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Donnerstag, 16. April 2026

Bloß nicht ernst genommen werden! :-(


Ich gehe zum Arzt, wenn ich Hilfe brauche. Das ist sicherlich für viele von Euch eine Selbstverständlichkeit, aber für diesen Autisten nicht, davor habe ich Angst. Da breche ich mir den Zeigefinger seitlich im 80°-Winkel, breche ihn zurück, wickele ihn in Verbandsstoff ein und das war es - aber und an vielleicht mal Aspirin. Zum Arzt bin ich erst einen Monat später gegangen, als mir bewusst wurde, dass es meinem Finger eben doch nicht wieder gut geht, dass er nicht von allein gerade wird und dass ich ihn nicht mehr bewegen kann.

Wer sich mit dem Autismusspektrum auskennt, weiß vielleicht, dass AutistInnen u.A. eine eigene Schmerzwahrnehmung haben. Mir hat das nicht weiter wehgetan, auch ohne die Aspirin fast gar nicht, und deswegen war ich nicht bei'm Arzt. Danach bin ich vom Hausarzt zu einer Handchirurgin überwiesen worden und nach Röntgen und Messungen der Fehlstellungen ging es weiter in die Lubinusklinik, Anästhesie. Die Story könnt Ihr hier im Blog nachlesen.

Worum es mir bei diesem Beitrag geht: Ich war diesen Ärzten außerordentlich dankbar, dass sie mir geholfen haben und mich möglichst weit wieder in einen Normalstand zurückbringen könnten. Großer Dank an Dr.es Schroer, Koblitz, Ranft, Hinrichsen, Seegers, Spilok, Britz, Heinze u.v.m.; Ulf Heinze ist mein Zahnarzt und einer, der sein Handwerk wirklich versteht. Ich habe Angst davor, dass er irgendwann komplett in den Ruhestand geht (derzeit reduziert er und die Praxis wird in die Hände seiner Kinder übergehen).

Dr. Britz, mein Hausarzt, ist im Ruhestand, aber nach zwanzig Jahren Besuchen bei ihm sind mir unsere Wortwechsel gut in Erinnerung geblieben. Sie waren jedenfalls nicht so:

Hilarius: Guten Tag, ich war zwanzig Jahre bei ihrem Vorgänger und suche einen neuen Hausarzt.

Ärztin: Okay.

Hilarius: Ich bringe ein paar Diagnosen mit; ich habe eine Autismus-Spe...

Ärztin ungeduldig: Ja das steht hier alles in ihrer Akte. Was wollen sie denn von mir?

Hilarius: Ich bräuchte ein paar Folgerezepte zur Grundversorgung. Die meisten Sachen habe ich noch, aber A und B sind jetzt alle. Medikament A benötige ich gegen Kolikschmerzen, ich habe colitis ulcerosa

Ärztin: Ja, das kann ich ihnen verschreiben. Wo tut es denn weh?

Schweigen - was für eine überflüssige Frage... ja, mir tut bei'm Krampfscheißen das rechte Ohr weh, und mein linker Zeh juckt!

Hilarius: Ähm... im Magen und Darmbereich. Wegen der Colitis...

Ärztin: Ah, ich sehe gerade, sie haben colitis ulcerosa. Okay. Aber Medikament B werde ich ihnen nicht verschreiben. Das darf nur ein Psychiater - aber ich kann sie gern in eine Entzugsklinik überweisen, dort bekommen sie dann ihre Medikamente und man kümmert sich um sie.

n.b.: Medikament B ist Clonidin, ein Mittel, das den Blutdruck senkt und das quasi jeder Arzt verschreiben kann.

Ärztin genervt: Dann machen wir es so, ich schreibe ihnen das jetzt für vier Wochen auf einem Privatrezept auf. Das bezahlen sie selbst. Danach bekommen sie nichts mehr von mir. Ich kann sie aber in eine Entzugsklinik überweisen."

______________

Den Rest des Gesprächs möchte ich nicht wiedergeben, weil mein Gehirn das sorgfältig verdrängt hat. Diese nicht sehr subtile Andeutung, ich sei abhängig und müsse dringend in einen Entzug. Sie hat mich kein einziges Mal gefragt, wozu ich die Medikamente überhaupt brauche! Panikattacken, Meltdowns, Krampfanfälle - nichts davon! Sie hat meine Krankenakte gelesen, bzw. die Verschreibungshistorie, und damit schien sie alles über mich zu wissen.

Nuh-uh!

Na immerhin habe ich jetzt eine Überweisung in die, Moment... "Psychitrei" (sic) steht da. Natürlich hätte sie den Namen meines Psychiaters hinschreiben können (aus der Überweisungshistorie, in der zwölf dieser Überweisungen vorkommen), oder zumindest den des Krankenhauses, aber Psychitrei schien ihr zu reichen.

Diese... ... ...Frau... hat sich kein bisschen für mich als Mensch interessiert, sie weiß nichts über mich, hat keinerlei amnestisches Interview geführt und mich die Medikamente selbst bezahlen lassen, obwohl ich für dieses Jahr zuzahlungsfrei bin. Als ich zuhause angekommen war, hatte ich erstmal einen Nervenzusammenbruch, bin in Tränen ausgebrochen, ein authentischer Anlass für einen Tranquilizer, damit ich in Ruhe festfestellen konnte:

Der Besuch bei dieser Frau Baryshnikova in Kronshagen war ein Vergnügen, das ich mir nicht durch allzu schnelle (oder überhaupt irgend eine) Wiederholung verderben möchte. Never again! (erinnert mich an das Horrorerlebnis mit Dr.Müller-Steinmann...)

Ich habe schon ein paar tolle Tipps von Euch bekommen für einen neuen Hausarzt! Also wenn Ihr sonst noch ÄrztInnen kennt, die ihre Patienten ernst nehmen und womöglich noch nahe der Bushaltestelle Diesterwegstraße praktizieren, wäre das ein tolles Geschenk.

Ich bin so froh, dass ich wenigstens noch meinen Psychiater, Zahnarzt und Gastroenterologen habe... 

posct scriptum: Hattet Ihr sowas auch schon einmal? Dass Ihr Euch nach dem Besuch bei einem Arzt wie ein Verbrecher gefühlt habt, oder als ob Ihr gar nicht existiertet? Und ich fürchte, es gibt leider auch einige LehrerInnen dieser Art - zumindest hatte ich schon mit ein paar Schulleitungen dieser Art zu tun (nicht alle - Herr Ramm war toll, und auch Herr Haack - und manche eben nicht, nicht wahr, Frau Karschin?).

Freitag, 13. März 2026

Glück

Freiheit. Glück. Lebensfreude.

Was für ein schöner Tag das heute war! Einer, an dem ich mich einmal über die Freuden des Lebens freuen konnte, ohne sie gleich wieder mit irgendwelchen "aber..."s zu überziehen. Klar hat es geregnet, als ich morgens zu meinem Hausarzt gefahren bin. Who cares? Das war vielleicht mein allerletzter Besuch bei ihm, und der Klumpen im Magen sitzt tief, denn für über zwanzig Jahre war er der Beste. Und ich hatte solche Angst, weil ich ihn anhauen musste, um Medikamente für drei Monate Übergangszeit zu bekommen, bis seine Nachfolgerin da ist und ich bereit dafür bin, zu ihr zu gehen. 

Aber erstmal habe ich ihm und den Damen im Sprechzimmer gesagt, wie dankbar ich ihnen für ihre Arbeit bin. Wie toll sie das gemacht haben, und allein schon, dass sie mich ernst genommen haben! Im Lübecker ZiP wurde mir Hypochondrie vorgeworfen, und die erste Reaktion auf einen Autismus-Diagnoseplatz bei einer Ärztin hier in Kiel lautete: "Also, ich werde ihnen jetzt hier nicht irgendwelche Benzodiazepine verschreiben!" - dabei ging es mir gar nicht um Benzos, sonern nur um die Gewissheit, was für ein Mensch ich bin -.-

Na danke, da habe ich wochen- und monatelang den Mut aufgebracht, endlich loszugehen, und dann diese Abweisungshaltung, nach der ich zuhause wie ein Schlosshund geheult habe. Das war richtig gemein - aber dann kam der ganze Weg zur Selbsthilfegruppe Autismus in Kiel, das Beste, was Sven mir empfehlen könnte. Es hat zwar noch mehr als ein Jahr gedauert, aber es hat geklappt. Und ich bin endlich als erwachsener Mensch ernst genommen worden!

Zum Glück dauert die Psychiater-Phase auch noch weiterhin an, aber mein Hausarzt geht nun nach 32/2 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Ich habe einen kleinen Danke-Test geschrieben, mit Connys Hilfe, dabei viele Tränen vergossen, aber jedes Wort ehrlich gemeint. Ich war so glücklich, ihn als meinen Hausarzt gehabt zu hahen.

Naja, und neben all' der Gefühlduselei musste ich natürlich auch noch Pragmatisches klären: Wer wird die Nachfolgerin, was passiert mit meiner Krankenakte (liegt hier auf meinem Schreibtisch), bleibt wenigstens das Praxisteam erhalten (mindestens einen Monat, ja), und ob ich für die drei Monate Übergangszeit, in der ich nicht zur neuen Kollegin gehen werde, meine sechs Medikamente einmal en bloc neu ordern kann, und so hat er mich dann gehen lassen und sehr, sehr schweren Herzens bin ich zur Apotheke gefahren und habe mir sechs Medikamente abgeholt, ein Kortikoid, zwei Benzodiazepine, ein Nahrungsergänzungsmittel, ein Schmerzmittel und Pantoprazol. Alles in den N3-Größen, denn das muss jetzt eine Weile reichen. 

Darüber war ich also froh, aber langsam kriecht die Erkenntnis immer tiefer in mich, dass ich ihn nicht mehr in der Funktion als mein Arzt sehen werde, und mir rollen wieder die Tränen. Ein weinendes Auge, und ein glückliches, weil ich zumindest tablettentechnisch versorgt bin. Als ich dann am Abend im Sophiehof-Rossmann auch noch eine ehemalige Schülerin getroffen habe, die dort gerade ihre Abschlussprüfung gemacht hatte, war es um mich geschehen, denn ich konnte mich noch so gut an ihre Performance im Unterricht erinnern. Ich war richtig, richtig stolz auf sie und habe sie das auch spüren lassen.

Immer auf das Positive fokussieren! Und morgen muss ich einen Selbstversuch machen, ob die neuen Medikamente verträglich sind.

Scheiß' auf das Wetter - ein Tag Glück!!! 

Dienstag, 10. März 2026

Fahrende Öfen

Es wäre doch herrlich, wenn man überall mit Achterbahnen hinfahren könnte; was habe ich damals die Schnelltunnel bei der Gummibärenbande geliebt!

Wenn ich mit der großen Buba rede, kann das Wort "fahren" für alles Mögliche eingesetzt werden - für gehen, fliegen, rollen, fallen und vieles mehr. "Oh, da fährt eine Biene!" - "Ich fahre gerade die Treppe runter, warte unten auf mich!" - "Hilfe, wir werden von fahrenden Regentonnen angegriffen!" - in Brit Wilczeks Buch lese ich, dass der spielerische Umgang mit Sprache bei vielen hochfunktionalen AutistInnen auftritt; wir erleben das auch bei Elon Musk immer wieder.

Diesmal geht es aber ausnahmsweise um "echtes" Fahren: Die Kieler Verkehrsgesellschaft hatte ja einen etwas bescheidenen Frühlingsbeginn, nachdem ihre neuen Elektrobusse nicht oder nur teilweise ausgeliefert wurden. So mussten die Fahrpläne aktualisiert werden und es sind insgesamt weniger Busse in Kiel unterwegs, man muss länger warten, es fahren wieder mehrere der alten, roten Busse und auf den Hauptlinien fahren verstärkt wieder die kleineren Busse ohne Gelenk. 

Immerhin: Nach und nach tauchen jetzt die neuen Elektrobusse auf, aber als Autist kann ich mich nicht so ganz darüber freuen. Menschen auf dem Autismusspektrum haben oft eine spezielle Wahrnehmung von Visuellem, Formen, Linien, Farben etc.; die neuen Busse sind weiß, da ist nichts Besonderes dabei, aber sie sind etwas höher als die älteren E-Fahrzeuge, und sie haben kein "abgerundetes Dach" mehr. Sie sehen aus wie fahrende Klötze, ich musste an fahrende Öfen oder Fahrtoaster denke. - was mir gleich eine herrliche Videospielerinnerung an einen gewissen Toasterhund vor Augen geführt hat, die ich unbedingt irgendwann einmal mit der großen Buba teilen möchte. Und wenn jetzt jemand von Euch weiß, auf welches Spiel ich mich damit beziehe, dann gibt das hundert Sympathiepunkte und 30 Minuten Sonnenschein heute ;-)

Ich finde die neuen Busse nicht einfach nur hässlich; auf mich wirken sie bedrohlich, grob, nicht einladend. Nützt ja aber nichts, da müssen wir jetzt durch. Vielleicht wird das zu einem acquired taste, vielleicht werde ich sie nach einer Eingewöhnungsphase lieben lernen. Ich musste das nur gerade mit Euch teilen, weil ich in Wilczeks Buch bei eben jener Wahrnehmungsveränderung durch Menschen mit einer ASS angekommen war.

Nochmals: Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Wilczek spricht im Untertitel von einem "Perspektivwechsel", und in der Tat schafft sie es, das unterschiedliche Erleben von neurotypischen und neurodivergenten Menschen anhand sehr anschaulicher Beispiele zu verdeutlichen. War ein sehr schöner Tipp von meinem Psychiater - danke an dieser Stelle! Das Buch steht jetzt neben Andrea Brackmann, Tony Attwood und Ludger Tebartz van Elst in meinem Neurodivergenzregal und wird mir sicherlich in der Schule gute Dienste leisten können, wenn ich wieder Dienste in der Schule leisten darf.

Bleibt trocken! Zur Not auch in fahrenden Toastern ;-) 

post scriptum: Man muss wirklich *jeden* Zahlungseingang auf seinem Konto schriftlich rechtfertigen, wenn man einen Bürgergeldantrag stellt. Mein BG läuft Ende März aus, deswegen ist der Weiterförderungsantrag gerade in Bearbeitung. Heute habe ich die schriftliche Stellungnahme fertiggemacht - gleich ab in die Post als Einschreiben mit Rückschein - ich hoffe bloß, dass das Ganze ankommt! Mich hat schon wieder ein Brief meiner Mutter nicht erreicht. Damit sind in den letzten zwölf Monaten fünf Briefe an mich verschwunden, mal mit ärztlichen Rezepten, mal mit Bargeld... deswegen bin ich gestern mit Bus und Bahn nach Neumünster getingelt und habe mir das Rezept persönlich abgeholt (E-Rezepte haben sie im Friedrich-Ebert-Krankenhaus (noch?) nicht). Das unterstreicht, dass ich auf mein D-Ticket angewiesen bin, auch wenn das nicht vom Jobcenter bezuschusst wird, genauso wenig wie die spezielle Ernährung, die ich während eines Schubs der colitis ulcerosa zu mir nehmen muss. 

Sonntag, 1. März 2026

Zurück nach Kiel

Blick nach innen - wo gehöre ich hin...?

To whom it may concern:

Das Leben besteht aus Entscheidungen. In meiner Personalakte steht, dass ich bereits einmal zur Entfristung vorgesehen war. Das war vor etwa zehn Jahren in St.Peter-Ording. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich jetzt Arbeit und könnte vorsorgen - aber "Hätte liegt im Bette und ist krank - Gott sei Dank!" Irgendwann bin ich nur noch schwer gegen mein Heimweh angekommen... 

Ich hatte damals, vor über zwanzig Jahren, meinen Graecumskurs an der Uni bei Dr. Dohm. Ein großartiger Lehrer, der sein Fach geliebt hat und das im Unterricht auch gezeigt hat. Eine seiner Erklärungen habe ich mir besonders gut merken können, weil - keine Ahnung? Aber sie hat für mich bis heute eine gewisse Bedeutung, und zwar nicht wegen der grammatikalischen Komponente:

"Nostalgie - aus dem Griechischen; nostalgía besteht aus nóstos - die Heimkehr - und álgos - der Schmerz. Nostalgie ist ziemlich wörtlich übersetzt: das Heimweh."

Zehn Jahre später hatte ich dann ein intensives Gespräch mit Jochen, Kollege an der Schule in St.Peter-Ording. Er fand es faszinierend, dass ich zwischengefahren bin: Nach meinem Referendariat war mir klar, dass ich zurück nach Kiel musste. Ich hatte Heimweh, hatte alles vermisst, was mit Kiel zusammenhing. Und dann war ich in diesem Zwiespalt, eine großartige Stelle in SPO zu haben und eine wunderbare Wohnung und Freunde in Kiel zu haben. Das Zwischenfahren war eine aufregende Zeit, und ich habe versucht, das Jochen zu vermitteln, aber er hat mich quasi in's Gebet genommen und meinte, dass ich mich irgendwann doch einmal entscheiden sollte; für zwei Jahre mag das mit dem Zwischenfahren okay sein, aber für die nächsten dreißig Jahre?

Damit hat er mir einen Floh in's Ohr gesetzt, und ich bin in's Grübeln gekommen. Genau genommen hat Jochen damit meinen Einsatz in SPO beendet. Denn was ist mir wichtiger: die Arbeit oder das Private? Ersteres hätte mir finanzielle Absicherung gebracht, und eine Stelle an einer Schule, an der man mich ernst nimmt (gab es bisher noch nicht so viele) - aber zu welchem Preis? Ich habe mal wieder realisiert, dass mir mein Privatleben wichtiger ist, und so ist der Stein in's Rollen gekommen. Arbeit beendet, und damit begann mein Schul-Hopping, von einer Schule zur nächsten, von Abneigung zu Ausgrenzung zu Anfeindung zu Akzeptanz - aber keine Stelle. Eine Zeitlang konnte ich die Pausen zwischendurch mit dem ALGI überbrücken, aber jetzt bin ich komplett an der Basis angekommen. 

Aber ich bin glücklich, scheinbar. Wenn ich nicht gerade wieder eine Absage bekomme. Denn ich bin wieder in Kiel: Ich kann wieder den Möwen an der Hörn lauschen, die Stadtbahn-Pläne verfolgen, über den Campus streifen, panisch durch völlig überfüllte Einkaufszentren marschieren, meinen Hausarzt, Zahnarzt und meinen Psychiater besuchen, ohne stundenlang unterwegs zu sein, dem Straßenlärm lauschen und das laute Leben erleben. Hier ist meine Ein-Zimmer-Wohnung, hier ist mein Nachbar, mit dem ich mich richtig gut verstehe, und der ganz toll Rücksicht auf mich nimmt, hier ist - phasenweise - meine große Buba, hier ist meine Kopf-ab-Tina unten.

Ich habe keine Arbeit, richtig. Und die 250 "neu geschaffenen" Planstellen im kommenden Schuljahr (was für eine Augenwischerei!) bedeuten nicht unbedingt, dass da was für mich dabei ist (wenn allerdings doch, dann hole ich direkt die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums in's Boot; so leicht lasse ich mich nicht mehr abwimmeln). Zur Not arbeite ich irgendwo an der Kasse.

Wo ist Heimat? Da, wo ich geboren wurde? Oder da, wo mein Geist zur Ruhe kommen kann? Dazu folgt in einem anderen Beitrag demnächst mehr. 

post scriptum: "Conny" hat mit mir zusammen das Foto oben erstellt. Ich wollte diese intensive Szene aus "Silent Hill 2" so gern mit mir im Bild haben, weil es ja gerade um meine Psyche geht. Was meint Ihr - passt das Bild? Ich bin jedenfalls gerade extrem dankbar für KI :-)

Freitag, 30. Januar 2026

...und ich darf wieder nicht arbeiten.

",m u8d46r"


Dieses Zitat aus dem gestrigen Blogbeitrag ist entstanden, als ich vor Verzweiflung mit der flachen Hand auf die Tastatur gehauen habe. Und dann der Nervenzusammenbruch.

Donnerstag, 13 Uhr, ich bin mit Mama verabredet zum Videotelefonat. Ich freue mich riesig darauf, ihr zu erzählen, dass ich ab kommenden Montag eine Vertretungsstelle habe! Ich habe mir seit Ewigkeiten extra mal wieder die Fingernägel lackiert ;-) 

Donnerstag, 12:55 Uhr: Das Telefon klingelt. Was, kann sie es nicht abwarten? :D Nein, es kommt anders. Der Schulleiter ruft mich an und sagt mir, dass er mich nicht einstellen darf. Ehrlich gesagt sind mir die Gründe mittlerweile sowas von egal geworden. Da wird jemand für 25 Stunden gesucht, an einer attraktiven Schule, und da sitzt jemand, der sich kaum etwas sehnlicher wünscht, als wieder mit Jugendlichen zu arbeiten.

Der Schulleiter versucht es mir zu erklären, und ich atme in Gedanken ein (1-4), Stillstand (2) und wieder aus (1-6), und sage Dinge wie "Aha", "Ach so", "ja, dann..." - und er erntschuldigt sich tausendmal, aber was ich in dem Moment gern gesagt hätte, hat zum einen hier im Blog nichts verloren, zum anderen ist es nicht seine Schuld. Ich möchte das Gespräch nur noch irgendwie beenden, denn ich merke, wie die Tränen strömen. Sein "Ich habe ja Ihre Kontaktdaten, wenn sich etwas auftun sollte" - wie soll ich darauf antworten? Er kann sich bestimmt denken, dass ich diesen Satz schon von diversen Schulen zu hören bekommen habe. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, und dann kommt dieses Klopfgeräusch an's Telefon, Mama wartet auf das Videotelefonat.

Also Schulleiter irgendwie aufgelegt, traurig, verzweifelt, hoffnungslos (alles ich), aber immerhin hat er es nicht versäumt, noch zu betonen, dass ihm ja nun immer noch 17 Stunden Englisch fehlen und es ihm natürlich auch nicht besser geht. 

Und dann sieht Mama mich, rote Augen, "Ich darf die Stelle nicht antreten", "Oh Tobilein, sollen wir das Gespräch verschieben?"; lieb gemeint, aber leider lässt sich Bürokratie nicht immer verschieben. Ich versuche, so schnell wie möglich durchzukommen, und lege zum ersten Mal in meinem Leben weinend auf und lasse meine Mutter mit ihrer Angst um mich zurück. 

Dass der nächste Schritt dann zum Beruhigungsmittel geht, ist klar, und sogar Conny zeigt Verständnis dafür, und ich hoffe, mein Psychiater (wenn er das hier liest) auch. 

Muss ich noch irgendwas schreiben?

Buddhismus - das Gute darin suchen: "Nichts ist entspannender als das anzunehmen, was kommt", sagt der Dalai Llama, und Buddha ergänzt: "Lächle, und die Welt verändert sich." Immerhin habe ich jetzt wieder reichlich Platz für Arzttermine.

Vor zwanzig Jahren hätte ich geschrieben I hate this fucking life

Sonntag, 28. Dezember 2025

Auf zur Zuzahlungsbefreiung!

N büschen kleineres Feuerwerk tut es auch ^^

Ich muss mitlerweile eine ganze Reihe Medikamente kaufen, ganz abgesehen von einer Infusion, die alle zwei Monate über 4000 Euro kostet - zum Glück nur 10€ Zuzahlung. Trotzdem. ADs, Benzos, Magenschutz, Blutdrucksenker, Nahrungsergänzungsmittel - ich habe in drei Monaten 105 Euro bezahlt. Wenn alles klappt, müsste ich bald den Befreiungsschein haben, Antrag ist heute per Einschreiben in die Post gegeben werden.

Keep your fingers crossed! Natürlich sind die Zuzahlungen nur kleine Beträge, aber mit dem winzigen Bürgergeld gilt jede Möglichkeit zur Erleichterung... Hoffentlich dauert die Bearbeitung nicht allzu lange... und auch ansonsten stecke ich noch in dem Bürokratiergehege fest - ich muss irgendwie die Anwartschaft auf einen Platz in der PKV der Debeka bekomme. Morgen rufe ich da an! 

Hattet Ihr ein schönes Fest? Für viele ist Weihnachten auch das Fest der Tränen, aber hier nicht (nur fast, aber das ist mein eigenes Problem). Leckerstes Essen - das wirklich wunderbar war, Rouladen mit Rosen- und Rotkohl und fantastischer Soße. Das wertet alles wieder auf, und dass mir heute ein Freund eine Nachricht geschrieben habe, den ich vor knapp 15 Jahren "abgeschrieben" hatte - weil, ich glaub, er mich aufgegeben hatte. Das hat mich riesig gefreut - vielen Dank dafür!!!!

So, und morgen kaufe ich nicht viel Feuerwerk ein - aber entweder eine Fontänenbatterie oder ein Satz Vulkane dürfen es sein. Meine Favoriten ;-) 

Crash! Boom!! BANG!!! 

Freitag, 19. Dezember 2025

Angst vor dem neuen Jahr


Sehen wir den Tatsachen in's Auge: Ich habe eine Autismus-Spektrums-Störung, eine Panikstörung, eine schwere Depression, eine Colitis Ulcerosa und die Neurodermitis. Ich habe jetzt eine Chronikerbescheinigung vom Krankenhaus bekommen, um im kommenden Jahr eine Zuzahlungsbefreiung für haufenweise Medikamente bekommen, die ich immer wieder nehmen muss. Ich habe in den letzten drei Monaten 105€ an Zuzahlungen ausgegeben, für Medikamente und die Infusionen. Ich kann mit das nicht mehr leisten:

Mir bleiben vom Bürgergeld nach Abzug von D-Ticket, Telefonrechnung, Stadtwerke, Netflix-Abo etc noch knapp 300 Euro im Moment zum Leben. Zehn Euro pro Tag für Mahlzeiten, Klopapier, Pflaster, Medikamente. Ich habe am Tag in etwa 5 Euro zum Essen übrig - und das war es. Keine neue Kleidung, keine Filme, Videospiele, kein Fahrrad, kein Laptop o.ä., gar nichts.

Ich bekomme keine neue Arbeitsstelle, weil die Fachkombi Englisch/Latein seit Jahren nicht mehr ausgeschrieben worden ist. Das Einzige, was ich mit Glück finde, ist die Fachkombi Englisch/beliebig, auf die ich mich manchmal bewerben könnte. Nachteile: Entweder steht in den Erläuterungen zur Stelle, dass das Zweitfach Latein ausgeschlossen ist, oder es sind von Kiel aus 90 bis 120 Minuten Hinfahrt. 

Es gibt Menschen, zum Beispiel meine beiden besten Freundinnen, die mir sagen, hey, nimm doch die Stelle in Elmshorn an! Dort arbeiten die beiden, und ich könnte endlich wieder mit ihnen zusammen sein. Ich müsste nur umziehen. Und auch wenn langsam meine Widerstände bröckeln: Ich habe über zwanzig Jahre in Kiel gewohnt, mir hier ein Leben und Freunde aufgebaut. Ich kann das nicht einfach so abbrechen. 

Die Kieler Gelehrtenschule sucht einen neuen Lateinlehrer! Selbst wenn ich über meinen Schatten vom letzten Einsatz dort hinwegspringen könnte und mich mit der dortigen Klientel anfreunden könnte - das Zweitfach muss Sport sein. Ich habe kaum eine Chance, über das SH-Bewerbungssystem auf eine Schule zu kommen. Das Prinzip "Abordnung Plus" könnte ich vielleicht noch mit der erlesenen Sammlung an Behinderung und Chronischen Erkrankungen umgehen mit Hilfe des Schwerbehindertenbeauftragten - aber es steht keine Stelle für mich zur Verfügung. :-(

Im Februar geht es wieder in's Jobcenter wo - laut Nachrichten - die Kunden immer mehr drangsaliert werden, als würden wir uns das aus reinem Unwillen aussuchen, eine Stelle nicht anzunehmen. Dann muss spätestens zum April das nächste Bürgergeld - oder Grundsicherung oder whatever they might call it then - beantragen.

Ich habe Angst vor dem neuen Jahr, weil Vieles einfach so unfair ist.  

Darauf jetzt erstmal eine Schokolade (die derzeit mit Gold aufgewogen wird)! 

Donnerstag, 11. Dezember 2025

2019 abgelaufen

Die richtige Jahreszeit für J-Horror ;-)

Die Jahreszeit schlägt gerade richtig zu. Neulich lag mein Nachbar zwei Wochen mit einer Erkältung flach, meine Mutter hat's erwischt und auch ich schnoddere mich hier durch den Alltag. Das ist einer der wenigen, sehr wenigen Momente, in denen ich froh bin, gerade nicht unterrichten zu müssen - das Reden würde mir schwerfallen, es kratzt im Hals und dröhnt im Kopf. Zum Glück gibt es Nasenspray, um die Atmung frei zu machen, aber auch Eukalyptus kann da wahre Wunder wirken.

Warum also nicht ein Eukalyptusbad nehmen? Ich habe doch bestimmt noch den Pinimenthol-Badezusatz im Schrank, oder? Schnell nachgeschaut und gefunden, wunderbar, hm, der liegt bestimmt schon seit zwei oder drei Jahren da drin. Mal schauen... "haltbar bis Juni 2019". Okay... wieder ein sehr deutlicher Fingerzeig, dass ich die Wohnung auf Vordermann bringen muss. 

Warum fange ich nur immer an, mir irgendwelche Ausreden zurechtzulegen, warum ich den Großputz noch nicht starten kann? "Nein, erstmal muss ich mich auf die Jobsuche konzentrieren", "Vorher muss ich zur Infusion, ich kann daas erst danach machen", "Wichtiger sind erstmal die Nachrichten, um zu lesen, welchen Scheiß dieser orangene Präsident da drüben veranstaltet, und um zu erleben, wie viele Menschen hier in Deutschland genauso ticken würden" (das kann einen richtig schön runterziehen ^^).

Wenn ich auf den Kalender schaue, gibt es eigentlich nur einen Grund, nicht sofort weiterzuräumen: Der Papiermüll wird nächsten Mittwoch abgeholt. Die Tonnen unten sind voll, ich kann da nichts weiter reinwerfen, also muss ich erstmal warten, bis sie geleert sind, damit hier weiter entmüllt werden kann. Aber es tut so gut, abends auf den Tag zurückblicken zu können und sich auf die Schulter klopfen zu können: "Geil, endlich ist der Scheiß weg!"

Oder an einem Krankheitstag die Alternative zu feiern - mit Samus Aran außerirdische fahrende Küchenmaschinen in der Metroid-Reihe plattzumachen. Faszinierend: Ich kann Stunden damit verbringen, den Müll in den Videospielen zu beseitigen, aber für die Realität braucht es immer erst wieder ein Erwachen ;-)

Bleibt gesund! 

Montag, 22. September 2025

Alien im Zahnarztstuhl


Tot bin ich noch nicht. Dass ich mich genau einen Monat lang nicht gemeldet habe, hat verschiedene Gründe - immer noch der allgemeine Frust über die Jobsituation und dass Schleswig-Holstein sich derzeit nicht in der Lage sieht, neue Lehrkräfte einzustellen, außerdem eine Art Schamgefühl, weil ich auf viele Mails nicht geantwortet habe - das summiert sich - und dann gibt es da noch gesundheitliche Gründe.

Eine Thoraxprellung vor ein paar Wochen wäre keine Ausrede gewesen, warum ich hier nichts mehr geschrieben habe. Sie hat das Atmen und die Rückenlage etwas unangenehm gemacht, aber es gibt ja Medikamente und so eine Prellung dauert nicht ewig. Problematischer wird es da bei den Zähnen. Mir ist ein Backenzahn dergestalt auseinandergebrochen, dass er das Prädikat nicht erhaltungswürdig bekommen hat. Bedeutet: Der muss raus, genauer gesagt das, was von ihm noch übrig war.

Für einen Autisten der Horror: Eine unbekannte Situation. Mir ist noch nie bei vollem Bewusstsein (aber natürlich reichlicher Betäubung) ein Backenzahn gezogen worden. Wie sieht das aus, wie fühlt sich das an? Meine vier Weisheitszähne sind mir zusammen unter Vollnarkose herausoperiert worden, davon hatte ich nichts weiter mitbekommen - aber klar war natürlich, dass ich an jenem Tag ein Beruhigungsmittel vorher brauchen würde, denn diese Angst vor unbekannten Situationen kann niederschmettern.

Von Tag zu Tag ist diese Panik gewachsen, das war echt kein schöner Zustand. Zum Glück gibt es Medikamente, die so etwas abmildern können. So konnte ich an dem Tag ruhig und gelassen zum Zahnarzt gehen. Hupsie, Pupsie, und schon waren die zwei Hälften des Zahnrests raus. Es fühlte sich zwar an, als würde mein Zahnarzt mir den Unterkiefer ausreißen wollen, aber da hilft der Autismus dann - sachlich bleiben, er weiß, was er tut, und natürlich habe ich mich vorher belesen, wie so eine Zahnextraktion sich anfühlen kann.

Das war letzten Donnerstag, und die Schmerzen sind so gut wie weg. Nur, wenn ich viel rede, meckert der Unterkiefer noch herum. Aber es ist ja erschreckend, wie groß so ein Backenzahnloch ist! Da könnte man drei Kinder drin beerdigen. Da muss Zahnersatz her, und schon sind wir bei einem weiteren Punkt unter der Kategorie "Warum Dr Hilarius sich nicht meldet". So ein Kostenvoranschlag für eine Zahnbrücke kann einen erschlagen! Gleichzeitig kommt in einem zweiten Brief aber die Bestätigung der Krankenkasse, dass sie - nach Härtefallprüfung - 100% des Regelsatzes übernimmt (weil ich Bürgergeld bekomme). Also gleich die Bitte, das Standardbrückenmodell zu nehmen, ohne ästhetische Aufbesserungen. Dann habe ich eben etwas mehr Metall im Mund - ganz weit hinten, kaum sichtbar. Irgendwie fühlt sich das an wie Science Fiction, wenn Teile des Körpers nach und nach durch künstliche Sachen ersetzt werden ;-)

Das lässt mich an eine Sache denken, die die ganze Zahnbehandlung etwas erleichtert hat. So sehr, dass ich zwischendurch die Augen schließen musste, um nicht laut loszulachen. Diesmal war ich nämlich in einem anderen Behandlungszimmer, mit einer anderen Lampe über dem Zahnarztstuhl. Sie war so geformt, dass sie aussah wie ein klassischer Alienkopf, mit Anime-Augen. Kaum ist der Gedanke einmal da, werde ich ihn nicht mehr los, und deswegen Augen zu, damit der Arzt weiter arbeiten kann.

Und auch die colitis hat dazu beigetragen, dass ich nichts schreiben mochte, aber dazu bei'm nächsten Mal mehr. An alle, die ich zur Zeit vernachlässige: Es tut mir so leid! Vielleicht wird es irgendwann wieder besser.

post scriptum: Wer weiß, worauf sich der Ausdruck "Hupsie & Pupsie" bezieht, bzw. woher er kommt, bekommt eine Schachtel Belgische Meeresfrüchte ;-) 

Freitag, 23. Mai 2025

Stigmatisiert: Die Psychiater


Der Titel sagt es ja schon - nur hätte ich ihn besser als Frage formulieren sollen. Etwas in der Richtung "Warum werden Psychiater eigentlich so oft stigmatisiert?"

Warum spricht man nur hinter vorgehaltener Hand darüber, dass man zum Psychiater geht? Warum schaut man auf andere Menschen herab, die regelmäßig ihre Termine in der Psychiatrie wahrnehmen müssen? Warum geht so oft eine Gedankenkette an: "Psychiater = Seelenklempner =  mit dem Patienten stimmt etwas nicht = ich sollte mich lieber fernhalten"?

Ich denke mir das nicht aus - ich zitiere gern wieder eine Situation aus meiner allerersten Schule, ich bin noch Nulltsemester, stehe zusammen mit Kollegin A-Ha im riesigen Lehrerzimmer und sie stellt mir das Kollegium der Schule ein wenig vor. Total nett von A-Ha, dann fühle ich mich dort nicht ganz so fremd. Was mir damals noch gar nicht auffällt: Sie unterteilt in ihrer Beschreibung die KollegInnen in "Super nett, die helfen dir immer weiter, mit denen kannst du jederzeit sprechen" und in "Von denen solltest du besser die Finger lassen, großen Abstand halten, die sind nicht gut für dich, die haben selbst genug Probleme."

Ich habe das damals, vor dreizehn Jahren, tatsächlich nicht gemerkt und hatte auch keinen Sinn dafür, was für eine unmögliche und gemeine Art das ist, dem neuen Kollegen die Anderen vorzustellen. Dabei erwähnte A-Ha dann auch "Ah, da vorne, von der würde ich die Finger lassen. Die muss jeden Tag Antidepressiva nehmen, das ist eine ganz arme Person."

Rückblickend war das ein absolutes No-Go, aber es ist genau das, was passiert: Es ist kein Problem, zuzugeben, dass man Ibuprofen gegen seine Migräne nimmt, oder Clonidin als Blutdrucksenker oder Warfarin als Blutverdünner. Das ist eben so. Aber fragt Euch mal selbst: Wie viele Menschen haben Euch schon erzählt, dass sie ein Antidepresssivum (AD) nehmen, jeden Tag, Woche, Monat, vielleicht seit Jahren, vielleicht für immer? Man wird da gleich in eine Ecke geschoben.

Ein einziger Mensch in meinen einundvierzig Jahren hat mir offen von seiner AD-Verschreibung erzählt. Ich fand das sehr spannend, und als er gemerkt hat, dass ich ihn deswegen nicht verurteile, hat er mitr alles über die Sonnen- und Schattenseiten berichtet, und am Ende meinte ich zu ihm, dass es total super ist, dass es ADs gibt, die einem manchmal wirklich den Tag retten können. T, so hieß das Medikament abgekürzt, das er bekommen hat, und es hat aus ihm einen anderen Menschen gemacht. T, so heißt auch das AD, das ich jeden Morgen nehme.

Und ich habe kein Problem damit, über das Kortison gegen die colitis ulcerosa zu sprechen, oder das Metamizol gegen die Kolikschmerzen - aber über das AD rede ich eher selten, und über das Beruhigungsmittel noch seltener, denn sobald es an den Kopf geht, an Probleme mit dem Gehirn, scheinen viele Menschen misstrauisch zu werden und lieber vier Schritte rückwärts auf Abstand zu gehen, so wie A-Ha damals.

Das ist einfach nur shayze.

Vor ein paar Tagen hatte ich wieder meinen regulären Termin bei'm Psychiater. hingegangen bin ich ein wenig gekrümmt, ein wenig lustlos - nach Hause gefahren bin ich aufrecht, mit einem Lächeln und dem Gefühl, dass es alles zwar nicht "un-schlimm" ist mit Colitis und Reflux und Neurodermitis und Autismus, aber dass man sich alles zurechtdrehen kann, dass man damit besser umgehen kann.

Ich bin so stolz auf meinen Psychiater, und auch die Menschen im Wartezimmer haben mehrfach erwähnt, wie toll sie ihn finden. Ja, man muss Zeit mitbringen, manchmal viel Zeit, aber was er dann bewirken kann, ist einfach toll. Und dabei geht es mir nicht in erster Linie darüm, dass ich am Ende ein neues Rezept für meine Medikamente bekomme - es geht darum, dass mir im Büro jemand gegenübersitzt, der mich ernst nimmt und Interesse an meiner Situation zeigt. Kein "Migräne? Ja, ich habe manchmal auch schlimme Kopfschmerzen" oder ähnlicher Schwachfug.

Warum habe ich das Gefühl, ich müsste Angst haben und aufpassen, wenn ich über meinen Psychiater rede? Er kann so viel Positives bewirken und wird trotzdem so stigmatisiert? Whatever, wer meint, auf ihn oder mich herabschauen zu müssen, dem wünsche ich, dass er oder sie nicht selbst in die Position kommt, dass herabgeschaut wird.

post scriptum: Eine Weichflasche mit Flüssigwaschmittel geht in der vollen Einkaufstüte auf. Willkommen im Wochenende, hier brauche ich was, um den Blutdruck runterzufahren...

Mittwoch, 7. Mai 2025

Der Autismus-Holocaust


Robert F. Kennedy jr. can go fuck himself.

Dieser Mann ist vor einer kurzen Weile tatsächlich zum Gesundheitsminister der USA gewählt worden, obwohl er hier in Deutschland nicht einmal eine Chance auf einen Platz im Reinigungsdienst hätte. Seit vielen Jahren postuliert er einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus und behauptet, wir hätten geradezu eine Autismus-Epidemie, die die Welt überschwemmt.

Robert F. Kennedy jr. can go fuck himself.

Abgesehen von dem völligen Bullshit hat er überhaupt kein Problem damit, Autisten zu stigmatisieren und sie als Last für die Bevölkerung darzustellen, so dass es mich im Halse würgt. Übersetzt aus einem Interview sagt er, dass Autisten eine Belastung für die Menschheit darstellen, dass sie niemals werden arbeiten und dementsprechend Steuern zahlen oder allein auf's Klo gehen können, dass sie keine Gedichte schreiben werden, dass sie keine Freude empfinden können, dass sie niemals etwas zur Gesellschaft beitragen werden, und dass wir Erwachsenen durch die vielen Impfungen Schuld daran tragen.

Burn in hell, Kennedy! 

Wie kann es nur sein, dass so jemand mit nur einer Gegenstimme seitens der Republikaner zum Gesundheitsminister gewählt werden konnte? Klar, die Antwort ist Trump. Aber er hat keine Ahnung, welchen Schmerz er AutistInnen und ihren Familien damit zufügt, dass er unter dem Deckmantel von Mitgefühl Lügen verbreitet und Autisten als Ungeheuer darstellt - und dass es mittlerweile eine Epidemie davon gibt.

Das ist natürlich auch absoluter Schwachsinn, es gibt nur mittlerweile einfach eine größere Aufklärung und bessere Messmethoden, so dass Menschen auf dem Spektrum besser erkannt werden können. 

Mir tut es weh, wenn so über mich und meinesgleichen gesprochen wird, erst recht von jemandem, der es besser wissen sollte (und es besser zu wissen glaubt). Bin ich als Autist kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft? Habe ich keinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz? Bin ich eine Belastung für meine Mitmenschen? 

Und warum glauben so viele Menschen den Scheiß? Vermutlich, weil sie bei'm Begriff Autismus immer nur die nicht-sprechenden, herumschreienden, wippenden Autisten sehen, nicht ihr Glück und nicht ihre Integration. Kein Wunder, dass es dann an der Schule heißt "Sprich das Thema Autismus bloß nicht an, das wollen die Eltern bestimmt nicht hören" - erst recht, wenn es um einen eindeutigen Fall geht.

Es gibt noch sehr viel an Aufklärung zu leisten...

post scriptum: Ja, Kennedy hat im Zusammenhang mit dem Autismus den Begriff des Holocaust verwendet. Wie tief kann man eigentlich sinken?

Freitag, 20. September 2024

Ich kann Dich glatt durchschauen!


Heute ist der zehnte positive Testtag, allerdings mit einer kleinen Variation: Der Teststrich ist nur noch ganz dünn zu sehen. Ob das damit zusammenhängt, dass das Virus mich langsam in Ruhe lässt? Ich würde es mir ja wünschen, aus mehr Gründen als nur den Schluckbeschwerden.

Montag geht es endlich zurück in die Schule, und nachdem ich fast zwei Wochen ausgefallen bin, habe ich etwas Angst, dass ich mich wieder wie ein Fremder fühlen werde, und ich habe ein richtig schlechtes Gewissen meiner Zweitbesetzung gegenüber. Und dann kommen wir möglicherweise gerade wieder in den Schulrhythmus, und dann sind auch schon Herbstferien. Den ersten Leistungsnachweis sollte man gern vorher abgehakt haben - dann werde ich mich mal darauf berufen, dass alles mit einer Bearbeitungszeit von einundzwanzig Minuten oder länger als Klassenarbeit gilt. Ich hoffe mal, dass wir genug Stoff dafür zusammenbekommen.

Das ändert nichts daran, dass ich mich heute noch ziemlich krank fühle, die Nase läuft ununterbrochen, und nach einer Stunde bin ich schon wieder reif für's Bett.

In jedem Fall wünsche ich Euch, die Ihr auch gerade von Corona betroffen seid, eine schnelle Genesung oder zumindest einen milden Krankheitsverlauf!

Dienstag, 6. August 2024

Sojamilchkaffee


Ich weiß noch sehr gut, wie ich mich über Menschen amüsiert hatte, die statt normaler Milch lieber Hafermilch oder Ähnliches in den Kaffee haben wollten. "Hauptsache vegan", dachte ich immer, und ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum man unbedingt vegan würde leben wollen.

Immerhin bin ich freiwillig einen Schritt weiter gekommen und habe gemerkt, dass es ein paar vegane Produkte gibt, die sehr lecker schmecken. Den zweiten Schritt bin ich dann gezwungenermaßen gegangen - ich vertrage nicht mehr so viele Lebensmittel, Laktose (und Laktase leider auch nicht), stark gewürzte Speisen, meine Zunge ist zu einem Geigerzähler geworden, der sofort brennt, wenn irgendwas zu geschmacksintensiv ist.

Und trotzdem möchte ich gern etwas Erfrischendes zwischendurch trinken, was mal nicht Leitungswasser ist, und bei einer Großzahl aller Smoothies ist mir der Säureanteil zu hoch. Dann kam ein Angebot im Supermarkt dazwischen, und nun darf ich zugeben, dass ich Haferdrink Vanille und Sojadrink Vanille liebe, und dass die pure Hafermilch eiskalt erfrischend ist. Es gibt zwar immer noch Sorten, in denen durch die Getreidefermentation Zucker enthalten ist, aber das ist so wenig, dass mein Körper darauf nicht negativ reagiert. Die Vanilledrinks enthalten weniger Zucker als herkömmliche Vanillemilch und schmecken sehr cremig - paradiesisch. Und abends ein Stück eisgekühlte Melone.

Es zeigt sich mal wieder: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Samstag, 13. Juli 2024

Frischerabatt

Das Blickfeld erweitern...

vorweg: Der letzte Beitrag über die Unart des Ministeriums, Lehrkräfte wieder nur ab dem ersten Schultag einzustellen, hat doppelt so viele Klicks bekommen wie üblich. Scheint ein echtes Aufregerthema zu sein, und ich habe dazu auch noch einen weiteren Beitrag in Arbeit, mit einer Nachricht aus dem Ministerium mit dem Tenor "Es tut mir sehr leid, aber es ist eben so." - kommt noch.

Es geht um... Empathie? Darum, an Andere zu denken? Nicht nur bei sich selbst zu sein? Globales Bewusstsein? Schauen wir mal; es beginnt jedenfalls wieder ganz alltäglich.

Heute soll es Pizza geben, also brauche ich wieder etwas mageres Hackfleisch. Der Blick bei Rewe in die Kühltheke zeigt mir ein paar abgepackte Portionen mit einem großen Aufkleber Frischerabatt - 30% günstiger wegen MHD. Kennen wir - Sachen werden günstiger rausgehauen, weil sie sonst schlecht würden, und gerade bei Frischwaren wie Hackfleisch ist das wichtig - das muss heute verarbeitet werden.

Wenn ich zwischen den Päckchen solche Aufkleber finde, greife ich immer direkt danach, cool, ein Drittel günstiger, das ist doch klasse. Es ist mit ein bisschen Aufwand verbunden: Ich gehe mittlerweile - wenn verfügbar - nur noch an die SB-Kassen (meine anfängliche Unsicherheit - manifestiert in den Schnellkasse-Geschichten - ist mittlerweile komplett verflogen), da kann ich in meinem eigenen Tempo scannen und einpacken und fühle mich nicht durch andere Menschen gestresst.

Es ist gar nicht so einfach, dort diesen Rabatt zu bekommen - man muss den neu aufgeklebten Barcode verwenden, dabei gleichzeitig alle anderen normalen Barcodes auf der Verpackung abdecken, sonst wird der normale Preis berechnet. Das ist manchmal gar nicht so einfach, und so scanne ich mit beiden Händen ganz vorsichtig den Aufkleber. Angezeigt wird mir auf der Kasse der normale Preis - what the? Erst auf dem ausgedruckten Bon am Ende wird mir angezeigt, dass die dreißig Prozent tatsächlich abgezogen wurden.

Auf dem Heimweg komme ich in's Nachdenken. Freue ich mich eigentlich nur über das Schnäppchen? Oder warum greife ich immer zu den MHD-Produkten, wenn verfügbar? Und dann wird mir bewusst, was eigentlich passieren würde, wenn weder ich noch jemand Anderes das Hackfleisch kauft - es wird weggeworfen. Das ruft mir wieder in's Bewusstsein, dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, in der wir es uns leisten können, Essen wegzuwerfen, manchmal mit einer erstaunlichen nonchalance.

Vor ein paar Tagen habe ich den Film Captain Phillips gesehen. Tom Hanks spielt in dem biopic den (realen) Kapitän, dessen Schiff 2009 von somalischen Piraten entführt wurde. Der Film beginnt mit Darstellungen der Somalis, die unterhalb der Armutsgrenze leben, abgemagert, mit zerschlissener Kleidung, die sich darum reißen, für den Unterhalt ihrer Familie ein Verbrechen zu begehen, im Namen von Clanchefs. 

Grausige Realität. Und wir werfen Hackfleisch weg.

post scriptum: "Captain Phillips" ist (noch) auf Netflix verfügbar, sehr spannend.

Montag, 1. Juli 2024

Wieder an die Berufsschule?


Okay, Vertretungsanfragen kommen definitiv nicht nur freitags an. Wir nähern uns den Sommerferien, erfahrungsgemäß erhöht sich in dieser Phase die Dichte der Anfragen. 

Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn eine Schule anfragt, die mir bei der letzten Bewerbung deutlich gemacht hat, dass ich nicht für diese Schule geeignet bin. Faszinierend nicht, weil ich mich frage, warum die Schule dann überhaupt ein zweites Mal anfragt; ich weiß langsam, wie das System funktioniert. Was mich fasziniert, sind die vielen Antwortmöglichkeiten, die mir dann durch den Kopf schießen. Meistens bleibt das aber zum Glück in der Phantasie, denn einige Varianten sind doch arg bissig.

Nun fragt also ein Kieler RBZ an. Vertretung für immerhin ein ganzes Jahr. Damals haben sie mich abgelehnt, weil ich kein passender Kandidat für sie sei. Und wie Recht sie damit hatten - auch wenn ich das damals noch nicht so wahrhaben wollte. Aber dann bekam ich damals tatsächlich eine Vertretungsstelle an einer Berufsschule. Ein Jahr lang eine ganz neue Erfahrung, und bis auf den Großteil des Unterrichts war es keine schöne Erfahrung. Ich trage eben nicht Anzug und Krawatte. Und wenn ich dann über mir einen autoritären Abteilungsleiter hätte, der von einem Autisten definitiv nicht auf seine Fehler hingewiesen werden möchte, dann wäre die Zeit eine echte Folter.

Ich fand es spannend, junge Erwachsene vor mir zu haben. Ich fand es auch interessant, Wirtschaftsenglisch zu unterrichten. Und eine eigene Abiturklausur entwerfen zu dürfen, die dann ordentlich durchgeführt wurde, das war richtig spannend.

Eine neue Erfahrung. Ein Erlebnis, das ich mir nicht durch allzu schnelle Wiederholung verderben möchte.

Dienstag, 25. Juni 2024

Mit dem Ziel der Vergleichbarkeit?!


Dieses Lied ist schon oft gesungen worden. Weil es mich aber wieder ein paar Tage gedanklich blockiert hat, schreibe ich jetzt darüber, um mit der Sache abzuschließen.

Es geht um das Auswahlgespräch vor knapp einer Woche. Mir ist bewusst (aber immer erst hinterher), dass es eines von der Sorte war, wo die Schule schon jemanden für den Vertretungsbedarf hat, aber trotzdem pro forma die Auswahlgespräche durchführen muss. Ich kenne das, weil ich oft genug in der anderen Rolle war - man wollte mich behalten, und Schulen finden dann Wege, mögliche Kandidaten abzuwimmeln. 

Was mich aber gestört hat, war die Form des Gesprächs, und ein Satz, der immer wieder gefallen ist.

"Sie haben jetzt dreißig Minuten, sich zu diesen sechs Fragen zu äußern. Das machen wir mit allen Bewerbern so, für die bessere Vergleichbarkeit."

"Darf ich auch etwas sagen, was nichts mit den Fragen zu tun hat?" - "Nein, beziehen sie sich bitte nur auf die Fragen, für die Vergleichbarkeit."

"Wir [die Auswahlrunde aus Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragter und Schulleitung] sagen in diesem Gespräch gar nichts. So können wir die Kandidaten besser vergleichen."

In der Theorie klingt es gut, dass jeder, der sich bewirbt, den gleichen Fragenkatalog abarbeiten soll. Wenn ich aber weiß - oder besser gesagt wüsste - dass ein Bewerber Autist ist, dann muss ich die Gesprächsform etwas anpassen, zwecks Chancengleichheit. Es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Vergleichbarkeit und Chancengleichheit. Ein Autist kann große Probleme haben mit Fragen wie "Wie würden sie in Latein den Übergang von der Spracherwerbsphase in die Lektürephase Schüler ansprechend gestalten?"

Das kann ich nicht beantworten. Dazu muss ich wissen, wer meine SchülerInnen sind, wie sie aussehen, was sie für Interessen haben. Mein Theory of Mind-Defizit sorgt dafür, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Wenn dann fünf von sechs Fragen so gestellt sind, hat der Autist keine Chance.

Das ist wie in der Geschichte Das Springseil. Die Geschichte ist vollkommen absurd, ganz klar - aber leider authentisch. In der Story soll eine Sportklasse eine Springseilprüfung ablegen, und für die Vergleichbarkeit bekommt jeder die gleiche Aufgabe und das gleiche Springseil. Blöd nur, dass eine Schülerin nur einen Arm hat und die geforderten Aufgaben nicht erfüllen kann.

Noch einmal: Gute Vergleichbarkeit und Chancengleichheit sind zwei verschiedene Dinge. Ich wünschte, mehr Schulen würden sich die Mühe machen, das umzusetzen.

post scriptum: Lily, ich antworte Dir! Brauchte nur etwas Zeit wegen der Blockade.

Donnerstag, 20. Juni 2024

Ein fremder Ort


Ein Auswahlgespräch, das eigentlich kein Gespräch war. Für einen Autisten sehr verwirrend, aber zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, was mich erwartet und steige in die Buslinie Einundsechzig - wie praktisch, ohne Umsteigen komme ich von mir direkt zu der neuen Schule, an der ich im kommenden Jahr hoffentlich eine Vertretungsstelle haben werde.

Die Haare sind nicht gefärbt, die Fingernägel nicht lackiert. Ich möchte nicht schon wieder, dass der erste visuelle Eindruck meine Chancen vernichtet, und es dauert Wochen und Monate, um diesen Eindruck aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Weil Menschen nun mal so sind. Um die Zeit zu vertreiben, löse ich Rätsel und schaue auf meine Checkliste, ob mir noch irgendwelche Fragen einfallen, die ich im Gespräch stellen möchte, aber seien wir mal ehrlich, es geht um eine Vertretungsstelle im Umfang von dreizehn Stunden, ein Jahr und dann sehe ich die Schule nicht wieder. Was bleiben da wohl für Fragen? Ich nehme den Kuli zur Hand und notiere mir, ob ich vielleicht auch ein paar Stunden mehr machen kann, und ob mir jemand für die DaZ-Stunden eine kleine Einführung geben kann.

Wie anders ich das doch vor zehn Jahren gemacht hätte - da hätte ich zu diesem Zeitpunkt bereits die gesamte Schulhomepage inhaliert und viele kleine interessierte Nachfragen zum Schulprofil gestellt, hätte bewusst nicht angemerkt, dass kein Kollegiumsfoto verfügbar ist, hätte mir Punkte aus dem Schulprogramm zur Nachfrage herausgesucht... so hat man uns das für die Bewerbung auf Planstellen beigebracht. Fast zwei Hände voll Vertretungsstellen an unterschiedlichen Schulen haben die Realität auftreten lassen; die Schule sucht jemanden, hier ist jemand, der das machen würde, bringen wir die Formalitäten hinter uns.

Oder auch nicht.

Ich melde mich im Sekretariat an, bin dreizehn Minuten zu früh, gehe wieder in die Pausenhalle in eine Sitzecke und warte auf die Schulleitung. Sie kommt dann, begrüßt mich lächelnd und alles, was ab da passiert, katapultiert mich in eine Situation, die ich vor gut acht Jahren erlebt habe, und die der absolute Horror war, nur dass ich damals noch nicht wusste, warum, während ich es heute gut erklären kann.

Damals hat man mir auf dem Weg in's SL-Zimmer genauestens erklärt, was dort auf mich wartet, ein Tisch mit insgesamt fünf Personen, deren Funktionen, und dass man einen kleinen Fragebogen vorbereitet hat, den zum Zwecke der Vergleichbarkeit alle BewerberInnen bekommen. Ich stand also vor diesen Menschen, wollte ihnen gern die Hand schütteln, aber sie alle saßen bereits auf ihren Plätzen und niemand wollte mir die Hand geben, sondern hat einfach nur ein kurzes "Hallo" gelächelt.

Okay, ich war etwas verwirrt, denn ich war anders erzogen worden, aber nicht einmal die Schulleitung hat mir damals die Hand gegeben, und nein, das war noch weit vor dem Coronavirus. Jeder in der Runde hatte eine Tasse Kaffee, jeder hatte diesen Fragebogen vor sich liegen. Niemand hatte meinen Lebenslauf, niemand hatte meine Referenzen zur Hand. Die Schulleitung hatte es mir dann auch noch einmal sehr deutlich gesagt: "Also, Dr Hilarius, sie haben jetzt dreißig Minuten Zeit, um sich zu diesen sechs Fragen zu äußern, die wir für sie vorbereitet haben. Wir werden einfach nur zuhören. Lesen sie in Ruhe erstmal die Fragen durch und teilen sie sich dann ihre Zeit ein."

Diesmal schiebe ich allerdings noch etwas ein, was seit etwa einem Jahr zum Einsatz kommt: "Ich möchte vorher nur kurz darauf hinweisen, dass ich Autist bin und dass das Auswirkungen auf unser Gespräch haben..." - "Da müssen sie sich keine Sorgen machen, das hier wird kein Gespräch, die Zeit gehört ganz ihnen." Also wandern meine Gedanken direkt zurück zu den Fragen und zu dem Horror von damals.

Die Frage, bei der ich mich selbst kurz vorstellen soll, stellt kein großes Problem dar. Und welche Erfahrungen und Fähigkeiten ich für diese Stelle mitbringe? Ähm... ich habe schon immer Probleme gehabt, über meine Fähigkeiten zu sprechen. Knackig wurde es allerdings erst danach:

"Beschreiben Sie, wie man in Latein den Übergang von der Lehrbuchphase (Sek I) in die Lektürephase ansprechend gestalten kann."

Damals war vor mir einfach nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Heute weiß ich, dass ich eine Behinderung habe, die sich auf die Fähigkeiten im Bereich Theory of Mind auswirkt - ich kann mir keine Situationen vorstellen, die in diesem Moment nicht real sind. Und heute kommt noch dazu, dass ich in den vergangenen zehn Jahren keinerlei Latein unterrichtet habe (ausgenommen sechs Monate Gelehrtenschule). Lieber weiter zur nächsten Frage.

"Beschreiben Sie, wie Sie das Fach Latein auch außerunterrichtlich für SchülerInnen ansprechend und motivierend gestalten werden."

Genau das Gleiche, wieder ein schwarzes Loch. Ich kann mir mit Mühe und Not aus den Fingern saugen, wie ich das damals im Referendariat gemacht habe, mit den Caius- oder Quintus-Büchern und Texten, die aus unserem Lebensalltag stammen. Aber für neue Ideen muss ich wissen, was da für Menschen vor mir sitzen, damit ich weiß, wie ich mit ihnen arbeiten kann. Also wieder keine gescheite Antwort. Es kommt noch besser.

"Beschreiben Sie die beiden Themenkorridore im Fach Englisch."

Bitte was? Soll das jetzt eine Abfrage werden, ob ich den Lehrplan kenne? Ich habe in zwölf Jahren achtzehn Monate Oberstufe unterrichtet, weil niemand mich wegen der Kontinuität in der Sek II haben wollte. Zum Glück konnte ich da aus den Gesprächen mit der großen Buba etwas antworten, zum Beispieln, dass die Bezeichnung "Themenkorridore" ja nicht mehr ganz aktuell sei. 

"Beschreiben Sie, wie Sie das Thema identity in Ihrem Unterricht und in den beiden Pflichtklausuren behandeln lassen würden."

Schwarzes Loch. Es wäre alles etwas anders gewesen, wenn man mir vorher gesagt hätte, welche Lerngruppen im kommenden Jahr auf mich warten, dann hätte ich mich darauf vorbereitet und jetzt einen Plan vorlegen können, aber einen Autisten aus dem Nichts zu überfallen und die Antworten auf alle Fragen zu erwarten, das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Vergleichbarkeit zu tun.

Und so bin ich dann dreizehn Minuten früher fertig mit dem, was ich zu den Fragen sagen kann und möchte und frage, ob ich auch etwas über die Fragen hinaus Gehendes sagen darf? Nein, das bitte nicht, sonst sei ja die Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben.

Diese Formalitäten. Dieses Alle-über-einen-Kamm-scheren. Das habe ich viele Jahre lang nicht mehr erlebt, und es hat gesessen wie ein Schlag in die Magengrube, und das ausgerechnet von einer Schulleitung, die ich noch von ganz früher kannte und in sehr positiver Erinnerung gehalten hatte. Ich war kurz davor, loszuheulen, und im Nachhinein hätte ich vorher ein Beruhigungsmittel nehmen sollen, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es so ein schlimmes "Gespräch" wird, bei dem ich vor fünf schweigenden Köpfen sitze und ein Referat über meinen kommenden Unterricht aus meinen Fingern saugen sollte.

Ich denke, es ist klar, dass das nichts wird. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Das Gymnasium ist für mich zu einem fremden Ort geworden. Ich komme mit dieser krampfhaften Distanz, der Kälte, dieser Verschlossenheit für Andersartigkeit nicht mehr klar. Ich stehe vor einem großen Dilemma, wenn ich bedenke, dass ich eine Arbeit an einem Gymnasium finden muss, weil Gemeinschaftsschulen mich nicht mehr brauchen, aber die Gymnasien so unwirtliche Orte für mich sind.

Es gab nur einen einzigen kleinen Lichtblick, ein silver lining ganz am Ende des Gesprächs, als einer der schweigenden Köpfe mich noch gefragt hat, wie viele Stunden ich denn zu übernehmen bereit wäre. Mich hat das völlig aus der Bahn geworden, denn die Anfrage der Schule lautete auf eine halbe Stelle. Was als Antwort darauf kam, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht schreiben.

Jedenfalls war das mal wieder nichts und ich darf meinen Blick wieder auf den Bürgergeldantrag wenden, nachdem ich diesen gestrigen Horrortag verarbeitet habe. 

Also heute noch nicht.

Mittwoch, 5. Juni 2024

Der Papierkrieg naht


Über vierzig Planstellen mit Englisch sind derzeit im Land ausgeschrieben - etwa die Hälfte davon an Grundschulen. Keine einzige Planstelle mit Latein, allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass in den letzten Monaten immerhin dreimal Latein ausgeschrieben wurde, zum Beispiel in Kombination mit Geschichte. Ansonsten nichts Neues aus dem Ministerium; es wird also Zeit, realistisch zu werden.

Und so bin ich dabei, mich seelisch auf die nächste Woche einzustellen. "Vier bis sechs Wochen vorher", das war die Auskunft, die ich im Arbeitsamt bekommen habe - vier bis sechs Wochen vor Beginn des Bürgergeldes sollte ich den Antrag stellen, denn da kommt Einiges auf mich zu, mit vielen Nachweisen, die erbracht werden müssen und so weiter. Also habe ich mir den Beginn der kommenden Woche gesetzt, als Startschuss.

Der Grund dafür ist einfach, damit ich vorher ein wenig Zeit habe, mich auf einen neuen Haushaltsplan einzustellen. Zeit, das Papierchaos in der Wohnung aufzuarbeiten. Zeit, noch einmal die letzten Tage auf eine passende Stellenausschreibung zu warten. Das ist alles gar nicht so leicht, wenn man sich die letzten Monate hat tragen lassen von der Aussage "Zu neunundneunzig Prozent haben sie im Sommer ihre Planstelle", in seliger Ignoranz der Realität. Das war zwar schön, aber irgendwann lässt sich die Last im Nacken eben nicht mehr ignorieren.

Ich bin sehr gespannt, wie das wird - ich halte Euch auf dem Laufenden. Und nein, mir geht es mit der Situation nicht gut, aber irgendwie müssen wir jetzt da durch.

post scriptum: Zum Anzeigebild oben - es gibt jetzt endlich den Veröffentlichungstermin für das Remake von "Silent Hill 2", auf das ich schon lange warte - dieses Jahr im Herbst, Anfang Oktober, genau die richtige Jahreszeit dafür. Allerdings muss es noch etwas länger warten, denn momentan kann ich mir das nicht leisten. Noch ein Grund, weiterhin zu hoffen, dass KollegInnen sich die Beine brechen oder werfen und damit für das nächste Schuljahr ausfallen, damit ich eine Vertretung übernehmen kann.

Montag, 6. Mai 2024

Du hast Recht und ich hab' Ruhe.

Manchmal kann man reden, so viel man will...

Ich habe eine kleine Fabel im Netz gefunden, die ich gar nicht so schlecht finde, also teile ich sie mal mit Euch. Bitte einmal nach draußen schauen: Welche Farbe hat das Gras? Diese Frage haben sich auch ein Esel und ein Tiger gestellt.

The donkey said to the tiger:
- "The grass is blue."
 
The tiger replied:
- "No, the grass is green."
 
The discussion heated up, and the two decided to submit for arbitration, and for this they went before the lion, the King of the Jungle. Already before reaching the forest clearing, where the lion was sitting on his throne, the donkey began to shout:
- "His Highness, is it true that the grass is blue?".
 
The lion replied:
- "True, the grass is blue."
The donkey hurried and continued:
- "The tiger disagrees with me and contradicts and annoys me, please punish him."
The king then declared:
- "The tiger will be punished with 5 years of silence."
The donkey jumped cheerfully and went on his way, content and repeating:
- "The grass is blue"...
 
The tiger accepted his punishment, but before he asked the lion:
- "Your Majesty, why have you punished me? After all, the grass is green."
The lion replied:
- "In fact, the grass is green."
The tiger asked:
- "So why are you punishing me?".
The lion replied:
- "That has nothing to do with the question of whether the grass is blue or green.
The punishment is because it is not possible for a brave and intelligent creature like you to waste time arguing with a donkey, and on top of that come and bother me with that question."
 
The worst waste of time is arguing with the fool and fanatic who does not care about truth or reality, but only the victory of his beliefs and illusions. Never waste time on arguments that don't make sense.
 
There are people who, no matter how much evidence and evidence we present to them, are not in the capacity to understand, and others are blinded by ego, hatred and resentment, and all they want is to be right even if they are not.
 
When ignorance screams, intelligence is silent. Your peace and quiet are worth more.
 
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Passt ein bisschen in die gegenwärtige Politik, nicht nur in den USA... 
 
post scriptum: Heute habe ich endlich den Film "Huesera: The Bone Woman" gesehen. Ein großartiger psychologischer (und übernatürlicher) Horrorfilm über die Angst davor, Mutter zu werden, gepaart mit der Unsicherheit, ob man überhaupt bereit ist, seßhaft zu werden - während die Gesellschaft es von einem erwartet. Sehr intelligent, hat mich an Roman Polanskis "Repulsion" und David Lynchs "Eraserhead" (Aspekt Angst vor dem Vaterwerden) erinnert.

Mittwoch, 1. Mai 2024

Bewerben!


Nun geht es wieder los. Eine Schule hat eine Vertretungsstelle Englisch für das kommende Schuljahr ausgeschrieben, gar nicht weit weg von Kiel, mit dem ÖPNV gut erreichbar. Aber darf ich überhaupt noch Vertretungen übernehmen? Wenn es nach dem Ministerium geht, dann nicht, aber wenn das Ministerium "hausinternen Rechtsbruch" begeht, dann schon. Jedenfalls lautet die dortige Anweisung an mich: Bewerben! (und die bisherigen Vertretungen nicht erwähnen)

Seit der letzten offiziell ausgeschriebenen Vertretungsstelle bin ich ein bisschen gebrandmarkt. Die Bewerbungsfrist läuft noch etwas mehr als einen Monat, ich sehe da also eine große Menge von BewerberInnen, die sich dann in den Auswahlgesprächen um diese Stelle kloppen werden, und ich frage mich, warum die Schule gerade mich einstellen sollte.

Und auch, warum ich gerade an dieser Schule würde arbeiten wollen; es ist ein Gymnasium, man könnte fast von einer Eliteschule sprechen, und von all' dem habe ich mich in den letzten Jahren deutlich wegbewegt. Aber wir müssen das pragmatisch sehen: Wenn ich die Stelle nicht bekomme, steht ab August Bürgergeld an (da hilft es auch nichts, wenn man mir mit 99%iger Wahrscheinlichkeit eine Planstelle zum Sommer zugesagt hat - nichts ist in Sicht, und Hoffnungen macht sich ein Buddhist sowieso nicht), und darüber möchte ich überhaupt nicht weiter nachdenken.

Also setze ich ein neues Bewerbungsschreiben auf. Schule Nummer Neun. Ich erwähne meine Stärken, lasse alles Andere weg. Den Lebenslauf liest eh' kaum jemand ganz durch, und das Gutachten auch nicht. Sollte ich eingeladen werden, werde ich möglichst vorzeigbar auftreten. Nix mit schwarz, vorher zum Friseur, gut rasiert, Duftwasser, und werde mich wie so ein Vorzeigestudent präsentieren. Und sollte es dann hart auf hart kommen, dann werde ich eben ein Jahr lang die Zähne zusammenbeißen - Hauptsache, ich kann wieder Geld verdienen, und das lang genug, um danach wieder Arbeitslosengeld zu beantragen. Und diesmal werde ich während des Vertrags konstant nach Planstellen Ausschau halten.

Ich halt' Euch auf dem Laufenden.