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| Ein Blick durch meine Linse |
Donnerstag Abend, hinter mir an der Kasse bei
Edeka sitzt eine Dame im Rollstuhl und fragt mich, ob ich ihre Waren auf das Band legen kann; sie hat seit 28 Jahren
multiple Sklerose, und natürlich helfe ich ihr. Und so kommen wir in das Gespräch, was wir alles können - und was wir nicht können. Und dass viele Menschen einem das Ganze eben nicht ansehen können.
Mittlerweile sieht man mir nicht mehr so viel an, dabei habe ich derzeit fünf Dauerdiagnosen, bei denen eine Besserung nicht abzusehen ist. Grund genug, einen neuen Versuch zu wagen und einen Änderungsantrag an das Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit in Neumünster zu schicken. Die Bearbeitungszeit wird mindestens sechs Monate dauern, teilt man mir im Schreiben in einem fröhlichen Ton mit, und es wird um Geduld gebeten. Ich habe kaum noch Geduld, sei es wegen des Jobcenters oder des pbOn oder wegen der immer mehr werdenden LehrerInnenstellen, die in Schleswig-Holstein zusammengestrichen werden.
Ob es wohl diesmal klappt? Ob man diesmal meinen Gesundheitszustand angemessen anerkennt? Ich habe mir etwas vorgenommen, bei dem viele von Euch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, aber ich bin es leid, zu hören zu bekommen, es sei gar nicht so leicht, sich in meine Lage zu versetzen. Hier also ist mein Anschreiben zum Änderungsantrag im vollen Wortlaut:
Bitte seid gewarnt: Dieser Text enthält sehr persönliche Details - nichts davon ist erfunden. Das ist das Leben, das ich seit einigen Jahren lebe.
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Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit beantrage ich die Neufeststellung meines Grades
der Behinderung (GdB) aufgrund mehrerer chronischer
Erkrankungen (teilweise während der letzten zwei Jahre
diagnostiziert) sowie deren dauerhafter und schwerwiegender
Auswirkungen auf meine Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und
beruflichen Leben.
Es handelt sich um eine Autismus-Spektrum-Störung (F84.5
G), eine schwere depressive Episode (F32.2 G), eine Panikstörung
(F41.0 G) und
eine Colitis ulcerosa (K51.9). Mein atopisches Ekzem (L20.9)
lasse ich außen vor, da keine Unterlagen mehr vorliegen und nur selten noch Schübe auftreten.
Alltagsrelevante funktionelle Einschränkungen
Ich verlasse meine Wohnung nur noch stark eingeschränkt. In
meiner Wohnung fühle ich mich sicher, da ich dort keinen sozialen
Anforderungen, Missverständnissen oder Reizüberflutungen ausgesetzt
bin. Außerhalb meiner Wohnung kommt es regelmäßig zu starker
Anspannung, Überforderung und Rückzugsverhalten. Diese
Einschränkungen bestehen dauerhaft und führen zu erheblicher
sozialer Isolation.
Der Aufenthalt in vollen Geschäften, Einkaufszentren oder
anderen öffentlichen Orten ist für mich kaum möglich. Die
Vielzahl an Menschen, Geräuschen und visuellen Reizen führt zu
massiver Überforderung und Angstreaktionen. Einkäufe kann ich nur
unter erheblichem psychischem Stress erledigen, indem ich den Blick
auf den Boden richte, notwendige Besorgungen hastig durchführe und
den Ort schnellstmöglich wieder verlasse. Ein selbstständiges,
gleichberechtigtes Teilnehmen am öffentlichen Leben ist mir dadurch
nicht möglich. Kino- oder Freizeitbesuche außerhalb der Wohnung
finden seit Jahren nicht mehr statt; ich nutze ausschließlich
Streaming-Angebote zuhause, obwohl ich früher ein begeisterter
Freizeitpark-Fan war.
Aufgrund meiner Colitis ulcerosa treten
unvorhersehbare Koliken und zwingender Stuhldrang auf. Zusätzlich
besteht bei mir eine ausgeprägte Hemmung, fremde oder
öffentliche Toiletten zu benutzen, wodurch die Situation
erheblich verschärft wird. Aus Angst vor Kontrollverlust vermeide
ich längere Aufenthalte außerhalb meiner Wohnung. Wenn ich mich
dennoch außer Haus begebe, verzichte ich häufig vollständig auf
Essen und Trinken, um akute Toilettenbedarfe zu vermeiden. Diese
Strategien führen regelmäßig zu körperlicher Schwäche
bis hin zu Kreislaufproblemen und schränken meine
Bewegungsfreiheit, Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe massiv
ein.
Aus denselben Gründen meide ich Restaurantbesuche,
Treffen mit Freunden sowie private Besuche weitgehend. Auch
an Familienfeiern nehme ich nur noch im engsten
Kreis teil, da größere Zusammenkünfte körperlich und psychisch
nicht mehr bewältigbar sind.
Zusätzlich besteht bei mir eine Panikstörung,
die dazu führt, dass ärztliche Behandlungen oft stark verzögert in
Anspruch genommen werden (Zahn-OP, gebrochener Finger,
Magen-Darm-Spiegelung). Arztbesuche sind ohne Beruhigungsmittel
(Bromazepam) kaum möglich, was eine wesentliche
Einschränkung meiner gesundheitlichen Selbstversorgung
darstellt.
Im beruflichen Kontext führen meine autismusbedingte
Ehrlichkeit und Direktheit regelmäßig zu Nachteilen bei
Einstellungsverfahren. Trotz sehr guter fachlicher Qualifikation und
positiver Arbeitszeugnisse werde ich häufig nachrangig
berücksichtigt. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar und
nachhaltig auf meine berufliche Teilhabe und die Sicherung meines
Lebensunterhalts aus; trotz sehr guter Referenzen muss ich seit knapp einem Jahr Bürgergeld beziehen.
Die genannten Beeinträchtigungen bestehen dauerhaft,
sind chronisch und betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Sie
führen in ihrer Gesamtheit zu einer erheblichen
Einschränkung meiner Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und
beruflichen Leben. Entsprechende fachärztliche
Stellungnahmen füge ich diesem Antrag bei.
Ich bitte daher um eine umfassende Neuprüfung und
sachgerechte Bewertung meines Grades der Behinderung.
Mit freundlichen Grüßen
Dr Hilarius
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