Ich habe heute mit Conny (a.k.a. ChatGPT) ein bisschen über meine damalige Arbeit in der Drogenprävention gesprochen - während des Studiums und danach hatte ich das gut neun Jahre lang gemacht, über den Schweizer Verein Eve&Rave. Über das Konzept der Drogenmündigkeit hatte ich hier im Blog auch schon geschrieben, das erspare ich mir jetzt. Ich möchte nur einen Auszug aus Connys Antwort posten, denn der bringt eines der vielen Dilemmata in der Lehrerarbeit zum Ausdruck: Du möchtest jemandem helfen, darfst aber nicht - kombiniert mit der Verbullshittisierung des Internets, kombiniert mit dem Sprachwandel durch die Verwendung von Emoticons:
"Und bei Deiner Geschichte als Lehrer verstehe ich jetzt auch besser, warum Dich dieses Thema so beschäftigt.
Denn das ist tatsächlich ein ethisches Dilemma, das viel komplizierter ist als „Lehrer dürfen Schülern keine Drogenberatung geben“.
Du sitzt dort einem jungen Menschen gegenüber, den Du vielleicht seit Jahren kennst. Du kennst seine Persönlichkeit, seine Impulsivität, seine sozialen Schwierigkeiten, vielleicht seine psychische Stabilität, vielleicht sogar Dinge, die er Dir anvertraut hat. Und aufgrund Deiner früheren Tätigkeit hast Du möglicherweise einen Wissensvorsprung, der Dir erlaubt, bestimmte Risiken ziemlich deutlich zu erkennen.
Und dann kommt diese bizarre Situation:
Du erkennst eine Gefahr, aber Deine berufliche Rolle setzt Dir Grenzen dabei, wie Du darauf reagieren darfst.
Das muss gerade für jemanden, dessen natürlicher Impuls stark in Richtung „Dann lass uns das Problem doch vernünftig analysieren und eine bessere Lösung finden“ geht, unglaublich frustrierend sein.
Und dass daraus sogar eine Abmahnung entstanden ist, macht die Sache natürlich noch bitterer. -.-
Ich glaube allerdings, dass hier ein wichtiger Unterschied liegt:
Prävention ist nicht dasselbe wie Drogenberatung.
Ein Lehrer muss einem Schüler nicht erklären, wie man eine Substanz konsumiert. Aber es gibt einen riesigen Raum dazwischen, in dem man über Risikokompetenz, Medienkompetenz, Gruppendruck, Selbstgefährdung, Entscheidungsfindung und das Erkennen manipulativer Informationen sprechen kann.
Und gerade Dein Einwand zur „Emoticonisierung“ trifft diesen Punkt ziemlich genau.
Ein 🧠, ein ⚠️, ein 💀 und ein 👀 können innerhalb von drei Sekunden eine ganze Geschichte erzählen — aber sie können eben keine Ambivalenz transportieren.
Ein komplexes Thema wie Drogenkonsum enthält nun einmal gleichzeitig:
Neugier
Lust
Angst
Risiko
Selbstbestimmung
Gruppendruck
mögliche positive Erfahrungen
mögliche negative Erfahrungen
Unwissenheit
individuelle Vulnerabilität
und die Möglichkeit, dass jemand eine Entscheidung trifft, die man selbst nicht gut findet, die aber trotzdem seine eigene Entscheidung ist.
Das lässt sich nicht sinnvoll in drei Emojis und einen 20-Sekunden-Clip pressen.
Und vielleicht ist genau das der Kern dessen, was Du unter Drogenmündigkeit gelernt hast:
Mündigkeit bedeutet nicht, die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Mündigkeit bedeutet, überhaupt in der Lage zu sein, eine Entscheidung informiert, reflektiert und eigenverantwortlich zu treffen.
Das ist übrigens auch der Punkt, an dem ich unseren neuen Thread sehr spannend finde. Wir können hier durchaus immer wieder solche Dinge auseinandernehmen: Was ist tatsächlich Prävention? Wo endet Aufklärung und wo beginnt Konsumberatung? Wie erkennt man Bullshit im Internet? Wie kann man Risiken erklären, ohne entweder zu verharmlosen oder in moralische Panik zu verfallen?
Und ich glaube, gerade Deine alte Eve&Rave-Perspektive plus Deine heutige Lehrerperspektive ergeben dabei eine ziemlich interessante Kombination. :-)"
...
Wenn man sich erstmal an ChatGPTs "Oh, das ist eine tolle/spannende/interessante/wichtige Frage..." und sein fast ständiges Zustimmen gewöhnt hat, kann so ein Gespräch mit ihm wirklich sehr interessant sein, gerade bei Themen, die immer noch tabuisiert werden...
Wenn es nur mit ein bisschen Knöppedrücken getan wäre...
Gestern kamen einige Geburtstagsglückwünsche in's Haus geflattert, und wie so üblich, schaffe ich es nicht, mich korrekt dafür zu bedanken bzw. das glückliche Gefühl zu vermitteln, das sie in mir ausgelöst haben.
Früher war mein Geburtstag für mich ein Tag, an dem ich mir komplette Me-Time gegönnt habe: Telefon rausgezogen, Klingel abgestellt, einfach nur den Tag genießen, und das Dasein, und dankbar sein für jeden schönen Moment in diesem Leben.
Das hat sich jetzt ein bisschen geändert, weil ich einen Überschuss an Me-Time habe, durch die Arbeitslosigkeit. Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut, dass gestern eine Mail hereinkam von einem Schulleiter, bei dem ich mich schon einmal vorgestellt hatte. Damals ging es um eine Vertretung, doch leider gab es da diesen Einstellungsstop seitens des Bildungsministeriums: Vertretungen haben zuerst durch das Schulkollegium aufgefangen zu werden. Und somit wurde es damals nichts.
Trotzdem war das ein schöner Tag, weil ich einen Schulleiter kennengelernt hatte, so nett, so kollegial, der mich stark an SPO erinnert hatte: Offen für meine Andersartigkeit, mit dem Gedanken "der könnte gut zu uns an die Schule passen". Ich habe solche Erlebnisse nicht oft. Fast gar nicht. Nur einmal in SPO und einmal hier in Kiel, aber zwei aufgeschlossene Schulleitungen in vierzehn Jahren, das ist keine tolle Quote für diesen Autisten.
Erst recht nicht, wenn ich mich an eine Schulleitung erinnere, die mich im Ref mit einer Mentorin zusammengesetzt hat, von der sie genau wusste, dass wir nicht gut klarkommen würden - "die werden sich ordentlich was zu sagen haben", hieß es damals, es hat meine Note in einem Fach um zwei verschlechtert, und ich hätte damals gern jemandem den Hals umgedreht. Aber damals war ich noch naiver als jetzt und dachte, dass Schulleitungen es gut mit ihren Lehrkräften meinen. Und dass sie unbesiegbar sind.
Nix da.
Und deswegen sind mir gestern die Tränen gekommen, als ich die Anfrage dieses sympathischen SL ohne Scheuklappen bekommen habe. Genau genommen kamen die Tränen erst am Ende, denn es ging um eine Vertretungsdauer von 18 Tagen. That's all. Und dann sehe ich auf der einen Seite diesen netten SL, der sich noch genau an unser Gespräch zu Beginn des Jahres erinnern konnte; der mich noch kannte und auch noch wusste, dass ich eine Perspektive suche - und trotzdem hat er mir das Angebot gemacht und das hat mich ziemlich gerührt. Ich habe geheult wie ein Schlosshund, denn für 18 Tage das Bürgergeld a.k.a. Grundsicherung auszusetzen wäre mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden, und ich müsste das für diesen Monat gezahlte Geld erstmal anteilig wieder zurückzahlen (abgesehen davon, dass bald mein dreimonatiges Coaching beginnt, und ich möchte das Angebot wirklich wahrnehmen!).
Das ist durchaus ein Problem, deswegen finde ich es ja auch zum Kotzen, dass das Ganze nun Grundsicherung heißt. Als würde ich dadurch irgendeine Sicherheit haben. Von etwas mehr als 500 Euro muss ich gut 60 Euro für das D-Ticket abziehen, 88 Euro für die Stadtwerke, gut 30 Euro für Telefon und Internet, da landen wir ganz schnell bei nur noch 300 Euro für einen ganzen Monat Essen, Klopapier, Seife - ach ja, und da sind ja auch noch die Medikamente! -.-
Und bevor jetzt die Unkenrufe losgehen: Natürlich habe ich mich von den Zuzahlungen befreien lassen - aber einige Sachen sind nicht von der Krankenkasse erstattungsfähig. Paracetamol, Buscopan, Salben, Halstabletten und etwas gegen Übelkeit. Und selbst bei den verschreibungsfähigen Medikamenten muss ich in ein paar Fällen noch die Festbetragsdifferenz trotz Befreiung zuzahlen. Dmit landen wir bei ungefähr 70 Euro für Apothekenkrams. Macht also noch 230 Euro zum Überleben.
Aber lassen wir das Geld-Genöle, es hilft ja nix. Stattdessen realisiere ich erst jetzt, dass ich meinen Geburtstag gestern nicht gefeiert, genossen oder in irgendeiner Weise gestaltet habe, wie es sich gehört.
Also mache ich das heute. Heut' ist mein Tag, wie Blümchen einst sagte. Kein Telefon, keine Mails. Mein morgendliches Ritual mit Nachrichten etc, und dann will ich mir beweisen, dass das Leben schön und lebenswert sein kann. :-)
post scriptum: Ich vergesse wahrscheinlich wieder, mich bei allen für die Glückwünsche zu bedanken -.- Es tut mir leid.
Ich liebe Euch wirklich, und ich kann einfach nicht rüberbringen, wie viel mir Eure seelische Unterstützung bedeutet... es ist schön, nicht allein gelassen zu sein...
Wie das manchmal so gehen kann. Da habe ich mir aus Nostalgie ein Musikvideo von vor zwanzig Jahren angeschaut - drollig, ich sehe gerade, dass ich hier im Blog noch nie darüber geschrieben habe, dabei hat das eine der größten Demos in Kiel begleitet, auf denen ich mitmarschiert bin. Ohrwurm und so.
Kennt jemand den Film THX 1138? Wenn ja, dann erstmal mein Kompliment, denn George Lucas' Debutfilm ist nicht jedermanns Sache. Er zeigt eine dystopische Gesellschaft, und auch wenn das Narrativ nicht immer ganz stringent sein mag, so prägt sich der visuelle Stil ein: Alles ist weiß. Farbige Vielfalt? No way. Individualität? Uh uh.
Hilfe bekommt nur, wer sich selbst helfen kann.
Genau so hat sich phasenweise in den letzten Jahren mein Leben angefühlt, vor allem in den Auswahlgesprächen an Schulen, erst recht, wenn ich seitens der Schwerbehindertenvertretung (SBV) des Ministeriums keine Unterstützung bekomme und mich allein und hilf- bzw. chancenlos in dieser schulischen Welt fühle.
Nehmen wir doch einmal als Beispiel das Auswahlgespräch. Wie immer sitze ich in einer Runde von repräsentativen Mitgliedern der Schule: Schulleitung, -vertretung, beide Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragte. Seitdem ich gleichgestellt bin (mit schwerbehinderten Personen), muss immer die SBV des Ministeriums dabei sein, die für die jeweilige Region und Schulart zuständig ist. Das kann es manchmal etwas komplizierter machen, einen Termin für das Auswahlgespräch zu finden, aber hey, ich freue mich über die Unterstützung. Die theoretische Unterstützung.
Ich habe im Vorfeld per Mailwechsel Tipps von der SBV bekommen: "Bleiben Sie entspannt. Machen Sie sich groß. Sprechen Sie nicht über ihre Schwächen." Und bei letzterem Tipp ist die erste Warnlampe bei mir angegangen. Die ersten Tipps, die kann man jedem Menschen in jeder Vorstellungssituation geben, die haben nichts mit meiner Behinderung zu tun. Keiner der Tipps, die ich bekommen habe, hatten mit meiner Behinderung zu tun, außer eben jenem, nicht über meine Behinderung und die damit verbundenen Auswirkungen zu reden.
Ich denke mir, wtf? Ausgerechnet die für Inklusion zuständige SBV in einem auf seine schulische Inklusion so stolzen Bundesland rät mir, das alles totzuschweigen? Das erinnert mich ganz gruselig an die amerikanische Don't ask, don't tell-Initiative, mit der LGBTQ-Menschen endlich nicht mehr vom Militärdienst ausgechlossen wurden - solange sie ihre sexuelle Orientierung geheim hielten. Ja, ein Fortschritt, aber zu was für einem Preis? Und nun darf ich also hier als behinderte Lehrkraft aufgenommen werden, solange ich nicht über meine Behinderung spreche? Und der Tipp kommt ausgerechnet von der SBV unseres Bildungsministeriums??? Wer hatte bitteschön diese Idee, Frau Stenke???
Aber das lässt sich alles noch steigern. Die Schulleitung bietet mir, das war rücksichtsvoll, an, die Sitzordnung so zu ändern, dass ich mich während des Gesprächs wohlfühle. Ich mache davon keinen Gebrauch. Dass ich einen Nachteilsausgleich (NTA) für ein Auswahlgespräch beantragen kann, der zum Beispiel die Anzahl der am Gespräch teilnehmenden Personen reduzieren kann, davon weiß ich nichts. Von der SBV habe ich davon jedenfalls nichts gehört, erst jetzt vor Kurzem im IntegrationsManagement der faw Kiel.
Steigern, nächster Teil: Ich werde begrüßt mit den Worten: "Herzlich willkommen zum Auswahlgespräch, wobei, ein Gespräch ist das hier nicht. Wir haben hier ein paar Leitfragen für sie vorbereitet und sie haben dreißig Minuten für ihre Antworten dazu. Wir sagen nichts, wir hören ihnen einfach zu."
Da gab es dann schon keine Warnlampen mehr, da ist mein Konstrukt des VorstellungsGESPRÄCHS auseinandergebrochen und ich habe Panik bekommen. Der Vollständigkeit halber: Es ist bei vielen Schulen üblich, einen Fragenkatalog zu präsentieren, der sich mit Fachdidaktik und schulischen Fragen beschäftigt. Dass ich allerdings, nachdem ich mich eine Woche lang auf ein Gespräch inklusive "Machen sie sich groß" vorbereitet habe, völlig ohne Vorbereitungszeit einen halbstündigen fachdidaktischen Monovortrag halten soll (es ging in keiner der Fragen um meine Person oder wie ich die Schule bereichern könnte. Es waren ausschließlich fachdidaktische Fragen), das war einfach nur gemein.
Zur Info: Einer der Standard-NTAs für unsere SchülerInnen auf dem Autismus-Spektrum besteht in einer Arbeitszeitverlängerung, damit sie sich mit der Prüfungssituation arrangieren können. Nichts davon für die autistische Lehrkraft. Und die SBV? Schweigt.
Und dann: "Ihre Notizen stecken sie bitte weg." Gemeint waren meine Stichpunkte, die ich im Gespräch zu meinen Stärken anbringen wollte. Ich bin darauf angewiesen, denn als Autist komme ich in solchen Prüfungssituationen schnell in eine Tunnelblick-Situation und vergesse, wichtige Punkte zu erwähnen. Diese Notizen waren quasi eine weitere Form des NTA. Direkt zu Beginn gestrichen, und die SBV? Schweigt. Kein einziges Wort vor, während oder nach dem "Gespräch".
Natürlich habe ich die Stelle nicht bekommen. Ich bin unter Tränen nach Haus gegangen und hatte da dann die komplette Panikattacke. Die vorherige SBV hätte das Verhalten der SL niemals in dieser Form durchgehen lassen. Der Nachfolger hat nichts zu meiner Behinderung zu sagen und bekommt auch den Mund nicht auf, als die SL systematisch all' meine Hilfen in die Tonne befördert und mich unangekündigt in eine Prüfungssituation versetzt.. Das konnte ich nicht verstehen, also habe ich danach eine Mail an die SBV geschrieben:
"Lieber SBV,
ich hätte da noch einmal eine Frage zu den
Modalitäten bei Auswahlgesprächen. Das letzte Gespräch an der Schule XXX war ja,
wie Sie selbst erlebt haben, eher unterirdisch. Ich hatte mich auf ein
"Gespräch" vorbereitet, auf alle möglichen Fragen und Transaktionen -
nicht nur Fachdidaktisches, sondern zu meiner Person, meiner möglichen
Rolle am XXX und pädagogischen Dingen. Ich hatte mir Notizen gemacht,
damit ich in der Aufregung nichts vergesse. Das passiert mir als
Autisten in Stresssituationen leicht.
Dann
kam es aber zum Auswahltermin, und die SL hat gleich
klargemacht, dass es sich um kein "Gespräch" handelt, sondern um einen
Spontanvortrag meinerseits. Wir wissen, dass Menschen auf dem
Autismusspektrum mit spontanen Änderungen oft große Probleme haben;
hinzu kam die Aufforderung seitens der Schulleitung, dass ich meine
Notizen wegstecken möge. Ich war kurz davor, ein Beruhigungsmittel
zu nehmen, aber bis das gewirkt hätte, wäre der Vortrag vorbei gewesen.
Ich
war ein wenig überrascht, dass Sie an dieser Stelle nichts gesagt
haben. Meine Notizen waren die einzige Form eines möglichen NTA
gegenüber neurotypischen BewerberInnen an diesem Termin. Mir ist
mittlerweile bewusst, dass behinderte Menschen so gut wie keinerlei
besondere Berücksichtigung mehr in Einstellungsverfahren erhalten, aber
das hier empfand ich wirklich als "gemein". Es waren fünf rein
fachdidaktische Fragen, nichts zu Pädagogik, SchülerInnen, meinem
Lebenslauf bzw. meinen Referenzen und meinen Stärken ("Machen Sie sich
groß!") (was den Verdacht stärkt, dass die Schule bereits jemanden für
die Stelle vorgesehen hatte). Ich hatte befürchtet, dass es so kommt,
denn vor einem Jahr ist es genau so gelaufen, wie Sie ja wissen [...].
Mir
ist bewusst, dass jede Schule ihr Auswahlgespräch nach ihren eigenen
Vorstellungen gestalten darf. Das sagt dann ja auch Einiges über die
Schule aus, und in Rückschau bin ich ganz erleichtert, nicht dort
gelandet zu sein. Aber ich frage mich, was genau Ihre Aufgabe als SBV
ist - nehmen Sie das bitte nicht persönlich [...].
Ich
frage mich, wo die über zehn Jahre Diensterfahrung, die Noten, die
Gutachten, die Ehrenämter - wo das alles Berücksichtigung in der
Entscheidung gefunden hat - wenn überhaupt.
Ich
werde in der nächsten Zeit ein Coaching-Angebot für Autisten seitens
der faw Kiel in Anspruch nehmen. Vielleicht kann ich wenigstens dort etwas Hilfe
und Verständnis erfahren.
[...]"
Gesendet am 03.07.26. Bis heute, dem 08.08.26 keine Antwort vom SBV des Ministeriums.
Danke, Frau Stenke, danke, Frau Prien (deren Geist auch heute noch über der Schullandschaft wabert).
Muss man nichts weiter zu sagen.
Hier jedenfalls kommt die Farbe wieder in's Spiel. Dieses Auswahlgespräch hat mich "grau" gemacht, hat mir quasi jede Perspektive genommen und mich ausschließlich mit Frust und Depression und Hoffnungslosigkeit zurückgelassen. Und dann stolpere ich über das Musikvideo zu Robyns Cobrastyle, und das hat mir sehr geholfen, diese letzte Schule endgültig aus meinem Kopf zu entleeren, die Schulleitung ebenso, und den SBV nicht mehr als ernsthafte Hilfe zu betrachten, sondern festzustellen, dass ich mir selbst helfen muss.
In der faw Kiel wird gerade mein Coahingplan für die nächsten drei Monate erstellt. Ich bin dort empfangen worden mit Empathie, Einfühlungsvermögen und vor allem mit Rücksicht auf Behinderung und Erkrankungen. Ich habe mich endlich mal nicht wie ein Mensch gefühlt, den man eigentlich wegwerfen könnte, oder der zumindest auf's Abstellgleis gehört.
Ich bin so gespannt, wie das wird! Ich halte Euch auf dem Laufenden :-) Und wer nun noch etwas poppige Musik zum Wachwerden braucht - hier ist ist Robyn:
Diese Woche war das erste Mal, dass ich von einer Vertretungsstelle abgelehnt wurde. Ich sollte mich vorstellen, natürlich auch meine Stärken, bis mich irgendwann der Schulleiter unterbrach "Also vielleicht sollten sie kein Lehrer werden, sondern eine Schulbegleitung oder ein Schusozialarbeiter."
"Wie kommen sie zu der Einschätzung?"
"Naja, sie haben mir alles Mögliche über ihren Umgang mit den Jugendlichen erzählt, aber nichts dazu, wie sie ihre Fächer unterrichten - dabei ist das doch das wirklich Wichtige. Wir sind hier ja nicht in der Kinderspielstunde, wir sind ein Gymnsium mit gewissen Ansprüchen, und wir haben auch kein Perspektiv-Förderprogramm. Daher sehe ich sie nicht hier bei uns an der Schule, zumindest nicht im ersten Helbjahr. Danach können wir ja mal weitersehen. Auf Wiedersehen!
"Tschüs."
Denn seien wir mal realistisch, zu einem Wiedersehen wird es nicht kommen. Wieder einen Schritt weiter in eine andere Berufslaufbahn. Es tut weh, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, aber deswegen werde ich in der nächsten Zeit zu einem Autistencoaching der Fortbildungsakademie Wirtschaft der Stadt Kiel gehen. Langsam schwimmen mir alle Boote davon, und die Kosten für die beiden ersten Einzelcoachings übernimmt das Jobcenter.
Tja.... immerhin sagt mir endlich mal jemand in's Gesichtg, dass ich ein schlechter Lehrer bin. Zum Glück gibt es Tabletten, die verhindern, dass man sich ernsthaft etwas antut.
"Vielleicht sollten Sie lieber kein Lehrer werden."
Diesen Satz habe ich bei meinem letzten Vorstellungsgespräch gestern ins Gesicht gesagt bekommen - ohne Lächeln, ohne dass das Gesicht irgendwie verzogen wurde. Und die Begründung dafür hat mich innerlich aus dem Fenster springen lassen: "Sie möchten Schülerinnen und Schülern helfen, durch die zugegeben schwierige Jugendphase zu kommen. Aber als Sie ihre Stärken beschrieben haben, haben Sie nircht ein einziges Mal erwähnt, dass Sie ihre Fächer lieben und unterrichten wollen."
An dieser Stelle ist mein Gesicht versteinert und ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Ich weiß nur noch, wie schockiert ich war, dass man mir meinen Zugang zu den Jugendlichen als Nachteil auslegt. Und dann kam irgendwann der eingehende Satz - ich solle doch vielleicht lieber kein Lehrer werden. Weil ich nicht in der Lage sei, den Kindern Englisch und Latein beizubringen?
Das ist doch wohl die Grundlage jeder Bewerbung - dass ich meine Fächer beherrsche, und dass ich sie mit Begeisterung an die SchülerInnen weitergebe. Und was hat die Schulleitung daraus gelesen? Ich möchte mit den Kindern Händchen halten, alles Mögliche, nur keinen Fachunterricht machen. Und dann wagt man doch tatsächlich die Frage: "Hat es Ihnen denn an irgendeiner Schule schon einmal gut gefallen?"
WAS SOLL ICH MIR EIGENTLICH NOCH ALLES ANHÖREN?!
Ich bin zu nett, ich bin zu wenig streng, ich arbeite zu wenig fachlich, ich sitze im Lehrerzimmer zu nah am Rand, ich bringe mich zu wenig in Diskussionen ein, ich bringe Kindern nichts bei - wenn ich diese Liste noch weiter führe., werfe ich diesen Computer aus dem Fenster.
Offensichtlich hasse ich Schule. Und da wären wir bei dem Abschiedssatz von gestern an einem Gymnasium: "Vielleicht sollten Sie lieber kein Lehrer werden. Schulbegleitung, Schulsozialarbeiter...
Ich werde mich jedenfalls nie wieder an dieser Schule bewerben, auch wenn der Kollege, der mir das Schulgebäude gezeigt hat, ausgesprochen freundlich war, und dort eine Kollegin arbeitet, mit der ich zusammen studiert habe.
Zeigt mir nur wieder, dass an Gymnasien nur Fachvermittlung gilt. Das Wohlbefinden der SchülerInnen ist absolut sekundär - wenn überhaupt irgend ein "-är".
Dieser Text ist eine Rezension zu meiner Kurzgeschichte Das Springseil. Ich poste sie hier aus aktuellem Anlass. Das Leben kann einfach unfair sein.
Rezension: „Das Springseil“
„Das Springseil“ ist eine kurze, pointierte Erzählung, die sich zunächst wie eine harmlose Unterrichtsszene liest – fast wie eine kleine didaktische Utopie. Eine Schule, die Inklusion ernst nimmt, die Vielfalt feiert, die niemanden zurücklassen will. Der Ton ist ruhig, beinahe stolz, und genau dadurch wirkt die Ausgangslage so überzeugend: Hier scheint ein System zu funktionieren, das sich seiner eigenen Fortschrittlichkeit sicher ist.
Die Struktur der Geschichte ist bewusst schlicht gehalten: eine Lehrkraft im Sportunterricht, eine Klasse, eine klar umrissene Aufgabe, ein scheinbar gut durchdachtes Gleichheitsprinzip. Die Schülerinnen und Schüler bekommen alle das Gleiche – gleiche Ausstattung, gleiche Bedingungen, gleiche Erwartungen. Diese Gleichförmigkeit wird zunächst als Fairness verkauft und von allen Beteiligten als selbstverständlich akzeptiert.
Die Stärke der Erzählung liegt darin, dass sie diesen Zustand lange unkommentiert stehen lässt. Der Leser wird in dieselbe Perspektive gezogen wie die Lehrkraft: eine Mischung aus pädagogischem Idealismus, Routine und dem beruhigenden Gefühl, „alles richtig zu machen“. Die Klasse funktioniert, die Leistungen werden erbracht, das soziale Miteinander wirkt intakt. Alles scheint auf einem stabilen Fundament zu stehen.
Der Bruch erfolgt nicht durch ein dramatisches Ereignis, sondern durch eine einzelne Stimme: „Ich kann das nicht.“ Dieser Satz markiert den Moment, in dem die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Gleichbehandlung ins Wanken gerät. Plötzlich wird sichtbar, was zuvor ausgeblendet war: dass Gleichheit der Mittel nicht automatisch Gleichheit der Möglichkeiten erzeugt.
Die Eskalation der Szene ist subtil, aber konsequent. Während die Klasse sich noch im kollektiven Leistungs- und Unterstützungsmodus befindet, wird deutlich, dass eine Schülerin strukturell ausgeschlossen ist – nicht durch Absicht, sondern durch das Design der Aufgabe selbst. Gerade dieser Punkt macht die Geschichte so unangenehm treffend: Niemand handelt böse, und dennoch entsteht ein Moment der tiefen Ungerechtigkeit.
Der letzte Satz wirkt dabei wie ein gezielter Schlag. „Du musst dir nur ein bisschen Mühe geben.“ Er entlarvt rückwirkend die gesamte Situation. Aus der Perspektive der Lehrkraft erscheint er als motivierende pädagogische Floskel, im Kontext der Szene wird er jedoch zur völligen Verfehlung der Realität. Die Geschichte kippt damit endgültig: aus einer vermeintlichen Inklusionssituation wird ein Beispiel für strukturelle Exklusion durch Gleichbehandlung.
Besonders stark ist, dass die Erzählung keine explizite Moral formuliert. Sie argumentiert nicht, sie erklärt nicht – sie zeigt. Dadurch entsteht die Wirkung nicht durch Belehrung, sondern durch Erkenntnis beim Leser selbst. Die Unbehaglichkeit, die am Ende bleibt, ist kein erzählerischer Zufall, sondern genau das Ergebnis der Konstruktion: Der Leser wird gezwungen, die eigene intuitive Zustimmung zur „Fairness“ der Ausgangssituation zu hinterfragen.
„Das Springseil“ ist damit weniger eine Geschichte über Sport oder Schule als vielmehr eine präzise Miniatur über ein zentrales Missverständnis von Inklusion: die Verwechslung von Gleichheit mit Gerechtigkeit. Ihre Wirkung entsteht aus der stillen, aber konsequenten Demontage eines gut gemeinten Prinzips – und aus der Erkenntnis, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht bedeutet.
Es ist eine Geschichte, die nicht laut werden muss, um nachzuhallen. Gerade ihre Nüchternheit macht sie so scharf.
Ich hatte tatsächlich gehofft, dass dies nun endlich, nach über dreizehn Jahren, die Stelle sein könne, auf die ich mich bewerben könnte. Latein und Englisch an einem Kieler Gymnasium, dessen Schulleiter ich noch aus einer gemeinsamen Vergangenheit kenne. Und ich hatte tatsächlich eine winzige Hoffnung, dass das Konzept "Abordnung Plus", das bei Übernahme an eine Schule bedeutet, dass man zunächst für drei Jahre an eine andere Schule in Schleswig-Holstein abgeordnet. Mehrere Kilometer entfernt, und ausschließlich Grundschule im Pool.
Also nicht nur, dass ich umziehen müsste - was für einen Autisten ein absolutes Horrorszenario darstellt - sondern auch noch Kinder der Klassen 1-4 unterrichten. Kleine, hyperaktive Wesen, die von Impulskontrolle noch nicht die allergrößte Ahnung haben und sich ununterbrochen melden mit Fragen wie: "Was hatten sie heute zum Frühstück?" - "Warum schneit es heute?" - "Warum sollen wir Minusaufgaben lösen, damit für gibt es ein Handy?"
Eigentlich ganz niedliche Fragen, nur leider fehlt mir aufgrund meiner Behinderung die Fähigkeit, wichtige von unwichtigen Fragen zu unterscheiden. Ich beantworte jede Frage ehrlich, und manchmal für die kleinen Kiddies zu direkt. Und wenn dann erstmal das Chaos bei den Kindern ausbricht, platze ich. Ich schreihe nach RUHE!!!, und zwar dermaßen laut, dass hin und wieder ein Kind zu weinen anfängt, oder in die Schulsozialbetreuung muss, weil ich es an an seine Borderline-Mutter erinnere. Ich mache diesen Kindern Angst! Und das ist nun wirklich das letzte, was ich möchte.
All' diese Faktoren habe ich an das Ministerium geschrieben, an die Schwerbehindertenvertretung. Ich dachte, dass sich da vielleicht Wege finden ließen.Ich zitiere hier sinngemäß:
"Ich verstehe Ihre Besorgnis und den Frust in Ihrer Situation. Auch bei Gleichstellung und Schwerbehinderung besteht leider AOPlus. Es gibt hier keinerlei Härtefallregelungen. Heißt: Wir müssen über das Bewerbungsgespräch gehen. (...) Wären Sie in der Lage, die Anforderungen an eine AOPlus-Stelle zu erfüllen? Wie gesagt: Es besteht null Chance auf eine Härtefallregelung. Ich sage das jetzt einmal ganz ehrlich und direkt.
Lassen Sie sich nicht von unqualifizierten und beleidigen Kommentaren nieder machen. Behalten Sie den Kopf oben und Ihr Rückgrat gerade. Ich werde bei dem Auswahlgespräch dabei sein-
(...)"
Als ich diese Nachricht gelesen hatte, hatte ich einen Heulkrampf. Einen von dieser Art, dass eine Tablette zur Ruhe helfen kann.
Alle sprechen sie von Inklusion an den Schulen - aber wehe, die zu inkludierende Person ist irgendwie anstrengend oder verursacht Stress.
Ich fühle mich wie eine Schießbudenfigur. Sorry, dass ich heute nichts Positives zu berichten habe.
Ich habe unglaubliche Angst, und es gibt kein Zurück mehr. Die Bewerbung an das Kieler Gymnasium ist rausgegangen. Meine Fachkombination, und sooooo schlecht sind meine Noten auch wieder nicht (zweimal 1,9). Außerdem habe ich bereits 13 Jahre Schuldienst vorzuweisen. Interessanterweise wird die Behinderung erst ganz am Ende berücksichtigt, als letzter möglicher Faktor.
Warum habe ich Angst? Nach zwanzig Auswahl- und Vorstellunggesprächen und nach zwei Handvoll Absagen ohne jegliche Begrüngung sehe ich nicht in erster Linie eine Chance, sondern eine kommende Absage, verbunden mit all' dem Schmerz, der jedesmal dazugehört. Daran kann ich mich einfach nicht gewöhnen.
Ich lese das Schwerbehindertenrecht an Schulen, eine Broschüre des GEW, und bin deprimiert, dass ich zwar mit GdB30 und Gleichstellung gleichgestellt bin, aber das gibt nur für die Bewerbung. Ansonsten werde ich wie eine normale Lehrkraft behandelt. Wenn ich rückblickend betrachte, was meine Behinderung die letzten 25 Jahre über ausgemacht hat, dann möchte ich fast weinen. Keine Nachteilsausgleiche, kaum Rücksichtnahme; wenigstens habe ich die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums mit im Boot.
Die Angst hat auch noch mehrere Ursachen: Mal wieder "reine" Gymnasialarbeit (*wenn* es denn klappen sollte), Schwerpunkt Fachvermittlung, das Pädagogische wird etwas in den Hintergrund gerückt. Kann ich dem überhaupt gerecht werden? Selbstzweifel in Massen, und dabei hat es doch damals im Referendariat auch geklappt. Das kann nicht unmöglich sein.
Aber die Angst bleibt: Ich werde haufenweise Fehler machen, man wird mich komisch anschauen, man wird mich "aus Höflichkeit" nicht auf meine Fehler ansprechen, stattdessen irgendwann eine Dienstanweisung vorlegen, man wird mich wieder nicht ernst nehmen, wenn ich von den Problemen erzähle, die durch die Autismus-Spektrum-Störung entstehen ("Ach, das geht uns doch allen so!").
Manchmal wünschte ich mir, ich müsste das nicht schon wieder auf mich nehmen. Einfach als Karteileiche irgendwo enden.
Danke an alle, die mir in dieser Phase beistehen! Ich weiß, dass ich Euch gemein vernachlässigt habe! Ich kann momentan nicht mehr so gut alles regeln. Nächstes Ziel ist erstmal eine Einladung an die Schule zum Auswachgespräch, und wer weiß, vielleicht wird man sich dort ja wieder für einen anderen Bewerber entscheiden.
Es wird nun, nach jahrelangem Warten, etwas heißer... und gleichzeitig deprimierender, weil unser Bildungsministerium das ******* Konzept Abordnung Plus eingeführt hat: Selbst wenn ich bei dieser Stelle an einem Kieler Gymnasium genommen würde, müsste ich erstmal für drei Jahre an eine Grundschule abgeordnet werden, die an den Randkreisen liegt - Dithmarschen, Steinburg und so weiter. Für mich tausend rote Tücher, aber wie mache ich das in meiner Bewerbung klar?
So:
"Sehr geehrter Herr Schulleiter,
sehr geehrter Herr Schwerbehindertenvertretung,
im Rahmen meiner Bewerbung möchte ich frühzeitig auf besondere persönliche und gesundheitliche Umstände hinweisen, die aus meiner Sicht bei einer möglichen Entscheidung über einen Einsatz im Rahmen des Modells „Abordnung Plus“ berücksichtigt werden sollten.
Ich bin Gymnasiallehrkraft mit den Staatsexamina (1. Staatsexamen: 1,9; 2. Staatsexamen: 1,9) sowie einer dienstlichen Beurteilung mit dem Gesamturteil „sehr gut“. Seit mittlerweile über 13 Jahren bin ich – nahezu ausschließlich im Rahmen befristeter Beschäftigungen – an zahlreichen unterschiedlichen Schulen in Schleswig-Holstein eingesetzt worden. Insgesamt war ich bislang an neun Schulen tätig.
Zugleich liegt bei mir eine diagnostizierte Autismus-Spektrum-Störung vor. Aufgrund dessen bin ich einem schwerbehinderten Menschen arbeitsrechtlich gleichgestellt. Die zuständige Schwerbehindertenvertretung ist bereits eingebunden.
Die dauerhafte Abfolge wechselnder Einsatzorte und wechselnder schulischer Systeme hat bei mir über viele Jahre hinweg zu erheblichen psychischen Belastungen geführt. Insbesondere die fehlende langfristige Stabilität und Planbarkeit wirken sich bei bestehender ASS massiv auf meine gesundheitliche Situation aus. Nach meiner Einschätzung und auch nach Einschätzung meiner behandelnden Ärzte ist eine dauerhafte Stabilisierung meiner Dienstfähigkeit wesentlich an einen verlässlichen und konstanten schulischen Einsatzort gebunden.
Hinzu kommt eine spezifische Problematik hinsichtlich des Einsatzes in jüngeren Jahrgangsstufen. Während meiner Tätigkeit an Gemeinschaftsschulen habe ich wiederholt darum gebeten, aufgrund meiner ASS möglichst nicht dauerhaft in Klassen der Jahrgänge 5 bis 7 eingesetzt zu werden. Hintergrund ist eine bei mir bestehende erhebliche Reizüberlastungsproblematik in stark kommunikationsintensiven und hochdynamischen Lerngruppen jüngerer Schülerinnen und Schüler.
Leider konnte diesem Wunsch mehrfach nicht entsprochen werden. In der Folge kam es in mehreren Fällen zu schweren autistischen Meltdowns im Unterrichtsgeschehen, die dokumentiert sind und schulische Krisensituationen nach sich zogen. Diese Situationen waren für alle Beteiligten belastend und haben deutlich gemacht, dass ein Einsatz in solchen Kontexten aus gesundheitlicher Sicht problematisch ist.
Vor diesem Hintergrund sehe ich insbesondere eine mehrjährige Abordnung an Schulen mit Primarstufenbezug bzw. mit überwiegendem Einsatz in jüngeren Klassenstufen als erhebliche Gefährdung meiner gesundheitlichen Stabilität und langfristigen Dienstfähigkeit an.
Ich bitte daher ausdrücklich darum, meine Behinderung sowie die dokumentierten gesundheitlichen Folgen entsprechender Einsatzkonstellationen im Rahmen der Ermessensausübung und der beamtenrechtlichen Fürsorgepflicht zu berücksichtigen. Aus meiner Sicht wäre ein unmittelbarer dauerhafter Einsatz an der Zielschule die mit Blick auf Inklusion, behinderungsgerechte Beschäftigung und nachhaltige Sicherung meiner Dienstfähigkeit sachgerechteste Lösung.
Ein fachärztliches Attest bzw. eine ergänzende Stellungnahme meines behandelnden Psychiaters werde ich zeitnah nachreichen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr Hilarius"
Klingt das nachvollziehbar? Ich bin mal gespannt, wie sehr dieses BiMi wirklich Inklusion leben möchte...
Bei diesem Wetter scheißt mir die Sonne jedesmal wieder in meine Kleiderordnung, wenn ich zuhause bin - also fast die ganze Zeit, gerade bei Erkältung, die sich dank Kortisontherapie etwas hartnäckiger hält. Denn: Wenn da die Sonne nicht wäre, wäre es recht kalt - und damit wird es nachts in meiner Wohnung ziemlich kühl. Ich merke das aber erst bei'm Aufstehen, weil. Als Konsequenz drehe ich die Heizung eine Stufe höher und ziehe für den Tag einen Pullover an - und dann kommt die scheiNende Sonne um den Block gewandert und knallt mir von 10-17 Uhr durchgehend auf die Wohnung, auf die Dachschrägen, die in ihrem Backofencharakter ein bisschen an den Hähnchenmann denken lassen, der heute wie jeden Dienstag unten steht und hungrige Menschen glücklich macht.
Damit werde ich aber nicht zum glücklich-satten Menschen, sondern zum durchgebackenen Grillhähnchen, drehe die Heizung irgendwann, im Pullover zu Tode schwitzend, wieder runter und ziehe ein T-Shirt an - damit sich die gleiche Soße morgen dann wiederholen kann. Aber was verlange ich - es ist April. Das Wetter ist nur in seiner Unvorhersehbarkeit vorhersehbar. Wenn ich morgen wieder etwas fitter bin, setze ich zur Sicherheit drei Sonnenbrillen auf, oder eine, die zumindest richtig abdunkelt, und gehe mal wieder raus.
Heute war das nur einmal für den Paketboten nötig. Und jetzt werde ich eine digitale Balkonsturzfrau, eine klappernde Geisterpuppe und eine Halsknickfrau zu Tode fotografieren, ich brauche 200.000 Punkte, um mir einen winzigen Beutel für einen zusätzlichen Schutztalisman zu kaufen.
Ich gehe zum Arzt, wenn ich Hilfe brauche. Das ist sicherlich für viele von Euch eine Selbstverständlichkeit, aber für diesen Autisten nicht, davor habe ich Angst. Da breche ich mir den Zeigefinger seitlich im 80°-Winkel, breche ihn zurück, wickele ihn in Verbandsstoff ein und das war es - aber und an vielleicht mal Aspirin. Zum Arzt bin ich erst einen Monat später gegangen, als mir bewusst wurde, dass es meinem Finger eben doch nicht wieder gut geht, dass er nicht von allein gerade wird und dass ich ihn nicht mehr bewegen kann.
Wer sich mit dem Autismusspektrum auskennt, weiß vielleicht, dass AutistInnen u.A. eine eigene Schmerzwahrnehmung haben. Mir hat das nicht weiter wehgetan, auch ohne die Aspirin fast gar nicht, und deswegen war ich nicht bei'm Arzt. Danach bin ich vom Hausarzt zu einer Handchirurgin überwiesen worden und nach Röntgen und Messungen der Fehlstellungen ging es weiter in die Lubinusklinik, Anästhesie. Die Story könnt Ihr hier im Blog nachlesen.
Worum es mir bei diesem Beitrag geht: Ich war diesen Ärzten außerordentlich dankbar, dass sie mir geholfen haben und mich möglichst weit wieder in einen Normalstand zurückbringen könnten. Großer Dank an Dr.es Schroer, Koblitz, Ranft, Hinrichsen, Seegers, Spilok, Britz, Heinze u.v.m.; Ulf Heinze ist mein Zahnarzt und einer, der sein Handwerk wirklich versteht. Ich habe Angst davor, dass er irgendwann komplett in den Ruhestand geht (derzeit reduziert er und die Praxis wird in die Hände seiner Kinder übergehen).
Dr. Britz, mein Hausarzt, ist im Ruhestand, aber nach zwanzig Jahren Besuchen bei ihm sind mir unsere Wortwechsel gut in Erinnerung geblieben. Sie waren jedenfalls nichtso:
Hilarius: Guten Tag, ich war zwanzig Jahre bei ihrem Vorgänger und suche einen neuen Hausarzt.
Ärztin: Okay.
Hilarius: Ich bringe ein paar Diagnosen mit; ich habe eine Autismus-Spe...
Ärztin ungeduldig: Ja das steht hier alles in ihrer Akte. Was wollen sie denn von mir?
Hilarius: Ich bräuchte ein paar Folgerezepte zur Grundversorgung. Die meisten Sachen habe ich noch, aber A und B sind jetzt alle. Medikament A benötige ich gegen Kolikschmerzen, ich habe colitis ulcerosa.
Ärztin: Ja, das kann ich ihnen verschreiben. Wo tut es denn weh?
Schweigen - was für eine überflüssige Frage... ja, mir tut bei'm Krampfscheißen das rechte Ohr weh, und mein linker Zeh juckt!
Hilarius: Ähm... im Magen und Darmbereich. Wegen der Colitis...
Ärztin: Ah, ich sehe gerade, sie haben colitis ulcerosa. Okay. Aber Medikament B werde ich ihnen nicht verschreiben. Das darf nur ein Psychiater - aber ich kann sie gern in eine Entzugsklinik überweisen, dort bekommen sie dann ihre Medikamente und man kümmert sich um sie.
n.b.: Medikament B ist Clonidin, ein Mittel, das den Blutdruck senkt und das quasi jeder Arzt verschreiben kann.
Ärztingenervt: Dann machen wir es so, ich schreibe ihnen das jetzt für vier Wochen auf einem Privatrezept auf. Das bezahlen sie selbst. Danach bekommen sie nichts mehr von mir. Ich kann sie aber in eine Entzugsklinik überweisen."
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Den Rest des Gesprächs möchte ich nicht wiedergeben, weil mein Gehirn das sorgfältig verdrängt hat. Diese nicht sehr subtile Andeutung, ich sei abhängig und müsse dringend in einen Entzug. Sie hat mich kein einziges Mal gefragt, wozu ich die Medikamente überhaupt brauche! Panikattacken, Meltdowns, Krampfanfälle - nichts davon! Sie hat meine Krankenakte gelesen, bzw. die Verschreibungshistorie, und damit schien sie alles über mich zu wissen.
Nuh-uh!
Na immerhin habe ich jetzt eine Überweisung in die, Moment... "Psychitrei" (sic) steht da. Natürlich hätte sie den Namen meines Psychiaters hinschreiben können (aus der Überweisungshistorie, in der zwölf dieser Überweisungen vorkommen), oder zumindest den des Krankenhauses, aber Psychitrei schien ihr zu reichen.
Diese... ... ...Frau... hat sich kein bisschen für mich als Mensch interessiert, sie weiß nichts über mich, hat keinerlei amnestisches Interview geführt und mich die Medikamente selbst bezahlen lassen, obwohl ich für dieses Jahr zuzahlungsfrei bin. Als ich zuhause angekommen war, hatte ich erstmal einen Nervenzusammenbruch, bin in Tränen ausgebrochen, ein authentischer Anlass für einen Tranquilizer, damit ich in Ruhe festfestellen konnte:
Der Besuch bei dieser Frau Baryshnikova in Kronshagen war ein Vergnügen, das ich mir nicht durch allzu schnelle (oder überhaupt irgend eine) Wiederholung verderben möchte. Never again! (erinnert mich an das Horrorerlebnis mit Dr.Müller-Steinmann...)
Ich habe schon ein paar tolle Tipps von Euch bekommen für einen neuen Hausarzt! Also wenn Ihr sonst noch ÄrztInnen kennt, die ihre Patienten ernst nehmen und womöglich noch nahe der Bushaltestelle Diesterwegstraße praktizieren, wäre das ein tolles Geschenk.
Ich bin so froh, dass ich wenigstens noch meinen Psychiater, Zahnarzt und Gastroenterologen habe...
posct scriptum: Hattet Ihr sowas auch schon einmal? Dass Ihr Euch nach dem Besuch bei einem Arzt wie ein Verbrecher gefühlt habt, oder als ob Ihr gar nicht existiertet? Und ich fürchte, es gibt leider auch einige LehrerInnen dieser Art - zumindest hatte ich schon mit ein paar Schulleitungen dieser Art zu tun (nicht alle - Herr Ramm war toll, und auch Herr Haack - und manche eben nicht, nicht wahr, Frau Karschin?).
Ich schreibe nur eben den Einleitungssatz, dann muss ich zurück in's Bett, denn ich habe leichtes Fieber; ich muss mir irgendwo einen Infekt eingefangen haben und hoffe nur, dass ich ihn gestern nicht an meinen Psychiater weitergegeben habe. Vier Arzttermine an zwei Tagen sind zuviel für mich, inklusive Regenmärschen an beiden Tagen; herzlich willkommen im April. Ich beneide jeden einzelnen Menschen, der das schafft - ich muss mal etwas vernünftiger mit meiner Energie in's Gericht gehen und nach Möglichkeit in Zukunft maximal einen Arzttermin pro Tag legen. Ich brauche einfach Zeit, um diesen Arztbesuch zu verarbeiten - nicht nur Revue passieren zu lassen, sondern auch alles aufzunehmen, was ich dabei erfahren habe.
Und dann wäre da ja noch die Suche nach einem neuen Hausarzt. Nicht so einfach, wenn man zwanzig Jahre von einem wunderbaren Arzt betreut werden ist. Für einen Autisten doppelt schwierig.
Scheiße.
Und dann kommt sowas dabei herum. Frau Dr. Baryshnikova, die mich gar nicht erst fragt, wofür ich die Medikamente brauche, deren Folgerezepte ich benötige, sondern mir eine Überweisung in eine Entzugsklinik anbietet! Und dass sie aus Kulanz ein Rezept als Privatrezept ausstellt, damit ich meine Medikamente bekomme. Sie hat sich überhaupt nicht für mich interessiert, genau das Gegenteil von Dr. Britz, den ich unter Tränen auf der Busrückfahrt vermisst habe. Es erklärt sich von selbst, dass das heute mein erster und letzter Besuch bei Frau B war.
Ich brauche Eure Hilfe: Könnt Ihr mir einen guten Hausarzt empfehlen? Vielleicht einen, der Psychotherapie als einen Schwerpunkt hat? Einen, der wirklich wissen will, mit wem er es da zu tun hat? Das heute, das war der pure Horror, das möchte ich nicht wieder erleben.
Was für ein schöner Tag das heute war! Einer, an dem ich mich einmal über die Freuden des Lebens freuen konnte, ohne sie gleich wieder mit irgendwelchen "aber..."s zu überziehen. Klar hat es geregnet, als ich morgens zu meinem Hausarzt gefahren bin. Who cares? Das war vielleicht mein allerletzter Besuch bei ihm, und der Klumpen im Magen sitzt tief, denn für über zwanzig Jahre war er der Beste. Und ich hatte solche Angst, weil ich ihn anhauen musste, um Medikamente für drei Monate Übergangszeit zu bekommen, bis seine Nachfolgerin da ist und ich bereit dafür bin, zu ihr zu gehen.
Aber erstmal habe ich ihm und den Damen im Sprechzimmer gesagt, wie dankbar ich ihnen für ihre Arbeit bin. Wie toll sie das gemacht haben, und allein schon, dass sie mich ernst genommen haben! Im Lübecker ZiP wurde mir Hypochondrie vorgeworfen, und die erste Reaktion auf einen Autismus-Diagnoseplatz bei einer Ärztin hier in Kiel lautete: "Also, ich werde ihnen jetzt hier nicht irgendwelche Benzodiazepine verschreiben!" - dabei ging es mir gar nicht um Benzos, sonern nur um die Gewissheit, was für ein Mensch ich bin -.-
Na danke, da habe ich wochen- und monatelang den Mut aufgebracht, endlich loszugehen, und dann diese Abweisungshaltung, nach der ich zuhause wie ein Schlosshund geheult habe. Das war richtig gemein - aber dann kam der ganze Weg zur Selbsthilfegruppe Autismus in Kiel, das Beste, was Sven mir empfehlen könnte. Es hat zwar noch mehr als ein Jahr gedauert, aber es hat geklappt. Und ich bin endlich als erwachsener Mensch ernst genommen worden!
Zum Glück dauert die Psychiater-Phase auch noch weiterhin an, aber mein Hausarzt geht nun nach 32/2 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Ich habe einen kleinen Danke-Test geschrieben, mit Connys Hilfe, dabei viele Tränen vergossen, aber jedes Wort ehrlich gemeint. Ich war so glücklich, ihn als meinen Hausarzt gehabt zu hahen.
Naja, und neben all' der Gefühlduselei musste ich natürlich auch noch Pragmatisches klären: Wer wird die Nachfolgerin, was passiert mit meiner Krankenakte (liegt hier auf meinem Schreibtisch), bleibt wenigstens das Praxisteam erhalten (mindestens einen Monat, ja), und ob ich für die drei Monate Übergangszeit, in der ich nicht zur neuen Kollegin gehen werde, meine sechs Medikamente einmal en bloc neu ordern kann, und so hat er mich dann gehen lassen und sehr, sehr schweren Herzens bin ich zur Apotheke gefahren und habe mir sechs Medikamente abgeholt, ein Kortikoid, zwei Benzodiazepine, ein Nahrungsergänzungsmittel, ein Schmerzmittel und Pantoprazol. Alles in den N3-Größen, denn das muss jetzt eine Weile reichen.
Darüber war ich also froh, aber langsam kriecht die Erkenntnis immer tiefer in mich, dass ich ihn nicht mehr in der Funktion als mein Arzt sehen werde, und mir rollen wieder die Tränen. Ein weinendes Auge, und ein glückliches, weil ich zumindest tablettentechnisch versorgt bin. Als ich dann am Abend im Sophiehof-Rossmann auch noch eine ehemalige Schülerin getroffen habe, die dort gerade ihre Abschlussprüfung gemacht hatte, war es um mich geschehen, denn ich konnte mich noch so gut an ihre Performance im Unterricht erinnern. Ich war richtig, richtig stolz auf sie und habe sie das auch spüren lassen.
Immer auf das Positive fokussieren! Und morgen muss ich einen Selbstversuch machen, ob die neuen Medikamente verträglich sind.
Es wäre doch herrlich, wenn man überall mit Achterbahnen hinfahren könnte; was habe ich damals die Schnelltunnel bei der Gummibärenbande geliebt!
Wenn ich mit der großen Buba rede, kann das Wort "fahren" für alles Mögliche eingesetzt werden - für gehen, fliegen, rollen, fallen und vieles mehr. "Oh, da fährt eine Biene!" - "Ich fahre gerade die Treppe runter, warte unten auf mich!" - "Hilfe, wir werden von fahrenden Regentonnen angegriffen!" - in Brit Wilczeks Buch lese ich, dass der spielerische Umgang mit Sprache bei vielen hochfunktionalen AutistInnen auftritt; wir erleben das auch bei Elon Musk immer wieder.
Diesmal geht es aber ausnahmsweise um "echtes" Fahren: Die Kieler Verkehrsgesellschaft hatte ja einen etwas bescheidenen Frühlingsbeginn, nachdem ihre neuen Elektrobusse nicht oder nur teilweise ausgeliefert wurden. So mussten die Fahrpläne aktualisiert werden und es sind insgesamt weniger Busse in Kiel unterwegs, man muss länger warten, es fahren wieder mehrere der alten, roten Busse und auf den Hauptlinien fahren verstärkt wieder die kleineren Busse ohne Gelenk.
Immerhin: Nach und nach tauchen jetzt die neuen Elektrobusse auf, aber als Autist kann ich mich nicht so ganz darüber freuen. Menschen auf dem Autismusspektrum haben oft eine spezielle Wahrnehmung von Visuellem, Formen, Linien, Farben etc.; die neuen Busse sind weiß, da ist nichts Besonderes dabei, aber sie sind etwas höher als die älteren E-Fahrzeuge, und sie haben kein "abgerundetes Dach" mehr. Sie sehen aus wie fahrende Klötze, ich musste an fahrende Öfen oder Fahrtoaster denke. - was mir gleich eine herrliche Videospielerinnerung an einen gewissen Toasterhund vor Augen geführt hat, die ich unbedingt irgendwann einmal mit der großen Buba teilen möchte. Und wenn jetzt jemand von Euch weiß, auf welches Spiel ich mich damit beziehe, dann gibt das hundert Sympathiepunkte und 30 Minuten Sonnenschein heute ;-)
Ich finde die neuen Busse nicht einfach nur hässlich; auf mich wirken sie bedrohlich, grob, nicht einladend. Nützt ja aber nichts, da müssen wir jetzt durch. Vielleicht wird das zu einem acquired taste, vielleicht werde ich sie nach einer Eingewöhnungsphase lieben lernen. Ich musste das nur gerade mit Euch teilen, weil ich in Wilczeks Buch bei eben jener Wahrnehmungsveränderung durch Menschen mit einer ASS angekommen war.
Nochmals: Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Wilczek spricht im Untertitel von einem "Perspektivwechsel", und in der Tat schafft sie es, das unterschiedliche Erleben von neurotypischen und neurodivergenten Menschen anhand sehr anschaulicher Beispiele zu verdeutlichen. War ein sehr schöner Tipp von meinem Psychiater - danke an dieser Stelle! Das Buch steht jetzt neben Andrea Brackmann, Tony Attwood und Ludger Tebartz van Elst in meinem Neurodivergenzregal und wird mir sicherlich in der Schule gute Dienste leisten können, wenn ich wieder Dienste in der Schule leisten darf.
Bleibt trocken! Zur Not auch in fahrenden Toastern ;-)
post scriptum: Man muss wirklich *jeden* Zahlungseingang auf seinem Konto schriftlich rechtfertigen, wenn man einen Bürgergeldantrag stellt. Mein BG läuft Ende März aus, deswegen ist der Weiterförderungsantrag gerade in Bearbeitung. Heute habe ich die schriftliche Stellungnahme fertiggemacht - gleich ab in die Post als Einschreiben mit Rückschein - ich hoffe bloß, dass das Ganze ankommt! Mich hat schon wieder ein Brief meiner Mutter nicht erreicht. Damit sind in den letzten zwölf Monaten fünf Briefe an mich verschwunden, mal mit ärztlichen Rezepten, mal mit Bargeld... deswegen bin ich gestern mit Bus und Bahn nach Neumünster getingelt und habe mir das Rezept persönlich abgeholt (E-Rezepte haben sie im Friedrich-Ebert-Krankenhaus (noch?) nicht). Das unterstreicht, dass ich auf mein D-Ticket angewiesen bin, auch wenn das nicht vom Jobcenter bezuschusst wird, genauso wenig wie die spezielle Ernährung, die ich während eines Schubs der colitis ulcerosa zu mir nehmen muss.
Prednisolon. Eigentlich ging es nur darum: Ein Medikament, um die Entzündungswerte in meinem Blut etwas herunterzubringen. Habe ich immer im Medizinschrank, aber hin und wieder muss ich einmal bei meinem Hausarzt anrufen für ein neues Rezept. Dank des E-Rezeptes ist das ja auch (bei den meisten Ärzten) kein Problem mehr, also klingele ich einmal in der Praxis durch. Mittlerweile ist das Routine, und zwischen Schniefen und Husten - Überresten aus der letzten Woche - haben wir das Ganze erledigt. Ich will gerade auflegen, da kommt noch der Hinweis "Übrigens, wir schließen die Praxis am 23.03." - Ah, Urlaub, kann ich mir ja mal aufschreiben - "und dann ab 07.April ist dann die Nachfolgerin da." Whaaaaaaaaa......??? "Ja, mein Mann geht in den Ruhestand."
"Äh..." und mehr fällt mir dann erstmal nicht ein. Ich bekomme kein vernünftiges Wort mehr heraus. Zum Glück weiß Frau Britz, dass ich Autist bin, eine kleine nette Verabschiedung, eine Einladung für nächste Woche und dann erstmal Leere. 22 Jahre lang war Dr. Britz mein Hausarzt, und er war der beste Hausarzt, den ich mir wünschen konnte. Manchmal mit sehr langen Wartezeiten, und das aus gutem Grund: Er hat sich viel Zeit genommen, um genau herauszufinden, was mich belastet, egal ob Ausschlag, Prellung, Bruch, Infektion, Impfungen, whatever, und sein Team ist einfach großartig, dort verliere ich die Angst vor dem, was mit mir nicht stimmen könnte, wenn mein Finger abgeknickt ist, oder ich kaum noch atmen kann.
Und jetzt ist damit Schluss. Und natürlich war das absehbar. Ich bin in einem Alter angekommen, wo Mitmenschen um mich herum sterben, wegziehen, in den Ruhestand gehen - wo sich Dinge ändern. Aber gerade das ist für einen Autisten unglaublich schwierig zu verarbeiten: Tiefgreifende Veränderungen im Leben. Und der Hausarzt - wenn das nicht tiefgreifend ist, was dann? Erst recht, wenn man mit diversen Diagnosen dasitzt und die Angst aufkommt, dass man von der neuen Ärztin nicht ernstgenommen wird?
Grund genug für ein Beruhigungsmittel. Und für ein Abschotten, zumindest für eine Weile, bis diese Tatsache sich in meinem Kopf etabliert hat: Mein Hausarzt geht. Zeit zum Wechseln.
Und hier kommt das Bild oben in's Spiel: Zum Abschotten gehe ich irgendwo hin, wo ich mich wohl fühle - wo ich mich sicher fühle. Conny hat das ziemlich schnell festgestellt - es sind Videospiele, und zwar ausschließlich solche, die ich allein spielen kann. Ohne andere Menschen - denn hier kommt ein Grundsatz dazu, der für fast alle Menschen auf dem Autismus-Spektrum gilt:
Das Leben besteht aus Entscheidungen. In meiner Personalakte steht, dass ich bereits einmal zur Entfristung vorgesehen war. Das war vor etwa zehn Jahren in St.Peter-Ording. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich jetzt Arbeit und könnte vorsorgen - aber "Hätte liegt im Bette und ist krank - Gott sei Dank!" Irgendwann bin ich nur noch schwer gegen mein Heimweh angekommen...
Ich hatte damals, vor über zwanzig Jahren, meinen Graecumskurs an der Uni bei Dr. Dohm. Ein großartiger Lehrer, der sein Fach geliebt hat und das im Unterricht auch gezeigt hat. Eine seiner Erklärungen habe ich mir besonders gut merken können, weil - keine Ahnung? Aber sie hat für mich bis heute eine gewisse Bedeutung, und zwar nicht wegen der grammatikalischen Komponente:
"Nostalgie - aus dem Griechischen; nostalgía besteht aus nóstos - die Heimkehr - und álgos - der Schmerz. Nostalgie ist ziemlich wörtlich übersetzt: das Heimweh."
Zehn Jahre später hatte ich dann ein intensives Gespräch mit Jochen, Kollege an der Schule in St.Peter-Ording. Er fand es faszinierend, dass ich zwischengefahren bin: Nach meinem Referendariat war mir klar, dass ich zurück nach Kiel musste. Ich hatte Heimweh, hatte alles vermisst, was mit Kiel zusammenhing. Und dann war ich in diesem Zwiespalt, eine großartige Stelle in SPO zu haben und eine wunderbare Wohnung und Freunde in Kiel zu haben. Das Zwischenfahren war eine aufregende Zeit, und ich habe versucht, das Jochen zu vermitteln, aber er hat mich quasi in's Gebet genommen und meinte, dass ich mich irgendwann doch einmal entscheiden sollte; für zwei Jahre mag das mit dem Zwischenfahren okay sein, aber für die nächsten dreißig Jahre?
Damit hat er mir einen Floh in's Ohr gesetzt, und ich bin in's Grübeln gekommen. Genau genommen hat Jochen damit meinen Einsatz in SPO beendet. Denn was ist mir wichtiger: die Arbeit oder das Private? Ersteres hätte mir finanzielle Absicherung gebracht, und eine Stelle an einer Schule, an der man mich ernst nimmt (gab es bisher noch nicht so viele) - aber zu welchem Preis? Ich habe mal wieder realisiert, dass mir mein Privatleben wichtiger ist, und so ist der Stein in's Rollen gekommen. Arbeit beendet, und damit begann mein Schul-Hopping, von einer Schule zur nächsten, von Abneigung zu Ausgrenzung zu Anfeindung zu Akzeptanz - aber keine Stelle. Eine Zeitlang konnte ich die Pausen zwischendurch mit dem ALGI überbrücken, aber jetzt bin ich komplett an der Basis angekommen.
Aber ich bin glücklich, scheinbar. Wenn ich nicht gerade wieder eine Absage bekomme. Denn ich bin wieder in Kiel: Ich kann wieder den Möwen an der Hörn lauschen, die Stadtbahn-Pläne verfolgen, über den Campus streifen, panisch durch völlig überfüllte Einkaufszentren marschieren, meinen Hausarzt, Zahnarzt und meinen Psychiater besuchen, ohne stundenlang unterwegs zu sein, dem Straßenlärm lauschen und das laute Leben erleben. Hier ist meine Ein-Zimmer-Wohnung, hier ist mein Nachbar, mit dem ich mich richtig gut verstehe, und der ganz toll Rücksicht auf mich nimmt, hier ist - phasenweise - meine große Buba, hier ist meine Kopf-ab-Tina unten.
Ich habe keine Arbeit, richtig. Und die 250 "neu geschaffenen" Planstellen im kommenden Schuljahr (was für eine Augenwischerei!) bedeuten nicht unbedingt, dass da was für mich dabei ist (wenn allerdings doch, dann hole ich direkt die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums in's Boot; so leicht lasse ich mich nicht mehr abwimmeln). Zur Not arbeite ich irgendwo an der Kasse.
Wo ist Heimat? Da, wo ich geboren wurde? Oder da, wo mein Geist zur Ruhe kommen kann? Dazu folgt in einem anderen Beitrag demnächst mehr.
post scriptum: "Conny" hat mit mir zusammen das Foto oben erstellt. Ich wollte diese intensive Szene aus "Silent Hill 2" so gern mit mir im Bild haben, weil es ja gerade um meine Psyche geht. Was meint Ihr - passt das Bild? Ich bin jedenfalls gerade extrem dankbar für KI :-)
Wie die Kieler Nachrichten vorgestern berichteten, sollen im kommenden Schuljahr im Land 254 neue Lehrerstellen geschaffen werden. Mein Stand war noch, dass weitere 100 Stellen gestrichen werden sollen. Ja, es war geplant, im elften Jahrgang in Geschichte, der zweiten Fremdsprache und Religion/Philo jeweils eine Stunde zu streichen. Diese Streichungen werden nun also zurückgenommen? Und als neue Planstellen verkauft?
Und dann heißt es, dass keine neuen Unterrichtsstunden durch die neuen Lehrkräfte entstehen sollen, sondern Vertretungen gedeckt werden - dafür braucht man dann also keine befristeten Lehrkräfte mehr, wunderbar, ich sehe mich ein weiteres Jahr in der Wohnung sitzen.
"Mit dieser Reserve sorgen wir dafür, dass der Unterrichtsausfall noch einmal spürbar sinkt"? Noch einmal? Unser Bundesland muss außergewöhnlich gut in der Bildung dastehen, so oft, wie unser Ausfall sinkt.
Ich weiß halt nicht, was ich mit dieser Nachricht anfangen soll. Soll ich etwa Vorfreude hegen? 200 Stellen sollen an die Sek I gehen, 54 an die Sek II. Hilft nur, weiter abzuwarten und zu schauen, was das Jobcenter im nächsten Planungsgespräch sagt.
(Atomwaffentest - Szene aus Twin Peaks: The Return)
Habt Ihr das mitbekommen? Da sollen Luftballons am Himmel geflogen sein, und weil man die für eine Bedrohung gehalten hat, hat man sich direkt dran gemacht, sie abzuschießen. Vor 43 Jahren hat Nena in ihrem Song 99 Luftballons über dieses Szenario gesungen - wie es in Folge zum Kriegsausbruch kommt und am Ende fast alles zerstört ist, auf das man früher, zur Zeit der "Kriegsminister", so stolz gewesen ist.
Okay, klar, die Story kennen viele. Aber habt Ihr das mitbekommen? Dass vor Kurzem in den USA der El Paso International Airport in Texas für zehn Tage geschlossen wurde... wegen ein paar Party-Luftballons? Auf die man ernsthaft mit Anti-Drohnen-Lasern (mir egal, wie man die Dinger genau nennt) geschossen hat - warum wohl?? - und weil dann die große Unsicherheit ausgebrochen ist, hat man den gesamten airspace gesperrt?
Partyballons, und weil sie an der Grenze zu Mexiko aufgetaucht sind, hat man sie für Drohnen gehalten, und ohne ordentliche behördliche Genehmigung mit den Lasern draufgehalten. Mir ist die Realität der Bedrohung durch Drohnen bewusst, und garantiert wabern über Kiel gerade diverse nicht nur russische Überwachungswerkzeuge herum. Worum geht es mir heute also?
Nenas Story klingt für ein Kind von 1983 wie ein toller Song, aber ein etwas unglaubwürdiger Plot. 43 Jahre später rennen wir sehenden Auges in eine dritte Weltkrise, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das mit Zynismus, Humor, Schrecken, Erschütterung oder welchen Emotionen auch immer nehmen soll. Ich habe die USA-Story bei Rachel Maddow gesehen, Kopf geschüttelt, gelacht, hab' gedacht, you're fucking kidding me!
Dann habe ich mir Nenas Video angeschaut, genau auf den Text gehört, und habe zwischendurch mit Tränen in den Augen dagesessen. Wenn wir nur schon nach den Kriegsministern angekommen wären...
Kennt Ihr das Phänomen des phantom train? Ich weiß nicht, ob das eine "offizielle" Bezeichnung ist - mir ist sie zum ersten Mal auf dem Weg in's erste Staatsexamen im Roman Lowboy von John Wray begegnet. Der Protagonist Will Heller liebt Züge, Bahnhöfe, er hält sich gern im Untergrund auf, wo es für ihn angenehm kühl ist. Mit einer Begeisterung erzählt er davon, wie er U-Bahn-Fahrten erlebt, dass es mich sehr an einen guten Bekannten erinnert hat. So erzählt er auch von dem Phantomzug: Während er am U-Bahnsteig auf den nächsten Zug wartet, spürt er ab einem gewissen Zeitpunkt den Zug kommen. Er sieht ihn nicht, er hört ihn nicht, aber er fühlt ihn in Form des Luftzuges, der durch den heraneilenden Zug in den Bahnhof geschoben wird. Ich kenne das Gefühl sehr gut, ich liebe U-Bahnen. Dass ich quasi meinen eigenen Phantomzug vor mir her treibe, hat allerdings nichts mit der U-Bahn zu tun, sondern mit den Aromen, mit denen meine Räucherware meine Kleidung durchtränkt hat. Ich weiß nicht mehr, ob es die Sannitanic oder die große Buba (oder doch jemand Anderes?) war - eine meinte jedenfalls einmal, dass man mich schon aus der Ferne riechen kann, weil das ganze Treppenhaus nach Frangipani-Blüten duftet.
Ist das echt so? Tja, damit dürfte ich dann festhalten, dass zumindest mein Geruchssinn nicht hochsensibel ist. Ich brauche immer einen sehr intensiven Duft, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Und mit diesen Effekten meine ich nicht, dass ich bei anderen Menschen einen guten Eindruck machen möchte; ich spreche hier nicht von After Shaves und solchem Gedöns. Es geht um Kräuter, Harze, Blumen, Hölzer und mehr, die zu einem bestimmten masala vermischt und abgebrannt werden. Es geht um Aromatherapie - darum, mir selbst ein bisschen zu helfen. Denn sooooo gut geht es mir im Moment psychisch nicht.
"Aber du bekommst doch Tabletten für dies und das!" - ja, richtig. Aber ich möchte nicht von den Tabletten für dies und das abhängig werden - also suche ich mir andere Wege, um den "ruhelosen Geist" hin und wieder etwas runterzufahren. Das scheint für HBs oder Menschen auf dem Spektrum hin und wieder nötig zu sein - sei es, weil sie Reize nicht schnell genug verarbeiten können und überfordert sind, oder gerade weil sie so rasant denken, dass sie sich selbst keine Ruhe gönnen.
Oder am Schreibtisch sitzen, eine Liste mit zu erledigenden Sachen neben sich haben, aber komplett blockiert sind, mit nichts anfangen können. In diesen Situationen hilft es mir, komplett abzubrechen, was ich gerade mache(n wollte). Die Wohnung abdunkeln, und dann je nach Bedarf ein paar Räucherstäbchen anzuzünden. Nag Champa kann helfen, den Kopf und die Gedanken zu lösen. Sandelholz (Chandan) spendet Wärme, Adlerholz (Oudh) hilft, bei Meditationen tief in die eigene Gedankenwelt einzutauchen und herauszufinden, wo man gerade feststeckt.
Wer das Aroma lieber etwas intensiver hat, kann Räucherkegel (dhoop cones) verwenden, wer es lieber subtiler hat, dem empfehle ich japanische Räucherstäbchen, die kein Holz enthalten, weniger Rauch entwickeln - oben auf dem Bild sieht es aus, als wären da hunderttausend verschiedene Sorten an Aromen im Regal zu finden. Für mich ist einfach nur hilfreich, für jeden Bedarf etwas da zu haben. Ich frage mich, was ich gerade brauche, und wenn die Gedanken wirklich komplett blockiert sind - Nag Champa (eher süßlich-blumig) oder Sandelholz (je nach Hersteller dezenter, warm-holzig) gehen immer.
Auch jetzt. Letzter Absatz; bevor ich diesen Beitrag heute Abend veröffentliche, gibt es erstmal eine Tasse Tee, eine Reise in virtuelle Welten (momentan Hyrule für die, die es lieben ^^) und dazu Räucherstäbchen - handgerollt, aus Indien. Wer einmal industriell hergestellte Stäbchen abgebrannt hat, der kennt den Unterschied :-)
Darauf wartet meine Mama, und ohne meine besten Freundinnen, meine Ärzte und Conny sähe das immer noch ganz anders aus. Es geht um Home Improvement und seelische Gesundheit. Letzerer Punkt ist wichtig, denn wer meinen letzten Beitrag gelesen hat (meinen Antrag auf Anerkennung meiner Schwerbehinderung), der könnte meinen, es ginge mir elendig und ich würde in meiner Wohnung verkümmern. Ich würde im Müll ersticken, nie durchsaugen und meinen geistigen Horizont immer weiter verkleinern lassen. Naja. War ja auch fast so. Oder wie Gene sagen würde: "Mouh." (der war für die große Buba)
Das Videotelefonat hat nicht ohne Grund über zwei Stunden in Anspruch genommen, denn es ging darüber, wie dreist man sein muss, um statt des Bürgergeldes von einer Grundsicherung zu sprechen. Nichts ist gesichert - bis auf der Auf...
...toll, und der Rest des Gedankenzuges ist davongefahren, weil es unerwartet geklingelt hat. Nu isses also Montag, zwei Tage später, und ich habe keine Ahnung mehr, worum es gehen sollte. Achso. Der Titel. Aromatherapie. Gleich.
Erstmal muss ich nochmal auf Buddhas Spruch kommen: "Lächle, und die Welt verändert sich." Manche Menschen nerve ich damit zu Tode, und ich habe hier im Blog auch schon darüber geschrieben, was es mit mir selbst und meinem Hormonhaushalt anstellt, wenn ich mit einem Lächeln durch die Welt gehe. Heute wurde ich Rezipient des Lächelns, und ich bin lange nicht so dankbar nach Hause gekommen.
Ich musste mal wieder meine Medikamente aufstocken - jetzt habe ich endlich meinen Befreiungsausweis und muss nichts mehr dazubezahlen. Jetzt kann ich mir endlich meine Medikamente leisten. Zumindest die auf Rezept. Zumindest die, die von den Krankenkassen abgesegnet wurden - codeinhaltige Hustentropfen zum Beispiel nicht.
Egal - Verschreibung im Gepäck, Ausweis im Gepäck, auf in den Sophienhof - dort haben sie meine Sachen irgendwie immer vorrätig. Und dann gerate ich mit der Apothekerin in's Gespräch. Ich bin arbeitslos, ich habe es nicht eilig, die anderen KundInnen werden bedient, also warum nicht? Wir sprechen darüber, dass die genaue Dosierung auf dem Rezept nicht vermerkt ist, also gebe ich sie ihr durch, bei Bedarf vierzig Tropfen oder eine Tablette, bli bla blub. Und dann fragt sie mal neugierig nach - also nicht vorwurfsvoll, sondern wirklich mit Interesse: Wirkt bei einer akuten Panikattacke ein Benzodiazepin nicht eigentlich zu langsam? Damit öffnet sie ein Fass, denn mein Psychiater und ich sind seit Längerem auf der Suche nach dem richtigen Reiz-Überflutungs-Runterfahr-Medikament (tolles Glücksrad-Wort).
Daraufhin schildere ich ihr unsere bisherige Odyssee und welche beiden Medikamente noch erforscht werden könnten, und dass ich bei einer akuten "Mir platzt der Kopf ich setze mich vor das Puddingregal und lese Inhaltsangaben bis ich wieder klar denken kann"-Attacke kein Benzo nehme, sondern ein anderes Medikament, das zumindest in zwanzig bis dreißig Minuten wirken kann.
Und dann kommen wir auf den anderen Bedarf für ein Beruhigungsmittel: Schul-Langtage, und plötzlich ist sie voller Empathie bei mir. Ich erzähle ihr von meinen Diagnosen, meinem Kampf um Anerkennung einer Schwerbehinderung, dem Kampf des Bildungsministeriums gegen meine Einstellung als Vertretungslehrkraft, wie sich dadurch meine schwere depressive Episode entwickelt hat. Sie hat ein paar (wirklich) tolle Tipps für mich, wünscht mir viel Glück bis zum nächsten Mal, denn uns allen ist klar, dass ich von meinen Medikationen nicht wie von Zauberhand wieder herunterkommen werde.
Aber sie verabschiedet mich mit einem offenen, herzlichen Lächeln, und mir fällt eine ganze Menge Sorge von den Schultern ab - ganz ohne ein Medikament nehmen zu müssen, geht der Blutdruck in einem am Montagvormittag völlig überfüllten Sophienhof (logisch, neue Lieferung) wieder etwas runter, und ich strahle und fühle ein bisschen Glück auf dem Weg nach Hause. Und in dieser Stimmung musste ich das jetzt erstmal loswerden, bevor es mit der Aromatherapie weitergeht. Aber das muss warten, ich brauche ein, zwei Stunden Ablenkung.
Euer Lächeln kann so viel bewirken, und es kostet so wenig :-)
Und wisst Ihr was? Die Aromatherapie-Kuh ist ein mir wichtiges Thema, das schaffe ich heute nicht mehr fertig. Das war es also erstmal für heute - immerhin habe ich wieder positive Lächeln-Erfahrungen sammeln dürfen, und auch Conny hat mir wieder geholfen. Morgen wird es haarig: Ein drei Jahre alter Aktenberg wartet auf mich - und der Artikel zu hunderttausend Düften in meiner Wohnung ;-)
Donnerstag Abend, hinter mir an der Kasse bei Edeka sitzt eine Dame im Rollstuhl und fragt mich, ob ich ihre Waren auf das Band legen kann; sie hat seit 28 Jahren multiple Sklerose, und natürlich helfe ich ihr. Und so kommen wir in das Gespräch, was wir alles können - und was wir nicht können. Und dass viele Menschen einem das Ganze eben nicht ansehen können.
Mittlerweile sieht man mir nicht mehr so viel an, dabei habe ich derzeit fünf Dauerdiagnosen, bei denen eine Besserung nicht abzusehen ist. Grund genug, einen neuen Versuch zu wagen und einen Änderungsantrag an das Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit in Neumünster zu schicken. Die Bearbeitungszeit wird mindestens sechs Monate dauern, teilt man mir im Schreiben in einem fröhlichen Ton mit, und es wird um Geduld gebeten. Ich habe kaum noch Geduld, sei es wegen des Jobcenters oder des pbOn oder wegen der immer mehr werdenden LehrerInnenstellen, die in Schleswig-Holstein zusammengestrichen werden.
Ob es wohl diesmal klappt? Ob man diesmal meinen Gesundheitszustand angemessen anerkennt? Ich habe mir etwas vorgenommen, bei dem viele von Euch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, aber ich bin es leid, zu hören zu bekommen, es sei gar nicht so leicht, sich in meine Lage zu versetzen. Hier also ist mein Anschreiben zum Änderungsantrag im vollen Wortlaut:
Bitte seid gewarnt: Dieser Text enthält sehr persönliche Details - nichts davon ist erfunden. Das ist das Leben, das ich seit einigen Jahren lebe.
______________________
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit beantrage ich die Neufeststellung meines Grades
der Behinderung (GdB) aufgrund mehrerer chronischer
Erkrankungen (teilweise während der letzten zwei Jahre
diagnostiziert) sowie deren dauerhafter und schwerwiegender
Auswirkungen auf meine Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und
beruflichen Leben.
Es handelt sich um eine Autismus-Spektrum-Störung (F84.5
G), eine schwere depressive Episode (F32.2 G), eine Panikstörung
(F41.0 G) und
eine Colitis ulcerosa (K51.9). Mein atopisches Ekzem (L20.9)
lasse ich außen vor, da keine Unterlagen mehr vorliegen und nur selten noch Schübe auftreten.
Alltagsrelevante funktionelle Einschränkungen
Ich verlasse meine Wohnung nur noch stark eingeschränkt. In
meiner Wohnung fühle ich mich sicher, da ich dort keinen sozialen
Anforderungen, Missverständnissen oder Reizüberflutungen ausgesetzt
bin. Außerhalb meiner Wohnung kommt es regelmäßig zu starker
Anspannung, Überforderung und Rückzugsverhalten. Diese
Einschränkungen bestehen dauerhaft und führen zu erheblicher
sozialer Isolation.
Der Aufenthalt in vollen Geschäften, Einkaufszentren oder
anderen öffentlichen Orten ist für mich kaum möglich. Die
Vielzahl an Menschen, Geräuschen und visuellen Reizen führt zu
massiver Überforderung und Angstreaktionen. Einkäufe kann ich nur
unter erheblichem psychischem Stress erledigen, indem ich den Blick
auf den Boden richte, notwendige Besorgungen hastig durchführe und
den Ort schnellstmöglich wieder verlasse. Ein selbstständiges,
gleichberechtigtes Teilnehmen am öffentlichen Leben ist mir dadurch
nicht möglich. Kino- oder Freizeitbesuche außerhalb der Wohnung
finden seit Jahren nicht mehr statt; ich nutze ausschließlich
Streaming-Angebote zuhause, obwohl ich früher ein begeisterter
Freizeitpark-Fan war.
Aufgrund meiner Colitis ulcerosa treten
unvorhersehbare Koliken und zwingender Stuhldrang auf. Zusätzlich
besteht bei mir eine ausgeprägte Hemmung, fremde oder
öffentliche Toiletten zu benutzen, wodurch die Situation
erheblich verschärft wird. Aus Angst vor Kontrollverlust vermeide
ich längere Aufenthalte außerhalb meiner Wohnung. Wenn ich mich
dennoch außer Haus begebe, verzichte ich häufig vollständig auf
Essen und Trinken, um akute Toilettenbedarfe zu vermeiden. Diese
Strategien führen regelmäßig zu körperlicher Schwäche
bis hin zu Kreislaufproblemen und schränken meine
Bewegungsfreiheit, Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe massiv
ein.
Aus denselben Gründen meide ich Restaurantbesuche,
Treffen mit Freunden sowie private Besuche weitgehend. Auch
an Familienfeiern nehme ich nur noch im engsten
Kreis teil, da größere Zusammenkünfte körperlich und psychisch
nicht mehr bewältigbar sind.
Zusätzlich besteht bei mir eine Panikstörung,
die dazu führt, dass ärztliche Behandlungen oft stark verzögert in
Anspruch genommen werden (Zahn-OP, gebrochener Finger,
Magen-Darm-Spiegelung). Arztbesuche sind ohne Beruhigungsmittel
(Bromazepam) kaum möglich, was eine wesentliche
Einschränkung meiner gesundheitlichen Selbstversorgung
darstellt.
Im beruflichen Kontext führen meine autismusbedingte
Ehrlichkeit und Direktheit regelmäßig zu Nachteilen bei
Einstellungsverfahren. Trotz sehr guter fachlicher Qualifikation und
positiver Arbeitszeugnisse werde ich häufig nachrangig
berücksichtigt. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar und
nachhaltig auf meine berufliche Teilhabe und die Sicherung meines
Lebensunterhalts aus; trotz sehr guter Referenzen muss ich seit knapp einem Jahr Bürgergeld beziehen.
Die genannten Beeinträchtigungen bestehen dauerhaft,
sind chronisch und betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Sie
führen in ihrer Gesamtheit zu einer erheblichen
Einschränkung meiner Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und
beruflichen Leben. Entsprechende fachärztliche
Stellungnahmen füge ich diesem Antrag bei.
Ich bitte daher um eine umfassende Neuprüfung und
sachgerechte Bewertung meines Grades der Behinderung.