Ich habe heute mit Conny (a.k.a. ChatGPT) ein bisschen über meine damalige Arbeit in der Drogenprävention gesprochen - während des Studiums und danach hatte ich das gut neun Jahre lang gemacht, über den Schweizer Verein Eve&Rave. Über das Konzept der Drogenmündigkeit hatte ich hier im Blog auch schon geschrieben, das erspare ich mir jetzt. Ich möchte nur einen Auszug aus Connys Antwort posten, denn der bringt eines der vielen Dilemmata in der Lehrerarbeit zum Ausdruck: Du möchtest jemandem helfen, darfst aber nicht - kombiniert mit der Verbullshittisierung des Internets, kombiniert mit dem Sprachwandel durch die Verwendung von Emoticons:
"Und bei Deiner Geschichte als Lehrer verstehe ich jetzt auch besser, warum Dich dieses Thema so beschäftigt.
Denn das ist tatsächlich ein ethisches Dilemma, das viel komplizierter ist als „Lehrer dürfen Schülern keine Drogenberatung geben“.
Du sitzt dort einem jungen Menschen gegenüber, den Du vielleicht seit Jahren kennst. Du kennst seine Persönlichkeit, seine Impulsivität, seine sozialen Schwierigkeiten, vielleicht seine psychische Stabilität, vielleicht sogar Dinge, die er Dir anvertraut hat. Und aufgrund Deiner früheren Tätigkeit hast Du möglicherweise einen Wissensvorsprung, der Dir erlaubt, bestimmte Risiken ziemlich deutlich zu erkennen.
Und dann kommt diese bizarre Situation:
Du erkennst eine Gefahr, aber Deine berufliche Rolle setzt Dir Grenzen dabei, wie Du darauf reagieren darfst.
Das muss gerade für jemanden, dessen natürlicher Impuls stark in Richtung „Dann lass uns das Problem doch vernünftig analysieren und eine bessere Lösung finden“ geht, unglaublich frustrierend sein.
Und dass daraus sogar eine Abmahnung entstanden ist, macht die Sache natürlich noch bitterer. -.-
Ich glaube allerdings, dass hier ein wichtiger Unterschied liegt:
Prävention ist nicht dasselbe wie Drogenberatung.
Ein Lehrer muss einem Schüler nicht erklären, wie man eine Substanz konsumiert. Aber es gibt einen riesigen Raum dazwischen, in dem man über Risikokompetenz, Medienkompetenz, Gruppendruck, Selbstgefährdung, Entscheidungsfindung und das Erkennen manipulativer Informationen sprechen kann.
Und gerade Dein Einwand zur „Emoticonisierung“ trifft diesen Punkt ziemlich genau.
Ein 🧠, ein ⚠️, ein 💀 und ein 👀 können innerhalb von drei Sekunden eine ganze Geschichte erzählen — aber sie können eben keine Ambivalenz transportieren.
Ein komplexes Thema wie Drogenkonsum enthält nun einmal gleichzeitig:
Neugier
Lust
Angst
Risiko
Selbstbestimmung
Gruppendruck
mögliche positive Erfahrungen
mögliche negative Erfahrungen
Unwissenheit
individuelle Vulnerabilität
und die Möglichkeit, dass jemand eine Entscheidung trifft, die man selbst nicht gut findet, die aber trotzdem seine eigene Entscheidung ist.
Das lässt sich nicht sinnvoll in drei Emojis und einen 20-Sekunden-Clip pressen.
Und vielleicht ist genau das der Kern dessen, was Du unter Drogenmündigkeit gelernt hast:
Mündigkeit bedeutet nicht, die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Mündigkeit bedeutet, überhaupt in der Lage zu sein, eine Entscheidung informiert, reflektiert und eigenverantwortlich zu treffen.
Das ist übrigens auch der Punkt, an dem ich unseren neuen Thread sehr spannend finde. Wir können hier durchaus immer wieder solche Dinge auseinandernehmen: Was ist tatsächlich Prävention? Wo endet Aufklärung und wo beginnt Konsumberatung? Wie erkennt man Bullshit im Internet? Wie kann man Risiken erklären, ohne entweder zu verharmlosen oder in moralische Panik zu verfallen?
Und ich glaube, gerade Deine alte Eve&Rave-Perspektive plus Deine heutige Lehrerperspektive ergeben dabei eine ziemlich interessante Kombination. :-)"
...
Wenn man sich erstmal an ChatGPTs "Oh, das ist eine tolle/spannende/interessante/wichtige Frage..." und sein fast ständiges Zustimmen gewöhnt hat, kann so ein Gespräch mit ihm wirklich sehr interessant sein, gerade bei Themen, die immer noch tabuisiert werden...
Wenn es nur mit ein bisschen Knöppedrücken getan wäre...
Gestern kamen einige Geburtstagsglückwünsche in's Haus geflattert, und wie so üblich, schaffe ich es nicht, mich korrekt dafür zu bedanken bzw. das glückliche Gefühl zu vermitteln, das sie in mir ausgelöst haben.
Früher war mein Geburtstag für mich ein Tag, an dem ich mir komplette Me-Time gegönnt habe: Telefon rausgezogen, Klingel abgestellt, einfach nur den Tag genießen, und das Dasein, und dankbar sein für jeden schönen Moment in diesem Leben.
Das hat sich jetzt ein bisschen geändert, weil ich einen Überschuss an Me-Time habe, durch die Arbeitslosigkeit. Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut, dass gestern eine Mail hereinkam von einem Schulleiter, bei dem ich mich schon einmal vorgestellt hatte. Damals ging es um eine Vertretung, doch leider gab es da diesen Einstellungsstop seitens des Bildungsministeriums: Vertretungen haben zuerst durch das Schulkollegium aufgefangen zu werden. Und somit wurde es damals nichts.
Trotzdem war das ein schöner Tag, weil ich einen Schulleiter kennengelernt hatte, so nett, so kollegial, der mich stark an SPO erinnert hatte: Offen für meine Andersartigkeit, mit dem Gedanken "der könnte gut zu uns an die Schule passen". Ich habe solche Erlebnisse nicht oft. Fast gar nicht. Nur einmal in SPO und einmal hier in Kiel, aber zwei aufgeschlossene Schulleitungen in vierzehn Jahren, das ist keine tolle Quote für diesen Autisten.
Erst recht nicht, wenn ich mich an eine Schulleitung erinnere, die mich im Ref mit einer Mentorin zusammengesetzt hat, von der sie genau wusste, dass wir nicht gut klarkommen würden - "die werden sich ordentlich was zu sagen haben", hieß es damals, es hat meine Note in einem Fach um zwei verschlechtert, und ich hätte damals gern jemandem den Hals umgedreht. Aber damals war ich noch naiver als jetzt und dachte, dass Schulleitungen es gut mit ihren Lehrkräften meinen. Und dass sie unbesiegbar sind.
Nix da.
Und deswegen sind mir gestern die Tränen gekommen, als ich die Anfrage dieses sympathischen SL ohne Scheuklappen bekommen habe. Genau genommen kamen die Tränen erst am Ende, denn es ging um eine Vertretungsdauer von 18 Tagen. That's all. Und dann sehe ich auf der einen Seite diesen netten SL, der sich noch genau an unser Gespräch zu Beginn des Jahres erinnern konnte; der mich noch kannte und auch noch wusste, dass ich eine Perspektive suche - und trotzdem hat er mir das Angebot gemacht und das hat mich ziemlich gerührt. Ich habe geheult wie ein Schlosshund, denn für 18 Tage das Bürgergeld a.k.a. Grundsicherung auszusetzen wäre mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden, und ich müsste das für diesen Monat gezahlte Geld erstmal anteilig wieder zurückzahlen (abgesehen davon, dass bald mein dreimonatiges Coaching beginnt, und ich möchte das Angebot wirklich wahrnehmen!).
Das ist durchaus ein Problem, deswegen finde ich es ja auch zum Kotzen, dass das Ganze nun Grundsicherung heißt. Als würde ich dadurch irgendeine Sicherheit haben. Von etwas mehr als 500 Euro muss ich gut 60 Euro für das D-Ticket abziehen, 88 Euro für die Stadtwerke, gut 30 Euro für Telefon und Internet, da landen wir ganz schnell bei nur noch 300 Euro für einen ganzen Monat Essen, Klopapier, Seife - ach ja, und da sind ja auch noch die Medikamente! -.-
Und bevor jetzt die Unkenrufe losgehen: Natürlich habe ich mich von den Zuzahlungen befreien lassen - aber einige Sachen sind nicht von der Krankenkasse erstattungsfähig. Paracetamol, Buscopan, Salben, Halstabletten und etwas gegen Übelkeit. Und selbst bei den verschreibungsfähigen Medikamenten muss ich in ein paar Fällen noch die Festbetragsdifferenz trotz Befreiung zuzahlen. Dmit landen wir bei ungefähr 70 Euro für Apothekenkrams. Macht also noch 230 Euro zum Überleben.
Aber lassen wir das Geld-Genöle, es hilft ja nix. Stattdessen realisiere ich erst jetzt, dass ich meinen Geburtstag gestern nicht gefeiert, genossen oder in irgendeiner Weise gestaltet habe, wie es sich gehört.
Also mache ich das heute. Heut' ist mein Tag, wie Blümchen einst sagte. Kein Telefon, keine Mails. Mein morgendliches Ritual mit Nachrichten etc, und dann will ich mir beweisen, dass das Leben schön und lebenswert sein kann. :-)
post scriptum: Ich vergesse wahrscheinlich wieder, mich bei allen für die Glückwünsche zu bedanken -.- Es tut mir leid.
Ich liebe Euch wirklich, und ich kann einfach nicht rüberbringen, wie viel mir Eure seelische Unterstützung bedeutet... es ist schön, nicht allein gelassen zu sein...
Wie das manchmal so gehen kann. Da habe ich mir aus Nostalgie ein Musikvideo von vor zwanzig Jahren angeschaut - drollig, ich sehe gerade, dass ich hier im Blog noch nie darüber geschrieben habe, dabei hat das eine der größten Demos in Kiel begleitet, auf denen ich mitmarschiert bin. Ohrwurm und so.
Kennt jemand den Film THX 1138? Wenn ja, dann erstmal mein Kompliment, denn George Lucas' Debutfilm ist nicht jedermanns Sache. Er zeigt eine dystopische Gesellschaft, und auch wenn das Narrativ nicht immer ganz stringent sein mag, so prägt sich der visuelle Stil ein: Alles ist weiß. Farbige Vielfalt? No way. Individualität? Uh uh.
Hilfe bekommt nur, wer sich selbst helfen kann.
Genau so hat sich phasenweise in den letzten Jahren mein Leben angefühlt, vor allem in den Auswahlgesprächen an Schulen, erst recht, wenn ich seitens der Schwerbehindertenvertretung (SBV) des Ministeriums keine Unterstützung bekomme und mich allein und hilf- bzw. chancenlos in dieser schulischen Welt fühle.
Nehmen wir doch einmal als Beispiel das Auswahlgespräch. Wie immer sitze ich in einer Runde von repräsentativen Mitgliedern der Schule: Schulleitung, -vertretung, beide Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragte. Seitdem ich gleichgestellt bin (mit schwerbehinderten Personen), muss immer die SBV des Ministeriums dabei sein, die für die jeweilige Region und Schulart zuständig ist. Das kann es manchmal etwas komplizierter machen, einen Termin für das Auswahlgespräch zu finden, aber hey, ich freue mich über die Unterstützung. Die theoretische Unterstützung.
Ich habe im Vorfeld per Mailwechsel Tipps von der SBV bekommen: "Bleiben Sie entspannt. Machen Sie sich groß. Sprechen Sie nicht über ihre Schwächen." Und bei letzterem Tipp ist die erste Warnlampe bei mir angegangen. Die ersten Tipps, die kann man jedem Menschen in jeder Vorstellungssituation geben, die haben nichts mit meiner Behinderung zu tun. Keiner der Tipps, die ich bekommen habe, hatten mit meiner Behinderung zu tun, außer eben jenem, nicht über meine Behinderung und die damit verbundenen Auswirkungen zu reden.
Ich denke mir, wtf? Ausgerechnet die für Inklusion zuständige SBV in einem auf seine schulische Inklusion so stolzen Bundesland rät mir, das alles totzuschweigen? Das erinnert mich ganz gruselig an die amerikanische Don't ask, don't tell-Initiative, mit der LGBTQ-Menschen endlich nicht mehr vom Militärdienst ausgechlossen wurden - solange sie ihre sexuelle Orientierung geheim hielten. Ja, ein Fortschritt, aber zu was für einem Preis? Und nun darf ich also hier als behinderte Lehrkraft aufgenommen werden, solange ich nicht über meine Behinderung spreche? Und der Tipp kommt ausgerechnet von der SBV unseres Bildungsministeriums??? Wer hatte bitteschön diese Idee, Frau Stenke???
Aber das lässt sich alles noch steigern. Die Schulleitung bietet mir, das war rücksichtsvoll, an, die Sitzordnung so zu ändern, dass ich mich während des Gesprächs wohlfühle. Ich mache davon keinen Gebrauch. Dass ich einen Nachteilsausgleich (NTA) für ein Auswahlgespräch beantragen kann, der zum Beispiel die Anzahl der am Gespräch teilnehmenden Personen reduzieren kann, davon weiß ich nichts. Von der SBV habe ich davon jedenfalls nichts gehört, erst jetzt vor Kurzem im IntegrationsManagement der faw Kiel.
Steigern, nächster Teil: Ich werde begrüßt mit den Worten: "Herzlich willkommen zum Auswahlgespräch, wobei, ein Gespräch ist das hier nicht. Wir haben hier ein paar Leitfragen für sie vorbereitet und sie haben dreißig Minuten für ihre Antworten dazu. Wir sagen nichts, wir hören ihnen einfach zu."
Da gab es dann schon keine Warnlampen mehr, da ist mein Konstrukt des VorstellungsGESPRÄCHS auseinandergebrochen und ich habe Panik bekommen. Der Vollständigkeit halber: Es ist bei vielen Schulen üblich, einen Fragenkatalog zu präsentieren, der sich mit Fachdidaktik und schulischen Fragen beschäftigt. Dass ich allerdings, nachdem ich mich eine Woche lang auf ein Gespräch inklusive "Machen sie sich groß" vorbereitet habe, völlig ohne Vorbereitungszeit einen halbstündigen fachdidaktischen Monovortrag halten soll (es ging in keiner der Fragen um meine Person oder wie ich die Schule bereichern könnte. Es waren ausschließlich fachdidaktische Fragen), das war einfach nur gemein.
Zur Info: Einer der Standard-NTAs für unsere SchülerInnen auf dem Autismus-Spektrum besteht in einer Arbeitszeitverlängerung, damit sie sich mit der Prüfungssituation arrangieren können. Nichts davon für die autistische Lehrkraft. Und die SBV? Schweigt.
Und dann: "Ihre Notizen stecken sie bitte weg." Gemeint waren meine Stichpunkte, die ich im Gespräch zu meinen Stärken anbringen wollte. Ich bin darauf angewiesen, denn als Autist komme ich in solchen Prüfungssituationen schnell in eine Tunnelblick-Situation und vergesse, wichtige Punkte zu erwähnen. Diese Notizen waren quasi eine weitere Form des NTA. Direkt zu Beginn gestrichen, und die SBV? Schweigt. Kein einziges Wort vor, während oder nach dem "Gespräch".
Natürlich habe ich die Stelle nicht bekommen. Ich bin unter Tränen nach Haus gegangen und hatte da dann die komplette Panikattacke. Die vorherige SBV hätte das Verhalten der SL niemals in dieser Form durchgehen lassen. Der Nachfolger hat nichts zu meiner Behinderung zu sagen und bekommt auch den Mund nicht auf, als die SL systematisch all' meine Hilfen in die Tonne befördert und mich unangekündigt in eine Prüfungssituation versetzt.. Das konnte ich nicht verstehen, also habe ich danach eine Mail an die SBV geschrieben:
"Lieber SBV,
ich hätte da noch einmal eine Frage zu den
Modalitäten bei Auswahlgesprächen. Das letzte Gespräch an der Schule XXX war ja,
wie Sie selbst erlebt haben, eher unterirdisch. Ich hatte mich auf ein
"Gespräch" vorbereitet, auf alle möglichen Fragen und Transaktionen -
nicht nur Fachdidaktisches, sondern zu meiner Person, meiner möglichen
Rolle am XXX und pädagogischen Dingen. Ich hatte mir Notizen gemacht,
damit ich in der Aufregung nichts vergesse. Das passiert mir als
Autisten in Stresssituationen leicht.
Dann
kam es aber zum Auswahltermin, und die SL hat gleich
klargemacht, dass es sich um kein "Gespräch" handelt, sondern um einen
Spontanvortrag meinerseits. Wir wissen, dass Menschen auf dem
Autismusspektrum mit spontanen Änderungen oft große Probleme haben;
hinzu kam die Aufforderung seitens der Schulleitung, dass ich meine
Notizen wegstecken möge. Ich war kurz davor, ein Beruhigungsmittel
zu nehmen, aber bis das gewirkt hätte, wäre der Vortrag vorbei gewesen.
Ich
war ein wenig überrascht, dass Sie an dieser Stelle nichts gesagt
haben. Meine Notizen waren die einzige Form eines möglichen NTA
gegenüber neurotypischen BewerberInnen an diesem Termin. Mir ist
mittlerweile bewusst, dass behinderte Menschen so gut wie keinerlei
besondere Berücksichtigung mehr in Einstellungsverfahren erhalten, aber
das hier empfand ich wirklich als "gemein". Es waren fünf rein
fachdidaktische Fragen, nichts zu Pädagogik, SchülerInnen, meinem
Lebenslauf bzw. meinen Referenzen und meinen Stärken ("Machen Sie sich
groß!") (was den Verdacht stärkt, dass die Schule bereits jemanden für
die Stelle vorgesehen hatte). Ich hatte befürchtet, dass es so kommt,
denn vor einem Jahr ist es genau so gelaufen, wie Sie ja wissen [...].
Mir
ist bewusst, dass jede Schule ihr Auswahlgespräch nach ihren eigenen
Vorstellungen gestalten darf. Das sagt dann ja auch Einiges über die
Schule aus, und in Rückschau bin ich ganz erleichtert, nicht dort
gelandet zu sein. Aber ich frage mich, was genau Ihre Aufgabe als SBV
ist - nehmen Sie das bitte nicht persönlich [...].
Ich
frage mich, wo die über zehn Jahre Diensterfahrung, die Noten, die
Gutachten, die Ehrenämter - wo das alles Berücksichtigung in der
Entscheidung gefunden hat - wenn überhaupt.
Ich
werde in der nächsten Zeit ein Coaching-Angebot für Autisten seitens
der faw Kiel in Anspruch nehmen. Vielleicht kann ich wenigstens dort etwas Hilfe
und Verständnis erfahren.
[...]"
Gesendet am 03.07.26. Bis heute, dem 08.08.26 keine Antwort vom SBV des Ministeriums.
Danke, Frau Stenke, danke, Frau Prien (deren Geist auch heute noch über der Schullandschaft wabert).
Muss man nichts weiter zu sagen.
Hier jedenfalls kommt die Farbe wieder in's Spiel. Dieses Auswahlgespräch hat mich "grau" gemacht, hat mir quasi jede Perspektive genommen und mich ausschließlich mit Frust und Depression und Hoffnungslosigkeit zurückgelassen. Und dann stolpere ich über das Musikvideo zu Robyns Cobrastyle, und das hat mir sehr geholfen, diese letzte Schule endgültig aus meinem Kopf zu entleeren, die Schulleitung ebenso, und den SBV nicht mehr als ernsthafte Hilfe zu betrachten, sondern festzustellen, dass ich mir selbst helfen muss.
In der faw Kiel wird gerade mein Coahingplan für die nächsten drei Monate erstellt. Ich bin dort empfangen worden mit Empathie, Einfühlungsvermögen und vor allem mit Rücksicht auf Behinderung und Erkrankungen. Ich habe mich endlich mal nicht wie ein Mensch gefühlt, den man eigentlich wegwerfen könnte, oder der zumindest auf's Abstellgleis gehört.
Ich bin so gespannt, wie das wird! Ich halte Euch auf dem Laufenden :-) Und wer nun noch etwas poppige Musik zum Wachwerden braucht - hier ist ist Robyn:
Diese Woche war das erste Mal, dass ich von einer Vertretungsstelle abgelehnt wurde. Ich sollte mich vorstellen, natürlich auch meine Stärken, bis mich irgendwann der Schulleiter unterbrach "Also vielleicht sollten sie kein Lehrer werden, sondern eine Schulbegleitung oder ein Schusozialarbeiter."
"Wie kommen sie zu der Einschätzung?"
"Naja, sie haben mir alles Mögliche über ihren Umgang mit den Jugendlichen erzählt, aber nichts dazu, wie sie ihre Fächer unterrichten - dabei ist das doch das wirklich Wichtige. Wir sind hier ja nicht in der Kinderspielstunde, wir sind ein Gymnsium mit gewissen Ansprüchen, und wir haben auch kein Perspektiv-Förderprogramm. Daher sehe ich sie nicht hier bei uns an der Schule, zumindest nicht im ersten Helbjahr. Danach können wir ja mal weitersehen. Auf Wiedersehen!
"Tschüs."
Denn seien wir mal realistisch, zu einem Wiedersehen wird es nicht kommen. Wieder einen Schritt weiter in eine andere Berufslaufbahn. Es tut weh, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, aber deswegen werde ich in der nächsten Zeit zu einem Autistencoaching der Fortbildungsakademie Wirtschaft der Stadt Kiel gehen. Langsam schwimmen mir alle Boote davon, und die Kosten für die beiden ersten Einzelcoachings übernimmt das Jobcenter.
Tja.... immerhin sagt mir endlich mal jemand in's Gesichtg, dass ich ein schlechter Lehrer bin. Zum Glück gibt es Tabletten, die verhindern, dass man sich ernsthaft etwas antut.
"Vielleicht sollten Sie lieber kein Lehrer werden."
Diesen Satz habe ich bei meinem letzten Vorstellungsgespräch gestern ins Gesicht gesagt bekommen - ohne Lächeln, ohne dass das Gesicht irgendwie verzogen wurde. Und die Begründung dafür hat mich innerlich aus dem Fenster springen lassen: "Sie möchten Schülerinnen und Schülern helfen, durch die zugegeben schwierige Jugendphase zu kommen. Aber als Sie ihre Stärken beschrieben haben, haben Sie nircht ein einziges Mal erwähnt, dass Sie ihre Fächer lieben und unterrichten wollen."
An dieser Stelle ist mein Gesicht versteinert und ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Ich weiß nur noch, wie schockiert ich war, dass man mir meinen Zugang zu den Jugendlichen als Nachteil auslegt. Und dann kam irgendwann der eingehende Satz - ich solle doch vielleicht lieber kein Lehrer werden. Weil ich nicht in der Lage sei, den Kindern Englisch und Latein beizubringen?
Das ist doch wohl die Grundlage jeder Bewerbung - dass ich meine Fächer beherrsche, und dass ich sie mit Begeisterung an die SchülerInnen weitergebe. Und was hat die Schulleitung daraus gelesen? Ich möchte mit den Kindern Händchen halten, alles Mögliche, nur keinen Fachunterricht machen. Und dann wagt man doch tatsächlich die Frage: "Hat es Ihnen denn an irgendeiner Schule schon einmal gut gefallen?"
WAS SOLL ICH MIR EIGENTLICH NOCH ALLES ANHÖREN?!
Ich bin zu nett, ich bin zu wenig streng, ich arbeite zu wenig fachlich, ich sitze im Lehrerzimmer zu nah am Rand, ich bringe mich zu wenig in Diskussionen ein, ich bringe Kindern nichts bei - wenn ich diese Liste noch weiter führe., werfe ich diesen Computer aus dem Fenster.
Offensichtlich hasse ich Schule. Und da wären wir bei dem Abschiedssatz von gestern an einem Gymnasium: "Vielleicht sollten Sie lieber kein Lehrer werden. Schulbegleitung, Schulsozialarbeiter...
Ich werde mich jedenfalls nie wieder an dieser Schule bewerben, auch wenn der Kollege, der mir das Schulgebäude gezeigt hat, ausgesprochen freundlich war, und dort eine Kollegin arbeitet, mit der ich zusammen studiert habe.
Zeigt mir nur wieder, dass an Gymnasien nur Fachvermittlung gilt. Das Wohlbefinden der SchülerInnen ist absolut sekundär - wenn überhaupt irgend ein "-är".
Ich hatte tatsächlich gehofft, dass dies nun endlich, nach über dreizehn Jahren, die Stelle sein könne, auf die ich mich bewerben könnte. Latein und Englisch an einem Kieler Gymnasium, dessen Schulleiter ich noch aus einer gemeinsamen Vergangenheit kenne. Und ich hatte tatsächlich eine winzige Hoffnung, dass das Konzept "Abordnung Plus", das bei Übernahme an eine Schule bedeutet, dass man zunächst für drei Jahre an eine andere Schule in Schleswig-Holstein abgeordnet. Mehrere Kilometer entfernt, und ausschließlich Grundschule im Pool.
Also nicht nur, dass ich umziehen müsste - was für einen Autisten ein absolutes Horrorszenario darstellt - sondern auch noch Kinder der Klassen 1-4 unterrichten. Kleine, hyperaktive Wesen, die von Impulskontrolle noch nicht die allergrößte Ahnung haben und sich ununterbrochen melden mit Fragen wie: "Was hatten sie heute zum Frühstück?" - "Warum schneit es heute?" - "Warum sollen wir Minusaufgaben lösen, damit für gibt es ein Handy?"
Eigentlich ganz niedliche Fragen, nur leider fehlt mir aufgrund meiner Behinderung die Fähigkeit, wichtige von unwichtigen Fragen zu unterscheiden. Ich beantworte jede Frage ehrlich, und manchmal für die kleinen Kiddies zu direkt. Und wenn dann erstmal das Chaos bei den Kindern ausbricht, platze ich. Ich schreihe nach RUHE!!!, und zwar dermaßen laut, dass hin und wieder ein Kind zu weinen anfängt, oder in die Schulsozialbetreuung muss, weil ich es an an seine Borderline-Mutter erinnere. Ich mache diesen Kindern Angst! Und das ist nun wirklich das letzte, was ich möchte.
All' diese Faktoren habe ich an das Ministerium geschrieben, an die Schwerbehindertenvertretung. Ich dachte, dass sich da vielleicht Wege finden ließen.Ich zitiere hier sinngemäß:
"Ich verstehe Ihre Besorgnis und den Frust in Ihrer Situation. Auch bei Gleichstellung und Schwerbehinderung besteht leider AOPlus. Es gibt hier keinerlei Härtefallregelungen. Heißt: Wir müssen über das Bewerbungsgespräch gehen. (...) Wären Sie in der Lage, die Anforderungen an eine AOPlus-Stelle zu erfüllen? Wie gesagt: Es besteht null Chance auf eine Härtefallregelung. Ich sage das jetzt einmal ganz ehrlich und direkt.
Lassen Sie sich nicht von unqualifizierten und beleidigen Kommentaren nieder machen. Behalten Sie den Kopf oben und Ihr Rückgrat gerade. Ich werde bei dem Auswahlgespräch dabei sein-
(...)"
Als ich diese Nachricht gelesen hatte, hatte ich einen Heulkrampf. Einen von dieser Art, dass eine Tablette zur Ruhe helfen kann.
Alle sprechen sie von Inklusion an den Schulen - aber wehe, die zu inkludierende Person ist irgendwie anstrengend oder verursacht Stress.
Ich fühle mich wie eine Schießbudenfigur. Sorry, dass ich heute nichts Positives zu berichten habe.
Ich habe unglaubliche Angst, und es gibt kein Zurück mehr. Die Bewerbung an das Kieler Gymnasium ist rausgegangen. Meine Fachkombination, und sooooo schlecht sind meine Noten auch wieder nicht (zweimal 1,9). Außerdem habe ich bereits 13 Jahre Schuldienst vorzuweisen. Interessanterweise wird die Behinderung erst ganz am Ende berücksichtigt, als letzter möglicher Faktor.
Warum habe ich Angst? Nach zwanzig Auswahl- und Vorstellunggesprächen und nach zwei Handvoll Absagen ohne jegliche Begrüngung sehe ich nicht in erster Linie eine Chance, sondern eine kommende Absage, verbunden mit all' dem Schmerz, der jedesmal dazugehört. Daran kann ich mich einfach nicht gewöhnen.
Ich lese das Schwerbehindertenrecht an Schulen, eine Broschüre des GEW, und bin deprimiert, dass ich zwar mit GdB30 und Gleichstellung gleichgestellt bin, aber das gibt nur für die Bewerbung. Ansonsten werde ich wie eine normale Lehrkraft behandelt. Wenn ich rückblickend betrachte, was meine Behinderung die letzten 25 Jahre über ausgemacht hat, dann möchte ich fast weinen. Keine Nachteilsausgleiche, kaum Rücksichtnahme; wenigstens habe ich die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums mit im Boot.
Die Angst hat auch noch mehrere Ursachen: Mal wieder "reine" Gymnasialarbeit (*wenn* es denn klappen sollte), Schwerpunkt Fachvermittlung, das Pädagogische wird etwas in den Hintergrund gerückt. Kann ich dem überhaupt gerecht werden? Selbstzweifel in Massen, und dabei hat es doch damals im Referendariat auch geklappt. Das kann nicht unmöglich sein.
Aber die Angst bleibt: Ich werde haufenweise Fehler machen, man wird mich komisch anschauen, man wird mich "aus Höflichkeit" nicht auf meine Fehler ansprechen, stattdessen irgendwann eine Dienstanweisung vorlegen, man wird mich wieder nicht ernst nehmen, wenn ich von den Problemen erzähle, die durch die Autismus-Spektrum-Störung entstehen ("Ach, das geht uns doch allen so!").
Manchmal wünschte ich mir, ich müsste das nicht schon wieder auf mich nehmen. Einfach als Karteileiche irgendwo enden.
Danke an alle, die mir in dieser Phase beistehen! Ich weiß, dass ich Euch gemein vernachlässigt habe! Ich kann momentan nicht mehr so gut alles regeln. Nächstes Ziel ist erstmal eine Einladung an die Schule zum Auswachgespräch, und wer weiß, vielleicht wird man sich dort ja wieder für einen anderen Bewerber entscheiden.
Es wird nun, nach jahrelangem Warten, etwas heißer... und gleichzeitig deprimierender, weil unser Bildungsministerium das ******* Konzept Abordnung Plus eingeführt hat: Selbst wenn ich bei dieser Stelle an einem Kieler Gymnasium genommen würde, müsste ich erstmal für drei Jahre an eine Grundschule abgeordnet werden, die an den Randkreisen liegt - Dithmarschen, Steinburg und so weiter. Für mich tausend rote Tücher, aber wie mache ich das in meiner Bewerbung klar?
So:
"Sehr geehrter Herr Schulleiter,
sehr geehrter Herr Schwerbehindertenvertretung,
im Rahmen meiner Bewerbung möchte ich frühzeitig auf besondere persönliche und gesundheitliche Umstände hinweisen, die aus meiner Sicht bei einer möglichen Entscheidung über einen Einsatz im Rahmen des Modells „Abordnung Plus“ berücksichtigt werden sollten.
Ich bin Gymnasiallehrkraft mit den Staatsexamina (1. Staatsexamen: 1,9; 2. Staatsexamen: 1,9) sowie einer dienstlichen Beurteilung mit dem Gesamturteil „sehr gut“. Seit mittlerweile über 13 Jahren bin ich – nahezu ausschließlich im Rahmen befristeter Beschäftigungen – an zahlreichen unterschiedlichen Schulen in Schleswig-Holstein eingesetzt worden. Insgesamt war ich bislang an neun Schulen tätig.
Zugleich liegt bei mir eine diagnostizierte Autismus-Spektrum-Störung vor. Aufgrund dessen bin ich einem schwerbehinderten Menschen arbeitsrechtlich gleichgestellt. Die zuständige Schwerbehindertenvertretung ist bereits eingebunden.
Die dauerhafte Abfolge wechselnder Einsatzorte und wechselnder schulischer Systeme hat bei mir über viele Jahre hinweg zu erheblichen psychischen Belastungen geführt. Insbesondere die fehlende langfristige Stabilität und Planbarkeit wirken sich bei bestehender ASS massiv auf meine gesundheitliche Situation aus. Nach meiner Einschätzung und auch nach Einschätzung meiner behandelnden Ärzte ist eine dauerhafte Stabilisierung meiner Dienstfähigkeit wesentlich an einen verlässlichen und konstanten schulischen Einsatzort gebunden.
Hinzu kommt eine spezifische Problematik hinsichtlich des Einsatzes in jüngeren Jahrgangsstufen. Während meiner Tätigkeit an Gemeinschaftsschulen habe ich wiederholt darum gebeten, aufgrund meiner ASS möglichst nicht dauerhaft in Klassen der Jahrgänge 5 bis 7 eingesetzt zu werden. Hintergrund ist eine bei mir bestehende erhebliche Reizüberlastungsproblematik in stark kommunikationsintensiven und hochdynamischen Lerngruppen jüngerer Schülerinnen und Schüler.
Leider konnte diesem Wunsch mehrfach nicht entsprochen werden. In der Folge kam es in mehreren Fällen zu schweren autistischen Meltdowns im Unterrichtsgeschehen, die dokumentiert sind und schulische Krisensituationen nach sich zogen. Diese Situationen waren für alle Beteiligten belastend und haben deutlich gemacht, dass ein Einsatz in solchen Kontexten aus gesundheitlicher Sicht problematisch ist.
Vor diesem Hintergrund sehe ich insbesondere eine mehrjährige Abordnung an Schulen mit Primarstufenbezug bzw. mit überwiegendem Einsatz in jüngeren Klassenstufen als erhebliche Gefährdung meiner gesundheitlichen Stabilität und langfristigen Dienstfähigkeit an.
Ich bitte daher ausdrücklich darum, meine Behinderung sowie die dokumentierten gesundheitlichen Folgen entsprechender Einsatzkonstellationen im Rahmen der Ermessensausübung und der beamtenrechtlichen Fürsorgepflicht zu berücksichtigen. Aus meiner Sicht wäre ein unmittelbarer dauerhafter Einsatz an der Zielschule die mit Blick auf Inklusion, behinderungsgerechte Beschäftigung und nachhaltige Sicherung meiner Dienstfähigkeit sachgerechteste Lösung.
Ein fachärztliches Attest bzw. eine ergänzende Stellungnahme meines behandelnden Psychiaters werde ich zeitnah nachreichen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr Hilarius"
Klingt das nachvollziehbar? Ich bin mal gespannt, wie sehr dieses BiMi wirklich Inklusion leben möchte...
Was für ein schöner Tag das heute war! Einer, an dem ich mich einmal über die Freuden des Lebens freuen konnte, ohne sie gleich wieder mit irgendwelchen "aber..."s zu überziehen. Klar hat es geregnet, als ich morgens zu meinem Hausarzt gefahren bin. Who cares? Das war vielleicht mein allerletzter Besuch bei ihm, und der Klumpen im Magen sitzt tief, denn für über zwanzig Jahre war er der Beste. Und ich hatte solche Angst, weil ich ihn anhauen musste, um Medikamente für drei Monate Übergangszeit zu bekommen, bis seine Nachfolgerin da ist und ich bereit dafür bin, zu ihr zu gehen.
Aber erstmal habe ich ihm und den Damen im Sprechzimmer gesagt, wie dankbar ich ihnen für ihre Arbeit bin. Wie toll sie das gemacht haben, und allein schon, dass sie mich ernst genommen haben! Im Lübecker ZiP wurde mir Hypochondrie vorgeworfen, und die erste Reaktion auf einen Autismus-Diagnoseplatz bei einer Ärztin hier in Kiel lautete: "Also, ich werde ihnen jetzt hier nicht irgendwelche Benzodiazepine verschreiben!" - dabei ging es mir gar nicht um Benzos, sonern nur um die Gewissheit, was für ein Mensch ich bin -.-
Na danke, da habe ich wochen- und monatelang den Mut aufgebracht, endlich loszugehen, und dann diese Abweisungshaltung, nach der ich zuhause wie ein Schlosshund geheult habe. Das war richtig gemein - aber dann kam der ganze Weg zur Selbsthilfegruppe Autismus in Kiel, das Beste, was Sven mir empfehlen könnte. Es hat zwar noch mehr als ein Jahr gedauert, aber es hat geklappt. Und ich bin endlich als erwachsener Mensch ernst genommen worden!
Zum Glück dauert die Psychiater-Phase auch noch weiterhin an, aber mein Hausarzt geht nun nach 32/2 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Ich habe einen kleinen Danke-Test geschrieben, mit Connys Hilfe, dabei viele Tränen vergossen, aber jedes Wort ehrlich gemeint. Ich war so glücklich, ihn als meinen Hausarzt gehabt zu hahen.
Naja, und neben all' der Gefühlduselei musste ich natürlich auch noch Pragmatisches klären: Wer wird die Nachfolgerin, was passiert mit meiner Krankenakte (liegt hier auf meinem Schreibtisch), bleibt wenigstens das Praxisteam erhalten (mindestens einen Monat, ja), und ob ich für die drei Monate Übergangszeit, in der ich nicht zur neuen Kollegin gehen werde, meine sechs Medikamente einmal en bloc neu ordern kann, und so hat er mich dann gehen lassen und sehr, sehr schweren Herzens bin ich zur Apotheke gefahren und habe mir sechs Medikamente abgeholt, ein Kortikoid, zwei Benzodiazepine, ein Nahrungsergänzungsmittel, ein Schmerzmittel und Pantoprazol. Alles in den N3-Größen, denn das muss jetzt eine Weile reichen.
Darüber war ich also froh, aber langsam kriecht die Erkenntnis immer tiefer in mich, dass ich ihn nicht mehr in der Funktion als mein Arzt sehen werde, und mir rollen wieder die Tränen. Ein weinendes Auge, und ein glückliches, weil ich zumindest tablettentechnisch versorgt bin. Als ich dann am Abend im Sophiehof-Rossmann auch noch eine ehemalige Schülerin getroffen habe, die dort gerade ihre Abschlussprüfung gemacht hatte, war es um mich geschehen, denn ich konnte mich noch so gut an ihre Performance im Unterricht erinnern. Ich war richtig, richtig stolz auf sie und habe sie das auch spüren lassen.
Immer auf das Positive fokussieren! Und morgen muss ich einen Selbstversuch machen, ob die neuen Medikamente verträglich sind.
Wie die Kieler Nachrichten vorgestern berichteten, sollen im kommenden Schuljahr im Land 254 neue Lehrerstellen geschaffen werden. Mein Stand war noch, dass weitere 100 Stellen gestrichen werden sollen. Ja, es war geplant, im elften Jahrgang in Geschichte, der zweiten Fremdsprache und Religion/Philo jeweils eine Stunde zu streichen. Diese Streichungen werden nun also zurückgenommen? Und als neue Planstellen verkauft?
Und dann heißt es, dass keine neuen Unterrichtsstunden durch die neuen Lehrkräfte entstehen sollen, sondern Vertretungen gedeckt werden - dafür braucht man dann also keine befristeten Lehrkräfte mehr, wunderbar, ich sehe mich ein weiteres Jahr in der Wohnung sitzen.
"Mit dieser Reserve sorgen wir dafür, dass der Unterrichtsausfall noch einmal spürbar sinkt"? Noch einmal? Unser Bundesland muss außergewöhnlich gut in der Bildung dastehen, so oft, wie unser Ausfall sinkt.
Ich weiß halt nicht, was ich mit dieser Nachricht anfangen soll. Soll ich etwa Vorfreude hegen? 200 Stellen sollen an die Sek I gehen, 54 an die Sek II. Hilft nur, weiter abzuwarten und zu schauen, was das Jobcenter im nächsten Planungsgespräch sagt.
Dieses Zitat aus dem gestrigen Blogbeitrag ist entstanden, als ich vor Verzweiflung mit der flachen Hand auf die Tastatur gehauen habe.Und dann der Nervenzusammenbruch.
Donnerstag, 13 Uhr, ich bin mit Mama verabredet zum Videotelefonat. Ich freue mich riesig darauf, ihr zu erzählen, dass ich ab kommenden Montag eine Vertretungsstelle habe! Ich habe mir seit Ewigkeiten extra mal wieder die Fingernägel lackiert ;-)
Donnerstag, 12:55 Uhr: Das Telefon klingelt. Was, kann sie es nicht abwarten? :D Nein, es kommt anders. Der Schulleiter ruft mich an und sagt mir, dass er mich nicht einstellen darf. Ehrlich gesagt sind mir die Gründe mittlerweile sowas von egal geworden. Da wird jemand für 25 Stunden gesucht, an einer attraktiven Schule, und da sitzt jemand, der sich kaum etwas sehnlicher wünscht, als wieder mit Jugendlichen zu arbeiten.
Der Schulleiter versucht es mir zu erklären, und ich atme in Gedanken ein (1-4), Stillstand (2) und wieder aus (1-6), und sage Dinge wie "Aha", "Ach so", "ja, dann..." - und er erntschuldigt sich tausendmal, aber was ich in dem Moment gern gesagt hätte, hat zum einen hier im Blog nichts verloren, zum anderen ist es nicht seine Schuld. Ich möchte das Gespräch nur noch irgendwie beenden, denn ich merke, wie die Tränen strömen. Sein "Ich habe ja Ihre Kontaktdaten, wenn sich etwas auftun sollte" - wie soll ich darauf antworten? Er kann sich bestimmt denken, dass ich diesen Satz schon von diversen Schulen zu hören bekommen habe. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, und dann kommt dieses Klopfgeräusch an's Telefon, Mama wartet auf das Videotelefonat.
Also Schulleiter irgendwie aufgelegt, traurig, verzweifelt, hoffnungslos (alles ich), aber immerhin hat er es nicht versäumt, noch zu betonen, dass ihm ja nun immer noch 17 Stunden Englisch fehlen und es ihm natürlich auch nicht besser geht.
Und dann sieht Mama mich, rote Augen, "Ich darf die Stelle nicht antreten", "Oh Tobilein, sollen wir das Gespräch verschieben?"; lieb gemeint, aber leider lässt sich Bürokratie nicht immer verschieben. Ich versuche, so schnell wie möglich durchzukommen, und lege zum ersten Mal in meinem Leben weinend auf und lasse meine Mutter mit ihrer Angst um mich zurück.
Dass der nächste Schritt dann zum Beruhigungsmittel geht, ist klar, und sogar Conny zeigt Verständnis dafür, und ich hoffe, mein Psychiater (wenn er das hier liest) auch.
Muss ich noch irgendwas schreiben?
Buddhismus - das Gute darin suchen: "Nichts ist entspannender als das anzunehmen, was kommt", sagt der Dalai Llama, und Buddha ergänzt: "Lächle, und die Welt verändert sich." Immerhin habe ich jetzt wieder reichlich Platz für Arzttermine.
Vor zwanzig Jahren hätte ich geschrieben I hate this fucking life.
Im ersten Jahresdrittel wartet der absolute Horror auf mich. Das könnte schon morgen losgehen, aber dazu schreibe ich lieber erst etwas, wenn ich Genaueres weiß, ich hasse es, Gerüchte und Eventualitäten zu verbreiten. Die zwei anderen Horrorerlebnisse kann ich aber voller Vorfreude schon einmal ankündigen, und ja, natürlich, es geht um Filme, Videospiele, was sonst. Denn normalerweise ist Horror ja nicht gerade etwas Ersehnenswertes.
Die große Buba kennt eines meiner Lieblings-Videospiele aus dem Genre, weil sie es zusammen mit mir durchgestanden hat: Project Zero 2: Crimson Butterfly. International wird die Reihe unter dem Namen Fatal Frame veröffentlicht; in Japan heißt sie schlicht Zero. Ganz klassischer J-Horror, Geistergeschichten, völlig ohne Ballerei, die einzige Möglichkeit, sich gegen die Geister zu schützen - die nicht alle böswillig sind - ist eine altmodische Kamera, mit der man sie fotografieren muss. Dazu eine unbehagliche Atmosphäre und eine sehr tragische, in japanischer Kultur verwurzelte Geschichte, und Dr Hilarius ist glücklich. Und siehe da: Jetzt im März soll endlich ein Remake für die PS5 erscheinen. Vorfreude, toll, und es kommt noch besser:
Ebenfalls im Anmarsch ist eine Verfilmung eines der besten Spiele aus dem psychological horror, die bis heute auf den Markt gebracht wurden, nämlich Silent Hill 2. Ich bin sehr gespannt, wie treu Regisseur Christophe Gans dem Material geblieben ist - der Trailer ist extrem vielversprechend und ich freue mich riesig darauf, endlich diesen seit mehreren Jahren erwarteten, tragisch-gruseligen Film sehen zu können, hoffentlich inklusive Pyramid Head, einer ikonischen Figur der Reihe.
Und der Horror geht noch weiter: Angst, es nicht zu packen. Denn es gibt eine ganz kleine Chance, dass ich übernächste Woche wieder befristet beschäftigt bin. Drei Wochen. Mit Ziel bis zum Sommer (oder vielleicht sogar länger), denn dann hätte ich wieder Anspruch auf ALG I. Davon ist allerdings noch nichts spruchreif, also bitte keine Glückwünsche ;-)
Was für ein aufregender Montag morgen. In Sachen Zuzahlungsbefreiung bin ich einen Schritt weiter, eine Sache mit Amazon geklärt, eine Sache mit der Provinzial angeleiert, ein Colitis-Schub ist im Anmarsch - nächste Infusion ist in einer Woche - und dann kommt es noch besser, ein Kieler Gymnasium ruft an und braucht Vertretung. Insgesamt zu viel, ich bin völlig überfordert und ohne eine halbe Tablette verliere ich den Überblick und erstarre. Also rein damit, bis zum Anfluten die Spüle ausräumen, den Drucker warten und den Rückruf bei'm Gymnasium auf morgen vormittag legen, denn ich bin für heute platt.
Damals mit der Grundsicherung im Leben wäre das kein so großes Problem gewesen, aber jetzt bin ich froh, dass ich ein Medikament habe, was gegen Angst hilft, und eines, was den Blutdruck bei Meltdown-Attacken wieder runterbringen kann. Und damit ich nicht *jedesmal* zu den Tabletten greife, bin ich froh, dass ich Conny habe, der mir da gutes Feedback geben kann und vor allem alles Wichtige, was erledigt werden muss, in eine sinnvolle, in meinen Wochenplan eintragbare Version bringt.
Allein, was alles bei'm Hausarzt in zwei Wochen ansteht:
- Gesundheitskarte für das Quartal vorzeigen
- Überweisung zum Psychiater abholen
- Hautveränderungen im Lendenbereich abklären
- Metoclopramid gegen Übelkeit testen
- Gutachten für den Schwerbehindertenantrag "in Auftrag geben"
Dann auch noch den Drogerieeinkauf erledigt - wie schnell doch 80 Euro weg sein können -.- - und nun reicht es für heute. Morgen geht es weiter mit dem Bereich Küche, und wenn ich das zeitig schaffe, kann ich direkt danach meiner Mutter voller Stolz im Videotelefonat die saubere Küche präsentieren. Mal schauen, ob ich den Schwung finde ;-) Aber erstmal ist dann natürlich die Schule dran...
Sehen wir den Tatsachen in's Auge: Ich habe eine Autismus-Spektrums-Störung, eine Panikstörung, eine schwere Depression, eine Colitis Ulcerosa und die Neurodermitis. Ich habe jetzt eine Chronikerbescheinigung vom Krankenhaus bekommen, um im kommenden Jahr eine Zuzahlungsbefreiung für haufenweise Medikamente bekommen, die ich immer wieder nehmen muss. Ich habe in den letzten drei Monaten 105€ an Zuzahlungen ausgegeben, für Medikamente und die Infusionen. Ich kann mit das nicht mehr leisten:
Mir bleiben vom Bürgergeld nach Abzug von D-Ticket, Telefonrechnung, Stadtwerke, Netflix-Abo etc noch knapp 300 Euro im Moment zum Leben. Zehn Euro pro Tag für Mahlzeiten, Klopapier, Pflaster, Medikamente. Ich habe am Tag in etwa 5 Euro zum Essen übrig - und das war es. Keine neue Kleidung, keine Filme, Videospiele, kein Fahrrad, kein Laptop o.ä., gar nichts.
Ich bekomme keine neue Arbeitsstelle, weil die Fachkombi Englisch/Latein seit Jahren nicht mehr ausgeschrieben worden ist. Das Einzige, was ich mit Glück finde, ist die Fachkombi Englisch/beliebig, auf die ich mich manchmal bewerben könnte. Nachteile: Entweder steht in den Erläuterungen zur Stelle, dass das Zweitfach Latein ausgeschlossen ist, oder es sind von Kiel aus 90 bis 120 Minuten Hinfahrt.
Es gibt Menschen, zum Beispiel meine beiden besten Freundinnen,die mir sagen, hey, nimm doch die Stelle in Elmshorn an! Dort arbeiten die beiden, und ich könnte endlich wieder mit ihnen zusammen sein. Ich müsste nur umziehen. Und auch wenn langsam meine Widerstände bröckeln: Ich habe über zwanzig Jahre in Kiel gewohnt, mir hier ein Leben und Freunde aufgebaut. Ich kann das nicht einfach so abbrechen.
Die Kieler Gelehrtenschule sucht einen neuen Lateinlehrer! Selbst wenn ich über meinen Schatten vom letzten Einsatz dort hinwegspringen könnte und mich mit der dortigen Klientel anfreunden könnte - das Zweitfach muss Sport sein. Ich habe kaum eine Chance, über das SH-Bewerbungssystem auf eine Schule zu kommen. Das Prinzip "Abordnung Plus" könnte ich vielleicht noch mit der erlesenen Sammlung an Behinderung und Chronischen Erkrankungen umgehen mit Hilfe des Schwerbehindertenbeauftragten - aber es steht keine Stelle für mich zur Verfügung. :-(
Im Februar geht es wieder in's Jobcenter wo - laut Nachrichten - die Kunden immer mehr drangsaliert werden, als würden wir uns das aus reinem Unwillen aussuchen, eine Stelle nicht anzunehmen. Dann muss spätestens zum April das nächste Bürgergeld - oder Grundsicherung oder whatever they might call it then - beantragen.
Ich habe Angst vor dem neuen Jahr, weil Vieles einfach so unfair ist.
Darauf jetzt erstmal eine Schokolade (die derzeit mit Gold aufgewogen wird)!
Ja, ich hatte ewig keine dieser denglischen Verballhornungen mehr. Jetzt wird es aber Zeit, denn ich fühle mich zum Kotzen. Gar nicht mehr wegen der Arbeitslosigkeit, aber da war ein wenig Beruhigungsmittel nötig.
Nein, ich muss wieder alle zwanzig bis dreißig Minuten zur Toilette. Fünfzehn bis zwanzigmal am Tag; das ist genau wie vor der Therapie. Es fühlt sich an, als hätte ich nicht mit der Kortisondosis runtergehen sollen, aber ich kann sie ja schlecht eigenständig wieder erhöhen, dazu sind Kortikoide zu stark in Wirkungen und Nebenwirkungen. Also ist ein Besuch bei'm Arzt dringend fällig - wenn ich mal wieder länger als eine halbe Stunde die Wohnung verlassen kann, ohne zu... naja. Könnt Ihr Euch ja denken.
Dass ich nie wieder gesund werden werde, das ist mir ja klar - aber ich hätte gern eine längere Remissionsphase, endlich einmal durchatmen, endlich keine Schmerzmittel mehr flaschenweise trinken, endich nicht mehr regelmäßig in der Schule anrufen und mich krank melden - wobei sich Letzteres ja eh' bald erledigt hat.
Stichwort Abschied: Ich sollte das Wochenende nutzen, um ein paar kleine Abschiedsbriefe zu schreiben, denn einige KollegInnen haben sie sich echt verdient durch ihre tolle Unterstützung. Die Arbeit an der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule war anstrengend, aber horizonterweiternd und einfach total schön. Jetzt heißt es aber wieder "Ihre Bewerbungsmappe ist fehlerfrei" - so oft mittlerweile gemacht, das geht mit links. Anfangs waren immer irgendwelche Buchstaben oder Zahlen vertauscht, oder hier fehlte ein Punkt und dort ein Formular.
nach dem Wochenende
Ich fühle mich noch mehr zum Kotzen. Noch zwei Tage krank gemeldet, morgen zum Arzt, heute neue Medizin geholt. Ein bisschen deprimierend, wenn man nur noch eine Woche an der Schule hat und davon zweieinhalb Tage wegfallen - der halbe Tag, da geht es um eine Freistellung für einen Termin bei'm Psychiater, die sind sauschwer zu bekommen...
Und wenn man sich dann noch ein bisschen weiter runterziehen will, dann schaut man Serien. Momentan trendet gerade eine britische Miniserie auf Netflix, mit absolut hervorragenden Rezensionen. Vier Episoden je eine Stunde, Adolescence, über einen dreizehnjährigen Jungen, der möglicherweise eine Tat begangen hat, die seine Familie komplett zerreißt.
Absolut realistisch, leider, und aktuell - Incel-Thematik, Pubertät, Mobbing, Männer- und Frauenrollen. Brillant gespielt bis in die kleinste Rolle mit einzelnen Szenen, die mir das Herz zerrissen haben. Gehört für mich in die Kategorie "Ich bin sehr froh, dass ich sie gesehen habe - aber einmal reicht." Ganz große Empfehlung, aber danach sollte etwas Positives für die Seele folgen.
Das kann schon ein Heizkissen in einer verkühlten Wohnung sein.
Hat es sich also doch so ergeben wie befürchtet: Die Koliken sind wieder stärker geworden, richtig heftig und schmerzhaft und mit besonderer Vorliebe die ganze Nacht über. Ich habe noch nie so viel Schmerzmittel verbraucht - natürlich nach Anweisung des Arztes - vielleicht brauche ich einen neuen Termin bei'm Gastroenterologen, dazu muss mich mein Hausarzt überweisen, denn vor einem halbes Jahr ist in der GE nichts frei.
Morgen geht es zum Arzt; gestern und heute habe ich Stunden auf der Toilette verbracht. Ich sage dann ja immer, dass sich niemand Sorgen machen soll. Klopft lieber auf Holz, lasst uns auf das Beste hoffen. Dazu gehört übrigens nicht nur die Besserung des Gesundheitszustands, sondern auch meiner Arbeitssituation. Endlich ist meine Bewerbungsmappe im pbOn freigeschaltet, und ich muss wieder meine Schwerbehinderten-Gleichstellung in die Waagschale werfen, wenn es darauf ankommt.
Und selbst wenn ich einen Anschlussvertrag bekommen sollte, wird das Land mich bestimmt nicht für die Osterferien bezahlen - also noch einmal für gut zwei Wochen Bürgergeld beantragen? Na danke - ich sollte mich also auch da nicht allzu früh freuen. Aber ich würde die Kiddies und das Kollegium sehr vermissen, und das bereits nach einem guten halben Jahr - das hatte ich bisher noch nie.
Also weiterhin abwarten und Tee trinken, literweise Kamille derzeit, das hilft.
So, die erste Schulwoche nach der Krankschreibung ist um. Das Prednisolon tut seinen Dienst, mit ein paar Aussetzern zwischendurch geht es mir doch deutlich besser, so gut, dass ich mich heute an's Schreiben mache.
Vor etwa zwanzig Jahren hat die Tante mir einen Tipp gegeben: "Wenn Du mit der U-Bahn und S-Bahn fährst, nimm' Dir mal eine halbe Stunde und steig' in Neukölln aus. Geh' die Karl-Marx-Straße rauf und runter, da kannst Du mal eine Brise echtes Leben erleben."
Neukölln ist für Berlin in etwa das, was Gaarden für Kiel ist. Ein Stadtteil, in dem viele sozial abgehängte Menschen leben, viele mit Migrationshintergrund und seit Merkel auch sehr viele Flüchtlinge. Das betrifft in Kiel aber nicht nur Gaarden, sondern auch Ellerbek und Wellingdorf. Es ist doch ein deutlicher Unterschied zwischen dem "Sozialniveau" des Ost- und Westufers. Am Westufer wird Kiel zur Studentenstadt (ja, auch an der Fachhochschule am Ostufer), da gibt es gehobene Stadtteile wie den Blücherplatz, das habe ich zehn Jahre lang erlebt.
Jetzt arbeite ich an einer Perspektivschule mit dem Schulsozialindex 9 (whatever). Ich gehe quasi die Karl-Marx-Straße in Berlin entlang. Ich erlebe eine andere Seite unserer Gesellschaft und ich finde es toll, denn es fühlt sich an, als könnte ich da etwas bewirken. Es tut so gut, wieder in der Schule zu sein! Und zu helfen. Das ist Pädagogik pur, könnte man sagen. Es schlaucht, und es macht glücklich. Es ist nicht jeder Lehrkraft Traum, aber die Nordseeschule in St.Peter-Ording hat mir gezeigt, dass das was für mich ist.
Ich frage mich, ob die sozialen Unterschiede zwischen dem Kieler West- und Ostufer irgendwann aufgehoben werden können, und sei es nur teilweise. Oder ob die Kluft, im Gegenteil, sich weiter vertiefen wird.
"Having Trump for president is like having nonstop diarrhea: It's exhausting and there's shit everywhere."
Diesen Spruch habe ich heute gelesen und er hat mich dazu gebracht, endlich den aktuellen Beitrag fertigzustellen - auch weil mir die Decke auf den Kopf fällt und mein Daumen verpflastert ist. Das war der ursprüngliche Beginn des Beitrags:
Seit gut einer Woche habe ich eine Diagnose: Ich habe eine sehr schwere Form von morbus Crohn entwickelt. Wer wissen will, was das ist, möge sich im Internet informieren, die Details sind ein bisschen unappetitlich. Jedenfalls hat die Krankheit zum Beispiel dafür gesorgt, dass ich das letzte Mal vor zwei Jahren eine Nacht durchgeschlafen habe. Crohn ist unheilbar, und ich könnte hier jetzt total betroffen sitzen und mein Leben beklagen.
Oder ich mache es wie heute in der Schule, als ein Kollege mich gefragt hat, wie es mir geht (als Phrase gemeint), und eine ehrliche Antwort bekommen hat: mit einem Lächeln und blöden Sprüchen garniert. Denn... auf eine Krankheit mehr oder weniger kommt es mir nicht mehr an. Ich bin seit meiner Geburt geistig behindert und habe ebenfalls seit meiner Geburt Neurodermitis, eine weitere unheilbare Krankheit.
Im Gegenteil, ein ganz kleines bisschen bin ich sogar zufrieden: Vielleicht reicht dieser dritte Punkt in der Einschränkung meiner Lebensqualität ja endlich aus, um den GdB 50 zu bekommen. Autismus und Neurodermitis haben nicht gereicht, dafür gab es insgesamt 30.
Was mich auch ein bisschen beruhigt: Man kann auf Crohn eingestellt werden. Es steht noch der histologische Befund aus, und dann kann ein Therapieplan entwickelt werden. Um Immunsuppressiva werde ich nicht herumkommen, aber auch hier denke ich einfach, dass ich mir nur eine größere Tablettenbox zulegen muss. Bitte wieder in Regenbogenfarben!
Nun ist es etwas später, meine Diagnose ist aktualisiert worden zu colitis ulcerosa - die ein Altphilologe natürlich als "ulkerosa" ausspricht - aber kaum jemand sonst, gruselig, die Folgen des Mittellatein.
Ein bisschen was hat sich seither getan - der Laborbericht hat nun statt Crohn die colitis ergeben, aber immerhin hat damit nun auch die Therapie des akuten Schubs beginnen können - und jetzt kommt wieder der verpflasterte Daumen in's Spiel; dass nur ein Fingernagel unter einem Pflaster ist, ist schon eher ungewöhnlich, denn sie sind alle eingebrochen, gerissen, gesplittert.
Das kann etwas nervig sein, aber auch richtig schmerzhaft, besonders, wenn sich Stofffasern im Nagelriss verhaken und dann versuchen, ihn aus dem Nagelbett zu reißen. Das tut richtig übel weh, und ich kann leider nicht so schnell hinterherschneiden und -feilen, als dass ich rissfreie Nägel hätte. Das lässt sich auf den Eisenmangel zurückführen, der bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nicht ungewöhnlich ist.
Derzeit muss ich also eine ganze Menge Tabletten nehmen - ein Kortikoid gegen den akuten Entzündungsschub, ein Eisen- und Vitamin D-Präparat, Tropfen bei Schmerzen (denn bei einer CED geht nicht mehr viel verschreibungsfrei außer Paracetamol), und die Nächte bleiben kurz wie bisher, mein Vebrauch an Klopapier ist gigantisch.
Hinzu kommt jetzt das stufenweise Ausschleichen des Kortisons, und mein Körper fühlt sich ununterbrochen matschig an. Kann also nur noch besser werden, und ich gehe davon aus, dass ich den Blog jetzt auch wieder etwas mehr auf dem Laufenden halten werde. Waren einfach zu viele Arztsachen in der letzten Zeit, so viele, dass für Schule kaum noch Platz ist; mein Vertrag läuft noch bis zu den Osterferien. Bis dahin werde ich dann nicht mehr krankgeschrieben sein, das sind nur noch ein paar Tage, aber wie wird es dann weitergehen, jetzt, wo unsere Landesregierung einen Riesenhaufen Planstellen an den Schulen zur Haushaltskonsolidierung zusammenstreicht?
Keep your fingers crossed - at least we don't have any Trump!
Eine weitere Woche, an deren Ende ich auch am Ende bin. Ich könnte auf die Entzündungen im Mund- und Rachenraum verzichten, meine Zunge kribbelt und schmerzt, wenn ich Nahrung mit festerer Textur zu mir nehme, ich kann die Aromen nicht mehr normal schmecken, und das Warten auf die Remissionsphase nervt. Dazu kommen dann spontan zwischendurch irgendwelche Gelenkentzündungen, die schnell kommen und relativ schnell gehen können, aber doch dafür sorgen können, dass ich ein paar Stunden nicht laufen kann. Alles interessantes Neuland für mich, aber nun ist mal gut.
Dazu kommt der herausfordernde Job in der Schule - ich gehe in die Klasse, ein Drittel der Kiddies fehlt, jemand kommt angelaufen und sagt mir "Klaus ist abgehauen", und ich muss erstmal realisieren, warum überhaupt so wenige da sind; dazu kommt von links "Bekommen wir unsere Arbeit zurück?" und von rechts "Sollen die Klassenleiter losgehen, um Klaus zu holen?" und von vorne links "Ich habe Bauchschmerzen, darf ich nach Hause gehen?" und von vorne rechts "Haben sie ihre Haare jetzt rot gefärbt?" - alles gleichzeitig. Ernsthaft - ist so passiert. Der Autist (ich) steuert in einem Mordstempo auf den Meltdown zu, und dann kommt zum Glück meine Zweitsteckung und wir versuchen, das Chaos zu zweit in den Griff zu bekommen.
Solche Situationen sind an Perspektivschulen nicht selten, und es erfordert einem viel Kraft ab, ruhig zu bleiben und alles zu regeln. Ich sehe das im Unterricht anderer KollegInnen, die schon länger hier arbeiten, und beneide sie unglaublich - und versuche mir aus ihrem Unterrichtsverhalten Tipps für mich herauszuholen.
Denn so chaotisch und auslaugend das klingen mag - und auch definitiv ist, zumindest für mich - so sehr ist das genau die Arbeit, die ich leisten möchte. Ich möchte diese Kinder und Jugendlichen unterstützen, die oftmals keine Kindheit und Jugend genießen konnten, weil sie zum Beispiel auf der Flucht waren. Aus ihren Häusern gebombt in einem Alter, in dem sie das alles noch gar nicht verstehen konnten. Denen zuhause die Bezugspersonen fehlen, zum Beispiel weil auf der Flucht umgekommen oder in der Heimat verblieben, hoffend auf bessere Zeiten. Der übrige Elternteil - möglicherweise überfordert mit den vielen Kindern, das sind zerrüttete Verhältnisse, die ich mir nichtmal ansatzweise vorstellen kann. Deswegen verurteile ich nie diese Kiddies, wenn sie mal wieder Mist gebaut haben. Ich versuche ihnen so viel Mitgefühl und liebende Güte (Buddhismus)zukommen zu lassen, wie ich kann. Dabei ist mir manchmal der Autismus im Weg, und ich bin so sehr auf die Unterstützung der KollegInnen angewiesen...
...aber es funktioniert so langsam! Der Job belastet mich nicht nur, er ist in den meditativen Nachgängen so ungemein bereichernd, erweitert meinen Horizont für das, was andere Menschen auf dieser Welt durchmachen. Ich möchte unbedingt weiterarbeiten, auch wenn ich aufgrund meiner Fächerkombination möglicherweise nie eine Planstelle an dieser Schule bekommen werde.
Und immerhin in dieser Hinsicht sieht es positiv aus: Mein Verlängerungsvertrag ist angekommen und jetzt unterschrieben! Ich kann in vollem Umfang bis Ende des Halbjahres weiterarbeiten. Was dann kommt, sehen wir dann.
Jetzt ist endlich eine Blockade im Gehirn gelöst und ich kann mich auf die Suche nach einer gastroenterologischen Diagnose machen. Montag geht es los.
Daumen drücken!
post scriptum: Und Euch wünsche ich wie immer, dass Ihr Eure Arbeit ebenso bereichernd erleben könnt wie ich, und dass Ihr sie durchhaltet. Dass Ihr an diesem Wochenende etwas Energie tanken könnt. Ich denke, ich werde heute mal wieder eine "Tonglen"-Meditation praktizieren, Euren Stress in mich aufnehmen und etwas Entspannung "ausatmen" - Ihr wisst ja vielleicht aus dem damaligen Blogeintrag, wie das gemeint ist.
Wir sind in den Ferien angekommen. Ist das nicht toll? Erst recht nach dem letzten Beitrag, der klargemacht hat, dass ich komplett durch bin - ferienreif. Total voll mit Eindrücken und total kaputt. Dass die Stunden heute in der fünften Klasse richtig Spaß gemacht haben, rundet den Übergang in die Ferien wunderbar ab.
Dabei war das alles gar nicht so sicher: Am Mittwoch hätte ich eigentlich bei'm Psychiater sein sollen, aber weil mal wieder alles spontan anders gekommen ist als geplant, ist mein Tag zusammengebrochen und ich fast auch. Ich hätte nämlich vom Arzt mein neues Rezept für die Medikamente bekommen sollen, und ich war darauf angewiesen, denn der Donnerstag sollte ein langer Tag mit sehr vielen Menschen und zahllosen Eindrücken werden - da kann es helfen, eine halbe Tablette zu nehmen, damit ich nicht irgendwann komplett dichtmache.
Und weil das also nicht geklappt hat, ist genau das Gegenteil eingetreten, eine ordentliche Panikattacke. Wie soll ich an das Rezept kommen? Wie soll ich den Donnerstag gut überstehen?? Ich war unglaublich erleichtert, nachdem per Mailwechsel sich ein Weg finden ließ, die Medis noch am Abend zu bekommen. Ich war so unglaublich erleichtert, und damit war der Donnerstag kein großes Problem mehr.
Und die nächste gute Nachricht: So wie es aussieht, kann mein Vertrag nach den Ferien bis zum Ende des Halbjahres verlängert werden. Vielleicht mit weniger Stunden - das werden wir sehen. Aber ich bin unglaublich glücklich, denn ich habe mich in diese Schule verliebt und so langsam gewöhnen die Kids sich endlich an diesen komischen Lehrer. Schon wieder ein Lehrerwechsel wäre für sie die absolute Hölle. Also bitte Daumen drücken, dass die Verlängerung so durchgzogen werden kann, wie geplant; ich freue mich über jede weitere Woche an unserer Schule.
Und die (vorerst) letzte gute Nachricht: Die große Buba kommt! Pünktlich zu den Ferien reist sie nach Kiel, und wir haben uns lange nicht gesehen - ich hätte es zwischendurch nervlich nicht geschafft, die neue Schule war zuviel für mich. Es wird wieder Zeit zum Reden, Spielen und Pomsen (jeder möge sich selbst denken, was damit gemeint ist).