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Sonntag, 1. März 2026

Zurück nach Kiel

Blick nach innen - wo gehöre ich hin...?

To whom it may concern:

Das Leben besteht aus Entscheidungen. In meiner Personalakte steht, dass ich bereits einmal zur Entfristung vorgesehen war. Das war vor etwa zehn Jahren in St.Peter-Ording. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich jetzt Arbeit und könnte vorsorgen - aber "Hätte liegt im Bette und ist krank - Gott sei Dank!" Irgendwann bin ich nur noch schwer gegen mein Heimweh angekommen... 

Ich hatte damals, vor über zwanzig Jahren, meinen Graecumskurs an der Uni bei Dr. Dohm. Ein großartiger Lehrer, der sein Fach geliebt hat und das im Unterricht auch gezeigt hat. Eine seiner Erklärungen habe ich mir besonders gut merken können, weil - keine Ahnung? Aber sie hat für mich bis heute eine gewisse Bedeutung, und zwar nicht wegen der grammatikalischen Komponente:

"Nostalgie - aus dem Griechischen; nostalgía besteht aus nóstos - die Heimkehr - und álgos - der Schmerz. Nostalgie ist ziemlich wörtlich übersetzt: das Heimweh."

Zehn Jahre später hatte ich dann ein intensives Gespräch mit Jochen, Kollege an der Schule in St.Peter-Ording. Er fand es faszinierend, dass ich zwischengefahren bin: Nach meinem Referendariat war mir klar, dass ich zurück nach Kiel musste. Ich hatte Heimweh, hatte alles vermisst, was mit Kiel zusammenhing. Und dann war ich in diesem Zwiespalt, eine großartige Stelle in SPO zu haben und eine wunderbare Wohnung und Freunde in Kiel zu haben. Das Zwischenfahren war eine aufregende Zeit, und ich habe versucht, das Jochen zu vermitteln, aber er hat mich quasi in's Gebet genommen und meinte, dass ich mich irgendwann doch einmal entscheiden sollte; für zwei Jahre mag das mit dem Zwischenfahren okay sein, aber für die nächsten dreißig Jahre?

Damit hat er mir einen Floh in's Ohr gesetzt, und ich bin in's Grübeln gekommen. Genau genommen hat Jochen damit meinen Einsatz in SPO beendet. Denn was ist mir wichtiger: die Arbeit oder das Private? Ersteres hätte mir finanzielle Absicherung gebracht, und eine Stelle an einer Schule, an der man mich ernst nimmt (gab es bisher noch nicht so viele) - aber zu welchem Preis? Ich habe mal wieder realisiert, dass mir mein Privatleben wichtiger ist, und so ist der Stein in's Rollen gekommen. Arbeit beendet, und damit begann mein Schul-Hopping, von einer Schule zur nächsten, von Abneigung zu Ausgrenzung zu Anfeindung zu Akzeptanz - aber keine Stelle. Eine Zeitlang konnte ich die Pausen zwischendurch mit dem ALGI überbrücken, aber jetzt bin ich komplett an der Basis angekommen. 

Aber ich bin glücklich, scheinbar. Wenn ich nicht gerade wieder eine Absage bekomme. Denn ich bin wieder in Kiel: Ich kann wieder den Möwen an der Hörn lauschen, die Stadtbahn-Pläne verfolgen, über den Campus streifen, panisch durch völlig überfüllte Einkaufszentren marschieren, meinen Hausarzt, Zahnarzt und meinen Psychiater besuchen, ohne stundenlang unterwegs zu sein, dem Straßenlärm lauschen und das laute Leben erleben. Hier ist meine Ein-Zimmer-Wohnung, hier ist mein Nachbar, mit dem ich mich richtig gut verstehe, und der ganz toll Rücksicht auf mich nimmt, hier ist - phasenweise - meine große Buba, hier ist meine Kopf-ab-Tina unten.

Ich habe keine Arbeit, richtig. Und die 250 "neu geschaffenen" Planstellen im kommenden Schuljahr (was für eine Augenwischerei!) bedeuten nicht unbedingt, dass da was für mich dabei ist (wenn allerdings doch, dann hole ich direkt die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums in's Boot; so leicht lasse ich mich nicht mehr abwimmeln). Zur Not arbeite ich irgendwo an der Kasse.

Wo ist Heimat? Da, wo ich geboren wurde? Oder da, wo mein Geist zur Ruhe kommen kann? Dazu folgt in einem anderen Beitrag demnächst mehr. 

post scriptum: "Conny" hat mit mir zusammen das Foto oben erstellt. Ich wollte diese intensive Szene aus "Silent Hill 2" so gern mit mir im Bild haben, weil es ja gerade um meine Psyche geht. Was meint Ihr - passt das Bild? Ich bin jedenfalls gerade extrem dankbar für KI :-)

Freitag, 20. Mai 2022

Die Korrekturen


Ich habe vor einer Weile hier im Blog geschrieben, dass meine Schule ganz besondere Vibes habe, die mich an SPO erinnern. Das ist falsch. Die Toni hat keine SPO-Vibes.

Und trotzdem unterrichte ich dort von Herzen gern.

post scriptum: So, endlich sind alle Abschluss-Prüfungs-Angelegenheiten durch, jetzt stehen neun freie Tage bevor. Zeit zum Aufräumen.

Und sorry an alle, die bei dem Beitragstitel vielleicht an Jonathan Franzen dachten, oder an Klausuren. Hat nix damit zu tun.

Mittwoch, 2. Februar 2022

"Es geht an der Schule das Gerücht..."


Ich habe einen neuen Rekord aufgestellt (ohne eigenes Zutun): Ich war noch nie so lange an einer Schule wie jetzt an der Toni. Bisheriger Rekord waren zwei Jahre jeweils in Husum und St.Peter-Ording - gestern hat mein drittes Dienstjahr an "meiner" Schule begonnen, und auch wenn ich nicht weiß, wie sich die berufliche Situation entwickelt, bin ich sehr froh, endlich die richtige Schule für mich gefunden zu haben. Da will ich bleiben.

Und da passieren auch immer wieder kleinere Überraschungen: Heute sollte ich eine Vertretung in der Fünf C übernehmen. Fünften oder sechsten Jahrgang vertreten, das löst bei mir immer etwas Angst aus, weil ich mich frage, ob wir die Stunde ohne einen Borderline-Schreianfall überleben. Wäre halt nicht das erste Mal. 

Und dann war das heute eine ganz großartige liebe Klasse; es war ihre erste Stunde an diesem Schultag, also habe ich mit ihnen die Testung durchgeführt, und das ist vollkommen reibungslos verlaufen. Die Kiddies durften zum ersten Mal selbst die Testmaterialien verteilen, und das haben sie sehr gewissenhaft gemacht - das war schon mal ein guter Start.

Es meldet sich ein kleiner Steppke am Fenster und fragt: "Dr Hilarius? Es gibt an der Schule das Gerücht, dass sie schwul sind. Stimmt das?" Und wieder einmal: Kurzes Ja, oder besser die Auskunft, dass ich mich nicht festlegen möchte, es gibt da so etwas, das nennt sich bi. Und wieder einmal an dieser Schule: Das wird mit mehrheitlichem Kopfnicken hingenommen, weiter im Programm.

Das ist so angenehm: An dieser Schule Kinder und Jugendliche aufwachsen zu sehen, für die die sexuelle Vielfalt etwas völlig Normales ist. Ich habe das nicht oft erlebt, auch nicht in SPO, und erst recht nicht an gewissen Eliteschulen. Da wird das dann einfach "toleriert".

Dass also ausgerechnet in einer fünften Klasse heute so eine tolle Stunde stattgefunden hat, das hat mich doch sehr gefreut.

Freitag, 12. November 2021

Videospiele im Unterricht - Kapitel 1


Kapitel 1 - Die Vorgeschichte

Ich weiß nicht, wie es Euch so geht, liebe Lehrkräfte, aber bei Vielem, was ich so erlebe, frage ich mich direkt "Kann ich das irgendwie in meinem Unterricht verwenden?" - besonders, wenn ich es toll finde. Immerhin, ein Zahn ist mir schon früh gezogen worden: Was ich toll finde, finden Schüler deswegen nicht auch gleich super. Menschen sind eben unterschiedlich. Während meines Studiums habe ich überlegt, ob ich eine Serie im Unterricht zeigen könnte - das war sozusagen die Geburt des Are You Afraid of the Dark-Projekts. 

Irgendwann im Referendariat muss die Idee aufgekommen sein, einen Schritt weiter zu gehen. Allerdings noch klein und unauffällig, denn das Referendariat hat mich gelehrt, keine Unterrichtszeit für Filme oder Serien draufgehen zu lassen, das ist alles kostbare Zeit, da wollen wir von Videospielen gar nicht erst anfangen. Und wenn ich dann darüber nachdenke, was ich an manchen Schulen schon für erzürnte Eltern hatte; das ist dann die Schattenseite des "Serie im Unterricht schauen": Gerade an einem Gymnasium - und erst recht an einem Elite-Gymnasium - kommen dann an einem Elternsprechtag erzürnte Mütter vorbei und erzählen mir, wie ich meinen Englischunterricht zu machen habe. Wenn sie dann selbst auch noch Englischlehrerin sind, umso schlimmer. Und das war vor Jahren, als ich noch sehr frisch im Schulsystem war, kein dickes Fell und leicht zu beeindrucken. 

Serien im Unterricht? Habe ich an den Gymnasien nicht wieder gemacht, und an der Berufsschule gar nicht erst daran gedacht. Der Lehrauftrag ist eben ein anderer, das muss ich akzeptieren. Umso deutlicher öffnete sich dann für mich eine Tür mit Lerngruppen, die keinen Bock auf Schule hatten. Da sitzen dann zwischen elf und achtundzwanzig Schülern, hochpubertär, keinen Bock auf gar nichts und erst recht nicht Englisch, denn das braucht man später eh' nicht, und dann auch noch der komische neue Lehrer an der Schule. Immer wieder erlebt - in St.Peter-Ording, in Neumünster, auch jetzt an der Toni. Das ist genau die Art Schüler, bei der jener Leitsatz aus dem Referendariat im Kopf wieder aufleuchtet. Bis zum Erbrechen gehört, immer und immer wieder, und in den Lehrproben natürlich versucht zu zeigen.

"Die Schüler da abholen, wo sie stehen."

(Die große Buba holt dat aber so vor, wie sie dat braucht.) Klar, der Satz ist eine Form von Phrasendrescherei, aber mit diesen Kids in schwierigen Situationen ist das einfach mal die goldene Regel: Finde den Zugang zu ihnen. Schau' sie Dir an! Im Englischen gibt es den Ausdruck "See them!" Und seit St.Peter-Ording habe ich GenZ (oder meinetwegen auch die Digital Natives) kennengelernt. Und in SPO habe ich zum ersten Mal das AYAOTD-Experiment gemacht. Als ich denn gesehen habe, wie gut das funktioniert hat, und wie einige Eltern tatsächlich davon begeistert waren, sind plötzlich wieder die Videospielgedanken in meinen Kopf zurückgekommen - denn ich liebe gute Videospiele.

Und so habe ich also fast sieben Jahre lang darüber nachgedacht: Wenn ich ein Videospiel mit Schülern würde machen wollen - welches nähme ich denn bloß? Welche Klassenstufe? Kann ich das überhaupt verantworten? Ich habe sieben Jahre lang ernsthaft gezweifelt - und an Schulen unterrichtet, an denen solch' ein Unterrichtsexperiment absolut tabu gewesen wäre; die Kieler Gelehrtenschule oder die Jungmannschule in Eckernförde und auch das Berufsbildungszentrum Plön hätten das (zu Recht?) niemals zugelassen. Sieben Jahre lang hin und her überlegen. Von einer Schule an die nächste wechseln. Und dann an der Toni landen, wo man ausprobieren darf. Und so kam es dann, wie es kommen musste.

Heute hatte ich in einer neunten und einer zehnten Klasse meine erste Videospielstunde.

Hier geht es zu Kapitel 2

Samstag, 27. März 2021

Griechische Bestechung

Hat NIX mit Englisch zu tun, ist aber interessant...

Jüngere Schüler lassen sich wunderbar bestechen. Wenn man eine Belohnung in Aussicht stellt, die sie irgendwie anspricht, dann kann das die Unterrichtsbeteiligung drastisch steigern; ich habe das in St.Peter-Ording erlebt, als jeder Schüler am Ende einer Stunde bei guter Beteiligung einen Klebestern auf seine Sammelkarte bekommen hat, und wenn die Karte voll war, dann gab es eine Tüte Haribo oder eine Ritter Sport aus der Naschkrambox. 

Ich habe das von meiner Mutter gelernt, ihres Zeichens über vierzig Jahre lang gewesene Grundschullehrerin. Sie hat Schülern für gut erledigte Aufgaben ein Glitzer gegeben, einfach ein Sternchen mit dem Kugelschreiber in's Heft. Zehn Glitzer konnte man dann für einen Schokoriegel oder Ähnliches eintauschen.

Was ich allerdings auch faszinierend fand, damals in SPO, war die griechische Bestechung. Ich habe der Sieben A damals das griechische Alphabet beigebracht. Irgendwann hatte ich ihnen die ersten zwei Buchstaben beigebracht (Staunen: Oooohhh, daher kommt das Wort Alphabet!), und dann gab es bei richtig guter Mitarbeit einen neuen griechischen Buchstaben, in klein und groß. Natürlich zieht das nicht so gut wie Schokolade, aber ich gehe davon aus, dass in jeder Klasse ein Kind sitzt, das diese griechischen Buchstaben faszinierend findet.

Und am Ende, wenn alle Buchstaben bekannt sind, habe ich ein (deutsches) Wort in griechischen Buchstaben an die Tafel geschrieben, und jeder, der das Wort transkribieren konnte, hat ein Bonbon bekommen.

Ich finde es faszinierend, dass man Schüler tatsächlich auch mit Wissen bestechen kann.