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Freitag, 23. Januar 2026

Der absolute Horror


Im ersten Jahresdrittel wartet der absolute Horror auf mich. Das könnte schon morgen losgehen, aber dazu schreibe ich lieber erst etwas, wenn ich Genaueres weiß, ich hasse es, Gerüchte und Eventualitäten zu verbreiten. Die zwei anderen Horrorerlebnisse kann ich aber voller Vorfreude schon einmal ankündigen, und ja, natürlich, es geht um Filme, Videospiele, was sonst. Denn normalerweise ist Horror ja nicht gerade etwas Ersehnenswertes.

Die große Buba kennt eines meiner Lieblings-Videospiele aus dem Genre, weil sie es zusammen mit mir durchgestanden hat: Project Zero 2: Crimson Butterfly. International wird die Reihe unter dem Namen Fatal Frame veröffentlicht; in Japan heißt sie schlicht Zero. Ganz klassischer J-Horror, Geistergeschichten, völlig ohne Ballerei, die einzige Möglichkeit, sich gegen die Geister zu schützen - die nicht alle böswillig sind - ist eine altmodische Kamera, mit der man sie fotografieren muss. Dazu eine unbehagliche Atmosphäre und eine sehr tragische, in japanischer Kultur verwurzelte Geschichte, und Dr Hilarius ist glücklich. Und siehe da: Jetzt im März soll endlich ein Remake für die PS5 erscheinen. Vorfreude, toll, und es kommt noch besser:

Ebenfalls im Anmarsch ist eine Verfilmung eines der besten Spiele aus dem psychological horror, die bis heute auf den Markt gebracht wurden, nämlich Silent Hill 2. Ich bin sehr gespannt, wie treu Regisseur Christophe Gans dem Material geblieben ist - der Trailer ist extrem vielversprechend und ich freue mich riesig darauf, endlich diesen seit mehreren Jahren erwarteten, tragisch-gruseligen Film sehen zu können, hoffentlich inklusive Pyramid Head, einer ikonischen Figur der Reihe.

Und der Horror geht noch weiter: Angst, es nicht zu packen. Denn es gibt eine ganz kleine Chance, dass ich übernächste Woche wieder befristet beschäftigt bin. Drei Wochen. Mit Ziel bis zum Sommer (oder vielleicht sogar länger), denn dann hätte ich wieder Anspruch auf ALG I. Davon ist allerdings noch nichts spruchreif, also bitte keine Glückwünsche ;-)

Es wird auf jeden Fall spannend! 

Donnerstag, 15. Januar 2026

Klinisch

Cronenberg lässt grüßen - und der Autist ist fasziniert.

vorweg: In diesem Beitrag geht es um Film, aber auch um den Zustand meiner Wohnung und damit, gewissermaßen, um meinen Zustand.

Klinisch.

Dieses Wort ist mir in den letzten Jahren immer wieder begegnet. Klinische Diagnose. Klinische Psychiatrie. Auch in der Filmwissenschaft: Klinische Beobachtungen. Clinical direction. Aus zwei Gründen musste ich eben daran denken. Zum einen ist mein Schreibtisch mittlerweile so aufgeräumt, dass er mir fast klinisch rein vorkommt. Die Kabel und die Tastatur werfen ihre Schatten, die sind mir vorher nie aufgefallen. Hier liegt nichts mehr einfach so herum. Es ist fast wie damals in den Kronshagener Bergen. 

Zum anderen musste ich heute bei einem Film von Halina Reijn daran denken. 2025 ist ihr Film Babygirl erschienen, mit einer bemühten Nicole Kidman und klinischen Beobachtungen von Sex und BDSM. Leider nicht ganz so herrlich-unterhaltsam wie damals mit Maggie Gyllenhaal und James Spader im Film Secretary von 2002 (oder so mysteriös-faszinierend wie in David Cronenbergs Crash von 1996, der eine Nachfolgerin im Geiste gefunden hat in Julia Ducournaus Titane von 2021 - beides sehr mutige Filme, ich bin froh, dass ich sie "erleben" durfte, weiß aber nicht, ob ich das unbedingt wiederholen möchte. Naja. Bei Cronenberg schon.), aber egal, das hat mich daran erinnert, dass Reijns vorangegangenes Werk, Bodies Bodies Bodies von 2022 ja so ein tolles satirisches Whodunit für die Gen Z sein soll. Als ich den Film damals gesehen hab, fand ich den nicht so toll und habe das Ende tatsächlich auch komplett falsch verstanden. Heute habe ich den Film noch einmal gesehen und oft lachen und die Augen verdrehen müssen. Irre, wie die Gen Z und ihre Macken da auf's Korn genommen werden. 

Dieses "Neuentdecken" des Films hatte einen großartigen Effekt, genau wie damals bei der Episode Syzygy aus der Serie The X-Files. Ich habe richtig gute Laune bekommen, bin mit richtig guter Laune in ein erholsames Bad mit Fichtennadelduft gestiegen und habe danach eine Stunde mit richtig guter Laune in Meditation verbracht. Danach habe ich die postalische Antwort auf meinen Befreiungsantrag gelesen - dazu bei Gelegenheit mehr.

Jetzt gibt es etwas Leckeres, leicht Verträgliches, und danach brauche ich definitiv nochmal das Augenverdrehen- und Schmunzeln-Gefühl, allerdings nicht bei der Gen Z, sondern bei meiner eigenen Jugend: Es wird Zeit, endlich mal wieder Scream von 1996 zu schauen ;-)

In einer (zu 1/3) klinisch sauberen Wohnung. 

Samstag, 6. Dezember 2025

Führerschein entkeimen


Klingt ein bisschen komisch, und stand auch nicht ganz in dieser Form auf der To Do-Liste. Aber diese Woche war eine - für Autistenverhältnisse - ereignisreiche Woche. Und erfolgreich, zumindest ein bisschen. Jeder Schritt zählt.

Da wäre zunächst die Beantragung eines neuen Führerscheins. Wir müssen ja fast alle unsere Führerscheine erneuern, da die derzeitigen zu unterschiedlichen Terminen ungültig werden. Mir ist bewusst, dass ich derzeit kein Kraftfahrzeug führe - aber wer weiß, es kann immer sein, dass ich für meine berufliche Situation diesen Führerschein brauche.

Zum Glück hat Conny mir weitergeholfen und mir eine KI-Anleitung gebastelt, was ich da alles machen musste. War ja eigentlich nicht viel, Führerschein, Perso und ein aktuelles (nicht älter als zwei Jahre) biometrisches Passbild. Ich hatte hier noch Passbilder herumliegen, bin aber leider erst bei der Zulassungsstelle darauf hingewiesen worden, dass ich neue Bilder brauche. Zum Glück ist da die Fotobox im Rewe-Center gleich nebenan, und für knapp zehn Euro habe ich da fünf biometrische Passfotos bekommen. Also zurück in die Behörde, in der mittlerweile recht viele Menschen darauf warteten, dass ihre Lappen erneuert würden.

Eine halbe Stunde und knapp fünfunddreißig Euro später war es überstanden. Super nette Sachbearbeiterin, aber ich hatte trotzdem Panik vor diesem Behördengang, gerade weil da so viele Menschen waren. Für solche Zwecke habe ich mein Anxiolytikum, ich liebe die Schulmedizin. Jetzt muss ich nur noch etwa drei Wochen warten, bis der neue Schein per Einschreiben in meinem Briefschlitz landet. We'll see...

Der zweite Angang, den ich etwa zwei Jahre vor mir hergeschoben habe (können auch noch mehr Jahre gewesen sein), war die Grundreinigung meines Kühlschranks. Der war schon nicht mehr in gesundem Zustand, aber das ist so ein Angang, und deswegen habe ich es immer weiter verschoben. Zwei Tage hat die Grundreinigung inklusive Eisfach-Abtauens gedauert, und jetzt ist nichts Gammeliges mehr drin und ich fühle mich extrem erleichtert. Ist schon ein bisschen seltsam, wenn man sich stolz darauf fühlt, endlich den Kühlschrank gereinigt zu haben...

Es gab aber auch zwei extrem positive Ereignisse aus der Medienecke. Heute ist endlich der neue Teil der Metroid-Videospielreihe angekommen (Metroid Prime 4 Beyond) und es hat mich sofort in seinen Bann geschlagen, denn ich liebe die Heldin Samus Aran und habe fast alle Teile der Reihe gespielt. Ich liebe es, fremde Welten zu erforschen, zu analysieren und einfach die tollen Landschaften zu genießen.

Und dann ist der neue Teil der Tron-Filmreihe erschienen (Tron:Ares) und er ist genau wie erwartet und ich finde ihn trotz all' seiner Schwächen richtig toll, weil ich auch da in fremde Welten verschwinden kann um tolle Visuals zu genießen, mit einem Soundtrack der NIN und Gillian Anderson (Scully aus The X-Files) und Jared Leto an Bord.

Und heute habe ich endlich mal wieder mir den kleinen Spaß gegönnt, zum Nikolaus einen Schoko-Weihnachtsmann vor die Türen aller Nachbarn im Haus zu stellen. Ich weiß nicht... irgendwie erfüllt es mich mit Glücksgefühlen, wenn ich unerkannt anderen Menschen eine kleine Freude bereiten kann. 

Also, viel passiert, und wenn ich alles Revue passieren lasse, ist es kein Wunder, dass da so ein Mischmasch wie "Führerschein entkeimen" entsteht ;-) 

Mittwoch, 30. Juli 2025

Blut Druck

Irgendwie ist das das einzige Bild von mir mit ganz langen Haaren, das ich finden kann, aus einer Zeit, in der ich Sicherheit im Leben hatte...

Meine Küchenschranktüren habe ich früh nach Einzug neu dekoriert, indem ich an einige von ihnen Tafelfolien geklebt habe. Wer die nicht kennt - das sind so schwarze Folien mit etwas rauher Oberfläche, auf denen man dann mit Kreide schreiben kann. So kann ich alle wichtigen Termine direkt auf meine Küchenschränke schreiben und einfach wieder abwischen, oder wichtige Erinnerungen notieren. Als ich noch Sicherheit im Leben hatte, habe ich mir zum Beispiel alle "Wartungstermine" aufgeschrieben - Waschmaschine reinigen, Bad wischen, Ölstand messen und so weiter.

Bis vor Kurzem war auch tatsächlich noch ein Termin zur Kühlschrankreinigung aufgeschrieben, "Juli '22", das ist schon ein bisschen her... jetzt notiere ich mir da andere Sachen, zum Beispiel meine Medikamente für die Tablettenbox und neuerdings immer mal wieder meinen Blutdruck.

Durch die colitis war der nämlich unter anderem wegen Salzmangels oft zu niedrig, was zu Schwindelanfällen geführt hat, wenn ich zu schnell aufgestanden bin. So habe ich dann den Begriff orthostatische Hypotonie kennengelernt, und dank meines Graecums kann ich mir auch übersetzen, was das heißt. Interessanterweise ist es jetzt aber so, dass die Infusionstherapie offensichtlich anschlägt, ich habe wieder zugenommen, Farbe im Gesicht, die Nährstoffaufnahme scheint wieder zu funktionieren. Das betrifft auch das Salz, und da wird mir nun wieder bewusst, dass ich mich zu salzhaltig ernähre, denn:

Jetzt ist der Blutdruck ab und an tatsächlich zu hoch, und das kann auch zum Zittern in den Händen führen. Für den Augenblick habe ich dann zum Glück ein Medikament, um den Blutdruck zu senken, aber auf lange Sicht muss ich meine Ernährung anpassen - und auch auf Sachen wie Bildschirmzeit achten: Als Arbeitsloser habe ich viel Zeit, und ich liebe nun mal gute Filme, Serien und Videospiele. Und wenn ich dann eine neue Serie entdecke, so wie jetzt gerade, dann besteht die Gefahr des Bingens, eine Folge nach der anderen schauen und die Zeit gar nicht mehr mitbekommen - und so haben sich dann schnell ein paar Stunden Bildschirmzeit und Daddelaction angesammelt, die den Blutdruck auch in die Höhe treiben können.

Die Serie, die es mir momentan angetan hat, ist von 2022 (bis heute), eine Mischung aus Science Fiction und Horror, also im Prinzip genau das, was ich mag. From hat eine ganz ähnliche Prämisse wie Lost damals, Menschen finden sich an einem Ort wieder, aus dem sie scheinbar nicht mehr entkommen können. Das kann dann zu ganz interessanten existentiellen Überlegungen führen - versucht man einen Weg heraus zu finden, oder akzeptiert man seine Lage und macht das Beste daraus? Und natürlich kommt es zwischen Menschen in einem abgeschlossenen Raum immer wieder zu interessanten Transaktionen, gerade mit so herrlich sperrigen Charakteren wie hier. Und glücklicherweise ist From noch nicht dem Lost-Fehler verfallen, das Ganze künstlich mit unzähligen Episoden in die Länge zu ziehen - hier gibt es je Staffel zehn Episoden, in denen auch Einiges passiert.

Das Rad wird nicht neu erfunden. Aber wir haben Charaktere, die wir wiedererkennen, und eine Atmosphäre zwischen unheimlich des Nachts und kleinen Momenten des Glücks tagsüber. Und ein aufregendes Abenteuer, wenn die Einwohner versuchen, einen Weg aus ihrer Kleinstadt heraus zu finden. Also eigentlich genau wie Lost - nur eben straffer und mit einem deutlichen Einschlag in Richtung übernatürlichen Horrors. From gibt es auf Amazon prime.

Und davon gibt es jetzt noch eine oder zwei Episoden, bevor ich dann mit einem einigermaßen durchschnittlichen Blutdruck in's Bett gehe.

post scriptum: Und wer sich über die Schreibweise des Titels dieses Beitrags wundert - der darf sich auch weiter wundern ^^ 

Montag, 7. April 2025

I feel me to puke


Ja, ich hatte ewig keine dieser denglischen Verballhornungen mehr. Jetzt wird es aber Zeit, denn ich fühle mich zum Kotzen. Gar nicht mehr wegen der Arbeitslosigkeit, aber da war ein wenig Beruhigungsmittel nötig.

Nein, ich muss wieder alle zwanzig bis dreißig Minuten zur Toilette. Fünfzehn bis zwanzigmal am Tag; das ist genau wie vor der Therapie. Es fühlt sich an, als hätte ich nicht mit der Kortisondosis runtergehen sollen, aber ich kann sie ja schlecht eigenständig wieder erhöhen, dazu sind Kortikoide zu stark in Wirkungen und Nebenwirkungen. Also ist ein Besuch bei'm Arzt dringend fällig - wenn ich mal wieder länger als eine halbe Stunde die Wohnung verlassen kann, ohne zu... naja. Könnt Ihr Euch ja denken.

Dass ich nie wieder gesund werden werde, das ist mir ja klar - aber ich hätte gern eine längere Remissionsphase, endlich einmal durchatmen, endlich keine Schmerzmittel mehr flaschenweise trinken, endich nicht mehr regelmäßig in der Schule anrufen und mich krank melden - wobei sich Letzteres ja eh' bald erledigt hat.

Stichwort Abschied: Ich sollte das Wochenende nutzen, um ein paar kleine Abschiedsbriefe zu schreiben, denn einige KollegInnen haben sie sich echt verdient durch ihre tolle Unterstützung. Die Arbeit an der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule war anstrengend, aber horizonterweiternd und einfach total schön. Jetzt heißt es aber wieder "Ihre Bewerbungsmappe ist fehlerfrei" - so oft mittlerweile gemacht, das geht mit links. Anfangs waren immer irgendwelche Buchstaben oder Zahlen vertauscht, oder hier fehlte ein Punkt und dort ein Formular.

nach dem Wochenende

Ich fühle mich noch mehr zum Kotzen. Noch zwei Tage krank gemeldet, morgen zum Arzt, heute neue Medizin geholt. Ein bisschen deprimierend, wenn man nur noch eine Woche an der Schule hat und davon zweieinhalb Tage wegfallen - der halbe Tag, da geht es um eine Freistellung für einen Termin bei'm Psychiater, die sind sauschwer zu bekommen...

Und wenn man sich dann noch ein bisschen weiter runterziehen will, dann schaut man Serien. Momentan trendet gerade eine britische Miniserie auf Netflix, mit absolut hervorragenden Rezensionen. Vier Episoden je eine Stunde, Adolescence, über einen dreizehnjährigen Jungen, der möglicherweise eine Tat begangen hat, die seine Familie komplett zerreißt. 

Absolut realistisch, leider, und aktuell - Incel-Thematik, Pubertät, Mobbing, Männer- und Frauenrollen. Brillant gespielt bis in die kleinste Rolle mit einzelnen Szenen, die mir das Herz zerrissen haben. Gehört für mich in die Kategorie "Ich bin sehr froh, dass ich sie gesehen habe - aber einmal reicht." Ganz große Empfehlung, aber danach sollte etwas Positives für die Seele folgen. 

Das kann schon ein Heizkissen in einer verkühlten Wohnung sein.

Freitag, 7. März 2025

Dekadenz

Sieht toll aus...

Manchmal ergehen RegisseurInnen sich in cinematischen Exzessen. Es gibt wesentlich mehr zu sehen, hören und erleben, als eigentlich für den Plot nötig wäre. Wir haben das zum Beispiel in Dario Argentos Suspiria (das Original aus den Siebzigern) oder in Alex Proyas' Dark City. Da wird jedes weitere Ansehen zu einer Schwelgerei. 

Mit vierzig Jahren Denkzeit hat sich nun auch Francis Ford Coppola in einem absoluten Exzess ergangen - das ist der Mann hinter The Godfather und Apocalypse Now!, da darf man einen wahren Genuss erwarten, oder? Oder??

Aber mir ist es sehr schwer gefallen, seinen neuesten Film Megalopolis zu genießen. Das Konzept dahinter: Die Dekadenz des antiken Roms in die Gegenwart versetzen, in einer Stadt namens "New Rome". Mit einem reichhaltigen Ensemblecast besetzt, ist dabei eine extreme Unordnung herumgekommen.

Ich wollte diesen Film wirklich mögen: Es ist Science Fiction, es geht im Wesentlichen um die Catilinarische Verschwörung, es geht um den Bürgermeister Cesar Catilina, der die Zeit anhalten kann. Mehr kann ich dazu nicht schreiben, es geht um Dekadenz und Niedergang, und mehr als einmal musste ich bei'm Ansehen auch an Petrons Satyrica denken.

Der Film sieht toll aus, visuell, kameratechnisch ist das meisterhaft. Aber reicht das aus, um einen Film zu tragen? (Suspiriafans sagen ja) Mich hat so Vieles irritiert und vom Plot abgelenkt. Das geht schon los mit den Namen der Charaktere, die sehr modern zusammengemischt wirken - siehe Cesar Catilina - oder einfach nur abgedreht sind, man denke an Wow Platinum, ja, so heißt sie tatsächlich. Ich kann mich nicht in die Geschichte vertiefen, wenn die realen Namen mich immer wieder auf andere Gedanken bringen. Dazu kommen platte Dialoge, teilweise sind die Szenen völlig zusammenhanglos, und ich kann einem Filmkritiker zustimmen, der meinte, letztlich sei es ihm egal gewesen, wie der Film enden würde. Ging mir auch so, irgendwann habe ich mich nur gefragt, wann er denn endet.

Der Film ist zu reichhaltig, um alles bei'm ersten Ansehen aufzunehmen und zu verarbeiten. Ich finde den Cast toll, da sind Adam Driver oder Laurence Fishburne (diese Stimme!) und viele mehr, die versuchen, aus ihren Rollen das Maximum herauszuholen, aber das Maximum ist halt ziemlich tief angelegt.

Die zweieinhalb Stunden waren nicht verschwendet. Es hat mir aber gereicht - genau wie bei Ari Asters jüngstem Film Beau Is Afraid, den ich auch toll finden wollte und dann am Ende froh war, als die Credits liefen.

Manchmal ist weniger einfach mehr (das habe ich bei den Saturnalien am eigenen Leib erfahren).

Samstag, 13. Juli 2024

Frischerabatt

Das Blickfeld erweitern...

vorweg: Der letzte Beitrag über die Unart des Ministeriums, Lehrkräfte wieder nur ab dem ersten Schultag einzustellen, hat doppelt so viele Klicks bekommen wie üblich. Scheint ein echtes Aufregerthema zu sein, und ich habe dazu auch noch einen weiteren Beitrag in Arbeit, mit einer Nachricht aus dem Ministerium mit dem Tenor "Es tut mir sehr leid, aber es ist eben so." - kommt noch.

Es geht um... Empathie? Darum, an Andere zu denken? Nicht nur bei sich selbst zu sein? Globales Bewusstsein? Schauen wir mal; es beginnt jedenfalls wieder ganz alltäglich.

Heute soll es Pizza geben, also brauche ich wieder etwas mageres Hackfleisch. Der Blick bei Rewe in die Kühltheke zeigt mir ein paar abgepackte Portionen mit einem großen Aufkleber Frischerabatt - 30% günstiger wegen MHD. Kennen wir - Sachen werden günstiger rausgehauen, weil sie sonst schlecht würden, und gerade bei Frischwaren wie Hackfleisch ist das wichtig - das muss heute verarbeitet werden.

Wenn ich zwischen den Päckchen solche Aufkleber finde, greife ich immer direkt danach, cool, ein Drittel günstiger, das ist doch klasse. Es ist mit ein bisschen Aufwand verbunden: Ich gehe mittlerweile - wenn verfügbar - nur noch an die SB-Kassen (meine anfängliche Unsicherheit - manifestiert in den Schnellkasse-Geschichten - ist mittlerweile komplett verflogen), da kann ich in meinem eigenen Tempo scannen und einpacken und fühle mich nicht durch andere Menschen gestresst.

Es ist gar nicht so einfach, dort diesen Rabatt zu bekommen - man muss den neu aufgeklebten Barcode verwenden, dabei gleichzeitig alle anderen normalen Barcodes auf der Verpackung abdecken, sonst wird der normale Preis berechnet. Das ist manchmal gar nicht so einfach, und so scanne ich mit beiden Händen ganz vorsichtig den Aufkleber. Angezeigt wird mir auf der Kasse der normale Preis - what the? Erst auf dem ausgedruckten Bon am Ende wird mir angezeigt, dass die dreißig Prozent tatsächlich abgezogen wurden.

Auf dem Heimweg komme ich in's Nachdenken. Freue ich mich eigentlich nur über das Schnäppchen? Oder warum greife ich immer zu den MHD-Produkten, wenn verfügbar? Und dann wird mir bewusst, was eigentlich passieren würde, wenn weder ich noch jemand Anderes das Hackfleisch kauft - es wird weggeworfen. Das ruft mir wieder in's Bewusstsein, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, in der wir es uns leisten können, Essen wegzuwerfen, manchmal mit einer erstaunlichen nonchalance.

Vor ein paar Tagen habe ich den Film Captain Phillips gesehen. Tom Hanks spielt in dem biopic den (realen) Kapitän, dessen Schiff 2009 von somalischen Piraten entführt wurde. Der Film beginnt mit Darstellungen der Somalis, die unterhalb der Armutsgrenze leben, abgemagert, mit zerschlissener Kleidung, die sich darum reißen, für den Unterhalt ihrer Familie ein Verbrechen zu begehen, im Namen von Clanchefs. 

Grausige Realität. Und wir werfen Hackfleisch weg.

post scriptum: "Captain Phillips" ist (noch) auf Netflix verfügbar, sehr spannend.

Mittwoch, 24. April 2024

Betrunken unterrichten


Heute wieder einmal etwas für Lehrer, so wie der Kurzfilm Alternative Math, den ich neulich direkt auf Facebook geteilt hatte - diesmal allerdings etwas Ernsthafteres, aus verschiedenen Perspektiven. Es geht um einen etwas radikaleren Unterrichtsversuch eines desillusionierten Lehrers und seiner Freunde.

Vielleicht kann man sich die Situation vorstelllen - nach zehn, zwanzig oder mehr Jahren Unterrichtstätigkeit eine Art Burnout, Lustlosigkeit am Unterrichten, Verzweifeln daran, dass die SchülerInnen nicht alles so schnell aufnehmen, wie man das gern hätte, und das schlichte Gefühl zu versagen. Dann kommt eine Studie hereingeflattert, die zunächst einmal nichts mit dem Lehrberuf zu tun hat, aber gerade zu einem Versuch herausfordert.

Es geht um eine postulierte positive Wirkung eines dauerhaften bestimmten Promillegehalts Alkohol im Blut - wir sprechen hier nicht von Party am Abend, sondern einem konstanten Pegel tagsüber. Die Studie gelangt zu dem Schluss, dass eine Leistungssteigerung erreicht werden könnte, ebenso wie eine gesteigerte Kreativität und Spaß an der Tätigkeit. Die vier Lehrer wagen also den Versuch - was ist, wenn sie mit einem (geringen) Promillepegel in die Schule kommen - wird man es ihnen anmerken? Wird das Unterrichten anders laufen? Wie kommt das bei den SchülerInnen an?

Die Antworten lasse ich an dieser Stelle weg, keine Spoiler. Tatsache ist aber, dass der Film in den falschen Händen zu einer Trash-Komödie hätte verkommen können. Er geht allerdings ernsthaft und sensibel an das Thema heran. Der dänische Film Druk (Der Rausch) mit einem großartigen Mads Mikkelsen (Hannibal, Casino Royale, Indiana Jones and the Dial of Destiny) in der Hauptrolle lebt nicht vom Spektakel, sondern vom sorgsamen Beobachten seiner vier Lehrer.

Einfache Antworten wird man hier nicht finden, und auch das Ende kann auf unterschiedliche Arten gelesen werden. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass keine Lehrkraft von diesem Film kalt gelassen wird - ich könnte mir vorstellen, dass jeder sich eine Meinung zu dem Thema bilden kann und dass es danach einige Diskussionen geben wird.

Am Ende kann man der Vollständigkeit halber erwähnen, dass dieser Film den Academy Award für den besten ausländischen Film gewonnen hat, aber das sagt nichts über gar nichts aus, also lasse ich das. Ich fand ihn großartig, faszinierend, witzig, gedankenanregend - und er hat mir klargemacht, dass ich selbst dieses Experiment wohl nicht wiederholen werde. 

Aber ich bin mir bewusst, wie viele Lehrkräfte unter dem Einfluss von psychoaktiven Substanzen (Koffein, Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schmerzmittel etc.) in die Schule kommen, um ihren Unterricht gut zu wuppen. Der Film ist also weniger abgefahren, als man vielleicht denken sollte; die Prämisse beruht auf einigen Körnchen Wahrheit.



Montag, 25. März 2024

Besuch bei'm Psychiater und das Stigma


Freitag

Ich nehme so gut wie nie Filmempfehlungen von anderen Menschen an - und davon bekomme ich als Lehrer reichlich von meinen SchülerInnen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich gute Filme liebe. Die meisten Jugendlichen haben in dem Alter noch kein Gespür dafür, was ein "guter" Film ist, weil ihnen die Vergleichswerte fehlen. Also empfehlen sie mir, was sie selbst toll finden. Und das höre ich mir dann höflich an, setze es aber nicht um.

Anders ist es, wenn die große Buba mir einen Film empfiehlt, denn ich glaube, sie gibt sich sehr viel Mühe, mich als Autisten wirklich zu verstehen, und auch zu verstehen, was mir echte Freude bereitet - dafür liebe ich sie, denn das ist ein hartes Stück Arbeit, was auch immer wieder Enttäuschungen mit sich bringt. Und selbst bei der großen Buba brauche ich manchmal sehr lange, bis ich einem Filmtipp auch wirklich nachgehe.

Dass jemand mir einen Film vorschlägt und ich direkt bei'm Nachhausekommen das Teil auf Netflix suche, finde und mir direkt anschaue, sowas gab es bis heute nie. Aber... vielleicht sollte ich am Anfang anfangen, am Beginn eines sehr erleuchtenden, aufregenden Tages, der in mir eine tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit hervorgerufen hat.

Definitiv nicht Zufriedenheit mit der Deutschen Bahn. Denn ich hatte heute um halb zehn morgens meinen Termin bei'm Psychiater, und ich bin auf den ÖPNV angewiesen, und das Deutschlandticket als Chipkarte works like a charm. Also gehe ich heute um viertel nach acht zu Gleis fünf, auf dem der Regionalexpress nach Pinneberg bereit steht.

Ist ja seltsam. Niemand sitzt drin, oder... doch, da hinten sitzt auch jemand. Aber warum stehen noch so viele Menschen auf dem Bahnsteig? Ich könnte natürlich einfach jemanden fragen, aber ich bin Autist und vermeide es, fremde Menschen anzusprechen. Also gehe ich noch einmal zur Tür, schaue draußen auf die Anzeigetafel - aber alles sollte eigenlich stimmen, und so suche ich mir einen Sitzplatz im Untergeschoss in Fahrtrichtung, links am Fenster natürlich. Ich hole meine Logikrätsel heraus und vertreibe mir die Zeit, bis ich sehe, dass die Menschen sich draußen in Bewegung setzen. Sie alle gehen zurück zum Eingang des Hauptbahnhofs, okay, what the ...? Ich bekomme Angst. Werde ich hier jetzt gleich auf ein Abstellgleis gefahren und komme nicht mehr aus dem Zug? Panisch renne ich zur Tür, zwar mit Rucksack, aber meinen schönen Regenschirm von Samsonite hat jetzt die DB. Und ja, ich weiß, es gibt da ein Fundbüro, aber das sind fremde Menschen, also kaufe ich mir lieber einen neuen. Von der gleichen Art natürlich.

Immerhin lande ich jetzt auf dem richtigen Bahnsteig, wo angezeigt wird, dass sich die Abfahrt um eine Viertelstunde verzögert. So what, ich habe einen kleinen Zeitpuffer, bevor ich im Krankenhaus sein muss. Und dann fängt auch endlich alles an, richtig zu funktionieren. Ich esse einen Schokoriegel - Zucker als Entzündungsförderer eigentlich nicht so gut, aber ich brauche etwas Energie für den Tag, die große Buba sagt Edhergighie.

Ich habe mich sehr auf diesen Termin gefreut, denn der letzte ist drei Monate her. Es hat einfach terminlich nicht besser gepasst; und während ich einmal bei einem monatlichen Besuch schon dachte, dass es eigentlich kaum Neues zu berichten gibt, waren drei Monate dann doch zuviel, vor allem, weil sich in meiner beruflichen, gesundheitlichen und familiären Situation viel getan hat in dieser Zeit, und nichts davon wirklich zum Positiven. Vielleicht sind anderthalb bis zwei Monate derzeit eine gute Frequenz für uns. Ich habe das aus verschiedenen Psychologieserien gelernt, dass man das je nach Bedarf umstellen kann und sollte, immer im Sinne des Patienten, und ich muss einfach mal konstatieren: Ohne den Rückhalt meines Psychiaters wäre ich in dieser Welt, an diesem Punkt angekommen, vollkommen aufgeschmissen. Meine lieben Eltern würden so gern helfen, aber ich brauche fachliche und rechtliche Hilfe, das heißt, es müssen Fachleute ran.

Ich möchte wirklich jedem, der ein starkes Gefühl davon hat, er könne auf dem Autismusspektrum sein, empfehlen, einen Platz bei einem guten, spezialisierten Psychiater zu bekommen. Auch wenn es eigentlich gerade nicht nötig scheint - irgendwann werden Probleme kommen, aus unterschiedlichsten Gründen (zum Beispiel, weil die Eltern sterben), und dann ist man hilflos und allein gelassen. Ihr nehmt es mir nicht übel, wenn ich mir im Kopf gerade ein paar wenige KandidatInnen vorstellen kann, denen das vielleicht helfen könnte. 

Bringt den Mut auf, sucht Euch einen Diagnoseplatz! Möglichst jetzt, denn die Vorlaufzeit ist unglaublich lang. Bei mir hat es - wenn mich die Erinnerung nicht trügt - anderthalb Jahre gedauert bis zum ersten Termin. Die PsychiaterInnen sind einfach komplett überlastet, und dabei können sie im Leben eines autistischen Menschen so viel Gutes bewirken, und das auch schon komplett ohne Medikamente, indem sie einen geschützten Raum zum Reden bieten. 

Bitte geht diesen Schritt. Auch wenn der Gedanke nagt "Nö, betrifft mich ja nicht unbedingt, brauche ich gerade eigentlich nicht wirklich" - die Fachliteratur bestätigt: Irgendwann im Leben werden wir AutistInnen Hilfe brauchen, und wenn wir noch so sehr high-functioning (a.k.a. Asperger) sind.

Aber zurück zum heutigen Besuch, und ich merke gerade, ich muss den Artikel morgen weiterschreiben, denn es war ein sehr langer Tag und ich habe das alles immer noch nicht verarbeitet. Keine Sorge, das mit den Filmen kommt noch, ich schreibe morgen weiter!

(...)

Let's go. Natürlich werde ich hier nicht vom konkreten Inhalt des Gesprächs schreiben, sondern etwas abstrahieren und mich vor allem darauf konzentrieren, was das bei mir ausgelöst hat. Könnte auch für meinen Psychiater interessant sein, vielleicht liest er das jetzt gerade. Falls ja, hier nochmal: DANKE für Freitag!

Natürlich hat es gut getan, nochmal die Rückschläge aus dem Januar und Februar Revue passieren zu lassen, die Ablehnung des Schwerbehindertenstatus und das Verbot, eine Vertretung an einer Schule zu übernehmen (ich habe bis heute keinerlei Entschuldigung aus dem Ministerium bekommen). Es hat mir nämlich wieder etwas Mut gemacht zu wissen, dass ich eigentlich nichts falsch gemacht habe, sondern dass das Problem im System liegt.

Ebenso hat es sich gut angefühlt, über Themen zu sprechen, zu denen ich einen Bezug habe, und so sind wir zwischendurch auch wieder bei'm Thema Filme angekommen, genauer Filme über Autismus. Es gibt so viele Filme, die Autismus darstellen wollen - vielleicht nicht als Thema, aber in einem ihrer Charaktere - und sich dabei auf Klischees berufen, die mit der Breite des Spektrums überhaupt nichts zu tun haben, oder sie stellen Autismus als etwas Drolliges dar, über das man lachen kann. Davon gibt es eine ganze Menge. Seltener sind authentische Darstellungen von Autismus-Spektrums-Störungen. 

Eine dieser authentischen Behandlungen findet man im Film The Reason I Jump, der auf dem gleichnamigen Buch des nicht-sprechenden autistischen Jugendlichen Naoki Higashida basiert. Im Film werden die Leben verschiedener Familien rund um die Welt beleuchtet, in den USA, Afrika, Indien, Australien, um zu zeigen, dass es die mutistischen AutistInnen überall gibt, und dass sie überall dieselbe Zurückweisung von neurotypischen Menschen erfahren. Es kommen auch ihre Eltern zu Wort, die sehr eindringlich erzählen, wie sie unter den Anfeindungen ihrer Kinder zu leiden hatten und immer noch haben. Der Film bringt durch seine subjektive Kamera das Erleben eines Menschen auf dem Spektrum sehr eindrucksvoll rüber und ist gleichzeitig ein Plädoyer für die Akzeptanz und Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Mein Psychiater hat sich den Titel notiert, und mir im Gegenzug ebenfalls einen Film genannt, der das Thema Autismus zwar nicht in den Mittelpunkt stellt, dessen Hauptfigur aber eindeutig als Autist codiert ist. Der norwegische Film Elling, damals oskarnominiert als bester ausländischer Film, zeigt die Situation zweier neurodiverser Freunde, die durch das norwegische Gesundheitssystem irgendwie in die Gesellschaft integriert werden (bei uns würden sie eher allein gelassen, um selbst klarzukommen), nachdem Ellings Mutter verstorben ist und er nicht mehr auf ihre Hilfe und Führung bauen kann.

Diese Situation ist leider nur allzu realistisch: Was ist, wenn Deine Eltern sich um Dich ein Leben lang gekümmert haben und Du plötzlich als autistischer Mensch auf Dich allein gestellt bist? Meine Eltern werden nicht ewig leben und ich habe einen Bruder, der noch weiter zurück liegt auf dem Weg, auf sich allein gestellt zu sein, als ich. Irgendwie müssen wir es schaffen, dass er nicht irgendwann plötzlich wie Elling vor dem Nichts steht und komplett verkümmert, wenn es keine Unterstützung mehr von Mama und Papa gibt.

So habe ich mir also Elling notiert. Wie schon oben erwähnt: Normalerweise nehme ich keine Filmtips von anderen Menschen an. Aber zum einen ist mein Psychiater auf AutistInnen spezialisiert und kennt sich wirklich gut aus, und zum anderen trifft der Film leider gerade einen Nerv. So bin ich also nach unserem Termin nach Hause gefahren und habe den Film direkt auf Netflix gefunden und angeschaut, und war ziemlich begeistert.

Da wird mir bewusst, dass ich in der Linkliste links noch keinen Reiter mit der Designation Autismus im Film habe, das sollte ich bald mal ändern, um dort die Namen von Filmen einzustellen, in denen diverse Formen der Autismus-Spektrums-Störung authentisch und nicht klischeehaft dargestellt werden. Das könnte zur Aufklärung beitragen, und vielleicht glauben es mir die Leute ja irgendwann, dass ich geistig behindert bin, ohne mich erstmal zu gaslighten.

Das war ein toller Besuch bei'm Psychiater, in jeder Hinsicht, und drei Monate ohne waren definitiv zu viel. Ich wünsche jedem Menschen auf dem Spektrum so einen Ansprechpartner. Und zum Schluss noch ein Aspekt aus schulischer Seite (betrifft aber auch die Gesellschaft allgemein):

Ich finde es sehr bedauerlich, dass die Psychiatrie bei uns so stigmatisiert ist. Viele trauen sich nicht zuzugeben, dass sie regelmäßig zum Psychiater gehen - und wenn sie es tun, dann kommt die Häme aus dem Hinterhalt. An einer Schule meinte eine Kollegin zu mir: "Und das da vorne ist Frau XY, aber mit der solltest du lieber nicht reden, die nimmt Antidepressiva, das ist eine ganz arme Person." - und ja, das war der exakte Wortlaut; auch wenn es schon über zehn Jahre her ist, habe ich das nie vergessen. Es ist beschämend, wie Lehrkräfte hinter dem Rücken ihrer KollegInnen über ihre Mitmenschen reden. Kaum eine Schule ist frei davon; ich war bisher an sieben, und nur an der Nordseeschule in St.Peter-Ording war es anders - kein Wunder, dass sie zur Perspektivschule erklärt wurde, denn da ziehen alle Lehrkräfte zusammen an einem Strang, um SchülerInnen in schwierigsten Situationen eine Lebensperspektive aufzuzeigen. Ein völlig anderer spirit als an den meisten Gymnasien. 

Und ja, die "ganz arme Person" war an einem Gymnasium - aber hier kein Schulart-Bashing, denn es geht um den Segen, den ein geistig behinderter oder psychisch kranker Mensch erfahren kann, wenn er von der Psychiatrie betreut wird. In den Köpfen so vieler Menschen herrscht der Gedanke, dass es etwas Negatives ist, bzw. dass ein Mensch etwas Schlechtes getan haben muss, um eines Psychiaters zu bedürfen. Dass er ein schlechter Mensch sei. Es wird von oben herab über Menschen in psychiatrischer Betreuung gesprochen, auf eine Weise, die für Betroffene extrem schmerzlich sein kann. Ich weiß, wovon ich rede, denn es gibt garantiert einige ehemalige KollegInnen an verschiedenen Schulen, die das hier zu Gesicht bekommen und sich darüber aufregen, dass ich hier oversharing betreibe. Face facts: Es ist so, und es ist an fast jeder Schule so. Ich hoffe, niemand von Euch glaubt, in einem harmonischen Kollegium zu arbeiten - es sei denn, es ist tatsächlich harmonisch - zum Beispiel an kleineren Schulen, Grundschulen, Förderzentren oder Perspektivschulen.

Menschen können es einfach nicht lassen, schlecht über andere Menschen zu reden.

Elling ist auf Netflix verfügbar.

Weitere authentische Filme auf dem Spektrum: The Reason I Jump, The Imitation Game, The Speed Cubers, BenX, The Queen's Gambit - die Liste wird bald links auftauchen und noch mehr Titel beinhalten ;-)

Samstag, 23. März 2024

Polizeigewalt filmisch umgesetzt


Während ich hier an dem Artikel über den Beuch bei meinem Psychiater schreibe, möchte ich Euch einen wunderbaren Kurzfilm an's Herz legen - besonders den EnglischkollegInnen da draußen, Stichwort Landeskunde USA, Polizeigewalt gegenüber people of color. Nehmt Euch, wenn Ihr Lust habt, zweiunddreißig Minuten Zeit und sucht den Film Two Distant Strangers auf Netflix. Hat nicht umsonst den Kurzfilm-Academy Award bekommen. Bis zum Ende durchschauen, die "credits" am Ende haben es in sich. :-)

Mittwoch, 20. März 2024

Englisch gedacht - Deutsch gesprochen


"Es wird eine Tür geöffnet, und dann bekommt es Standardformel."

Dieser Satz ergibt erstmal keinen Sinn - der Kontext fehlt, allerdings gibt es auch noch ein anderes Problem. Zunächst zum Kontext: Wenn ich einen neuen Film schaue, schreibe ich im Geiste parallel dazu die Rezension. Das ist Gewohnheit; nachdem ich den Film geschaut habe, lese ich immer die jeweilige Rezension auf rogerebert.com. Dadurch haben sich im Laufe von hunderten Filmen und Rezensionen klassische Phrasen im Gehirn eingebrannt. 

Manchmal spreche ich Teile der eigenen Rezension laut aus - einfach, um zu testen, ob es authentisch klingt. Klassische Aspi-Masche: Verhalten von neurotypischen Menschen beobachten und nachahmen, um nicht aufzufallen. Heute habe ich einen Auszug aus einer Rezension eines Films gesprochen, den ich schon vor Jahren gesehen habe - I Am Mother. Hat gute Ansätze, regt zum Nachdenken an, aber dann passiert etwas und der Film wird vorhersehbar. Im Englischen würde man sagen:

"A door is opened, and then it becomes standard formula."

Und weil mir immer öfter Gedanken zuerst auf Englisch kommen, habe ich das aus irgendeinem Grund wörtlich in's Deutsche übersetzt - wobei to become natürlich eigentlich werden zu heißt. Diese "Verdeutschlichungen" passieren ab und an, und ich finde sie immer ganz witzig - und vielleicht kennt ja auch jemand von Euch dieses Phänomen. Zumindest das "erst auf Englisch denken"-Konzept, denn das hat nichts mit Autismus zu tun; mir haben einige EnglischkollegInnen erzählt, dass es ihnen auch so geht.

Sprache kann einfach drollig sein. Ich liebe Sprache.

Montag, 11. März 2024

Die Academy Awards


Eines meiner "Spezialthemen" sind Filme, also sollte ich auch einmal kurz die Verleihung der Academy Awards kommentieren, die in der letzten Nacht stattgefunden hat. Ich hatte einen Moment überlegt, ob ich mir das frühmorgens live anschaue, allerdings interessiert mich die Zeremonie selbst überhaupt nicht. Also habe ich lieber geschlafen und mir heute die Resultate angeschaut. Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass die Oscars nichts aussagen über die Qualität eines Films.

Aber bei Christopher Nolans Oppenheimer (sieben Oscars) ist da defintiv ein Zusammenhang. Ich habe eine Hassliebe zu Nolan; keiner seiner Filme besteht den Bechdel-Test, und manche seiner Filme geben vor, intelligenter zu sein als sie es eigentlich sind, wie zum Beispiel Interstellar oder Tenet. Diesmal hat er aber ein dreistündiges Portrait amerikanischer Geschichte abgeliefert - wer sich für die Erfindung der Atombombe und die ethischen Implikationen interessiert, sollte sich den Film gern anschauen.

Ich hatte ja ein bisschen gehofft, dass der Preis für Best Animated Feature an Nimona geht, aber die Konkurrenz war übermächtig - The Boy and the Heron von Hayao Miyazaki (Chihiros Reise ins Zauberland) hat gewonnen. Ich fand es auch ein bisschen schade, dass weder Sandra Hüller noch Ilker Catak eine Trophäe nach Deutschland holen konnten, aber ihre Filme (Anatomie eines Falls und Das Lehrerzimmer) sind dennoch super. Wer den Oscar wirklich verdient hat, ist Hoyte van Hoytema. Der Kameramann ist ein Virtuose der visuellen Ästhetik und ich genieße seine Bilder jedesmal wieder - Interstellar sah immerhin toll aus!

Jetzt warte ich darauf, dass der eine oder andere Film endlich für das Heimkino verfügbar ist - besonders Miyazakis Film und Poor Things von Giorgos Lanthimos. Dessen Filme (Kynódontas, The Killing of a Sacred Deer u.v.m.) sind herrliche Satiren, wenn man sich darauf einlassen kann. Nicht für jedermann ^^

Und nun kann ich mich wieder den besten Filmen zuwenden, die man manchmal ordentlich suchen muss.

Montag, 26. Februar 2024

Die Wörterbücher


"Let the man avail himself!"

Wenn ich mir einen neuen Film anschaue, mache ich das - wann immer möglich - in Originalsprache mit englischen oder deutschen Untertiteln. Auch bei englischsprachigen Filmen: Ich mag vielleicht Englisch auf muttersprachlichem Niveau sprechen, aber ich habe tatsächlich im Hinterkopf immer die Angst, dass ich ein für den Plot wichtiges Wort überhöre oder falsch verstehe. Ist schon vorgekommen, und das kann im Extremfall die komplette Wahrnehmung eines Films verändern.

Manchmal kommt es vor, dass ich zwar verstehe, was ein englisches Wort in dem jeweiligen Kontext bedeutet, aber ich könnte nicht genau erklären, was es bedeutet - und das mag ich nicht: Wenn jemand mich im Unterricht fragt, was ein Wort bedeutet und ich kann das nicht genau erklären, das irritiert mich.

Heute schaue ich mir Martin Scorseses The Irishman an. Tempus Präsens, denn der Film geht über dreieinhalb Stunden und ich habe zwischendurch eine Pause eingelegt. Eigentlich mag ich keine Geschichten über Verbrechen sehen, aber es ist Scorsese und der Film soll toll sein (ist er bisher), als Filmliebhaber sollte ich da über meinen Schatten springen. Und dann taucht da dieser Satz auf:

"Let the man avail himself!"

Mir ist klar, was das in der Szene bedeuten soll, aber ich sehe diesen Satz in den Untertiteln und realisiere, dass ich das Wort "(to) avail oneself of sth." nicht übersetzen kann. In diesen Fällen pausiere ich tatsächlich den Film und gehe zum Regal, in dem noch immer meine Wörterbücher aus dem Studium stehen. Klar, in Englisch nutze ich das Longman DCE, und da lege ich mir alle zehn Jahre eine neue Ausgabe zu, weil sich die Sprache verändert. 

Ich schaue also die englische Definition im DCE nach, verstehe auch alles, aber finde immer noch nicht die richtige deutsche Übersetzung. Also nehme ich das gefühlt fünf Tonnen schwere Großwörterbuch Englisch von Langenscheidt hervor und suche auf den tausenden Seiten nach der Übersetzung. Gefunden, glücklich, wieder beruhigt, zurück zum Film.

Mich stört das wirklich, wenn ich bei einem Wort nicht genau sagen kann, was es bedeutet (oder wie es ausgesprochen wird) - und deswegen bin ich sehr froh, dass ich immer meine Wörterbücher im Regal habe. Gemoll, Stowasser und Konsorten sind treue Begleiter für's Leben.

post scriptum: Kannst Du den Satz "Let the man avail himself!" übersetzen? ;-)

Samstag, 17. Februar 2024

Nawalny

Großartiger Dokumentarfilm, der sich anzuschauen lohnt

Normalerweise berührt es mich nicht, wenn in den Nachrichten berichtet wird, dass eine bekannte Person gestorben ist. Ich nehme das als reine Sachinformation hin, abgehakt. Als ich aber gestern in der tagesschau als erste Meldung hörte, dass der russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny wahrscheinlich tot ist, ist mir kurz die Luft weggeblieben.

Hintergrund: Ich hatte mir vor einigen Monaten den Dokumentarfilm Navalny (2022) angeschaut. Es hieß, das sei ein großartiger Politthriller, und ich war tatsächlich begeistert. Wie Nawalny mit seinem Team den Giftanschlag auf sich als Kreml-angeordnet aufdeckt, hat unglaubliche Durchschlagskraft, und eine Szene ist so brillant, dass Drehbuchschreiber sie als "völlig unrealistisch" wegwerfen würden - wenn es nicht wirklich so passiert wäre. Manchmal ist die Realität abgefahrener als jede Fiktion.

Ich habe vor ein paar Jahren einen Schüler unterrichtet, der aus Russland ausgewandert war, und der sehr deutlich gemacht hat, wie es um "Demokratie" in Russland bestellt ist. Seither interessiere ich mich für den Kampf zwischen einer möglicherweise kleinen, aber hoffentlich starken, "echten" Opposition und der Regierung in Russland.

Dass Nawalny nun tot sein soll, ist ein herber - wenn auch nicht unerwarteter - Rückschlag für die Oppositionsbewegung. Ich hoffe, dass sie nicht aufgeben. Und ich bin froh, dass ich nicht in einer Diktatur lebe. 

Democracy is the worst form of government, except for all others.

- Sir Winston Churchill

Montag, 12. Februar 2024

Tag 195 - Aufwachen!


Das Neumünster-Erlebnis hat mich mal wieder in eine Art Schockstarre versetzt. So sehr, dass ich zuhause nichts mehr mache und nur nachdenke. Und wenn dann ein Satz kommt "Bis zum Sommer finden wir eine Planstelle für sie!", dann freut mich das riesig und sorgt für Tränen im Ministerium, aber wirklich angekommen ist die Nachricht noch nicht. Es braucht erst eine Mail eines ehemaligen Schülers, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass sein Lehrer doch nochmal irgendwann antwortet. 

Wenn ich tatsächlich bis zum Sommer eine Planstelle gefunden haben werde, dann habe ich keine Ausrede mehr für's Hängenlassen. Dann wird es Zeit für Disziplin und die Euphorie, die abends aufkommt, wenn man sieht, dass man tatsächlich etwas geschafft hat. Im heutigen Fall Müll raus und Wäsche, und eine frühere Weckzeit meines Weckers, damit ich morgens mehr schaffen und abends früher in's Bett gehen kann. Einstellen auf ein Leben, in dem ich eine unbefristete Beschäftigung habe - denn so wie jetzt geht es nicht. Mails beantworten, Akten einordnen, vergammelte Lebensmittel entsorgen, Kühlschrank putzen, ich habe genug Arbeit für die nächsten Tage.

Wie passend, dass ich heute den Film Brittany Runs a Marathon (2019) auf Amazon prime gesehen habe - übrigens noch nicht wirklich mit Werbung, das kommt noch. Es geht um eine Frau, die mit dreißig Jahren in einer Lebenskrise steckt, übergewichtig, Single, kein Plan für das Leben. Mit der Hilfe von Freunden nimmt sie sich vor, am New York-Marathon teilzunehmen. Klingt wie eine Klischeegeschichte, ist aber eine Komödie mit Einblick und Ecken und Kanten. Sie zeigt, welche Probleme man treffen kann, wenn man sich vornimmt, sein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Mal schauen, was für Probleme mich erwarten.

Zeit, aufzuwachen!

Mittwoch, 27. Dezember 2023

Tag 149 - Bin ich ein Monster?


vorweg: Dieser Beitrag sollte schon vor Monaten erscheinen. Gestern hatte ich einen ganz tollen Abend mit der großen Buba, und nun kann es losgehen.

Bin ich ein Monster?

An jeder Schule bin ich sofort von einem Großteil aller Schulteilnehmer - Schulleitungen, KollegInnen, SchülerInnen - aufgrund meines Aussehens in eine Schublade gesteckt worden. So sind Menschen nun mal: Die meisten von ihnen glauben, sie könnten einen Menschen aufgrund seines Aussehens richtig einschätzen. Sie sortieren mich in die Schublade "asozial, unerfahren, im falschen Job" und die Tür geht zu.

Diese Tür geht bei vielen von ihnen dann auch nicht mehr auf. Der erste Anblick reicht, man muss noch nichtmal ein Wort gewechselt haben. Zum Glück erleben meine SchülerInnen mich dann in ausreichendem Umfang, so dass nach einigen Wochen ihre Türen wieder aufgehen und sie irgendwann bei never judge a book by its cover landen. Es ist an jeder Schule maximal eine Handvoll KollegInnen gewesen, bei denen die Tür dann doch wieder aufgegangen ist, und es dauert viele Monate, bis dieser Prozess einsetzt.

So sind Menschen nunmal. Das ist eben die story of my life. Und in diesem Jahr ist ein Animationsfilm veröffentlicht worden, der genau diese Story als Kernthema hat: Ausgrenzung, Abneigung, Hass, weil man anders ist. Das hat mich bei'm ersten Ansehen direkt am Herzen gepackt - klar, das ist kein neuer topos, aber er ist so gut umgesetzt worden, dass ich begeistert war. Und wenn ich das richtig sehe, die große Buba auch.

Nimona ist endlich auf Netflix verfügbar. Ein Film, der eine lange Entwicklungshölle hinter sich hat - den Disney gekickt hat, weil sich in einer Szene zwei Männer küssen. Den Annapurna Studios, in der Szene für unkonventionelle kindgerechte Verarbeitung von Themen bekannt, sich zu Herzen genommen und veröffentlicht hat.

Total witzig, wild, anarchisch, mit einem riesigen Herzen. Unberechenbar in seiner Diversität - endlich wird ein LGBTQ-Thema in einem Film für Kinder gezeigt, aber nicht thematisiert - sondern als selbstverständlich behandelt. Multiethnische Rollen, Behinderung, das ist alles drin.

Zum Plot sage ich nur, dass es um einen Nicht-adligen geht, der in die Rittergarde aufgenommen werden soll. Man kann sich denken, dass es um konservatives Denken gehen könnte ("Wir dürfen doch nicht jeden hier reinlassen!"); tut es auch, und gleichzeitig sind so viele progressive Ideen dabei. Nicht umsonst spielt der Film in einem science fantasy-Umfeld: Ritterrüstungen, Pferde, Schlosszinnen, Smartphones, Internet, Laserwaffen.

Ich nehme den Film in meine Schularbeit auf. Absolut empfehlenswert für Jugendliche - und eigentlich noch mehr für Erwachsene, die mal etwas aus ihren festgefahrenen Bahnen herausbrechen sollten. Und ich möchte ihn Euch wärmstens an's Herz legen.

Nimona ist auf Netflix verfügbar.



Freitag, 15. Dezember 2023

Tag 137 - Noch einmal mit Gefühl


Liebe Kollegin!

Ich möchte mich bei Dir für heute bedanken. Das war ein tolles Erlebnis!

Danke, dass ich heute eine Englischstunde in Deiner Klasse geben durfte. Ich hatte Deine Kiddies zweieinhalb Jahre unterrichtet, und Frau Schwarzbohrer, und sie sind mir sehr an's Herz gewachsen. Seitdem ich sie vor Kurzem auf dem Weihnachtsbasar wiedergesehen habe, ist mir bewusst, wie sehr sie mir fehlen. Ich habe sie in Klasse Fünf als kleine Steppkes kennen gelernt, und jetzt in Klasse Neun sind einige von ihnen in die Höhe geschossen und wirken schon fast wie junge Erwachsene. Es ist toll, das mitzuerleben. Ich wünschte, es hätte weitergehen können.

Aber auch schon die eine Stunde heute war ein Geschenk. Die ganze Busfahrt über war ich aufgeregt, wie wird es wohl, vor einer ehemaligen Klasse zu stehen? Werde ich noch andere bekannte SchülerInnen auf dem Schulflur treffen? Was mache ich, wenn KollegInnen vorbeikommen?

Sag' das Deinen Kiddies bitte: Ich habe mich riesig gefreut, dass sie heute mitgespielt haben. Wir haben das "Google Trends Game" gespielt - in einer leicht abgewandelten Form, und es war spannend und witzig und es war Englischunterricht, teilweise. Es war aufregend, endlich wieder eine Stunde vorbereiten zu können, auch wenn ich mich mit meiner Unkenntnis zu "Guardians of the Galaxy" total blamiert habe - nobody is perfect ;-)

Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so glücklich machen könnte, wieder vor der Klasse zu stehen, *nachdem* ich eine Schule verlassen hatte. Es war immer "ab mit Schaden", bloß wegrennen und nicht zurückschauen. Dabei fühle ich mich an Deiner Schule so wohl, das hat sich auch dadurch nicht geändert, wie es ausgegangen ist. By the way, ich gebe trotzdem nicht auf. Klar muss ich eine neue Stelle finden, aber sollte die Schule jemals wieder Englisch ausschreiben, würde ich mich bewerben.

Ein arbeitsloser Lehrer zu sein ist scheiße.

Bitte richte der Klasse ganz liebe Grüße aus; dank ihnen kann ich mit einem Lächeln im Wochenende ankommen ;-)

Liebe Grüße,

Dr Hilarius

Montag, 13. November 2023

Tag 105 - Das Lehrerzimmer

Hilft manchmal... oder?

Dieser Film hätte von Michael Haneke stammen können (Cache, Das weiße Band, Amour, Funny Games); dessen Filme zeichnen sich oft aus durch die klinische (fast Cronenbergsche) Distanz zwischen dem Regisseur und dessen, was seine Kamera filmt. Gerade Cache orientiert sich stark am cinéma vérité und wirkt dadurch authentisch und glaubwürdig, und etwas, was gegen Ende des Filmes passiert, dadurch umso schockierender.

Etwas weniger schockierend, aber durchaus alltagstauglich, geht es in Ílker Çataks Das Lehrerzimmer (2023) zu. Der Film ist der deutsche Beitrag für die 2024 Academy Awards in der Kategorie bester internationaler Film. Muss wohl damit zu tun haben, dass er in der internationalen Kritik (als The Teachers' Lounge) sehr gut angekommen ist. Ich würde Euch diesen Film gern an's Herz legen, wenn Ihr selbst Lehrkraft seid. Vielleicht werdet Ihr die Szenen im Film wiedererkennen, oder sie werden bei Euch Kopfschütteln auslösen ob des dargestellten Schullebens - das leider recht realistisch ist (zum Beispiel der Glottisschlag bei "SchülerInnen" oder die panische Angst vor Rassismusvorwürfen). Das hier ist kein Fack ju Göhte.

Carla Novak ist frisch eingestellte Lehrkraft an einem Gymnasium, an dem eine Reihe von Taschendiebstählen für Unruhe sorgt. Auch sie wird bestohlen, allerdings hat Carla einen ziemlich eindeutigen Beweis, mit dem sie sich an die Schulleitung wendet und damit die gesamte Schulsituation zur Eskalation bringt, weil nicht unbedingt alle Mitglieder des Kollegiums so vorsichtig wie sie an die Sache herangehen. Schnell werden Anschuldigungen öffentlich, schnell wird Carla zwischen SchülerInnen- und Kollegiumsseite hin- und hergezerrt, bis sie fast alle gegen sich hat.

Was ich schön erfrischend fand, und auch ein Hauch von Haneke ist, dass der Täter bis zum Ende des Films nicht überführt wird. Irgendwann laufen die Credits (wenn auch nicht ganz so kühl wie in Hanekes Cache). Das ist eine wunderbare Entscheidung, weil sie uns klarmacht, dass es dem Film nicht darum geht, wer nun Geld aus einem Portemonnaie gestohlen haben mag - sondern darum, wie an der Schule von Erwachsenenseite und von den Jugendlichen mit der Situation umgegangen wird und was das mit dem Schulfrieden anstellt an einem Gymnasium, das sich mit einer Nulltoleranzpolitik rühmt.

Für mich persönlich war der Film wieder eine Erinnerung daran, warum ich nicht an ein Gymnasium möchte. Klar, Anfeindungen kann man an jeder Schulform finden. Es sind solche Kleinigkeiten - dass manche KollegInnen sich siezen und mit Titel anreden lassen und Sachen, die ich nicht in Worte fassen kann. Es wirkt alles etwas kälter (gestellter?) als an einer Gemeinschaftsschule, es wird noch mehr über- als miteinander geredet.

Natürlich weiß ich, dass es nicht an allen Gymnasien so ist. Es gibt andere. Ich muss sie nur erst noch kennenlernen.

Also: Ganz klarer Filmtipp, Das Lehrerzimmer von Ílker Çatak aus diesem Jahr.

Donnerstag, 2. November 2023

Tag 94 - Indiana Jones und der Fluch der CGI


Indiana Jones war für mich immer ein aufregendes Abenteuer, egal ob als Film oder in Folge als Videospiel (interessant, wie Tomb Raider dieses Konzept umgedreht hat, als Videospiel gestartet ist und nun auch als Filmreihe existiert, inklusive Geschlechtsumkehrung). Der B-Movie-Charakter, die Mischung aus Actionsequenzen und Rätseln, das Erforschen alter Ruinen und ein Hauch des Übernatürlichen. Kein Anspruch auf Realismus, sondern einfach einmal in ein Abenteuer fallen lassen. Nicht viel Nachdenken müssen, tolle Schauplätze erleben.

Nun habe ich vor Kurzem den fünften und letzten Teil der Reihe gesehen, Indiana Jones and the Dial of Destiny (2023). Nur leichte Spoiler hier für diejenigen, die ihn noch sehen wollen. Wenn ich es genau betrachte, ist der Film nicht schlecht. Er hat das, was die anderen Teile auch haben: Actionsequenzen (auch wenn ein Pferdegalopp durch U-Bahn-Tunnel meine suspension of disbelief arg strapaziert), mythologische Artefakte, trashige Dialoge, eine wilde weibliche Partnerin, ein größenwahnsinniger Antagonist (gespielt von Mads Mikkelsen, den ich seit Hannibal (2013-2015) für einen faszinierenden Schauspieler halte, grenzenlos verschwendet in Casino Royale (2006)), Wissenschaftler, aber natürlich spielt auch der Krieg wieder eine Rolle. Und auch einen positiv wahnsinnigen Wissenschaftler haben wir, herrlich nerdig gespielt von Toby Jones, der für solche Rollen prädestiniert ist.

Der Plot ist vollkommen absurd, aber das macht nichts. Altphilologen, -geschichtlern und Archäologen wird sich der Magen umdrehen, wenn sie sehen, was hier mit der Antikythera des Archimedes angestellt wird, aber gerade diese Albernheit macht den Spaß bei Indy aus. Also sollte es doch ein tolles Finale für eine wunderbar unterhaltende Reihe sein, oder?

Wären da nicht die Spezialeffekte. Ausgerechnet! Spielberg hat das damals alles per Hand gemacht, echte Requisiten, echte Stunts. Ein erschreckend hoher Anteil des neuen Films wurde per CGI gemacht - ich hätte nichts dagegen, wenn es mir nicht ständig in's Auge springen würde, dass es Spezialeffekte sind. Sie sind teilweise grottenschlecht choreographiert (Autofahrt), teilweise schlecht animiert (eine bestimmte Kriegsszene) und schlecht mit dem Sound abgestimmt. Harrison Ford wurde für den Prolog per Computer verjüngt, einigermaßen in Ordnung, aber die Stimme passt nicht, und sofort tritt der Effekt des uncanny valley auf. Er bewirkt, dass ich realisiere, dass das da auf dem Bildschirm nicht echt ist. Dass ich nur einen Film sehe. Immersionsfaktor null.

Und das ist so schade, denn eigentlich hat dieser Film Herz. Er hat ein tolles Ende, rundet die Reihe inhaltlich perfekt ab, Mads Mikkelsen ist ein charismatischer Gegner, und wenngleich es etwas zu lange dauert (der Film ist gefühlt eine Dreiviertelstunde zu lang), bis wir endlich zu den Abenteuer-Ausgrabungen kommen (davor eine Actionsequenz nach der anderen, mit oben erwähnter mittelmäßiger und stark schwankender Qualität), ist es für mich trotzdem ein schönes Erlebnis gewesen. 

Ich war nur echt baff, dass man in einer Zeit grandioser Spezialeffekte so einen Scheiß bauen kann.

Hat jemand von Euch ihn gesehen?

post scriptum: Welch' Gegensatz. Ich sehe mir gerade Alex Garlands Miniserie "Devs" (2020) an. Mal von seinem jüngsten Werk "Men" (2022) abgesehen, sind seine Science Fiction-Werke echte Kunstwerke. Viel Auge für's Detail. Brillante Spezialeffekte. Hochglanz, und alles wirkt echt. Garlands Werke bringen mich zum Nachdenken (er hat von Tarkovsky gelernt). Nichts mit uncanny valley - und dann frage ich mich, ob die Macher des fünften Indy-Filmes absichtlich schlechte CGI verbaut haben? In einem Versuch, dem B-Movie-Charme nachzueifern?

Wer weiß?

Montag, 7. August 2023

Tag 7 - Ansteckend


Das Bad muss dringend geputzt werden, und den Anfang hat heute die Badewanne gemacht. Da müssen dann auch leider mal scharfe Reinigungsmittel ran, denn wenn man medizinische Ölbader macht, dann bleibt ein Fettfilm auf der Wanne zurück, der ein toller Nährboden für alle möglichen Bakterien und Keime ist. Und weil ich zwar einen Spritzschutz habe, aber zwei Meter groß bin und den nicht in meinem abgeschrägten Badezimmer aufstellen und darin duschen kann, verteilt sich das Wasser überall. Schimmel, was auch immer, dieses Bad muss dekontaminiert werden. Wenn man am eigenen Körper die Konsequenzen erleben kann, dann wird es Zeit.

Wie passend, dass ich vor ein paar Tagen den Film Contagion (2011) gesehen habe. Ich mag die Filme des Regisseurs Steven Soderbergh, weil er immer ein visuelles Flair reinbringt, das mich anspricht. So auch bei diesem Film, der völlig unaufgeregt, sachlich und distanziert beschreibt, wie eine Pandemie beginnt und ihren Lauf nimmt. Ich kannte den Film vorher nicht, und es war ein extrem gruseliges Gefühl, zu sehen, wie da alles vorausgeahnt wurde, was nachher mit Covid-19 tatsächlich passiert ist. Wirklich alles! Die Forscher, die dämonisiert werden, die vermeintlichen Heilsbringer mit ihren Blogs, Sensationspresse, und die Krankheit beginnt auf einem Fischmarkt in China.

Deswegen mag ich hard science fiction - weil sie ernsthaft mit "Was wäre, wenn..."-Ideen umgeht, und auf diese Weise tatsächlich vorausschauend sein kann. Früher mag sie noch etwas fancy gewesen sein, wie zum Beispiel im thematisch ähnlichen Film The Andromeda Strain (1971), aber trotzdem liebe ich die Sachlichkeit solcher Filme.

So, morgen wird weiter geputzt.