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| Das war mein Traum... |
Es ist kaum zu glauben: Ich war auf einem Vorstellungsgespräch. Zwar "nur" für eine befristete Vertretungsstelle, aber immerhin war Arbeit in Sicht. Nach anderthalb Jahren Grundsicherung wäre das endlich ein Tropfen Wasser in der Wüste, denn:
1200€ Grundsicherung
-630€ Miete
-88€ Stadtwerke
-64€ D-Ticket
-45€ Telefon
Bleiben noch gut 300 Euro für den Monat übrig, für Nahrungsmittel, Drogerieartikel und Kleidung - und jene Medikamente und Apothekenartikel, auf die ich angewiesen bin, die aber nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Da komme ich im Schnitt nochmal auf 50 Euro im Monat. Es bleibt nichts übrig für "sich mal etwas gönnen", es frisst an der Seele und fühlt sich wie eine Schlinge um den Hals an.
Insofern ist die Vertretung, wenngleich sie nur befristet sein mag, doch eine tolle Entwicklung - oder? Aber woran liegt es dann, dass ich während des Vorstellungsgesprächs mit einem außerordentlich netten Schulleiter Tränen in die Augen bekomme und fast anfange zu weinen - und dann absage?
Mir ist während des Gesprächs Einiges bewusst geworden. Zunächst einmal war da der Umfang: Sechs Wochenstunden - Entfristung ausgeschlossen. Von meinem Verdienst hätte ich dann umgerechnet 180 Euro im Monat behalten dürfen, um die Grundsicherung aufzustocken. Dabei möchte ich dringend weg von der Grundsicherung, weil ich mich mich abhängig fühle, wie ein Verbrecher - kein Wunder bei der medialen Berichterstattung, wo Grundsicherungsempfänger oft als Sozialschmarotzer dargestellt werden. Das geht nicht an mir vorbei; manchmal muss ich auch zuhause anfangen zu weinen, weil ich mich hilflos fühle, ungerecht behandelt, für meine Andersartigkeit vorverurteilt.
Der zweite Grund: Im Laufe des Gesprächs hat es mir gedämmert, dass da etwas auf mich zukommt, was ich leider schon mehrmals erleben "durfte". Ich würde an einem gutbürgerlichen Gymnasium arbeiten, konfrontiert mit einer Elternschaft, die meine Unterrichtsmethoden misstrauisch beäugen wird, und ich werde mich einem Kollegium und einem Schulbild aussetzen, an das ich mich nicht innerhalb von zwei Monaten komplett anpassen kann. Das kann ich nicht. Das mag auch für neurotypische Menschen eine Herausforderung sein - für einen Autisten kann es ein Ding der Unmöglichkeit sein, egal wie sehr Temple Grandin der Meinung ist, dass sich jegliches autistische Verhalten modulieren ließe und es da eigentlicht nicht zu Problemen kommen müsste.
Ich habe alles vor meinem geistigen Auge gesehen: Die kleinen Fehler, die ich immer wieder mache: Den falschen Sitzplatz im Kollegium suchen, falsche eigene Materialien mit in den Unterricht nehmen, die Fachschaftsabsprachen nicht sofort zu 100 Prozent umzusetzen, mich zur Zielscheibe für den Spott von Kollegen zu machen. Bei SchülerInnen zu gut ankommen - nicht genug Distanz und gezwungene Autorität zu wahren, was für noch mehr Misstrauen im Kollegium sorgt. Und das für 180 Euro monatlich.
So sitze ich da in dieser Runde, kann vor Tränen nur verschwommen sehen, und lehne das Angebot ab. Und ich kann nicht einmal nachvollziehbar erklären, warum ich das mache. Die Schulleiter schien mich wirklich gern haben zu wollen; wie das mit Gleichstellungsbeauftragter und Fachvorsitzendem war, kann ich nicht beurteilen; beide hatten den für solche Situationen weit verbreiteten nichtssagenden Erschießungskommandoblick. Und ich winde mich, meine Stimme stockt, ich kann es nur schwer erklären, was in meinem Kopf vorsich geht.
Vor ein paar Tagen hat mir jemand gesagt, was eines meiner Hauptprobleme sein könnte. Ich bin ein Freigeist, der mit naivem Optimismus in der Schule arbeiten möchte. Die Dinge anders machen, im Glauben, den status quo verbessern zu können. Wie gut ich darin bin, hat sich ja an den letzten neun Schulen gezeigt (Sarkasmus). Wie hat sie es formuliert?
"Was passiert denn mit hoher Wahrscheinlichkeit, wenn sie jetzt wieder eine Vertretung annehmen? Sie fahren mit dem gleichen Fahrzeug immer wieder gegen die gleiche Wand. Sie werden das System allein nicht von Grund auf verändern können - sie werden sich anpassen müssen."
Das Bild lässt mich nicht mehr los, weil da so viel dran ist. Es stammt von FAW - das benutze ich hier als Codenamen für meinen Coach; ich bin vom Jobcenter für eine Maßnahme angenommen worden, mit dem Titel Individuelles IntegrationsManagement für Menschen auf dem Autismus-Spektrum.
Ich will ehrlich sein: Anfangs habe ich Sicherheitsmauern um mich herum aufgebaut und versucht, alles, was FAW mir gesagt hat, abprallen zu lassen. Jetzt ist der erste Monat der Maßnahme rum und es tut sich in meinem Kopf tatsächlich etwas. Wir gehen bei diesem Job- (und Life-)Coaching kleinschrittig vor, und das hilft.
Zielvorstellung: Wie kann ich es schaffen, nicht mehr mit dem gleichen Fahrzeug gegen die gleiche Wand zu fahren? Wie kann ich einen Platz im Leben finden, in dem ich endlich wieder glücklich werde?
Wir haben eine ordentliche Zeit damit verbracht, zu schauen, welche Bildungsqualifikationen bei mir vorliegen, Stärken und Schwächen, sowie Talente und alternative Berufsvorstellungen. Ziel könnte zum Beispiel ein Quereinstieg sein, in einen sozialen Beruf, in dem ich mit Menschen arbeiten kann, ohne von diesem oppressiven, manchmal einfach so dummen Schulsystem geplättet zu werden.
Diese Mauern im Kopf einzureißen ist eine Herkulesaufgabe. Ich war immer so sehr überzeugt davon, dass ich Lehrer werden müsse. Warum eigentlich? Der einzige Grund: Ich stamme aus einer Lehrerfamilie. Großvater, Mutter, Onkel, Tanten, Brüder. Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, etwas Anderes zu tun. Dabei steckt in mir scheinbar ein "großes schauspielerisches Talent" (Gutachten), und nicht umsonst hat meine Pädagogikprofessorin im Examen bei der Benotung zu mir gesagt: "Wir haben gar nicht lange über ihre Note diskutiert, sondern haben uns gefragt, warum sie nicht in's Fernsehen gegangen sind."
Und so sind zwei Berufe auf der Liste möglicher Ideen für FAW aufgetaucht: Schauspieler und Triebwagenführer. Das sind Berufe, die meiner geistigen Konfiguration gerecht werden können. Momentan sind wir dabei, zwei Tests zu möglicher Berufswahl durchzuarbeiten, so wie damals das wunderbare Planet Beruf.
Ich war anfangs komplett gegen den Gedanken, einen anderen Beruf zu finden, weil ich doch als Lehrer auch Einiges an positiver Rückmeldung bekommen habe, und weil mir ausgerechnet meine Studienleiter gesagt haben, ich müsse unbedingt an die Schule gehen. Aber - wie gesagt, ganz kleinschrittig - diese Wände bröckeln langsam ein. Ich möchte endlich wieder Geld verdienen, um meine Wohnung und meinen Unterhalt zu bezahlen. Ich möchte dem Staat nicht mehr als Sozialschmarotzer auf der Tasche liegen und jeden einzelnen Cent Eingang auf meinem Konto ausführlich erklären müssen.
Ich bin tatsächlich ganz glücklich, dass ich FAW habe, auch wenn ich das nicht immer so äußere. Die Maßnahme geht noch bis Ende November, das Jobcenter finanziert das Ganze, und falls nötig, können wir das im Anschluss verlängern.
Vielleicht bedeutet es mit 43 Jahren den Abschied vom Lehrberuf. Vielleicht sogar komplett den Abschied vom Arbeiten in einer Schule.
Vielleicht habe ich den richtigen Weg einfach nur noch nicht gefunden - aber ich habe nicht mehr vor, wieder mit dem gleichen Fahrzeug mit Karacho gegen die gleiche Wand zu donnern und mein Leben damit zugrunde zu richten.
post scriptum: Entschuldigt bitte die lange Abwesenheit. Ich habe lange gebraucht, um zu verarbeiten, was so alles mit FAW passiert, und ich wollte nicht immer nur Negatives hier schreiben. Ich vernachlässige mein Umfeld momentan extrem - weil ich in meiner eigenen Welt bin, komplett in mich gehe in der Hoffnung, andere, bisher verschlossene Türen zu entdecken. Buddhismus war selten so hilfreich wie jetzt.
Ich bin glücklich, dass ich Euch, meine Freunde und Familie habe. Menschen, die immer noch zu mir stehen, auch wenn ich wie vom Erdboden verschluckt bin. Es tut mir so Leid - aber vielleicht taucht am Ende ein Lichtblick auf und die Dinge werden wieder besser.
Let's do this!
















