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Samstag, 19. August 2023

Tag 11&19 - Der vierzigste Geburtstag


Teil 1

Hallo Flo!

Heute ist mein Geburtstag, das bedeutet, dass Du in ein paar Tagen dran bist. Ich nulle, um Sir Peter Ustinov zu paraphrasieren: Ein Jubiläum ist ein Tag, an dem eine Null für eine Null von vielen Nullen gefeiert wird. Vierzig also. Ich verbringe den Tag wie immer seit einigen Jahren ganz allein und eher ruhig. Das macht mir nichts aus, im Gegenteil, ich empfinde das sogar als sehr angenehm, und da wären wir bei dem Grund, warum ich Dir schreibe.

Es ist gut zehn Jahre her, dass wir uns näher kennengelernt haben, damals wohnte ich in dieser miesen kleinen Wohnung mit der Kesseltherme für heißes Wasser; damals hast Du dich ein paarmal auf den Weg gemacht, um mich zu besuchen. Das war schön, das waren Highlights, die mir durch das Referendariat geholfen haben. Du warst damals fünfundzwanzig Jahre alt, und ich bildete mir tatsächlich ein, dass es damals einen klitzekleinen Unterschied zwischen uns in der Reife gab. Es wäre witzig, einmal zu sehen, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn wir beide zehn Jahre älter gewesen wären.

Wahrscheinlich nicht anders; boys will be boys. Wir würden Spaß haben, viel miteinander reden, und ich würde es wahrscheinlich genau wie damals schaffen, Dich immer wieder zu verletzen mit Kleinigkeiten, die ich Dir etwas zu direkt gesagt hatte. Und ich würde mich genauso wundern, dass Du trotzdem immer wiedergekommen bist. Du hast Dich weder von meiner Art abbringen lassen noch von Deinen Freunden und Deiner Familie, die Dir sehr deutlich gemacht haben, dass sie nicht wollen, dass wir Zeit zusammen verbringen. Weil ich ein Freak sei.

Wir konnten damals ganz offen darüber reden, vielleicht erinnerst Du dich. Und ich hatte Dir damals erklärt, dass es okay ist, dass sie so denken. Viele Menschen haben genau das über mich gedacht. Aber warum? Nur weil ich andere Kleidung getragen habe als sie? Sie hatten mich doch noch nicht einmal kennen gelernt - warum sind sie so schnell zu einem Urteil über mich gekommen? 

Weil ich anders bin, und viele Menschen reagieren mit Vorsicht, Angst oder daraus resultierendem Hass auf alles Unbekannte. Ich kenne das mein Leben lang, und bis vor ein paar Jahren konnte ich nicht verstehen, warum. Ich habe immer versucht, alles richtig zu machen, warum bekam ich "trotzdem" immer diese Behandlung? Zu jeder Zeit gab es maximal eine Handvoll Menschen, mit denen ich richtig eng befreundet war. Im Lateinstudium ging das etwas leichter, weil da mehrere Freaks waren, ebenfalls anders, und das macht die Kommunikation vielleicht etwas leichter.

Genau wie Du sind sie bei mir geblieben. Ich merke das besonders drastisch, wenn ich an eine neue Schule komme und im neuen Kollegium viel über mich gelästert wird. Und es kommt kaum jemand auf mich zu mit dem Wunsch, mich etwas näher kennenzulernen und seine Meinung vielleicht zu ändern.

Oh, kleines Update, wenn ich schreibe "wenn ich an eine neue Schule komme" - ich habe noch immer keine unbefristete Stelle, ich habe mittlerweile an sieben verschiedenen Schulen unterrichtet. Ich würde gern sagen, dass meine Chance auf eine Planstelle in den letzten Jahren etwas gesunken sei, aber sie war immer schon niedrig, und leider kommt das auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht selten für Menschen wie mich vor. 

Unser Kontakt ist vor etwa sieben Jahren auf sehr unschöne Weise abgebrochen, und deswegen schreibe ich Dir jetzt, denn es gibt da etwas, das ich Dir seit Jahren mitteilen möchte - aber ich habe es immer wieder vor mir hergeschoben. Mal, weil ich dachte, dass ich es Dir lieber persönlich sagen würde, damit Du Fragen würdest stellen können, die Dir danach vielleicht in den Kopf kommen - mal, weil ich lange überlegt habe, wie ich Dir das mitteile - als Mail, als Brief oder vielleicht als Video auf einem USB-Stick.

Ich weiß, dass Du diesen Brief nicht lesen wirst, denn ich schicke ihn nicht an Dich. Es ist nur ein Beitrag für meinen Blog. Weil ich immer noch Angst habe, noch mehr Porzellan zwischen uns zu zerbrechen. Deswegen schreibe ich den Brief quasi als öffentlichen Tagebucheintrag, in dem ich ein paar Details auslasse, wegen privat und so. 

Was ich schreibe, soll keine Rechtfertigung für mein Verhalten von damals sein, sondern eine Erklärung, damit wir nicht genau wie damals ratlos bleiben, was bei uns nicht geklappt hat. Kurz und schmerzlos gesagt: Ich bin geistig behindert, ich bin Autist und Du nicht.

Ich wäre damals nie auf so eine Erklärung gekommen, und das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon mehrere AutistInnen unterrichtet hatte. Autisten, das waren für mich immer diese empathielosen Menschen, die kaum reden und einem nie in die Augen schauen können. Mittlerweile weiß ich, dass das "Autismusspektrumsstörung" heißt und es sie in ganz unterschiedlichen Ausprägungen gibt, auch in vermeintlich unauffälligen wie bei mir. Was bedeutet das konkret? Jetzt kommt keine psychiatrische Auflistung von Symptomen, sondern nur ein paar Dinge, die für uns damals hilfreich zu wissen gewesen wären.

Ich sage Menschen in der Regel völlig unverblümt, was ich denke - und das kommt nicht bei allen gut an, gerade wenn ich sie auf vermeintliche Fehler ihrerseits hinweise. Dabei will ich damit eigentlich nur helfen - und dass ich nicht emotionslos bin, das haben wir damals recht gut gemerkt. Ich nehme die Welt nur anders wahr, sachlicher. Ich deute nicht in jede Kleinigkeit etwas hinein, was man zu mir sagt, und im Gegenzug meine ich alles, was ich sage, auch fast immer wörtlich. "Fast", weil ich bei meiner Diagnose "high functioning autism" mir Strategien überlegt habe, möglichst unauffällig zu sein. Ich beobachte, wie andere Menschen sich in Situationen "korrekt" verhalten und ahme es nach. Das hat so gut geklappt, dass in fünfunddreißig Jahren niemand auf die Idee gekommen ist, mich einmal zu einem Psychiater zu schicken. 

Nun wirst Du fünfunddreißig Jahre alt, und vielleicht möchte ich uns mit diesem Brief auch "closure" bringen, das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und wir mit unseren Brennpunkten von damals abschließen können. Ich bin Autist und Du neurotypisch - quasi "normal". Und das hat zwischen uns für Missverständnisse gesorgt, wir haben uns gegenseitig verletzt. Es hat aber auch dafür gesorgt, dass Du bei mir geblieben bist - sei es nun wegen der Ausstrahlung meinerseits (Du hattest damals so etwas zu mir gesagt), oder - eher noch - weil Du auf Deine Weise ein anderer Mensch bist als viele Anderen.

Du hast Dir die Zeit und das dicke Fell genommen, mich näher kennenzulernen, und so ist es nicht zu dieser Ablehnung gegenüber dem Unbekannten gekommen. Du bist ein aufgeschlossener Mensch, offen und neugierig; nicht jeder kann das von sich behaupten, und das war ein Glück für uns. Wie damals meine SchülerInnen (wir wollen ja politisch korrekt sein, woke eben ^^): Die haben mich wenigstens vier bis fünf Wochenstunden lang kennengelernt und nicht nur vom Hörensagen, und sie waren fast immer ganz auf meiner Seite, das hat mir viel Kraft gegeben, wenn Eltern oder Schulleitungen mir aufgrund Hörensagens die Hölle heiß gemacht haben, eben weil ich so ein unkonventioneller Lehrer bin.

Du nicht - und dafür möchte ich mich aufrichtig bedanken. Ich hoffe, dass Du dir diese Offenheit bewahren kannst, Menschen nicht nach dem Äußeren zu beurteilen. Der Spruch mit dem Buch und Cover kam damals öfters von Dir ;-) Und letzten Endes sind wir damals nicht auseinander gegangen, weil es zwischen uns nicht funktioniert hätte - das hat nur die Probleme verstärkt, die wir damals aufgrund des Drucks von der "Außenwelt" hatten. Der war für uns beide schwer auszuhalten.

Ich hoffe, mit dieser Erklärung kann ich Dir ein wenig von Deinen Schuldgefühlen nehmen, dass Du es zwischen uns zerbrochen hast. Ich weiß jedenfalls, dass es mir viele dieser Schuldgefühle genommen hat, ich weiß, dass es aufgrund der Kommunikationsprobleme zwischen einem Autisten und einem neurotypischen Menschen diese "Streits" gab, die nie stark genug waren, um zu verdecken, dass wir tatsächlich Freunde waren - und vielleicht immer noch sind. Meinerseits auf jeden Fall. Ich trage fast immer, wenn ich rausgehe, den Anhänger mit mir, und hin und wieder fragen SchülerInnen auch mal nach, was es damit auf sich hat ;-) Und es hängt auch immer noch das große Bild in der Wohnung, von unserem "Fotoshoot" mit meinem Bruder damals. 

Ich bin jedenfalls nach allem glücklich, dass wir uns kennengelernt haben, denn es hat mir so viel über mich selbst verraten. So hast Du es damals auch formuliert, auf Dich selbst bezogen. Eine Ähnlichkeit gab es dabei - wir haben beide gelernt, inwiefern unser Verhalten andere Menschen verletzen konnte, und haben versucht, bessere Menschen aus uns zu machen.

"Bessere Menschen", was für ein blöder Ausdruck. Als müsste man einen Soll erfüllen, um ein guter Mensch zu sein. Ich glaube immer an das Gute im Menschen.

Danke, Flo, dass Du auch so geglaubt hast, und sicherlich auch immer noch glaubst. Behalte Dir das bei! Und vielleicht siehst Du unsere gemeinsame Zeit damals ja auch inzwischen mit etwas anderen Augen, schon weil Du etwas "reifer" greworden bist, und damit bin ich wieder bei dem Käse von oben mit dem Alters- und Reifeunterschied zwischen uns. Du bist nun etwas älter, als ich es damals war. Würdest Du nun Dinge anders machen als damals? Wer weiß das schon...

Happy Birthday!

Mit vielen lieben und dankbaren Grüßen,

Dr Hilarius 

ps.: Immer fleißig an's "Putzen, putzen" denken" :D 

 

Teil 2

Wie verbringe ich meinen vierzigsten Geburtstag? Ehrlich gesagt, habe ich darüber erst nachgedacht, als die große Buba am Vorabend da war. Tag wie jeder Andere, oder? Ach warte mal, diesmal ja mit einer Null, als ob das etwas Besonderes wäre. Wird mein Leben jetzt irgendwie anders?

Ich meine mich zu erinnern, wie ich an meinem dreißigsten Geburtstag mit der Tante in Husum in einem Café war, und ich glaube, ich meinte damals, dass mein Leben sich etwas aufregender anfühlte - dass ich gespannt sei auf alles, was in den Dreißigern passiert, und dass ich wie ein neugieriger Entdecke darauf zu gehe.

Inzwischen habe ich viele Antworten gefunden, teilweise auf Fragen, die ich mir gar nicht gestellt habe. Ich fühle mich nicht ganz so entdeckerig-neugierig, im Gegenteil, ich fühle mich ein kleines bisschen müde. Ich vermute mal sehr stark, dass das mit meiner beruflichen und privaten Talfahrt zusammenhängt.

Immerhin fühle ich mich aber optimistisch. Nicht, dass ich einen unbefristeten Job finde, und erst recht nicht, dass ich verbeamtet würde. Auch nicht, dass ich rechtzeitig mein Arbeitslosengeld bekomme. Kleine Schritte gehen: Erstmal optimistsch sein, dass ich vielleicht doch noch meinen Schwerbehindertenstatus bekomme.

Aber auch realistisch bleiben. Mir wird jetzt noch übel, wenn ich an die vielen Mitmenschen denke, die mir gesagt haben, okay, dann hat das jetzt an der Schule nicht geklappt, aber nächstesmal bewerbe ich mich als Schwerbehinderter, und dann bekomme ich endlich meine Stelle - und dann kam die "Ablehnung" vom LaSD.

Ich hasse solche "Versprechungen", die sich dann als leider falsch herausstellen. Deswegen ist einer der Gedanken im Buddhismus, dass das Leben leichter ist, wenn man sich keine Hoffnungen macht - denn die haben immer das Potential, zu Enttäuschungen zu führen.

Ich wollte Einiges in den Ferien machen, ich wollte meine Eltern besuchen, in den Hansa-Park fahren, ich wollte in Hamburg mit der S-Bahn fahren und endlich mein Bad auf Vordermann bringen. Während manchmal einfach das Wetter in diesem Sommer dagegen war, lag es teilweise auch an eben jenen Enttäuschungen, die mich jedesmal wieder in eine Art Schockstarre versetzt haben. Ich habe es satt, aber ich kann eben auch nichts dagegen tun. Nichts gegen unser Schulsystem (oder zumindest Aspekte davon) und nichts gegen Teile unserer social security.

Auch wenn ich meinen Geburtstag seit Jahren immer allein verbringe, spüre ich an diesem Tag die lieben Menschen, die in Gedanken bei mir sind. Es ist immer ein Meditationstag, und wie in jeder Meditation geht es zuerst immer darum, die größten Probleme gedanklich anzugehen, damit man am Ende vielleicht bei ausschließlich positiven Denkweisen ankommen kann. 

Wie wird es wohl, wenn ich meinen fünfzigsten Geburtstag habe? Die große Buba hat auf ihre Karte für mich ganz charmant geschrieben, dass sie dem alten Frettchen zum hundertsten Geburtstag gratuliert (und ich wiehbe sie dafür). Und im Flur hängen jetzt zwei Thalia-Titten, in die ich immer reinrenne, wenn ich aus dem Bad komme, und so langsam sehen sie aus, als hätte da jemand die Luft rausgelassen.

Aufgabe für das neue Lebensjahr: Die Ballons nicht zum Sinnbild für mein Leben werden lassen! ;-)

Dienstag, 20. Dezember 2022

Geht's mir etwa gut?


Ein interessanter Tag heute, so in der Rückschau. Es gab mehrere Situationen, die für ein Glas Asperger pur gereicht hätten, aber ich hatte keinerlei Panikattacken oder den Wunsch, aus der Situation zu fliehen.

Das ging schon nach dem Aufstehen los - heute waren Sprechprüfungen bei meinen Zwölfern dran, immer aufregend, weil ich Angst davor habe, irgendwelche Formalien zu übersehen oder falsch zu erledigen, oder dass ich die Prüfungsaufgaben für meine SchülerInnen vertausche. Heute nichts - alles geordnet im Ordner, in die Tasche. In aller Ruhe die Wohnung rechtzeitig verlassen, keine Angst vor dem, was kommt.

An der Bushaltestelle Diesterwegstraße ging es weiter - ich wollte gerade ein weiteres Logikrätsel bearbeiten, da kommt über die Straße - Er. Wie schon vor ein paar Wochen hatten wir eine kurze gemeinsame Busfahrt, und ich hatte keine weichen Knie, nicht den Drang, schnell wegzukommen, und es gab auch keine Probleme damit, im vollen Bus in den Arm genommen zu werden.

Springen wir zur Bushaltestelle Lüderitzstraße, auf dem Weg zurück. Auch hier möchte ich gerade ein Rätsel bearbeiten, doch zur Linken kommen nette Schüler, und von rechts kommt ein Fremder und bittet mich um meinen Stift, damit er etwas aufschreiben kann. Kein Problem - und dann hat sich daraus sogar ein nettes Gespräch ergeben, über's Renovieren und wie es ist, wenn man älter wird. Kein "Hoffentlich redet er jetzt nicht noch weiter, bitte lass' mich in Ruhe".

Das hätte alles ganz anders laufen können (und die vielen Asperger pur-Beiträge geben einen bunten Einblick in die Erlebniswelt eines Autisten). Könnte es womöglich sein, dass es mir gut geht? Mich irritiert das ein bisschen, denn ich habe immer noch keine feste Stelle, immer noch keinen Diagnoseplatz und meine Wohnung sieht... aus. Es scheint tatsächlich so etwas wie Alltag einzukehren, wie damals im Studium, als es völlig normal wurde, mit dem Fahrrad in die Uni zu fahren und dort sogar mit Freunden in der Mensa essen zu gehen (ich hatte lange Zeit die Mensa geistig abgeblockt).

Darf so weitergehen!

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Ein bunter Beginn


Kalt draußen, bisschen nass, dunkel. Herbst eben, morgens um kurz vor sieben an der Bushaltestelle, etwas aus der Bahn geworfen, weil ich gemerkt habe, dass Windows 11 ernsthafte Probleme mit diversen Druckertreibern bietet und dass mein Canon Pixma MG5150 an meinem neuen Rechner nicht erkannt wird. Der Drucker dürfte jetzt gut zehn Jahre alt sein, und dann suche ich ein wenig im Internet, und finde heraus, dass es leider für diesen Drucker keinen Windows 11-kompatiblen Treiber gibt. So ein Mist. Arbeitsblätter? Texte, die mir SchülerInnen geschickt haben?

Und dann ist es kalt draußen und ich bin froh, dass ich diese Kapuzenpullover habe und warte auf meinen Bus. Ach stimmt ja, die Autokraft-Busse fahren nicht. Also ein paar Minuten länger warten, in die Zweiundsechzig, im Mittelgelenk an die Wand stellen, gähnen, "Ach ne, wer sind sie denn?" höre ich links von mir, drehe mich um und da steht Er vor mir.

Fastforward, zweite Stunde, zehnte Klasse, eine meiner smartesten Schülerinnen gibt mir den Tipp, meinen Drucker auszutricksen - so zu tun, als hätte ich eine alte Windows-Variante. Da wird mir bewusst, dass ich den Druckertreiber vielleicht mal im Kompatibilitätsmodus für eine ältere Windows-Variante installieren sollte. Die Kiddies sind einfach toll, irgendwie geben sie mir immer etwas Positives, ich kann jetzt erstmal wieder drucken. Und mir die Hand vor die Stirn schlagen, dass ich das Konzept des Kompatibilitätsmodus in den letzten paar Jahren entlernt habe.

Und wenn es draußen grau ist, mache ich es mir drinnen gemütlich, mit Korrekturen. Naja. Hauptsächlich mit dem Konsum von Videospielen, Filmen und Konsorten. Die große Buba hat mich nochmal sanft dran erinnert, dass Midnight Club jetzt bei Netflix veröffentlicht ist. Die Serie basiert auf der Romanvorlage von Christopher Pike und ist verfilmt worden von Mike Flanagan, und ich finde ja immer noch trotz einiger Schwächen, dass Flanagan einer der talentiertesten Horror-Regisseure der Gegenwart ist.

Zwei Lerngruppen in Praktika, ein etwas "sanfterer" Einstieg. Gut so: Morgen kommt der neue Teil der Star Ocean-Reihe an - kann sein, dass ich mal wieder in meiner kleinen Welt verschwinde.

post scriptum: Triathlon-Finisherin. Ich komme nicht damit klar, dass englische Begriffe deutsch gegendert werden... geht vielleicht auch anderen UserInnen so.

Freitag, 29. April 2022

Die Angelegenheiten anderer Leute


Lojong-Losung Nr.26: Denke nicht über die Angelegenheiten Anderer nach.

Eine schöne Geschichte von gestern früh: Ich sitze um kurz nach sieben im Auto, auf dem Weg zur Schule. Ich muss an der Ampel vor dem Abbiegen auf die Hamburger Chaussee warten. Ich bin nicht der Einzige, und wie der Zufall es will, erkenne ich das Auto vor mir wieder, und auch seinen Fahrer. Ich fange an zu grinsen und frage mich, ob er wohl merkt, wer da hinter ihm fährt - er merkt es nicht, und so biegen wir beide nach links ab, er schneller, ich muss noch ein anderes Auto vorbeilassen - doch an der nächsten Ampel am Waldwiesenkreuz stehen wir wieder hintereinander, mit dem Ziel, auf die B76 abzubiegen.

Jetzt hat er es gemerkt; er schaut in seinen Rückspiegel und winkt mir. Ich strahle und winke zurück, und dann wird die Ampel grün. Wir fahren beide vor, können aber nicht einfach nach rechts abbiegen, weil viele Schüler mit dem Fahrrad auf dem Schulweg sind und Vorfahrt haben. Wir müssen so lange warten, dass die Ampel wieder rot wird; ich komme nicht über die Ampel. Er hat Glück und ist drüber, könnte jetzt also nach rechts fahren.

Macht er aber nicht. Er steht da noch immer. Er scheint auf vier Mädchen zu warten, die angehalten haben und von ihren Fahrrädern abgestiegen sind, weil ihre Ampel natürlich mittlerweile rot zeigt, also könnte er jetzt einfach losfahren. Er scheint aber darauf zu warten, dass diese Mädchen endlich (bei roter Ampel) über die Straße fahren. Sie fahren nicht, und da sein Gestikulieren nichts bringt, drückt er auf die Hupe, während die Ampel der quer fahrenden Autos auf grün schaltet.

Das Hupen verwirrt die Mädchen so sehr, dass eines nun doch losfährt - während von links die Autos auf sie zufahren. Er steht da noch immer. Eigentlich kann ich nicht zuschauen. Zum Glück ist das Mädchen die einzige, die losfährt, die anderen bleiben stehen, und so wird niemand angefahren, und jetzt hat er auch endlich gemerkt, was los ist, und fährt weiter (erstmal auf die falsche Spur). Aufatmen für alle Beteiligten.

In der nächsten Grünphase fahre ich los, geht alles problemlos, und ich muss schmunzeln, sogar ein bisschen kichern. Habe ich den Fahrer so sehr aus der Fassung gebracht, dass er sich nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren konnte? Ich habe versucht, in seinen Kopf zu schauen - ich fand den Gedanken so amüsant, dass ich weiter gekichert habe - bis ich plötzlich abbremsen musste, mitten auf dem Theodor-Heuss-Ring - Stau. Auf der mittleren Spur, während links alle Autos zügig durchkommen, und ich kann nicht rausziehen, weil sie alle so dicht hintereinander fahren. Also muss ich weiter warten, bis ich nach einigen Minuten aus der Staustelle raus bin. Mist, ich habe gar nicht daran gedacht, dass das Barkauer Kreuz ja voller Baustellen ist und deswegen die Verkehrsführung geändert wurde. 

Ich hätte mich anders einordnen müssen, und das hätte ich auch getan, so wie jeden Morgen, wenn ich nicht in Gedanken bei dem Fahrer vor mir gewesen wäre und über sein Zaudern an der Ampel gekichert hätte. Und plötzlich macht diese Lojong-Losung für mich Sinn:

Denke nicht über die Angelegenheiten anderer Leute nach.

Eine der Losungen, für die ich einige Zeit brauchte, um mich mit ihr anzufreunden. Nicht über andere Menschen und ihre Gedankenwelt nachdenken? Heißt das, dass ich mir gar keine Sorgen um sie machen soll, wenn sie zum Beispiel gerade nicht bei mir sind? Sollen sie mir völlig egal sein? Was ist mit Hilfsbereitschaft, Fürsorge, hat das alles in der buddhistischen Gedankenwelt nichts mehr zu suchen? Nur egoistisch bei mir selbst sein?

Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Zwei der Grundsätze im Buddhismus lauten Mitgefühl und liebende Güte. Natürlich helfe ich meinen Mitmenschen, wenn ich kann, und natürlich versuche ich zu verstehen, was sie durchmachen. Aber es ist schadhaft für mich selbst, wenn ich mir Sorgen über einen Menschen mache, an dessen Situation ich nichts ändern kann. Am Beispiel meiner Mutter:

Sie fiebert derzeit mit mir mit und macht sich Sorgen, ob ich mit der Diagnose vorankomme und ob es mir gut geht - so wie das vermutlich fast jede "gute" Mutter machen würde. Diese Sorgen helfen niemandem weiter, und am wenigsten ihr selbst. Ein großer Teil ihrer Denkzeit ist bei mir, Zeit, in der sie fröhliche Gedanken haben könnte, oder allgemeiner, weniger "schädliche" (für sie selbst) Gedanken. Es bremst sie selbst bei'm Streben nach dem Glücklichsein, wenn sie sich Sorgen um mich macht.

Ich versuche immer wieder, ihr das nachvollziehbar zu machen, aber ich habe natürlich keine Vorstellung davon, was es bedeutet, eine Mutter zu sein. Aber mittlerweile habe ich die Lojong-Losung verstanden und weiß, wie ich dahingehend trainieren muss. Ich denke nicht mehr darüber nach, ob die große Buba stressfrei durch die Schulwoche kommt. Ich denke nicht mehr darüber nach, ob die kleine Familie der Sannitanic gesund ist. Ich versuche, nicht mehr in die Gedankenwelten anderer Menschen zu gehen, und es ist wirklich ungemein befreiend.

Freitag, 11. September 2020

Kontaktaufnahme


Und plötzlich ist Er wieder da. Ohne Vorwarnung taucht Er wieder in meinen Gedanken auf. Das ist ungewöhnlich, denn wir haben seit mehr als vier Jahren keinen Kontakt mehr, und mein Leben ist durch die vielen Schulwechsel so sehr den Bach runtergegangen, dass ich in meinem Kopf einfach keinen Platz mehr für ihn hatte. Im Gegenteil, ich war froh, dass ich mich auf mich selbst konzentrieren konnte. Ich bin ihm auch aktiv aus dem Weg gegangen, habe mir die zweite Hälfte der letzten Saturnalien nicht angeschaut, weil Er sich direkt schräg vor mich gesetzt hatte.

Und jetzt wabern immer wieder Gedanken an ihn durch meinen Kopf, und das fühlt sich so gut an. Bleibt wie im Inner Landscapes-Thread: Ich werde ihn nicht wieder drängeln. Aber ich möchte ihm ein kleines Zeichen geben, dass es mich noch gibt, und ihm signalisieren, dass ich hier bin und meine Tür offen ist, falls er wieder etwas Zeit mit mir verbringen möchte. Und ich mache mir auch überhaupt keine Erwartungen mehr, der Buddhismus hat mich in der Hinsicht sehr verändert.

Aber es fühlt sich schön an, der Gedanke, dass er sich einen Videogruß von mir anschauen könnte. Und genau dieser Gedanke macht es wert, diesen Beitrag zu schreiben, denn er signalisiert mir, dass - endlich - langsam alles in meinem Leben wieder in Ordnung kommen könnte, hinsichtlich Berufsaussichten. Und dieses schöne Gefühl wollte ich mit Euch teilen.

Mittwoch, 19. August 2020

Arschkirmes


So, bei dieser Überschrift erwarte ich, dass sich bald besorgte Eltern bei der Schulleitung melden, DrH könnte ja seine Schüler schlagen. Zumindest sollte mich das nicht wundern; als ich vor einiger Zeit einen Artikel über Leni Riefenstahl geschrieben habe, kamen besorgte Anrufe bei der Schulleitung, ob ich vielleicht ein rechtsextremer Lehrer sei. Ich sage gar nichts weiter dazu.

Naja, fast nichts. Ich schlage meine Schüler nicht. So viel Zeit muss sein. Auch wenn ich manchmal vor der Klasse stehe und denke, so, Klaus hätte jetzt echt eine Ladung Arschkirmes verdient. Oder andere unsagbare Dinge; das kann in jeder Klasse passieren. Nur in Klasse sieben bis neun irgendwie nie. Und auch darüber nicht. Whatever.

Das soll auch eigentlich nur in die Richtung gehen, dass ich heilfroh bin, dass sich die zweite Schulwoche langsam dem Ende zuneigt. Anstrengend ist es ja so oder so, aber mit Maskenpflicht und Hitze und genervten Schülern, die sich nicht an die Regeln halten, und gewaltigen Fachrückständen und dem Coronavirus, und dann hat heute auch noch Er Geburtstag.

Ja ja, heute ist Er dran und eigentlich sollte Er heute einen Geburtstagsgruß im Briefkasten haben (in dem ich ihm wieder einmal schreibe, dass Er sich jederzeit bei mir melden kann und dass ich mich auf irgendwann freue). Hat Er aber nicht, weil ich den heute erst aufnehmen werde. Auch für die Sannitanic liegen hier seit drei Wochen Sachen rum, die ein so komisches Format haben, dass ich noch herausfinden muss, wie ich die am besten verschicke. Ich fange nur sehr langsam wieder an zu funktionieren - aber immerhin. 

Kommt gut in Richtung Wochenende!

Montag, 30. Dezember 2019

Wie verbringt Ihr Silvester?


Sorry für's Verlinken, aber mich interessiert wirklich, was Ihr an Silvester macht. So egal mir Weihnachten ist, so wichtig ist mir die Ausgestaltung des Jahreswechsels.

Früher war ich ein flammender Feuerwerk-Fan. Ich fand es immer unglaublich spannend zu erleben, was passiert, wenn man die Pyroartikel anzündet. Aber irgendwann kennt man die Effekte. Da fehlt das Neue, und irgendwie ist es dann nicht mehr aufregend. Dieser Umstand, kombiniert mit der Klimawandel-Feinstaub-Debatte, bedeutet für mich, dass ich kein Feuerwerk mehr zünde. Ich habe nur noch zwei Stück Kleinfeuerwerk in der Wohnung - Wilde Hummel - für Feieranlässe mit der großen Buba.

Ich verbringe Silvester allein. Ich möchte den Tag ruhig und ausgeglichen verbringen. Der Abend fühlt sich ein bisschen "magisch" an, oder zumindest irgendwie bedeutsam. Natürlich mache ich daraus einen Meditationstag; ich denke nach über alles, was im vergangenen Jahr passiert ist, und was mich stark bewegt hat, und da gab es in Zweitausendneunzehn wieder Einiges. Ich möchte das vergangene Jahr wertschätzen und mich seelisch vorbereiten auf das, was im neuen Jahr kommt, und das wird in Zwanzig Zwanzig Einiges Wichtiges sein. Vielleicht finde ich etwas über mich selbst heraus. Vielleicht finde ich ja einen neuen Job. Vielleicht nehme ich endlich wieder Kontakt mit ihm auf, damit Er nicht denkt, ich hätte ihn abgehakt.

Schöne Musik, die Wohnung dunkel, um Mitternacht aus dem Fenster schauen. Leckeres Essen, Berliner, tolle Filme. Ich genieße es, dass ich den Jahreswechsel allein verbringen kann und nicht auf irgendjemanden Rücksicht nehmen muss, bzw. mein Abendprogramm an irgendjemanden anpassen muss.

Und was macht Ihr?

Samstag, 14. Dezember 2019

...da ist Er...

(talk to me)

vorweg: Klaus, ich verschiebe Dich auf morgen, nimm' es nicht persönlich. Oh, und die Plakatkampagne von gestern hängt in Kiel auch mit schwulen Pärchen ;-)

Vor einiger Zeit schreibt Er bei Facebook. Fragt nach der Handynummer, um Kontakt zu halten, weil Er FB nicht mehr nutzen möchte. Ich antworte, dass ich immer noch kein Handy habe, aber dass ich ihm bald eine Mail schreiben werde. Er antwortet, dass Er sich darauf freut. Das war vor anderthalb Jahren. Und ich habe ihm bis heute nicht geschrieben, obwohl hier seit über einem Jahr ein Mailentwurf liegt.

Vor ein paar Wochen. Ich bin an der Bushaltestelle, warte auf den Bus. Dort kommt Er, aus der Nebenstraße, erkennt mich, strahlt, winkt mir zu. Ich strahle zurück, winke auch, und gehe dann zügig zu Fuß weg, bevor Er über die Straße kommen kann, und gehe den ganzen Weg zu Fuß.

Vor einigen Tagen, ich kaufe ein in dem Laden in dem Er mit Nebenjob arbeitet. Ich gehe an seiner Abteilung vorbei, dort steht Er, hinter der Auslage, vier Schritte vor mir, den Rücken zugewandt. Für eine Sekunde bleibe ich stehen, eine zweite Sekunde überlege ich... und dann gehe ich schnell weiter...

Gestern, Saturnalien. Ich sitze auf meinem Platz, am Rand, das mag ich lieber als zwischen all' den Leuten. Plötzlich steht Er neben mir, strahlt mich an, "Hallo Dr H!" - ich strahle zurück, "Hallo Herr B!" und strecke ihm von meinem Sitzplatz aus die Hand entgegen. Er schaut etwas verwirrt auf meine Hand, "Okay... ... hey, ich sitze vor dir!" - "Super, dann kann ich dich in den Nacken pieksen!" - und das waren die letzten Worte und Blicke für diesen Abend, das habe ich zu verantworten.

Ich weiß nicht, was Er daraus liest - ich vermute mal nichts. Aber der überraschte Blick, als ich ihm einfach nur die Hand hingestreckt habe, der ließ sich gut deuten. Als Frage, warum ich nicht aufstehe, warum ich ihn nicht in den Arm nehme, so wie früher. Und ich bin mir sicher, dass ich mehr darüber nachdenke als Er. Und dass ich überhaupt nachdenke, killt in meinem Kopf die Frage, ob ich ihn vermisse. Die Antwort liegt auf der Hand.

Ich wünsche mir wirklich sehr, wieder Zeit mit ihm verbringen zu können. Aber ich weiß auch, dass es einfach nicht geht, solange Er diesen Schritt auf mich zu nicht machen kann. Ich warte weiter.

Lojong-Losung 26: "Denke nicht über die Angelegenheiten Anderer nach"

Ich komm' klar.

post scriptum: Einen "Kommentar" zu den diesjährigen Saturnalien gibt es übermorgen!

Samstag, 9. November 2019

Saturnalien - Die psychedelische Prüfung...

"Burkard - Cicero - Quintilian": Dieser Schriftzug hat sich im Lauf des Sketches ein klein wenig gewandelt ;-)

...a.k.a. "Reddam kommt von Fahzere, oder?"

Dieser etwas... bunte Sketch aus dem Jahr Zweitausendelf beruht in der ersten Hälfte auf einer wahren Begebenheit und der Song zum Schluss hat sich leider als zukunftsverkündend für mich erwiesen. Heute gibt es das Video, morgen gibt es die Entstehungsgeschichte zu dem Sketch (denn das war tatsächlich meine mündliche Examensprüfung in Latein, damals noch unter dem Arbeitstitel Esoterik), und die hat alle Emotionen, die man braucht, und Alkohol, Kartoffelsalat, Kinnspann (?), Pappen in der Tasche, und auch Er taucht in meinem Leben auf. Heute gibt es unter dem Video erstmal nur die Songlyrics, weil man das im Video vielleicht nicht so gut versteht. Have fun!



Alles ist Latein! (Roxette – Sleeping In My Car)

P1: Reddam kennst du nicht, du bist kein helles Licht
Doch Deklinieren, Konjugieren ist bei uns nicht mehr Pflicht,
denn eines hast du wohl schon erkannt,
keiner braucht dich

P2: Jetzt hast du fast bestanden, doch sei darauf gefasst
Wenn du erstmal dein erstes Examen in der Tasche hast
Ist Arschkriecherei ganz großer Stil
Scheiß auf Horaz (WAS???), scheiß auf Vergil!!!

Alles ist Latein, hör auf zu träumen
Du wirst nie Lehrer sein, in Klassenräumen
Ist für neue Lehrkräfte kein Platz
Gib es auf, lass es sein

Doch denk jetzt nur nicht, dein Abschluss sei verflucht
Denn Taxifahrer werden immer und überall gesucht
Auch Kellner und Kassierer in Kiel
Wird man schnell, wer braucht schon Vergil

Alles ist Latein, hör auf zu träumen
Du wirst nie Lehrer sein, in Klassenräumen
Ist für neue Lehrkräfte kein Platz
Gib es auf, lass es sein

Alles ist Latein, spar dein Gezeter
Werd doch lieber Staub Saugervertreter
Refrendar in Kiel nur mit 1 9
Wer schafft das mit Latein

Mit deinem Zeugnis in der Hand
Schnorrst du dich durch das ganze Land
Potential verkannt

Mittwoch, 16. Oktober 2019

vollkommen übERfordert

Mehr als schwarz und weiß

vorweg:   "Demnächst" (Eugen Roth)
                
                Ein Mensch spricht mit dem Freunde fern:
                Sie sähn sich - endlich! - wieder gern!
                Doch eh sie ganz die Glut entfachen,
                Um gleich ein Treffen auszumachen,
                Verlöschen eilig sie die Flammen:
                "Wir rufen demnächst uns zusammen!"
                Sie haben auch, nach drei, vier Wochen,
                Am Telefon sich neu besprochen;
                Und sie vereinen die Entschlüsse,
                Daß man sich demnächst sehen müsse.
                So trieben sies noch manches Jahr - 
                Bis einer - ohne Anschluß war.

Im Kopf fünf Schritte und drei Stunden weiter - einige von Euch kennen das. So konzentriert weiter, dass man von dem Hier und Jetzt nur die Hälfte mitbekommt und es sehr schwer fallen kann, "den Moment zu genießen". Für mich ist es, als würde ich mit meinen Aktionen ein Drehbuch abarbeiten, das ich fünf Schritte und drei Stunden früher geschrieben habe. Das klappt auch, solange das Drehbuch sich genau so entfaltet, wie ich es mir überlegt habe. Ich weiß nicht, ob es Autisten da draußen auch so geht, und ob das ein Grund dafür ist, dass sie komplett ausrasten können, wenn die Dinge unvorhergesehen laufen - Stichwort mangelnde Flexibilität, und so.

Einer der letzten schönen Herbsttage, etwas Sonne, etwas Wind, noch nicht wirklich kalt, und ich ziehe mich an für einen kleinen Spaziergang nach Gaarden. Hin und zurück insgesamt eine Stunde frische Luft, großartig, und natürlich die Bewegung dazu, immerhin ein kleiner Ausgleich für das Herumsitzen in der Wohnung. Und trotzdem: Als ich unten die Ampel zur anderen Straßenseite überquere und zu meiner Linken die Bushaltestelle sehe, wabert durch meinen Kopf der Gedanke, dass ich ja zumindest bis zur Hummelwiese mit dem Bus fahren könnte, sonst dauert das so lange. Mein Blick wandert auf die digitale Anzeige, und ich sehe, dass der nächste Bus in drei Minuten kommt, naja, warum eigentlich nicht? Und ich will gerade zur Bank gehen, da merke ich, wie jemand auf der anderen Straßenseite ebenfalls zur Bushaltestelle möchte, in schwarz gekleidet, und mir zuwinkt und über das ganze Gesicht strahlt. Ich merke, dass Er es ist, und die Gedankenzüge entgleisen für dreieinhalb Sekunden in einem maelstrom of consciousness...

...nein, nicht jetzt, warum steht er da, scheiße, was mache ich jetzt, wir haben uns mehr als zwei jahre nicht gesehen, und ich habe ihm seit einem dreivierteljahr nicht geantwortet, weil ich endlich ohne ihn gut zurechtkomme, naja, dann kann ich doch jetzt mit ihm zusammen auf den bus warten, endlich einmal in den arm nehmen, endlich für einen winzigen moment "satt" sein, ich winke mal zurück, schaue dann aber wieder stumpf auf den boden vor mir, ich muss etwas schneller gehen, ich muss hier weg, hilfe, hoffentlich spricht er mich nicht an, und warum muss ich plötzlich grinsen, warum strahle ich über das ganze gesicht, nur weg hier...

...und ich gehe immer schneller, bekomme gerade noch aus dem Augenwinkel mit, dass Er warten muss, weil gerade viel Verkehr die Straße blockiert. Mein Blick bleibt stumpf auf den Fußweg gerichtet, wie immer, wenn ich das Gefühl habe, dass ich weg muss, nur dass ich diesmal nicht an Fibonacci denken kann, und ich frage mich, warum ich mich so sehr freue, ihn einfach nur für zwei Sekunden gesehen zu haben, ich kann das nicht einordnen. Warum schafft Er es immer noch, mich so aus dem Konzept zu bringen?

Doch irgendwie ist es mittlerweile anders. Klar, ich bin total überfordert, aber ich habe nicht mehr das Bedürfnis, ihm noch an diesem Abend zu schreiben, ihn auf dieses "Ereignis" anzusprechen. Und es ist mir in dem Moment auch nicht so wichtig, was Er wohl denken mag, darüber, dass ich ohne anzuhalten einfach weitergehe, ohne die Gelegenheit zu nutzen, ihn anzusprechen, ohne die Chance an mich zu reißen, dass Er endlich einmal ohne seine Freundin mit mir reden kann. Ich laufe schnurstracks nach Gaarden weiter, aber das Lächeln bekomme ich für den Rest des Tages nicht mehr von meinem Gesicht.

Das ist jetzt eine Woche her, und es hat dafür gesorgt, dass ich über eine Woche nichts Neues hier im Blog geschrieben habe, weil ich meine Gedanken nicht vernünftig konzentrieren konnte. Ich frage mich oft, wie es sein kann, dass so ein Moment mich immer noch so stark berühren kann. Ein Mensch, der "weg" ist. In den ersten Tagen nach diesem Wiedersehen hatte ich häufiger den Wunsch, endlich wieder mit ihm reden zu können. Das Gefühl, dass Er mir zur Zeit doch irgendwie fehlt. Nun ist es noch ein paar Tage später, und mir ist wieder bewusst geworden, dass ich zur Zeit andere Fokuspunkte im Leben habe, dass ich nicht die Bereitschaft habe, mich ihm jetzt intensiver zu widmen.

Ich dachte im Studium öfters, ich sei verliebt gewesen. Dass aber ein Mensch, den ich seit über zwei Jahren nicht gesehen oder gelesen habe, mit einem so kurzen Blick eine so starke emotionale Reaktion hervorrufen kann, das hatte ich noch nie.

Vielleicht sollte der Moment einfach die Erinnerung daran sein, dass man Menschen nie ganz aufgeben sollte - und dass manche Dinge eben viel Zeit brauchen können. Vielleicht werden wir ja irgendwann unser Demnächst haben.

post scriptum: Es ist doch ein drolliger Zufall, dass ich an genau jenem Tag zum ersten Mal die Vorhängeschlösser an der Gablenzbrücke bemerkt habe. Das scheint sich zu einem Klassiker zu entwickeln, zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich und als Zeichen des Bundes hängen sie ein Vorhängeschloss an die Stahlseile. Es sind wirklich einige Schlösser, manche haben ein Herz darauf, scheinen extra für diesen Zweck produziert worden zu sein (ist ja auch ein klassischer Topos), andere Schlösser sind vollkommen verrostet, so dass man auf ihnen nichts mehr erkennen kann... ich habe den gesamten Neubau der Gablenzbrücke in meinem Studium miterlebt - als ich an die Uni gekommen bin, gab es damals noch die alte, enge Brücke, auf der früher die Straßenbahn gefahren ist. Ich frage mich, ob Kiel irgendwann tatsächlich die seit vielen Jahren diskutierte Stadtbahn (egal in welcher Form) bekommen wird, und wie die Gablenzbrücke dafür bearbeitet werden müsste, denn die Verbindung der beiden Fördeufer ist eine klassische Aufgabe der Straßenbahn damals gewesen.

Montag, 5. August 2019

"Jetzt nicht über Waffen reden"


Am vergangenen Wochenende gab es in den USA mal wieder Schießereien; in zwei Anschlägen sind zig Menschen um's Leben gekommen, die Regierung spricht von einheimischem Terror. Worüber sie nicht spricht: Waffengesetze.

Als ich heute zum x-ten Mal in diesem Jahr eine amerikanische Zeitung gelesen habe, in der stand "Wir sollten jetzt nicht über Waffen sprechen, sondern lieber für die Opfer und ihre Familien beten." - ist mir einigermaßen kotzübel geworden. Jedesmal wieder heißt es, jetzt bloß nicht über Waffengesetze sprechen, sondern Beileid bekunden. Der zweite Teil des Satzes ist okay - Anteilnahme zeigen - aber gerade nach einem solchen Anschlag sollte man endlich mal an das unangenehme Thema des Waffenbesitzes gehen. Ich finde es erschreckend, dass es in diesem Jahr in den USA bereits mehr bewaffnete Gewaltakte als Tage gibt, das hatte eine Zeitung recht hübsch herausgekehrt.

Unangenehme Themen. Ich glaube, es ist normal, dass die meisten Menschen Themen haben, über die sie nicht gern reden, oder? Ich meine die Frage durchaus ernst, denn ich habe da keinerlei Hemmschwelle, und auch das kann zu autistischem Verhalten zählen, wenn ich das richtig gelesen habe. Ich habe mit dieser mangelnden Hemmung bei meinen Freunden anfangs für Sorgenfalten gesorgt (und sie ist auch der Grund gewesen, warum ich in St.Peter-Ording eine Position in der Supervisionsrunde abgelehnt hatte). Die große Buba, Er und - glaube ich? - auch die Sannitanic, und auch meine Eltern. Ich habe keine Probleme damit, intime Details über mich preiszugeben, und es gibt kein Thema, über das zu sprechen mir Unbehagen bereitet. Die Frage ist nur, ob mein Gegenüber das wirklich hören möchte.

Ich dachte viele Jahre lang, dass das ganz normal sei. Ich frage mich: Woran kann ich denn erkennen, dass ein Thema für meinen Gesprächspartner unangenehm ist? Und dass ich nicht weiterbohren sollte? Viele Menschen sind ja so höflich, mich nicht darauf hinzuweisen, dass ich in ein Wespennest gepiekst habe. Wenn bei mir tatsächlich Autismus festgestellt werden sollte, dann werde ich nichts gegen diese Gesprächsbereitschaft unternehmen können.

Was sind Anzeichen, dass man ein ungutes Thema angeschnitten hat?

Samstag, 3. August 2019

Ungewollt rücksichtslos

Ich merke erst hinterher, was ich da angerichtet habe - wenn überhaupt...

Immer wieder stoße ich Menschen vor den Kopf, die ich liebe, und nicht selten verletze ich sie damit tief, ohne, dass ich das eigentlich möchte und ohne, dass ich etwas dagegen machen kann. Heute ist schon wieder so etwas passiert, diesmal ist die große Buba involviert. Wobei, ich kann eigentlich auch noch ein, zwei weitere Geschichtchen dazuerzählen. Oder eher vier.

Los geht's mit der Sannitanic: Ich habe es wieder nicht geschafft, ihr rechtzeitig zum Geburtstag zu gratulieren. Sie ist meine beste Freundin, und hilft mir zur Zeit echt weiter, und ich bekomme das einfach nicht auf die Reihe. Und warum? Weil mein Kopf in einer Kurzgeschichte steckt, die ich zur Zeit schreibe. Die interessiert mich wirklich, und deswegen bekomme ich vieles um mich herum nicht mehr mit.

Auch Er musste damals, während unserer gemeinsamen Zeit, eine ganze Menge dieser Kopfstöße einstecken, und ich habe mich dafür richtig gehasst. Ich werde hier allerdings nicht in's Detail gehen, denn das hat im Blog nichts zu suchen.

Und dann habe ich heute einen Meditationstag gemacht, bin gerade dabei, den Eisschrank abzutauen und weitere Aufgaben von der Wartung-Liste zu erledigen (Zusammenhand adé). Zu einem Meditationtag gehört für mich auch immer ein neuer Film, heute hatte ich Lust auf SciFi und mal geschaut, was es im letzten Jahr noch so an guten Filmen gegeben hat. Gesucht, gefunden, und so schaue ich mir den Film an, danach noch den Kinotrailer und plötzlich trifft mich der Schlag, denn da steht "Der beste Indie-SciFi-Film seit Moon", und das klang nicht ohne Grund so bekannt: Die große Buba hat neulich von dem Film geschrieben und gefragt, ob wir uns den zusammen anschauen können. Ja scheiße, das habe ich jetzt mal eben im Alleingang erledigt. Rücksichtslos. (Prospect, 2018)

Oder wie wäre es mit Klaus: Ich bin so sehr in meine momentane Situation vertieft, dass ich ihr nicht zurückgeschrieben habe, wochenlang - genau wie bei dem Geburtstag, den ich verpeilt habe: Mein Kopf steckt in einem anderen Projekt fest. Und dann schreibt Klaus mir eine Mail und fragt, ob sie irgendwas falsch gemacht hat, weil ich mich nicht bei ihr gemeldet habe. Same übrigens mit meinen Eltern, die sich hin und wieder natürlich Sorgen machen.

Ich bekomme das alles in der Regel nicht mit. Liebe Klaus, genau das meinte ich mit "Entweder, Ihr haltet es mit mir aus, oder eben nicht"...

Sonntag, 14. Juli 2019

Noch mehr Er-Klärungen


Wenn ich nun also tatsächlich ein Aspi sein sollte... dann würde es auch die Abwärtsspirale erklären, die Er und ich durchgemacht haben. Er hatte immer ein großes Harmoniebedürfnis, daran wird sich vielleicht nicht viel geändert haben. Er wollte mich auf keinen Fall enttäuschen, deswegen hat Er versucht, immer das zu sagen, was ich vielleicht habe hören wollen. Das konnten Unwahrheiten sein, oder Phrasendrescherei, aber Er hat es ja nie böse gemeint, im Gegenteil.

Da Asperger ihren Kommunikationspartner allerdings immer bei'm Wort nehmen, habe ich gedacht, Er meinte das alles wirklich so, wie Er es gesagt hatte. Ich hatte keine Idee davon, dass Er etwas, das ich ihm gezeigt habe, vielleicht nicht mochte, denn Er hat immer etwas Positives gesagt. Hauptsache, es kommt nicht zum Streit. Er meinte es gut, und ich dachte, Er meinte es wörtlich, und so kam es immer wieder zu Widersprüchen, die ich nicht nachvollziehen konnte.

Das Wörtlichnehmen kann ein echtes Problem für Asperger sein, denn Menschen neigen nun mal zu höflicher Phrasendrescherei - "Das Kleid sieht toll an dir aus!" - "Ach keine Sorge, wir sehen uns bestimmt bald wieder!" - "Alles wird gut." Ich habe mir in den I-Klassen immer wieder gesagt, dass ich deutliche und eindeutige Sprache benutzen muss, wenn ein Schüler mit dem Asperger-Syndrom in der Klasse sitzt. Wie kann man eigentlich so blind sein und dieses Verhalten bei sich selbst jehrzehntelang nicht entdecken?

Aber besser spät als nie, und das gilt auch für ihn: Sollte Er sich irgendwann durchringen können und sich wieder mit mir treffen, dann wissen wir jetzt immerhin, wie wir miteinander umgehen müssen.

Das wird schon alles wieder.

Montag, 8. April 2019

Männer und Autos


Was ist das nur mit Männern und ihren Autos? Es gab zwei Denkanstöße, die mich auf dieses Thema gebracht haben - so hat die große Buba berichtet, dass Er unlängst ihr gegenüber am Bahnhof stand. Ich hatte mich gefragt, was Er wohl am Bahnhof macht, und dann ist mir eingefallen, dass Er schon vor ein paar Jahren darüber nachgedacht hat, seinen BMW zu verkaufen. Das waren keine einfachen Gedanken, denn Er hat den Wagen richtig liebgewonnen, daran rumgeschraubt und geklebt, ich habe auch mal dringesessen. Ich fand es toll, wie Er sich für sein Auto begeistern konnte.

Der zweite Denkanstoß ist leider nicht mehr ganz so fröhlich; es ist der Fall der Kudamm-Raser, der wieder aufgerollt wird: Zwei junge Männer waren vor einiger Zeit nachts ein Rennen auf dem Berliner Kudamm gefahren, mit bis zu hundertsiebzig km/h - was nicht ganz so schlimm wäre, wenn dabei nicht ein dritter Fahrer in seinem Auto um's Leben gekommen wäre. Interessant die Aussagen der jungen Raser, die ihre Autos natürlich auch liebten, aufgemotzt hatten und sich hinter dem Steuer für die perfekten Fahrer hielten (die Anklage bleibt Mord). Leichtsinn und Dummheit, Männer und Autos.

Natürlich ist das ein heteronormatives Klischee - Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen - aber es scheint ja etwas daran zu sein. Der Großteil an Autounfällen wird von Männern verursacht, die sich überschätzen. Ich frage mich, was am Autofahren so "männlich" ist. Das Gefühl, eine große, schwere Karre unter Kontrolle zu haben? Der Wunsch nach Aufmerksamkeit, die anders nicht zu bekommen ist? Eigene Schwächen ausgleichen? Selbstwertgefühl steigern?

Irgendwann werde ich ja einen unbefristeten Job haben (schweig' Stulle, ich sage das zu Argumentationszwecken), und ich möchte dann auch gern ein auffälliges Auto haben. Allerdings kommen für mich - scheinbar aus Prinzip? - BMW, Mercedes und Audi nicht in Frage. Ich hoffe nur, wenn ich dann irgendwann mal mein eigenes Auto habe, dass ich dann nicht auch so werde...

Samstag, 15. Dezember 2018

Schauspieler

Wieder einmal Psychologie...

Heute geht es mir um die Art und Weise, wie wir oft mit unseren Mitmenschen umgehen.

Wir machen uns eine Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen soll. Wir überlegen uns, ob wir eine Familie gründen wollen, welchen Job wir haben wollen, wie unsere Wohnung wohl aussehen sollte. Die Transaktionsanalyse nennt diese Vorstellung Lebensskript, aber zu diesem Skript gehört noch viel mehr dazu als nur Kulissen für unser Leben. In dem Skript stehen auch Verhaltensweisen - wie wir unsere Mitmenschen behandeln wollen, welche Gesetze wir einhalten wollen, welche wir brechen wollen. Das tun wir nun einmal, nicht wahr, liebe Raser?

Wir machen uns ein Bild von uns selbst: Wie stelle ich mir mich selbst vor? Welche Ansichten habe ich, welche moralischen Werte, welchen Glauben? Das Lebensskript ist fast wie ein Drehbuch für einen Film, es stehen Charaktereigenschaften drin, nicht nur mich betreffend, sondern auch für die Menschen, mit denen ich zu tun haben werde.

Denn meistens haben wir ja Mitmenschen als Teil unseres Lebens. Und so fülle ich mein Lebensskript / Drehbuch mit Rollen: Ich habe eine Freundin, mit der ich extrem albern sein kann, und ich habe eine Freundin, die mich auf den Erdboden zurückholt - ach warte mal, die Rollen sind schon besetzt. Gibt es freie Rollen? Tatsächlich: Es gibt da einen Mann, mit dem ich befreundet sein kann, einen, der das mit der sexuellen Orientierung nicht so genau nimmt. Und er sollte irgendwie auch alles mitmachen, was ich vorschlage. Am besten widerspricht er mir auch nicht so viel, denn dafür habe ich ja schon die Freundinnen.

Wer diesen Blog länger verfolgt hat, wird natürlich wissen, dass das eine Rolle ist, die Er eingenommen hat. Er hat da perfekt hineingepasst, klasse, nun ist auch diese Rolle besetzt. Und so entwickelt sich mein Drehbuch ganz nach meiner Regie. Planbar, übersichtlich.

Sagt mal, Dr Hilarius, hackt es?! Glaubst Du ernsthaft, dass Du Menschen in Dein Leben lassen kannst, und dass diese sich dann auch bitteschön immer nach Deinen Vorstellungen richten - und wenn sie das vielleicht mal nicht tun, dann schaust Du dich halt um, ob Du eine neue Besetzung für die Rolle findest? So funktioniert es nicht. Du kannst nicht von Menschen erwarten, Schauspieler in Deinem Drehbuch des Lebens zu sein, über das Du durchgehend Kontrolle ausübst! Denn Menschen haben ihren eigenen Kopf, und es wird nie so sein, dass jemand vollkommen authentisch ist und gleichzeitig hundertprozentig Deine geplante Rolle erfüllt. Das wird nie klappen!

Und trotzdem ist das etwas, was wir immer wieder machen. Nicht nur ich. Wir legen in unserem Leben für unsere Mitmenschen Rollen an, quasi festgelegt ohne Improvisationsspielraum, und sind enttäuscht, wenn diese Schauspieler sich dann nicht an die Vorgaben halten. Damit machen wir uns und unseren Mitmenschen das Leben schwer, denn dann ist es kein echt gelebtes Leben mehr.

Warum schreibe ich hier darüber? Charlie Kaufmans Synecdoche, New York (2008) beschäftigt mich seit dem Ansehen vor einigen Tagen noch immer, denn der Film stellt genau diesen Sachverhalt verständlich dar. Philip Seymor Hoffman spielt einen Theaterregisseur, der einen hoch dotierten Preis erhält und mit dem Geld ein Mammutprojekt startet: Ein Theaterstück über das Leben an sich. Dazu baut er in einer gewaltigen Halle eine Stadt nach und bevölkert sie mit Charakteren - natürlich auch mit jemandem, der ihn selbst spielt und so weiter.

Im Lauf des Films verschwimmt die Grenze zwischen Theaterstück und realem Leben immer weiter (siebzehn Jahre lang proben sie ohne Publikum), und es wird uns deutlich, dass es genau das ist, was wir immer wieder tun. Das Festlegen von Rollen, in die wir dann unsere Freunde, Familie und Mitmenschen hineindrängen.

Der Film ist wirklich toll, literarisch wertvoll, und hat mich in's Nachdenken gebracht. Und dann realisiere ich, dass Er von mir in eine Rolle gedrängt wurde, die aber nicht seinem realen Ich entspricht. Und ich schäme mich fast ein bisschen dafür, dass mir das alles immer so einleuchtend erschien damals. Es muss andersherum gehen: Er sollte von sich aus in mein Leben kommen, und ich habe ihn dann nicht als Rolle im Stück, sondern als die reale Person, die Er nun mal ist. So ist es damals nicht gelaufen und die Zeit wird zeigen müssen, ob dieses zwischenmenschliche Verhältnis aus den Schuhen der Theaterrollen hinaus springen kann und das Leben so lebt, wie es wirklich ist.

Donnerstag, 29. November 2018

bewusstseinsverändernd


Das könnte wieder so ein Artikel werden, mit dem ich mich aus dem Fenster lehne. Vom Typ "Darüber kannst du doch nicht öffentlich schreiben!" - einer dieser Beiträge, die gerne mal wohlmeinende Ratschläge von Kollegen nach sich ziehen.

Ich bin sehr neugierig. Das wird mir zur Zeit besonders dadurch bewusst, dass ich Videospiele meistens nur noch ein Mal spiele. Früher war das anders, und ich weiß nicht, wie oft ich Secret of Mana schon gespielt habe. Mittlerweile brauche ich Neues. Ich möchte neue Welten entdecken, neue Monster plattmachen, neue Gruselgeschichten erleben.

Einen vorläufigen Höhepunkt hatte meine Neugier im Studium, als ich mich dafür interessiert habe, die verborgenen Ecken meines Geistes kennenzulernen. Über psychedelische Substanzen habe ich schon einmal geschrieben. Ich wollte im Studium mehr kennenlernen... die Neugier hat sich nicht davon abhalten lassen, mich mit Psychedelika flirten zu lassen. Natürlich immer nach dem Konzept der Drogenmündigkeit.

Ich habe viele Türen in meinem Kopf geöffnet und viele bereichernde Erfahrungen gesammelt. Irgendwann kam dann allerdings der Wunsch, wieder in geraden Linien zu denken, einen Alltag zu haben, bei den gewohnten Denkmustern zu bleiben. Dazu kommt dann die berufliche Situation, von einer Schule zur anderen, da war ich einfach nicht mehr bereit für so ein Abenteuer. Das Mindset muss stimmen.

Ich wurde heute daran erinnert, durch einen Film, der sich um einen Wissenschaftler dreht, der nicht nur bewusstseinsveränderte Zustände im Kopf erleben möchte, sondern einen Hinweis darauf bekommt, dass diese Veränderungen auch außerhalb des Gehirns auftauchen können. Wenngleich ich diese "Externalisierung" der Gedanken recht albern fand, so hat der Film doch einen recht authentischen Blick geworfen auf eine Zeit nach den Sechzigern - man war offen für alles, Sex, Drogen, Liebe, naja, Ihr kennt das ja.

Abgesehen von meinen kleinen Meckereien fand ich den Film wirklich gut, ich habe mich intensiv an diese Phase im Studium erinnert gefühlt. Es handelt sich um Altered States (1981), der in Deutschland den völlig bescheuerten Titel Der Höllentrip bekommen hat, muss wohl der Versuch gewesen sein, möglichst viele Jugendliche an die Kinokassen zu locken. Es ist schwierig, den Film in einem einzelnen Gernre zu verorten - ich würde sagen, dass Science Fiction am besten passt.

Wer also eine Idee bekommen möchte, was man mit Psychedelika erleben kann, sollte sich das einmal anschauen. Idealerweise mit Surroundsound, das lohnt sich bei dem Effekt-Feuerwerk. Und ich? Ich muss zugeben, dass der Film die Neugier in mir wieder ein bisschen weckt. Allerdings habe ich nicht vor, Illegales zu tun - und da viele psychedelischen Substanzen dem BtmG unterstellt sind, ist das außer Reichweite.

Aber ich bleibe neugierig!

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Wir sind ja so tolerant!



Lieber nicht hinsehen

"Ich habe nichts gegen Schwule. Solange sie sich nicht schwul benehmen."

Okay, das mag jetzt wenig originell sein - aber leider noch genauso aktuell wie vor Jahren. Nehmen wir doch mal Mensch A. A war ein sehr offener Mensch, gab sich zumindest Mühe. Und sicherlich hat A das auch alles ernst gemeint: "Ich habe nichts gegen dicke Menschen, soll jeder mit sich zufrieden sein."

Ich habe viel Zeit mit A verbracht, so dass ich nach einigen Monaten dann mal zu A sagen konnte: "Ist dir eigentlich mal aufgefallen, wie oft du dich über dicke Menschen lustig machst?" - Das hat gesessen, hat A einigermaßen getroffen und für ein Nachdenken gesorgt. A hat das sicherlich nie böse gemeint, die Scherze wirkten eher wie unbedachte Automatismen, und A "konnte sich das ja erlauben, weil A sehr sportlich war".

Von A kam auch der eingangs erwähnte Satz - A habe nichts gegen Schwule, solange sie sich nicht tuckig benehmen. Und ebenso, dass A nichts gegen Lesben habe, solange sie keine butch sind. Und Lesbensex in Filmen ist sowieso noch einmal etwas ganz Anderes. Und ich habe A auch in der Hinsicht klargemacht, dass A eben doch etwas gegen Schwule hat. Das ist wie "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber..."

Und auch diese Erkenntnis hat gesessen, und wieder war ich überzeugt, dass A es nicht böse meinte. Immerhin ist A auch mit mir als sexuell ungebundenem Menschen klargekommen. Weil ich meistens nur rumtucke, wenn eine gewisse Die Große Buba anwesend ist.

Es hat mich gefreut, wie A mit diesem neuen Bewusstsein umgegangen ist. Dass A mir das alles geglaubt hat, und dass A sich seither Mühe gegeben hat, mehr auf Toleranz zu achten - denn A wollte definitiv tolerant sein, musste nur erstmal verstehen, was das eigentlich bedeutet.

Es gibt unglaublich viele Menschen wie A. Jene, die sich ihrer Intoleranz nicht bewusst sind, und denen es gut tun würde, wenn ein guter Freund sie einmal auf ihr Verhalten hinweisen würde. Aber aus Höflichkeit tun wir das ja oftmals nicht. Im Buddhismus heißt es, ein wahrer Freund sei einer, der Dich herausfordert. Nicht so wie die Antwortmaschinen...

Ich liebe A, und ich bedauere es wirklich, dass ich zur Zeit nicht miterleben darf, wie A sich entwickelt. Aber vielleicht tut es A auch ganz gut, wenn da mal keiner ist, der oft so verletzend ehrlich ist, wie ich es war. Rücksichtslos. Überfordernd.

Nun denn. Und mit diesem Denkimpuls könnt Ihr euch ja einmal selbst fragen, wie tolerant Ihr denn seid. Auch Schülern gegenüber. Also mal ganz ohne "Die B ist eh' zu dumm für diese Schule!" Davon habe ich jetzt genug.

Montag, 22. Oktober 2018

Tag Eins

Hergehört, liebe Kinderchen!

Seid Ihr gut gestartet? Sei es nun in die neue Schulzeit oder in die Ferien, wie es bei Herrn Leinhos gerade der Fall ist; hier im Norden steht also ein neuer Schulblock an und es ist wirklich verwirrend, wenn der erste Schultag gleich schon wieder frei ist. Ein etwas seltsames Gefühl, das sicherlich noch seltsamer dadurch wird, dass ich Mittagessen zubereite - für mich ungewöhnlich, weil ich monatelang intermittierendes Fasten betrieben habe, also nur eine Mahlzeit täglich am Abend zu mir genommen habe. Ich brauche jetzt aber etwas mehr Energie, um die anstehenden Aufgaben zu erledigen. Dabei kommt es mir sehr zupass, dass draußen die Sonne scheint; ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber bei Sonnenschein ist die Arbeitsmotivation um Einiges höher als bei der grauen, für den Herbst üblichen Waschküche da draußen. (korrigiere: Energie für Hausarbeit rauf, Energie für Korrekturen runter)

Ich bin auch gespannt, wie meine Schüler den Start in die Schulzeit überstehen; je nach Bildungsgang verbringen sie ja nur ein Jahr an der Berufsschule, mit anschließenden Abschlussprüfungen, und ich hoffe, dass ihnen bewusst ist, dass sie von Anfang an durchpowern müssen - genau wie ich, um das Gefühl zu bekommen, dass ich sie gut auf die Klausuren vorbereitet habe. Jeder, der schon einmal ein Abitur oder ESA bzw. MSA abgenommen hat, wird das Gefühl kennen.

Außerdem bin ich froh über die Ablenkung, die die Arbeit mit sich bringen wird. Ich habe gemerkt, dass Er mir in den vergangenen drei Wochen etwas zu viel durch die Gedanken gespukt ist, und das tut mir nicht gut. Ich habe damals im Studium zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie wohltuend Arbeit sein kann - damals, bei meinem ersten Liebeskummer, für den ich dank meiner Hiwi-Arbeit kaum Zeit hatte.

Und nicht zuletzt habe ich bei allen Schulanfängen in den letzten Jahren immer wieder Eines gemerkt: Auch wenn mit dem Dahinschwinden der letzten Ferientage sich ein wenig Unmut einstellt, ein wenig Angst vor dem, was kommt, oder ein wenig Traurigkeit, dass die freie Zeit vorbeigeht, so hat die erste Schulwoche mir immer wieder bestätigt, dass ich gern Lehrer bin. Dass die Schüler mir, egal, wie sie sich gerade verhalten, gute Laune bereiten, weil ich das Gefühl habe, etwas zu bewirken. Und dabei war es völlig egal, an welcher Schule ich war - aber ich muss zugeben, an dieser hier könnte es wieder etwas angenehmer werden.

post scriptum: Heute habe ich in der Stadt ein Plakat gesehen für ein Konzert - "Vicky Leandros life!" (sic); wie soll ich meinen Schülern glaubhaft versichern, dass einzelne Buchstabenverwechsler schwerwiegende Bedeutungsunterschiede mit sich bringen können und es gerade im Bereich Business auf jeden Fehler ankommt, wenn die Werbung mal wieder solche Klassiker bringt? Vuck!

Mittwoch, 17. Oktober 2018

The Evil Within Me. And You.

Mancher muss sehr gründlich in die eigene Seele schauen, um das Böse zu finden...

Mir ist bei der Auswahl der tags eben aufgefallen, dass dieser Beitrag eigentlich so viele Themen anschneidet. Und Schuld daran trägt der Zufall, der ein paar Ereignisse zeitlich nah beieinander hat geschehen lassen: Gestern der Film My Dinner With André, heute hat Er mir dann auf eine Videobotschaft von mir geantwortet und ich überlege, was in das nächste Video soll, und dann habe ich heute auch noch einen Film von Michael Haneke gesehen. Ausgerechnet.

Haneke ist ein verdammt unbequemer Regisseur, weil seine Filme sich überhaupt nicht den Bedürfnissen von Hollywood hingeben, sondern extrem authentisch die Unmenschlichkeit des Menschen portraitieren. Vor einer Weile hatte ich seinen Film Caché (2005) gesehen; einer von Euch hatte ihn mir empfohlen, und so habe ich angefangen, mich mit Haneke auseinanderzusetzen. Heute gab es Das Weiße Band (2009; bei Amazon prime frei verfügbar), eine "deutsche Kindergeschichte", wie es im Vorspann heißt. Wir sehen dann zweieinhalb Stunden lang das Leben in einem deutschen Dorf vor dem Ersten Weltkrieg. Bei Haneke darf man sich sicher sein, dass alles, was da läuft, authentisch und bis in's Detail durchdacht ist; er ist ein recht kompromissloser Regisseur, und seine Filme mögen gerade für jüngere Zuschauer langweilig wirken, aber irgendwann kommt der Moment im Leben, dass man realisiert, dass die Bösen nicht immer die Anderen sind.

Das Potential, Böses zu tun, schlummert in jedem von uns. Und es muss nicht immer gleich ein Mord oder ein Weltkrieg sein; dass Haneke den Film zur Zeit des Attentats enden lässt, ist eine konsequente Weiterentwicklung aus dem, was er uns vorher gezeigt hat: Ein Pferd und Reiter stürzen über einen gespannten Draht, ein Gebäude wird angezündet, einem Jungen werden die Augen ausgestochen. Grausige Ereignisse, die in der Dorfgemeinde bewirken, dass jeder jeden mit anderen Augen anschaut. Hanekes Geniestreich - wie auch schon bei Caché: Er liefert uns keinen Täter. Das Whodunit bleibt offen, und damit wird uns bewusst, dass es Haneke gar nicht um die Frage des Täters ging, sondern um die Erkenntnis, dass es jeder hätte gewesen sein können.

Unschuld gibt es nicht. Können wir uns davon frei machen? Wann bist Du zum letzten Mal schneller gefahren als erlaubt? Wann hast Du jemandem ein Kompliment zum Outfit gemacht, das in Wirklichkeit grauenvoll aussieht? Wann hast Du zum letzten Mal Deine Freundin belogen und ihr verheimlicht, dass Du mit jemand Anderem Kontakt hast? Wann hast Du verheimlicht, dass Dir der Sex mit ihm eigentlich überhaupt keinen Spaß gemacht hat? Diese Liste ließe sich ad infinitum fortführen. Es geht um die Erkenntnis, dass jeder von uns das Potential hat, "Böses" zu tun.

By the way, natürlich hat Haneke damit keine großen, neuartigen Erkenntnisse auf Zelluloid gebannt - David Lynch hat das zum Beispiel auf seine ganze eigene Weise in der jüngsten Staffel Twin Peaks gemacht. Aber Haneke schafft das ganz ohne Effekte, ohne komplexes Sounddesign. Er gibt uns das Gefühl, dass das, was wir da auf dem Bildschirm sehen, wirklich so geschehen ist. Dadurch baut der Regisseur die Vierte Wand ab - was er zum Beispiel bei Funny Games etwas plakativer gemacht hat.

Ich finde es scheiße, wie oft in unserer Welt Menschen die Schuld immer woanders suchen und sich selbst für den Ursprung aller Unschuld halten. Und weil der Film mich inspiriert hat, möchte ich ein kleines bisschen dieser Ehrlichkeit in die nächste Videobotschaft einbauen, mal schauen, ob Er etwas merkt.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Die letzte Zugfahrt

Manches lässt sich nicht trennen

Wir sitzen am Bahnhof, niemand sonst wartet auf den Zug nach Freiburg. Niemand da, der stören könnte, und trotzdem sprechen wir nicht miteinander. Wir blicken beide traurig abwechselnd auf den Boden oder in die Richtung, aus der der Zug kommen sollte. Wir haben beide rote Augen. Ich vom Weinen, Er von der durchgemachten Nacht. Wir sind beide übermüdet; vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum wir nicht miteinander reden. Was sollten wir denn auch besprechen? Worüber unterhält man sich auf der letzten gemeinsamen Zugfahrt? Was sagt man sich, wenn man sich am Zielbahnhof ein letztes Mal in den Arm nimmt? Was sind die letzten Worte, die man dem Menschen sagen soll, der einem so sehr ans Herz gewachsen ist, wenn man weiß, dass man sich nicht mehr wiedersehen wird?

Ich habe mich bereits die letzten zwei Nächte über mit dem Gedanken auseinandergesetzt – aber Er ist sich erst spät, bzw. heute in aller Frühe dieser Realität bewusst geworden. Und dabei hätte es alles toll sein können. Wir beide sind für vier Tage von zuhause geflohen, quer durch Deutschland gefahren und den Europa-Park besucht. Ich hatte versucht, für alles zu sorgen, und Er meinte, dass das ein echtes Erlebnis ist.

Ich will auch gar nicht weiter darüber nachdenken, was zu dieser beschissenen Situation geführt hat. Und nun kommt der Zug, wir steigen ein und zwanzig Minuten später schon wieder aus. Und reden immer noch nicht miteinander. Dann fährt der ICE Richtung Norden ein, wir suchen unsere reservierten Plätze, ein Vierer, und uns gegenüber sitzt eine Frau mit ihrer Tochter. Die Kleine ist so niedlich, dass wir beide lächeln und ein bisschen mit ihr spielen.

Der Zug fährt ab, und ich schaue ihn zum ersten Mal an diesem Tag direkt an, und Er schaut zurück. „Hey, wollen wir uns jetzt stundenlang anschweigen?“ fragt sein Blick mich. Ich lächele traurig, Er auch. Er nimmt sich seinen MP3-Player und setzt die Kopfhörer auf. Ich fasse nach seiner Schulter, bitte noch nicht, bitte lass' uns wenigstens ein bisschen reden. Das tun wir. Unauffällig, weil wir dem kleinen Mädchen nicht alle Details der letzten Nacht servieren wollen.

Aber worüber reden wir nun? Ich schaue auf die Uhr, noch sechs Stunden, dann heißt es Abschied nehmen. Wir schauen uns seit Minuten an, ununterbrochen. Ich möchte nicht mehr wegschauen, und Er auch nicht. „Mama, warum sind die beiden Männer so still?“ Wir lächeln. „Tina, die Männer sind bestimmt sehr müde, lass' sie mal ein bisschen in Ruhe.“ Die Mutter lächelt uns an, und ich verwette mein Gehirn, dass sie genau weiß, woran Er und ich gerade denken. Sie sieht, dass wir traurig sind. Man könnte denken, dass wir uns lieben, ich ihn und Er mich. Und die Mutter lächelt hilflos, denn sie würde uns gern etwas Gutes tun.

Nach einer gefühlten Ewigkeit den Anschauens fragt Er mich, ob es okay ist, wenn Er eine Weile Musik hört. Natürlich ist es das, und wir schließen die Augen und lehnen uns zurück. Ich nehme meine Armbanduhr ab, ich möchte nicht sehen,wie unsere letzte gemeinsame Zeit verrinnt.

Und dann fangen wir doch an zu reden. Wir möchten uns nicht die Schuld geben. „Es war nicht dein Fehler“, sagt Er. Dann ich. Ich nehme seine Hand. Die kleine Tina malt in einem Buch herum. Und selbst, wenn sie das nicht täte: Heute ist es uns egal, was die Menschen um uns herum denken. Wir bekommen gar nichts mehr mit, schauen uns nur wieder an. „Ich will dich nicht gehen lassen“, aber wir haben diesen Entschluss in der letzten Nacht gefällt. Seitdem hatte er nicht mehr mit mir gesprochen, hat sich im Hotel im Bett weggedreht, weil er nach und nach die Tragweite dieses Entschlusses einschätzen konnte.

Und plötzlich fangen wir an, ehrlich miteinander zu reden. Über Gefühle, über alles, was wir erlebt haben. Über die irren Nächte, über die schönen Zeiten, ich halte immer noch seine Hand. Wir würden das niemals zuhause in der Öffentlichkeit gemacht haben, denn ich war nie ein gutes Gesprächsthema in seiner Welt, und deswegen hat Er versucht, mich geheim zu halten. Aber nun, mehrere Hundert Kilometer entfernt von den Menschen, die nicht wollen, dass wir befreundet sind, nun können wir endlich authentisch sein. Wir haben noch nie so offen gesprochen wie auf dieser Zugfahrt, haben uns angeschaut und die Mutter gegenüber lächelt uns weiter an. 

Wir haben Eis gebrochen, und wir reden über alles, was in unseren Herzen vor sich geht. Wir haben Angst davor, zurückzukehren in eine Welt, in der wir wieder Rollen spielen müssen, in der wir nicht wir selbst sein dürfen. Wir würden so gern diese Zugfahrt ewig ausdehnen, denn Er redet wie ein Wasserfall von seinen Gedanken und Gefühlen, und für eine Weile wirkt es, als würden wir uns in einer leuchtenden Kugel befinden, in der wir endlich ehrlich sind und keine Blicke von außen fürchten müssen.

Dann fährt der Zug durch den Bahnhof Hamburg-Harburg, und wir realisieren, dass die Heimat immer näher kommt - und das Leuchten unserer Kugel wird schwächer. Er setzt seine Kopfhörer auf, ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Habe ich ihn lang genug angesehen, dass ich in Zukunft ohne diesen Anblick werde auskommen können?

Time will tell...

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Und ich erspare Euch die letzten Momente nach der Ankunft in Kiel. Warum schreibe ich das hier überhaupt? Weil Streit, unschöne Gefühle, Tiefen einfach zu jeder zwischenmenschlichen Beziehung dazugehören. Und die Geschichte zeigt uns vor allem eins: Solche traurigen, schweren Zeiten machen uns stärker. Warum würde Er sonst immer noch für mich aufgeschlossen sein?