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Freitag, 6. Februar 2026

Seelenstriptease: "Na, so schlimm sieht es nun wirklich nicht aus."

Ein Blick durch meine Linse

Donnerstag Abend, hinter mir an der Kasse bei Edeka sitzt eine Dame im Rollstuhl und fragt mich, ob ich ihre Waren auf das Band legen kann; sie hat seit 28 Jahren multiple Sklerose, und natürlich helfe ich ihr. Und so kommen wir in das Gespräch, was wir alles können - und was wir nicht können. Und dass viele Menschen einem das Ganze eben nicht ansehen können. 

Mittlerweile sieht man mir nicht mehr so viel an, dabei habe ich derzeit fünf Dauerdiagnosen, bei denen eine Besserung nicht abzusehen ist. Grund genug, einen neuen Versuch zu wagen und einen Änderungsantrag an das Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit in Neumünster zu schicken. Die Bearbeitungszeit wird mindestens sechs Monate dauern, teilt man mir im Schreiben in einem fröhlichen Ton mit, und es wird um Geduld gebeten. Ich habe kaum noch Geduld, sei es wegen des Jobcenters oder des pbOn oder wegen der immer mehr werdenden LehrerInnenstellen, die in Schleswig-Holstein zusammengestrichen werden.

Ob es wohl diesmal klappt? Ob man diesmal meinen Gesundheitszustand angemessen anerkennt? Ich habe mir etwas vorgenommen, bei dem viele von Euch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, aber ich bin es leid, zu hören zu bekommen, es sei gar nicht so leicht, sich in meine Lage zu versetzen. Hier also ist mein Anschreiben zum Änderungsantrag im vollen Wortlaut:

Bitte seid gewarnt: Dieser Text enthält sehr persönliche Details - nichts davon ist erfunden. Das ist das Leben, das ich seit einigen Jahren lebe. 

______________________

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit beantrage ich die Neufeststellung meines Grades der Behinderung (GdB) aufgrund mehrerer chronischer Erkrankungen (teilweise während der letzten zwei Jahre diagnostiziert) sowie deren dauerhafter und schwerwiegender Auswirkungen auf meine Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben.

Es handelt sich um eine Autismus-Spektrum-Störung (F84.5 G), eine schwere depressive Episode (F32.2 G), eine Panikstörung (F41.0 G) und eine Colitis ulcerosa (K51.9). Mein atopisches Ekzem (L20.9) lasse ich außen vor, da keine Unterlagen mehr vorliegen und nur selten noch Schübe auftreten.

Alltagsrelevante funktionelle Einschränkungen

Ich verlasse meine Wohnung nur noch stark eingeschränkt. In meiner Wohnung fühle ich mich sicher, da ich dort keinen sozialen Anforderungen, Missverständnissen oder Reizüberflutungen ausgesetzt bin. Außerhalb meiner Wohnung kommt es regelmäßig zu starker Anspannung, Überforderung und Rückzugsverhalten. Diese Einschränkungen bestehen dauerhaft und führen zu erheblicher sozialer Isolation.

Der Aufenthalt in vollen Geschäften, Einkaufszentren oder anderen öffentlichen Orten ist für mich kaum möglich. Die Vielzahl an Menschen, Geräuschen und visuellen Reizen führt zu massiver Überforderung und Angstreaktionen. Einkäufe kann ich nur unter erheblichem psychischem Stress erledigen, indem ich den Blick auf den Boden richte, notwendige Besorgungen hastig durchführe und den Ort schnellstmöglich wieder verlasse. Ein selbstständiges, gleichberechtigtes Teilnehmen am öffentlichen Leben ist mir dadurch nicht möglich. Kino- oder Freizeitbesuche außerhalb der Wohnung finden seit Jahren nicht mehr statt; ich nutze ausschließlich Streaming-Angebote zuhause, obwohl ich früher ein begeisterter Freizeitpark-Fan war.

Aufgrund meiner Colitis ulcerosa treten unvorhersehbare Koliken und zwingender Stuhldrang auf. Zusätzlich besteht bei mir eine ausgeprägte Hemmung, fremde oder öffentliche Toiletten zu benutzen, wodurch die Situation erheblich verschärft wird. Aus Angst vor Kontrollverlust vermeide ich längere Aufenthalte außerhalb meiner Wohnung. Wenn ich mich dennoch außer Haus begebe, verzichte ich häufig vollständig auf Essen und Trinken, um akute Toilettenbedarfe zu vermeiden. Diese Strategien führen regelmäßig zu körperlicher Schwäche bis hin zu Kreislaufproblemen und schränken meine Bewegungsfreiheit, Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe massiv ein.

Aus denselben Gründen meide ich Restaurantbesuche, Treffen mit Freunden sowie private Besuche weitgehend. Auch an Familienfeiern nehme ich nur noch im engsten Kreis teil, da größere Zusammenkünfte körperlich und psychisch nicht mehr bewältigbar sind.

Zusätzlich besteht bei mir eine Panikstörung, die dazu führt, dass ärztliche Behandlungen oft stark verzögert in Anspruch genommen werden (Zahn-OP, gebrochener Finger, Magen-Darm-Spiegelung). Arztbesuche sind ohne Beruhigungsmittel (Bromazepam) kaum möglich, was eine wesentliche Einschränkung meiner gesundheitlichen Selbstversorgung darstellt.

Im beruflichen Kontext führen meine autismusbedingte Ehrlichkeit und Direktheit regelmäßig zu Nachteilen bei Einstellungsverfahren. Trotz sehr guter fachlicher Qualifikation und positiver Arbeitszeugnisse werde ich häufig nachrangig berücksichtigt. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar und nachhaltig auf meine berufliche Teilhabe und die Sicherung meines Lebensunterhalts aus; trotz sehr guter Referenzen muss ich seit knapp einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die genannten Beeinträchtigungen bestehen dauerhaft, sind chronisch und betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Sie führen in ihrer Gesamtheit zu einer erheblichen Einschränkung meiner Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben. Entsprechende fachärztliche Stellungnahmen füge ich diesem Antrag bei.

Ich bitte daher um eine umfassende Neuprüfung und sachgerechte Bewertung meines Grades der Behinderung.



Mit freundlichen Grüßen

Dr Hilarius

_________________________ 

Samstag, 12. Juli 2025

Dr Hilarius unter Menschen

Damals mit der großen Buba

Und natürlich waren die Omas gegen rechts da. Toll!

Es ist nichts dazwischengekommen, und so bin ich heute im relativ normalen Outfit mit buntem Hemd und großer Regenbogenflagge zum CSD getingelt. Start diesmal nicht am Asmus-Bremer-Platz, sondern am Bahnhofsvorplatz. Der hat auch einen Namen, aber der fällt mir gerade nicht ein. 

Ursprünglich wollte ich die Flagge wieder am Besenstiel befestigen und dann als Fahne hochhalten - aber ich habe dank der Colitis noch nicht wieder die körperliche Kraft, so etwas eine längere Zeit zu tragen. Also habe ich die Flagge um meinen Gürtel gewunden, so dass jeder sehen konnte, wes Geistes Kind ich bin. 

Es war einiges los am Bahnhof, viele Menschen, und am Anfang der Parade trugen mehrere Menschen eine riesige Flagge vorweg. Ich bin direkt dahinter mitgegangen, falls mich heute in der Berichterstatung jemand entdecken will. Großartige Live-Musik hat den Marschrhythmus vorgegeben, und so sind wir dann für unsere Rechte Richtung Exerzierplatz gezogen, einmal drumrum und dann die Rathausstraße wieder runter. Ich habe gestaunt, wie viele Menschen dabei waren: Der Umzug hat gereicht, um den Exer einmal komplett zu umzingeln und noch mehr.

Erst als wir an der Holstenbrücke ankamen, merkte ich, dass mein Körper wieder Sperenzchen macht. Zwei Stunden Spaziergang sind momentan einfach noch zu lang, und deswegen habe ich mich dort ausgeklinkt - wohl wissend, dass ich schließlich auch noch den ganzen Heimweg nach Hassee zu Fuß würde bestreiten müssen, da keine Busse durchkamen.

Als ich hier ankam, war es wirklich kein schönes Gefühl mehr, aber dafür gibt es eine leichte Mahlzeit, das Klo und die richtigen Medikamente. Das war richtig toll heute, die Sonne kam eine lange Zeit heraus, dazu aber ein angenehm frischer Wind. Menschen, die aus ihren Wohnungen heraus gewunken haben, ein fünfjähriges Mädchen im Regenbogenkleid, das die Riesenflagge mit festgehalten hat, Gothics, Punks, Hundemasken, eine große Vielfalt, kein rechter Terror.

Und ich war seit Jahren mal wieder unter Menschen. Draußen unter vielen Menschen. Und ich hatte Spaß dabei. Das ist so ein tolles Gefühl, nachdem ich immer wieder Gründe gefunden hatte, nicht loszugehen, und mir der Antrieb fehlte. 

Zeit für eine Meditation, um das Ganze Revue passieren zu lassen. 

Freitag, 11. Juli 2025

Der Kieler CSD

Meine Kieler gay Hand

vorweg: Milchshake heute mit Mandelmilch, einem knappen Pfund TK-Erdbeeren, zwei Kugeln Vanilleeis und einer Prise Zimt-Zucker: Der Hammer, wenn es draußen heiß wird!

Lang lebe der Pride Month, und ich bin so froh, dass die Sichtbarkeit der LGBTQ-Community endlich erhöht wird und sich immer mehr Anhänger und Unterstützer finden, die selbst hreterosexuell sind. Ich bin so glücklich, dass endlich jemand zeigt, dass ich okay bin, und mir beisteht. Seit dem Studium habe ich das für Andere gemacht, als wissenschaftliche Hilfskraft, Fachschaftler, im StuPa und besonders in der Suchtprävention. Danke, dass es auch andersherum geht!

Ich bin im Studium sehr oft auf die Straße gegangen, zu diversen Anlässen. Meine größte Demo war die für den Erhalt der medizinischen Fakultät Lübeck - um die 13.000 StudientInnen waren da und waren laut. Und ich fand es toll, mich dafür einzusetzen, auch wenn ich selbst überhaupt kein Medizin studiere. Und so kommen eben auch morgen jene Menschen zur CSD-Parade, die selbst nicht Teil der LGBTQ sind. Danke an Euch!!!

Wenn nichts dazwischenkommt, werde ich morgen auch dort sein. Mal im ganz normalen Outfit, obwohl es endlich mal wieder ein Anlass wäre, als Gothic loszuziehen. Mal schauen, was der Wetterbericht sagt, und dann entscheide ich, ob ich mich pragmatisch kleide oder "stilvoll". Kommt Ihr auch? Ich gebe zu, mir ist ein bisschen mulmig bei dem Gedanken an die Rechten, die kommen könnten, um das Ganze zu stören. Aber zum einen ist die Polizei vor Ort, und zum anderen haben wir verloren, wenn wir uns von denen unterdrücken lassen und uns in unseren Zimmern verkriechen. 

Schaut Euch die heutige Jugend an: Sie ist viel aufgeschlossener für die sexuelle Vielfalt. Natürlich gibt es auch da noch Einiges zu tun, aber meine SchülerInnen können sich zum großen Teil eine Szene miit küssenden Jungs anschauen, ohne sich zu übergeben oder fiese Kommentare abzulassen. Das soll nicht heißen, dass die ältere Generation vollkommen rückwärtsgewandt ist, im Gegenteil: Es freut mich, Menschen wie die Omas gegen rechts zu sehen, besonders, wenn die Oma ihre Frau mitgebracht hat.

Kommt mit! Morgen um 12 Uhr geht es los, wenn ich mich recht entsinne, wieder am Asmus-Bremer-Platz. Lasst uns ihnen zeigen, dass wir da sind, und dass wir stolz sind, wir zu sein! 

Dienstag, 8. Juli 2025

Ich bekomme einen Luxuskörper


Heute war mein zweiter Infusionstermin. Da kommt schon jetzt so langsam etwas wie eine Routine rein - auf die Liege, es piekst für den Zugang, Tropf wird aufgedreht, ich kann entspannt daliegen dank Anxiolytikum, neunzig Minuten später ist alles durchgelaufen, mit Kochsalzlösung nachspülen - warum eigentlich?

"Wir wollen ja nichts vom Wirkstoff verschwenden, und da befinden sich noch Reste in den Schläuchen", erklärt mir die Arzthelferin. Ich komme in's Grübeln und frage sie aus reiner Neugier, wieviel so eine Infusion eigentlich kostet, dieser kleine Plastikbeutel mit der Antikörpersuppe. Bei der Antwort geht es mir durch Mark und Bein - eine einzige Infusion kostet zwischen ein- und dreitausend Euro! 

Natürlich fängt mein Gehirn dann sofort mit dem Rechnen an: In der richtigen Einstellung werde ich alle acht Wochen eine Infusion bekommen. Damit laufen im Jahr etwa 18.000 Euro in meinen Körper - jetzt weiß ich, wofür ich die Krankenkassenbeitrage gezahlt habe, und ich bin heilfroh über unser System der gesetzlichen Krankenversicherung. In den USA würde ich das nämlich selbst zu zahlen haben müssen - seit Obama und dem Medicaid-Programm zwar nicht mehr, aber derzeit kommt ein Trumpel und hat ein Gesetz erlassen, dass über vierzehn Millionen Amerikaner aus diesem Programm kickt, um mit dem freiwerdenden Geld Steuererlasse für die reichsten Bürger garantieren zu können.

Ich bin so froh, dass ich jetzt gerade nicht in den Vereinigten Staaten leben muss...

Mittwoch, 28. Mai 2025

Bürgergeld: Bewilligt!


Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich weiß, dass ich mit Bürokratie und Anträgen, Formularen und allem, was dazugehört, massiv überfordert bin. Nicht ganz ohne Grund ist mein Bürgergeldantrag letztes Jahr abgelehnt worden. Aber - the times are a'changin'.

Gestern öffne ich meinen Account auf der Seite vom Arbeitsamt und Jobcenter und sehe ein grünes Licht - Bescheid bewilligt - what??!! In der Tat, nachdem ich noch einige Dokumente nachgereicht habe, ist der Antrag relativ schnell bearbeitet und bewilligt worden. Jetzt warte ich auf Post mit den Einzelheiten, wie zum Beispiel der Höhe der Sozialhilfe. Zu den gut fünfhundert Euro Basissatz kommt ja zum Beispiel noch das Wohngeld hinzu, die Befreiung von der GEZ, und ich könnte sogar medizinische Zuschüsse beantragen, wenn ich auf bestimmte Nahrung angewiesen wäre. Vielleicht stellt sich sowas ja im Rahmen meiner gastroenterologischen Therapie heraus - die kann jetzt angeleiert werden.

Warum erst jetzt? Weil der Autist mit mehreren Sachen überfordert ist und unter Stress nur eines zur Zeit schafft. Zumindest dieser Autist. Ich brauchte die Sicherheit, dass für eine Weile monatlich etwas Geld eintrudelt, und dass ich krankenversichert bin. Jetzt können die Ärzte kommen, und ich muss nur noch die richtige Reihenfolge herausfinden. Ich habe mich zuerst für den Gastroenterologen entschieden, da es sich hierbei um eine langfristige Therapie mit regelmäßigen Infusionen handelt. Wenn das fertig etabliert ist, dann darf sich mein Zahnarzt die Geröllhaufen in meinem Mund anschauen, die einst mal meine Zähne waren. Zwei Stellen, eine mittlere und eine große, gibt es da zu bearbeiten, und ich habe Panik, aber ich habe auch einen Tranquilizer, und im Moment ist das eh' nicht dran.

Interessant, dass ich vor dem Gastroenterologen weniger Angst habe, das werde ich alles ohne Tablette machen. Da sollte ich eher ein Buch oder Rätselheft mitnehmen, denn die Infusionen dauern ziemlich lange und es kommt noch eine Überwachungsphase danach dazu, um sicherzugehen, dass mein Körper das alles verträgt.

Aber das kann jetzt losgehen, der erste Anruf ist getätigt, jetzt warte ich auf dem Rückruf für einen Termin für die Initialinfusion. Ich fühle mich gerade so unglaublich erleichtert! Das Bürgergeld - auch wenn es das irgendwann so nicht mehr geben soll - ist jetzt für ein Jahr bewilligt. Trotzdem wäre ich natürlich sehr glücklich über eine Arbeit, denn ich brauche das Sinnstiftende in meinem Leben.

Happy! Heute gehen die Tassen hoch!

Freitag, 23. Mai 2025

Stigmatisiert: Die Psychiater


Der Titel sagt es ja schon - nur hätte ich ihn besser als Frage formulieren sollen. Etwas in der Richtung "Warum werden Psychiater eigentlich so oft stigmatisiert?"

Warum spricht man nur hinter vorgehaltener Hand darüber, dass man zum Psychiater geht? Warum schaut man auf andere Menschen herab, die regelmäßig ihre Termine in der Psychiatrie wahrnehmen müssen? Warum geht so oft eine Gedankenkette an: "Psychiater = Seelenklempner =  mit dem Patienten stimmt etwas nicht = ich sollte mich lieber fernhalten"?

Ich denke mir das nicht aus - ich zitiere gern wieder eine Situation aus meiner allerersten Schule, ich bin noch Nulltsemester, stehe zusammen mit Kollegin A-Ha im riesigen Lehrerzimmer und sie stellt mir das Kollegium der Schule ein wenig vor. Total nett von A-Ha, dann fühle ich mich dort nicht ganz so fremd. Was mir damals noch gar nicht auffällt: Sie unterteilt in ihrer Beschreibung die KollegInnen in "Super nett, die helfen dir immer weiter, mit denen kannst du jederzeit sprechen" und in "Von denen solltest du besser die Finger lassen, großen Abstand halten, die sind nicht gut für dich, die haben selbst genug Probleme."

Ich habe das damals, vor dreizehn Jahren, tatsächlich nicht gemerkt und hatte auch keinen Sinn dafür, was für eine unmögliche und gemeine Art das ist, dem neuen Kollegen die Anderen vorzustellen. Dabei erwähnte A-Ha dann auch "Ah, da vorne, von der würde ich die Finger lassen. Die muss jeden Tag Antidepressiva nehmen, das ist eine ganz arme Person."

Rückblickend war das ein absolutes No-Go, aber es ist genau das, was passiert: Es ist kein Problem, zuzugeben, dass man Ibuprofen gegen seine Migräne nimmt, oder Clonidin als Blutdrucksenker oder Warfarin als Blutverdünner. Das ist eben so. Aber fragt Euch mal selbst: Wie viele Menschen haben Euch schon erzählt, dass sie ein Antidepresssivum (AD) nehmen, jeden Tag, Woche, Monat, vielleicht seit Jahren, vielleicht für immer? Man wird da gleich in eine Ecke geschoben.

Ein einziger Mensch in meinen einundvierzig Jahren hat mir offen von seiner AD-Verschreibung erzählt. Ich fand das sehr spannend, und als er gemerkt hat, dass ich ihn deswegen nicht verurteile, hat er mitr alles über die Sonnen- und Schattenseiten berichtet, und am Ende meinte ich zu ihm, dass es total super ist, dass es ADs gibt, die einem manchmal wirklich den Tag retten können. T, so hieß das Medikament abgekürzt, das er bekommen hat, und es hat aus ihm einen anderen Menschen gemacht. T, so heißt auch das AD, das ich jeden Morgen nehme.

Und ich habe kein Problem damit, über das Kortison gegen die colitis ulcerosa zu sprechen, oder das Metamizol gegen die Kolikschmerzen - aber über das AD rede ich eher selten, und über das Beruhigungsmittel noch seltener, denn sobald es an den Kopf geht, an Probleme mit dem Gehirn, scheinen viele Menschen misstrauisch zu werden und lieber vier Schritte rückwärts auf Abstand zu gehen, so wie A-Ha damals.

Das ist einfach nur shayze.

Vor ein paar Tagen hatte ich wieder meinen regulären Termin bei'm Psychiater. hingegangen bin ich ein wenig gekrümmt, ein wenig lustlos - nach Hause gefahren bin ich aufrecht, mit einem Lächeln und dem Gefühl, dass es alles zwar nicht "un-schlimm" ist mit Colitis und Reflux und Neurodermitis und Autismus, aber dass man sich alles zurechtdrehen kann, dass man damit besser umgehen kann.

Ich bin so stolz auf meinen Psychiater, und auch die Menschen im Wartezimmer haben mehrfach erwähnt, wie toll sie ihn finden. Ja, man muss Zeit mitbringen, manchmal viel Zeit, aber was er dann bewirken kann, ist einfach toll. Und dabei geht es mir nicht in erster Linie darüm, dass ich am Ende ein neues Rezept für meine Medikamente bekomme - es geht darum, dass mir im Büro jemand gegenübersitzt, der mich ernst nimmt und Interesse an meiner Situation zeigt. Kein "Migräne? Ja, ich habe manchmal auch schlimme Kopfschmerzen" oder ähnlicher Schwachfug.

Warum habe ich das Gefühl, ich müsste Angst haben und aufpassen, wenn ich über meinen Psychiater rede? Er kann so viel Positives bewirken und wird trotzdem so stigmatisiert? Whatever, wer meint, auf ihn oder mich herabschauen zu müssen, dem wünsche ich, dass er oder sie nicht selbst in die Position kommt, dass herabgeschaut wird.

post scriptum: Eine Weichflasche mit Flüssigwaschmittel geht in der vollen Einkaufstüte auf. Willkommen im Wochenende, hier brauche ich was, um den Blutdruck runterzufahren...

Donnerstag, 15. Mai 2025

Papierflut fast überstanden


Ich finde, der anstrengendste Part bei einem Bürgergeldantrag ist nicht der Antrag an sich, sondern alle Nachweise ranzuschaffen. Ende April habe ich den Antrag eingereicht, und für gewöhnlich bekommt man innerhalb von ein paar Tagen bereits Rückmeldung, was noch fehlt oder wo noch Fehler oder Uneindeutigkeiten bestehen.

Damit hatte ich auch diesmal wieder zu kämpfen. Nachdem ich mir im April die Mühe gemacht habe, sämtliche Kontoauszüge der vergangenen drei Monate einzuscannen, bekomme ich nun eine Aufforderung, noch einmal den gesamten Auszug für April nachzureichen. Vielleicht war da ein Buchstabe versteckt. Bei Vonovia einer Mietbescheinigung hinterherzutelefonieren, das braucht eine Engelsgeduld - und eine Freisprechmöglichkeit, damit man während der endlosen Warteschleife ein bisschen nebenbei zocken kann. Dann wären da noch die letzten beiden Gehaltsnachweise - wo habe ich die bloß? Es ist immer so, wenn es mit einer Stelle zu Ende geht, kann ich nicht mehr die Motivation aufbringen, meine Unterlagen sauber zu führen. Muss ich dort wohl auch anrufen?

Aber vorher sehe ich noch einen Stapel Briefe, uind darin finden sich tatsächlich die beiden Nachweise. Jetzt muss ich noch eine Erklärung zur Warmwassererzeugung abgeben, und dann kann alles wieder eingereicht werden. Digital über einen QR-Code oder per Post. Persönlich vorbeibringen ist nicht mehr, das war letztesmal noch da. Naja, wozu gibt es Einwurfeinschreiben? Rückschein wird ein bisschen schwer, wenn man an ein Postfach adressiert hat, auch das hat sich geändert, neben der Zuständigkeit "meines" Jobcenters.

Ich freue mich jetzt jedenfalls erst einmal, dass die Papierflut fast überstanden ist. Mal schauen, ob mein Antrag wieder abgelehnt wird - diesmal habe ich extra darauf geachtet, keine Geldeingänge mehr zu verbuchen.

Und vielleicht findet sich ja irgendwo in den kommenden Wochen eine Vertretung für das nächste Schuljahr an...

Mittwoch, 30. April 2025

Arbeitslosigkeit (wieder) erlernen


Es dauert bei mir immer recht lange, bis mein Kopf realisiert hat, dass ich arbeitslos bin. Dass ohne Arbeit die Tage plötzlich doppelt so viele Stunden haben. Jetzt ist erstmal alles an Bürokratie bearbeitet und ich warte auf "Wir benötigen von Ihnen noch..."-Post vom Jobcenter, damit mein Antrag auf das Bürgergeld - dass es ja bald so nicht mehr geben soll - abgeschlossen werden kann.

Erst in dieser Woche ist mir das mit der Arbeitslosigkeit richtig bewusst geworden, als ich meinen Schulschlüssel abgegeben habe. Das ging dann gleich erstmal in einen depressiven Schub, gefolgt von dem Gefühl, bei dem Antrag wieder alles falsch zu machen und dass es in der Wohnung absolut unmöglich aussieht.

Und hier beginnt das Neu-Erlernen: Kleine Schritte gehen, einen nach dem Anderen. Und unbedingt auf irgendeine Art beschäftigt bleiben, damit die Zeit umgeht. Neues Videospiel, Serie, Buch. Wie passend, dass ich da noch einen Buchtipp von meinem Psychiater auf dem Tisch habe - ist ein ordentlicher Brocken, das könnte ablenken.

Und ich sollte auch nicht so sehr versumpfen, dass ich den Stellenmarkt aus dem Blick verliere. Es geht ja recht schnell, in drei Minuten habe ich alle für mich in Frage kommenden Plan- und Vertretungsstellen gesichtet. 

Ach, und dann vielleicht noch etwas zu Essen für den freien Tag besorgen - das vergesse ich ziemlich gern...

post scriptum: Das Nervgste sind die Kontoauszüge der letzten drei Monate, die man  einreichen muss. Wenn man so umständlich ist wie ich, dann hat man sie nur in Papierform (ich mache kein Online-Banking) und muss dann eben 81 Seiten Auszüge einscannen. Aber die entstehende PDF-Datei darf maximal neun Megabyte groß sein. Da bleibt einem schon mal fast das Herz stehen, wenn man fast eine Stunde lang Sachen möglicherweise umsonst gescannt hat... zum Glück kann man bei Adobe PDFs online komprimieren, das war super.

Montag, 7. April 2025

I feel me to puke


Ja, ich hatte ewig keine dieser denglischen Verballhornungen mehr. Jetzt wird es aber Zeit, denn ich fühle mich zum Kotzen. Gar nicht mehr wegen der Arbeitslosigkeit, aber da war ein wenig Beruhigungsmittel nötig.

Nein, ich muss wieder alle zwanzig bis dreißig Minuten zur Toilette. Fünfzehn bis zwanzigmal am Tag; das ist genau wie vor der Therapie. Es fühlt sich an, als hätte ich nicht mit der Kortisondosis runtergehen sollen, aber ich kann sie ja schlecht eigenständig wieder erhöhen, dazu sind Kortikoide zu stark in Wirkungen und Nebenwirkungen. Also ist ein Besuch bei'm Arzt dringend fällig - wenn ich mal wieder länger als eine halbe Stunde die Wohnung verlassen kann, ohne zu... naja. Könnt Ihr Euch ja denken.

Dass ich nie wieder gesund werden werde, das ist mir ja klar - aber ich hätte gern eine längere Remissionsphase, endlich einmal durchatmen, endlich keine Schmerzmittel mehr flaschenweise trinken, endich nicht mehr regelmäßig in der Schule anrufen und mich krank melden - wobei sich Letzteres ja eh' bald erledigt hat.

Stichwort Abschied: Ich sollte das Wochenende nutzen, um ein paar kleine Abschiedsbriefe zu schreiben, denn einige KollegInnen haben sie sich echt verdient durch ihre tolle Unterstützung. Die Arbeit an der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule war anstrengend, aber horizonterweiternd und einfach total schön. Jetzt heißt es aber wieder "Ihre Bewerbungsmappe ist fehlerfrei" - so oft mittlerweile gemacht, das geht mit links. Anfangs waren immer irgendwelche Buchstaben oder Zahlen vertauscht, oder hier fehlte ein Punkt und dort ein Formular.

nach dem Wochenende

Ich fühle mich noch mehr zum Kotzen. Noch zwei Tage krank gemeldet, morgen zum Arzt, heute neue Medizin geholt. Ein bisschen deprimierend, wenn man nur noch eine Woche an der Schule hat und davon zweieinhalb Tage wegfallen - der halbe Tag, da geht es um eine Freistellung für einen Termin bei'm Psychiater, die sind sauschwer zu bekommen...

Und wenn man sich dann noch ein bisschen weiter runterziehen will, dann schaut man Serien. Momentan trendet gerade eine britische Miniserie auf Netflix, mit absolut hervorragenden Rezensionen. Vier Episoden je eine Stunde, Adolescence, über einen dreizehnjährigen Jungen, der möglicherweise eine Tat begangen hat, die seine Familie komplett zerreißt. 

Absolut realistisch, leider, und aktuell - Incel-Thematik, Pubertät, Mobbing, Männer- und Frauenrollen. Brillant gespielt bis in die kleinste Rolle mit einzelnen Szenen, die mir das Herz zerrissen haben. Gehört für mich in die Kategorie "Ich bin sehr froh, dass ich sie gesehen habe - aber einmal reicht." Ganz große Empfehlung, aber danach sollte etwas Positives für die Seele folgen. 

Das kann schon ein Heizkissen in einer verkühlten Wohnung sein.

Freitag, 14. März 2025

Ostufer


So, die erste Schulwoche nach der Krankschreibung ist um. Das Prednisolon tut seinen Dienst, mit ein paar Aussetzern zwischendurch geht es mir doch deutlich besser, so gut, dass ich mich heute an's Schreiben mache. 

Vor etwa zwanzig Jahren hat die Tante mir einen Tipp gegeben: "Wenn Du mit der U-Bahn und S-Bahn fährst, nimm' Dir mal eine halbe Stunde und steig' in Neukölln aus. Geh' die Karl-Marx-Straße rauf und runter, da kannst Du mal eine Brise echtes Leben erleben."

Neukölln ist für Berlin in etwa das, was Gaarden für Kiel ist. Ein Stadtteil, in dem viele sozial abgehängte Menschen leben, viele mit Migrationshintergrund und seit Merkel auch sehr viele Flüchtlinge. Das betrifft in Kiel aber nicht nur Gaarden, sondern auch Ellerbek und Wellingdorf. Es ist doch ein deutlicher Unterschied zwischen dem "Sozialniveau" des Ost- und Westufers. Am Westufer wird Kiel zur Studentenstadt (ja, auch an der Fachhochschule am Ostufer), da gibt es gehobene Stadtteile wie den Blücherplatz, das habe ich zehn Jahre lang erlebt.

Jetzt arbeite ich an einer Perspektivschule mit dem Schulsozialindex 9 (whatever). Ich gehe quasi die Karl-Marx-Straße in Berlin entlang. Ich erlebe eine andere Seite unserer Gesellschaft und ich finde es toll, denn es fühlt sich an, als könnte ich da etwas bewirken. Es tut so gut, wieder in der Schule zu sein! Und zu helfen. Das ist Pädagogik pur, könnte man sagen. Es schlaucht, und es macht glücklich. Es ist nicht jeder Lehrkraft Traum, aber die Nordseeschule in St.Peter-Ording hat mir gezeigt, dass das was für mich ist.

Ich frage mich, ob die sozialen Unterschiede zwischen dem Kieler West- und Ostufer irgendwann aufgehoben werden können, und sei es nur teilweise. Oder ob die Kluft, im Gegenteil, sich weiter vertiefen wird.

Samstag, 16. November 2024

Durch - und verlängert!


Eine weitere Woche, an deren Ende ich auch am Ende bin. Ich könnte auf die Entzündungen im Mund- und Rachenraum verzichten, meine Zunge kribbelt und schmerzt, wenn ich Nahrung mit festerer Textur zu mir nehme, ich kann die Aromen nicht mehr normal schmecken, und das Warten auf die Remissionsphase nervt. Dazu kommen dann spontan zwischendurch irgendwelche Gelenkentzündungen, die schnell kommen und relativ schnell gehen können, aber doch dafür sorgen können, dass ich ein paar Stunden nicht laufen kann. Alles interessantes Neuland für mich, aber nun ist mal gut.

Dazu kommt der herausfordernde Job in der Schule - ich gehe in die Klasse, ein Drittel der Kiddies fehlt, jemand kommt angelaufen und sagt mir "Klaus ist abgehauen", und ich muss erstmal realisieren, warum überhaupt so wenige da sind; dazu kommt von links "Bekommen wir unsere Arbeit zurück?" und von rechts "Sollen die Klassenleiter losgehen, um Klaus zu holen?" und von vorne links "Ich habe Bauchschmerzen, darf ich nach Hause gehen?" und von vorne rechts "Haben sie ihre Haare jetzt rot gefärbt?" - alles gleichzeitig. Ernsthaft - ist so passiert. Der Autist (ich) steuert in einem Mordstempo auf den Meltdown zu, und dann kommt zum Glück meine Zweitsteckung und wir versuchen, das Chaos zu zweit in den Griff zu bekommen.

Solche Situationen sind an Perspektivschulen nicht selten, und es erfordert einem viel Kraft ab, ruhig zu bleiben und alles zu regeln. Ich sehe das im Unterricht anderer KollegInnen, die schon länger hier arbeiten, und beneide sie unglaublich - und versuche mir aus ihrem Unterrichtsverhalten Tipps für mich herauszuholen.

Denn so chaotisch und auslaugend das klingen mag - und auch definitiv ist, zumindest für mich - so sehr ist das genau die Arbeit, die ich leisten möchte. Ich möchte diese Kinder und Jugendlichen unterstützen, die oftmals keine Kindheit und Jugend genießen konnten, weil sie zum Beispiel auf der Flucht waren. Aus ihren Häusern gebombt in einem Alter, in dem sie das alles noch gar nicht verstehen konnten. Denen zuhause die Bezugspersonen fehlen, zum Beispiel weil auf der Flucht umgekommen oder in der Heimat verblieben, hoffend auf bessere Zeiten. Der übrige Elternteil - möglicherweise überfordert mit den vielen Kindern, das sind zerrüttete Verhältnisse, die ich mir nichtmal ansatzweise vorstellen kann. Deswegen verurteile ich nie diese Kiddies, wenn sie mal wieder Mist gebaut haben. Ich versuche ihnen so viel Mitgefühl und liebende Güte (Buddhismus) zukommen zu lassen, wie ich kann. Dabei ist mir manchmal der Autismus im Weg, und ich bin so sehr auf die Unterstützung der KollegInnen angewiesen...

...aber es funktioniert so langsam! Der Job belastet mich nicht nur, er ist in den meditativen Nachgängen so ungemein bereichernd, erweitert meinen Horizont für das, was andere Menschen auf dieser Welt durchmachen. Ich möchte unbedingt weiterarbeiten, auch wenn ich aufgrund meiner Fächerkombination möglicherweise nie eine Planstelle an dieser Schule bekommen werde.

Und immerhin in dieser Hinsicht sieht es positiv aus: Mein Verlängerungsvertrag ist angekommen und jetzt unterschrieben! Ich kann in vollem Umfang bis Ende des Halbjahres weiterarbeiten. Was dann kommt, sehen wir dann. 

Jetzt ist endlich eine Blockade im Gehirn gelöst und ich kann mich auf die Suche nach einer gastroenterologischen Diagnose machen. Montag geht es los.

Daumen drücken!

post scriptum: Und Euch wünsche ich wie immer, dass Ihr Eure Arbeit ebenso bereichernd erleben könnt wie ich, und dass Ihr sie durchhaltet. Dass Ihr an diesem Wochenende etwas Energie tanken könnt. Ich denke, ich werde heute mal wieder eine "Tonglen"-Meditation praktizieren, Euren Stress in mich aufnehmen und etwas Entspannung "ausatmen" - Ihr wisst ja vielleicht aus dem damaligen Blogeintrag, wie das gemeint ist.

Dienstag, 5. November 2024

Das Ende einer Wahl


Ich kann es einfach nicht verstehen. Heute endet die Wahl zum Präsidenten der USA - und die Umfragen sind extrem nah beieinander, und das erschreckt mich angesichts der Wahl zwischen der ersten Frau für das Amt, die anpacken möchte, und einem Soziopathen, der Nazirhetorik verwendet und das Land gegen alles abriegeln will. Dass seine "Reden" oftmals zusammenhanglos sind, scheint niemanden im Publikum zu stören - Hauptsache, er ist rechts genug.

Ich frage mich, ob solche Zustände auch bei uns in Deutschland möglich wären, und natürlich sind sie das. Man muss nur schauen, wie sehr die extrem rechten und linken Parteien an Stimmen gewonnen haben, und wenn man dann sieht, dass es gemeinsame Schnittmengen zwischen der AfD und dem BSW gibt, bekomme ich einen Bammel vor unserer nächsten Wahl im nächsten Jahr.

Jetzt hoffe ich erstmal nicht nur, dass Kamala Harris die erste Asian-American Präsidentin der USA wird. Ich hoffe, dass die Wahl ohne Unruhen, Proteste und Gewalt ausgeht. Trump hat die Samen dafür früh gesät, indem er immer wieder behauptet hat, dass die Wahl nur dann fair ist, wenn er gewinnt. Ansonsten ist es Wahlbetrug, und es könnte zu einem Protest wie dem Kapitolsturm kommen. Hoffen wir einfach mal, dass niemand stirbt. 

Ein Präsident Trump würde ein globales Desaster bedeuten...

Freitag, 25. Oktober 2024

Widerspruch - mal wieder


Ich habe nicht viel Glück mit behördlichen Angelegenheiten. Mein Antrag auf Schwerbehinderung war abgelehnt worden, ebenso der Widerspruch mit zwei psychiatrischen Gutachten - und nun ist auch mein Bürgergeldantrag abgelehnt worden, denn es bestünde für mich kein Bedarf. Der Grund: Meine Eltern haben mir im August ein Darlehen gegeben, damit ich die Miete, Stadtwerke etc. bezahlen kann. 

Das Jobcenter hat das als reguläres Einkommen gewertet und abgelehnt. Ich hätte wohl erst dann Anspruch, wenn sich die Mahnungen zuhause stapeln, und wenn ich mir nicht mal mehr Suppengemüse leisten kann.

Und wie nervig: Das bedeutet, dass ich im August nicht krankenversichert war; ganz toll mit den vielen Besuchen bei'm Augenarzt und den Medikamenten. Also muss ich auch hier mal wieder Widerspruch einlegen, das kann ich gerade wunderbar gebrauchen - ein weiterer Kontakt mit dem Bürokratiergehege. Mal schauen, wie lange es diesmal dauert, bis ich eine Antwort bekomme...

Freitag, 19. Juli 2024

Im Jobcenter (Saure Pommes)


Heute war es dann also so weit, der Antrag auf das Bürgergeld, und angesichts der derzeitigen Berichterstattung habe ich mich fast wie ein Verbrecher gefühlt (es geht ja momentan um Verschärfungen und neue Sanktionen für Bürgergeldempfänger, die keine Jobs antreten). Der Wecker klingelt früh, und diesmal nicht unter Wasser.

Die Sachen stehen bereit, aber ich denke mir, ich rufe sicherheitshalber vorher einmal kurz dort an, nicht, dass ich gleich vor verschlossenen Türen stehe. War eine gute Idee: Am Telefon erfahre ich, dass seit Corona keine Termine mehr vergeben werden, um gemeinsam den Bürgergeldantrag zu erarbeiten. Der Gang wäre komplett umsonst gewesen. 

Immerhin haben wir am Telefon sichergestellt, dass mein Arbeitsamt-Konto voll funktionsfähig ist, damit kann ich über jobcenter.digital den Antrag online stellen. Außerdem wird die Antragstellung bereits am Telefon aufgenommen, jetzt muss ich mich nur noch durchklicken, und wenn zwischendurch Fragen aufkommen zu Punkt Drei oder Fünf Punkt Vier, dann kann ich einfach wieder anrufen und nachfragen.

Das macht mir Mut, denn der Antrag auf das ALG war online echt einfach - und wie sich herausstellt, ist es auch der Antrag auf das Bürgergeld. Ich bin leider erst zur Hälfte durch, denn ich musste dreiundvierzig Seiten Kontoauszüge einscannen, alle Arbeitsverträge der letzten fünf Jahre, Mietvertrag, Nebenkostenabrechnungen - und die nächsten vier Punkte kommen erst noch. Ist also tatsächlich so: Das Nervigste am Antrag sind die vielen Belege, die eingereicht werden müssen. Zum Glück habe ich noch saure Pommes da, die ein Lächeln auf das Gesicht zaubern können.

Der Rest muss jetzt allerdings noch bis Sonntagabend warten, weil auf den Internetseiten bis dahin Wartungsarbeiten stattfinden. Aber der Anfang ist geschafft, und ich musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, sondern konnte in der Wohnung backen.

Darauf ein Stück eisgekühlte Wassermelone!

Samstag, 13. Juli 2024

Frischerabatt

Das Blickfeld erweitern...

vorweg: Der letzte Beitrag über die Unart des Ministeriums, Lehrkräfte wieder nur ab dem ersten Schultag einzustellen, hat doppelt so viele Klicks bekommen wie üblich. Scheint ein echtes Aufregerthema zu sein, und ich habe dazu auch noch einen weiteren Beitrag in Arbeit, mit einer Nachricht aus dem Ministerium mit dem Tenor "Es tut mir sehr leid, aber es ist eben so." - kommt noch.

Es geht um... Empathie? Darum, an Andere zu denken? Nicht nur bei sich selbst zu sein? Globales Bewusstsein? Schauen wir mal; es beginnt jedenfalls wieder ganz alltäglich.

Heute soll es Pizza geben, also brauche ich wieder etwas mageres Hackfleisch. Der Blick bei Rewe in die Kühltheke zeigt mir ein paar abgepackte Portionen mit einem großen Aufkleber Frischerabatt - 30% günstiger wegen MHD. Kennen wir - Sachen werden günstiger rausgehauen, weil sie sonst schlecht würden, und gerade bei Frischwaren wie Hackfleisch ist das wichtig - das muss heute verarbeitet werden.

Wenn ich zwischen den Päckchen solche Aufkleber finde, greife ich immer direkt danach, cool, ein Drittel günstiger, das ist doch klasse. Es ist mit ein bisschen Aufwand verbunden: Ich gehe mittlerweile - wenn verfügbar - nur noch an die SB-Kassen (meine anfängliche Unsicherheit - manifestiert in den Schnellkasse-Geschichten - ist mittlerweile komplett verflogen), da kann ich in meinem eigenen Tempo scannen und einpacken und fühle mich nicht durch andere Menschen gestresst.

Es ist gar nicht so einfach, dort diesen Rabatt zu bekommen - man muss den neu aufgeklebten Barcode verwenden, dabei gleichzeitig alle anderen normalen Barcodes auf der Verpackung abdecken, sonst wird der normale Preis berechnet. Das ist manchmal gar nicht so einfach, und so scanne ich mit beiden Händen ganz vorsichtig den Aufkleber. Angezeigt wird mir auf der Kasse der normale Preis - what the? Erst auf dem ausgedruckten Bon am Ende wird mir angezeigt, dass die dreißig Prozent tatsächlich abgezogen wurden.

Auf dem Heimweg komme ich in's Nachdenken. Freue ich mich eigentlich nur über das Schnäppchen? Oder warum greife ich immer zu den MHD-Produkten, wenn verfügbar? Und dann wird mir bewusst, was eigentlich passieren würde, wenn weder ich noch jemand Anderes das Hackfleisch kauft - es wird weggeworfen. Das ruft mir wieder in's Bewusstsein, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, in der wir es uns leisten können, Essen wegzuwerfen, manchmal mit einer erstaunlichen nonchalance.

Vor ein paar Tagen habe ich den Film Captain Phillips gesehen. Tom Hanks spielt in dem biopic den (realen) Kapitän, dessen Schiff 2009 von somalischen Piraten entführt wurde. Der Film beginnt mit Darstellungen der Somalis, die unterhalb der Armutsgrenze leben, abgemagert, mit zerschlissener Kleidung, die sich darum reißen, für den Unterhalt ihrer Familie ein Verbrechen zu begehen, im Namen von Clanchefs. 

Grausige Realität. Und wir werfen Hackfleisch weg.

post scriptum: "Captain Phillips" ist (noch) auf Netflix verfügbar, sehr spannend.

Montag, 8. Juli 2024

Die gute alte Aufregung


Morgen geht es zum Auswahlgespräch, und da ist sie wieder - die gute alte Aufregung am Abend davor. Die ganzen Unsicherheiten schwirren wieder durch den Kopf, ist das eine authentische Situation, was soll ich anziehen, welche Leute werden da sitzen, wird das ein richtiges Gespräch... all' das weiß ich nicht, und das sorgt für Unruhe (und zum Glück gibt es Mittel für genau diese Situation).

Ein paar Faktoren, die mir Mut machen: Die Stelle ist auf gut vier Monate befristet, es scheint sich um eine "ernsthafte" Suche nach einer Vertretung zu handeln, auch die Kommunikation mit der Schulleitung klang so. Auch könnte ich mir vorstellen, dass es weniger MitbewerberInnen gibt, weil es eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe ist; ich habe den Eindruck, dass Gymnasien für viele junge Lehrkräfte als Prestigeobjekt gelten. "Einfacheres Unterrichten", das haben mir auch schon mehrere KollegInnen gesagt. Kommt eben darauf an, was man sucht: Letzter Faktor - die Schule ist Perspektivschule, Arbeit im Brennpunkt, genau das, was ich suche, und diesen Einsatz kann ich hoffentlich im Auswahlgespräch gut rüberbringen.

Ich hoffe, dass es diesmal klappt. Ich halte Euch auf dem Laufenden!

post scriptum: Liebe Eltern, ich melde mich, sobald es Neuigkeiten gibt.

Dienstag, 25. Juni 2024

Mit dem Ziel der Vergleichbarkeit?!


Dieses Lied ist schon oft gesungen worden. Weil es mich aber wieder ein paar Tage gedanklich blockiert hat, schreibe ich jetzt darüber, um mit der Sache abzuschließen.

Es geht um das Auswahlgespräch vor knapp einer Woche. Mir ist bewusst (aber immer erst hinterher), dass es eines von der Sorte war, wo die Schule schon jemanden für den Vertretungsbedarf hat, aber trotzdem pro forma die Auswahlgespräche durchführen muss. Ich kenne das, weil ich oft genug in der anderen Rolle war - man wollte mich behalten, und Schulen finden dann Wege, mögliche Kandidaten abzuwimmeln. 

Was mich aber gestört hat, war die Form des Gesprächs, und ein Satz, der immer wieder gefallen ist.

"Sie haben jetzt dreißig Minuten, sich zu diesen sechs Fragen zu äußern. Das machen wir mit allen Bewerbern so, für die bessere Vergleichbarkeit."

"Darf ich auch etwas sagen, was nichts mit den Fragen zu tun hat?" - "Nein, beziehen sie sich bitte nur auf die Fragen, für die Vergleichbarkeit."

"Wir [die Auswahlrunde aus Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragter und Schulleitung] sagen in diesem Gespräch gar nichts. So können wir die Kandidaten besser vergleichen."

In der Theorie klingt es gut, dass jeder, der sich bewirbt, den gleichen Fragenkatalog abarbeiten soll. Wenn ich aber weiß - oder besser gesagt wüsste - dass ein Bewerber Autist ist, dann muss ich die Gesprächsform etwas anpassen, zwecks Chancengleichheit. Es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Vergleichbarkeit und Chancengleichheit. Ein Autist kann große Probleme haben mit Fragen wie "Wie würden sie in Latein den Übergang von der Spracherwerbsphase in die Lektürephase Schüler ansprechend gestalten?"

Das kann ich nicht beantworten. Dazu muss ich wissen, wer meine SchülerInnen sind, wie sie aussehen, was sie für Interessen haben. Mein Theory of Mind-Defizit sorgt dafür, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Wenn dann fünf von sechs Fragen so gestellt sind, hat der Autist keine Chance.

Das ist wie in der Geschichte Das Springseil. Die Geschichte ist vollkommen absurd, ganz klar - aber leider authentisch. In der Story soll eine Sportklasse eine Springseilprüfung ablegen, und für die Vergleichbarkeit bekommt jeder die gleiche Aufgabe und das gleiche Springseil. Blöd nur, dass eine Schülerin nur einen Arm hat und die geforderten Aufgaben nicht erfüllen kann.

Noch einmal: Gute Vergleichbarkeit und Chancengleichheit sind zwei verschiedene Dinge. Ich wünschte, mehr Schulen würden sich die Mühe machen, das umzusetzen.

post scriptum: Lily, ich antworte Dir! Brauchte nur etwas Zeit wegen der Blockade.

Donnerstag, 28. September 2023

Tag 59 - Fett, aber bauchfrei


Der Titel hat mal wieder über drei Ecken mit dem Inhalt des Beitrags zu tun. Er war ein Gedanke, den ich heute im Bus hatte, auf dem Heimweg vom Hauptbahnhof nach Hause, in aller Eile, um in der Frist zu bleiben. Warum ich den Gedanken hatte, kann man sich vielleicht denken, und manchmal fehlt mir das Taktgefühl, solche Gedanken für mich zu behalten (heute nicht). Mit dem Taktgefühl habe ich es nicht so. Haben Autisten generell nicht so, schaut Euch einfach an, was Elon Musk so hier und da raushaut.

Ich hätte an das Landesamt für soziale Dienste als Widerspruchsbegründung wahrscheinlich so etwas geschrieben:

"Das stand doch alles schon in dem ärztlichen Befundbericht, wie oft und genau wollen sie es denn noch formuliert haben, wie behindert ich bin? Sie wissen, welche Probleme ich momentan mit der Alltagsbewältigung habe, und wenn sie es nicht wissen, zum Beispiel, weil sie den ärztlichen Befundbericht bei'm Erstantrag gar nicht gelesen haben, dann wissen Sie aber, dass mein Psychiater Ihnen jederzeit für Nachfragen zur Verfügung steht, also machen sie das gefälligst!"

Das Tolle: Genau das hat mein Arzt geschrieben. Er hat es nur noch einmal neu formuliert, mit zwei, drei Sätzen mehr, und vor allem: Mit Taktgefühl. Und schließt mit

"Sollten noch fortgesetzt nähere Rückfragen (...) bestehen, stehe ich Ihnen auch weiter gern zur Verfügung."

Das Kursive fand ich grandios. Ich finde es immer faszinierend, wie andere Menschen dieses Feingefühl hinbekommen und trotzdem sagen, dass der Andere quasi ein Vollidiot ist. Dieses Schreiben ist nett und höflich und sachlich formuliert, und direkt per Fax dem Amt zugegangen. Ich vertraue Behörden aber nicht mehr und bin deswegen von NMS nach KI gesprinted, hatte mein Anschreiben und den vorbereiteten Briefumschlag schon in der Tasche, im überfüllten Zug dann eingetütet. Zum Glück musste in Neumünster eine unter Einfluss stehende Frau aus dem Zug befördert werden, das hat dafür gesorgt, dass der Zug einen Moment warten musste, und so bin ich vom Bus in den Zug in den Bus gerannt, um das Einschreiben fristgerecht loszuwerden. Und im Zug habe ich ein Puschel gesehen! Aber der Zug war voll und ich war in Hektik, weil das heute alles auf Kante genäht war - Gespräch wäre Overload gewesen, und sowas versuche ich momentan zu vermeiden, auch wenn ich dafür Tabletten im Portemonnaie habe.

So, dann wollen wir mal schauen, was das Amt als Nächstes macht. Und für Euch gibt es morgen einen Gastbeitrag, witzig, aber leider mit einem wahren Kern. Lohnt sich zu lesen, vielleicht erkennt sich jemand darin wieder.

Freitag, 22. September 2023

Tag 53 - Die Fragen

Gnôthi seautón, oder wie man so sagt...

"Und, haben sie sonst noch irgendwelche Fragen, zu unserer Schule, zur Stellenausschreibung?"

Für gewöhnlich endet auf diese Weise ein Auswahlgespräch für Planstellen. Im Referendariat wurde mir beigebracht, dass ich an dieser Stelle Interesse signalisieren soll, indem ich vorher gründlich die Schul-Homepage gelesen habe und mir zwei, drei Fragen zurechtgelegt habe. Habe ich immer gemacht. Hat nichts gebracht.

Damit ist jetzt Schluss.

Ich lege mir einen Fragenpool zurecht - welche Fragen ich daraus letztlich nehme, muss ich nochmal schauen. Was ich mit diesen Fragen erreichen will? Ich möchte mir einen Eindruck darüber verschaffen, ob diese Schule ein "passendes" Arbeitsumfeld für mich zu bieten hat. Gerade weil das in den letzten Jahren nicht immer der Fall war, nehme ich Fragen aus jenen Erfahrungen. Here goes:

1. "Haben sie (alle) mein Anschreiben gelesen?"

    Wer schon bei mehreren Auswahlgesprächen war, weiß vielleicht, dass das nicht immer der Fall ist - gerade wenn die Schule bereits einen Wunschkandidaten für die Stelle hat. Dann sind diese Auswahlgespräche nur eine Zeit verschwendende Farce. Ich hatte einmal diese Frage in die Runde gestellt und eine vielsagende Antwort bekommen: "Die Unterlagen sind allen Mitgliedern der Runde zugegangen." Ich hätte am liebsten direkt gesagt "Das war nicht meine Frage. Mir geht es darum, ob sie es gelesen haben". Ich hätte mir damals Zeit und Frust ersparen können.

2. "Haben sie derzeit oder früher schon einmal autistische Lehrkräfte gehabt?"

    Kann gut sein, dass hier nicht ehrlich geantwortet wird, beziehungsweise auf die Schweigepflicht verwiesen wird. Manche Aspis oder hochfunktionale AutistInnen möchten ihre Behinderung nicht nach draußen tragen, und dann hat der Dienstherr selbstverständlich die Pflicht, diese Information für sich zu behalten. Falls aber ein "ja" kommen sollte, könnte auf die nächste Frage bereits eine sehr aufgeschlossene Antwort folgen.

3. "Haben sie eine ungefähre Vorstellung, was es bedeuten kann, einen Autisten im Kollegium zu haben?"

    Hier erwarte ich einfach mal die Antwort "nein", und das wäre gut so, denn dann hätte ich einen Grund, um direkt in ein paar Schulalltagsszenarien überzuleiten. Naja, nicht direkt. Vorher würde ich ihnen einmal anschaulich erläutern, wie es ist, als Lehrer auf'm Spektrum zu sein.

4. "Angenommen, ich bitte sie, mich möglichst nicht in den Klassenstufen 5 und 6 einzusetzen (inklusive Erklärung). Ihre Reaktion?"

    Ich bin bereits mehrfach trotz der Erklärungen in die Orientierungsstufe gesetzt worden. Manchmal kam die Erklärung "Das geht so nicht, ich muss dich in allen Klassenstufen einsetzen können", und da mag etwas dran sein. Ich habe aber zumindest bezüglich der Konsequenzen vorgewarnt, und natürlich sind diese dann auch eingetreten, das ist immer nur eine Frage der Zeit.

5. "Angenommen, sie teilten mich trotzdem ausschließlich in den Stufen 5-7 ein. Ein paar Wochen später erhalten sie einen besorgten Anruf einer aufgebrachten Mutter, dass der neue Lehrer die Klasse völlig ohne Vorwarnung und ohne Grund so laut angeschrien hat, dass manche SchülerInnen davon Albträume bekommen haben. Wie gehen sie mit der Situation um?"

    Ganz realistisches Szenario, die meltdowns gerade bei männlichen Autisten sind bekannt und ein Grund für ihre oft mangelhafte soziale Integration in ihr Umfeld. Ist mir auch an früheren Schulen genau so passiert. Dass der Wutausbruch nicht grundlos war, kann man sich denken; ich schreie nicht herum, weil es mir Spaß macht, im Gegenteil, ich bekomme eine Panikattacke, zerbreche dabei Stifte, fange an zu zittern und bin einmal mit Tränen in den Augen Richtung Toiletten gestürmt, um mich wieder zu fangen.

In einem Fall wurde ich nicht gefragt, wie meine Sichtweise zu diesem Vorfall ist (so eine Anhörung oder Stellungnahme ist eigentlich im Konfliktmanagement selbstverständlich). Auf die Frage, warum ich nicht meinen Blickwinkel schildern durfte, hieß es dann wörtlich "Weil ich davon ausgehe, dass du mich eh' anlügen wirst." Danke für das entgegen gebrachte Vertrauen, einer Person gegenüber, die in Stressituationen gar nicht anders kann, als die Wahrheit zu sagen.

In einem anderen Fall habe ich genau auf diese "Vorwarnungen" verwiesen, über die ich bei Auswahl- und Einstellungsgespräch gesprochen habe, und auf meine autistischen Verhaltensweisen. Das war bei jener Schulleitung, die damals zur Begrüßung meinte "Wenn wir schon Inklusion leben sollen, dann gilt das selbstverständlich auch für das Kollegium". Da bekam ich als Reaktion nur "Ja, aber so geht das nicht, da musst du dich schon etwas anpassen".

6. "In jeder Konferenz - LeKo, ZK, alles, was so anstehen kann - sitze ich im Konferenzraum auf dem gleichen Platz, irgendwo am Rand oder in der Ecke, und arbeite in einem Rätselheft. Ihre Reaktion?"

    Die Schulleitungen hatten damit bisher kein Problem, denn ich hatte ihnen vorher erklärt, dass ich das zur Beruhigung mache (stimming) und trotzdem alles mitbekomme. An einer ehemaligen Schule ist es allerdings zu Beschwerden anderer KollegInnen darüber gekommen, und darüber, dass ich mich ja durch meinen Sitzplatz in der Ecke vom Rest des Kollegiums abgrenze und das etwas unsozial wirkt, und dass es dann ja auch kein Wunder sei, dass ich Probleme habe, die richtige Schule für mich zu finden.

Wie ich es mache, mache ich es verkehrt: Wenn ich das Kollegium nicht über meine autistischen Verhaltensweisen aufkläre, kommt es zu Beschwerden, und wenn ich es doch tue, kommt es zu Beschwerden, dass ich mich unnötig wichtig machen will. Alles gehabt, deswegen bin ich mit dieser Frage tatsächlich auf die Reaktion gespannt. 

7. "Angenommen, nach zwei Jahren an ihrer Schule bekommen sie einen Anruf einer verstörten Mutter, die fragt, wie es sein kann, dass einer der beliebtesten Lehrer der Schule sich so einen Aussetzer leisten kann - denn in der sechsten Klasse habe er zwischendurch gesagt, Schüler XY stelle sich bestimmt gerade vor, wie es ist, in den Arsch gefickt zu werden. Wie gehen sie mit der Situation um?"

    Ja, vorgekommen. Begründung eine Mischung aus meltdown und Schlagfertigkeit, das war ein Konter auf etwas, was XY davor gesagt hat, und ich habe mich seines Wortlauts bedient. Interessant, ich realisiere gerade, dass ich hier im Blog bisher noch nicht darüber geschrieben zu haben scheine. Zur Info: Das Ganze hat ein Dienstgespräch nach sich gezogen, Anwesende waren die Schulleitung, Elternbeiratsvorsitzende, Heimleitung, Klassenlehrer, Schulsozialpädagogin, eine(r) fehlt noch, wir waren zu siebt.

Natürlich darf ich nicht darüber sprechen, wie das Gespräch abgelaufen ist. Ich darf nur sagen, dass wir am Ende allesamt sehr erleichtert rausgegangen sind und die SozPäd mich einmal in den Arm genommen hat; dass mich die Heimleiterin dann einen Tag in ihr Heim eingeladen hatte und, wie sie danach zu einem ihrer Jugendlichen sagte, ein "ganz tolles Gespräch mit einem ungewöhnlichen Lehrer" hatte.

Ich warte nur darauf, dass irgendwann jemand sagt, dass diese Szenarien doch insgesamt recht unrealistisch seien. Steilvorlage, und vielleicht könnte das eben auch ein bisschen die Antwort zur dritten Frage liefern.

8. "Angenommen, jemand berichtet ihnen, ich würde mich privat mit meinen SchülerInnen treffen. Ihre Reaktion?"

    Vorgekommen, und die direkte Reaktion damals war eine dienstliche Abmahnung, in der es hieß, private Treffen mit Schülern (sic) seien in Zukunft zu unterlassen. Und ich Idiot hab' das auch noch so unterschrieben, weil ich deutlich jünger und dünnfelliger war - dabei habe ich mich noch nie privat mit meinen SchülerInnen getroffen. Es gibt eben auch negative Publicity, wenn man bei seiner SchülerInnenschaft gut ankommt, und auch hier würde - meiner Meinung nach - eine gute Schulleitung zuerst um eine Stellungnahme meinerseits bitten (wie das zum Beispiel bei dem vorherigen Fall geschehen ist).

9. "Ihnen kommt zu Ohren, dass der neue Lehrer mit seiner siebten Klasse jede Woche nur Filme schaut. Wie gehen sie damit um?"

    Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich gern mit Filmen oder Serien im Unterricht arbeite, und ich habe hier auch schon mehrfach darüber geschrieben. Ich glaube auch weiterhin, dass das mit der richtigen Lerngruppe ein fruchtbarer Versuch ist. Ich lasse mir aber nicht unterstellen, ich würde in jeder einzelnen Englischstunde meine SchülerInnen vor eine DVD setzen und mir einen faulen Lenz machen. Leider kommt dieser Eindruck dabei rüber, nicht selten, und sorgt auch nicht selten für deutliche Beschwerden bei der Schulleitung und auf Elternsprechtagen. Auf letzteren allerdings habe ich in der Regel mehr Elternteile, die mir mitteilen, dass sie das gut finden, und dass ihr Kind richtig begeistert ist und von sich aus im Internet auf Englisch weiterschaut. Und das erkläre ich auch gern jeder Schulleitung, die das denn hören möchte, und auf das obige Gerücht (9.) zumindest erstmal eine Stellungnahme hören möchte, bevor sie mir eine Abmahnung schreibt (auch passiert).

10. "Ich führe einen Blog. Wie stehen sie dazu?"

    Scheint wie eine kleine, harmlose Frage, ist aber extrem wichtig. Der einfachste Weg für die Lehrkraft wäre, einhergehend mit der Entfristung den Blog einzustellen, damit man keine Risiken eingeht. Das wird aber so nicht funktionieren.

Dieser Blog ist wie eine lifeline für mich. Er ist meine Verbindung zu Euch - Familie, Freunde, Bekannte - denn ich mag mich nun mal nicht so für eine kleine Plauderei verabreden. So würde man sich zwar häufiger sehen, aber so funktioniert der Kopf des Autisten nicht. Die Welt da draußen ist chaotisch und unberechenbar, und in meinen eigenen vier Wänden weiß ich genau, wie alles läuft. Dass alles läuft. Jeder Gang nach draußen birgt Konfliktpotential (Missverständnisse und so weiter, habe ich ja schon öfters drüber geschrieben).

Mit dem Blog kann ich Euch mitteilen, was mir gerade durch den Kopf geht, wie es mir geht, was ich mache, und ich kann es mit dem geduldigen "Papier" machen und muss mich nicht spontaner interpersoneller Kommunikation aussetzen. Klingt, als wollte ich Euch nicht sehen. Hart, aber wahr: Will ich auch nicht immer. Das war anders, als es mir noch gut ging - im Studium. Da war ich spontan mal mit YazzTazz los zu Burger King, oder da stand eines abends einfach mal ein Ole mit einer Weinflasche vor den Kronshagener Bergen. Damals hatte ich eine grundlegende Sicherheit, und die bedeutet für Menschen auf dem Spektrum wirklich alles.

Es ist für mich absolut unmöglich, mir vorzustellen, dass ich diesen Blog für eine Schule schließen müsste. Dann trete ich diese Stelle lieber nicht an. Es bleibt dabei, dass auf meiner Prioritätenliste im Leben der Beruf auf dem zweiten Platz steht. Mein eigenes Privatleben, oder öffentliches Leben, wie auch immer - das ist mir wichtiger. Ich habe - vorerst - nur dieses eine Leben, und das möchte ich genießen, und das lasse ich mir von niemandem mehr nehmen.

Auch wenn es Arbeitslosigkeit bedeutet. 

Aber der nächste Termin im Arbeitsamt steht bestimmt bald an, und dann sondieren wir mal.

post scriptum: Nochmal: Ich weiß nicht, welche von diesen Fragen ich tatsächlich benutze. Die Fragen 1-3 werden aber auf jeden Fall kommen, damit ich jeder Schulleitung die Möglichkeit geben kann, mir mitzuteilen, dass sie weiß, was es bedeutet, Autist zu sein, und falls nicht, dann werde ich sie unter 3. darüber erstmal gründlich aufklären, bevor es an die Fallstudien geht. Ich möchte niemanden überfordern oder vor den Kopf stoßen, aber ich möchte sichergehen, dass meine zukünftige Schule weiß, wen sie sich da in's Boot holt, und ich möchte zumindest eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, wer mein zukünftiger Dienstherr ist, und wer meine Ansprechpartner in Sachen Gleichstellung sind.

Dienstag, 19. September 2023

Tag 50 - Das Anschreiben


vorweg: Ich gebe zu, ich wollte mein neues - und hoffentlich letztes - Anschreiben für meine Bewerbung an Schulen etwas drastischer formulieren. Ich wollte ein paar sehr ehrliche Sätze einbauen, die sich aus den letzten elf Jahren Beschäftigung ergeben haben.

Ich kann wirklich nicht sagen, warum ich das nicht gemacht habe. Es wäre ein sehr langer Text geworden, an dessen Ende etwas in Richtung "Wenn Sie diesen Text komplett gelesen haben, möchte ich mich bei Ihnen dafür bedanken, zu einer absoluten Minderheit zu gehören, die mir sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht hat. Ich würde Sie sehr gern in einem persönlichen Gespräch kennenlernen."

Natürlich wäre das beruflicher Selbstmord gewesen, aber andererseits wäre es ein Text gewesen, der mich repräsentiert. Was ich stattdessen gemacht habe: Ich habe alles auf ein Minimum zusammengestrichen, was eh' kein Schwein interessiert (Theaterarbeit, Arbeit in der Suchtprävention, der Umstand, dass ich Latein unterrichte, dass ich Autist bin), und auf das konzentriert, was für Schulen hilfreich sein könnte: Dass ich besonders gut mit SchülerInnen in schwierigen Situationen der Klassenstufen sieben bis zehn zusammenarbeiten kann.

Deprimierend, aber aufgrund meiner Note und Gleichstellung müssen sie mich eh' anschreiben (und einladen), und die interessanten Sachen können wir dann auch im Gespräch klären.

Danke, Schulsystem.

 

Sehr geehrte Schulleitung (sic),

hiermit bewerbe ich mich zum nächstmöglichen Zeitpunkt auf eine Planstelle (oder auch
Vertretungsstelle mit Aussicht auf eine unbefristete Beschäftigung) für die Fächer Englisch und Latein. Ich hätte kein Problem damit, das Fach Latein nicht zu unterrichten; in den vergangenen elf Jahren habe ich aufgrund mangelnden Bedarfs nur insgesamt zweieinhalb Jahre Latein unterrichtet.

Im Juli 2011 habe ich das Studium dieser Fächer für das Lehramt am Gymnasium an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem 1.Staatsexamen abgeschlossen. Mein 2.Staatsexamen habe ich am 27.11.13 abgelegt (Note 1,9). Derzeit bin ich arbeitslos.

Ich bin Autist. Welche Auswirkungen das auf meine Arbeit als Lehrer haben kann, würde ich gern in einem persönlichen Gespräch mit Ihnen erörtern, auf das ich mich sehr freue.

Vielleicht kann ich mit meiner Erfahrung als Hochbegabter Ihre Schule auch in diesem Bereich unterstützen; an meinen bisherigen Schulen konnte ich bereits ein paar SchülerInnen als hochbegabte Underachiever erkennen und fördern. Ebenso würde ich Ihrer Schule gern als Experte für SchülerInnen mit autistischem Verhalten zur Seite stehen, wie ich es auch in den letzten Jahren tun durfte.

Eine meiner Stärken ist es, die SchülerInnen für meine Fächer zu begeistern, ihnen zu zeigen, dass Schule weit mehr ist als bloße Lerninhalte und in der Konsequenz den Lernwillen und –erfolg anzufeuern. Durch meine Arbeit an Regional- und Gemeinschaftsschulen habe ich mich mit verschiedenen Lernausgangslagen auseinandergesetzt, so dass ich differenziert auch mit SchülerInnen in schwierigen Situationen arbeiten kann; meine Schwerpunkte liegen in den Klassenstufen 7-10 (aber ich besitze die volle Facultas für die Sekundarstufe II).

Über weitere Befähigungen (Theaterarbeit, Suchtpräventionsarbeit, Freizeitbereich) würde ich mit Ihnen gern in einem persönlichen Gespräch reden.

Mit freundlichen Grüßen,

Tobias Homann

post scriptum: Wie cool es sein kann, einen ehemaligen Schüler am Hauptbahnhof wiederzutreffen. Eine kurze Runde unterhalten, bis der Bus kommt, ich habe mich richtig gefreut! 

paulo post scriptum: Ihr seid herzlich eingeladen, mir zu erklären, warum das ein ziemlich ungeschicktes Anschreiben ist ;-) Immerhin ist es authentisch.