. In zehn Minuten beginnt unser Programm.“

Herr Fröhlich blickte mehrmals hektisch auf seine Armbanduhr. Wo konnte Maria nur sein? Es waren nicht einmal mehr zehn Minuten bis zur Begrüßung im Salon. Nachdem der Anwalt in der ersten Etage alle Zimmer abgesucht hatte, ging er die Treppe hinunter. Dann durchfuhr ihn die Erkenntnis wie ein Blitz.
Wie erwartet traf er seine Tochter im Bad bei der Eingangshalle an. Sie machte sich ein letztes Mal frisch und war dabei, ihren feuerroten Lippenstift aufzutragen. Als ihr Vater stürmisch die Tür öffnete, rutschte sie ab und verteilte das Rot großzügig über ihrer rechten Wange.
Verdammt!“ Laut fluchend riss sie ein großes Stück Toilettenpapier ab und wischte über ihr Gesicht. Dann erkannte sie im Spiegel, wer sie zu dieser Untat gebracht hatte. Sie senkte die Augen wieder und bemühte sich, die verräterischen Spuren aus ihrem Gesicht zu entfernen.
Du schon wieder“, sagte sie mit grollendem Unterton.
Herr Fröhlich reichte seiner Tochter hilfsbereit weitere Tücher. Diese beachtete die Geste gar nicht.
Ich habe dich gesucht.“ Herr Fröhlich klang ernst, schlug aber einen versöhnlichen Ton an, in der Hoffnung, nicht sofort wieder abgewiesen zu werden. „Wir müssen reden, bevor es losgeht.“
Bevor es losgeht?“ Maria lachte höhnisch. „Ich wollte mich zurechtmachen, bevor es losgeht. Da kommst du angerauscht und machst mal wieder alles kaputt.“ Sie schaute in den Spiegel. Das Schlimmste war beseitigt. Nun konnte sie ihrem Vater ins Gesicht schauen. „Ich hasse dich, das möchte ich klarstellen.“
Das hast du mir in den letzten zwei Tagen oft genug gesagt“, antwortete Herr Fröhlich ruhig.
Heute aber“, setzte Fräulein Maria mit einem Lächeln hinzu, „nur für heute, möchte ich den Streit begraben. Ich will meinem Onkel nicht das Fest ruinieren. Ich bin nicht so ein gefühlskalter Mensch wie du. Hilf mir bitte dabei.“
Natürlich. Ich bin ja nicht derjenige, der sich unversöhnlich zeigt. Ich werde alles tun, um das Treffen glatt über die Bühne zu bringen, schließlich habe ich einen Beruf auszuüben.“
Fräulein Maria legte den Lippenstift, einen kleinen Handspiegel, Mascara sowie Lidschatten und kleinere Kosmetiktücher in ihre rote Handtasche und sagte beiläufig: „Ich weiß, der Graf hat mir alles darüber erzählt. Du versuchst also, einen großen Schwindel aufzudecken?“
Wenn es denn ein Schwindel ist.“ In diesem Moment war von irgendwoher ein lauter, tiefer Gong zu hören. 14 Uhr. Beide verließen das Bad, Herr Fröhlich zuerst. „Ich werde mich nachher mal unauffällig mit Leonard, Henrys Bruder, unterhalten“, erwähnte er. „Er wird mir bestimmt nützliche Informationen liefern.“
Dann hoffe ich, dass bei dir alles gut geht, ebenso wie bei mir. Und erzähl keinem, der es nicht unbedingt wissen will, dass wir Vater und Tochter sind.“
Mach dir doch darum keine Sorgen!“ Der Anwalt wollte seine Tochter in den Arm nehmen, doch diese wiegelte ihn mit ausgestreckten Armen ab.
Versteh mich nicht falsch: Ich bin noch nicht über deine Tat hinweg gekommen. Ich habe dir noch nicht verziehen. Wer weiß, ob ich dir jemals verzeihen kann.“
Mit diesen Worten drehte Fräulein Maria sich von ihrem Vater ab und ging energisch den Gang hinunter zum Salon.
Bitte, versuch es zumindest!“ rief Herr Fröhlich hinterher.
Einen schönen Tag wünsche ich noch. Bis später!“ war die Antwort.
Ein letztes Mal blickte auch Herr Fröhlich in den großen Wandspiegel der Eingangshalle und ging dann zum Salon. Ein wenig Zerstreuung würde wohl auch ihm gut tun.

Er war der letzte, der der Gesellschaft im Salon beitrat. Graf Maibusch hatte sich bereits inmitten der Gäste postiert. Fräulein Maria hatte sich unauffällig zu Herrn Flip gedrängelt und schaute nun erwartungsvoll ihren Onkel an. Auf ihrem Weg durch den Flur hatte sie sich drei sehr große rote Kunstfedern in die aufgetürmten Haare gesteckt. Kirschrot blickte sie um sich und konnte sicher sein, das auffälligste Outfit zu tragen. Nicht einmal Frau Sauerlich in einem dunkelblauen, wallenden Gewand, wodurch sie einer schwebenden Erscheinung ähnelte, konnte ihr gleichkommen. Elegant strich Maria eine Falte aus dem Stoff. Die abfälligen Blicke der Komtess entgingen ihr nicht.
Wie kann sie sich nur so aufreizend kleiden! Dem Anlass völlig unangemessen“, zischte die Dame zu Mahler, ihrem Nachbarn. Dieser winkte ab.
Sie ist jung. Lass sie nur. Sie wird schon wissen, was sie tut.“
Ach ja? Das hast du auch nie gewusst. Immer musste ich dir unter die Arme greifen.“
Nun sei schon still. Das tut hier nichts zur Sache.“
Endlich kam auch Frau Schmidt zur kleinen Gruppe. Sie hatte den Tisch gedeckt und wischte sich nun die Hände an ihrer weißen Schürze ab. Sofort zog sie mehrere Augenpaare auf sich; schließlich hatten die Komtess, Herr Mahler und Frau Braunfeld die Hausfrau bisher nur flüchtig zu sehen bekommen.
Graf Maibusch nickte zufrieden und setzte dann zu einer Begrüßung an.
Wie wunderbar, dass ihr heute zusammengekommen seid! So kann zumindest ein Teil unserer Familie mal wieder vereint sein.“
Fräulein Maria neigte ihren Kopf und flüsterte zu Herrn Flip: „Ein Teil der Familie… immerhin das.“ Dabei blickte sie vielsagend zu ihrem Großvater gegenüber.
Herr Flip blickte sie ob ihres sarkastischen Untertones verständnislos an. Dann schaute er zu Leonard Maibusch, der das Wort ergriff.
Das wird auch langsam Zeit.“ Er schmunzelte. „Ich hätte Tante Gladiola doch fast vergessen.“
Das konnte Komtess Gladiola zu Bärenwald nicht auf sich sitzen lassen. Sie streckte die Brust vor und erwiderte stolz, fast hochnäsig: „Du redest wirr, mein Neffe. Mich vergisst man nicht, schreib dir das hinter die Ohren.“ Dann runzelte sie die Stirn und schaute zum Grafen. „Ich fühle mich übergangen. Meinetwegen auch hintergangen, aber dieser Empfang ist einer Komtess nicht würdig. Mein armes kleines Gräflein, ich sehe zwar einen Butler, der scheinbar nur herumsteht, aber kein einziges Sektglas, auf dass wir auf dein Wohlergehen anstoßen können.“
Graf Maibusch musste sich zusammenreißen. Sie hatte es schon wieder geschafft, ihn bloßzustellen. Langsam und jedes einzelne Wort betonend sprach er zum Butler: „James, holen sie bitte den Moet&Chandon.“
Frau Braunfeld antwortete prompt.
Sogar Champagner, dass ist doch nicht nötig.“
Mitleidig lächelnd merkte die Komtess an: „Mein Kind, sie müssen noch viel lernen.“
Zurück zum Thema.“ Der Graf war es leid, sich von seiner Tante die Show stehlen zu lassen. „Kaffee und Kuchen gibt es um vier Uhr, nach Wunsch auch Tee. Abendessen wird um sieben gereicht. Vielen Dank dafür an Frau Schmidt!“
Die Hausfrau trat einen Schritt vor und sagte: „Es gibt Rehrücken mit Kartoffeln und Soße, verschiedenes Gemüse und als weitere Beilage gefüllte Paprikaschoten. Außerdem werden Rindermedaillons gereicht. Als Vorspeise wird Spargelcremesuppe serviert und zum Nachtisch gibt es Vanilleeis mit heißen Kirschen und Himbeeren sowie Schokoladensoufflé.“
Die Reaktion auf diese appetitliche Menüfolge war ein allgemeines Raunen im Wohnzimmer.
Einfach wunderbar, Frau Schmidt!“ rief Fräulein Maria aus. „Das hört sich alles ganz vorzüglich an. Ich hoffe nur, ich werde mir nicht mein neues Kleid ruinieren.“ Dabei deutete sie sich einen Bauchumfang an, der einem Sumoringer alle Ehre gemacht hätte.
Das liegt ganz bei dir“, antwortete der Graf. „Nach dem Abendessen werde ich eine Partie Bridge beginnen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass du, Joachim“, er deutete auf den Mann im braunen Anzug an der Seite der Komtess, „immer gerne Bridge gespielt hast.“ Herr Mahler räusperte sich. „Den dritten Spieler stellt Josephine dar. Bei Bedarf können wir auch gerne zwei Gruppen eröffnen.“
Frau Sauerlich war der Gedanke an eine gemütliche Kartenrunde zwar nicht unangenehm, dennoch etwas unklar. „Aber wer ist dann der vierte im Bunde? Wir brauchen insgesamt vier Spieler.“
Der Graf stimmte ihr zu, als unerwartet die Türglocke läutete. „Nun, vielleicht spaziert ja gerade unser Mitspieler herein“, sagte er scherzhaft. „James, öffnen sie bitte!“ Der Butler verließ den Raum nicht ohne eine minimale, untertänige Verbeugung. Anerkennend blickte die Komtess ihm hinterher.
Graf Maibusch ließ sich durch nichts von seinen Ausführungen abhalten. „Ich möchte weiterhin auf die sonstigen Angebote Gut Trontsteins verweisen. Ein Spaziergang durch den gepflegten Garten beruhigt den Geist und erfreut ungemein. Das verdanken wir nicht zuletzt Herrn Hansen, der sehr viel Liebe in die Pflanzen und ganz besonders in die Genesung der Parkanlage gesteckt hat.“
Verlegen schwächte der Gärtner dieses Lob ab: „Aber bitte, es ist doch mein Beruf.“
Nun erst bemerkte die Komtess Herrn Hansen. Auch Herr Fröhlich war ihr unbekannt. Dies gab sie ihrem Neffen deutlich zu verstehen.
Henry, es fehlt dir mal wieder an jeglichem Taktgefühl. Du hast uns noch gar nicht vorgestellt.“
Der Graf seufzte. „Das hielt ich für überflüssig. Aber bitte“, er deutete wahllos auf die Anwesenden, „das ist Herr Flip, mein Erbe und Herr Fröhlich, mein Anwalt. Komtess Gladiola zu Bärenwald, meine Tante väterlicherseits und Joachim Mahler, mein Onkel mütterlicherseits. Und allen bekannt sein dürfte mein Bruder Leonard“, schloss er nicht ohne Stolz.
James betrat unauffällig den Raum.
Ein neuer Gast ist angekommen.“
Wer könnte das schon sein?“ fragte Graf Maibusch ahnungslos. Die Antwort kam postwendend, als ein Mann eintrat, der Leonard, Graf Maibuschs Bruder, nicht unähnlich sah.
Du wirst doch wohl nicht deinen eigenen Bruder vergessen, oder?“
Friedrich!“ Dem Grafen fehlten die Worte. Frau Schmidt warf einen vielsagenden Blick zu Herrn Fröhlich, der diesen mit einem Schulterzucken erwiderte. James blieb scheinbar unberührt und beobachtete die Situation. Friedrich Maibusch konnte Leonards Zwillingsbruder sein. Dieselbe Statur, dieselbe Frisur. Auch er war in einer Freizeitkleidung erschienen, trug aber zusätzlich einen grünen Pullover um die Schultern.
Noch immer rang der Graf mit den Worten.
Ich dachte, du wärst…“
Was dachtest du?“ fuhr Friedrich ihn an. „Wolltest du mich aus dieser Runde ausschließen? Wäre ja kein Wunder, du konntest mich nie richtig leiden. Zum Glück war Herr Fröhlich so nett, mich von der Feier zu unterrichten.“
Graf Maibusch warf giftige Blicke zu seinem Anwalt.
Ich dachte, sie hätten ihn vergessen“, konterte dieser gelassen.
Mir hatten sie gesagt, sie hätten ihn nicht erreicht“, warf James ein.
Fräulein Maria konnte sich ein „Typisch!“ nicht verkneifen und erntete eine verständnisvolle Miene von Herrn Mahler, ihrem Großvater.
Der Graf, für den die Lage ziemlich unangenehm wurde, versuchte abzulenken. „Nun, wir sollten uns davon nicht beirren lassen. Willkommen, Friedrich, auf Gut Trontstein. Auch dir wünsche ich eine angenehme Feier.“ Endlich ließ er sich dazu hinreißen, seinen Bruder zu umarmen. Gespielt fröhlich wandte er sich dann an den Butler. „James, sie sind mir aber einer. Ich hatte sie gebeten, den Champagner zu holen, oder?“
Ich bitte vielmals um Verzeihung“, murmelte der Angesprochene und wandte sich zum Gehen, doch der Graf hielt ihn auf.
Lassen sie nur, ich mache das schon. Herr Fröhlich, würden sie mir dabei bitte helfen?“
Die beiden verließen den Raum Richtung Küche. Die Komtess schüttelte den Kopf. „Helfen? Bei einem Champagner? Ich glaube, das hier übersteigt meine Kräfte.“ Mit diesen Worten setzte sie sich in einen Sessel. Was für eine unziemliche Gesellschaft!
In Unkenntnis dieser Gedanken knöpfte sich der Graf seinen Anwalt in der Küche vor.
Was haben sie nur getan! Wie konnten sie Friedrich einladen?“
Ich habe den dringenden Verdacht, dass er es war, der sie um das Erbe betrogen hat“, klärte Herr Fröhlich ruhig den Sachverhalt. „Um das herauszufinden, muss ich mit ihm persönlich sprechen. Das geht nicht einfacher.“
Dann hoffe ich für sie, dass der Tag Erfolg bringt. Ich würde sie ungern mit ihrer Kaugummi kauenden Janine auf der Straße vor dem Tiergarten sitzen sehen. Ich kann Friedrich nicht leiden, das wissen sie genau.“
Ist schon klar. Jetzt veranstalten sie erst mal ein schönes Fest.“
Das werde ich. Und sie helfen mir dabei, indem sie jetzt zurückgehen und die Meute bei Laune halten, bis ich mit den Getränken fertig bin.“
Mit diesen Worten schob er seinen Anwalt zur Tür hinaus. Leicht gereizt ging Herr Fröhlich zurück in den Salon, wo bereits ein unkontrollierbares Stimmengewirr herrschte. James trat an ihn heran.
Ist in der Küche alles in Ordnung?“
Ganz bestimmt. Machen sie sich keine Sorgen.“ Dann trat Herr Fröhlich zur Komtess hinüber und unterhielt sich mit ihr über Belanglosigkeiten, die mitunter von ihrem kreischenden Lachen unterbrochen wurden.
Ein wenig spät kam Graf Maibusch mit einem Tablett, auf dem mehrere gefüllte Gläser standen, zurück. Schnurstracks ging er auf seinen Bruder Friedrich zu.
Das erste Glas für dich, Friedrich, damit du siehst, dass ich nicht gemein sein wollte.“
Frau Sauerlich, die die ganze Zeit über einen missbilligenden Blick auf Komtess Gladiola geworfen hatte, sah ihre Chance, die alternde Adlige an Impertinenz zu übertrumpfen. Wieselflink, wie man es aufgrund ihres Kleides nicht für möglich gehalten hätte, sauste sie zum Grafen und stahl sich das vorderste Glas. In einem Zug trank sie es aus.
Das wurde auch Zeit, mein Bester. Josephine Sauerlich lässt man nicht warten“, lamentierte sie übertrieben aufgesetzt und fing sich einen verächtlichen Blick der Komtess ein. Zufrieden setzte sie sich. Dieser Nachmittag könnte doch noch amüsant werden, dachte sie.

Nach und nach teilte die Gesellschaft sich in kleine Grüppchen auf. Die einen besichtigten das Haus, andere blieben im Wohnzimmer. James als Butler war immer darauf bedacht, dass es den Gästen an nichts mangelte, während Frau Schmidt hin und wieder nach ihren Vorbereitungen in der Küche sehen musste. Herr Fröhlich stahl sich unauffällig von einem Gast zum nächsten, um Informationen zu sammeln – immer darauf bedacht, seiner Tochter nicht zu nahe zu treten.
Als ihm für einen Moment die Zeit blieb, bat James Friedrich Maibusch um eine Unterredung im Kinderzimmer. Friedrich ging voraus, da die Komtess es für das Mindeste hielt, vom Butler mit besonderem Respekt bedacht zu werden. Majestätisch fragte sie: „Wo ist der Butler?“ Da James direkt neben ihr stand und sie bemerkte, wie er sich zusammenreißen musste, genoss sie sehr die folgenden Worte: „Was ist Er nur für ein Mensch, dass Er mich hier mit einem leeren Champagnerglas sitzen sieht?“
James merkte an, dass ihr Glas doch gar nicht leer sei. Prompt trank die Komtess es aus und klagte: „Ich finde, Er sollte den Gästen mehr Achtung entgegenbringen. Ich werde meinem Neffen sagen, dass er Ihn sofort entlassen soll.“
Pikiert drehte sie den Kopf zur Seite und hielt mit ausgestrecktem Arm das leere Glas hin. Innerlich kochend ob dieser Unverfrorenheit nahm James das Glas, verschwand in die Küche und gab es der Komtess gefüllt wieder. Ohne einen Kommentar nahm sie es an und James bemühte sich, den Raum schnell zu verlassen, um mit Friedrich zu reden.
Er traf ihn wie verabredet im Kinderzimmer, wo er etwas nervös auf und ab marschierte.
James versuchte, ihn zu beruhigen: „Herr Maibusch, weshalb sind sie so aufgebracht? Dafür gibt es keinen Anlass. Ach, und wo ist ihr Pullover geblieben? Sie trugen ihn eben noch um die Schulter, wenn ich mich recht erinnere.“
Das stimmt, aber es ist mir damit zu warm geworden. Ich habe ihn an die Garderobe gehängt.“
Wie dem auch sei“, kürzte James das Unwichtige ab, „sie sind also der zweite Bruder von Graf Maibusch. Haben sie noch mehr Geschwister?“
Friedrich schaute abwesend die Bilder an den Wänden an und antwortete: „Nein, wir sind Drillinge. Noch ein Bruder mehr hätte wahrscheinlich auch ordentlich Zoff bedeutet.“
Das konnte James nicht ganz nachvollziehen, hatte er doch eben die für den Grafen sehr kompromittierende Situation im Salon mitverfolgt.
Wollen sie mir erzählen, dass zwischen ihnen dreien immer alles glatt gelaufen ist?“ fragte er ungläubig.
Nein, das wäre auch gelogen“, gab Friedrich zu und setzte zu einer Erklärung an: „Bis zum Tode unseres Vaters waren wir gute Freunde. Dann ging es jedoch an die Verteilung des Erbes. Die hat der alte Herr nämlich nicht genau festgelegt. Entscheidet ihr, was ihr damit macht, hieß es im Testament. Und wir alle haben uns ziemlich raffgierig benommen. Das hat uns dann auseinandergebracht. Seither ist das Treffen heute unser erstes Wiedersehen.“
Aber… die Feindschaft ist ihnen noch erhalten?“
Friedrich seufzte. „Ich hatte eigentlich gehofft, und hoffe immer noch, dass wir diesen Streit schlichten können. Ich werde heute einmal in Ruhe mit Henry und Leonard reden.“
Das ist eine gute Idee“, bekräftigte James ihn.
Die ernste Stimmung wurde unterbrochen, als eine völlig aufgelöste Frau Sauerlich das Zimmer betrat.
Ich hoffe, ich störe sie nicht. Diese Komtess macht mich noch ganz verrückt mit ihrem hochnäsigen Getue. Dagegen bin selbst ich machtlos.“
Mit diesen Worten ließ sie sich in einen der Sessel fallen. Es sah nicht sehr erhaben aus…
Beleidigen sie meine Tante nicht“, warf Friedrich ein.
Schon gut.“ Frau Sauerlich winkte ab, was Friedrich zu einem Lachen veranlasste.
Sie haben ja Recht“, räumte er ein. „Sie lebt immer noch irgendwo im siebzehnten Jahrhundert, da wird wohl keiner was dran ändern können.“
Die Komtess… ich werde besser nachschauen, ob im Salon alles zur Zufriedenheit des Grafen ist.“ James verließ das Zimmer und ließ Frau Sauerlich und Friedrich Maibusch zurück.
Als letzterer einen Blick auf die Dame in Blau warf, erschrak er. Sie war ganz bleich im Gesicht und stützte ihren Kopf mit der Hand auf der Sessellehne ab. Sie sah furchtbar elend aus.
Was ist denn mit ihnen? Geht es ihnen nicht gut?“ fragte er besorgt.
Mit schwacher Stimme antwortete sie: „Ach… das geht schon… machen sie sich keine Sorgen.“
Unsinn“, meinte Friedrich barsch. „Aber das kommt vielleicht von der Aufregung. Ich werde ihnen ein Glas Wasser holen.“ Und im Nu war Friedrich verschwunden. Frau Sauerlich murmelte: „Vielen Dank, das wird mir sicher gut tun.“ Dann klappte sie zusammen und schloss die Augen.

Weiß. Alles um sie herum war weiß, als Frau Sauerlich die Augen wieder aufriss. Weiß und seltsam verschwommen. Wie in einem Puppentheater tauchten plötzlich Herr Hansen und Graf Maibusch vor ihren Augen auf.
Herr Hansen… irgendwie kommen sie mir bekannt vor…“, sagte der Graf mit überdrehter Stimme, die in einem Echo wiederklang.
Jajajajaja… da spielt ihnen die Phantasie einen Streich!“ Der Gärtner klang ebenso verrückt. Dann betrat Leonard Maibusch die Szene. Er wandte sich direkt an seinen Bruder.
Du hättest es wissen müssen!“ Seine Stimme klang hart und unerbittlich.
Wie? Was wissen müssen?“ fragte der Graf und lachte hysterisch. Auch Herr Hansen fing an zu lachen.
Was für ein Spaß…“, kreischte der alte Mann, hörte abrupt mit dem Lachen auf und machte eine finstere Miene. „Mit macht es keinen Spaß, das alles mit ansehen zu müssen.“
Plötzlich zogen finstere Wolken ins weiße Nichts, das Frau Sauerlich vor sich sah.
Du gieriger Egoist!“ klagte Leonard Henry an.
Herr Hansen, versuchte, den Grafen in Schutz zu nehmen. „Sei nicht so gemein zu ihm.“
Aber siehst du denn nicht, dass er mich ruiniert?“ Leonards Stimme hatte einen klagenden Ton.
Verwirrt schaute der Graf vom einen zum anderen. „Leonard?... Friedrich?... Herr Hansen?... Was soll das alles?“
Bei allen dreien war nicht mehr die geringste Spur von Fröhlichkeit oder Wahnsinn zu entdecken. Es konnte stattdessen bald nicht mehr finsterer werden. Dann fiel ein Schuss. Leonard fiel vornüber. Frau Sauerlich hörte ein unterdrücktes Stöhnen und entdeckte sich selbst. Sie war an einen Stuhl gefesselt und geknebelt und musste die ganze Szene hilflos mit ansehen.
Frau Sauerlich!“ rief eine Stimme aus dem Nichts. „Frau Sauerlich, wachen sie auf!“ Die Figuren verschwunden und das Weiß löste sich langsam auf und verwandelte sich auf wundersame Weise wieder in das Kinderzimmer. „Frau Sauerlich!“ Noch einen Moment dauerte es, bis Frau Sauerlich wieder klar sehen konnte. Über sie gebeugt stand Frau Braunfeld mit einem Glas Wasser in der Hand. „Frau Sauerlich, sie sind eingeschlafen.“
Frau Braunfeld?“ murmelte die Angesprochene verwirrt. „Wo… wo ist der Graf?“
Der ist im Wohnzimmer und redet mit der Komtess. Hier, trinken sie einen Schluck!“ Sie hielt Frau Sauerlich das Glas hin, doch die lehnte ab. Schwungvoll, doch schwankend, stand sie aus dem Sessel auf und ging entschlossen zur Tür.
Ich muss ihm helfen. Erzählen sie niemandem von dem, was hier los war, das wäre schrecklich peinlich.“
Ganz, wie sie meinen“, antwortete Frau Braunfeld ergeben. Langsam ging sie hinter Frau Sauerlich her. Man konnte ja nie wissen, ob die Dame wirklich gesund war.

Zwei Gruppen unterhielten sich angestrengt im Salon. Fräulein Maria, Herr Mahler und Leonard standen am Klavier und unterhielten sich über die Schlechtigkeit der heutigen Jugend. Mehrmals bekräftigte Herr Mahler die Tatsache, dass seine Tochter zu Unrecht von dieser Feier ausgeschlossen worden war, was Fräulein Maria mit einem „Allerdings. Unerhört!“ quittierte. Leonard schüttelte über das Verhalten seines Bruders nur den Kopf.
Was der sich dabei schon wieder gedacht hat…“ Verstohlen blickte er zum Grafen, der mit seiner Tante am Schreibtisch stand und ihn gerade erhitzt über die neuesten Berichte aus der Welt der Schönen und Reichen aufklärte.
„…und außerdem kann man das gar nicht so allgemein sagen“, schnatterte sie. „Du kannst nicht einfach irgendwelche Adelshäuser vergleichen. Da sind so große Unterschiede wie zwischen Baronin und Baroness.“
Verwirrt schüttelte Graf Maibusch den Kopf.
Unterschiede? Für mich ist das dasselbe.“
Das war mir schon klar. Dabei ist es so einfach“, gab die Komtess zu verstehen, nicht ohne ihre Nase über die Unwissenheit ihres Neffen zu rümpfen. „Die Baronin ist die Mutter einer Baroness, den Rest kannst du dir selber denken.“
Danke, Tantchen, für diese Aufklärung“, murmelte der Graf ergeben.
Du sollst mich nicht Tantchen nennen. Und nun erzähl doch mal, was du so in den letzten Jahren gemacht hast!“
Ich bin meinen Hobbys nachgegangen. Geschäfte, weißt du.“
Nein, wie profan!“ Das Tantchen zeigte sich nicht sehr begeistert vom Zeitvertreib ihrer Verwandtschaft. Graf Maibusch versuchte, sich zu verteidigen.
Das kann ganz schön aufregend sein, will ich dir mal sagen. Um ein Haar wäre ich bankrott gewesen. Dann hätte ich euch hier nicht so feierlich empfangen können. Die Geschäftswelt bietet aufregende Abwechslung und nicht so ein konservatives, eingefleischtes Gehabe wie deine Adelswelt.“
Wie kannst du meine lieben Mitmenschen nur so…“
Komtess Gladiola plusterte sich auf, doch der Graf fiel ihr ins Wort.
Jaja, wie kann ich nur. Ist dir denn nicht klar, dass ich ein wenig Abwechslung brauchte, nachdem Vater gestorben war? Das hat mich ziemlich mitgenommen.“
Aber du warst dir nicht zu schade, um gegen deine Brüder um das Erbe zu kämpfen.“
Es ist ja nun nach Vaters letztem Willen aufgeteilt worden. Das liegt schon lange zurück.“
Lassen wir dieses Gerede, es macht mich ganz krank“, schloss die Komtess mit einer Leidensmiene. Sie schreckte jäh auf, als Frau Sauerlich in den Salon gestürmt kam und zum Grafen strebte. Fräulein Maria und Herr Mahler schauten nur kurz zu ihr hinüber. Leonard war inzwischen verschwunden.
Henry, Henry!“ rief die Leidgeplagte.
Was ist denn?“
Henry!“ Schluchzend und sehr unelegant fiel Frau Sauerlich in die Arme des Grafen. Die Komtess distanzierte sich ein gutes Stück.
Beruhigen sie sich, das ist ja ein unziemliches Auftreten!“
Es geht Schreckliches hier vor“, rief Frau Sauerlich. „Nimm dich in Acht!“
Wie kommst du darauf?“ Graf Maibusch führte sie sichtlich verwirrt zu einem Stuhl und setzte sie.
Die Dame prophezeite: „Es wird gemordet werden! Ich habe es in einer Vision gesehen.“
Du hattest wahrscheinlich wieder einen kleinen Schwächeanfall.“ Der Graf winkte ab. „Nein, meine Liebe, das legt sich schon wieder. Und hör auf, mir den Tag mit solchen Geschichten zu vermiesen. Gewissen Leuten könntest du Angst machen.“
Wie aufs Stichwort traten Fräulein Maria und Herr Mahler an die Szene heran. Die pure Sensationslust sprühte aus der jungen Frau: „Worum geht es denn hier? Das hat sich ziemlich aufgeregt angehört.“
Ach, Frau Sauerlich hatte nur einen kleinen Anfall. Das gibt sich schon wieder“, antwortete der Graf kurz angebunden und verließ taktlos das Zimmer.
Gladiola, was ist hier passiert?“ wandte Herr Mahler sich an seine Schwester. James meldete sich unauffällig dazu. Keiner hatte ihn kommen sehen.
Das wüste ich allerdings auch gerne. Der Graf war ziemlich gereizt. Und was ist mit ihnen, Frau Sauerlich? Sie scheinen so aufgelöst.“ Kopfschütteln wandte er sich an die Umherstehenden. „Warum bringt denn keiner der armen Frau einen Brandy?“
Der Butler ging zu einem der hinteren Schränke.
Langsam wird es mir ein wenig zu bunt.“ Fräulein Maria sah die Komtess und ihren Großvater an. „Wisst ihr, diese Anfälle scheint sie öfters zu haben. Bis jetzt war es nur harmloses Gedöns. Ich weiß nicht, was heute los ist.“
James kehrte mit einer dunklen Flasche und einem kleinen Glas zurück. Dankbar nahm Frau Sauerlich den Brandy an und leerte ihn in einem Zug.
Danke, James. Das war nötig.“ Als sie nun tief durchatmete, bemerkte sie die versammelte Gruppe und murmelte etwas verlegen: „Meine Güte, was muss ich für einen Unsinn geredet haben. Ich war nicht bei Sinnen. Bitte, entschuldigen sie mein peinliches Verhalten.“
Es sei ihnen vergeben, wenn sie sich endlich wieder beruhigen“, sagte die Komtess gnädig. Frau Sauerlich erwiderte beschwichtigend: „Natürlich, das war nur vorübergehend.“
James, der sie zwischendurch aufmerksam beobachtet hatte, meinte: „Frau Sauerlich, langsam bereitet mir das alles Sorgen. Was ist mit ihnen los?“
Die Frau vor ihm hatte ihre Fassung und ihre angeborene Unverschämtheit wiedergewonnen. Sie stand auf und rückte ihr Gewand zurecht.
James, nun seien sie mal nicht so verweichlicht. So ein kleiner Zusammenbruch, das habe ich mal häufiger, mal seltener. Jetzt ist halt gerade eine Phase, in der das öfter vorkommt. Aber es tut ja niemandem weh. Und nun lassen sie mich noch ein schönes Familientreffen verbringen!“
Sie hat Recht“, meldete Mahler sich zu Wort. „Wir sollten uns davon unbeeindruckt zeigen.“
Fräulein Maria atmete auf.
Endlich. Nun denn, kommen wir zu unserem Gesprächsthema Nummer Eins zurück: Die Leiden der Rockefellers.“
Frau Sauerlichs Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln.
Ja, die waren letzten Herbst ja gerade zu einer dieser Mörderpartys hier…“

Nachdem Frau Braunfeld im Kinderzimmer Frau Sauerlich versorgt hatte, holte sie Herrn Hansen und bat ihn um einen Spaziergang durch den Park. Herr Hansen, der durchaus nicht abgeneigt war, für die Früchte seiner Arbeit gelobt zu werden, hatte natürlich sofort zugestimmt und so wanderten die beiden nun an der Hausfront entlang auf den Park zu. Noch immer war es sehr warm draußen, obwohl vereinzelte Wolken ab und an die Sonne verdeckten.
Wozu jetzt dieser Spaziergang, Frau Braunfeld?“ fragte Herr Hansen.
Um zu reden“, lautete die knappe Antwort der Nachbarin. Sie ließ kurz ihren Blick über den Vorplatz des Anwesens schweifen. Bewundernd dachte sie an die Stunden Arbeit, die der Gärtner allein mit dem verwilderten Vorgarten verbracht haben musste. Natürlich sah es jetzt nicht aus wie im Paradies, aber er hatte doch all die Missstände beseitigen können. Dann erblickte sie Leonard Maibusch, der zwischen den Säulen im Vorbau des Hauses stand und ihnen zuwinkte. Unauffällig stieß Frau Braunfeld Herrn Hansen an und sie winkten zurück. Dann setzten sie ihren Weg in den Park fort.
Leonard ist wirklich sehr nett. Graf Maibusch hatte schon Recht, als er sagte, dass er Leonard lieber mag als Friedrich.“ Herr Hansen dachte an die frostige Begrüßung des unbeliebten Bruders. „Friedrichs Auftritt hat mich heute schon sehr verwundert.“
Frau Braunfeld stimmte ihm zu.
Na, das können sie aber laut sagen.“ Obwohl sie mittlerweile den malerischen Park erreicht hatten und sicher sein konnten, dass keiner lauschte, senkte Frau Braunfeld die Stimme, als sie fortfuhr: „Ich glaube, keiner hat wirklich erwartet, dass er auftaucht. Aber Herr Fröhlich hat ihn verständigt…“
Gut, dass sie Herrn Fröhlich erwähnen!“ Herr Hansen führte die Frau an seiner Seite zu einer alten Bank; „Ich habe den Anwalt im Verdacht, irgendwelche krummen Dinge zu drehen. Leider weiß ich überhaupt nicht, was das sein könnte. Er benimmt sich nur immer sehr merkwürdig, treibt sich viel mit Frau Schmidt herum und jetzt auch noch diese Sache… dass er gegen den Willen des Grafen seinen Bruder eingeladen hat.“
Sie haben Recht, Herr Hansen. Da muss etwas vorgehen, was jedoch unsere Kompetenzen etwas übersteigt“, sagte Frau Braunfeld verschwörerisch. „Oder wie wollen sie herausfinden, welche Geschäfte da abgewickelt werden?“
Herr Hansen stand resolut, aber aufgrund seines Alters doch gemächlich auf und stellte sich vor Frau Braunfeld. „Ich denke, wir wissen so viel mit Sicherheit: Frau Schmidt und Herr Fröhlich hintergehen den Grafen.“
Herr Hansen wandte sich zum Gehen. Die Nachbarin stand auf und ging schwungvoll hinter ihm her.
Mit Sicherheit wissen wir gar nichts“, mahnte sie ihn und versuchte, zu erklären: „Überlegen sie doch mal vom logischen Standpunkt aus. Frau Schmidt ist seit so vielen Jahren an diesem Gut beschäftigt, wieso sollte sie ihrem langjährigen Arbeitgeber so böse mitspielen wollen? Außerdem ist das nicht die einzige Erklärung für ihr Verhalten.“
Eine Zeit lang schwiegen beide. Erst, als sie den Park verlassen hatten, fragte Herr Hansen: „Woran denken sie denn zum Beispiel?“
Wäre es nicht möglich, dass sich Herr Fröhlich und Frau Schmidt vielleicht eine Überraschung ausgedacht haben?“
Na, eine Überraschung ist es auf jeden Fall“, erwiderte der Gärtner stirnrunzelnd. „Aber ich wüsste nicht, wozu.“
Die beiden erreichten schließlich den Vorplatz des Landhauses. Schon aus einiger Entfernung erkannte Frau Braunfeld etwas Grünes auf den Stufen des Vorbaus, was sich bei Näherkommen als der grüne Pullover entpuppte, den Friedrich Maibusch bei seiner Ankunft getragen hatte.
Warum hat denn niemand den Pullover da weggenommen?“ fragte Frau Braunfeld und ging forsch zu den Stufen. Herr Hansen kam langsamer hinterher. Als Frau Braunfelds Blick in den Vorbau fiel, schrie sie laut auf und hielt sich die Hand vor den Mund. Herr Hansen lief sofort zur Nachbarin, um sie zu stützen. Dann sah auch er, was passiert war.
Friedrich!“ rief der Gärtner, doch Frau Braunfeld korrigierte ihn.
Nein… es ist Leonard…“
Fassungslos starrten beide auf den leblosen Körper des Mannes, der in einer Blutlache im Vorbau lag.





























Kapitel 6

Sofort hatte sich die Neuigkeit von Leonard Maibuschs Tod herumgesprochen. Alle hatten sich im Salon versammelt, nachdem Graf Maibusch zu einer Art Krisengespräch einberufen hatte. Nun, da sich alle einen Platz zum Sitzen gesucht hatten und der Graf in ihre verstörten Augen blickte, fehlten ihm selbst die Worte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass eine unbekannte Macht seinen eigenen Bruder aus diesem Leben hinfort gerissen hatte. Graf Maibusch stützte seinen Kopf auf den Schreibtisch.
Warum nur mein Bruder? Warum ausgerechnet Leonard?“ fragte er wehmütig ins Nichts. „Hätte es nicht…“
James, der ahnte, worauf der Graf hinaus wollte, bremst ihn.
Seien sie jetzt besser ruhig.“
Friedrich hatte es jedoch genau verstanden und polterte los: „Raus damit, wir wissen doch alle, was du sagen wolltest: Hätte es nicht Friedrich treffen können?“
Hastig ging Frau Sauerlich zum Grafen und legte ihren Arm um seine Schulter. Dabei warf sie einen vorwurfsvollen Blick auf seinen Bruder.
Was erlauben sie sich!“ ging sie ihn an. „Der Graf hat gerade seinen Bruder verloren, können sie da nicht etwas taktvoller sein!“
Falls sie es nicht wissen“, entgegnete Friedrich, „Leonard war auch mein Bruder. Denken sie etwa, dass mich die Sache völlig kalt lässt?“
Ohne ein Wort stand Frau Schmidt, die Hausfrau, mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Fröhlich auf und verließ den Salon.
Ein leises Stimmchen ließ sich vom Klavier vernehmen.
Aber warum ist es so gekommen?“ fragte Fräulein Maria. Zwar konnte sie nicht die rechte Trauer aufbringen, ihre Neugier wollte sie dennoch nicht unterdrücken.
James dankte ihr für diesen Einwurf: „Fräulein Maria, das ist eine gute Frage. Ich weiß, sie sind alle sehr mitgenommen. Aber irgendjemand hat Leonard Maibusch ermordet, das steht außer Zweifel. Wir sollten vielleicht überlegen, wer es war und warum er es getan hat.“
Lautstark räusperte sich die Komtess zu Bärenwald und zögerte noch einen Augenblick, zu sprechen, bis sie sicher sein konnte, dass sie alle anblickten.
Ich hätte da eine Idee…“, sagte sie langsam und gedehnt.
Na, dann raus damit!“ Der Graf blickte sie ungeduldig an.
So lasse ich doch nicht mit mir reden!“ Ein weiteres Mal blickte die alternde Dame gekränkt in die Runde und schenkte sich einen Whisky ein. Erst, als sie diesen in großen Schlucken getrunken hatte, fuhr sie fort: „Ich bin mir sowieso noch nicht sicher, es ist nur ein Verdacht. Ich möchte noch ein wenig darüber nachdenken. Ich weiß nur – aber das sollte ihnen allen bekannt sein, dass es einer aus diesem Zimmer war.“
Herr Fröhlich stöhnte ob dieser vagen Erklärung und verkündete: „Dann werde ich mich reinwaschen. Ich gehe.“ Sprach´s und war verschwunden, nicht ohne einen Kommentar vom Butler zu ernten: „Sie sollten aber besser im Haus bleiben! Es wäre schade, wenn wir einen Mörder laufen ließen.“
Verzweifelt wiederholte der Graf erneut, was alle im Geiste bewegten: „Wie konnte jemand nur so etwas tun?“
Unsentimental meinte Friedrich: „Nun, es gibt reichlich Motive, jemanden den Schädel einzuschlagen. Wie wäre es denn mal mit Gier? Ich spreche da auf ein gewisses Erbe an…“
Herr Flip wurde sehr rot im Gesicht und stemmte die Hände in die Hüften.
Muss ich mir das denn noch länger bieten lassen? Mir vorzuwerfen, ich hätte jemanden ermordet. Frechheit!“ Stürmisch ging er zur Tür.
Warte auf mich!“ rief Fräulein Maria und ging hinterher. Geräuschvoll fiel die Tür ins Schloss.
Schmunzelnd blickte Frau Sauerlich zur Tür. „Die beiden schon wieder… da scheinen sich ja zwei gefunden zu haben.“
Friedrich wusste nicht, was er gegen Flip gesagt haben konnte. „Ich verstehe nicht… was hat er damit zu tun? Ich wollte ihn gar nicht beschuldigen. Ich dachte eher, dass du es warst.“ Kalt zeigte er auf Graf Maibusch. Eine Geste des Schreckens lief durch die Gesellschaft.
Wie können sie nur!“ nahm Frau Sauerlich ihren Freund in Schutz.
Friedrich versuchte, sich zu rechtfertigen: „Na, der alte Erbstreit… du wolltest schon immer mehr Geld als wir und warst sauer über die Entscheidung unseres Vaters. Und jetzt hast du unseren eigenen Bruder ermordet!“
James besänftigte den aufgebrachten Friedrich. Offenbar hatten die Gefühle hier den Verstand überwältigt. „Nun seien sie mal still, Herr Maibusch. Wenn der Graf wirklich an das Geld kommen wollte, dann würde er doch wohl eher sie umgebracht haben. Er mochte Leonard immer mehr als sie. So ist es doch, oder?“
Genau.“ Der Graf pflichtete ihm bei. „Allein dein taktloses Auftreten heute macht mich schon wieder verrückt.“
Der Butler fuhr fort. „Warum also sollte er seinen geliebten Bruder umbringen, wenn er mit dem Mord am anderen Bruder gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte?“
Eine bodenlose Unverschämtheit. Dass sie als Butler in meiner Gegenwart so reden! Ich muss mich abreagieren.“ Wutschnaubend stampfte Friedrich aus dem Zimmer, gefolgt von Herrn Mahler und Herrn Hansen.
Nüchtern blickte James sich im Salon um.
Nun, die Runde hat sich schnell wieder verteilt. In einer halben Stunde gibt es Kaffee und Kuchen. Bis dahin müssen wir warten und nachdenken, warum es passieren konnte.“
Der Graf nickte. „Tun sie das, James. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Und bitte kümmern sie sich um den Vorbau. Ich will nicht jedes Mal die Flecken sehen müssen und…“ Der Graf stotterte und brach dann schluchzend zusammen. Bis auf Frau Sauerlich verließen die anderen den Salon. Es war besser, den Grafen einen Moment allein zu lassen.

Sobald Frau Schmidt den Salon verlassen hatte, wartete sie im Flur. Sie wusste, dass Herr Fröhlich jeden Moment nachkommen musste. Wir erwartet verließ der Anwalt den Raum.
Sie sollten aber besser im Raum bleiben! Es wäre schade, wenn wir einen Mörder laufen ließen!“ rief der Butler ihm hinterher.
Frau Schmidt zog ihn zur Seite und führte ihn in die Küche.
Lassen sie James nur reden, der hat hier gar nichts zu sagen. Kommen sie in die Speisekammer, da hört uns keiner.“
Ergeben folgte Herr Fröhlich der Hausfrau. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, blickte er zu Frau Schmidt. Die starrte ihn provozierend an.
Wunderbar, Herr Fröhlich. Sie sind ja doch zu etwas fähig. Das war aber auch Zeit, nachdem sich die Ereignisse so zugespitzt hatten.“
Entgeistert schaute der Angesprochene an die Wand.
Meinen sie etwa, ich hätte Leonard umgebracht?“
Natürlich! Wer denn sonst? Außerdem hatten wir es so abgesprochen“, argumentierte Frau Schmidt bar jeder Logik und ohne eine Spur von Mitgefühl für den Grafen. „Jetzt können sie die Sache mit dem fehlenden Geld Leonard in die Schuhe schieben und wir sind vom Verdacht befreit. Ich überlege“, meinte die kleine Hausfrau keck, „ich überlege, ob ich sie dafür nicht irgendwie belohnen sollte.“
Hören sie zu, ich habe ihn nicht umgebracht. Wie hätte ich das auch tun sollen, ich war zu der Zeit unterwegs.“
Ach? Kann das jemand bezeugen?“
Nein.“ Herr Fröhlich atmete tief durch. „Wie denn auch, ich bin grundsätzlich allein unterwegs.“
Macht ja nichts, solange sie niemand befragt. Falls es doch zu so einer unangenehmen Situation kommen sollte, dann sagen sie, sie waren mit mir zusammen. Fertig. Ich will ihnen ja keinen Strick daraus drehen, dass sie mir geholfen haben“, meinte Frau Schmidt gönnerhaft, was den Anwalt dazu veranlasste, die Hände gen Himmel zu ringen.
Verstehen sie mich nicht? Ich habe niemanden ermordet!“
Seien sie still!“ mahnte Frau Schmidt. „Wollen sie, dass alle uns hören?“
Deutlich leiser fuhr Herr Fröhlich fort: „Es war eine Schnapsidee von ihnen, das Problem dadurch zu lösen, dass der Bruder des Grafen aus dem Weg geräumt wird.“
Es war aber die einzige Lösung, nachdem sie so verrückt waren und den anderen Bruder eingeladen haben. Sie sehen ja, was daraus wird: Ein neuer Streit kommt auf. Und dabei gibt es doch gar keinen Grund dazu, nur ihre Hinterhältigkeit.“
Herr Fröhlich war es leid, in diesem Gespräch immer als der Sündenbock dargestellt zu werden. Es war an der Zeit, den Spieß umzudrehen.
Sie sind mal besser still, sie haben schließlich mitgemacht. Und nun vielleicht sogar jemanden umgebracht.“
Frau Schmidt gab einen höhnischen Laut von sich und lachte fett. „Machen sie sich nicht lächerlich“, konterte sie überlegen. „Ich setze meine Existenz nicht durch solche Kinkerlitzchen aufs Spiel. So, und jetzt gehen sie und unterhalten sie sich mit den Leuten, wir müssen bis heute Abend die Fassade bewahren.“ Langsam, aber sicher schob Frau Schmidt ihren Gesprächspartner aus der Speisekammer hinaus in die Küche. „Besser, sie gehen nicht in den Salon, sonst werden ihnen noch Fragen gestellt. Aber verschwinden sie bloß aus meiner Küche. Ich habe das Kaffeegedeck vorzubereiten.“
Keine Angst, Frau Schmidt, ich werde sie schon nicht belästigen“, zischte der Anwalt und ging zähneknirschend Richtung Eingangshalle.

Wie kann er mir nur vorwerfen, dass ich den Bruder umgebracht habe?“
Nervös marschierte Herr Flip vor dem Fenster seines Gästezimmers auf und ab. Die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt.
Fräulein Maria saß gelangweilt auf einem Stuhl und machte sich ihre eigenen Gedanken, während sie dem jungen Mann zuschaute. Warum halten alle es für nötig, sich den ganzen Tag nur anzugiften?
Schließlich sagte sie entnervt: „Nun setz dich schon hin, das macht einen ja wahnsinnig. Du hast Leonard doch gar nicht umgebracht, also brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich glaube auch nicht, dass Friedrich dich gemeint hat. Er sprach vom Erbe des Vaters des Grafen, nicht das des Grafen selbst oder etwa seines Bruders. Außerdem wäre das doch seltsam“, kommentierte Maria, wobei sie ihre rot lackierten Fingernägel gelangweilt betrachtete, „dass du den Bruder umbringen solltest, wenn du doch nur im Testament des Grafen selbst berücksichtigt bist.“
Beiläufig zog Maria ihre Tasche hervor und wühlte darin herum. In scheinbar unendlichen Tiefen hatte sie endlich eine Zigarettenschachtel gefunden. Gerade wollte sie sich eine Zigarette gönnen, als Herr Flip bat: „Lass das bitte. Nicht in meinem Zimmer.“
Gleichgültig zuckte Maria mit den Schultern und steckte die Schachtel wieder weg.
Du hast schon Recht, ich müsste den Grafen selbst umbringen“, stimmte er ihr unmittelbar zu.
Nimm nicht solche Worte in den Mund, du machst mir Angst!“ rief Maria erschrocken.
Herr Flip grinste.
Nanu? Woher die plötzliche Fürsorge?“
Fräulein Maria wurde – zu ihrem Outfit nicht gerade passend – rot im Gesicht und brachte jedes Wort mühsam hervor: „Es tut mir Leid, dass ich in den letzten zwei Tagen so unhöflich war. Ich war nur sehr gereizt wegen meines Vaters. Der Graf hätte ihn nicht einladen dürfen, aber mittlerweile sehe ich ein, dass es keine andere Lösung gab.“
Na endlich!“ Herr Flip war sichtlich erleichtert, dass das Eis nun endlich gebrochen schien. „Diese Einsicht hat aber lange auf sich warten lassen. Dieses Treffen ist nur eine Maskerade, weil Henry herausfinden wollte, was es mit dem Erbe auf sich hat. Nun aber ist Leonard tot. Das wird die Nachforschungen erschweren. Sag mal“, fügte er zweifelnd hinzu, „er war doch dein Onkel. Bist du gar nicht traurig über seinen Tod?“
Fräulein Maria stand von ihrem Platz auf und ging hinüber zum Fenster. Es bot einen hervorragenden Blick auf den hinteren Garten. Noch hatte die Sonne die Umrundung nicht geschafft; es fiel kein direktes Sonnenlicht ins Zimmer. Draußen sah Maria Friedrich Maibusch, Herrn Hansen und ihren eigenen Großvater in den Wintergarten verschwinden. Plötzlich entsann sie sich der Frage von Herrn Flip.
Meine Trauer hält sich in Grenzen“, gab sie zu. „Ich habe ihn nie richtig kennen gelernt, also kann ich auch nicht richtig traurig über sein Dahinscheiden sein. Aber der Tag ist jetzt verdorben.“
Allerdings.“ Herr Flip brachte eine trockene Note in Fräulein Marias verschlungene Gedankenwelt. „Wird schwer, jetzt noch Frohsinn aufzubringen. Vielleicht werden alle beim Kaffee und Kuchen nachher wieder etwas vergnügter.“
Wir werden sehen“, meinte Fräulein Maria und wandte sich vom Fenster ab.

Die drei Herren auf dem Weg in den Wintergarten hatten nicht bemerkt, dass Fräulein Maria sie beobachtete. Schnurstracks gingen sie auf den Bau zu und setzten sich darin auf die wunderbaren Korbsessel, die nun dank James´ Pflege nicht mehr wie Stroh und Staub aussahen. Herr Mahler zündete um der heimlichen Atmosphäre Willen ein Windlicht an und stellte es mitten auf den Tisch, um den die Sessel standen. Herr Fröhlich zog die schweren, düsteren Vorhänge vor die Glasscheiben, bis nur noch ein kleiner Lichtstrahl den Raum schwach erleuchtete und das Windlicht gegen die Dunkelheit ankämpfen musste. Friedrich Maibusch schenkte sich einen Schnaps ein und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. Er atmete tief durch.
Mahler schaute verächtlich durch den kleinen Spalt zwischen den Stoffbahnen auf das Anwesen und sagte: „Wie unvorsichtig. Es wäre jetzt für den Mörder so leicht, zu fliehen. Wer sagt, dass ich es nicht war? Ich könnte jetzt einfach davon marschieren; es würde keinen interessieren.“
Kann uns das nicht egal sein? Soll Henry nächstes Mal halt besser aufpassen“, antwortete Friedrich harsch.
Beruhigen sie sich. Der Graf war sehr aufgebracht.“ Herr Hansen blieb bei den Fakten.
Friedrich schaute zu dem alten Mann, der kaum sichtbar in einer Ecke des Wintergartens verweilte.
Es ist doch nicht nur der Graf. Ich werde von allen als Monster dargestellt. Das muss ich mir nicht bieten lassen. Ich bin mit den besten Absichten gekommen, den alten Streit endgültig zu schlichten.“
Der Gärtner legte den Kopf schief.
Ich muss schon sagen, James war da etwas grob an die Sache gegangen. Aber es ging doch nur darum, ihren Bruder zu entlasten. Sie hatten ihn so unfair beschuldigt.“
Genau, alter Knabe.“ Herr Mahler stimmte Herr Hansen durchaus zu. „Sie wollen sich mit ihrem Bruder vertragen? Dann sollten sie nicht unter böswilligen Anschuldigen mit ihm sprechen.“
Langsam stellte sich die Einsicht bei Herrn Maibusch ein.
Es muss eine Sicherung bei mir durchgebrannt sein. Ich hoffe, er verzeiht mir.“
Herr Hansen blickte im Geiste auf die zurückliegenden Tage. Unversöhnlich? Eigentlich konnte davon keine Rede sein. Ob Herr Hansen das nun objektiv beurteilen konnte, war eine andere Frage.
Also, ich habe den Grafen bisher nicht als gemeines, unversöhnliches Ekel gesehen. Warten sie ab bis zum Kaffe, dann wird er bestimmt wieder besser auf sie zu sprechen sein.“
Und diese Mordsache brauchen sie dann ja nicht auf ihn zu beziehen.“
Der Gärtner nickte. „Herr Mahler hat Recht. James ist in diesen Dingen scheinbar fähiger als wir. Wir überlassen ihm die Angelegenheit und genießen den Tag, soweit das noch möglich ist.“
Friedrich nippte an seinem Whiskyglas. Verlegen sagte er: „Das ist mir alles schrecklich peinlich. Und vor allen Dingen habe ich Angst. Einer aus unserer Gruppe ist ein Mörder und es macht mir Angst, das zu wissen.“
Sie befürchten, dass er wieder zuschlagen wird?“ mutmaßte Herr Hansen, wurde jedoch von Mahler unterbrochen.
Ach, kommen sie, Hansen, das halte ich doch für sehr unwahrscheinlich. Ich meine, solange wir keine Ahnung vom Motiv haben, können wir auch nicht wissen, wie diese Person sich verhalten wird. Und wenn, dass wird es uns ganz unvorbereitet treffen. Dann können wir selbst nichts mehr tun.“
Herr Hansen, der die Gedankengänge Mahlers zwischendurch mit leichtem Nicken bekräftigt hatte, ergänzte: „Ich habe gleich gewusst, dass heute etwas schief gehen würde. Sie müssen mal auf Frau Schmidt und Herrn Fröhlich achten. Die beiden sind immer zusammen.“ Schlagartig war ihm die Idee gekommen, zusätzlich zu Frau Braunfeld auch noch diese beiden in seine Theorien einzuweihen. Ihnen konnte er vertrauen.
Unschuldig fragte Friedrich: „Wer ist Frau Schmidt?“
Die etwas kräftigere Hausfrau.“
Aha. Sie meinen, die beiden hecken etwas aus?“
Oder haben etwas ausgeheckt. Frau Sauerlich ist der gleichen Meinung wie ich.“
Jaja, Frau Sauerlich…“, schaltete Herr Mahler sich wieder ein, „sie ist aber momentan selbst nicht ganz auf dem Damm, wie mir scheint.“
Das geht vorüber. Obwohl ich ein wenig wütend auf sie bin. Unser erstes Zusammentreffen war wenig erfreulich, sie hat mich mit einer Vase niedergeschlagen. Und so was führt sich derart pompös auf“, setzte Herr Hansen frech hinzu.
Scheint eine impulsive Frau zu sein“, urteilte Friedrich folgerichtig.
Oh ja… aber ich wasche nicht gerne anderer Leute schmutzige Wäsche“, meinte Herr Hansen bescheiden. „Sie können sich ja mal nach Kaffee und Kuchen mit ihr unterhalten.“
Bei dem Stichwort schaute Herr Mahler auf seine Taschenuhr. Es war höchste Zeit für den Kaffee. Er stand auf und zog die Vorhänge zurück.
Wo sie es erwähnen – wir sollten jetzt wirklich wieder ins Haus. Die anderen warten bestimmt schon.“
Zustimmende Laute der anderen beiden gaben das Signal zum Aufbruch, nicht, ohne dass vorher noch die Kerze ausgeblasen und sämtliche Spuren eines Beisammenseins vernichtet wurden.

Zu guter Letzt waren alle im Salon eingetroffen. Herr Mahler starrte beeindruckt auf die gedeckte Tafel und setzte sich gegenüber seiner Schwester, der Komtess, genau zwischen seine Enkelin und Frau Braunfeld. Friedrich und Herr Hansen nahen seitens der Komtess Platz. Graf Maibusch blickte vom Kopfende des ausgezogenen Tisches auf die Gesellschaft.
Das Besteck war ebenso penibel angerichtet wie die Kuchen und Torten, die Sahnekännchen und Zuckerschälchen auf dem Tisch ausgerichtet waren. Nur Frau Schmidt, Urheberin dieser Ordnung, schien den Sinn zu überblicken. Als daher endlich Ruhe eingekehrt war, ergriff sie das Wort, während James Kaffee einschenkte.
Wenn ich ihnen die Kuchen erklären darf: Wir haben Schwarzwälder Kirschtorte, Wickeltorte, Champagnertorte, vor der Komtess ein Erfrischungskuchen, dann Rotweinkuchen und bei Frau Sauerlich Mousse-Johannisbeer-Schnitten. Wie passend, säuerlich und doch widerlich süß.“
Dafür geht ein großes Kompliment an die Köchin Luise Schmidt“, sagte der Graf strahlend. Erfreute Gesichtszüge bei allen außer Frau Sauerlich, die sicher nicht mit einem solchen Seitenhieb seitens der Hausfrau gerechnet hatte. Dennoch zwang sie sich zu einem Lächeln.
Jeder bemühte sich um die guten Kuchen. Ganz unbescheiden schnitt sich die Komtess zu Bärenwald ein sehr großes Stück Schwarzwälder Krisch ab und hatte Probleme, es unbeschadet auf ihren Teller zu befördern. Frau Sauerlich und Frau Braunfeld, die auf der anderen Seite saßen, kicherten.
Meine Güte, die muss aber einen Hunger haben“, flüsterte Frau Braunfeld.
Ja“, antwortete Frau Sauerlich, „sie hat nicht einmal gewartet, bis der Butler ihr zu Hilfe gekommen ist.“
Nur zu, Gladiola!“ Herr Mahler blickte sie aufmunternd an. „Es ist genug da!“ Damit erntete er gehässige Blicke von gegenüber.
Friedrich Maibusch griff zu seiner Kuchengabel und ließ sein Wasserglas klingen. Es wurde still im Salon.
Henry, das mit dem Streit tut mir Leid“, sagte er langsam und deutlich. „Ich bin mit der festen Absicht hierher gekommen, um mich mit dir zu versöhnen. Ich habe nicht ahnen können, dass es zu so einem Zwischenfall kommen würde.“
Der Graf schwieg einen Moment, bevor er seinem Bruder antworten konnte.
Das ist nett, dass du das sagst. Es beruhigt mich, zu wissen, dass ich nicht von allen Mitmenschen gehasst werde.“
Am anderen Ende der Tafel stand eine empörte Frau Sauerlich auf.
Ich hasse dich nicht, das weißt du ganz genau.“
So wenig, wie wir alle“, fügte Fräulein Maria hinzu, während Frau Sauerlich sich wieder setzte. „Aber ich kann nicht jeden Menschen um mich herum lieben. Es gibt Leute, zu denen muss ich eine gewissen Distanz bewahren, sonst würden sie mich wahnsinnig machen.“ Wenn Blicke töten könnten, würde Herr Fröhlich in der Hölle erwachen. Eiskalt schaute der Anwalt zurück.
Das soll jetzt aber nicht Thema des Gesprächs sein, denke ich“, schaltete Herr Hansen sich ein. Die unleidige Diskussion musste nicht schon wieder aufgerollt werden.
Graf Maibusch blickte zu seiner Tante und tippte dann Frau Schmidt an.
Frau Schmidt, sie haben den Tee vergessen! Ich weiß doch, wie gerne Tante Gladiola Tee trinkt. Einen Moment, bitte.“
Graf Maibusch stand auf und verließ den Salon, um das Getränk für die Komtess zu bringen. Mit einem gönnerhaften Blick schaute die derart Umsorgte hinterher.
Aus dem Jungen kann ja doch noch etwas werden. Egal, wie taktlos er manchmal ist, man muss ihm doch ein gewisses Stilgefühl zugestehen. Wenigstens die Sache mit dem Tee hat er noch ohne einen Wink meinerseits bemerkt“, lobte die Komtess.
Daraufhin setzte Fräulein Maria abrupt ihre Kaffeetasse ab und sah die alte Dame schräg gegenüber scharf an.
Ich will ihnen mal was sagen. Ich finde mich ja schon manchmal sehr arrogant. Frau Sauerlich übertrifft mich da sogar noch. Sie aber schießen den Vogel ab. Liegt es an ihrer adligen Abstammung, oder warum behandeln sie all ihre Mitmenschen so herablassend?“
Komtess Gladiola zu Bärenwald fehlten die Worte. Sie rang nach Luft.
Also… das ist ja…“
Herr Mahler legte den Arm um seine Enkelin und versuchte, sie zu besänftigen: „Ganz ruhig, Maria. Sie hat sich daran gewöhnt, etwas Besseres zu sein.“ Dem gänzlich widersprechend schob die Komtess ein großes Stück Torte in ihrem Mund, so dass sie beinah daran erstickte. „Das kann wohl niemand mehr ändern“, schloss er nach dieser Beobachtung.
Graf Maibusch war mit dem Tee zurückgekehrt, den er seiner Tante nun in einer wunderbar verzierten Tasse servierte.
Danke, Henry.“
Frau Sauerlich, die sich von dem Charakter der Hausfrau nicht gerade angetan fühlte, hielt es nun dennoch für nötig, sie aufgrund ihrer Kochkünste zu loben.
Also, Frau Schmidt, dieser Rotweinkuchen schmeckt ganz ausgezeichnet. Ich habe selten einen so guten Kuchen gegessen. Sie könnten als Köchin ein Vermögen verdienen, warum sind sie immer noch hier?“
Aus Treue zu meinem Arbeitgeber“, erwiderte Frau Schmidt und konnte nicht umhin, etwas rot zu werden.
Frau Sauerlich fühlte sich nicht verstanden. Sie erläuterte der Hausfrau ihre Gedankengänge so, dass sie wirklich alle verstehen mussten.
Aber… der Graf ist so reich. Reizt es sie denn da nie, an sein Geld zu kommen? Vielleicht ein Betrug oder ähnliches? Es würde ja niemand auf sie kommen, auf die Treue Seele des Hauses.“
Wollen sie mir etwa unterstellen…“, begann die Beschuldigte, wurde aber gleich von der Dame in Blau am anderen Ende des Tisches unterbrochen.
Es war nur so eine Idee.“
Herr Fröhlich, der Frau Schmidt gegenübersaß, nahm die Hausfrau in Schutz: „Seien sie doch nicht so gemein. Dies ist ein Familientreffen, an dem sich alle über das Wiedersehen freuen sollten. Und ich habe bis jetzt wenig Freude mitbekommen. Das ändert sich hoffentlich noch.“
Hm. Wie sie es meinen, Herr Fröhlich“, sagte der Graf. Er schien nicht allzu zuversichtlich. Fräulein Maria nahm ihn von der anderen Seite in die Zange.
Genau. Herr Fröhlich.“ Sie betonte jedes Wort und der Anwalt zuckte jedes Mal leicht zusammen.
Der Komtess schien dies eine endlose Diskussion zu werden, daher versuchte sie, abzulenken.
Also, ich nehme mir noch ein Stück Torte. Kann mir jemand das Messer reichen?“
Beiläufig hielt Friedrich, der sich gerade an Herrn Flip zur anderen Seite gewandt hatte, ihr das Tortenmesser hin. Die Komtess nahm es jedoch nicht an. Der Rest der Anwesenden war wieder in heiteres Geplauder verfallen. Friedrich drehte sich um und sagte: „Gladiola, das Messer!“
Die Komtess sagte nichts. Sie fiel vornüber mit dem Gesicht voran in die Schwarzwälder Kirschtorte. Ihr Kopfschmuck fiel auf den Tisch und rollte zu Frau Braunfeld. Friedrich schüttelte seine Tischnachbarin. „Tante? Ist alles in Ordnung?“
Die Aufmerksamkeit aller war mit einem Mal auf das Geschehen um die Komtess herum gerichtet. In Windeseile kam James herbei und zog die Komtess an den Schultern wieder in eine gerade Haltung zurück. Die Haare waren von der Sahne ganz verklebt und hingen im Gesicht. Der Butler nahm ein feuchtes Tuch herbei und wischte sie fort. Er schaute die Dame genau an, fühlte dann ihren Puls und sagte schließlich: „Mit Verlaub – es scheint, als sei gar nichts in Ordnung. Ihre Tante ist soeben, wie mir scheint, verstorben.“
Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht. Frau Sauerlich und Frau Schmidt hielten sich die Hände vor den Mund, Fräulein Maria wurde weiß im Gesicht. Die anderen starrten mit leeren Gesichtern auf den Tisch.
Gladiola!“
Der Aufschrei kam von Herrn Mahler.
Nein! Wie konnte das passieren?“
James, der unauffällig die Komtess untersucht hatte, nahm eine aufrechte Haltung ein und sprach nüchtern: Schauen sie sie sich doch nur an! Die bläuliche Färbung der Haut, das leicht geschwollene Gesicht! Mir scheint, als sei die Tante vergiftet worden, obwohl ich nichts erkennen kann. Ob es hier beim Essen geschehen ist?“ James roch an dem Geschirr, das die Komtess zuvor noch benutzt hatte, ebenso am Kuchen und an der Teetasse, konnte jedoch nichts feststellen. „Sofern Gift benutzt wurde, muss es farblos und geruchlos sein. Da bin selbst ich überfragt. Und wieder stammt der Täter aus unseren Reihen. Ich finde das äußerst merkwürdig, gar nicht mehr angenehm. Wo kann der Täter das Gift nur besorgt haben?“ James blickte sich in der Runde um, zog dann eine Augenbraue hoch. „Gibt es Freiwillige, die den Mord gestehen möchten? Vielleicht gleich noch den an Leonard Maibusch dazu?“
Die Angesprochenen blickten sich gegenseitig verstohlen an, niemand sagte ein Wort. Die Luft war zum Schneiden dick und keine Spur von Entspannung in Sicht. Der Anwalt fuhr den Butler an: „Warum ignorieren sie die Tatsache, dass ebenso gut sie der Mörder hätten sein können? Der Butler ist immer der Täter!“
Der Gärtner…“, murmelte Herr Hansen. Zum Glück hörte es niemand.
Das ignoriere ich keinesfalls“, gab James ruhig zurück. „Wenn ich jedoch der Mörder wäre, würde ich nicht mit allen Mitteln auf mich aufmerksam machen wollen. Aber dieses Verhalten fällt mir bereits bei einigen Personen hier auf. Zum Beispiel bei ihnen, Frau Braunfeld.“
Die Nachbarin hatte mit einer solch unbegründeten Anschuldigung nicht gerechnet. Sie schreckte auf und sagte: „Bei mir? Sie wollen sich wohl einen Scherz erlauben!“
Wenn es um Mord geht, mache ich keine Scherze.“
Infam. Unerträglich.“ Frau Braunfelds Stimme schlug einen klagenden Ton an. „Dass ein so qualifizierter Butler, der weiß, welche Grenzen er hat, so weit über sie hinaustritt! Wieso verdächtigen sie mich? Ich habe überhaupt kein Motiv. Der Graf hat mich eingeladen, um mich von dem Verlust meiner Familie abzulenken. Glauben sie, die zwei Menschen, die hier ihr Leben verloren haben, gehen mir nicht zu Herzen? Wie gefühllos von ihnen!“ Tränen standen in ihren Augen, als sie sich an Graf Maibusch wandte: „Nächstes Mal kümmern sie sich besser um ihr Personal, bevor sie Pläne für eine Feier machen, und stellen nur Leute ein, denen sie auch vertrauen können. Ich kann hier nicht bleiben, es würde mich ruinieren. Meine Gefühle ruinieren!“ Ein letztes Mal sprach sie zu James: „Und sie will ich nie wieder sehen!“
Wutentbrannt stampfte Frau Braunfeld nach diesen flammenden Worten aus dem Salon. Frau Schmidt zeigte hinter ihr her.
Sie sollten sie nicht einfach gehen lassen. Vielleicht ist sie nicht ganz unschuldig!“
Seien sie beruhigt, Frau Schmidt“, sagte James, der mit Frau Braunfelds Reaktion gerechnet hatte. „Unsere liebe Nachbarin hat nichts mit irgendwelchen dunklen Machenschaften hier zu tun. Davon habe ich mich bereits im Vorfeld des Treffens überzeugt. Aber es war doch interessant, zu sehen, wer zuerst auf den Abgang von ihr reagieren würde. Schade nur, dass sie es waren. Wissen sie, ich hatte gehofft, dass sich jemand bemüht, den Verdacht weiterhin auf Frau Braunfeld zu halten, indem er oder sie sie hier festhält. Dadurch könnte der Täter von sich ablenken.“
Frau Schmidt schüttelte den Kopf. „Spielen sie hier Detektiv, oder wie?“ Immer mehr bereute sie, dass sie ihm anfangs einen lockeren Umgang empfohlen hatte.
Bei ihnen, Frau Schmidt, kann ich mir aber auch gut vorstellen, dass sie nur…“ James zögerte. Ein paar Details waren unstimmig. „Nein“, räumte er schließlich ein, „es war doch ganz gut. Es ist nämlich durchaus möglich, dass sie eine zweifache Mörderin sind. Sie hatten die besten Möglichkeiten, die Speisen zu vergiften.“
Nicht schlecht, Herr Butler“, antwortete die Hausfrau zynisch, „aber ich meine mich erinnern zu können, sie hätten hier nichts von dem Gift bemerkt? Vielleicht hat sie ja schon vorher was abbekommen. Haben sie auch daran gedacht, dass mehrere von der Torte gegessen haben? Wieso hätte es nicht der Tee sein können? Dann käme nämlich auch der Graf als Täter in Frage, denn schließlich hat er ihr den Tee eingeschenkt.“
Zufrieden ob ihrer schlüssigen Verteidigung lehnte Frau Schmidt sich zurück und schaute James provozierend an. Graf Maibusch blickte noch immer teilnahmslos auf den Tisch und stammelte: „Aber… warum hätte ich Leonard umbringen sollen? Ich habe ihn geliebt. Mehr als Friedrich jedenfalls.“
Das reicht.“ Fräulein Maria wollte sich entnervt die Haare raufen, bedachte aber zum Glück noch rechtzeitig ihren Kopfschmuck und die wilden Federn in ihrer Frisur. „Ich rufe die Polizei.“
Nein!“ Der Einwand kam synchron und ein wenig zu schnell von Frau Schmidt und Herrn Fröhlich.
Warum denn nicht“, fragte Frau Sauerlich. „Die werden den Fall schon lüften. Dann hat dieses Theater ein Ende. Oder wollen sie so tun, als sei nichts passiert?“
Frau Sauerlich blinzelte die anderen an. Mittlerweile blendete die Spätnachmittagssonne direkt in den Salon.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns alle uneingeschränkt die Polizei wünschen sollten. Oder kann sich hier jemand mit einer weißen Weste brüsten?“
Frau Schmidt, die ihre weiße Küchenschürze trug, drehte sich weg.
Herr Flip hatte die Zeit über geschwiegen. Ihm waren verschiedene Dinge durch den Kopf gegangen. Vor allem: Angst. Er fragte: „Unter uns ist also ein Mörder, und keiner will die Polizei rufen. Sollen wir jetzt alle hier sitzen bleiben und warten, bis der nächste umfällt? Ich will das nicht sein!“
Fräulein Maria blickte den Mann im grünen Anzug an. Hatte sie ihm vorhin noch die starke Rolle des Beschützers zugeteilt, so war er nun das kleine Mäuschen. Brüsk stand sie auf.
Niemand wird gezwungen, hier sitzen zu bleiben. Ich vertrete mir die Beine. Sollte ich flüchten, wissen sie ja wenigstens, wen sie anzeigen müssen. Die haben mich doch in Nullkommanichts geschnappt! Wir werden jetzt auch noch den Abend verstreichen lassen, dann wird sich schon noch der oder die Schuldige finden.“
Worauf sie sich verlassen können“, rief der Butler ihr grimmig hinterher.

Später, am frühen Abend, hatte Fräulein Maria ihren Spaziergang beendet und ging in das Kinderzimmer, um sich vor dem Abendessen noch ein wenig auszuruhen. Zu viel Aufregung bringt unerwünschte Falten und Krähenfüße, dachte sie sich. Als sie das Zimmer betrat, fand sie dort Frau Schmidt und Herrn Fröhlich vor. Der Anwalt ging mit einem Aktenordner in der Hand auf und ab, während Frau Schmidt auf einem Sessel saß. Fräulein Maria setzte sich ihr gegenüber.
Also, Frau Schmidt, so wunderbar ihre Kuchen auch waren… dieser Abend ängstigt mich jetzt doch. Ausgerechnet die Komtess! Wer hätte Grund gehabt, sie zu beseitigen?“
Nanu, Fräulein Maria? Eben noch so furchtlos und jetzt diese Aufregung? Sie müssen sich leider damit abfinden, dass jeder ein gutes Motiv hatte. Oder ist ihnen die Komtess nicht auf die Nerven gegangen?“ Die Hausfrau verdrehte die Augen beim Gedanken an die Hektik mittags. „Dieses alberne Getue immer und dieses aufgesetzte Benehmen gegenüber den anderen. Sie hatte vor niemandem Respekt und hat mich wie eine Sklavin behandelt. Also, da haben die paar Stunden doch ausgereicht, um mich ziemlich sauer zu machen.“ Herr Fröhlich schaute sie kurz an und schmunzelte, doch sie fuhr fort, ohne ihn zu beachten. „Und wie sie sich aufgeführt hat, als sie ein wenig mit aufräumen sollte!“ Frau Schmidt ahmte eine leidende Geste nach, die Fräulein Maria zum Kichern brachte.
Das stimmt allerdings. Aber das kann doch kein Grund sein, einen Menschen zu töten! Stellen sie sich das doch nur mal vor, wie grausam!“
Herr Fröhlich schüttelte den Kopf, hatte er als Anwalt doch schon ganz andere Fälle miterlebt.
Maria, dir fehlt die nötige Objektivität. Der Grund für den Mord an der Komtess wird ebenso bodenständig sein wie das Motiv für die Tat an Leonard Maibusch.“
Als würdest du dich damit auskennen“, sagte Maria ungnädig. „Das ist doch ziemlich hanebüchen. Vielleicht warst du es sogar selbst.“
Ach? Wieso sollte ich so etwas tun?“
Es scheint dir ja Spaß zu machen, andere Menschen zu verletzen. Obwohl du eigentlich allen einen Gefallen getan hättest. Was rede ich überhaupt herum, das nützt ja doch nichts. Frau Sauerlich wird mir bestimmt helfen, denn die ist nämlich fürsorglicher als du es je warst“, warf die junge Frau ihrem Vater trotzig an den Kopf, bevor sie den Raum verließ.
Helfen, helfen, helfen. Als ob sie es nötig hätte!“ sagte Frau Schmidt, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. Jetzt endlich konnte sie wieder mit dem Anwalt über die aktuelle Situation sprechen. Herr Fröhlich wandte sich ihr zu.
Nun sagen sie mir mal einen vernünftigen Grund, warum sie auch noch die Komtess aus dem Weg geräumt haben. Sie hat doch niemandem etwas getan! Und uns nützt das jetzt auch nichts mehr.“
Denken sie jetzt, dass ich einen… mittlerweile zwei Morde begangen habe? Herr im Himmel, selbst wenn ich Leonard zu unserem eigenen Wohl beseitigt hätte… nur mal so angenommen… dann würde ich nicht auch noch einen zweiten Mord begehen. Das ist unglaublich!“
Da kommt mir doch eine kleine Idee“, überlegte Herr Fröhlich und starrte die Hausfrau an. „Ich gehe einfach mal davon aus, dass sie Leonard erschlagen haben. Und die Komtess ist ihnen dabei irgendwie auf die Schliche gekommen. Vielleicht haben sie sich ja beobachten lassen. Erinnern sie sich noch, wie die Komtess sagte, sie hätte eine Ahnung, wer der Mörder von Leonard ist? Der Täter muss das als Signal gesehen haben. Jetzt oder nie! Weg mit der verrückten Komtess, sonst verrät sie alles. Haben sie so gedacht, Frau Schmidt?“
Natürlich nicht“, antwortete die Hausfrau schnell. „Obwohl ihre Erklärung ganz logisch klingt. So muss es gewesen sein. Leider wird Komtess Gladiola zu Bärenwald nun niemandem mehr ihren Verdacht verraten können und wir sind wieder auf uns gestellt.“
Ich frage mich, warum außer Frau Braunfeld noch niemand gegangen ist. Irgendwas scheint sie hier festzuhalten.“
Frau Schmidt stand auf und klopfte Herrn Fröhlich an die Schläfe.
Die Vernunft hat uns unter Arrest gestellt. Schon vergessen, was ihre Tochter gesagt hat? Wer abhaut, ist der Täter. Das würde die Polizei dann regeln. Es darf keiner verschwinden. Auch zu unserem eigenen Wohl nicht“, setzte Frau Schmidt nachdenklich hinzu. „Polizei können wir nicht gebrauchen. Und nun lassen sie sich von der Abendgesellschaft ablenken, es gibt ja schließlich noch anderes zu tun, als immer nur Akten zu wälzen und Menschen zu ermorden. In einer halben Stunde folgt das Abendessen, ich muss jetzt alles aufwärmen und den Tisch decken. Sie helfen mir mal wieder nicht, aber das kennen wir schon. Und das Bridgespiel danach sollten sie nicht verpassen“, rief sie, als sie schon aus der Tür verschwunden war. Herr Fröhlich setzte sich und warf unwillig einen eingehenderen Blick in die Abrechnungen. Pflicht ist schließlich Pflicht.

In weiser Voraussicht hatte James am Vormittag den säulenverzierten Vorbau des Anwesens mit mehreren klassischen Gartenlampen verziert. Bisher war es nie nötig gewesen, abends den Ausgang des Hauses zu erleuchten, da Graf Maibusch es sich nach den Nachrichten einfach mit einer Tasse heißer Schokolade gemütlich gemacht hatte. Auch jetzt, im Sommer, war es eigentlich unnötig, die Lampen anzuzünden, da es lange hell blieb. Da aber der Vorbau im Schatten des Hauses lag, trug es wesentlich zur Atmosphäre bei, als Herr Mahler die Flammen entfachte. Zusammen mit Herrn Hansen und Frau Sauerlich hatte er das Haus verlassen, um ein wenig Luft zu schnappen und den Geist für klare Gedanken freizuräumen.
Dieser Abend kann nur noch besser werden“, begann Frau Sauerlich und nippte an ihrem Cocktail. „Herr Hansen, ich denke, ich habe einen starken Verdacht, wer der Mörder sein könnte. Sie nicht auch?“
Sie blickte den Gärtner vieldeutig an, der schaute zurück und nickte.
Allerdings. Und das passt so wunderbar ins Bild!“
Herr Mahler tat einen Satz rückwärts, fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft herum und fluchte. Offenbar hatte er sich die Finger verbrannt. Munter flackerte das Feuer in den gusseisernen Laternen, als wolle es den törichten Mann verspotten.
Widerlich. Ich hasse es, mir die Finger zu versengen. Ich war abgelenkt und habe nicht aufgepasst, da kann so was natürlich schnell passieren. Aber habe ich das richtig verstanden oder sprachen sie da gerade zufällig von Frau Schmidt und Herrn Fröhlich?“
Frau Sauerlich drehte sich verwundert herum. Sie hatte schließlich nichts von der Unterredung der Herren im Wintergarten zuvor mitbekommen.
Woher wissen sie denn davon? Herr Hansen, sie haben doch wohl nicht überall von unseren Entdeckungen herumerzählt, oder?“
Seien sie beruhigt, wir können Herrn Mahler ins Vertrauen ziehen.“ Dann drehte Herr Hansen sich überrascht zur Eingangstür. Fräulein Maria war zu ihnen getreten. Wie immer fesch gestylt, dachte er. Nur die Haare sehen ein wenig wild aus. Liegt wohl an den Federn.
Frau Sauerlich, sie müssen etwas tun“, sagte die junge Frau aufgebracht. „Herr Fröhlich – ich meine, mein Vater und Frau Schmidt haben nichts Besseres zu tun, als sich über mögliche Mörder zu unterhalten. Sind die denn von den Ereignissen gar nicht betroffen? Wie kann man nur so kühl sein!“ Fräulein Maria schüttelte den Kopf über die Unverfrorenheit dieser beiden. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Lampen zu. „Ach, wie süß! Sie haben die Laternen angezündet! Das sieht ja toll aus, wie herrlich muss es erst bei Nacht wirken!“ In all ihren Ausführungen war Fräulein Maria entgangen, dass Frau Sauerlich und Herr Hansen seit ihrer Erwähnung der vorigen Unterhaltung wie versteinert da standen und sich anstarrten. „Was haben sie denn? Ist ihnen nicht gut?“ fragte sie und winkte mit ihrer Hand vor Hansens Gesicht herum.
Dieser fand langsam wieder zu Worten.
Sagten sie, sie haben Frau Schmidt und Herrn Fröhlich zusammen gesehen? Wo denn?“
Im Kinderzimmer. Sie wollten mich unbedingt loswerden, also bin ich hierher gekommen.“
Herr Hansen atmete tief durch und ging ins Haus.
Scheint, als hättest du eben einer kleinen Unterhaltung von Verbrechern beigewohnt“, kommentierte Mahler gegenüber seiner Enkelin den Abgang des Gärtners.
Wovon sprichst du, Großvater?“
Frau Sauerlich übernahm das Wort: „Es nützt nichts mehr, irgendwas noch geheim halten zu wollen. Fräulein Maria, ich hege den starken Verdacht, dass Frau Schmidt und ihr Vater in gemeinsamer Arbeit ihren Onkel hintergangen haben oder noch hintergehen wollen. Daher glauben wir, dass sie auch etwas mit dem Mord an Leonard und der Komtess zu tun haben.“
Gute Güte, das klingt hart. Dennoch sollte es mich nicht verwundern.“ Fräulein Maria zündete sich eine Zigarette an. Sie nahm einen tiefen Zug und versuchte, Kringel aus Rauch in die Luft zu blasen. Es gelang ihr mit viel Mühe. „Mein Vater hat wohl seinen Heidenspaß daran.“
Ich hätte nie gedacht, dass mein Schwiegersohn zu so etwas in der Lage sein könnte. Er hat dich verlassen, Maria, das steht fest. Er ist durch und durch verdorben, und das hat er sicher nicht von mir. Aber Mord! Das ist doch eine andere Klasse“, gab Mahler zu bedenken.
Eher zu sich selbst sagte Fräulein Maria: „Ich wünschte, mein Onkel hätte nie zu diesem Treffen eingeladen. Dann wäre das alles nicht passiert.“
Wollen sie jetzt alles ungeschehen machen? Dazu ist es zu spät. James ist bereits auf der Fährte des Mörders. Wenn ihre Großtante doch nur hätte sagen können, wer es war, von dem sie so überzeugt war! Macht erst wilde Andeutungen und schweigt dann für immer, das nützt uns nun nichts mehr.“
Wie?“ fragte Maria.
Stimmt!“ Herr Mahler schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Frau Sauerlich, das ist es. Gladiola hat gewusst, wer Leonard umgebracht hat. Und wegen dieses Wissens musste sie sterben. Es war purer Leichtsinn, allen zu verkünden, dass sie den Mörder kenne, und es dann nicht zu sagen.“
Leichtsinn… oder Gier!“ Frau Sauerlich kniff die Augen zusammen und starrte in Richtung der Hauptstraße, als stünde die Lösung dort geschrieben. „Erpressung klingt doch auch ganz hübsch als Motiv. Vielleicht hat sie das gesagt, um den Mörder zu warnen und ein wenig Kohle aus ihm oder ihr herauszubekommen.“
Nur leider ging der Plan daneben“, ergänzte Mahler.
Das klingt gut. So könnte es tatsächlich gewesen sein. Das müssen wir sofort den anderen erzählen.“
Herr Mahler stoppte Maria, die in freudiger Erregung ihre Zigarette in einer der Laternen hatte verschwinden lassen und sich zum Gehen wandte.
Lieber nicht, sonst ergeht es uns genauso. Wir sollten unser Wissen für uns behalten. Wir bleiben ruhig und beobachten die Lage. Das wird das Beste sein.“
Maria beruhigte sich und schaute sich um. Ruhig bleiben. Wenn dies die einzige Möglichkeit war…

Glänzend edel war das Geschirr im Salon angerichtet und bis auf die Speisen alles für das Abendessen vorbereitet. Verschiedene dunkle Flaschen standen auf dem Tisch, die wohl Wein oder Sherry enthielten. Auch für nicht-alkoholische Getränke war gesorgt, hatte der Graf doch im Blick, dass vielleicht jemand noch an diesem Abend nach Hause fahren wollte. Die Stühle standen in Reih und Glied um die Tafel verteilt. Nur noch eines fehlte: die Gäste. Es war zwanzig vor sieben, also noch etwas Zeit und bis auf James und Herrn Flip war der Raum menschenleer. James zündete gerade, ebenfalls allein um der Atmosphäre Willen Kerzen auf dem Tisch an. Herr Flip saß auf einem Sessel und beobachtete den Butler.
Das war sehr direkt vorhin mit ihren Anschuldigungen gegen Frau Braunfeld und Frau Schmidt. Glauben sie wirklich, dass Frau Schmidt die Komtess vergiftet hat?“
Ich muss jede Möglichkeit in Betracht ziehen. Auch sie könnten es gewesen sein“, antwortete James in gewohnt kühlem, doch unterwürfigen Ton.
Ich?“
Warum denn nicht? Erbschleicherei ist ein gutes Motiv. Nun, da Leonard tot ist, wird sein Vermögen unter Graf Maibusch und seinem Bruder aufgeteilt. Der Graf hat das verlauten lassen. Das bedeutet letztendlich natürlich mehr Geld für sie, ohne dass der Verdacht direkt auf sie fällt.“ James war mit den Kerzen fertig und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber Herrn Flip. Er blickte ihn konzentriert an.
Wenn sie unbedingt meinen, dann setzen sie auch mich auf die Liste der verdächtigen. Aber ich könnte das nicht tun. Haben sie Fräulein Maria gesehen, wie sehr sie durch die Ereignisse geschockt ist? Das würde ich ihr niemals antun wollen.“
Gut, dass sie gleich zu Fräulein Maria überleiten. Um sie zu verschonen, lasse ich mal die Möglichkeit außer Acht, dass sie ebenso gut mit ihr unter einer Decke stecken könnten. Es ist offensichtlich, dass das junge Fräulein Maria einen Gefallen an ihnen gefunden hat, seit sie hier angekommen ist. Das ist ja nicht weiter sonderbar; schließlich sind sie ein stattlicher junger Mann. Aber ich denke, selbst ein Mensch, dem die Herzen der Damen nur so zufliegen, lebt nicht ohne Probleme. Erzählen sie mir bitte, was sie in den letzten Tagen hier erlebt haben. Ich will nicht das hören, was die anderen gesagt haben. Stattdessen hätte ich es gerne aus ihrer Sicht berichtet.“
Das wird nicht leicht.“ Herr Flip atmete durch, öffnete den letzten Knopf seines grünen Jacketts und schaute an die Zimmerdecke. Dann begann er, zu erzählen: „Als ich hier angekommen bin, waren ja noch nicht viele Gäste hier. Eines stand für mich aber gleich fest: Ich kann Herrn Hansen nicht leiden. Ich hoffe, ich habe das nicht allzu deutlich gegenüber allen zu Ausdruck gebracht. Jedenfalls hat sich bis jetzt daran wenig geändert. Es gab da auch eine kleine Auseinandersetzung, bei der Frau Sauerlich Herrn Hansen mit einer Vase niedergeschlagen hat, um mich zu beschützen. Herr Hansen hatte mich mit einem Messer bedroht, verstehen sie?“ Und als der Butler eindringlich nickte: „Oh Mann, eigentlich dürfte ich ihnen das gar nicht sagen. Es gab da so gegenseitige Bedingungen. Herr Hansen sollte niemandem verraten, dass Frau Sauerlich ihn niedergeschlagen hatte. Ich habe es aus Versehen erzählt. Im Gegenzug würde ich niemandem verraten, dass er mich mit einem Messer bedroht hat. Wenn sie sich recht entsinnen, wissen sie noch, dass Hansen, dumm wie er ist, alles ausgeplaudert hat. Also kann ich ihnen guten Gewissens die ganze Sache anvertrauen.“ Er blickte den Butler fragend an. „Sie sind so ruhig. Stimmt etwas nicht?“
Herr Flip, die Hälfte einer guten Ermittlung besteht darin, aufmerksam zuzuhören. Sie haben mir schon so viele wichtige Details gesagt, bitte reden sie weiter!“
Nun gut. Sie hatten mir ja von dem Plan des Grafen erzählt. Also, warum er dieses Treffen wirklich veranstaltet, und so. Als dann Fräulein Maria hier eingetroffen war… ich war sofort hingerissen von ihr. Sie aber hatte kein Auge für mich, war natürlich wütend wegen der Sache mit Herrn Fröhlich. Da habe ich ihr vom Plan des Grafen erzählt. Sie war ziemlich sauer, auf mich ebenso wie auf Graf Maibusch. Kurz darauf ist dann Herr Fröhlich zu mir gekommen und hat mich gebeten, mit Maria zu reden, weil er selber das wohl nicht schaffen würde. Ich habe ihm gesagt, er soll es selbst ausbaden. Wer so einen Mist baut… Und dann war da auch schon das Treffen heute. Das war alles, so weit ich mich erinnern kann.“
James lehnte sich zurück und machte eine Kunstpause.
Ich bin ihnen wirklich sehr dankbar“, sagte er schließlich. „Es ist gut, die Ereignisse auch mal aus den Augen der anderen beteiligten kennenzulernen. Gestatten sie mir noch eine letzte Frage: Wer, glauben sie, war der Mörder von Leonard Maibusch und der Komtess zu Bärenwald?“
Wenn ich auch nur die geringste Ahnung hätte, würde ich es ihnen sagen. Ich kann nur behaupten, es sei Herr Hansen gewesen, weil ich mit ihm so meine Schwierigkeiten hatte.“
Vielen Dank, Herr Flip. Wir sehen uns dann gleich zum Abendessen wieder!“
James stand von seinem Platz auf und ging zur Tür. Er wollte Frau Schmidt suchen und fragen, ob zur Tafel geladen werden durfte. Schließlich war es kurz vor sieben, und bis alle versammelt waren, konnte das ja auch wieder dauern. Seufzend begab der Butler sich in die Küche, wo er die Hausfrau am ehestens vermutete. Noch vor der Tür stoppte er. Er hörte die Stimme des Grafen. Zwar geziemt es sich nicht, an Türen zu lauschen, aber es kann nur nützlich, um unsere Lage zu entspannen, dachte er und presste sein Ohr an das Holz.
„…aufgrund der Ereignisse nichts. Wir müssen die Spielgruppen neu sortieren. Aber ich habe da schon eine Idee.“ Dann herrschte Stille. Nein, dort war Frau Schmidt sicher nicht, und er wanderte den Flur hinab, um sie in den anderen Zimmern zu suchen.

Die Vermutung des Butlers war richtig. Frau Schmidt war nicht in der Küche. Dort saßen Graf Henry und sein Bruder Friedrich am Tisch. Während James seine Befragung an Herrn Flip durchführte, teilte der Graf Friedrich seine Gedanken mit.
Jetzt auch noch meine Tante. Warum denn nur, sie hat doch keinem etwas getan!“
Das ist doch ganz offensichtlich, Henry. Die Komtess hat ausgeplaudert, dass sie den Mörder von Leonard kennt, oder war da irgendetwas nicht zu verstehen?“
Der Graf wischte den Gedanken beiseite: „Das ist doch Unsinn. Sie meinte, sie hätte eine Vermutung. Das kann doch den Mörder nicht veranlasst haben, noch einen Mord zu begehen. Dadurch wird der Verdächtigenkreis schließlich weiter eingeschränkt.“
Kommt es dir nicht in den Sinn, dass Tante Gladiola den Täter vielleicht genau kannte und durch ihre Andeutung warnen wollte?“
Warum sollte sie den Täter warnen? Das ist verrückt, es sei denn, sie steckte mit ihm unter einer Decke.“
Friedrich nickte zustimmend. „Sehr gut. Damit hätten wir schon mal eine Möglichkeit. Aber warum hätte ihr Partner sie dann umgebracht? Das ist nicht nachzuvollziehen, daher vermute ich, dass es anders war. Tante Gladiola kannte den Mörder und hat ihm das durch ihre vagen Andeutungen zu verstehen gegeben. Damit spielte sie einen Trumpf aus, nämlich dass sie ihn verraten würde, wenn er nicht gewissen Gegenleistungen erbrächte.“ Graf Maibusch machte große Augen.
Du meinst, sie hat ihn erpresst? Das wäre ja geradezu ungeheuerlich. Aber wozu? Geld hat sie doch selbst genug.“
Das denkst du! Tante Gladiolas reiche Zeiten sind vorbei.“
Aber es wäre doch unglaublich dumm von der Komtess. Sie hätte ahnen müssen, dass das nicht gut gehen kann.“
Genau darauf wollte ich hinaus. Der Mord an der Komtess gerät dadurch in den Hintergrund. Es gilt, den Mörder – und zwangsläufig das Motiv – für den Mord an Leonard zu finden. Und das wird sich schwierig gestalten.“
Der Graf blickte bedeutungslos aus dem Fenster.
Soweit waren wir mittlerweile schon gekommen. Keine neuen Ideen?“
Leider nicht. Ich hänge noch immer an dieser Erbschaftssache fest.“
Dann müssen wir James sagen, er soll den Fall lösen. Er hat den Verstand, der von Nöten ist, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich frage mich überhaupt, warum er Butler geworden ist. Er ist doch zu klug, um solche unterwürfigen Aufgaben zu verricht. Aber, jedem, wie er es mag. Heute Nachmittag wollte er sogar einen aktuellen Kontoauszug von mir einsehen.“
Den hast du ihm doch hoffentlich nicht gegeben?“
Friedrich, er hätte ihn früher oder später sowieso in die Hände bekommen. Außerdem steht ja nichts Verwerfliches darauf.“
Nachher, beim Bridgespiel, wird James genügend Gelegenheit haben, Nachforschungen anzustellen.“
Ich befürchte, daraus wird aufgrund der Ereignisse nichts. Wir müssen die Spielgruppen neu sortieren. Aber ich habe da schon eine Idee…“
Graf Maibusch holte Zettel und Stift und erstellte vor seinem Bruder, der immer wieder zustimmend nickte, eine Skizze, die hier wiederzugeben zu kompliziert wäre. Danach begaben sie sich in den Salon.

So verstrich also das Abendessen zum Glück ohne widrige Begebenheiten.
Auf ein Wort!“
Graf Maibusch lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, nachdem sich alle wieder für das Kartenspiel im Salon zusammengefunden hatten.
Frau Schmidt, das Essen war fabelhaft. Sie haben sich mal wieder selbst übertroffen, ich denke, das kann jeder der Anwesenden nur bestätigen.“
Verlegen sagte die Hausfrau, während sie die fleckige Schürze ablegte: „Danke, das ist ja zuviel der Ehre.“
Nur nicht so bescheiden. Und ihr alle“, sagte er, indem er sich an die Gruppe wandte, „ihr solltet euch schämen, dass ihr Frau Schmidt nicht beim Abräumen des Tisches geholfen habt. Es ist ihr ebenfalls zu verdanken, dass jetzt alles wieder vorzeigebereit ist und die Cocktails für das Folgende bereitstehen. Wir kommen nun zum abschließenden Programmpunkt unseres Familientreffens. Doch zuvor möchte ich noch ein Wort zu den Morden sagen: Einer von uns hat meinen Bruder und meine Tante kaltblütig ermordet. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich werde, jetzt gleich, mich hier an den Schreibtisch setzen und meine grauen Zellen bemühen. Es muss möglich sein, den Täter zu finden. Ich verspreche euch, heute verlässt keiner das Haus, ehe ich denjenigen überführt habe.“ Die Rede, die der Graf mit einer sich zuspitzenden Schärfe gehalten hatte, zeigte Wirkung. Betretenes Schweigen erfüllte einmal mehr den Salon von Gut Trontstein. Fräulein Maria und Herr Flip blickten gleichermaßen zu Boden und scharrten mit den Füßen im Teppich herum. Herr Fröhlich blickte mit verschränkten Armen in die einsetzende Abenddämmerung. Dem Grafen blitzte der Schalk in den Augen, als er bemerkte, wie einfach er die Gäste nach seinen Regeln lenken konnte. Nun war ein wenig Auflockerung angebracht, entschloss er also und sagte in einem heiteren Ton: „Da nun die Zahl der Besucher ein wenig kleiner geworden ist, habe ich die Bridgegruppen aufgeteilt. In der Küche spielen Onkel Joachim, Friedrich, Herr Hansen und…“ Der Zeigefinger des Grafen wanderte einmal über die Runde und stoppte schließlich beim Butler. „…nicht zuletzt James.“
Meinen sie wirklich mich?“ Nie hatte James Clifford gedacht, während seiner Arbeitszeit derart in die Gesellschaft eingebunden zu werden.
Aber sicher. Oder können sie kein Bridge spielen?“
Natürlich. Das ergibt sich bei meiner Erziehung von selbst.“
Frau Schmidt bekam erneut Respekt vor dem Butler. Ein derartiger Satz aus dem Munde von Frau Sauerlich hätte wieder fürchterlich eingebildet geklungen, von der Komtess ganz zu schweigen. James jedoch schaffte es, sein Licht mal wieder unter den Scheffel zu stellen.
Wunderbar. Im Salon werden Frau Schmidt, Josephine, Maria und Herr Fröhlich spielen“, ergänzte der Graf.
Und was ist mit mir?“ fragte Herr Flip, den Graf Maibusch bisher übergangen hatte.
Du wirst meiner Nichte assistieren. Wenn du damit einverstanden bist, Maria“, setzte er nicht ohne ein Augenzwinkern hinzu.
Na klar! Wir werden es den anderen zeigen“, rief sie erfreut und knuffte Herrn Flip in die Rippen.
Ich wünsche dann allen ein unterhaltsames Spiel. Getränke stehen sowohl in der Küche als auch, wie schon gesagt, hier im Salon ausreichend bereit, bitte bedient euch.“
Damit schloss der Graf seine Ansprache Das Gemurmel im Raum wurde wieder laut und die Anwesenden verteilten sich auf die zugewiesenen Räume. Herr Hansen, Herr Mahler, Friedrich und der Butler strebten dem Flur und der Küche zu, während Graf Maibusch die Schreibtischlampe einschaltete und sich seinen Studien widmete. Die anderen gingen zum Salontisch; Frau Sauerlich bediente sich an der reichhaltigen Auswahl an Cocktails und Herr Fröhlich nahm ein kleines Schälchen mit Knabbereien mit.
Herr Flip flüsterte Fräulein Maria ins Ohr: „Du, die Frau Sauerlich langt heute aber ganz schön zu. Die muss doch irgendwann besoffen sein, oder?“
Maria lachte und hielt ihm scherzhaft die Hand vor den Mund. Dann setzten die beiden sich an den Tisch. Frau Sauerlich mischte die Karten, warf dabei einen Blick auf die Hausfrau.
Frau Schmidt, sie notieren als Erste die Punkte.“
Wie immer, Frau Sauerlich“, antwortete diese zähneknirschend.
Herr Fröhlich schaute quer über seine Karten.
Maria, ich weiß, du bist es leid, mit mir darüber zu reden, aber…“
Seine Tochter schaute umso angestrengter in ihr Blatt.
Gib dir keine Mühe“, erwiderte sie kühl. „Wenn ich erst mal wieder abgereist bin, werde ich Mutter davon erzählen. Dann bekommst du was zu hören!“ Wütend hielt sie Flip die Karten hin.
Herr Fröhlich, es ist wie immer am besten, wenn sie ruhig sind“, sagte Frau Schmidt zweideutig und erntete ein höhnisches Lachen, doch Frau Sauerlich pflichtete der Hausfrau bei.
Genau. Sie könnten sonst wichtige Sachen ausplaudern“, wobei sie ihre Stimme steigerte, damit keiner sie überhörte, „Sachen, die der Graf nicht erfahren darf, nicht wahr, Henry?“ rief sie nach hinten über ihre Schulter, ohne ihr Pokergesicht von den Karten abzuwenden. Als keine Antwort seitens des Grafen kam, rief sie: Gut, arbeite du nur weiter. Wir spielen hier.“
Herr Flip schaute die Runde verständnislos an.
Ich habe das Gefühl, als würden sie alle an mir vorbeireden. Ich verstehe gar nichts“, klagte er. „Geht es immer noch um die Sache mit der Vase, Frau Sauerlich?“
Ach, Pipifax. Das ist doch längst vorbei. Nein, ich überlege nur manchmal, ob der Plan von Frau Schmidt und Herrn Fröhlich, den Grafen bei der Erbschaftssache zu unterstützen, auch wirklich funktioniert.“
Eine Neuigkeit für Herrn Flip: „Sie wissen alle davon? Aber das sollte doch geheim bleiben! Warum haben sie es verraten, Frau Schmidt?“
Nett, dass sie gleich mich verdächtigen“, kommentierte die Angeklagte sarkastisch.
Wer hätte es denn sonst gewesen sein können?“
Die Hausfrau räumte ein: „Ist ja schon gut, ich habe es ausgeplaudert. Das heißt, ich wurde dazu gezwungen. Ich habe mich mal mit Herrn Fröhlich unterhalten. Frau Sauerlich hier“, sie nickte zu ihrer Nachbarin, „hat das natürlich gleich als Anlass gesehen, mich über die Sache auszuquetschen. Da konnte ich es natürlich nicht mehr geheim halten.“
Ha. Interessant! Wenn sie still gewesen wären, dann wäre jetzt vielleicht gar nichts passiert.“
Bleib ruhig, Maria“, sagte der Mann an ihrer Seite. „Das ist jetzt passiert. Es nützt nichts, irgendjemandem Vorwürfe zu machen.“
Mein Gott, wie oft habe ich diese Floskel schon gehört! Von diesem Gerede kriege ich einen trockenen Hals.“ Sie setzte ihr Glas an, merkte aber zu ihrer Überraschung, dass es leer war. „Henry! Bringe uns doch bitte einen Rotwein!“
Der Graf antwortete genervt, ohne sich auch nur umzudrehen: „Ich habe gesagt, dass ich zu tun habe. Die paar Schritte werdet ihr doch wohl selbst überstehen.“
Meinetwegen. Wäre eine nette Geste gewesen, weißt du.“ Beleidigt stand Frau Sauerlich auf, nachdem sie ihre Karten abgelegt hatte, und holte eine Flasche Rotwein. Sie entkorkte sie und schenkte sich ein. Nachdem sie sich mit einem Blick vergewissert hatte, dass keiner der anderen Wein trinken wollte, stellte sie ihn an die Seite, nahm einen Schluck und blickte wieder in ihre Karten. „Na, es geht weiter im Spiel.“
Währenddessen hatte sich die Herrenrunde in der Küche bisher äußerst schweigsam gezeigt.
Gedrängt sagte Mahler: „Nun seien sie doch nicht so bierernst. Man könnte meinen, sie spielen um ihr Leben.“
Herr Hansen blickte auf und sagte düster: „Mit so etwas macht man keine Scherze. So viel Taktgefühl sollten sie eigentlich besitzen.“
Entschuldigen sie, dass ich die Runde ein wenig auflockern wollte. Kommt nie wieder vor.“
James meldete sich zu Wort. Er schaute zu Friedrich: „Herr Maibusch, wie denken sie nun über die Sache? Ich habe sie noch gar nicht nach ihrer Meinung gefragt.“
Ich muss sagen, dass ich hier eher mit gemischten Gefühlen sitze. Unter uns ist ein Mörder, der vielleicht noch mal zuschlagen wird“, vermutete der Angesprochene.
Der Gärtner antwortete fest: „Er wird nicht wieder zuschlagen. Es gibt keinen Grund mehr, noch jemanden umzubringen.“
Sie enttäuschen mich, Herr Hansen“, meinte James. „Kein Grund, sagen sie? Haben sie etwa einen Grund für den Mord an Leonard Maibusch gefunden? Nein. Und er war auch überhaupt nicht vorherzusehen. Ebenso kann es wieder geschehen, da sollten sie mal dran denken.“
Der Butler hat Recht“, stimmte Mahler zu. „Da fällt mir gerade wieder dieser passende Satz ein. Nein, eher unpassend: Der Gärtner ist immer der Mörder. Heißt es nicht so? Herr Hansen, ich kann nur hoffen, dass sie an der Sache nicht beteiligt sind.“
Ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Ist wohl Schicksal, wenn man Gärtner ist, für alles als Sündenbock dazustehen, aber muss ich mich denn vor ihnen rechtfertigen für etwas, das ich nicht getan habe?“
Trotzdem würde ich mich nachher noch gerne mit ihnen unterhalten. Sie müssen mir all ihre Eindrücke schildern, von dem Tag an, als sie sich hier vorgestellt haben“, bat der Butler.
Friedrich sprach mit etwas lauterer Stimme: „Gentlemen! Wir sitzen hier bei einer Partie Bridge. Ich kann es nicht zulassen, dass sie durch alberne Nebensächlichkeiten abgelenkt werden!“
Mahler sagte scherzhaft zu den anderen: „Mein Neffe versteht es, sich abzulenken.“ Dann zündete er sich eine Zigarre an.
Im Salon inzwischen stand Fräulein Maria am Rande der Verzweiflung.
Ach Flip, was soll ich denn jetzt nur tun?“
Ihr Partner sortierte ihre Karten und antwortete beruhigend: „Die gleiche Taktik wie immer. Solange keiner dahinter kommt, können wir dieses As weiter ausspielen.“
Frau Sauerlich warnte: „Sie sollten ihre Zunge hüten, Herr Flip. So, wie sie angeben, kommen wir schon noch dahinter, verlassen sie sich darauf.“
Ich denke ja, dass Maria es auch ohne die Tricks von Herrn Flip geschafft hätte“, meinte Herr Fröhlich großzügig, wurde aber sogleich von Frau Sauerlich in die Schranken verwiesen.
Sie Schleimer! Seien sie bloß still!“
Maria, die bisher nichts getrunken hatte, verspürte nun doch ein Kratzen im Hals. Es musste von den Salzstangen herrühren. Sie wandte sich zu ihrem Onkel: „Henry! Kannst du mir ein... ach, lass nur, ich gehe schon selbst. Lass dich bei deinen Arbeiten nicht stören.“ Im letzten Moment entsann Maria sich des gereizten Grafen und stand gnädig auf, um sich ein Mineralwasser zu holen. Mit der Flasche in der Hand kehrte sie zur Runde zurück.
Der verehrte Graf ist in letzter Zeit erstaunlich still geworden, besonders in der letzten halben Stunde“, merkte der Anwalt leise an.
Stimmt“, gab die Freundin des Grafen zurück. „Es wird doch nichts passiert sein?“ Nachdem sie ihren Zug beendet hatte, stand Frau Sauerlich auf, um einen Blick nach Graf Maibusch zu werfen. Die anderen vertieften sich angestrengt in ihre Karten, um die nächsten Züge zu planen, so weit das möglich war.
Plötzlich hörten sie einen schrillen Schrei vom Schreibtisch her. Alle blickten zu Frau Sauerlich, die sich kurz am Schreibtisch stützte und dann zu Boden sackte. In Windeseile standen die anderen auf und liefen zu ihr. Herr Mahler kniete sich zur Dame nieder und fühlte ihr den Puls, Fräulein Maria lief in die Küche und holte die anderen hinzu, während Herr Flip und Herr Fröhlich unweigerlich feststellen mussten, dass der Graf nicht mehr unter ihnen weilte. Ein Brieföffner mit grünem Jadegriff steckte in seiner Brust und die einst weiße Weste des Grafen war von Blutflecken besudelt…

Nachdem die ersten Unannehmlichkeiten beseitigt waren, saßen die Anwesenden geschafft und mit gestressten Nerven in der Sitzgruppe des Salons.
Das reicht mir jetzt. Ich will keine Toten mehr sehen“, rief Frau Sauerlich mit schriller Stimme. „Drei Morde, wie weit kann es eigentlich noch gehen?“
Mit wesentlich ruhigerer Stimme wandte Frau Schmidt sich energisch an den Butler: „Genau. Es reicht jetzt wirklich. James, ich wünsche, dass sie den Mord hier aufklären. Scheinbar sind wir hier alle zu müde und von unserer Borniertheit eingenommen, um noch einen klaren Gedanken zu fassen. Ich habe Angst, in einem Haus zu gastieren, in dem geschlachtet wird.“
Gut.“ James schritt mit gesenktem Blick auf und ab. „Ich werde versuchen, diese Verbrechen aufzuklären. Sie sollten sich aber bewusst sein, dass einer von ihnen der Mörder ist. Ich werde ihn finden, es ist nur eine Frage der Zeit. Doch… wir sollten unsere Gäste nicht damit belästigen.“
James ging zu Herrn Mahler und Friedrich Maibusch. „Es war schön, dass sie gekommen sind, doch die Ereignisse haben dramatische Wendungen genommen. Herr Maibusch, sie haben beide Brüder verloren. Es tut mir so Leid. Sie und auch Herr Mahler, ebenso wie Herr Hansen sind keine Mörder. Sie waren mit mir in der Küche beim Kartenspielen und ich bin mir ganz sicher, dass keiner von ihnen zu irgendeiner Zeit die Küche verlassen hat. Daher können sie zwar beruhigt, doch mit einem tristen Gefühl nach Hause gehen. Es tut mir Leid, dass ich jetzt so abwesend zu ihnen sein muss, aber ich muss unter den Übrigen noch einen Mörder finden. Ich wünsche einen ruhigen Abend.“
Frau Sauerlich wollte Einspruch erheben, doch Herr Fröhlich hielt sie zurück.
Friedrich wagte kaum aufzublicken, als er sich von der Gruppe verabschiedete.
Mahler sagte: „Es hätte ein so schönes Fest werden können… Besuch mich mal!“ rief er dann noch seiner Enkelin zu. Er legte Friedrich den Arm um die Schulter und führte ihn hinaus.
James wandte sich wieder der Gruppe zu und schlug einen scharfen Ton an: „Nun muss ich sie mal was fragen. Wie kann es sein, dass jemand in der Anwesenheit von vier Zeugen den Grafen ermordet hat und doch niemand in der Lage ist, zum einen die Tatzeit, zum anderen den Täter genau zu nennen?“
Frau Schmidt wollte die anderen verteidigen: „Wenn ich vielleicht etwas sagen dürfte. Wir waren alle sehr auf das Bridgespiel konzentriert. Der Graf war ziemlich in seine Arbeiten vertieft, so dass es keinem auffallen konnte, wenn er plötzlich ganz ruhig war. Es war ganz normal, dass hin und wieder jemand aufgestanden ist, um Getränke zu holen. Und einmal schien der Täter seine Chance gesehen zu haben.“
James grübelte: „Man könnte nun darauf schließen, dass diese Tat nicht von langer Hand geplant war. In keinem Fall war vorherzusehen, dass Graf Maibusch die Bridgegruppen derart umlegen würde. Das bringt uns dem Motiv wieder ein Stück näher. Es drängt sich mir die Vermutung auf, als sei tatsächlich nur der Mord an Leonard Maibusch geplant gewesen und die anderen Morde dann als notwendige Folge aufgetreten.“
Es ist ziemlich makaber, einen Mord als notwendig zu bezeichnen“, mäkelte Herr Fröhlich, der es als Anwalt eigentlich besser wissen sollte.
Herr Hansen stand ruckartig auf. „Ich halte das nicht mehr aus. Ich gehe in mein Zimmer, um mich zu beruhigen. Wenn sie mich noch sprechen wollen, James, dann finden sie mich dort.“
Der Butler nickte verständnisvoll: „Das ist in Ordnung, Herr Hansen.“
Fräulein Maria schaute dem Gärtner nach und sagte dann: „Ich frage mich, warum ihn das so mitnimmt.“
Herr Flip zu ihrer Linken versuchte, zu vermitteln: „Er ist nun mal vielleicht ein sehr mitfühlender Mensch. Er muss tief getroffen sein von allem, was hier geschehen ist.“
Da ist es schon wieder!“ rief Frau Schmidt und zeigte auf Herrn Flip. Die Panik ließ sie alle Benimmregeln vergessen, denn sie kreischte in den höchsten Tönen, so es denn in ihrem Alter möglich war. „Sie alle tun so, als sei jetzt alles vorbei, aber wer garantiert uns denn, dass in dieser Nacht nicht noch jemand stirbt? Der Täter scheint ja ziemlich wahllos vorzugehen.“
James klatschte erfreut in die Hände und ging damit das Risiko ein, von allen für verrückt gehalten zu werden.
Frau Schmidt, sie sind ein Engel. Wo mir noch die Worte fehlen, werfen sie sie mir geradezu in den Mund. Der Täter scheint blind vorgegangen zu sein. Ich aber glaube nicht an so etwas. Ich muss versuchen, eine Reihenfolge in die Ereignisse zu bringen. Daher werde ich mich morgen mal mit ihnen unterhalten müssen. Und ich möchte eines schon jetzt ankündigen: Es ist nicht sehr ratsam, mich anzulügen. Ich mag zwar nur der Butler sein, doch lässt dieser Beruf nicht auf meinen Verstand schließen. Ich bin durchaus in der Lage, logische Schlüsse zu ziehen und werde daher jeden von ihnen, der mir nicht die gesamte Wahrheit erzählt, entlarven und als Hauptverdächtigen ansehen. Ich hoffe, sie haben das bedacht, als sie mir die Nachforschungen anvertrauten.“ Mit zusammengekniffenen Augen ließ der Butler seinen Blick schweifen und erntete Hohn seitens des Anwalts.
Einen Moment mal! Das ist ja alles schön und gut, was sie uns hier erzählen. Wer aber garantiert mir, dass sie nicht selbst der Mörder von Leonard Maibusch sind?“
Scharfsinnig, Herr Maibusch. Wirklich sehr scharfsinnig. Niemand garantiert ihnen das. Aber ich denke, ein Mörder soll gefunden werden. Wenn wir uns alle weiter an die Gurgel gehen, wird doch der Blick für das Wesentliche verschleiert, ist es nicht so? Sollte es ihnen gelingen, mich als Täter zu überführen, so werde ich ihnen herzlich gratulieren. Aber solange sie nichts anderes zu tun haben, als sich gegenseitig zu beschuldigen, sollte ich mich den Ermittlungen widmen. Ich wünsche ihnen eine gute Nacht!“
Entschlossen verließ James den Salon, um noch ein Gespräch mit Herrn Hansen zu führen, wie er es beabsichtigt hatte. Herr Fröhlich, derart in die Schranken verwiesen, zog sich einen hämischen Blick von Frau Sauerlich und einen vieldeutigen von Frau Schmidt zu. Er drehte sich weg und trank einen Whisky. Seine Gedanken waren bei Frau Beul, seiner Klientin, die wahrscheinlich in der ganzen Stadt böse Gerüchte über ihn verbreitet hatte. Wo er auch auftrat, würde er nun, sei es wegen der Angelegenheit mit seiner Tochter oder der Vernachlässigung anderer Pflichten, mit misstrauischen Blicken bedacht werden. Konnte das das Resultat eines einzigen Familientreffens sein?

Draußen war es dunkel. Auf dem Nachttisch brannte die Lampe und erhellte das Zimmer von Herrn Hansen. Dieser lag auf dem Bett und blickte aus dem Fenster. Schließlich betrat James das Zimmer.
So, Herr Hansen, da bin ich.“
Der Gärtner schaute auf den Wecker. Es hatte kurz nach halb zwölf.
Machen sie aber bitte schnell, ich habe Kopfschmerzen.“
Gar kein Problem. Bleiben sie einfach auf dem Bett liegen. Ich hole mir nur kurz einen Stuhl… So. Wie lange es dauert, hängt ganz davon ab, wie gut sie mit mir zusammenarbeiten. Es war ein langer Tag heute, aber dafür sollten wir uns noch die Zeit nehmen. Erzählen sie mir, was hier seit ihrer Einstellung so geschehen ist. Ich möchte es aber aus ihrer Sicht hören; erzählen sie mir, was sie hier erlebt haben!“
Gern, soweit ich mich denn erinnern kann, weil… mit dieser Vase und Frau Sauerlich, das war alles etwas verwirrend.“
Stop!“ unterbrach James. „Fangen sie doch bitte von vorne an. Ich hasse nichts mehr als Unordnung in Gedankengängen. Zugegeben, manchmal verfalle auch ich dieser Unsitte, aber so können wir den Fall nicht anpacken. Also, der Graf hat sie angerufen…“
Ja“, fuhr Herr Hansen fort, „ich hatte eine Anzeige in die Zeitung gesetzt. Graf Maibusch suchte einen Gärtner, fragte mich und da habe ich natürlich sofort zugelangt, weil man heute wirklich jede Chance ergreifen muss. Es war noch am selben Tag, als ich hier hierher kam. Frau Schmidt hat mich durch das Anwesen geführt, es hat mir auf Anhieb gefallen.“
War denn der Graf nicht da, um sie zu empfangen?“
Ich meine, der hatte sie in dem Moment gerade in die Häuslichkeiten eingewiesen. Sie haben sich ja an demselben Tag um die Stelle des Butlers beworben.“
James schien sich zu erinnern. „Stimmt. Ich wusste nicht mehr, dass sie zum gleichen Zeitpunkt, als ich mich mit dem Grafen unterhielt, angekommen waren. Aber bitte, erzählen sie weiter.“
Ich habe mich dann am nächsten Tag zuerst mal mit Frau Schmidt angefreundet. Sie ist ja sehr kompetent und zuverlässig. Zumindest dachte ich das in dem Moment.“ Er machte eine kleine Pause. „Dann, beim ersten Treffen im Salon, als Frau Sauerlich und Fräulein Maria noch nicht da waren, hatte ich irgendwie das Gefühl, als könne Herr Flip mich nicht leiden. Ich weiß nicht, wieso. Dieses Gefühl wurde noch stärker, als Herr Flip mich am Tag darauf beschuldigte, ein falsches Spiel zu spielen. Was für ein Unsinn! Er warf mir vor, ich sei nicht die Person, für die ich mich ausgebe. Ich bekam Angst und hielt ihn mit dem Messer auf Abstand. Ich wusste ja nicht, ob er noch handgreiflich werden würde.“
Das ist ja interessant. Herr Flip hat mir davon gar nichts erzählt. Ich sollte vielleicht irgendwann noch einmal mit ihm reden.“
Er wird ihnen sowieso nicht die Wahrheit erzählen. Frau Sauerlich hat mich dann niedergeschlagen. Mit einer Vase, glaube ich. Hinten, auf dem Weg zum See, wenn ich mich recht entsinne. Dann kann ich mich nicht mehr erinnern, was passiert ist.“ Ein Gedankenblitz streifte ihn. „Ach, ich habe mich später mit Frau Sauerlich unterhalten. Es war kein sehr freundliches Gespräch, aber was sollte man auch erwarten. Jedenfalls hat die Gute eine sehr seltsame Reaktion gezeigt, als ich sie damit konfrontiert habe, dass ich weiß, dass sie es war, die mit die Vase über den Schädel gezogen hat“, meinte Herr Hansen grimmig.
Was genau meinen sie?“
Sie meinte, sie wüsste sofort, wer mir das verraten hat. Beim Treffen abends tönte sie dann herum, es sei der Graf gewesen und sie sei ziemlich sauer. Sie wusste ja nicht, dass Herr Flip mir alles verraten hatte. Damit hätte sie ein Motiv für den Mord am Grafen. Zufrieden?“
Herr Hansen, ich wollte von ihnen keine Verdächtigungen hören. Außerdem ist jene Wut doch reichlich schwach für ein Motiv.“
Bitte, dann eben nicht. Ich wollte ja nur helfen. An den folgenden Tagen ist nichts Wichtiges passiert. Obwohl… sie sollten sich mal mit Frau Schmidt oder Herrn Fröhlich unterhalten. Mit den beiden stimmt etwas nicht. Glauben sie es oder nicht, ich habe zusammen mit Frau Sauerlich versucht, den Schwindel aufzuklären, bin aber nur auf eine sehr halbseidene Geschichte gestoßen, von irgendwelchen Antiquitäten, für die Frau Schmidt sich scheinbar begeistert hat. Sie sollten Herrn Fröhlich auch fragen, warum er Frau Schmidt die Pistole gezeigt hat“, gab Herr Hansen zu bedenken.
Das ist zwar interessant und durchaus wichtig, aber die Pistole war nicht die Mordwaffe. Wenn nun Herr Fröhlich oder Frau Schmidt in diesem Gespräch den jeweils anderen aufgefordert hätte, zu handeln, und dieser dann wirklich gemordet hätte, warum dann nicht mit der Pistole, wenn diese schon zur Hand war?“
Eine gute Frage. Ich bin ratlos.“ Einen Moment verharrte der Gärtner im Schweigen, um dann fortzufahren: „Naja, und dann war es auch schon soweit: Das Familientreffen stand an. Ich habe mich gleich mittags mit Frau Braunfeld unterhalten und sie von Frau Schmidt und Herrn Fröhlich unterrichtet. Sie war genauso besorgt wie ich. Ich denke, das ist der Grund, warum sie so wütend nach Hause gegangen ist. Sie wurde sozusagen in die Ermittlungen einbezogen – von mir – und konnte es gar nicht verstehen, dass sie plötzlich selbst als Verdächtige dastand. Sie sollten sich noch einmal bei ihr entschuldigen.“
Das werde ich auch machen. Ich war in der Tat unhöflich, aber es war doch nötig, um mir ein Bild der Übrigen zu verschaffen, ich denke, ich brauche ihnen das nicht weiter erläutern. Ich hoffe, sie wird das verstehen.“
Im Laufe des Tages habe ich mich dann wieder mit ihr unterhalten – bei einem Spaziergang durch die Parkanlage. Ich habe ihr ganz offen erzählt, dass ich Betrug vermutete, aber sie ist ja so eine gutgläubige Seele und konnte das gar nicht glauben. Zugegeben, es scheint seltsam, dass Frau Schmidt nach zehn Jahren treuer Arbeit nun so hinterhältig wird, und schließlich hatte ja auch ich von ihr eigentlich sofort einen guten Eindruck, aber man soll schließlich alles in Betracht ziehen. Und als wir dann zum Haus zurückkamen, fanden wir Leonard…“
Erschlagen im Vorbau. Und als sie losgingen, lag er noch nicht dort?“
Das wäre uns doch wohl aufgefallen. Ich weiß doch noch, wie Leonard uns gewunken hat, als wir losgingen.“
Das könnte heißen, dass sie die Ermordung Leonards just verpasst haben.“
So ist es wohl. Seltsam, ich hatte zuerst sogar geglaubt, es sei Friedrich gewesen, der da lag. Leonard trug Friedrichs grünen Pullover.“
Das ist interessant. Nun, die beiden Brüder sahen sich recht ähnlich.“
Später musste ich dann zusammen mit Herrn Mahler Friedrich Maibusch beruhigen. Er war vollkommen außer sich. Und als er sich dann wieder gefangen hatte, unterbreitete ich auch den beiden meine Verschwörungstheorie von Frau Schmidt und Herrn Fröhlich.“
Sie scheinen ja viel Wert darauf gelegt zu haben, dass alle von der Sache erfuhren. Und Herr Fröhlich wollte noch immer nicht mit der Wahrheit herausrücken? Das klingt ein bisschen unglaubwürdig.“
Herr Hansen beharrte auf seiner Meinung. „Es ist die Wahrheit.“ Durch das Anwesen schallte laut die große Uhr im Salon.
Genug davon. Ich werde der Sache nachgehen. Kommen wir zum Mord an Graf Maibusch. Sie sind von jeglichem Verdacht befreit, da sie ja mit mir in der Küche waren. Ist ihnen dennoch etwas an der Situation im Wohnzimmer aufgefallen?“
Was hätte mir auffallen sollen? Frau Sauerlich hat geschrien, kurz darauf kam Fräulein Maria und hat uns geholt.“
James stand von seinem Stuhl auf und blickte angestrengt in die Dunkelheit. Zögerlich stellte er eine Vermutung auf: „Vielleicht ist gerade diese Zeitspanne wichtig. Es wäre doch durchaus möglich, da wir überhaupt nicht wissen, was im Salon vor sich ging, dass jemand den Grafen ermordet hat, die anderen wohlwollend zugesehen haben und schließlich die Nummer mit dem Schrei abgezogen wurde, wenn ich es so formulieren darf. Es klang nämlich sehr, als wäre es aus einem Drehbuch abgelesen. Aber ich werde morgen zuerst mal mit Frau Sauerlich sprechen. Sie hat die Leiche entdeckt, und sie kann mir bestimmt auch sagen, was im Wohnzimmer vor sich gegangen ist.“
Habe ich sie da gerade richtig verstanden? Sie halten es für möglich, dass alle hinter der Sache stecken? Aber hat denn jeder überhaupt ein Motiv?“
Aber selbstverständlich. Jeder hat ein Motiv. Aber das muss bis später warten. Ich bin doch recht müde und es ist auch schon spät, ich muss glatt die Uhr im Salon wieder abstellen, sonst weckt sie uns heute Nacht alle.“
Sie haben Recht, unser Gespräch hat länger gedauert als erwartet. Ich wünsche ihnen eine gute Nacht!“
Schlafen sie gut“, sagte der Butler, als er leise den düsteren Raum verließ.














Kapitel 7

In aller Herrgottsfrühe hatte Frau Schmidt am nächsten Morgen Herrn Fröhlich geweckt und ihn in den Pavillon bestellt. Zwar hatte Herr Fröhlich geflucht, dennoch musste es wichtig sein, wenn Frau Schmidt so geheimnisvolle Aufträge gab. Unter mehrfachem Gähnen begab der Anwalt sich ins Bad.
Die Hausfrau saß mit einer Tasse Tee bereits hinten im Garten auf einer der Bänke im Pavillon. Sie atmete tief durch, um die frische Morgenluft auszunutzen. So früh morgens war es selbst im Sommer noch frisch. Frau Schmidt genoss den Anblick der glänzenden Tautropfen auf dem Rasen. Sie zuckte mächtig zusammen, als Herr Fröhlich ihr von hinten auf die Schulter tippte.
Da sind sie ja endlich“, sagte Frau Schmidt und verwies den Anwalt auf eine der anderen Bänke. „Was ich mit ihnen besprechen möchte: Der Graf ist endlich tot. Ich weiß nicht, ob sie wieder zugeschlagen haben, ist auch egal. Das ist unsere Gelegenheit! Wenn wir jetzt noch schnell die Belege für das Erbe, das der Graf erhalten hat, finden und verbrennen, dann können wir alles abstreiten. Sie können dann den Fall für geklärt ausgeben.“
Herr Fröhlich lächelte.
Stimmt. Der Graf wollte herausfinden, wer ihn betrogen hat. Die einfache Antwort lautet: Niemand hat ihn betrogen. Er war nur zu verschwenderisch, dass er dachte, er hätte zu wenig Geld bekommen. Als sein Anwalt kann ich das nur bestätigen, erst recht, wenn die Beweise, also die Belege, verbrannt sind. Der Graf und ein Bruder sind hinüber, das passt ganz ausgezeichnet in unseren Plan“, setzte er mit einem dämonischen Grinsen hinzu und rieb sich die Hände.
Frau Schmidt hob mahnend den Zeigefinger: „Wir dürfen nur eine Sache nicht vernachlässigen: Herr Hansen und Frau Sauerlich sind uns bestimmt immer noch auf der Spur. Wir dürfen uns nicht zu auffällig verhalten. Sie werden zugeben, dass die Sache mit der Pistole gelogen war und vom ursprünglichen Plan des Grafen berichten. Natürlich auch von dem Ergebnis, zu dem wir gerade gekommen sind. Dann müssen die beiden einfach beruhigt abziehen.“
Ich kann es nur hoffen. Die beiden sind schließlich nicht die einzigen, die hinter uns her sind. Denken sie an James! Er wird sich zwar mit dem Mord befassen, aber ich glaube, dass die Morde irgendwie mit dieser Sache verknüpft sind. Er wird also zwangsläufig auch uns beschatten und ausfragen. Wir handeln so, wie wir es gesagt haben. Auch dem Butler werden wir die Geschichten vom Irrtum des Grafen erzählen.“
Frau Schmidt beugte sich vor und sagte eindringlich: „Dann müssen wir aber unbedingt diese Beweise finden. Wenn James sie vor uns in die Finger bekommen sollte, sind wir erledigt. Nur… wo könnte Graf Maibusch sie aufbewahrt haben?“
Frau Schmidt, sie sind jetzt so lange hier beschäftigt. Sie kennen sich am besten im Haus aus. Ich glaube nicht, dass er sie in seinen Schreibtisch gelegt hat, das wäre zu einfach.“
Da stimme ich ihnen durchaus zu. Der Graf war ein raffiniertes Biest. Ich könnte mir vorstellen, dass er sie in einer der Vitrinen im Salon versteckt hat. Der Bereich war für mich auch immer tabu, bis auf das Abstauben. Außerdem kommt von seinen Gästen normalerweise keiner auf die Idee, einfach in den Schränken herumzuwühlen, von den Vitrinen ganz zu schweigen. Ich werde dort nachsehen. Sie werden sich möglichst bald an James wenden, damit es nicht so aussieht, als würden sie Geheimnisse vertuschen wollen. Tun sie so, als würden sie total offen mit ihm sprechen. Das wird ihn zufrieden stellen.“
Herr Fröhlich stand auf.
Ich werde trotzdem noch ein wenig warten. Ich gehe erst mal zu Maria. Ich muss mich wieder mit ihr vertragen.“
Frau Schmidt stöhnte.
Sie kapieren nicht, dass das hoffnungslos ist, oder? Warten sie!“
Herr Fröhlich schaute zu, wie die Hausfrau im Wintergarten verschwand und ein paar Minuten später mit einem Gegenstand in der Hand wieder auftauchte. Sie kam mit einer Rohrzange in der Hand direkt auf ihn zu. Instinktiv wich der Anwalt einen Schritt zurück.
Nun stellen sie sich nicht so an“, lachte Frau Schmidt. „Erst wollte ich das Ding hier benutzen, um die Vitrine aufzubrechen, aber das wäre wohl zu auffällig. Außerdem ist es eine schöne Vitrine, sehr wertvoll. Nein, sie sollten besser die Rohrzange mitnehmen. Nur für den Notfall, wenn sie verstehen“, deutete Frau Schmidt vage an und ließ einen Anwalt stehen, der in der Tat überhaupt nichts verstanden hatte. Triumphierend marschierte sie in das Landhaus zurück.

James hatte für sich und Frau Sauerlich, eine der wenigen Frühaufsteherinnen, ein Frühstück auf den Tisch gezaubert. Dankbar setzte Frau Sauerlich zu ihm. Scheinbar hatte sie über Nacht zumindest für eine bestimmte Zeit ihren High-Society-Schein abgelegt. Sie trug Alltagskleidung, die sie immerhin etwas jünger machte, als sie es war. Anstelle eines Rocks war sie nun in Jeans und schlichter Bluse ohne Make-up kaum mehr wiederzuerkennen. Taktvoll vermied James es, sie auf diese Tatsache hinzuweisen.
Frau Sauerlich, so ungern ich sie auch deswegen störe, so ist es doch meine Aufgabe, sie zu diesem Fall zu befragen. Ich möchte den Mörder von Graf Maibusch finden. Und das möglichst schnell. Deswegen bitte ich sie, ein wenig zu berichten. Ihre Ankunft war ja nicht sehr positiv ausgefallen, wenn ich da an die Sache mit der Vase denke…“
Schnell unterbrach die Angesprochene den Butler: „Scheinbar kennen sie den Fall. Also lasse ich das einfach weg, das ist mir wirklich peinlich.“
Meinetwegen. Ach, ihre Schwindelanfälle scheinen nachzulassen, das ist ja wunderbar!“ James erinnerte sich, dass ihr letzter Taumel wirklich verhältnismäßig lange zurück lag.
Ja, sie treten immer seltener auf. Aber das war schon öfter so“, sagte Frau Sauerlich glücklich. „Morgen sind sie wahrscheinlich ganz vorbei. Ad rem – sie wollten mit Herrn Hansen sprechen. Ob sie es gemacht haben oder nicht, ich werde ihnen noch etwas zum Fall Schmidt und Fröhlich erzählen, nämlich, dass ich das Ganze für absolut harmlos halte.“
James schien ziemlich verwundert ob dieser Erklärung zu schauen, denn Frau Sauerlich schmunzelte: „Nun schauen sie doch nicht so bedröppelt. Klar doch, die beiden arbeiten zusammen, aber aus durch und durch guten Motiven. Sie wollten Henrys Brüder ein wenig ausfragen, ob sie vielleicht etwas vom verschwundenen Erbe wissen. Eigentlich war es nur die Aufgabe von Herrn Fröhlich, weil er ja der Anwalt ist, aber vor Frau Schmidt bleibt nun mal nichts verborgen.“
Vor mir auch nicht, glauben sie mir“, verkündete James selbstsicher.
Ich übergehe ihre kleinen Spitzen einfach. Also, was bei der Beobachtung von Fröhlich und Schmidt herausgekommen ist, weiß ich nicht, aber sie können die beiden ja einfach mal fragen. Sie haben nichts zu verbergen, das können sie mir glauben. Herr Hansen bildet sich da was ein, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste, vielleicht kommt er mit den Fakten ein wenig durcheinander. Gut, zuerst hat Frau Schmidt auch mir eine seltsame Geschichte aufgetischt, aber das ist ja jetzt Vergangenheit.“
Der Butler lächelte, als er nun sagte: „Frau Sauerlich, sie glauben ja nicht, wie gerne ich seltsamen Gehschichten lausche, nur um das Körnchen Wahrheit herauszuhören.“
Wenn sie es denn unbedingt wissen wollen. Also, Frau Schmidt sagte, sie unterstütze den Grafen. Das Problem war nur die Pistole, die bei der Unterhaltung zwischen Frau Schmidt und Herrn Fröhlich geschwenkt wurde. Da hat sie mir einen Mist erzählt, kaum zu glauben. Sie beschrieb Henrys Brüder doch glatt als gewalttätig, sie meinte, die Brüder könnten wütend und handgreiflich werden, wenn sie herausfänden, dass der Graf sie ausspioniert.“
Ganz so abwegig ist es aber nicht. Ich würde mich schon aufregen, wenn ich zu einer Familienfeier nur eingeladen werde, um… untersucht zu werden“, gab der Butler zu bedenken.
Bar jeder Logik wischte Frau Sauerlich den Gedanken vom Tisch: „Ach, dann lassen wir das jetzt beiseite. Viel ist dann jedenfalls nicht mehr passiert. Dann kam auch schon der Tag des Familientreffens. Und ich war die Glückliche, die diese fürchterliche Komtess empfangen durfte. Henry hatte verschlafen, so dass wir dann Aufräumen im Schnellverfahren veranstalten durften, aber das haben sie ja selbst miterlebt. Der Tag war sehr anstrengend. Am frühen Nachmittag wurde ich einmal ohnmächtig und hatte einen Alptraum. Ich sah den Grafen und Herrn Hansen reden, irgendein wirres Zeug. Dann wurde Leonard erschossen!“
Aber Herr Maibusch wurde doch erschlagen?“
Ich rede hier von meinem Traum, das haben sie doch wohl mitbekommen? Ich stand daneben und konnte gar nichts tun. Und als ich dann wieder bei Sinnen war, wollte ich Henry warnen.“
Daran erinnere ich mich auch noch. Sie kamen ins Wohnzimmer gestürmt, aber niemand glaubte ihnen. Das klang ja auch zu phantastisch. Aber, wenn ich mich recht entsinne, haben sie alles abgestritten. Warum?“
Ich habe selbst nicht mehr daran geglaubt. Ich dachte, es waren alles nur verrückte Halluzinationen. Die anderen hätten mich für wahnsinnig erklärt, wenn ich weiterhin darauf bestanden hätte, das alles gesehen zu haben.“
Der Butler war einigen tiefenpsychologischen Analysen offensichtlich nicht abgeneigt: „Es steckt aber doch eine kleine Wahrheit in dem, was sie sahen. Leonard Maibusch wurde ermordet. Jetzt gilt es, den Rest ihrer Visionen zu enträtseln, und sei es noch so schwierig.“
Gelangweilt trank Frau Sauerlich ihren Kaffee und winkte ab.
Geben sie sich keine Mühe. Ich halte wirklich viel von ihnen, James. Sie sind nicht der Dümmste, aber das schaffen sie nicht. Was glauben sie, wie lange ich schon überlegt habe! Es war wohl doch alles nur ein Tagtraum, nicht weiter von Interesse. Wir sollten wieder zu den vergangenen Ereignissen übergehen.“
Ganz, wie sie meinen. Dennoch werde ich das weiter verfolgen. Nun gut. Wir sind jetzt bei den Morden angelangt. Der Mord an Graf Maibusch wird für mich zunächst am wichtigsten sein. Da sie die Leiche entdeckt haben, können sie mir bestimmt ganz genau erzählen, was im Wohnzimmer vor sich ging.“
Selbstverständlich. Wir haben ganz zivilisiert Bridge gespielt. Bis auf die üblichen Sticheleien verlief alles ganz normal. Fräulein Maria war zusammen mit Herrn Flip. Das war auch nötig, sonst hätte die Arme haushoch verloren. Und Herr Fröhlich hat mal wieder versucht, mit ihr zu reden, aber sie war natürlich abweisend. Zwischendurch habe ich mir etwas zu trinken geholt, aber das hat wohl jeder mal. Henry weigerte sich, uns was zu bringen. Er war in seine Arbeit versunken.“
Aber er war zu dem Zeitpunkt noch quicklebendig?“
Ja, er hat mir geantwortet, dass wir unsere Getränke selbst holen könnten. Dieser Rüpel!“
Nebensächlichkeiten“, erwiderte James gefühllos. „Wie ging es weiter?“
Im Laufe des Abends war wohl jeder mal am Tisch mit den Getränken. Zuletzt Fräulein Maria. Wir hatten bereits aufgegeben, den lieben Henry um diese Kleinigkeit zu bitten, doch scheinbar hatte Maria das verschlafen. Sie ist rechtzeitig zu Sinnen gekommen und hat ihn auf ihre Frage gar nicht erst antworten lassen.“
Aha!“ rief James triumphierend. „Es ist also möglich, dass der Graf zu diesem Zeitpunkt bereits tot war!“
Es ist nicht nur möglich, es muss sogar so sein. Wenige Minuten später bin ich zu ihm gegangen und er hatte dieses Messer in der Brust.“
Das heißt, es hatte jemand die Möglichkeit, von ihnen allen unbemerkt zum Grafen zu gehen und ihn zu ermorden. Hat denn niemand den Grafen rufen gehört oder vielleicht irgend ein anderes Geräusch wahrgenommen?“
Überrascht schüttelte Frau Sauerlich den Kopf. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht.
Nein. Das ist ja seltsam!“
James überlegte.
Ich kann es mir nur so erklären, dass der Graf über seinen Arbeiten eingeschlafen ist. Der Mörder muss zwar spontan gehandelt haben, aber er muss doch gewusst haben, wie das Messer zu platzieren ist, damit der Graf keine Chance hat, einen Laut von sich zu geben.“
Bah, das ist so unangenehm!“ Frau Sauerlich ekelte es bei dem Gedanken und sie wedelte mit den Händen in der Luft, als wolle sie etwas abschütteln.
Ich weiß, Frau Sauerlich, aber wir müssen das gut durchdenken. Jemand hat also unter dem Vorwand, ein Getränk zu holen, den Grafen ermordet. Keiner hat etwas gemerkt. Da nun aber alle, wie sie sagten, im Verlaufe des Abends Getränke geholt haben, kann jeder der Mörder sein. Außer Herr Hansen und die anderen, die bei mir in der Küche saßen. Sie sahen die Leiche. Bitte beschreiben sie sie mir. Ich weiß, dass das nicht sehr angenehm ist, aber es ist nötig. Was sahen sie?“
Frau Sauerlich kniff die Augen zusammen und bemühte sich, das Bild vom vorigen Abend möglichst genau in ihr Gedächtnis zu rufen.
Der Graf hatte seine Augen geschlossen. Und das Messer steckte in der Brust. Und überall Blut, wie ekelhaft. Ich habe geschrien und die anderen sind gekommen. Meine Knie sind schwach geworden und ich bin zu Boden gegangen.“
Stimmt. Das muss die Stelle sein, an der Fräulein Maria uns dann aus der Küche geholt hat. Ich danke ihnen für ihre Schilderung des Falles. Leider ergibt das alles noch nicht den rechten Sinn. Motiv hatten sie alle, wer also hat den Grafen ermorden können? Ich kann noch nicht einmal von jedem in diesem Haus sagen, wer er wirklich ist. Das ist sehr verwirrend. Ich werde nachher mit den anderen sprechen. Sagen sie, wann ist die Beerdigung?“
Morgen Nachmittag, ich habe alles arrangiert.“
Ich muss den Fall bis dahin gelöst haben. Ich werde alles versuchen, um einen Mörder dingfest zu machen.“
Viel Erfolg!“ wünschte Frau Sauerlich. Als James den Tisch abräumte, dachte sie an ihren Anruf bei der Gemeinde und dem Bestattungsunternehmen. Es wurde ihr mulmig im Bauch, als sie an all ihre Ausreden dachte, als man sie auf das Fehlen der polizeilichen Ermittlungen angesprochen hatte. Selbstmord… Pietät gegenüber dem verbliebenen Bruder… Nichts Wahres, aber zum Glück hatte es ausgereicht, um die Leute ruhig zu stellen. Das war es, was zählte. Zufrieden stand Frau Sauerlich auf und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer.

Es ist ziemlich eng hier drin. Was wollen sie von uns, Herr Hansen“, fragte Herr Flip leicht genervt. Zusammen mit dem Gärtner und Fräulein Maria fand er sich gedrängt im Bad unten an der Eingangshalle.
Herr Hansen schlug einen verschwörerischen Ton an.
Nehmen sie sich in Acht vor James. Er stellt sehr interessante Fragen und zweifelt alles an, was sie ihm erzählen. Entweder, sie erzählen ihm alles – und bitte die Wahrheit! Oder, sie schwindeln ihm ein wenig vor, wenn sie schmutzige Wäsche zu waschen haben. Aber seien sie auf der Hut. Es war ein Fehler, ihn mit den Ermittlungen zu betrauen.“
Fräulein Maria stöhnte.
Und deswegen überfallen sie mich hier, während ich mich frisch mache? Wie unnötig. Wir schaukeln das schon, nicht wahr, Flip?“
Richtig.“
Außerdem sollten sie nicht so negativ über den Butler sprechen“, fuhr die junge Frau fort. „Wer kümmert sich denn sonst darum, dass mein Onkel tot ist? Mir passt es ganz gut in den Kram. Und diese alberne Komtess war sowieso eine doofe Tussi.“
Sie sind ja richtig erleichtert“, bemerkte der Gärtner und zog eine Augenbraue hoch. „Sie haben doch wohl nicht…?“
Das könnte Maria nie tun! Sie kann einen Menschen schon durch ihre Worte fertigmachen. Schauen sie sich doch nur Herrn Fröhlich an! Da muss Maria nicht erst zu so umständlichen Mitteln wie einem Dolch greifen.“
Ein Dolch ist nicht umständlich. Das geht ganz einfach. Aber wir sollten uns ablenken, sonst beschuldigen wir uns gegenseitig. Was haben sie denn heute noch vor?“
Ich wollte schon längst wieder abgefahren sein, aber wegen James darf ich nicht los. Ist das nicht ungerecht?“
Als Maria einen Schmollmund zog, polterte Herr Hansen: „Na hören sie mal, sie sind Verdächtige in einem Mordfall.“
Aber man kann das ja auch etwas taktvoller sagen. Wundert mich, dass ich nicht schon längst verhaftet wurde, so grob, wie hier vorgegangen wird.“
Herr Flip fragte: „Was meinst du mit grob?“
Schlampige Arbeit meine ich. James sollte endlich mal mich befragen. Stattdessen frühstückt er mit Frau Sauerlich.“ Sie wandte sich an den Gärtner: „Finden sie das nicht unerhört? Nur weil sie gestern als erste die Leiche entdeckt hat. Er sollte mich mal befragen, schließlich habe ich als letzte mit Henry gesprochen.“
Das kannst du doch wohl kaum als Gespräch gelten lassen. Du hast ihn nicht einmal zu Wort kommen lassen.“
Das zählt jetzt nicht“, konterte Fräulein Maria schnell.
Und was hält sie noch hier, Herr Flip?“
Dreierlei, wenn ich genau sein soll. Zunächst James´ Auflage, das Haus nicht zu verlassen. Was soll ich tun? Ich bin halt ein ehrlicher Mensch.“ Er grinste und ließ die strahlend weißen Zähne blitzen. „Dann natürlich die Erbschaft des Grafen. Ich erbe ja nun dieses Haus, denke ich. Herr Fröhlich soll das für mich regeln.“
Trauen sie bloß nicht Herrn Fröhlich! Suchen sie sich einen anderen Anwalt. Ich bin mir nämlich sicher, dass Herr Fröhlich den Grafen hintergangen hat.“
Herr Flip zeigte sich unbeeindruckt von den Ausführungen des Gärtners.
Das scheint sich bei ihnen ja zu einer Paranoia zu entwickeln. Nein, mein Bester, ich bleibe bei Herrn Fröhlich. Und der dritte Grund, hier zu bleiben, ist Maria. Ich kann sie hier nicht einfach allein zurücklassen, umgeben von seltsamen Gestalten.“
Ich hoffe, sie haben mich nicht gerade eine seltsame Gestalt genannt?“
Fräulein Maria packte Herrn Flip am Arm.
Kann ihnen das nicht einmal egal sein“, blaffte sie Herrn Hansen an. „Komm, Flip, wir gehen durch den Park!“
Das kann ja noch heiter werden“, murmelte Herr Hansen, als das junge Pärchen den Raum verlassen hatte. Wie schon so oft würde er auch dieses Mal recht behalten…

Frau Schmidt überlegte, was sie so lange davon abgehalten hatte, nach den Papieren zu suchen. Nachdem sie aus dem Garten zurückgekommen war, richtete sie alles, was am Vorabend im Salon in Unordnung gebracht worden war, wieder her. Ein wenig Entspannung tut ganz gut, vor allem, wenn man solche Leute wie diesen Anwalt im Hause hat, dachte die Hausfrau. Dennoch konnte sie trotz aller Entspannung ihre Blicke nicht ununterbrochen von der Vitrine wenden. Immer wieder schielte die alte Dame zu den beiden Schmuckstücken, die das Zimmer zierten. Schließlich überkam sie die Neugier.
Frau Schmidt nahm ein Staubtuch aus ihrer Schürze zur Hand und kniete vor der größeren Vitrine nieder. Sie öffnete die beiden Glastüren und nahm die Dekorationsstücke, feinstes Porzellan, heraus. Dann blickte sie unter alle Spitzendeckchen und stellte die kitschigen Gegenstände wieder hinein. Sie schloss die Türen wieder und wischte sämtliche Griffe sorgfältig ab. Dann öffnete sie die linke Schublade am Fuß des Schrankes. Enttäuscht schloss sie sie wieder. Sie wollte gerade den anderen Schub öffnen, als sie eine bekannte Stimme aufschrecken ließ.
Suchen sie etwas, Frau Schmidt?“
Die Hausfrau drehte sich auf dem Absatz herum und blickte die aufrechte Statur des Butlers an, der, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, schmunzelnd herabschaute.
Ironisch sagte er: „Kann ich ihnen vielleicht behilflich sein? Sie sehen, draußen ziehen Wolken herauf, es ist ein wenig duster hier drin. Darf ich ihnen vielleicht mit einer Taschenlampe leuchten?“
Frau Schmidt schloss hastig die Schublade und murmelte verlegen: „Nein, nein, ich wollte nur eben schauen, ob die Vitrine mal wieder abgestaubt werden muss.“ Zur Verteidigung hielt sie das Staubtuch vor sich.
Sie haben Recht, sie sollten wirklich nachsehen, ob die Schubladen, die sonst immer geschlossen sind, von innen abgestaubt werden müssen“, sagte James sarkastisch und schaltete das Licht im Salon ein, die die Wolken tatsächlich langsam, aber sicher dichter wurden. „Frau Schmidt, das ist nicht ihr Ernst. Ich glaube, wir müssen uns unterhalten. Setzen sie sich.“
Bestimmt schob er ihr Stuhl hin.
Kommt jetzt also die große Befragung, wie? Soll ich ihnen alles erzählen, was passiert ist? Ich denke, das dürften die anderen bereits gemacht haben.“
Genau. Erzählen sie mir bitte nicht noch mal, dass der Graf umgebracht wurde. Ich denke, wir wissen es jetzt. Ich werde meine Fragen ganz speziell formulieren. Sie haben mit Herrn Fröhlich in irgendeiner Hinsicht zusammengearbeitet. Können sie mir das bitte erläutern?“
Ach, hat Herr Hansen ihnen das erzählt? Oder hat Frau Sauerlich wieder spioniert, das kann natürlich auch sein! Wissen sie, das alles hat seinen Anfang genommen, als der Vater des Grafen starb.“
Nun“, unterbrach der Butler sie, „da drängt sich mir doch die Frage auf: Woran starb der Vater von Graf Maibusch?“
Sie sollten nicht fragen, woran er starb“, antwortete Frau Schmidt und zog das „woran“ in die Länge, „sondern wie er ums Leben kam. Er war auf einer Schiffsreise. Er wollte nach Ägypten reisen, um dort eine Fahrt auf dem Nil zu genießen.“ Frau Schmidt schloss die Augen. Eine Kreuzfahrt. Traumhaft… aber sie hätte sich selbst so etwas nie leisten können, wenn nicht… ein leises Donnern vom Norden her holte sie in die Wirklichkeit zurück. „Und er wollte also eine Kreuzfahrt auf dem Schiff machen. Wie auch immer, das Schiff ist gesunken. Es war auf ein Riff aufgelaufen, wenn ich mich nicht irre.“
Der Butler nickte.
Nächste Frage: Nachdem der Vater gestorben war, musste das Erbe verwaltet werden. Hat der Vater einen letzten Willen hinterlassen? Ich habe da so gewisse Andeutungen gehört, ich möchte es aber genau wissen.“
Tja, es gab allerdings ein Testament, doch davon war zunächst nichts bekannt. Die drei Söhne, Henry, Leonard und Friedrich stritten sich wutentbrannt um das Erbe. Schließlich kam Henry auf die phantastische Idee und schaltete einen Anwalt ein. Herr Fröhlich. Das war der Anfang vom Ende. Herr Fröhlich fand den letzten Willen, der besagte, dass das Erbe gleichmäßig unter den dreien aufgeteilt werden sollte. Damit war diese Frage zunächst aus der Welt geschafft. Aus irgendeinem Grund aber, den der Graf mir nicht verraten hat – da sollten sie doch besser Herrn Fröhlich fragen – hat Henry den Verdacht gehegt, dass das Erbe eben nicht gleich aufgeteilt war. Er befürchtete, dass Friedrich, sein böser Bruder, sich den größten Teil gekrallt hatte.“
Friedrich war ein böser Bruder? Wieso? Hat er dem Grafen irgendetwas angetan?“
Kokolores. Haben sie denn keine Geschwister?“
Damit kann ich leider nicht dienen“, meinte James bedauernd.
Es ist oft so, dass, falls man zwei Brüder hat, der eine zur Schutzperson und der andere zum Hassobjekt wird. Der eine scheint sich immer zu kümmern, während der andere scheinbar immer nur Ärger im Sinn hat. Friedrich war dieses Hassobjekt. Er selbst hat höchstwahrscheinlich keine Schuld daran. Gehen wir nun aber weiter. Der Graf hatte also diesen Verdacht und hat dann das Familientreffen organisiert, um seine Brüder direkt auszuhorchen. Interessant, nicht wahr? Aber glauben sie es, oder nicht: Er hat das Treffen beinahe vergessen.“
Was? So einen wichtigen Anlass vergisst man doch nicht einfach! Kam das öfters vor?“
Er kam langsam in die Jahre und sein Langzeitgedächtnis machte sich bemerkbar. Tatsächlich konnte er sich an gerade gelesene Sachen manchmal gar nicht erinnern.“
Aber sie haben ihn taktvoll darauf hingewiesen“, vermutete der Butler.
Richtig.“
Nun sagen sie mir bitte, was sie mit Herrn Fröhlich zu tun haben!“
Frau Schmidt faltete die Hände und schien im Schlaf zu versinken, als sie plötzlich mit geschlossenen Augen zu sprechen begann.
Herr Fröhlich war in den Plan des Grafen eingeweiht. Um das Vorgehen wirkungsvoller zu gestalten, unterrichtete Herr Fröhlich mich von dem Vorhaben. Der Anwalt würde Aktenkunde betreiben und ich sollte mit den Brüdern sprechen. Es war alles perfekt“, erzählte die Hausfrau voller Überzeugung.
Dann interessiert mich jetzt aber, was sie herausbekommen haben. Von den anderen Personen konnte es mir keiner sagen.“
Das geht wohl ein wenig zu sehr in die Privatsphäre des Grafen.“
Frau Schmidt, der Graf dürfte nicht mehr viel Privatsphäre besitzen. Und falls sie sich vielleicht als Nächste mit einem Messer im Rücken wiederfinden möchten, können sie sich mir natürlich gerne weiterhin verschließen.“
Erschrocken hielt Frau Schmidt sich die Hand vor den Mund und fuhr dann fort: „Nun machen sie mir nicht solche Angst. Zum Glück kann ich ihnen glauben. Hoffe ich. Wir haben herausgefunden, dass der Graf sich geirrt hat. Es fehlte nie irgendwo an Geld, es ist damals bei der Aufteilung des Erbes alles sachgemäß vonstatten gegangen. Ich denke mal, der Graf hatte den Eindruck vom schwindenden Geld, weil er immer gerne investierte. Leider waren nicht all seine Investitionen erfolgreich. Nun, Graf Maibusch konnte manchmal gut handeln, aber er konnte sein Geld nicht richtig verwalten.“
Das ist eine interessante Theorie. Ich werde mich mal mit dem Anwalt darüber unterhalten müssen. Doch wir sollten zum Mord an Graf Maibusch kommen.“
Und Leonard und die Komtess lassen sie einfach weg?“ fragte Frau Schmidt.
Nein, aber der Mord an Graf Maibusch ist für mich am greifbarsten. Wir haben immerhin vier Zeugen, wenn auch keiner von ihnen alles mitbekommen hat. Außerdem gibt es für diesen Mord nur fünf Verdächtige und nach dem, was sie mir eben erzählt haben, halte ich es für absolut wahrscheinlich, dass der Mörder von Leonard, der Komtess und der von Graf Henry ein und dieselbe Person ist.“
Wie kommen sie denn darauf?“
James bemühte sich, den Sachverhalt verständlich zu erläutern: „Erinnern sie sich an die Worte des Grafen, als das Bridgespiel begann? Er sagte ,Ich werde, jetzt gleich, mich an den Schreibtisch setzen und meine grauen Zellen bemühen. Es muss möglich sein, den Täter zu finden.’ Er meinte den Mörder von der Komtess und Leonard, da wir uns ja schon sicher waren, dass es sich um die gleiche Person handelte. Sie haben mir eben erzählt, dass der Graf ein Langzeitgedächtnis entwickelte. Das heißt, er wird auf den Schreibtisch vor sich einen Zettel oder einen Block mit Stift gelegt haben, auf dem er seine Gedanken niedergeschrieben hat, damit er sie nicht vergaß. Der Mörder muss unauffällig ein Auge auf Graf Maibusch geworfen und dabei diesen Zettel mit verräterischen Notizen erblickt haben. Die einzige Möglichkeit war nun noch, den Grafen umzubringen.“
Frau Schmidt zeigte sich hocherfreut: „Das ist eine hervorragende Theorie!“ Dann verzog sich ihre Miene: „Sie hat nur leider einen Haken: Es lag kein Zettel beim Grafen, als wir ihn fanden.“
Aber natürlich nicht. Das wäre doch auch sinnlos gewesen. Der Täter musste den Zettel doch irgendwie mitgehen lassen, da auf ihm Hinweise standen, die ihn überführen würden.“
Das heißt, dass dieser Mord unmöglich lange geplant sein konnte?“
Man darf natürlich keine Möglichkeit ausschließen, aber hier trifft das wohl zu. Der Mörder ging nach vorne, um sich ein Getränk zu holen. Dabei besuchte er oder sie kurz den Grafen und fand diese Notizen. Er bediente sich der ersten Waffe, die er finden konnte, nämlich den Brieföffner, und brachte den Grafen für immer zum Schweigen.“
Beinahe perfekt, aber sehr riskant. Man hätte es eigentlich merken müssen, wie der Graf getötet wurde. Aber wir waren scheinbar so sehr in unser Spiel vertieft… unglaublich…“, murmelte Frau Schmidt.
James, ungeachtet der Tatsache, dass er Frau Schmidt kurz zuvor beim Durchwühlen der Schubladen entdeckt hatte, stand mit einem Lächeln auf und verließ den Raum. Mittlerweile hatte es draußen zu regnen begonnen und es war an der Zeit, zu prüfen, ob alle Fenster des Hauses geschlossen waren. Sollte sein Arbeitgeber verschieden sein, so betrachtete James dies immer noch als Pflicht des Butlers. Frau Schmidt war froh, nicht weiter belästigt zu werden und machte sich aus dem Staub, wobei sie offensichtlich vergessen hatte, dass in den Schubladen der Vitrinen vielleicht sehr, sehr wichtige Dokumente ruhten…

Fräulein Maria gähnte. Die Spuren des letzten Abends zeichneten sich in ihrem Gesicht wieder und auch das beste Make-up konnte nichts alles verbergen. Sie blickte aus dem Fenster. Regen. Und das im Sommer, wo es doch gestern noch so schön war. Seufzend rückte sie Jeans zurecht. Rot. Wie konnte es anders sein.
Sie ging zu ihrem Kleiderschrank und holte aus den Tiefen ihren Koffer hervor. Es war an der Zeit, schon mal das Unwichtige einzupacken. Nur noch die Kleidung für morgen herauslegen und das war´s. Sie legte den Koffer auf ihr Bett und öffnete die Verschlüsse. Als sie den Deckel hochklappte, gab sie einen spitzen Schrei von sich und taumelte ein paar Schritte rückwärts. In ihrem Koffer lag, in einem Bündel roter Unterwäsche, der blutige Dolch mit dem Jadegriff, der den Grafen seiner Bestimmung zugeführt hatte.
Ihr Schrei blieb nicht unbemerkt, so dass kurz darauf Frau Sauerlich in das Zimmer stürzte. Nun, da sie ihre umständlichen Kleider abgelegt hatte, bestand kein Bedarf mehr zum vorsichtigen Schreiten, so dass sie wieselflink Fräulein Maria auffangen konnte.
Meine Güte!“
Sobald Maria bemerkte, dass sie nicht allein im Raum war, sprang sie auf, schloss den Koffer und verbarg ihn hinter ihrem Rücken.
Hallo“, sagte sie unvermittelt.
Sie sehen sehr verstört aus. Und was verstecken sie da hinter ihrem Rücken? Ist es gefährlich? Haben sie deshalb geschrien? Oder ist es vielleicht etwas sehr peinliches? Hat es etwas mit den Morden zu tun?“
Ich wüsste nicht, was sie das angeht. Sie sollten sich aus meinen Angelegenheiten raushalten. Und auch aus denen meines Vaters, das hat sie nicht zu interessieren.“
Moment! Was hat Herr Fröhlich damit zu tun? Lenken sie nicht ab. Sie können mir ruhig erzählen, was sie hinter sich verbergen“, sagte Frau Sauerlich und versuchte, an der schlanken Dame vorbeizuschielen. „Ich werde es nicht aufs Tapet bringen.“
Noch immer blickte Fräulein Maria skeptisch drein, löste dann aber ihre Spannung: „Ich hoffe, sie bleiben bei ihrem Wort. Ich will gerade meinen Koffer so weit wie nötig packen, und da liegt auf einmal mitten in meiner Wäsche der Dolch, mit dem mein Onkel ermordet wurde! Wer kann das getan haben?“
Der Dolch?“
Aber ja!“
Zum Beweis trat Fräulein Maria zur Seite und öffnete ihren Koffer erneut. Der Dolch blitzte Frau Sauerlich an.
Schöne Schweinerei. Jetzt sind ihre Sachen ganz dreckig. Wie können sie noch überlegen? Der Mörder selbst wird ihnen das Messer da hineingelegt haben, um sie zu erschrecken.“
Was ihm auch gelungen ist“, jammerte Maria verzweifelt und klagte: „Warum denn ich? Was habe ich denn getan?“
Vielleicht wissen sie etwas, das den Mörder belastet, und er will sie davor warnen, es zu verraten.“
Aber was soll das sein? Ich weiß doch gar nichts!“ Maria lief aufgelöst im Zimmer herum und konnte die Welt nicht mehr begreifen. Frau Sauerlich legte ihre Hand auf Marias Schulter und Führte sie zum Bett, damit sie sich setzte.
Sie wissen eine ganze Menge, aber sie sind sich vielleicht nicht bewusst, dass ein Teil ihres Wissens für den Mörder schädlich sein könnte. Sie wissen etwas, wissen aber nicht, dass es ein Beweis ist.“
Und was soll ich jetzt machen? Soll ich die ganze Zeit schweigen?“
Nein, sie müssen praktischer denken. Jetzt müssen sie das Messer loswerden. Wenn sie damit erwischt werden, ist das schon sehr verdächtig. Sie müssen es verstecken.“
Und ich weiß auch schon, wo.“ Fräulein Maria nahm das Messer, stand auf und winkte. „Danke für ihre Hilfe, Frau Sauerlich!“
Gern geschehen!“ Doch Fräulein Maria hörte es nicht mehr.
In höchster Eile lief sie hinunter in die Eingangshalle, von dort direkt zum Salon und zur Vitrine, die zuvor Frau Schmidt inspiziert hatte. Sie bückte sich und zog die rechte Schublade heraus. Nachdem sie den Dolch dort platziert hatte, wollte die die Lade wieder schließen, als ihr Blick auf ein Dokument fiel, das ihr Vater unterschrieben hatte. Sie nahm das Papier heraus und ließ den Blick über die Zeilen gleiten. Ungläubig betrachtete die junge Frau die verschiedenen Zahlen und musste dabei immer wieder zur Signatur ihres Vaters schauen.
Als hätte er es gehört, betrat in diesem Augenblick Herr Fröhlich. Als die ersten Regentropfen gefallen waren, hatte er sich entschlossen, ins Haus zurückzukehren.
Hallo, Maria!“
Wie der Blitz drehte die Angesprochene sich herum. Den Zettel falten und in die Tasche stecken sowie die Schublade mit dem Fuß zuzutreten war dabei eines.
Hallo.“
Wie geht´s?“ fragte der Vater fürsorglich. „Fühlst du dich nach den gestrigen Ereignissen etwas besser?“
Es geht… Moment! Wie kannst du das nur fragen?“
Wie bitte?“
Fräulein Maria ging einige energische Schritte auf ihren Vater zu und schien seinen Körper mit ihrem Zeigefinger durchbohren zu wollen.
Mein Gotte, wenn ich gewusst hätte, wie niederträchtig du wirklich bist“, schnaubte sie. „Ich hätte dich persönlich umgebracht!“
Wovon sprichst du?“
Fräulein Maria drängte den Anwalt rückwärts und sprach immer lauter: „Tu doch nicht so scheinheilig! Du hast den Dolch in meinen Koffer gelegt. Du hast meinen Onkel umgebracht, und ich weiß auch, wieso. Aber das werde ich dir bestimmt nicht verraten. Ich habe Beweise, doch die wirst du erst sehen, wenn du schon mit einem Bein im Knast stehst. Du hast das Messer als Warnung in meinen Koffer gelegt und nun fragst du mich, um zu sehen, ob ich die Warnung verstanden habe. Ja, ich habe sie verstanden, aber das ist mir ja so egal. Du hast meinen Onkel umgebracht. Du kannst noch so viel drohen, ich werde mit James reden und dann geht es dir an den Kragen. Verlass dich drauf!“
Herr Fröhlich war inzwischen bleich geworden. Seine Tochter machte ihm Angst. „Ich weiß nicht, wovon du redest! Ich habe nichts damit zu tun“, stammelte er. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen und er schielte nach dem Ausgang.
Natürlich nicht. Genauso wenig, wie du damit zu tun hattest, dass das Leben von Mama jetzt ruiniert ist!“ schrie Maria. „Sie vegetiert vor sich hin und du hast auch nicht den Schimmer einer Idee, dass es deine Schuld sein könnte. Oh, ich hasse dich so sehr!“ Damit griff Maria zu einem der massiven Kerzenleuchter, die im Bücherregal standen, und drohte ihrem Vater: „Komm nur her, damit ich mich rächen kann für alles, was du uns angetan hast!“
Herr Fröhlich hielt sich die Hände über den Kopf und lief in Panik weg.
Nein! Du bist ja wahnsinnig! Ich habe nichts getan!“
Krachend fiel die Tür hinter ihm zu.
Nichts getan, nichts getan. Aber das Geld von meinem Onkel stehlen, wie? James wird das sehr freuen“, sagte Fräulein Maria zu sich und schwenkte triumphierend den Zettel, den sie in der Vitrine gefunden hatte.

Nachdem Frau Schmidt vom Butler beim Schnüffeln ertappt worden war, flüchtete sie. Am besten an einen Ort, wo man mal seine Ruhe hat, dachte sie sich und lief Richtung Kinderzimmer, um von dort aus in den Wintergarten zu gehen. Noch nieselte es nur, und so hielt es die Hausfrau für unangebracht, mit einem Schirm loszuspazieren. Schnell ging sie den Weg durch den Garten in den urigen Bau. Dort verdunkelte sie die Scheiben, schimpfte dabei auf ihre Vorgänger, die die Vorhänge so stümperhaft eingehängt hatten, und öffnete schließlich den großen Buchenholzschrank, in dem sich neben Frau Schmidts geheimen Vorräten an Genussmitteln auch ein Fernseher befand. Gemütlich lehnte sie sich in einem Korbsessel zurück.
Frau Schmidt!“
Die Hausfrau riss die Augen auf. Sie hatte sich ein wenig zu sehr in das Geschehen auf der Mattscheibe vertieft. Besser gesagt: Sie war eingenickt. Nun stand Herr Fröhlich wie ein begossener Pudel in der Tür. Dummerweise hatte auch er keinen Regenschirm mitgebracht. Daran konnte Frau Schmidt nun aber keinen Gedanken mehr verschwenden, denn es war nicht zu übersehen, wie aufgebracht der Anwalt war.
Herr Fröhlich! Sind sie noch bei Trost, sie haben mir einen Riesenschrecken eingejagt!“ klagte sie.
Der Beschuldigte schloss die Tür hinter sich und schaltete das Licht ein.
Ach, das ist jetzt alles unwichtig. Ich habe gerade mit Maria gesprochen. Haben sie ihr einen Dolch ins Gepäck gelegt oder irgendetwas Ähnliches angestellt?“
Wie kommen sie denn darauf?“ Frau Schmidt schaltete den Fernseher ab.
Maria war total außer sich. Sie hat mir vorgeworfen, dass ich den Grafen ermordet habe und sie meinte, sie hätte Beweise.“
Beweise? Haben sie den Grafen ermordet, oder nicht? Ich glaube, das junge Ding zieht vorschnelle Schlüsse. Das kann dann nur bedeuten, dass sie die Rechnungen gefunden hat. Das war es dann wohl mit der Ruhe. Knast: Hallo! Ruhestand: Und Tschüß!“
Dann werde ich wohl etwas grob zu Maria werden müssen, damit sie die Papiere rausrückt.“
Angewidert schaute die Hausfrau auf den skrupellosen Mann, der noch immer nach Luft ringend im Raum stand. Konnte ein Vater so von seiner Tochter sprechen?
Sind sie noch zu retten? Das wird nichts nützen. Selbst wenn sie die Belege erhalten, wird Maria das gegen sie verwenden. Wenn man dann die Sachen bei ihnen findet, sind sie erledigt. Sie müssen einsehen, dass wir aufgeflogen sind“, sagte sie mit einem Ton der Gleichgültigkeit. Das alles schien sie nicht sonderlich zu erschüttern.
Es gibt noch eine Möglichkeit. James hat gesagt, er will den Fall bis morgen zur Beerdigung gelöst haben. Wenn ich es schaffe, Maria bis dahin von ihm fernzuhalten, bleibt die ganze Sache unentdeckt.“
Sie können es versuchen, aber ich garantiere für nichts. Vielleicht redet der Butler gerade in diesem Moment mit ihr. Sie wird bestimmt versuchen, gleich nach ihrer Entdeckung mit ihm zu sprechen.“
Dann bleibt uns nicht mehr viel übrig.“ Herr Fröhlich legte eine Kunstpause ein, um danach ein Resümee zu ziehen: „Frau Schmidt, es tut mir für sie Leid, dass sie sich in die Angelegenheit eingemischt haben. Das hätten sie besser nicht tun sollen, denn nun werden sie am eigenen Leib spüren, wie riskant so etwas sein kann.“
Daraufhin gähnte Frau Schmidt vernehmlich, als würde sie die Sache überhaupt nicht angehen.
Ich?“ fragte sie leicht verwundert. „Wie kommen sie darauf, dass ich etwas damit zu tun haben könnte? Ich habe nur mit ihnen zusammengearbeitet, um das Problem des Grafen zu lösen. Ich konnte ja nichts von ihren dunklen Machenschaften wissen.“
Das konnte ja wohl nicht wahr sein, dachte Herr Fröhlich. Zornig griff er die Hausfrau an: „Was reden sie da? Lügen sie nicht rum, sie waren daran beteiligt!“
Frau Schmidt lächelte scheinheilig. „Und wer soll das beweisen? Etwa Fräulein Maria? Nein, sie weiß nichts davon. Auf den Belegen steht schließlich nur ihr Name drauf, ich bin ja erst später dahinter gekommen. Ich denke, ich habe bei der Kaffeegesellschaft eine überzeugende Rolle abgeliefert. ,Bei ihren Kochkünsten könnten sie Millionen verdienen’, sagte Frau Sauerlich. Warum sollte ich? Ich hatte genug. Außerdem stand meine Loyalität ja schließlich im Vordergrund. Wie könnte ich meinen Arbeitgeber nach zehn Jahren treuen Dienstes hintergehen? Nein, Herr Fröhlich, sie müssen sich irren. Ich hatte nie etwas damit zu tun. Suchen sie sich einen anderen Dummen.“
Das brachte Herrn Fröhlich auf die Palme, so dass er wütend einen der langen Dekoschals von der Decke riss und drohte: „Das ist hoffentlich nicht ihr Ernst, sonst werden sie es bereuen, dass ich sie damals bezahlt habe. Verlassen sie sich darauf!“

Frau Sauerlich starrte aus dem Fenster des Kinderzimmers hinaus in den grau verhangenen Garten.
Was für ein ungemütliches Wetter.“
Herr Flip, der bei ihr saß, schaltete das Licht ein, um sich die Regale besser anschauen zu können. Beiläufig antwortete er: „Ja, es trägt nicht gerade zu einer Besserung der Stimmung hier bei. Es ist so ruhig geworden… ich komme mir vor wie auf einem Friedhof.“
Nun übertreiben sie mal nicht.“ Frau Sauerlich riss sich vom Fenster los und blickte auf den Mann in Grün, der sich mit einem Ordner in den Sessel verkrümelt hatte. „Wie es mir scheint, kommen sie mit dem jungen Fräulein Maria ganz gut zurecht“, deutete sie an, in der Hoffnung, alle Tatsachen aus Herrn Flip herauszukitzeln.
Sie ist wirklich reizend. Es war eine gute Idee des Grafen, sie einzuladen.“
Da bahnt sich eine Freundschaft an, wie nett“, meinte Frau Sauerlich warmherzig und schloss verzückt die Augen.
Vielleicht wird daraus mehr als nur eine Freundschaft.“
Wie? Sie glauben…?“ Frau Sauerlich lachte. „Das wäre ja wunderbar! Das muss ich sofort allen erzählen. Weiß sie es schon?“
Bleiben sie ruhig. Sie weiß noch gar nichts, aber sie soll es auch nicht erfahren. Und wenn doch, dann erzähle ich es ihr. Einverstanden? Sie schweigen erst mal, dann sehen wir weiter.“ Im Geiste trat Flip sich selbst auf die Zehenspitzen. Hoffentlich nahm sie ihm diese Abweisung nicht übel.
Frau Sauerlich jedoch wusste, wie es um die jungen Dinger bestellt war.
Natürlich. Wie taktlos von mir! Aber bitte, ich möchte die erste sein, die gratuliert.“
Ich werde sie sofort unterrichten, wenn es soweit ist. Aber sie müssen sich gedulden. Ich bin nämlich nicht ganz so forsch wie sie.“
Heer Flip stand auf und ging hinaus. Dabei hielt er ein Foto in Händen, das Maria bei ihrem Abschlussball zeigte. Sie erinnerte an einen Engel…
Ob das richtig war?“ fragte Frau Sauerlich sich, nachdem der junge Mann verschwunden war. Immerhin hatte er das Foto aus einem der Alben des Grafen genommen. Andererseits erinnerte sie sich, dass die Liebe den Verstand ausschaltete… und somit sehr gefährlich sein konnte… „Aber… die junge Liebe, sie ist ja so hinreißend!“
Hinreißend… und vielleicht gar so hinreißend, dass man dafür morden sollte.“
James, der unauffällig hinzugetreten war, sprach Frau Sauerlichs Befürchtungen aus.
James! Wollen sie mich zu Tode erschrecken?“
Das war nicht meine Absicht, entschuldigen sie bitte. Ich habe mir nur mehrere Dinge noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Sie müssen mir unbedingt helfen. Sie hatten doch damals diese seltsame Vision?“
Ja, aber das war Unsinn.“
Angesäuert winkte der Butler ab.
Unsinn gibt es hier nicht. Zumindest nicht, solange hier niemand versucht, sich aus der Affäre zu ziehen. Dann wird es nämlich konfus. Es sind alle darin verwickelt, auf die eine oder andere Art. Ich habe den Verdacht, dass ihre Vision mit dem Mord an der Komtess zusammenhängt, aber ganz anders, als sie jetzt vielleicht vermuten. Ich glaube, ihr Alptraum war beabsichtigt. Ich möchte, dass sie versuchen, sich zu erinnern. Bevor Leonard Maibusch in ihrem Traum erschossen wurde, sahen sie den Grafen und Herrn Hansen.“
Ja, richtig.“
Was sagten sie?“
Irgendein wirres Zeug.“ Und dann bemühte Frau Sauerlich redlich, die Wortfetzen, die sie noch in Erinnerung hatte, wieder zusammenzubauen. „Zuletzt hat Leonard den Grafen einen Egoisten genannt“, schloss sie.
Gibt ihnen das gar nicht zu denken?“
Natürlich gab es mir anfangs ein Rätsel auf. Was sollte das wohl bedeuten? Aber es war ja nur ein Traum, und der Mensch träumt manchmal halt einen Unfug.“
Daran glaube ich nicht“, sagte James entschieden. „Graf Maibusch meinte, Herr Hansen käme ihm bekannt vor, und Herr Flip meinte, Herr Hansen treibe ein falsches Spiel. Beide Verdachtsmomente sind vorbei, aber zusammen ergeben sie einen verrückten Sinn. Zumindest für mich. Ich werde wohl mal die Familienalben durchblättern müssen, ob es da nicht noch irgendwelche düsteren Verwandten gibt.“
Wenn sie das wirklich durchziehen wollen – bitte, ich halte sie nicht auf. Aber sie müssen sich beeilen, denn viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. Sehen sie mal“, sagte Frau Sauerlich und deutete auf den Garten, wo Frau Schmidt vom Wintergarten her auf das Zimmer zustrebte. „Sie sollten hier verschwinden, es wäre nicht sehr gut, wenn Frau Schmidt sieht, dass sie mit mir geredet haben.“
Das hat Frau Schmidt zwar nichts weiter anzugehen, aber sie haben Recht. Ich will nicht noch mehr Unruhe stiften. Ich darf wohl vermuten, dass die Hausfrau nicht ohne Grund im Wintergarten war. Vermutlich ist auch Herr Fröhlich dort. Ich werde außen um das Haus gehen und nachsehen. Vielleicht kann ich mich dann endlich mal in Ruhe mit ihm unterhalten.“
James beeilte sich, einen Regenschirm zu holen und stakste hinaus, während Frau Sauerlich die Tür für Frau Schmidt öffnete und ihr einen Mantel holte, damit sie sich wärmte.

Unter dem Regenschirm wurde er selbst zwar nicht nass, aber der Matsch verdreckte unbeirrt die Schuhe des Butlers, als er um das Haus herum ging. Auf der Fußmatte vor dem Wintergarten trat er den Dreck daher besonders sorgfältig ab, bevor er eintrat.
Dieser Regen ist wirklich unangenehm. Die Hauptsache ist, dass ich sie gefunden habe“, begrüßte der Butler den Anwalt.
Ach, dann wollen sie mich jetzt also aushorchen, wie?“ Misstrauisch beobachtete Herr Fröhlich den ungebetenen Gast, wie er den Fernseher abschaltete und sich auf einen Stuhl ihm gegenüber setzte.
Aushorchen… das klingt so nach polizeilichem Verhör. Ich möchte mich einfach nur mit ihnen unterhalten. Das dürfte vollkommen ausreichen. Sie müssen mir nichts erzählen, was sie nicht erzählen wollen. Ich bekomme es auch so heraus. Aber sie sollte mich auf keinen Fall anlügen, denn das kann verheerende Folgen haben. Bitte, fangen sie an, wo sie wollen“, bat James seinen Gegenüber und vergaß für einen Moment sein Streben nach einer Ordnung im Fluss der Informationen.
Gesprächsthema Nummer eins war ja wohl der Streit zwischen mir und Maria. Ich bin ihr Vater, da gibt es nichts zu leugnen. Ich habe sie und ihre Mutter verlassen, als sie vier Jahre alt war, wenn ich mich recht entsinne. Damals war ich noch recht jung und hatte alle Aufstiegschancen vor mir. Ich sah das Kind eher als Hindernis an, denn wenn ich einen guten Job suchen wollte, und wenn ich ihn dann erst gefunden hätte, hätte ich kaum noch Zeit mit Maria verbringen wollen. Das wollte ich ihr nicht zumuten.“
Nein, wie rücksichtsvoll“, kommentierte der Butler ironisch. „Und dann sahen sie es als beste Lösung an, sie ganz im Stich zu lassen? Welch seltsame Entscheidung.“
Aber sie hat zufrieden gelebt, zwar in dem Wissen, dass da draußen irgendwo ihr Vater lebt, aber sie hat mich nie vermisst. Sie war auch ohne mich immer erfolgreich und beliebt. Erst als wir uns hier zufällig wiedergetroffen haben, hat sie sich aufgeregt. Außerdem: Wenn ich meinen Job hätte, dann wäre die ganze Erziehung an ihrer Mutter hängen geblieben. Das konnte ich ihr nicht aufbürden. Ich wollte nicht, dass sie zu sehr ausgelastet ist.“
Stattdessen haben sie ihrem Leben eine zusätzliche Leere gegeben. Sie sind ganz weg, haben sie denn gar nicht an die Folgen davon gedacht? Das ist doch noch viel schlimmer, als dass sie sich für ihren Beruf entschieden hätten. Fräulein Maria war nun total mit dem Kind beschäftigt, wie hätte sie da nebenbei noch einen Beruf ausüben können? Das war rücksichtslos von ihnen.“
Deswegen habe ich ja noch bis zu Marias viertem Geburtstag gewartet“, erklärte der Anwalt. „Dann, dachte ich, sei der schwerste Teil der Erziehung vorbei. Das Kind schreit nicht mehr ständig nach Essen, wird nicht mehr andauernd wach in der Nacht, muss nicht mehr ununterbrochen umsorgt werden und so weiter.“
Aber das Kind muss in die Welt gebracht werden“, gab James zu bedenken. „Es braucht die Liebe beider Elternteile, um sich entfalten zu können. Das war nicht sehr klug von ihnen.“
Danke. Was glauben sie, wie oft ich diesen Satz schon hab hören müssen? Es reicht jetzt.“
Ganz, wie sie wünschen. Es ist nicht fair, auf einem Menschen, der zu Kreuze kriecht, noch herumzutrampeln. Wir wechseln das Thema. Sie hatten eine geschäftliche Beziehung mit Frau Schmidt, wie sie mir erzählte?“
Herr Fröhlich entsann sich seiner Auseinandersetzung mit der Hausfrau und entgegnete aufgebracht: „Glauben sie dieser Frau bloß nichts. Wir hatten vor, die Brüder des Grafen zu vernehmen, um herauszufinden, was mit dem Geld geschehen war. Aber es war in der Tat nichts damit passiert. Der Graf hat es ausgegeben. So schnell, dass er dachte, seine Brüder hätten es sich unter den Nagel gerissen. Das war aber nicht so.“
Und warum meinten sie, ich soll Frau Schmidt nicht glauben? Sie hat mir die gleiche Geschichte erzählt“, antwortete der Butler freundlich, was bei Herrn Fröhlich eine ungeheure Erleichterung auslöste. Er räusperte sich und trank einen Schluck Whisky.
Und hat sie ihnen noch etwas erzählt?“
Nicht viel“, sagte James ausweichend, „wieso? Gibt es da etwas, das sie mir sagen möchten?“
Nein, es war nur so ein Gedanke.“
Lassen wir das auf sich beruhen. Kommen wir zum Mord. Seien sie bitte ehrlich: Hatten sie eines oder mehrere Motive, den Grafen umzubringen?“
Also, ich war schon sehr sauer, als Maria hier plötzlich aufgetaucht ist. Es hätte so friedlich bleiben können, aber dadurch hat er einen alten Streit neu entfacht. Und dann ist da noch Frau Beul. Das wird ihnen nichts sagen; sie ist eine meiner bekanntesten Klientinnen. Sie ist in Berlin sehr berühmt, wenn ich es so sagen darf. Als Berühmtheit hat man natürlich Neider und sollte sich rechtlich absichern. Jedenfalls hatte sie einen Sorgerechtsfall an der Hand und ist deswegen zu mir gekommen. Leider hatte ich jedoch wegen des Treffens keine Zeit für den Fall. Frau Beul hat sich daraufhin vorgenommen, mich in der Stadt zu diskreditieren. Ich hoffe, sie hat ihre Drohung nicht wahr gemacht.“
James zeigte kein Mitgefühl: „Tja, die Rache einer Frau kann schrecklich sein. Es wundert mich nur, dass sie mir das so ganz aus freien Stücken erzählen! Bis jetzt habe ich von niemandem hier die blanke Wahrheit gehört. Es ist nur so, dass das, was fehlt, durch die anderen Aussagen ergänzt wird.“
Hä?“ Herr Fröhlich machte keinen Hehl daraus, dass er von sämtlichen Gedankengängen des Butlers nichts verstand.
Das müssen sie nicht verstehen, solange ich den Überblick behalte, was mir bei Gott nicht einfach fällt. Wichtig ist nur, dass sie mir keine Lügen erzählt haben. Ich denke, ich kann ihnen trauen.“
Herr Fröhlich atmete auf. Also hatte Maria ihm die Belege nicht gezeigt.
Es bleibt leider nur die Tatsache, dass sie die Möglichkeit für den Mord hatten“, fuhr James fort. „Genau wie die Anderen hätten sie zum Grafen gehen können und ihn unauffällig erstechen können.“
Das vergessen sie mal gleich wieder. Ich war viel zu sehr auf mein Spiel konzentriert. Da konnte ich nicht auch noch an Mord denken.“
Oh, aber das war gar nicht so schwierig. Der Mörder ging nach vorne, um sich ein Getränk zu holen, sah die verräterischen Notizen, die der Graf gemacht hatte – wie auch immer diese aussahen – und entschloss sich schnell, den Brieföffner dem Zwecke zu entfremden. Da steckte keine große Planung hinter.“
Aber dann sollten sie mich auch nicht nach meinen Motiv fragen. Warum ich den Grafen umbringen wollte! Nach allem, was sie gesagt haben, ist es doch wichtig, warum jemand Leonard umbringen wollte!“
Das sehen sie ganz richtig, Herr Fröhlich. Gut, dass sie mich daran erinnern. Das Problem ist nur, dass keiner ein Motiv für den Mord an Leonard Maibusch hat. Wohingegen alle die Komtess aus dem Weg räumen wollten, weil sie eine schreckliche Person war. Aber reicht das als Motiv aus? Weil sie eine unausstehliche Nervensäge war?“ fragte James. Nach einer Pause sagte er nachdenklich: „Ich glaube nicht. Ich will es nicht hoffen, denn sonst sind wir noch immer alle in Gefahr, weil ein Verrückter uns nachstellt. Aber sehen sie doch: Allein für den Mord an Graf Maibusch liegen so viele verschiedene Motive vor, dass ich stark annehme, dass eines davon ausschlaggebend war.“
Das klingt alles logisch. Haben sie denn schon alle befragt, die an dem Abend da waren?“
Es fehlt noch ihre Tochter, Maria. Ich werde etwas später mit ihr reden.“
Dann sprechen sie bitte vorsichtig mit ihr. Sie ist heute wieder sehr gereizt. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie irgendwelchen Unsinn über mich erzählt, um mich ins Gefängnis zu bringen.“
Gespielt mitleidig bedauerte der Butler Herrn Fröhlich: „Ach, sie armer Mensch! Erst Frau Schmidt und jetzt auch noch ihre eigene Tochter! Hat sich denn die ganze Welt gegen sie verschworen?“ Dann wurde er wieder ernst und bitter. „Ich habe mich in ihnen getäuscht. Auch sie enthalten mir wichtige Informationen vor. Doch es ist jetzt zu spät. Ich werde mal wieder hineingehen. Wenn nur bald der Regen nachlassen würde, er ruiniert meine Sachen“, klagte James mit Blick auf seine schwarzen Slipper.
Gehen sie schon“, konterte Herr Fröhlich verächtlich. „Sie verstehen ja doch nichts von meinen Problemen!“
Der Butler verließ den Wintergarten und spannte seinen Schirm auf. „Oh doch“, murmelte er, „ich verstehe mehr, als ihnen lieb ist.“ Und in Gedanken versunken spazierte er zum Haus zurück.

Fräulein Maria wanderte den unteren Flur im Ostflügel des Hauses entlang, als sie seltsame Geräusche aus dem Schlafzimmer von Frau Schmidt hörte. Die Tür stand offen, Licht schien auf den Gang. Maria spähte vorsichtig um die Ecke und sah, wie Herr Hansen in den Schränken herumwühlte. Er schien ziemlich in Eile zu sein; achtlos warf er die Sachen, die er fand, hinter sich ins Zimmer.
Ich kann einfach nichts finden. Verdammt, ich war mir so sicher, dass sie sie hier versteckt hat“, schnaufte er und kam aus dem Schrank hervorgekrochen.
Fräulein Maria setzte sich ungeniert auf einen Stuhl und schlug ein Bein über das andere.
Was suchen sie denn, um Himmels Willen! Sie sind so hektisch.“
Frau Schmidt hat hier irgendwo die Pistole versteckt.“
Welche Pistole?“ fragte Maria.
Herr Hansen klärte die junge Frau auf: „Na, die, mit der sie ihren Onkel umbringen wollte. Seien sie doch nicht so naiv. Frau Schmidt ist eine hinterhältige Person.“
Ach, sie schon wieder mit ihrem Verfolgungswahn. Das kann einen wahnsinnig machen. Aber ich kann ihre Neugier schüren“, versprach Maria. „Ich habe in meinem Koffer das blutige Messer gefunden.“
Nein! In ihrem Koffer?“
Genau. Ich hoffe, sie können damit etwas anfangen.“
Das muss ich sofort James erzählen“, rief Herr Hansen begeistert und wollte bereits losstürmen, als Fräulein Maria ihn zurückhielt.
Das lassen sie mal besser schön bleiben. Schauen sie sich nur die Unordnung an, die sie hier fabriziert haben. Frau Schmidt wird das bestimmt nicht gefallen. Sie werden hängen, wenn sie das nicht aufräumen, glauben sie mir. Ich werde mit James sprechen. Mich hat er noch gar nicht befragt. Es kommt mir langsam so vor, als sei ich die letzte Person in diesem Haus, für die man sich interessiert.“
Der Butler hatte den letzten Satz gerade noch mitbekommen. Nachdem er aus dem Garten zurückgekehrt war, hatte er in aller Eile die Hausschuhe des Grafen angezogen, um die Teppiche nicht zu beschmutzen. Es sah sehr komisch aus, doch dafür hatte James jetzt keine Zeit.
Das tut mir Leid, Fräulein Maria. Ich wollte sie in keiner Weise verletzen. Ich bin nur der Meinung, dass sie mir den entscheidenden Hinweis geben können, und da wollte ich doch erst die anderen hören, bevor ich mit ihnen spreche“, entschuldigte er sich galant und erzielte damit die gewünschte Wirkung. Peinlich berührt drehte Fräulein Maria sich zum Butler um.
Oh, das ist aber nett von ihnen.“
Der Butler wandte sich an den Gärtner.
Herr Hansen, ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn sie für die Dauer des Gesprächs diesen Raum verlassen würden. Überhaupt weiß ich nicht, was sie hier zu suchen hatten. Wir vergessen das einfach. Machen sie sich keine Sorgen, ich werde die Sachen nachher zurückräumen. Für diesen Moment allerdings sollten sie verschwinden.“
Hochnäsig erwiderte Herr Hansen: „Ganz, wie sie meinen. Aber ich muss ihnen eines sagen: Ich wäre ihnen sicherlich eine große Hilfe. Mit mir würden sie die Frist bis morgen Nachmittag garantiert einhalten. Sehen sie nur, wie spät es schon ist“, sagte er und deutete auf das Fenster, durch das man bereits die Abenddämmerung erkennen konnte. Dann verließ er das Zimmer.
Danke, Herr Hansen, ich werde es auch ohne ihre Hilfe schaffen. Guten Tag!“ rief der Butler bestimmt hinterher.
Mussten sie denn gleich so grob werden?“ fragte Maria.
Das war leider nötig.“ James schloss die Tür und setzte sich auf Frau Schmidts Bett. Fräulein Maria setzte sich ihm gegenüber. „Herr Hansen ist sehr seltsam. Seitdem der Graf tot ist, legt er ein sehr merkwürdiges Verhalten zu Tage. Er beschäftigt sich als Detektiv – meinetwegen – aber er geht dabei sehr unkonventionell, ohne irgendeinen Plan und leider auch nicht sehr tiefgründig vor. Ich hingegen hoffe, meine Ermittlungen mit ihrer Aussage abschließen zu können. Wobei ich vielleicht noch einmal in die Stadt fahren muss… doch beginnen wir. Fräulein Maria, dass das klar ist: Sie sind die Tochter von Herrn Fröhlich und die Nichte des Grafen. Die Komtess war somit…“
Meine entfernte Großtante“, ergänzte Maria. „Stimmt alles, was sie sagen.“
Dann wollen wir mal. Wussten sie, dass Graf Maibusch Herrn Fröhlich einladen würde?“
Natürlich nicht, sonst wäre ich wohl kaum so überrascht gewesen“, antwortete Maria entrüstet.
Wusste denn ihr Onkel, dass Herr Fröhlich ihr Vater ist?“
Ich denke, er kann es gar nicht gewusst haben. Mein Vater brüstete sich nicht damit, dass er eine Tochter hatte oder damit, dass er mit meiner Mutter verheiratet war. Ich glaube, er hat meinem Onkel nie davon erzählt.“
Fröhlich ist sein richtiger Name, oder?“
Ja. Meine Mutter wollte seinen Namen nicht annehmen, und sie haben sich darauf geeinigt, dass ich den Namen meiner Mutter erhalte.“
Maria Mahler. Dann ist also Joachim Mahler ihr Großvater, der Onkel vom Grafen und der Vater von Herrn Fröhlich?“
Schwiegervater trifft es eher. Aber warum fragen sie nach den ganzen Familienverhältnissen? Der Mord ist, denke ich, viel wichtiger.“
Das denke ich auch. Aber solange ich nicht weiß, wer wer ist, kann ich nichts herausfinden. Herr Hansen zum Beispiel hat ein dunkles Geheimnis, ich bin aber noch nicht ganz dahintergekommen. Ich werde heute Nacht noch einmal die Familienchronik wälzen und, wie schon gesagt, nachher einmal in die Stadt fahren. Es gibt da einige Details, die entdeckt werden wollen. Nun wüsste ich aber gerne, wie sie zu Herrn Flip stehen. Anfangs haben sie ihn gar nicht beachtet, das wird jedem aufgefallen sein. Sie waren zu sehr in Rage, aber inzwischen scheinen sie Freunde geworden zu sein.“
Fräulein Maria geriet ins Schwärmen. Verzückt blickte sie den Butler an.
Das sehen sie ganz richtig. Herr Flip ist sehr nett, und wenn es so etwas wie Liebe auf den zweiten Blick gibt, dann soll es so sein. Finden sie denn nicht auch, dass er aussieht wie ein junger Gott? So männlich…“
Und sie, junge Dame, so weiblich und aufreizend frech. Sie beide passen wirklich zusammen. Dann sind sie ja wirklich verliebt?“
Ein wenig schon. Aber erzählen sie es bloß nicht weiter! Es soll noch ein Geheimnis bleiben. Ich war schon so leichtsinnig und habe Frau Sauerlich davon erzählt.“
Wann haben sie denn mit Frau Sauerlich gesprochen?“
Ach… nun ja… das ist gar nicht weiter wichtig. Wir haben über das Wetter gesprochen. Schrecklich, nicht wahr? Es regnet schon den ganzen Tag. Ich hoffe, morgen bei der Beerdigung wird das Wetter besser.“
Moment, Fräulein Maria. Seien sie bitte ehrlich. Worüber haben sie mit Frau Sauerlich gesprochen?“
Es nützt wohl nichts, sich herauszureden?“ Fragend blickte Maria James an, der aber schüttelte den Kopf. „Gut, dann sollen sie die Wahrheit hören, sie wissen eh, dass ich unschuldig bin. Ich habe heute Mittag das Messer in meinem Koffer gefunden, mit dem mein Onkel erstochen wurde. Das Blut klebte noch daran.“
In ihrem Koffer? War er denn nicht verschlossen?“
Nein. Wozu sollte ich meinen Koffer abschließen, hier sind doch nur nette Menschen.“
Und ein Mörder, vergessen sie das nicht. Wenn also ihr Koffer unverschlossen war, ebenso wie ihr Zimmer, dann hätte jeder das Messer hineinlegen können. Das Messer kann auch als falsche Fährte dienen. Vielleicht will uns jemand in die Irre führen? Es ist für mich untypisch, aber da es mich in der Tat sehr verwirrt, möchte ich diese Angelegenheit außen vor lassen. Stattdessen sollten wir mal zum Bridge-Abend kommen. Sie haben zusammen mit Herrn Flip gespielt?“
Ja. Das war auch gut so, denn ich bin kein großer Spieler. Er dagegen kannte alle Tricks und hat mich aus so mancher Gefahrensituation gerettet.“
Wie oft sind sie zum Getränketisch gegangen, um sich etwas zu trinken zu holen?“
Zwei Mal, glaube ich. Wieso, ist das wichtig?“
Das ist ungeheuer wichtig. Jemand hat seinen Durst als Vorwand gewählt, ihren Onkel zu ermorden. Das können auch sie gewesen sein.“
Fräulein Maria blickte den Butler erschrocken an. Hatte sie nicht eben noch gehofft, in ihm einen guten Zuhörer gefunden zu haben? Einen, der sie in Schutz nimmt?
Aber… nein! Ich bin als Letzte zum Tisch gegangen und habe mir ein Getränk geholt. Ich habe noch mit ihm gesprochen, er lebte doch noch!“
Nein! Da irren sie sich gewaltig. Haben sie wirklich mit ihm gesprochen? War es nicht eher so, dass sie ihn nicht stören wollten und daher gar keine Antwort abwarteten? Sie gingen einfach los und holten sich ihr Getränk. Ihr Onkel war zu der Zeit aber schon tot.“
Ja, so könnte es gewesen sein! Frau Sauerlich sah ihn dann und ich habe sie aus der Küche geholt.“
Moment“, unterbrach James. „Das möchte ich ganz genau wissen. Frau Sauerlich hat geschrien. Wie ging es weiter?“
Wir anderen kamen sofort zu ihr, ich als Letzte. Es war so schrecklich. Alles war voller Blut! Und dann habe ich sie sofort aus der Küche geholt.“
Hmmm. Dann kann es also nicht zu der Zeit gewesen sein. Aber das kann nicht sein! Sie waren alle in ihr Spiel vertieft, oder?“
Ja.“
Können sie mir sagen, wie oft Frau Schmidt aufgestanden ist?“
So spontan nicht.“
Aha. Das heißt, es war ihnen ganz egal, was in der vorderen Hälfte des Wohnzimmers vor sich ging. Sie haben es gar nicht mitbekommen.“
Natürlich nicht. Warum hätten wir uns darum kümmern sollen? Erst, als Frau Sauerlich geschrien hat, waren wir alle ganz bei der Sache.“
Gut zu wissen. Nun denn, ich muss mir ein Schema für die Ereignisse überlegen. Wollen sie mir noch etwas sagen?“
Allerdings. Sie werden bestimmt schon von Frau Schmidt und Herrn Fröhlich gehört haben.“
Ja, reichlich. Ich kann es bald nicht mehr hören. Man erzählt mir so viel davon, ich glaube fast, dass das alles nur als Ablenkungsmanöver dient.“
Denken sie das nicht“, sagte Fräulein Maria überlegen und suchte in ihrer Hosentasche nach dem Zettel, den sie zuvor gefunden hatte. Sie faltete ihn auseinander und gab ihn James. „Hier, lesen sie das und machen sie sich ihre eigenen Gedanken.“
Ungläubig schaute der Butler sich den Zettel von oben bis unten an. Immer wieder musste auch er die Zeilen überfliegen. Dann faltete er ihn erneut zusammen und steckte ihn ein.
Dann ist ja alles klar! Ich danke ihnen, Fräulein Maria. Morgen Mittag wird es einen Grund geben, aufzuatmen, das verspreche ich ihnen!“
Zufrieden machte James sich daran, den Schrank von Frau Schmidt einzuräumen. Er gähnte unauffällig. Die Tage waren doch sehr lang gewesen. Aber so kurz vor dem Ziel durfte nicht aufgegeben werden. Er nahm sich vor, etwas zu essen, bevor er in die Stadt fuhr.

In der Küche saßen Frau Schmidt, Frau Sauerlich, Herr Flip und Herr Fröhlich zum Abendessen zusammen am Tisch.
Was für ein unangenehmes Wetter“, sagte der Anwalt, als es draußen blitzte und kurz darauf der Donner niederging. „Das entspricht so ziemlich der Stimmung in diesem Haus.“
Frau Schmidt reichte ihm eine Scheibe Brot.
Da kann ich ihnen nur Recht geben. Aber vielleicht können wir uns ja noch wie zivilisierte Menschen unterhalten.“
Von mir aus gerne. Ich werde dem nicht im Weg stehen“, sagte Frau Sauerlich, während sie in die Runde blickte. „Darf ich mal ganz vorsichtig fragen, wer von ihnen denn wohl dem armen Fräulein Maria ein Messer in den Koffer gelegt hat?“
Wer sollte denn so etwas tun! Das ist doch taktlos. Unerhört, das Kind so zu erschrecken.“
Da liegen sie richtig, Schmitti“, rief Herr Flip und fing sich einen mahnenden Blick der Hausfrau ein. „Ich war es ganz bestimmt nicht. Warum sollte ich das tun? Wir sind gerade dabei, gute Freunde zu werden, da werde ich sie doch nicht derart behandeln.“
Das wäre ja noch schöner! Aber, Herr Fröhlich, sagen sie doch mal was dazu. Wir haben nämlich alle so einen kleinen Verdacht, was ihre Pläne mit Frau Schmidt angeht. Kann es sein, dass der Graf ihnen im weg war? Haben sie ihn deshalb ermordet? Und haben sie dann das Messer zu Fräulein Marias Sachen gesteckt, um selber unschuldig zu erscheinen?“
Frau Sauerlich, das ist unerhört! Das sind doch bloß Unterstellungen. Und überhaupt, wer sagt uns denn, dass Maria nicht selbst das Messer unter ihren Sachen versteckt hat? Dann würde sie als armes Opfer dastehen, wir alle hätten Mitleid und keiner käme auf die Idee, dass sie vielleicht selbst ihren Onkel ermordet hat, weil er ihren Vater eingeladen hat.“
Herr Fröhlich atmete tief durch. Dann konnte er sich nicht mehr beherrschen.
Ich halte das alles nicht mehr aus! Ich war es. Ich habe den Grafen ermordet“, brach es aus ihm heraus.
In diesem Moment betrat der Butler die Küche.
Guten Abend!“
Oder das, was davon noch übrig ist“, kommentierte Frau Sauerlich sarkastisch. „Fahren sie fort, Herr Fröhlich!“
Was soll ich denn noch groß erzählen? Ich habe Graf Maibusch beseitigt. Sie alle sind glücklich. Soll ich doch der Einzige sein, der leidet.“
James schaltete sich ein: „Was höre ich da, Herr Fröhlich, soll das ein Geständnis sein?“
Und ob.“ Die Stimme des Anwalts klang unendlich erschöpft. „Was soll ich groß sagen? Während sie in ihrem Kartenspiel vertieft waren, habe ich ihn getötet. Es war perfekt, schließlich hat keiner mich bemerkt.“
Das hätte ich niemals von ihnen gedacht.“
Tja, das heißt, dass mein Plan funktioniert hat. Ich habe die drei aus dem Weg geräumt. Kann man mir einen Vorwurf machen?“ Eindringlich blickte Herr Fröhlich einen nach dem anderen an, bis er bei James angekommen war. Der blickte eiskalt zurück.
Das hängt davon ab. Sagen sie mir bitte nur eines: Warum?“
Ist ihnen das nicht klar? Haben sie denn gar nichts mitbekommen? Der Graf hat meine Tochter eingeladen, ohne mich davon zu informieren. Dieses Wiedersehen hat uns beiden nur geschadet. Und ich habe ihnen von Frau Beul erzählt! Sie hat mich in der Stadt ruiniert. Ruiniert! Und das nur wegen dieses dämlichen Treffens. Wäre ich nicht hierher gekommen, ich hätte ein erfolgreicher Anwalt sein können. Aber der Graf hat alles verdorben, und nun musste er dafür büßen. Ist ihnen das Motiv genug?“ Trotzig schaute er den Butler an, doch der blieb ernst.
Nein. Herr Fröhlich, für die Rolle des Märtyrers sind sie ungeeignet. Sie haben mir ein Motiv für den Mord an Graf Maibusch gegeben, aber davon gibt es so viele, jeder hier hatte einen Grund, den Grafen zu töten. Aber warum hätten sie Leonard Maibusch und die Komtess zu Bärenwald töten sollen? Nein, mein Bester, dafür gibt es keinen Grund. Jedenfalls keinen offensichtlichen, und solange sie mir dafür kein Motiv liefern können, sind sie unschuldig. Das reicht noch lange nicht aus. Warum geben sie zu, der Täter zu sein, wenn sie es doch gar nicht waren? Wollen sie jemanden schützen? Das ging leider völlig daneben, denn nun haben sie schlafende Hunde geweckt. Ich werde morgen in diesem Haus, noch vor der Beerdigung einen Täter finden. Und das werden gewiss nicht sie sein, Herr Fröhlich, es sei denn, ich kann in ihrer dunklen Vergangenheit noch so viel Schmutzwäsche finden, dass ein Mord nicht ausreichte. Aber bitte, ich wollte nicht unhöflich sein. Ich ziehe mich jetzt zurück.“
Nach dieser eindrucksvollen Rede nahm James sich eine Scheibe vom Brot und ging wieder. Die anderen blieben fassungslos zurück. Herr Flip fand als Erster seine Sprache wieder.
Warum haben sie das erzählt, Herr Fröhlich?“
Weil ich nichts mehr wissen will von dieser ganzen Angelegenheit. Ich kann nicht mehr, ist ihnen das denn nicht klar? Mein Ruf ist ruiniert, von meiner Familie will ich erst gar nicht sprechen.“
Aber James hat Recht“, sagte Frau Sauerlich. „Was ist mit Leonard und der Komtess? Sie haben sie nicht umgebracht, oder?“
Frau Schmidt sagte entschieden: „Herr Fröhlich hat niemanden umgebracht. Er hat für den Grafen gearbeitet, genau wie ich. Wir haben zusammen im Namen des Grafen Nachforschungen angestellt. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass alles nur ein Irrtum und das Familientreffen somit völlig überflüssig war. Das wäre vielleicht ein Motiv für uns alle, jemanden zu beseitigen, aber warum gerade Herr Fröhlich? So einfach kann es nicht sein.“
Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, wenn wir uns zur Ruhe legen. Dieser Fall liegt in James´ Händen. Entweder, er löst ihn, oder er wird nie gelöst werden. Auf die Polizei können wir uns nicht verlassen… ich glaube, das wollen wir auch gar nicht. Durch solche Geständnisse kommen wir nicht weiter, also sollten wir das lassen. Einfach nur warten. Und das Beste daraus machen.“
Sie sagen es, Frau Sauerlich“, rief Herr Flip und ließ die Faust auf den Tisch sausen, dass alle aufschreckten. „Wir sollten das Beste daraus machen. Gerade deswegen werde ich mich jetzt nicht zur Ruhe begeben. Ich muss mich ablenken, sonst versinke ich noch in Trübsal. Wer von ihnen hat Lust auf ein Kartenspiel?“
Als der Vorschlag begeistert einstimmig angenommen wurde, sagte Frau Schmidt: „Das ist eine tolle Idee, Herr Flip. Ich hole die Karten.“

James blickte von außen durch das Küchenfenster und sah, wie die Gruppe sich den Abend versüßte. Er selbst hatte Stiefel und einen langen Mantel angezogen und machte sich zu Fuß auf zur S-Bahn-Haltestelle. Langsam schritt er die nächtliche Hauptstraße herab und ließ die Aussagen der Verdächtigen noch einmal im Kopf kreisen. Falsches strich er, Unwichtiges wurde beiseite gestellt. Abwesend trat er auch den Bahnsteig von Birkenstein. Bis zum nächsten Zug waren es noch über zwanzig Minuten, doch das kümmerte den Butler nicht. Angestrengt starrte er auf den Boden und lief den gesamten Bahnsteig auf und ab. Wie konnte der Graf nur ermordet worden sein? Eigentlich war es unmöglich! Und langsam führte er sich die beiden anderen Unglücke vor Augen. Die Komtess. Wie war es möglich, dass sie als einzige vergiftet worden war? Es musste der Tee gewesen sein, aber es hatte nichts sehen können, nichts riechen können. Das war auch unmöglich. Oder?
Das Warten schien endlos. Schließlich rollte der Zug ein. Um diese Zeit war er nicht mehr sehr voll, jedenfalls nicht so weit außerhalb von Berlin. Die Innenstadt, das war das Ziel des Butlers. Er setzte sich hinein und dachte weiter nach. Der fehlende Schlaf machte sich bemerkbar, vor allem, da es im Zug wunderbar warm und gemütlich war und draußen noch immer regnete. Nur eine weitere Person saß in seinem Waggon. Eine junge Frau, die mit einem grellen, gelben Kaugummi Blasen machte, welches ihr pinkfarbenes, hautenges Kleid an Hässlichkeit kaum noch übertreffen konnte…
Als James erwachte, stand die S-Bahn in der Endstation. Spandau. Mit der U-Bahn ist es nicht mehr weit, dachte der Butler. Ein paar wichtige Besuche standen noch an, damit er morgen mit aller Gewissheit sprechen konnte. Einer nach dem anderen wurde abgehakt, bis James kurz nach Mitternacht wieder die Eingangshalle von Gut Trontstein betrat und erschöpft auf sein Zimmer ging.

Herr Flip arbeitete noch etwas Gel in seine Frisur ein. Damit war sein jugendliches Aussehen mal wieder perfekt.
Der Tag war gekommen, die Beerdigung auf dem Friedhof am Birkensee stand bevor. Entgegen allen Hoffnungen regnete es noch immer. Keine Besserung in Sicht.
Herr Flip verließ sein Zimmer, um etwas zu essen. Als er in die Küche kam, saßen dort bereits Frau Schmidt, Herr Hansen und der Butler am Tisch und reichten eine große Kanne Kaffee herum.
Morgen“, grüßte Flip die Anwesenden. „Oh, Frühstück! Das kann ich jetzt gut gebrauchen. Wer war denn so freundlich und hat uns das auf den Tisch gezaubert?“
Frau Schmidt schaute auf.
Mit Verlaub – es ist vielleicht das letzte Mal, dass wir hier zusammensitzen. Ich kann sie doch nicht mit leerem Magen in die Welt entlassen.“
Ach ja! Heute können wir ja endlich wieder gehen. Wann ist denn die Beerdigung?“
Um dreizehn Uhr.“
Herr Flip blickte auf seine Armbanduhr und sagte dann zum Butler: „Und jetzt ist es elf. Das heißt, sie müssen den Fall lösen, James. Und das schnell, denn ich will mich noch umziehen.“
James nickte.
Richtig, Herr Flip. Ich habe mir in der letzten Nacht meine Gedanken gemacht und bin zu einem erschütternden Ergebnis gekommen.“
Bevor der Butler jedoch zu weiteren Erklärungen ansetzen konnte, ertönte ein markerschütternder Schrei aus der oberen Etage. Herr Flip sprang aufgeregt von seinem Platz auf.
Maria! Da muss etwas passiert sein!“
In diesem Moment platzte Maria außer Atem in die Küche.
Frau Sauerlich! Sie… sie ist tot!“ schrie sie und verlor das Bewusstsein.












Kapitel 8

Nein! Das kann nicht sein!“ schrie Frau Schmidt entsetzt. Herr Flip lief zu Maria und wedelte ihr Luft zu. Dem allgemeinen Schock entgegen blieb James völlig ruhig.
Oh doch, Frau Schmidt. Es kann sehr wohl sein. Damit ist das Werk des Mörders vollendet. Der krönende Abschluss, wenn man es so will.“
Herr Hansen trat von der Seite an den Butler heran und fragte ihn: „Haben sie etwa gewusst, dass das passieren würde?“
James nickte.
Ja. Es war vorherzusehen… und doch unvermeidbar. Niemand hat verhindern können, dass auch noch Frau Sauerlich Opfer des gnadenlosen Killers würde. Doch so grausam es von mir auch sein mag – bevor ich hier einen Mörder überführe, sollten sie sich für die Beerdigung umziehen. Ich erwarte, dass sie alle kommen. Frau Schmidt, sie wecken bitte Herrn Fröhlich auf, die Zeit wird knapp. Sie ziehen sich um und ich erwarte sie dann im Salon!“
Der strenge Ton des Butlers zeigte Wirkung. Die aufgelösten Anwesenden verließen die Küche, Herr Flip kümmerte sich um Fräulein Maria, so dass zum letzten Treffen im Salon schließlich alles bereit war.

Ungeduldig saßen die Gäste um den großen Tisch im Salon und tuschelten. James war noch nicht anwesend. Alle hatten sich so dezent wie möglich gekleidet, schließlich war niemand auf einen solchen Anlass vorbereitet. Nur Fräulein Maria saß in Rot in der Gruppe, doch dafür hatte im Moment keiner ein Auge. Es wurde still. Der Butler betrat den Raum.
Nun denn. Es ist an der Zeit, ihnen Antworten zu geben. Antworten auf so viele ungeklärte Fragen, Antworten zu den vielen Problemen, die uns hier beschäftigten. Doch wir werden eines nach dem anderen behandeln. Im Hinterkopf behalten wir jetzt die Frage: Wer hatte ein Motiv, Graf Maibusch umzubringen? Die Antwort ist schrecklich einfach, denn jeder hätte den Grafen am liebsten aus dem Weg geräumt. Beginnen wir mit Herrn Flip.“ James deutete auf den jungen Mann.
Sie waren ein guter Freund des Grafen. Sie haben ihm einst das Leben gerettet und er hat sie dafür als Erben eingesetzt, da er selbst keine Kinder hatte. Geld ist natürlich immer ein Motiv, aber es trifft für sie nicht zu. Warum sollten sie den Grafen erst jetzt erledigen, um an das Geld zu gelangen? Das hätte schon viel früher erledigt werden können. Sie hätten natürlich auch so raffiniert sein können und erst Leonard Maibusch um die Ecke bringen können. Dadurch ist nämlich das Vermögen des Grafen sogar noch um ein kleines Stück gewachsen. Oder aber sie sahen den Mord an Graf Maibusch als einzigen Ausweg aus der finanziellen Misere, in der der Graf sich befand. Er war immer etwas zügellos mit dem Geld und sie mussten nun mit ansehen, wie der Reibach, den sie eines Tages erhalten würden, sich langsam in Nichts auflöste. Also stoppten sie den Grafen, bevor alles zu spät war. Vielleicht.
Andererseits ist aber auch die aufkommende Sympathie zu Fräulein Maria nicht zu übersehen. Vielleicht wollten sie ihr einen Gefallen tun, denn auch sie hatte genügend Grund, ihren Onkel aus der Welt zu wünschen. Schließlich hatte er es zugelassen, dass sie“, wobei er auf Maria deutete, „ihren Vater wiedertrafen. Er hatte sie verlassen, als sie vier Jahre alt waren. Ein schreckliches, aus Herrn Fröhlichs Sicht aber zumindest teils verständliches Verbrechen. Was nicht heißen soll, dass es jemals entschuldbar wäre, Gott bewahre!
Das war nicht die einzige Sorge von Herrn Fröhlich. Wie wir alle wissen, ist – oder besser: war Herr Fröhlich ein sehr angesehener Anwalt. Bekannt sind sie ja schließlich immer noch. Eine gewisse Frau Beul drohte, seinen Ruf zu ruinieren, wenn er an dem Familientreffen teilnehmen und daher ihren Fall verschieben würde. Sie hat ihre Drohung wahr gemacht. Grund genug, den Grafen zu töten? Vielleicht. Außerdem hat Herr Fröhlich ja noch diesen kleinen Deal mit Frau Schmidt gehabt. Doch darauf möchte ich später zurückkommen. Motive hatten also alle. Aber hatten sie auch alle die Gelegenheit, den Grafen aus dem Weg zu räumen? Nein.
Herr Hansen hat mit mir in der Küche Karten gespielt. Er kann Graf Maibusch also nicht erstochen haben, ich hoffe, niemand bezweifelt das. Leider waren die Kartenspieler im Salon so sehr in ihr Spiel vertieft, dass niemand darauf geachtet hat, als der Mörder zum Getränketisch ging. Es war ja auch selbstverständlich, dass man mal Durst hatte, also nichts Ungewöhnliches. Tja, aber der Mörder hat eine Notiz auf dem Schreibtisch gesehen. So haben Frau Schmidt und ich mir das jedenfalls ausgedacht. Graf Maibusch entwickelte ein Langzeitgedächtnis. Das heißt, er konnte sich an Dinge aus seiner Jugend erinnern, gerade gelesene Sätze vergaß er aber oft wieder. Das tritt mit dem Alter häufig auf, auch ich hatte manchmal meine Probleme damit, habe aber erfolgreich dagegen ankämpfen können. Jedenfalls vermuteten Frau Schmidt und ich, dass der Graf seine Gedanken über den Mörder auf einen Zettel vor sich aufgeschrieben hatte. Der Mörder sah diesen Zettel und bemerkte, dass er handeln musste. Er bediente sich des Brieföffners und stach zu. So war es nicht ganz. Es gab keine Notiz auf dem Schreibtisch“, sagte er zur Hausfrau. „Klar, es war keine vorhanden, aber die hätte der Mörder ja eingesteckt haben können. In Wirklichkeit war es so, dass es nie einen Zettel gab, auf dem vielleicht verräterische Hinweise standen.
Jetzt müssen wir zwischen drei Typen von Verbrechen unterscheiden: Es gibt lange geplante und sorgfältig vorbereitete Verbrechen, es gibt Kurzschlusshandlungen, zum Beispiel aus Notwehr, und es gibt notdürftig und auf die Schnelle vorbereitete Verbrechen. Eine Kurzschlussreaktion muss in diesem Fall ausgeschlossen werden. Es gab nie einen Zettel mit Notizen, auf die der Täter reagiert haben könnte, sie werden schon noch sehen, wie ich darauf komme. Wäre der Mord von langer Hand geplant gewesen, warum dann erst die Morde an Leonard und der Komtess? Nein, genau wie bei dem Mord an der Komtess muss etwas bei den beiden vorherigen Taten passiert sein. Der Mörder hat sich dann schnell einen Plan ausgedacht, seine Chance ergriffen und den Grafen getötet, vielleicht, weil er etwas gesehen hat. Also war auch der Mord an Graf Maibusch am Ende eine Folge des Verbrechens an seinem Bruder Leonard. Jeder hatte ein Motiv, den Grafen umzubringen. Ein Motiv für den Mord an Leonard Maibusch hatte aber nur einer. Mit dieser Erkenntnis begann ich gestern Abend, den Fall noch einmal komplett neu zu durchdenken. Ich habe angefangen bei der Stelle, als ich mich auf die Anzeige für den Butler gemeldet habe. Naja“, fügte er hinzu, „Eigentlich hat es noch früher angefangen, nämlich als Herr Fröhlich den Grafen betrogen hat. Das war der Anfang allen Unheils.“ Die Anderen blickten Herrn Fröhlich an, der schaute peinlich berührt zu Boden, während James sich kurz räusperte, um dann fortzufahren.
Als der Vater des Grafen bei einem Schiffsunglück scheinbar umgekommen war, ging das Erbe zu gleichen Teilen an seine Söhne. Herr Fröhlich hat sofort seine Chance gesehen und einen nicht unbeträchtlichen Teil des Geldes entwendet. Leider hat Frau Schmidt von der Sache Wind bekommen, um es salopp zu formulieren“, sagte der Butler und wandte sich an die Hausfrau.
Und dann waren sie so gierig und haben Herrn Fröhlich erpresst. Sie würden alles an die Öffentlichkeit bringen, wenn er ihnen nicht ein hübsches Sümmchen bezahlte. Der Deal war kurz darauf abgeschlossen und die Sache begraben. Scheinbar, denn der Graf wunderte sich schon über das verschwundene Geld, fand aber eine ganz andere Erklärung: Einer seiner Brüder habe sich das Geld gekrallt. Wahrscheinlich Friedrich, denn ihn konnte der Graf noch nie so richtig leiden, wie er uns allen deutlich vor Augen führte. Er musste den Brüdern irgendwie auf den Zahn fühlen. Damit das nicht so auffällig erschien, machte er aus der Sache ein Familientreffen.
Alle sollten sie kommen und als Maskerade für seinen Plan dastehen. Nur Herr Fröhlich und dann noch Frau Schmidt waren vom Unterfangen des Grafen unterrichtet. Sie sahen in diesem Treffen natürlich eine Gefahr für ihr Vermögen! Es hätte leicht auffliegen können. Etwas musste unternommen werden. Es war also eine ganz offensichtliche Möglichkeit, einen der Brüder umzubringen und ihm die Schuld für all das fehlende Geld in die Schuhe zu schieben. Doch es kam ganz anders.
Herr Hansen und Frau Braunfeld machten einen Spaziergang. Leonard Maibusch winkte den beiden zum Abschied, als er im Vorbau stand. Der Mörder stand hinter ihm in der Eingangshalle und sah seine Chance. Langsam schlich er sich hinterrücks an. Was wohl keiner für möglich gehalten hätte: Es war Graf Maibusch höchstpersönlich!“
Ein großes Entsetzen ging durch die Gruppe. Frau Schmidt empörte sich: „Aber das können sie doch nicht einfach so behaupten! Was ist das für ein Unsinn! Warum sollte Graf Henry seinen geliebten Bruder umbringen?“
James blieb ruhig: „Oh, das wollte er gar nicht. Sein Plan war, Friedrich zu erledigen. Er war fest davon überzeugt, dass Friedrich sein Vermögen gestohlen hatte, und dafür sollte er nun büßen. Ihnen allen dürfte wohl entgangen sein, dass das bereits der zweite Anschlag auf Friedrichs Leben war.
Der erste ist ganz unauffällig untergegangen und zeugte dennoch von der kühlen Berechnung des Grafen. Nachdem Friedrich zum Treffen angekommen war, bot sich Graf Maibusch an, die Getränke zu holen. Sie erinnern sich, dass er dafür ziemlich lange gebraucht hatte. Ich habe mir außerdem seine Fußabdrücke im Flur angeschaut: Offensichtlich war er in seiner Abwesenheit draußen gewesen. Als ich dann auch noch einen aktuellen Kontoauszug des Grafen und eine Rechnung der hiesigen Gärtnerei gesehen habe, war alles offensichtlich.
Herrn Hansen war freie Hand beim Sanieren des Gartens und des Parks gelassen. Ich habe gesehen, wie er sogar einen jungen Baum in den Park pflanzte, mangelnde Mühe darf ihm nicht vorgeworfen werden. Dieser Baum war ein Muskatnussbaum, wie es auf der Rechnung des Grafen niedergeschrieben steht. Im Gegensatz zu den übrigen Pflanzen war dieser Baum vom Grafen selbst in Auftrag gegeben. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, warum der Graf zu jenem Zeitpunkt bereits diesen Baum haben wollte, beim Empfang jedoch hat er guten Gebrauch davon machen können.
Wir alle kennen Muskatnuss als wunderbares Gewürz in der Küche. Wir wissen vielleicht nicht, dass Muskatnuss giftig ist, besonders ein Extrakt aus den Früchten. Nachdem Graf Maibusch sich in die Küche verabschiedet hatte, lief er in Windeseile in den Park und besorgte sich ein paar dieser Muskatnüsse. So gut es ging, zerkleinerte und zermörserte er sie und strich die gewonnene ölige Substanz auf den Boden eines der Champagnergläser. Diese Substanz kann tödlich sein. Was der Graf nicht wusste: In einer derartig kleinen Menge würde der Tod noch nicht eintreten, höchstens bei kleinen Kindern. Der Champagner wurde einfach darüber gegossen. Sie erinnern sich auch sicher, dass eines der Gläser besonders weit vorne auf dem Tablett stand und dass der Graf das erste Glas seinem Bruder Friedrich gönnen wollte? Friedrich sollte vergiftet werden, doch Frau Sauerlich stürzte sich ungehalten auf das erste Glas und trank es in einem Zug aus. Sie hatte nun das Gift geschluckt. Die Auswirkungen zeigten sich später im Kinderzimmer, als Frau Sauerlich ohnmächtig wurde und Halluzinationen durchlebte in Folge dieser Vergiftung. Damit hatte sie es dann aber überstanden.
Stellen sie sich den Grafen vor, wie er erschrocken mit ansehen musste, wie seine Freundin das für Friedrich bestimmte Glas nahm! Dieser Versuch war schiefgegangen, also musste Graf Maibusch zu drastischeren Methoden greifen. Erschlagen war zum Beispiel eine wirksame Methode. Leider trugen Friedrich und Leonard an diesem Tag sehr ähnliche Kleidung und Leonard hatte Friedrichs grünen Pullover um die Schultern bewickelt. Erinnern sie sich, Herr Hansen? Sie dachten zuerst, es sei Friedrich, der ermordet wurde. Der Graf hat seinen eigenen Bruder verwechselt und Leonard Maibusch musste für diesen Fehler mit dem Leben bezahlen. Der zweite Anschlag war nun ebenfalls daneben gegangen, und als müsste es noch schlimmer kommen, hat seine Tante, die Komtess, ihn dabei beobachtet. Sie selbst warnte den Grafen durch nebulöse Andeutungen vor ihrem Wissen. Der Graf ahnte, dass sie nur gegen Geld schweigen würde. Nun denken sie bestimmt, dass eine Komtess es nicht nötig haben sollte, durch Erpressung an Geld zu kommen, doch gehörte die Komtess zu Bärenwald der Gruppe des verarmten Landadels an. Der Titel war vorhanden, doch das Vermögen längst zunichte.
Der Graf suchte also einen Ausweg, um sie für immer zum Schweigen zu bringen. Er schenkte ihr bei Kaffee und Kuchen ein Getränk ein, unter das er noch etwas Blausäure gemischt hat. Die einfachste Erklärung für den Mord an der Komtess war gleichzeitig die Richtige, aber das wollte hier keiner wahrhaben, was ich niemandem übel nehmen kann. Woher hatte der Graf Blausäure? Das weiß ich leider nicht. Dennoch muss es diese gewesen sein. Ich sagte, ich könne keine Spuren von Gift im Getränk erkennen. Das ist darauf zurückzuführen, dass Blausäure stark nach Bittermandel riecht. Frau Schmidt wird mir bestätigen können, dass Bittermandelaroma oft beim Backen verwendet wird und ein wenig wie Marzipan riecht.“ Frau Schmidt nickte. „Dann ist es nicht verwunderlich“, fuhr der Butler fort, „dass beim dem Duft der zum Teil noch warmen Kuchen das Aroma von Bittermandel nicht auffällig erscheinen dürfte. Einzig zu bemerken ist, dass Blausäure einen bitteren Geschmack hinterlässt. Ich frage mich, dass die Komtess beim Genuss ihres Tees nicht auf den strengen Geschmack hingewiesen hat. Das kann natürlich aber auch mit der Zubereitungsweise des Tees im Zusammenhang stehen. In jedem Falle hätte es ihr nichts genützt. Geradezu gierig hat sie den Tee ausgetrunken. Ich habe mich gestern Nacht mit der Giftzentrale in Berlin in Verbindung gesetzt. Dort wurde mir mitgeteilt, dass Blausäure bereits ab einem Zwanzigstelgramm tödlich wirkt und bei einer größeren Menge der Tod bereits innerhalb von zwei bis drei Minuten eintritt. Jede Hilfe wäre zu spät gekommen, die Komtess war tot.
Zurück zu Graf Maibusch, der nun in arger Bedrängnis war. Friedrich war noch immer am Leben. Graf Maibusch war es egal, was er nun noch alles tun müsste, er würde auf jeden Fall auch noch Friedrich ermorden, um wieder klare Verhältnisse in die Familie zu bringen. Ein schrecklicher Widerspruch. Während also alle mit dem Bridgespiel beschäftigt waren, setzte sich Graf Maibusch an den Schreibtisch und überlegte sich einen Plan, wie er seinen ungeliebten Bruder aus der Welt schaffen konnte. Dann jedoch wurden seine Pläne jäh durchkreuzt. Er wurde selbst umgebracht. Von Frau Sauerlich.“ Um den Fragen vorzubeugen, ließ James der aufs Neue entsetzten Gruppe keine Gelegenheit zum Durchatmen.
Frau Sauerlich hatte die Gelegenheit dazu. Alle waren nach eigenem Bekunden während des Bridgespiels total abgelenkt. Es wäre also niemandem etwas aufgefallen. Doch der Mord geschah erst, als der Graf scheinbar schon tot war! Fräulein Maria erweckte den Verdacht, als sei der Graf eingeschlafen, und Frau Sauerlich ergriff die Gelegenheit, um nach vorne zu gehen. Dort schnappte sie sich schnell den Brieföffner und erstach Graf Maibusch. Sie ließ die Waffe in seiner Brust stecken. Nun müssen sie wissen, dass bei einer solchen Verletzung das Blut nicht wie wild trieft. Die Klinge verstopft den Ausgang und das Blut kann sich nur langsam um die Wunde verteilen. Damit also der Eindruck erweckt wurde, dass der Mord schon früher geschah, bediente Frau Sauerlich sich der roten Tinte auf dem Schreibtisch, indem sie sie kunstvoll um die Stichwunde herum verteilte. Dann erst hat sie geschrien. Sie alle haben gar nicht bemerkt, dass da ein längerer Zeitraum dazwischen war.
Jedenfalls kamen alle angelaufen und Fräulein Maria hat uns aus der Küche hinzugeholt. Und wieder haben alle bekundet, dass alles voller Blut war. Schön, schön, aber es war nur rote Tinte. Frau Sauerlich hat einen Fehler beim Verteilen der Tinte gemacht, was daran lag, dass sie sehr in Eile war. Egal, wie sie den Grafen erstochen hat, das Blut kann nicht in diesen kleinen Klecksen so weit oberhalb der Wunde aufgetreten sein. Sie hat ein wenig zu sehr Picasso gespielt. Dennoch gibt es ein Kompliment für ihre starken Nerven, denn das alles musste ziemlich schnell geschehen. Das Interessanteste ist jedoch das Motiv, aus dem Frau Sauerlich gehandelt hat.
Sie ist hinter den Plan des Grafen gekommen. Sie hat herausgefunden, dass er es war, der Leonard und die Komtess ermordet hat. Und sie hat auch vermutet, dass der Graf keine Ruhe geben würde, ehe auch der andere Bruder beseitigt war. Daher wollte sie das Schlimmste verhindern.“
Gerührt sagte Fräulein Maria: „Und dafür hat sie sich selbst geopfert. Wie romantisch!“
Ganz so war es nun auch wieder nicht“, erwiderte James freundlich. „Frau Sauerlich wusste, dass sie sterben würde. Ich habe mit ihren Bekannten gesprochen. Sie litt an einem unheilbaren Gehirntumor; die Ärzte gaben ihr höchstens noch ein halbes Jahr. Sie erinnern sich bestimmt noch an Frau Sauerlichs Schwindelanfälle? Das sind Symptome eines solchen Tumors. Er saß bei Frau Sauerlich an einer Stelle, an der er nicht mehr operiert werden konnte. Frau Sauerlich wusste das, daher machte es ihr nichts aus, den Grafen zu ermorden und vielleicht bis zu ihrem Tode im Gefängnis sitzen zu müssen, Die Hauptsache für sie war, dass sie einen Menschen, nämlich Friedrich, gerettet hatte.“ James machte eine lange Pause.
Tja, und damit wäre der Fall gelöst. Aber bitte, es gibt noch ein paar Kleinigkeiten zu sagen, bevor wir zu Beerdigung gehen. Beginnen wir mit dem Betrug von Herrn Fröhlich. Es gab damals einen Beleg für diese Schwindelei, der leider gut versteckt war. Herr Fröhlich hätte sich leicht herausreden können, wenn der Wisch nie entdeckt worden wäre. Er hat versucht, mir weiszumachen, der Graf habe das Geld selber ausgegeben. Ich hätte nie das Gegenteil beweisen können, wenn nicht Fräulein Maria gestern noch diese Rechnungen hier gefunden hätte.“ James ging zum Schreibtisch und holte die Quittungen aus der Schublade. Er legte sie für alle sichtbar auf den großen Tisch.
Sie belegen ihren Betrug, Herr Fröhlich. Dann kommen wir zu Herrn Hansen.“ Scharf blickte er den Gärtner an. „Sie sind scheinbar das Unschuldslamm in dieser Angelegenheit. Sie sagen wenig und tun noch weniger. Aber dennoch kam der Verdacht auf, dass sie ein falsches Spiel treiben. Und dieser Verdacht hat sich als wahr erwiesen. Sie, Herr Hansen, sind in Wahrheit der verschollene Vater von Graf Maibusch.“
Ein weiteres Mal war es an den Gästen, tief durchzuatmen.
Jaja, schauen sie nicht so entsetzt. Das Schiffsunglück war fingiert. Ich war in der letzten Nacht nicht untätig, habe mich mit Polizei und Berliner Meldeamt sowie Zeitung und Chronisten auseinandergesetzt. Es ist die Wahrheit. Nachdem er von der Bildfläche verschwunden war, hat Herr Hansen genau beobachtet, ob die Brüder gerecht mit seinem Geld umgehen. Das war eine kluge Idee von Herrn Hansen, denn sie taten es nicht. Sie stritten sich um das Erbe, bis endlich ein Anwalt, nämlich Herr Fröhlich hinzugeholt wurde. Danach tauchte Herr Hansen unter, verdiente sich als Gärtner. Als er nun diese Gelegenheit sah, bei dem Familientreffen seine Söhne wiederzusehen, nahm er sofort das Angebot des Grafen an.“ James blickte zum alten Gärtner, der auf den Tisch starrte.
Es tut mir Leid, dass sich mit ihren Söhnen alles so entwickelt hat. Sie haben nur noch einen Sohn, bitte sagen sie ihm, dass sein Vater noch lebt. Er hat sonst niemanden mehr.“ Herr Hansen brach sein bitteres Schweigen nicht.
Das bringt mich nochmals zu Frau Sauerlich. Sie hatte eine Vision. Sie alle haben sie für verrückt gehalten, dabei war die Vision kein Unsinn. Der Graf meinte darin, dass Herr Hansen ihm so bekannt vorkäme… kein Wunder, wenn es der eigenen Vater ist. Und sie hat gesehen, dass Leonard ermordet werden würde. Also hat sich ihre Vision bewahrheitet, aber das kann natürlich nicht zu den Ermittlungen herangezogen werden.“
Fräulein Maria fragte eifrig: „Aber was ist mit dem Messer in meinem Koffer? Hat Frau Sauerlich es dort hinein gelegt?“
Aber natürlich!“ antwortete James. „Und dann spielte sie die große Beschützerin, so dass der Verdacht sofort von ihr abgelenkt wurde. Ach, es war nur ein kleines Spielchen, um alle zu verwirren und ihnen Angst einzujagen, nichts weiter.“
Es war an der zeit für Herrn Hansen, eine Frage zu stellen: „Was ich jetzt aber noch wissen möchte: Was hatte das Gespräch zwischen Frau Schmidt und Herrn Fröhlich mit der Pistole zu bedeuten?“
Der Butler bedachte Herrn Fröhlich mit einem spitzen Blick, während er bereitwillig antwortete: „Können sie sich das nicht vorstellen? Die beiden mussten aus der Zwickmühle raus, bevor beim Familientreffen ihr Spiel vielleicht aufgeflogen wäre. Also schlug der eine dem anderen vor, den Grafen zu vernichten und dann irgendwelche Geschichten zu erzählen.“
Frau Schmidt wollte die Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken und sagte: „Nun gut. Ich habe am Tag des Familientreffens mal wieder das Bett des Grafen gemacht. Im Kopfkissen habe ich eine Kugel gefunden! Jemand muss in der Nacht auf ihn geschossen haben, aber wer?“
James verschränkte die Arme und sah die Hausfrau ärgerlich an.
Frau Schmidt, nun versuchen sie doch nicht, sich rauszureden. Am Abend vorher haben sie uns ein wunderbares Essen gekocht, aber mit einer ganz besonderen Würze, denn sie haben Schlafmittel hineingegeben. Das garantierte, dass niemand aufwachen würde, wenn sie den Grafen erschossen. Tja, aber sie haben daneben geschossen.“
Mist, jetzt ist eh alles aufgeflogen“, keifte sie patzig.
Dann möchte ich zu einem Schlusswort kommen“, sagte James ernst. „Graf Maibusch hat also seinen Bruder Leonard und seine Tante Gladiola zu Bärenwald ermordet, Frau Sauerlich tötete dann aus guten Motiven den Grafen und ging an ihrem Hirntumor zugrunde. Es passt alles ganz wunderbar. Aber sie alle haben sehr interessante Dinge in den Gesprächen mit mir von sich gegeben. Das heißt, das Interessante war gar nicht, was sie mir gesagt haben, sondern was sie mir taktvoll verschwiegen haben. Herr Flip, sie haben ihren Verdacht gegenüber Herrn Hansen ausgelassen. Frau Sauerlich hat überhaupt nicht die Angelegenheit mit der Vase erwähnt, genauso wenig wie ihren Streit mit Frau Schmidt im Badezimmer damals. Das war ja nicht zu überhören. Herr Fröhlich, ich dachte zuerst, dass zumindest sie mir die Wahrheit erzählt haben, aber sie haben natürlich die Sache mit dem Betrug verschwiegen. Fräulein Maria war die Einzige, die ehrlich zu mir war und alles erzählt hat.“
Aber es ist doch keine Lüge, wenn man etwas nicht erzählt“, klagte Herr Fröhlich.
Es mag keine Lüge sein, aber es ist ein Hintertürchen. Und das ist oft noch viel schlimmer als die Lüge selbst“, schloss der Butler bitter, bevor er sich zum Ausgang wandte. „Gehen wir!“

Nie werden wir die Wege des Herren ergründen können, der uns diese Menschen, unsere geliebten Freunde, Mitmenschen, unsere Familie entrissen hat. Kann eine Schuld so schlimm sein, dass sie nicht in Vergebung aufgelöst werden kann? War es nicht möglich, diese Menschen in Frieden gehen zu lassen? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht in unsere Hände gelegt. Leonard Maibusch, du hast leiden müssen. Wie in der Bibel Abel von Kain erschlagen wurde, so hat dein Bruder keinen Ausweg aus seiner Misere gesehen, als dich zum Opfer seines Neides zu machen. Gladiola zu Bärenwald, du wirst, wo auch immer du jetzt sein magst, wieder auf uns herabschauen und wohl abfällig lachen ob unseres schlechten Geschmacks. Wir werden dich vermissen. Du, Henry Maibusch, gehst nicht frei von Schuld von uns. Wir alle mögen beten, dass dir die Tore in das Himmelreich offen stehen und der Herr dir Läuterung geben möge. Josephine Sauerlich. Die Wege des Herrn sind unergründlich, wie ich sagte. Was hast du anderen getan, dass der Herr Gott dich mit einer unheilbaren Krankheit strafte? Wir wissen darauf keine Antwort. Hiob bemühte sich redlich, ein guter Mensch zu sein und wurde von Gott auf die Probe gestellt. Schlimmste Qualen musste er ertragen, doch er gab nie das Streben auf. Wer weiß, Josephine, ob du nun endlich das Glück erreicht hast, für das du gekämpft hast. Wir übergeben euch nun der Erde, wie der Herr Gott euch erschaffen hat. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“
Der Pastor schloss seine Bibel und streute Sand aus dem dafür vorgesehenen Behälter auf die Gräber. Unter den schwarzen Regenschirmen schluchzten einige der Anwesenden. Fräulein Maria trug den schwarzen Mantel ihres Onkels, um nicht aufzufallen. Auch ihr fiel es schwer, die Tränen zurückzuhalten.
Als der Pfarrer das letzte Grab segnete, brach unvermittelt trotz leichten Regens die Sonne durch einen Spalt in den Wolken und erleuchtete den kleinen Friedhof mitten im Wald. Nach und nach schwächte der Regen ab. Nach dem Segen für die Gemeinde konnte James seinen Regenschirm schließen. Er ging langsam und nachdenklich den Sandweg von den Gräbern zu Straße hinunter. Die Sonnenstrahlen wurden von den unzähligen Tropen in den Bäumen reflektiert. Es wurde hell, als wären nun alle von einem Fluch erlöst worden.
Dieser Fall ist gelöst. Ich denke, alle sind froh, wieder ihre Freiheit zu haben. Zumindest fast alle. Frau Schmidt und Herr Fröhlich dürfen eine kleine Strafe absitzen, das muss sein. Herr Hansen wird wieder untertauchen. Das glaube ich zumindest. Vorher wird er aber noch mit Friedrich sprechen. Er ist der einzige Sohn, den er noch hat. Es muss ihn viel Kraft gekostet haben, die Ereignisse auf Gut Trontstein zu überstehen. Herr Flip und Fräulein Maria… da könnte noch etwas draus werden. Die beiden sind sich sehr sympathisch. Ich wünsche ihnen alles Gute. Was allerdings zwischen Fräulein Maria und ihrem Vater, Herrn Fröhlich, laufen wird, das kann ich nicht sagen. Herr Fröhlich hat sie und ihre Mutter so schändlich im Stich gelassen, ich weiß nicht, ob man so eine Schuld durch ein Gespräch tilgen kann. Es wird das Beste sein, wenn die beiden sich nicht wiedersehen. Was mich betrifft… sollte es einen neuen Grafen auf Gut Trontstein geben, werde ich auch weiter als Butler dort arbeiten. Der Schatten über Birkenstein hat sich für immer verzogen.“ Zufrieden blickte James über den Birkensee, auf dem sich das Licht in allen Farben schillernd widerspiegelte. Der Schatten hat sich verzogen.


Ende