Freitag, 30. November 2018

Zweiundzwanzig zweiundzwanzig

Manchmal herrscht Sturm im Kopf und ich kann mich auch nach fast zwei Stunden durchgehender Meditation nicht auf ein Thema festlegen...

Wenn ich mich auf die meditative Gedankenreise begebe, ist es komplett dunkel in der Wohnung. Nachdem meine Augen dann etwa eine Stunde kein Licht mehr gesehen haben, ist es spannend, am Ende die Augen zu öffnen und zu erleben, was ich im Dunklen alles sehen kann. Heute habe ich groß und rot 22:22 gesehen: Mittlerweile ist meine Wohnung so konfiguriert, dass ich bei der Meditation jederzeit, falls nötig, die Uhrzeit sehen kann, ohne meinen Kopf dafür bewegen zu müssen (Projektorlampen sind toll).

Normalerweise steht dann da etwa 19:30. Dass es heute deutlich später war, hat diverse Gründe, und ich würde am liebsten alles hier in einem Gedankengulasch erklären. Und weil das hier mein Blog ist, mache ich das auch. Ich werde aber die einzelnen Blöcke mit Überschriften versehen, falls jemand skippen möchte.

Schule in Preetz???

Ich fange bei der Schule an, denn die heutige Dienstversammlung ist der Grund für zwei der drei Stunden Verspätung - die dritte Stunde erklärt sich durch die Filmauswahl. Ich hatte natürlich wieder Panik, denn ich musste an einen unbekannten Ort fahren. Während ich derzeit meine Schulzeit in der Hauptstelle der Schule in Plön verbringe, sollte es heute zur Außenfiliale in Preetz gehen. Wie komme ich dahin? Wie viel Zeit brauche ich? Blockiere ich irgendwelche Autofahrer, weil ich dann so langsam durch Preetz fahre? Ach herrje, in Preetz war ja das Friedrich-Schiller-Gymnasium, das mir damals die kreative Absage geschickt hatte, dass man offen für frischen Wind sei, er müsse nur in einer für sie erträglichen Windstärke pusten. Heute, Jahre später, bin ich froh über diese Antwort, denn ich wäre wirklich keine geeignete Lehrkraft für das FSG gewesen.

Naja, jedenfalls war es meine erste Dienstversammlung an einer neuen Schulform, und das war für mich durchaus ziemlich aufregend. Worüber spricht man wohl an der Berufsschule bei so einer Konferenz? Ganz viel Input und Reaktionen gesammelt, und dann musste ich auch noch den Weg zur B76 zurück finden und hatte Angst, mich vollkommen zu verfahren. "Fahr' doch einfach hinter einem Kollegen her", sagt Klaus, die Laus. Das mag ich aber nicht, denn: Ich halte mich an die Höchstgeschwindigkeiten, und ich habe keine Lust, mir dann Vorwürfe machen zu lassen, ich sei ja so langsam gefahren. Alles schon gehabt, danke, Bedarf gedeckt.

Aber es war wirklich spannend, den Altersdurchschnitt zu sehen, die Kollegen aus den anderen Zweigstellen, die "Sitzordnung", sowas alles. Ich habe mich neben den Kollegen aus unserer Abteilung gesetzt, der bisher immer die "Ich bin OK, du bist OK"-Ausstrahlung hatte. (Transaktionsanalytiker an die Front!) Das hat mir die Angst vor diesem völlig unbekannten Ort, an dem so viele unbekannte Menschen waren, etwas genommen. War insgesamt ein echtes Erlebnis!


 "Ich habe sie gerochen!"

Und ich war zu dem Zeitpunkt auch schon ein wenig durch eine Stunde in einer großartigen Klasse beruhigt, denn in jener Stunde fiel zum ersten Mal ein Thema, das früher oder später jeder einmal anmerkt.

Dr H: "Ach, ich hätte den Rechner ja auch schon eingeschaltet lassen können, ich war vorhin schon mit einer anderen Klasse hier im Raum."
S: "Das habe ich mir schon gedacht!"
Dr H: "Hast du auf meinen Stundenplan geschaut, oder wie?"
S: "Nein, ich habe sie gerochen!"

Und ich war gleichzeitig total stolz, dass ein Schüler die Chuzpe hat, sowas auszusprechen, und total happy, dass meine "Duftmarke" an der Schule angekommen ist. Ich mache das ja nicht, um jemanden zu ärgern. Es ist nur einfach so, dass es in meiner Wohnung immer nach Räucherstäbchen riecht, meistens Adlerholz, gern aber auch Variationen. Und nach den Erfahrungen, die ich bisher gesammelt habe, scheint das kein sehr unangenehmer Duft zu sein, also schäme ich mich dafür mittlerweile auch nicht mehr (ja, war tatsächlich mal so).


Altered States 

Eine kleine Anmerkung zum gestrigen Film muss noch sein, der scheint mich tatsächlich nicht so einfach loszulassen. Er hat wirklich gute Kritiken bekommen; besonders überrascht war ich vom Lexikon des internationalen Films, das ich für sehr konservative Standpunkte kennengelernt habe. Hätte nicht gedacht, dass ein Film über psychedelische Substanzen ausgerechnet von jener Seite als intelligenter Horrorfilm bezeichnet wurde. Und, so ehrlich muss man sein, seine beiden Oscarnominierungen (Sounddesign) hat er sich redlich verdient.

Wer vielleicht bei den kommenden Academy Awards im März Berücksichtigung finden wird, ist der Film Mandy, ganz frisch im September herausgebracht worden: Der Plot mag banal sein, nichts Originelles und so, aber das ist wirklich mal ein Fall von slash with panache, der hat Stil: Das Sounddesign ist sensationell, und die visuelle Gestaltung ist so gewagt, dass ich mich direkt an Dario Argentos Suspiria (1977) erinnert gefühlt habe - einen Film, den ich als Kunstwerk immer wieder gern genieße. Laut Wikipedia wird Mandy als psychedelic horror kategorisiert - aber egal, wie man es versucht, man kann diesen Film nicht beschreiben, man muss ihn erleben. WENN man sich denn für bewusstseinserweiternde Substanzen interessiert. War also heute eher durch Zufall ein echter Volltreffer! Und auch wieder: Bei den Kritikern sehr gut angekommen, Mainstream war nicht so begeistert.

Was bleibt?

Die Feststellung, dass der heutige Tag sehr viele Gedanknzüge in Bewegung gebracht hat - und nicht nur positive; so langsam bekomme ich die Reservierungen manch' einer kollegialen Lehrkraft zu spüren. Aber egal, das war an jeder Schule so. Es erfordert wesentlich weniger Denkarbeit, Dr Hilarius in die Schublade Unerfahrener Rowdy, direkt von der Uni, hat keine Ahnung, wie Schule funktioniert, ist in ein paar Wochen eh' wieder weg zu stecken. Ist ja auch alles in Ordnung, ich provoziere das ja auch (immer mit dem Ziel eines Erkenntnisgewinns). Das Einzige, womit ich wirklich Probleme habe, ist, wenn Menschen mich behandeln, als wäre ich dumm. Damit kann ich bisher noch nicht so gut umgehen - aber interessanterweise wird mir ausgerechnet der Buddhismus da raushelfen, da bin ich mir sicher.

Kommt gut in's Wochenende, Leute! Wobei, der Artikel erscheint spät, der wird wohl frühestens am Samstag gelesen werden, also hoffe ich, dass Ihr gut im Wochenende gelandet seid ;-)

Donnerstag, 29. November 2018

bewusstseinsverändernd


Das könnte wieder so ein Artikel werden, mit dem ich mich aus dem Fenster lehne. Vom Typ "Darüber kannst du doch nicht öffentlich schreiben!" - einer dieser Beiträge, die gerne mal wohlmeinende Ratschläge von Kollegen nach sich ziehen.

Ich bin sehr neugierig. Das wird mir zur Zeit besonders dadurch bewusst, dass ich Videospiele meistens nur noch ein Mal spiele. Früher war das anders, und ich weiß nicht, wie oft ich Secret of Mana schon gespielt habe. Mittlerweile brauche ich Neues. Ich möchte neue Welten entdecken, neue Monster plattmachen, neue Gruselgeschichten erleben.

Einen vorläufigen Höhepunkt hatte meine Neugier im Studium, als ich mich dafür interessiert habe, die verborgenen Ecken meines Geistes kennenzulernen. Über psychedelische Substanzen habe ich schon einmal geschrieben. Ich wollte im Studium mehr kennenlernen... die Neugier hat sich nicht davon abhalten lassen, mich mit Psychedelika flirten zu lassen. Natürlich immer nach dem Konzept der Drogenmündigkeit.

Ich habe viele Türen in meinem Kopf geöffnet und viele bereichernde Erfahrungen gesammelt. Irgendwann kam dann allerdings der Wunsch, wieder in geraden Linien zu denken, einen Alltag zu haben, bei den gewohnten Denkmustern zu bleiben. Dazu kommt dann die berufliche Situation, von einer Schule zur anderen, da war ich einfach nicht mehr bereit für so ein Abenteuer. Das Mindset muss stimmen.

Ich wurde heute daran erinnert, durch einen Film, der sich um einen Wissenschaftler dreht, der nicht nur bewusstseinsveränderte Zustände im Kopf erleben möchte, sondern einen Hinweis darauf bekommt, dass diese Veränderungen auch außerhalb des Gehirns auftauchen können. Wenngleich ich diese "Externalisierung" der Gedanken recht albern fand, so hat der Film doch einen recht authentischen Blick geworfen auf eine Zeit nach den Sechzigern - man war offen für alles, Sex, Drogen, Liebe, naja, Ihr kennt das ja.

Abgesehen von meinen kleinen Meckereien fand ich den Film wirklich gut, ich habe mich intensiv an diese Phase im Studium erinnert gefühlt. Es handelt sich um Altered States (1981), der in Deutschland den völlig bescheuerten Titel Der Höllentrip bekommen hat, muss wohl der Versuch gewesen sein, möglichst viele Jugendliche an die Kinokassen zu locken. Es ist schwierig, den Film in einem einzelnen Gernre zu verorten - ich würde sagen, dass Science Fiction am besten passt.

Wer also eine Idee bekommen möchte, was man mit Psychedelika erleben kann, sollte sich das einmal anschauen. Idealerweise mit Surroundsound, das lohnt sich bei dem Effekt-Feuerwerk. Und ich? Ich muss zugeben, dass der Film die Neugier in mir wieder ein bisschen weckt. Allerdings habe ich nicht vor, Illegales zu tun - und da viele psychedelischen Substanzen dem BtmG unterstellt sind, ist das außer Reichweite.

Aber ich bleibe neugierig!

Mittwoch, 28. November 2018

Bürokratiergehege 5: Du niemals Teig

So ein charmanter junger Mann... in der unteren Hälfte. Des Textes!

Ich habe mich in diesem Blog schon mehrfach über den deutschen Wahn nach Bürokratie ausgelassen, zum Beispiel im Beitrag über das Bürokratiergehege. Es ging dabei in der Regel um meine Erlebnisse mit dem Arbeitsamt, Arbeitgeber, Vermieter, Kirchenbüro, Finanzamt, alles, was mit Papierkram zu tun hat, den ich hasse; kein Wunder also, dass ich immer auf der unbürokratischen Seite stand.

Bis heute, und deswegen steht da auch du niemals teig, was die große Buba sofort entschlüsseln kann. Ja, es scheint tatsächlich anders zu kommen, als man denkt, denn jetzt stehe ich auf der Seite der Bürokratie und muss Schüler darin ausbilden, vernünftige, formal richtige Geschäftsbriefe zu schreiben. Sie lernen, dass sie ihren Namen im Absenderfeld nicht schreiben dürfen, sondern nur unter dem Brieftext, und andere Kleinigkeiten, die eine Wirtschaft eben so einfordert, die auf Aussehen, Wirkung und Effizienz bedacht ist.

Das ist nicht ganz vereinbar mit dem Lehrer, der ich einst war, der sich über jede Schülerleistung gefreut hat - und deswegen vermutlich hier und da auch zu gute Noten gegeben hat. Wird Zeit, dass ich etwas härter durchgreife - ausgerechnet bei Schülern, von denen man denkt, dass man sie nicht mehr wie Kleinkinder behandeln muss.

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Norman Bates fand ich schon neunzehnhundertsechzig süß, als er seinen großen Auftritt in Alfred Hitchcocks Psycho hatte. Bisschen verpeilt, schüchtern, quirky, irgendwie einfach niedlich. Scheinbar so sehr, dass ich mich zur Zeit einer "neuen" Fernsehserie zuwende - Bates Motel.

Dabei bin ich doch eigentlich gar nicht der Typ für Serien. Bingewatching? Nie von gehört! Okay, vielleicht habe ich sechs Staffeln Xena - Warrior Princess gebingt. Und elf Staffeln The X-Files, und meinetwegen auch noch drei Staffeln Twin Peaks. Und drei Staffeln Ash vs. Evil Dead. Und diverse Zeichentrickserien. Und... ach, scheiß drauf, ja okay, wenn ich mich erst einmal für eine Serie begeistern kann, kann ich damit gar nicht aufhören.

Und so habe ich nun angefangen, mich durch fünf Staffeln Bates Motel zu arbeiten, um einen Blick auf Norman Bates' Jugend zu werfen, und das... faszinierende Verhältnis zu seiner Mutter.

Irgendwas muss es sein, was mich an schrägen Charakteren fesselt. Vielleicht ja auch der "Trost", dass ich mich dann damit nicht so allein fühle.

Oh, und wer die Serie kennt: Bloß nichts spoilern! Erst wenn ich komplett durch bin, also ein, zwei Tage könnte das noch dauern ;-)

Samstag, 24. November 2018

Dresscode

Kompromiss?

Bin ich ein Kaufmann? Bin ich ein Lehrer?

Ich werde konfrontiert mit der Tatsache, dass in der Wirtschaftswelt Oberflächlichkeiten zählen. Meine Aufgabe ist es, jungen Erwachsenen klar zu machen, dass ihr äußeres Erscheinungsbild in der Welt der Wirtschaft wesentlich mehr zählt als ihre tatsächlichen Begabungen. Ich muss ihnen klar machen: Wenn ihr so auftretet wie ich, könnt ihr euch eine Einstellung abschminken.

"Naja, aber sie sind ja auch irgendwie an der Schule eingestellt worden." Richtig, und langsam kommt die Frage auf, warum das so ist. Sicherlich haben wir im Rahmen des Auswahlgesprächs auch über den Punkt "Outfit" gesprochen. Darüber, dass Menschen Angst haben, dass ich mit den schwarzen Shirts mit Motiven von Totenköpfen o.ä. vielleicht eine subversive Botschaft vermitteln will. Eine, die den Schülern oder den Geldgebern/"Zulieferern von Schülern" da draußen signalisiert, dass diese Schule schlecht sein könnte.

Ich bedauere es ein bisschen, dass die Auskunft über eine Lehrkraft, die dienstliche Beurteilungen und/oder ein Lebenslauf mit sich bringen können, unter Umständen weniger zählen als das Erscheinungsbild. Ich habe ernsthafte Probleme, mich mit dieser Oberflächlichkeit zu arrangieren. Allerdings verstehe ich auch, wie es zu diesem Denken kommt, und ich brauche momentan einfach Zeit, um darüber nachzudenken.

Ich habe in den vergangenen sieben Jahren mein Outfit gern als case in point benutzt für Schüler, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen mehr sind als die Vorurteile, die wir ihnen aufgrund ihrer Kleidung entgegen bringen. Zumindest war das eine Rückmeldung, die ich immer wieder bekommen habe: Never judge a book by it's cover  - aber das kann ich hier, an der Berufsschule, in der Abteilung Wirtschaft nicht vermitteln, denn ich muss diesen jungen Menschen beibringen, dass das Erscheinungsbild verdammt wichtig ist. Hier gibt es einen clash zwischen Lehrer und Geschäftsmann.

Und ich brauche einfach mehr Zeit, um zu überlegen, was mir wichtig ist, was es für mögliche Kompromisse gibt und ob ich mit der Oberflächlichkeit klarkommen kann. Für diese Berufsschule ist der junge Kollege in dieser Art ein novum, und man muss abwarten - ausprobieren, ob das möglich ist. Ich bin allerdings sehr dankbar dafür, dass man mir diese Chance überhaupt eingeräumt hat.

Warten wir erstmal das Planstellenzuweisungsverfahren (PZV) ab, das könnte die Frage bereits ohne viel Diskussionsmöglichkeiten klären.

Donnerstag, 22. November 2018

Kreative Kaufleute


Ich lerne Vieles aus dem Wirtschaftswesen - zum Beispiel, wie man Werbeanzeigen gestalten sollte. Ganz ohne Rahmenbedingungen durften meine Leutchen ihre erste Anzeige gestalten, und eine hat mir direkt aus der Seele gesprochen. Wer das oben auf dem Bild nicht lesen kann:

Why fall in love when you can fall in your King's Bed?

(und dazu der etwas bedröppelt dreinschauende Mann ^^)

Montag, 19. November 2018

Dauert alles so lange...

Ich werde die Kirche einfach nicht los...

Heute ein Beitrag, der eine Art Beichte darstellt, oder auch einfach nur eine Weiterführung des Artikels liegengelassen. Und diesmal hat es definitiv mit Hochbegabung zu tun - auch wenn wiederum Andere sich in diesen Zeilen werden wiedererkennen können.

Als HB ist man es gewohnt, dass Aufgaben schnell erledigt werden können. Kopfrechenaufgaben, Logikprobleme. Klassenarbeitskorrekturen, da fliegt man so durch. Manche können unglaublich schnell die Tonart eines einzigen Tons bestimmen (absolutes Gehör). Jedenfalls fühlt es sich für mich so an, dass das alles ganz schnell gehen kann: Für einen Satz Klassenarbeiten Englisch Sek I brauchte ich im Schnitt fünfundvierzig Minuten; für die Arbeiten in der Berufsschule - Oberstufe - brauche ich nun doch zwei bis drei Stunden. Unterrichtsplanungen gehen ganz rasant neben Abwasch und Staubsaugen. Aufschreiben muss ich nichts, denn ich habe es ja im Kopf - ich weiß, das klingt unglaublich arrogant, und trotzdem habe ich jeden Tag einen kleinen Notizzettel mit den Stichpunkten zum Ablauf meiner Stunden mit mir. Aber vielleicht würde es auch ohne gehen. Das ist wie mit den HB-Mathematikern, die zu faul sind, den ganzen Rechenweg aufzuschreiben, sondern einfach das Ergebnis hinpappen und fertig. Wozu soll man sich die ganze Arbeit machen? Mathelehrer werden diese Erfahrungen mit ihren HB-Schülern in ausreichendem Maße machen.

Faul. Denn das sind lästige Arbeiten, ich genieße keine Korrekturen - es sei denn, es sind "offenbarende" Textproduktionen, freie, kreative Schreibarbeiten, die mir Aufschluss über die Schüler geben können (Gedankenreisen auf Englisch niederzuschreiben ist eine wunderbare Kombination aus Lernstandserhebung Sprachfertigkeit und Hinweisen auf das Wesen eines Schülers, in manchen Fällen).

Auch im Studium habe ich für Latein keinen Handschlag mehr als nötig gemacht. Klingt fies, ist einfach so. Daran lässt sich für einen Hochbegabten das eigene Interessenspektrum erkennen: Wofür ist er bereit, seine wertvolle Denkzeit zu verwenden? Postmoderne amerikanische Literatur, Generation X, das waren so Dinge, die mich interessiert haben. Oder die Seminare Släsch Hausarbeiten bei Jay. Darin konnte ich mich stundenlang versenken.

Heute kann ich mich stundenlang in gute Filme versenken, in immersive Videospiele, in Logikrätsel. Nicht lange versenken kann ich mich in Wäscheaufhängen, Steuererklärungen, Staubsaugen, Blogartikel schreiben (manchmal, wenn ich nicht in Stimmung bin). Dauert alles so lange, dass ich lieber gar nicht erst anfangen will. Und wie der Kühlschrank Ellen Burstyn in Reqiuem For A Dream (2000) bedroht, wird die unerledigte Arbeit mit jedem Tag Wartezeit größer, fieser und böser und meine Abneigung, sie endlich zu erledigen, steigt immer mehr. Beispiel gefällig?

Ich bin vor einer gefühlten Ewigkeit aus der Kirche ausgetreten. Vierzehn Monate, um genau zu sein. Im Februar diesen Jahres habe ich dann einmal im Finanzverwaltungsamt (FVA) angerufen, weil ich fortlaufend weiter Kirchensteuer bezahlte. Von dort hat man mich an's Finanzamt verwiesen, dort hieß es dann "Jaja, wir sind mal wieder die Schuldigen, nix da, das haben die im FVA versaut." Das ist mir so auf die Nerven gegangen, dass ich das erstmal bis zu den Ferien liegenlassen wollte. Tja. Osterferien. Sommerferien, Schulwechsel, viel zu aufwühlend. Herbstferien, viel zu viel Chaos im Kopf. Und das dauert ja alles so lange!

Heute habe ich endlich mal die Sache in's Rollen gebracht; offensichtlich muss ich irgendwas an meinen Verhaltensmustern ändern, und Dinge sofort erledigen, damit sie sich nicht in psychologische Monster-Kühlschränke verwandeln. Ja, diese Sachen dauern, kosten Zeit, sind nervig. Aber vom Nichtmachen verschwinden sie nicht. Und wenn ich sie gemacht habe, und wenn es Zeit gedauert hat, dann bin ich wenigstens froh, dass da nicht mehr der Kühlschrank in der Ecke steht. Fein, Last liegt nicht mehr auf meinen Schultern.

Auf an die PS4! :-P

post scriptum, weil das gerade passt:  Weil das Kopfrechnen so schnell geht, ist es für mich ein herrlicher Spaß, während ich beim Einkaufen die Artikel auf das Kassenband lege (oder schon beim Besorgen), die genaue Summe auszurechnen und mit Kleingeld abzuzählen. Dann sagt die Kassiererin (lang lebe Rollenverteilung) "Sechs siebenundfün..." und noch bevor sie zu Ende gesprochen hat, drücke ich ihr passend € 6,57 in die Hand. Das gibt dann ein verwundertes Gesicht, ich sage "Bon brauche ich nicht, schönen Tag noch!" und gehe. Das macht Spaß!

(wie armselig :D )

Sonntag, 18. November 2018

Angst vor dem Rampenlicht

Schüchtern, Arme hinter dem Körper verschränkt, Angst - ja, so war ich mal.

prae scripto: Das wird jetzt wieder wie ein Ich-bin-so-geil-Artikel klingen, aber genau genommen geht es mir um Pädagogik - darum, wie wir mit (zumindest einigen) Schülern umgehen können, die im Unterricht "klein und unauffällig" sind. Wer den persönlichen Scheiß überspringen und gleich zur schulischen Anwendung gehen möchte, soll einfach zur Linie herunterscrollen.

Flamboyant - dieser Begriff wird gern für ein Verhalten benutzt, was all over the place ist. Wenn jemand die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, eine Ausstrahlung hat, der man kaum ausweichen kann, ob man das nun möchte oder nicht. So ein Mensch kann sehr unterhaltsam sein - er kann aber auch unglaublich nervig sein. Ich kann unglaublich nervig sein, damals wie heute, und darüber hatte ich einmal in einem Saturnalien-Beitrag hier im Blog geschrieben. Das hat mir damals auch Er erzählt, als Er neu zur Saturnaliengruppe gestoßen war. Nicht das Nervige, sondern das mit dem Im-Mittelpunkt-Stehen. Und wenn ich mir die Saturnalienaufführungen aus meinen letzten Jahren in der Gruppe anschaue, ist es mir fast unangenehm, wie präsent ich auf der Bühne war. Nicht fast. Es ist mir unangenehm - dass ich zu einer solchen Rampensau geworden bin.

Das war nicht immer so; ich habe mir gerade die erste Saturnalienvorführung angeschaut, bei der ich selbst auf der Bühne stand. Vor fast genau vierzehn Jahren. Bei Sketchen in der Gruppe mitzuspielen, okay, das ging noch, habe ich dann gemacht, weil die Anderen meinten, dass ich einen unserer Dozenten recht treffend auf die Bühne brächte. Und um selbst kreativ zu sein, habe ich auch einen Sketch und einen Song für die Aufführung geschrieben. Den Sketch aus meinen Erfahrungen in den Lateinischen Stilübungen I heraus, und den Song aus der Lateinischen Metrik bei Prof. Dr. Jan Radicke.

Ich wollte den Song nicht singen. Auf keinen Fall. Ich hatte ihn nur geschrieben, weil er mir aus der Seele gesprochen hat. Weil Radi im Seminar jede einzelne Woche mich dran genommen hat, um das jeweils neue Metrum vorzustellen, und ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte, dass ich das verdient hatte. Kopftuch? Sandalen im Winter? Nee, oder?

Und so habe ich den Song auf Grönemeyers Was soll das? umgedichtet. Einfach meinen Frust loswerden, mit dem Gedanken, gut so, wenn die anderen das im Chor singen, dann wird nicht so ganz direkt deutlich, dass das von mir stammt. Und ich kann eh' nicht singen. Ich möchte nicht allein auf die Bühne. Auf gar keinen Fall! Und so habe ich den Song zu einem Saturnalientreffen mitgebracht, und er scheint auf positive Resonanz gestoßen zu sein, aber ich habe gleich gesagt: "Überlegt euch, wer das von euch singen möchte. Ich kann nicht singen, ich will das nicht."

Und so blieb der Song mehrere Wochen fest im geplanten Programm - aber ohne Besetzung. Und immer wieder bei den Treffen sind andere Saturnalier auf mich zugekommen und meinten, ich solle das machen, das sei echt witzig. Und Ich? Hab' gedacht, sie verarschen mich. So wie mich auch in der Schule in der Mittelstufe immer alle verarscht haben, denn irgendwie konnte ich nichts richtig. Zumindest nicht singen, deswegen war ich beim Schulmusical auch immer "nur" Teil der Band. Und trotzdem habe ich den Song zuhause immer wieder gesungen, weil er Spaß gemacht hat, und weil er mir eben doch aus der Seele gesprochen hat. Auch wenn die Töne schief und krumm waren; ich wohnte damals in den Kronshagener Bergen im fünfzehnten Stock, und außer Conny musste niemand mein Gekreische ertragen.

Ich hatte richtige Angst davor, allein auf der Bühne zu stehen, im Rampenlicht, und vor Leuten irgendwas zu machen, was ich nicht kann, die Töne nicht zu treffen, meinen Text zu vergessen.

Und trotzdem haben unser Pianist und ich uns dann regelmäßig bei den Probentreffen zusammengesetzt und haben das geübt. Haben versucht, eine passende Tonart zu finden, und er hat mir immer wieder Mut gemacht, immer wieder gesagt, dass das echt witzig ist. Und dann, bei den Hauptproben, haben auch die Anderen das zu mir gesagt, und ich habe mir gedacht, hey, ihr lügt mich doch jetzt nicht alle zusammen an, oder? Aber es gab kein Zurück mehr: Der Song war fest im Programm verankert, in der zweiten Hälfte des Programms, und ich hatte panische Angst vor der Aufführung. Ich war heilfroh, dass ich vorher im Rahmen zweier Sketche mit vielen anderen Studenten auf der Bühne stand und schonmal das Rampenlicht "einatmen" konnte, und es waren so tolle andere Lieder vor mir dran, ein wunderbarer Choral und Sashs zauberhafte Version von Durch die Nacht - das ich mir jahrelang immer wieder angehört habe, weil sie eine tolle Stimme hat, und es für mich einer der besten Examenssongs war, die ich in meinen Saturnalienjahren hören durfte. Aber dann war es irgendwann soweit. Ich, spindeldürr, Akne, schlabberige Körperhaltung, komisches Outfit, allein auf der Bühne mit Town rechts von mir, der die richtigen Töne anstimmte. Kein Zurück mehr, Augen zu - oder besser auf - und durch.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Gefühl während des Songs war. Das Einzige, was mir bleibt, ist die Videoaufnahme des Songs, auf der man, glaube ich, nicht merkt, wieviel Angst ich dabei hatte. Aber man merkt, dass der Song gut angekommen ist, und dieses Erlebnis, diese Reaktionen haben mir geholfen, das Eis zu brechen und die Bühne tatsächlich für mich zu entdecken.

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Warum ich hier davon erzähle: Ich habe auch unter den jungen Erwachsenen, die ich jetzt unterrichte, Schüler, die Einiges draufhaben, die sich aber nicht trauen, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Ich dachte, das tritt nur in der Mittelstufe auf, aber hey, es scheint offensichtlich bis in's Studium hinein zu reichen. Und ich versuche, jegliche kleine positive Beteiligung dieser Schüler mit einem persönlichen, Mut machenden Feedback zu versehen - so wie Town mich damals ermutigt hat, diesen einen Song auf die Bühne zu bringen. Es braucht jemanden, der an Dich glaubt, um diese Barriere zu durchbrechen, und wir Lehrer sind, meine ich, prädestiniert für diese Rolle.

Ich habe einmal gelesen, dass manche Lehrer sich zu sehr darauf konzentrieren, den Schülern aufzuzeigen, was an ihrer Antwort falsch ist. Manchmal werden Klassenarbeiten nur konzipiert, um herauszufinden, was die Schüler alles nicht können. Ich versuche immer wieder, mich an Grönemeyer zu erinnern, damit mir das nicht auch passiert.

post scriptum: Sandro Boldrinis "Metrik und Prosodie der Römer" steht immer noch in meinem Regal, und den Songtext werde ich auch nach vierzehn Jahren nicht mehr los...

Was soll das?

Boldrini hat mich lang´ gequält,
ist Metrik alles, was hier zählt? Was soll das? Was soll das?
Der Dienstagabend mir versaut,
wenn Radi auf die Pauke haut, was soll das? Was soll das?
Die altrömische Prosodie,
die int´ressierte mich noch nie, was soll das? Uh, was soll´s?

Hexameter mit Daktylus,
das lern´ wir jetzt im Überfluss, was soll das? Was soll das?
Mit trochäischem Septenar
Kommen wir hier nicht wirklich klar, was soll das? Was soll das?
Der Plautus hat es ausgeheckt
Und wir, wir stecken tief im Dreck, was soll das? Uh, was soll´s?

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum hat er mich nicht einmal nur verschont?
Dass des Plautus cantica ein rotes Tuch für mich war´n,
das weiß er genau, doch in sein´ Augen blitzt es auf
und diabolisch - uuuhhhh... nimmt er mich wieder dran.

Vor´m Lesen wird mir übel schon,
doch Radi grinst auf seinem Thron, was soll das? Was soll das?
Erklärt´s mir dann mit Müh und Not,
mein Kopf, der raucht schon wie ein Schlot, was soll das? Was soll das?
Alles Primitivtheorien,
doch ich kann sie nicht nachvollzieh´n, was soll das? Uh, was soll´s?

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum sieht er es nicht endlich einmal ein?
Die Metrik passt nicht mehr rein, dazu ist mein Kopf viel zu klein,
der platzt eh´ schon bald, doch das lässt den Radi kalt,
und dämonisch - uuuhhh... würgt er mir wieder eins rein!

Ich glotz´ mit meiner Unschuldsmiene, denk´ dass ich eine 1 verdiene,
doch es stellt sich dann anders raus!
Der Radi hat ganz and´re Pläne, oh, wie ich mich nach Hause sehne!
Doch bevor ich die Ohren schließ´, hab´ ich die 6, wie mies!

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum hat er mich nicht wenigstens gewarnt?
Dass ich hier was vortragen muss, ich dachte, mit Metrik wär´ Schluss!?
Hätt´ mich zwar gefreut, wahrscheinlich hätt´ ich´s doch bereut,
denn die Metrik, hhmmm... die ist ja schließlich ein Muss.

Samstag, 17. November 2018

Manipulativ

Und wo bist Du?

Es hat eine kleine Weile gedauert, bis ich realisiert habe, dass Jake Gyllenhaals Hauptfigur in Nightcrawler (2014) hochbegabt ist. Ab jenem Moment konnte ich mich wunderbar mit ihm identifizieren, und es geht hier gar nicht um eine Filmbesprechung, sondern um eine Eigenschaft, die Hochbegabte besitzen, auch wenn sie nicht immer Gebrauch davon machen (aber selbstverständlich werde ich diesen Beitrag und Film im Artikel Hochbegabung im Film verlinken). Sie können ihre gesamte Umwelt manipulieren, sie können Menschen dazu bringen, genau das zu tun, was der HB sich gerade überlegt hat. Einzige Ausnahme ist die Interaktion mit anderen Hochbegabten, merke: Leg' Dich nie mit einem Hochbegabten an, der sich seines Potentials bewusst ist.

Der Charakter im Film nutzt sein intellektuelles Potential voll aus, um etwas zu erreichen, was fast undenkbar wäre - oder zumindest sehr kompliziert. Als Hochbegabter macht man in seinem Leben nun mal die Erfahrung, dass alles irgendwie klappt. Meine Mutter hat, wenn Probleme anstanden, immer wieder zu mir gesagt: "Du machst das schon, du hast immer alles irgendwie geschafft." (Welche Konsequenzen das hatte, habe ich in diesem Beitrag beschrieben)

Und auch ich hatte mir vor ein paar Jahren etwas vorgenommen, was eigentlich kaum machbar ist. Als Herausforderung, als zu erklimmenden Berg. Ich habe es aus Faulheit nicht durchgezogen, und ich werde einen Teufel tun und hier schreiben, was mein Vorhaben war.

Im Film driftet ein Mann mit dem Namen Lou durch die Nächte. Arbeitslos, hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Immer wieder der Versuch, eine Arbeit zu finden, die zu ihm passt. Mir ging es ähnlich, Hauptunterschied ist, dass ich vor einiger Zeit beschlossen habe, das Gesetz nicht zu brechen - es fühlt sich einfach besser an. Ich hatte im Studium nie in Frage gestellt, dass ich Lehrer für Latein und Englisch werden will. Warum? Ich konnte damals noch nicht so gut auf mein Herz hören.

Der erste Mensch, der mir das in's Gesicht gesagt hat, war Thekla, Schulsozialpädagogin in St.Peter-Ording. Als Reaktion auf meine Erkenntnis, dass ich die Arbeit an der Gemeinschaftsschule viel lieber mochte als am Gymnasium. Dann habe ich angefangen, in mich hinein zu hören, um herauszufinden, was ich möchte. Durch dieses Hinterfragen bin ich nun an der Berufsschule gelandet - wäre damals im Abitur für mich undenkbar gewesen.

Na super, jetzt bin ich komplett abgedriftet. Eigentlich wollte ich doch herausstreichen, wie leicht es Hochbegabten fallen kann, ihre Mitmenschen zu manipulieren. Ich tue das auch, manchmal unbewusst. Manchmal bewusst, wenn zum Beispiel die große Buba zu Besuch kommt - da achte ich immer drauf, was auf dem Couchtisch liegt. DVD-Hüllen, vielleicht ein Buch, weil ich mir vorstelle, dass dadurch ihr Interesse daran eher geweckt werden kann als durch direkte Empfehlungen. Wir haben über dieses Thema gesprochen, und DGB meinte damals zu mir, dass ihr der Gedanke missfalle, ich würde sie manipulieren. Ich verstehe das: Wer ist sich gern dessen bewusst, dass es nicht seine eigenen Gedanken sind, die er denkt?

Ich fand das sehr interessant, weil ich in Konsequenz des Gesprächs überlegt habe, wozu ich diese manipulativen Fähigkeiten benutze, und ich habe mir vorgenommen, das so wenig wie möglich zu nutzen, und wenn, dann nur, damit mein Gegenüber einen positiven Effekt dadurch hat. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es da draußen hochintelligente, eiskalte (manchmal ist diese Sachlichkeit erschreckend, und man fragt sich, ob Hochbegabte fähig zu Emotionen sind - ich ja, anders könnte ich mir nicht erklären, dass Er da draußen ist, und dass ich ihn liebe) Menschen gibt, die ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind - so wie Lou in Nightcrawler.

Und damit hätten wir einen Rundschluss. Ich werde auch weiterhin versuchen, niemanden so zu manipulieren, dass er einen Schaden davon hat (aber ich manipuliere natürlich trotzdem, dafür macht es viel zu viel Spaß).

Freitag, 16. November 2018

Wirklich originell

Das trifft die Atmosphäre

Die Schulwoche ist zuende und sicherlich gäbe es auch nach der Typisierungsaktion vom Mittwoch noch nette kleine Geschichtchen zu erzählen - allerdings drängt es mich heute zu einem anderen Beitrag. Ich habe neulich im Artikel über Abwechslung ein paar Filme erwähnt, die ich wieder und wieder schauen kann, ohne dass mir langweilig wird. Ich habe jeden dieser Filme zum entsprechenden Beitrag in diesem Blog verlinkt, mit einer Ausnahme: Der allererste Film dieser Aufzählung, Dark City (1998), hatte noch keinen Beitrag. Eigentlich kann ich nicht verstehen, warum das so ist, denn der hat mich vom ersten Ansehen an umgehauen. Uneigentlich kann ich es doch verstehen, weil ich warten wollte, bis mir ein wirklich guter Text dazu einfällt. Nun habe ich ihn mir gestern Abend wieder angeschaut und kann einfach nicht länger abwarten, sondern muss hier ein paar Worte verlieren.

Und dabei ist beim ersten Ansehen damals eigentlich alles suboptimal gelaufen. Ich war über Roger Eberts Great Movies auf den Titel gekommen und habe Amazon prime danach gesucht - und tatsächlich eine Version gefunden. Okay, nur SD statt HD. Okay, nur in deutscher Sprache. Okay, mit viel zu dunklem Bild - was mich aber wiederum nicht gestört hat, denn angesichts des Filmtitels dachte ich, dass das so gehört.

Und dann wird es dunkel, ein dunkler Nachthimmel, und aus dem Himmel sinkt die Kamera abwärts, in eine scheinbar zeitlose Stadt: futuristische Konstruktionen finden sich hier ebenso wieder wie Einrichtungen aus den Dreißigern - und das finde ich großartig, denn ich konnte mich in dieser Stadt gleichzeitig wiederfinden und trotzdem spüren, wieviel Fantasie in die Ausgestaltung gesteckt wurde. Ein Mann kommt auf die Kamera zu, lächelt sinister, trägt einen Trenchcoat und einen Fedora. Er holt eine altmodische Taschenuhr hervor, die Zeiger nähern sich Mitternacht. Blick auf die Stadt, ohne Verzögerung setzt das musikalische Hauptthema des Films ein und zeigt uns zu bombastischer, sinistrer Musik überfüllte Straßen, Hochbahn, volle Cafés, Kinos, zahlreiche Menschen auf der Straße. Blick zurück auf die Taschenuhr: Es schlägt Mitternacht, und plötzlich steht die gesamte Stadt still. Die Autos und Bahnen halten an Ort und Stelle an, Fahrer schlafen ein, Menschen auf der Straße legen sich hin. Totenstille kehrt ein, nur die jetzt ominöse Musik fährt fort - und der Mann mit der Taschenuhr scheint nicht von der "Lähmung" betroffen zu sein. Er lächelt, steckt die Uhr ein und geht hinkend davon. Fade to Black, und im Zwielicht schimmert der Titel über den Bildschirm: Dark City.

Diese Eröffnungsszene dauert nicht einmal drei Minuten, wir werden sofort in die Handlung geworfen, in ein seltsames Phänomen, das um Mitternacht eintritt. Und in diesem Stil wird der Film voranschreiten: Pausen zur Erholung gibt es nicht - das soll aber nicht auf übermäßige Action hinweisen, ganz im Gegenteil, es ist beängstigend ruhig und friedlich. Durch den fast ununterbrochen dräuenden Soundtrack wird eine beklemmende Atmosphäre aufgebaut, und die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt (klingt komplizierter, als es ist): Der Mann mit dem Filzhut, der einiges zu wissen scheint, ein Inspector, der eine Mordserie an Prostituierten lösen soll, seltsame große, in schwarz gekleidete Männer, und nicht zuletzt: aus der Sicht des Mörders, der völlig unvermittelt während der ersten "Stadtlähmung" aufwacht und sich an nichts erinnern kann. Wo ist er? Wer ist er? Und warum sind so viele Menschen hinter ihm her?

Seine Suche nach Antworten auf diese Fragen ist Dreh- und Angelpunkt des Filmes, der ein ordentliches Erzähltempo vorlegt - so dass nach gut achtzig Minuten der Höhepunkt erreicht wird. Und in dieser kurzen Zeit wirft der Film unglaublich viele Fragen im Kopf des Zuschauers auf, verlangt Aufmerksamkeit, behandelt die Zuschauer wie intelligente Wesen - und ist ein kleines audiovisuelles Kunstwerk (was Roger Ebert in seinen Rezensionen besser erläutert, als ich das könnte). Die künstlerischen Einflüsse sind vielfältig - Gemälde von Edward Hopper, alte Filme wie Metropolis (1927), Nachtclubmusik - und all' das fällt letztlich zusammen in einem Film, der sich als science-fiction film noir einordnen lässt. Noir war Eberts Lieblingsgenre, ich muss mich dafür erst noch begeistern, aber ich liebe SciFi und ich habe diesen Film verschlungen.

Ich möchte auf keinen Fall spoilern, weil der Film in eine andere Richtung gehen wird, als man vielleicht denkt. Einen Hinweis möchte ich aber unbedingt loswerden: Wer sich Dark City anschauen möchte, sollte den Ton am Anfang abschalten - so lange, bis die Taschenuhr in Großaufnahme gezeigt wird. Die Filmstudios hatten Angst, dass das Massenpublikum den Film nicht verstehen würde, und deshalb eine erzählerische Exposition über die ersten dreißig Sekunden gelegt, die alles vorwegnimmt. Ich finde das sehr schade (und im Director's Cut wurde diese Erzählung gestrichen).

Ich habe den Film mit der großen Buba geschaut, die ebenfalls begeistert war (hat mich gefreut) und den Film nun auch ihren Schülern zeigt oder empfiehlt - jedesmal ebenfalls ohne Ton ganz am Anfang. Da hat jemand eine sehr präzise Vision davon gehabt, wie der Film aussehen sollte. Und falls sich jemand fragt, wie es zum Titel des Beitrags kommt, der kann im PPS eine Erklärung lesen - aber SPOILERWARNUNG, denn dort werden wichtige Informationen aus dem Film verraten.

post scriptum: Der heutige Film war "Moon" (2009), eine tolle Kombination aus Erkenntnis- und Science Fiction-Film. Passt wegen des Erkenntnis-Aspekts sogar zum heutigen Beitrag. Ich kann den Film weiterempfehlen; Hauptdarsteller Sam Rockwell hat endlich für "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" den Oscar erhalten, aber auch schon bei Moon habe ich ihm abgekauft, dass er drei Jahre lang allein auf dem Mond gearbeitet hat. Erinnert an "The Martian" (2015), aber Moon ist psychologischer, und das liebe ich.

paulo post scriptum: "Dark City" ist deswegen wirklich originell, weil es die Idee von "konstruierter Realität" und "shape your reality" und "der Eine" bereits ein Jahr vor dem Film dargestellt hat, der damals unglaublich gehyped und als bahnbrechend bezeichnet wurde: "The Matrix" (1999) - kein schlechter Film, aber Dark City war vorher da und geht noch einen Schritt weiter. ;-)

Mittwoch, 14. November 2018

DEH-KAH-EMM-WTF?!

Vielleicht haben sie heute an unserer Schule ihren Helden gefunden.

Heute hat an unserer Schule eine Typisierungsaktion der DKMS stattgefunden. Gestern und morgen auch; Teilnahme aller Schüler an einem Vortrag verpflichtend, um sich darüber aufklären zu lassen, was das eigentlich bedeutet - und was eigentlich genau gespendet wird, denn obwohl man ja von einer Knochenmarkspende spricht, betrifft die Entnahme aus den Beckenknochen nur etwa zwanzig Prozent aller Fälle. Schön, ich habe wieder dazugelernt.

Und da ich ja immer noch nicht so ganz an das Gute im Menschen glauben kann, hatte ich mir gedacht, naja, die Schüler werden einfach froh sein, dass sie während des Vortrags keinen Unterricht haben. "Höhöhö, Freistunde, was soll das BDSM-Zeugs sein, keine Ahnung."  Und bin doch noch überzeugt worden; eine ganze Reihe Schüler hat sich direkt typisieren und in die Datei aufnehmen lassen - darüber hinaus hat ein Schulteil gestern bereits in deren Cafeteria Spenden gesammelt und konnte heute mehrere Hundert Euro an die junge Dame von der DKMS überreichen (je Typisierung entstehen Kosten von fünfunddreißig Euro, die aber komplett freiwillig von den potentiellen Spendern erbeten werden; gerade Schüler haben nicht unbedingt das dickste Konto).

Hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass sich solche Typisierungsaktionen nicht an jeder Schule mit gewaltiger Beteiligung durchführen lassen - man muss volljährig sein für eine Stammzelltransplantation, und deswegen konnten an der Typisierungsaktion an diesen Tagen nur Schüler teilnehmen, die mindestens siebzehn Jahre alt sind. Trotzdem glaube ich, dass auch bei den jüngeren Schülern ein Eindruck geblieben ist, und das fand ich klasse.

Und erst recht klasse fand ich den Gesichtsausdruck der Schüler, die sich heute in der Unterrichtsstunde später gemeldet haben, auf meine Frage hin, wer sich hat typisieren lassen. Das hatte nichts von "Naja, muss ja, sonst bin ich bestimmt ein Arsch", sondern viel eher etwas von "Ich wäre stolz, wenn ich helfen kann!" - made my day!

Samstag, 10. November 2018

Ein ganz besonderes Kind


Meinen Eltern könnte dieser Beitrag aus der Seele gesprochen sein, aber vielleicht finden sich auch andere Leser hier irgendwo wieder, sei es nun als betroffenes Kind oder betroffener Elternteil. 

Mit nicht einmal zwei Jahren kaut er seinen Eltern ein Ohr ab, ist in der Lage, ganze Sätze zu bilden und kommt kaum zur Ruhe. Mit vier Jahren liest er aus der Tageszeitung vor. Mit sechs Jahren kann man ihn glücklich machen, indem man ihn vor eine Waschmaschine setzt, und er kann dort ununterbrochen fasziniert zuschauen. Sein Interesse für Sprache ist so hoch, dass er versucht, aus jedem ungewöhnlichen visuellen Input ein Wort zu kreieren, und wenn es nur die Architektur einer Autobahnbrücke ist. Sein Klassenlehrer ruft an, um mitzuteilen, dass er seine Hausaufgaben nie macht. Gleichzeitig stört er den Unterricht, ist laut und sein Wunsch, Mitschülern zu helfen, wird als ungewollte Belehrung aufgefasst.

Es geht in diesem Artikel gar nicht um ihn. Wir brauchen ihn quasi als Macguffin, als Auslöser für die Reaktionen seiner Eltern. Die sind nämlich oftmals hilflos. Sie würden ihm gern helfen, oder auch dem Klassenlehrer. Sie haben bereits Zwillinge ein paar Jahre vor ihm großgezogen, sie wissen, wie man sich um ein Kind kümmert und wie es ist, es an die Hand zu nehmen und ihm die Welt zu zeigen. Was aber soll man tun, wenn das Kind schon von sich aus alles erforscht? Wie kann man ihn zu den Hausaufgaben zwingen, wenn sich doch alle einig sind, dass er sie gar nicht braucht? Warum funktionieren die normalen Verhaltensweisen bei ihm nicht? Warum ist er anders als die anderen Kinder? Und im schlimmsten Fall: "Was haben wir falsch gemacht?"

Das muss kein hochbegabtes Kind sein. Es kann auch geistig oder körperlich behindert auf die Welt gekommen sein, oder ein Autist, es kann taub sein oder blind, in irgendeiner Weise anders als alle anderen. Und was ich nun schreibe, ist bloßes Theoretisieren, denn ich bin kein Vater. Was ich aber beobachtet habe, ist, dass Eltern ihr Kind bloß wegen seiner Andersartigkeit nicht weniger lieb haben. Es kann nur manchmal eine ganze Weile dauern, das zu akzeptieren. Und in dieser Weile kann es Versuche geben, das Kind doch irgendwie normal zu bekommen. Sollte mich nicht wundern, wenn die Eltern bei der Geburt eines solchen Kindes das gesamte Kübler-Ross-Modell abklappern. Ich hoffe zumindest, dass sie dann bei der letzten Phase ankommen, das wäre für alle Beteiligten das Beste.

Dann nämlich lieben sie ihr Kind ohne den Wunsch, es müsse doch wie alle anderen Kinder seines Jahrgangs sein. Dann lernen sie, mit ihm umzugehen, indem sie nicht das Kind, sondern ihre eigenen Verhaltensweisen zu ändern versuchen. Das heißt nicht, dass sie keine Enttäuschungen und/oder Zurückweisungen mehr erleben müssen; wie oft kommt es vor, dass meine Eltern mir gern helfen würden, aber ich lasse das nicht zu, weil ich meinen eigenen Plan davon habe, wie Probleme und ihre Lösungen funktionieren?

Es muss unglaublich anstrengend sein, ein entbehrungsreicher Weg, wenn man ein ganz besonderes Kind hat - gleichzeitig kann es aber auch so bereichernd sein, wenn man seine eigenen jahrzehntealten Verhaltensmuster aufbrechen muss und neue Blickwinkel kennenlernt.

Und warum schreibe ich darüber? Weil es in dem gestrigen Film, Jeff Nichols' Midnight Special (2016), genau um ein solches Kind geht. Ich werde nicht spoilern, inwiefern das Kind besonders ist; vielleicht gibt das Schutzbrillen-Foto oben schonmal eine kleine Idee, worum es gehen könnte (aber keine Sorge, die Wahrheit ist wesentlich größer). Das Schöne ist, dass der Film sich nicht ausschließlich auf die Anstrengungen vieler erwachsener Menschen konzentriert, die herauszufinden versuchen, was denn nun genau mit diesem Jungen nicht stimmt; viel interessanter sind die Bemühungen der Eltern, ihr Kind vor dem Zugriff fremder Personen zu schützen.

Nichols scheint ein Händchen für Psychologie und unkonventionelle Erzählweisen zu haben - so hat er sich in Take Shelter (2011, übrigens, wie bei Nichols so oft, auch mit Michael Shannon in einer Hauptrolle - diese Augen! Und Kirsten Dunst als Mutter liefert wieder eine großartige Performance ab) dem Thema Paranoia gewidmet, und erfrischenderweise ohne viele Klischees um Authentizität bemüht. Ich fand Midnight Special ziemlich spannend (ist eben Science Fiction), anspruchsvoll (endlich wieder ein Film ohne stundenlange Expositionsdialoge) und schließlich emotional berührend - und gleichzeitig eine Coming-of-Age-Story des Jungen, um den sich alles dreht. Ein aufregender Blick auf ein Elternpaar, das bei dem Versuch, ihren Sohn zu schützen, wieder zueinander findet (eventuell...).

post scriptum: Ich habe diesen Beitrag heute mittag geschrieben. Im Verlauf des Tages ist mir bewusst geworden, wie stark der Film in meinem Kopf hängen geblieben ist. In solchen Fällen fange ich an, mich zu informieren, und lese Filmkritiker, die überlegen, ob Jeff Nichols der nächste große Geschichtenerzähler unserer Zeit werden kann - so wie Steven Spielberg damals. Mit gerade mal neununddreißig Jahren zeigt er unglaublich viel "Einsicht" in seinen Filmen - und sorgt dafür, dass sie nachwirken. Ich denke, ich werde den Film nachher direkt ein zweites Mal schauen, diesmal auf Englisch. Mag ich eigentlich sowieso lieber, aber ich hatte Angst, dass ich irgendwas Wichtiges nicht mitbekommen könnte, und die Version des Films bei "Amazon prime" hat keine Untertitel.

Liebe Die große Buba, das ist ein Film für uns zwei!

Freitag, 9. November 2018

Variatio kann mich mal!

Random Foto damals aus den Kronshagener Bergen

Schon wieder ist eine Schulwoche um, ganz ohne Beitrag, was an Faulheit liegen kann, oder tatsächlich daran, dass mir derzeit meine Schüler näher an's Herz wachsen und ich tatsächlich meinen Kopf nicht freibekomme - dabei hat es während der Schultage immer wieder schöne Themen gegeben, die auf das "Papier" hätten gebracht werden können.

Einer dieser potentiellen Beiträge wäre am Mittwoch gepostet worden, denn an jenem Tag hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit einem meiner Schüler. Unter anderem kam auch dieser Blog zur Sprache - vielleicht liest EK diesen Beitrag gerade. (Sollte jemand auf die unglaublich originelle Idee kommen, es könnte sich bei EK um Initialen handeln und ein Entschlüsseln nach sich ziehen - habt Ihr nichts Besseres zu tun?) Was mich bei der Blog-Rückmeldung fasziniert hat, war der positive Grundton, ganz ohne Einschränkung: "Was ich ihnen noch sagen wollte: Ich finde ihren Blog gut." Und sofort geht mein Gehirn aus leidvoller Erfahrung an: Gleich kommt die Einschränkung. Das Aber. Gleich bekomme ich einen vor den Bug. Denn gerade bei Schulleitungen und Kollegien kommt es selten positiv an, dass Dr Hilarius einen für Schüler lesbaren Blog führt. Ich kann die Warnungen, die ich in den letzten Jahren bekommen habe, nicht mehr an beiden Händen abzählen. Also ist es kein Wunder, dass ich auf das Aber von EK warte. Doch es kommt nicht: "Nein, wirklich, ich finde es gut, dass sie ganz offen über Themen sprechen..." und so weiter.

Zweifache Reaktion: Dankbarkeit dafür, dass es endlich mal wieder ein uneingeschränkt positives Lob gab; das hat mich tatsächlich so verwirrt, dass ich den Flur auf und ab geschaut habe und nach Worten gesucht, bis EK dann feststellte: "Haben sie damit jetzt nicht gerechnet?" Und ich nutzte die Chance, um ihm zu erklären, was es alles an caveats gibt. Daher also die Dankbarkeit auf der einen Seite, und auf der anderen Seite fasziniert es mich immer wieder, zu erleben, dass Offenheit etwas Besonderes in unserer Welt zu sein scheint. War jedenfalls ein tolles Gespräch, aber ich hatte so vieles im Kopf, dass ich es nicht auf die Reihe bekommen habe, diesen Text am Mittwoch zu posten.

Stattdessen lautet das Thema des heutigen Beitrags Variatio kann mich mal! - eine Verballhornung des lateinischen Sprichworts variatio delectat - Abwechslung erfreut, sozusagen. Weil es ja eintönig sei, immer nur das Gleiche zu hören, zu sagen, zu sehen, zu essen und so weiter. Da mag ja auch etwas dran sein, aber es gibt Situationen, da fühle ich mich wie die goldene Ausnahme zu dieser Regel; Situationen, in denen ich ein- und dasselbe immer und immer wieder machen kann und immer wieder Spaß daran habe. Und ich frage mich, ob das wohl mit der Hochbegabung Släsch Autismus Strich Schnittmenge zu tun hat.

Essen. Natürlich muss ich damit anfangen, whatever. Während ich in letzter Zeit gern auf dem Trip war "Ich möchte erfahren, wie Dinge wirklich schmecken", also gegen Fertiggerichte und Geschmacksverstärker und eine Vielfalt von Lebensmitteln erleben, hat sich das mit dem Schulstress wieder geändert, und somit futtere ich zur Zeit heiße Hunde. Fast ausnahmslos. Korrigiere: Ausnahmslos. Ich kann davon gar nicht genug kriegen, während die Sannitanic jetzt vermutlich fast ihr zweites Kind erbricht, denn sie hasst Ketchup. Zu Recht, wie ich mittlerweile sagen möchte, denn Ketchup ist in der Regel so stark überwürzt, dass darin jegliches Aroma einer Speise ertrinkt.

Irgendwann konnte ich ihre Sichtweise nachvollziehen, und habe zum Beispiel Bratkartoffeln immer pur gegessen. Hackbraten ohne Ketchup. Und das war gar nicht mal so eine schlechte Erfahrung; nun allerdings ersaufen meine heißen Hunde in Senf und Ketchup, und die Röstzwiebeln, die zu achtzig Prozent aus Öl und Mehl bestehen, machen die Sache nicht besser. Und trotzdem kann ich mich jeden Tag wieder darauf stürzen. Es wird nicht langweilig, es wird nicht eintönig.

Filme. Hin und wieder sehe ich einen Film, der mich so sehr begeistert, dass ich ihn innerhalb kürzester Zeit wieder und wieder schauen kann. Das ging so mit Dark City (1998), A Quiet Place (2017), Suspiria (1977), It Follows (2014), Cloud Atlas (2012), Interstellar - selbst wenn es manchmal nur einzelne Szenen sind, derer wegen ich mir das Werk ein weiteres Mal anschaue. Es wird nicht langweilig.

Das ist also etwas... speziell. Und an dieser Stelle breche ich den Beitrag ab, denn morgen soll die Fortsetzung folgen, als Reaktion auf einen wunderbaren Film, der sich mit einem speziellen Kind beschäftigt.

Kommt gut in's Wochenende!

Sonntag, 4. November 2018

Das Gespräch


Neulich habe ich mich in "unserem" Lehrerzimmer (funktioniert ähnlich wie an den Gemeinschaftsschulen mit ihren Stützpunkten) einmal umgeschaut und dabei die Übersicht der Funktionsstellen an meiner Schule überblickt. Mir ist aufgefallen, dass der Posten des Drogenbeauftragten unbesetzt ist, bzw. derzeit in der Hand unserer Sozialpädagogen liegen. Da könnte sich eventuell endlich eine Möglichkeit bilden, meine Expertise in die Schule einzubringen.

Diesen Gedanken habe ich der Schulleitung geschrieben, und es kam postwendend die Antwort, dass wir das einmal in einem Gespräch erörtern könnten, man wolle ohnehin einmal mit mir sprechen. Ich entsinne mich, dass war genau das bei der Einstellung festgehalten hatten: Um die Herbstferien herum machen wir einmal eine Lagebesprechung. Und nun bin ich also dabei, einen Termin abzumachen.

Und ganz langsam schwant es mir, dass das ein sehr wichtiges Gespräch sein könnte. Ich realisiere sowas gern recht langsam, die große Buba merkt solche Sachen schneller, warum nur? In den Meditationen faltet sich ein Panoptikum an Optionen auf. Wenn das klappt, dann möchte ich die Schule richtig kennenlernen. Also richtig. Wozu es für mich auch gehört, einmal einen Vormittag im Sekretariat zu verbringen, um den Alltag aus der Sicht anderer Mitglieder der Schule zu erleben.

Und mir wird bewusst, dass ich einige wichtige Dinge in diesem Gespräch auf's Tapet bringen möchte; ich sollte über alles reden, was schiefgehen kann, bevor ich einen Vertrag unterschreibe, denn ich möchte, dass meine Schulleitung weiß, wen sie sich da in's Boot geholt hat. Meine erste Schulleiterin wusste das nicht, und es hat richtig gekracht. Mein zweiter Schulleiter hat das ganz schnell erkannt, und genau aus diesem Grund dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich nach St.Peter-Ording zu bekommen.

Es mag an der Nordseeschule wunderbar geklappt haben, es passte so gut, dass die olle Areté stolz gewesen wäre. Und dennoch gab es heikle Situationen und unangenehme Gespräche. Ich möchte vorwarnen - und daher hoffe ich, dass ein positiver erster Eindruck von Dr Hilarius entdeckt werden konnte. Die Sannitanic hat mir einmal gesagt: "Fang' nicht schon beim Vorstellungsgespräch mit allen Problemen an, die auftauchen könnten. Lass' deine Arbeit erstmal ein bisschen einwirken." Und das habe ich mir bis heute gemerkt. Ich bin ein polarisierender Lehrer, und deswegen ist es mir wichtig, dass ich am Anfang einen positiven Eindruck hinterlasse und man mich wirklich behalten möchte. Dann kann ich mit den Problemen anfangen.

Früher war das anders, da habe ich in diversen Vorstellungsgesprächen losgelegt, welche Probleme es geben könnte, wenn man mich einstellt, und das hat auch dafür gesorgt, dass man mich abgelehnt hat. Ich mag ein schönes Gutachten mit mir rumtragen, aber glaubt Ihr ernsthaft, dass das jemand liest, bzw. ernst nimmt? Der Eindruck im Vorstellungsgespräch ist viel wichtiger, also habe ich mich da etwas zurückgenommen.

Scheinbar mit Erfolg, und scheinbar hätte ich das schon früher machen sollen, denn dies war das erste Mal, dass man aus einem Kreis von Mitbewerbern mich ausgewählt hat. Aber ich dachte damals eben, hundertprozentige Ehrlichkeit sei toll. Ich denke das noch immer, und deswegen hängt seit ein paar Jahren ein Schild an meiner Wohnungsdecke - aber darüber ein anderes Mal. Ehrlich ja, aber ich muss nicht jedem gleich alles auf die Nase binden. Wenn die Leute mich etwas fragen, dann bekommen sie eine hundertprozentig ehrliche Antwort - und sie sollten vorher überlegen, ob sie das wirklich wollen.

Die Aufregung vor dem Gespräch steigt - aber ebenso auch die Hoffnung auf einen positiven Ausgang, denn es fühlt sich bisher so toll an. Ich mache Fehler, wie bei jedem Schulwechsel, aber meine Hoffnung ist, dass ich mich einlebe und eingewöhne, und dass es dann rund geht.

Mir geht immer mehr das Licht auf, dass dies die Chance sein könnte.

Samstag, 3. November 2018

Auf zu Ikeaaaaaaach du scheiße...


Nur ein Idiot fährt samstags zu IKEA.

Case in point? Ich war dort. Dabei wissen Kieler, dass eine samstägliche Einkaufstour in das gelb-blaue Paradies für die Unter- und Mittelklasse ein wagemutiges Unterfangen ist: Samstag ist der einzige Tag für sehr viele Familien, an dem sie mit Kind und Kegel losziehen können. Kein Job vormittags, keine extra Kinderfürsorge nachmittags, es scheint, als wäre für viele der Samstag der heilige IKEA-Tag. Und so zieht halb Schleswig-Holstein los, um BILLY zu kaufen, und CHOKOKAKA und BETYDLIG und KAGGE (diese Vase ist echt...) und LUSTIFIK (ein Tipp, was man nach dem Aufbauen machen sollte?) und so weiter - sorry, einmal angefangen kann man mit diesen Namen kaum aufhören, und ich sterbe gerade vor Lachen. Ich schreibe nachher weiter.

So, Luft geholt und Einkauf resümiert: Ich habe tatsächlich in den letzten fünfzehn Jahren IKEA noch nie dreizehn Minuten gebraucht, um einen freien Parkplatz zu finden - weil ich bisher so gut wie nie an einem Samstag einkaufen gegangen bin, oder unter der Woche im Berufsverkehr. Heute war die Tiefgarage mit Parkplatzanweisern überflutet, und es gab keine Chance, einen Platz im Bereich D zu bekommen - erst G hat funktioniert, vorletzte Reihe, direkt vor der Ausfahrt. Aber immerhin habe ich einen Platz gefunden, und mich hat es ein wenig geschaudert in Erwartung der Kassen - aber der Schauer wurde schnell vom Zielstreben beiseite geschoben: Ich brauche tiefe Teller und Badematten. Na denn.

Die Treppe raus und gleich wieder runter, vielleicht kennt Ihr das, das ist diese Treppe, an deren Geländer verschiedenste Artikel angebracht sind, damit man selbst bei'm Heruntergehen noch etwas Praktisches für die Wohnung findet, oder Schokolade. Und man landet dann in der Abteilung Geschirr. Allerdings ganz langsam, denn der Kundenstrom zieht sich zäh wie Sirup, keine Chance, auf dem Mittelweg schnell voranzukommen. Also nehme ich die schmaleren Seitenwege, da ist kaum jemand - ha, bin ich geil, dass ich diesen Trick gef... scheiße, und in dem Moment stellt direkt vor mir eine junge Mutter ihren leeren Kinderwagen schräg mitten auf die Kreuzung zweier Wege, so dass wirklich gar kein Vorbeikommen ist. Und natürlich merkt die nicht, dass sie im Weg steht, sie hängt am Handy und ihre Augen suchen nach ihrem kleinen Monster.

Vergessen wir also das schnelle Durchkommen. Genauso wie die Parkplatzsuche wird heute allein das Erreichen des Kassenbereichs ewig dauern. Finde ich denn wenigstens die richtigen Teller? Schwarz, Glanz, tief, rund? Nein, finde ich nicht, da IKEA das Format seines Geschirrs geändert hat - rund gibt es nur noch bei Auslaufmodellen und in den falschen Farben. Schwarz und Glanz ist mittlerweile viereckig mit abgerundeten Ecken. So ein Scheiß, das passt überhaupt nicht zu meinem einzigen übrig gebliebenen runden Teller zuhause, und ich bin kurz davor, den kompletten Einkauf abzubrechen, denn ein falscher Teller in dem Sortiment im Küchenschrank, das geht überhaupt nicht. Wie ungerade Zahlen bei der Lautstärkeeinstellung. Und dann sage ich mir, scheiß drauf, wird Zeit, umzudenken, packe mir sechs dieser neuen Teller ein und nehme mir vor, meinen Teller zuhause in den Müll zu befördern. Teller erledigt.

Fehlen nur noch die Badmatten. Ich brauche TOFTBO, das sind diese mit den dicken Stoffnippeln, die sind ganz weich und saugen extrem viel Wasser auf, und vor allem sind sie auf der Unterseite nicht gummiert. Genau wie meine Mutter jetzt nach dreißig Jahren merkt, wie nervig Gummierung sein kann, habe auch ich meine vorherigen Badmatten dem Müll zugeführt. Zum einen neigt das Gummi dazu, bei Feuchtigkeit mit dem Boden zu verschmelzen, zum anderen ist die Gummierung nach einigen Waschgängen trocken, brüchig und wegwerfbar. Dann lieber gleich ohne Gummi, auch wenn es mit vielleicht sicherer wäre (haben auch meine Schüler gestern gelernt, sorry für random sex education). Und ich habe gerade nochmal Glück gehabt, denn Toftbo wird gerade aus dem Sortiment geworfen. Restbestände werden rausverkauft, um ein Drittel im Preis reduziert, und zum Glück habe ich noch welche bekommen: Die neue Generation Badmatten bei IKEA ist nämlich gummiert...

Und dann will ich nur noch weg. Kasse, wo bist Du? Und ich hänge mich unauffällig an einen jungen Mann, der es ebenfalls eilig hat und alle Gänge nach schnellen Wegen durchsucht. Es folgt: Der Kassenbereich. Die Kunden stehen an den siebenunddreißig geöffneten Kassen bis zu den riesigen Möbelregalen. Ich erinnere mich daran, was der Dalai Lama über Entspannung gesagt hat, und stelle mich irgendwo an, meilenweit vom Laufband der Kasse entfernt. Und ich warte. Beobachte Möbel, Kunden, berechne Winkel in Mustern an der Decke und denke die ganze Zeit daran, dass ich auch einfach zu der Scannerkasse zum Selbstbezahlen gehen könnte, dann wäre ich in fünf Minuten durch, aber es ängstigt mich ein wenig vor diesen Dingern - nicht zuletzt wegen meiner Erfahrung im Sophienhof - und bleibe also stoisch stehen.

Und lausche der Lautsprecherdurchsage: "Der Fahrer des Fahrzeugs KI-XXX XX wird gebeten, das Fahrzeug umzuparken, denn sie stehen unberechtigterweise auf einem Behindertenparkplatz. Ich wiederhole..." und ich könnte innerlich schon wieder kotzen, denn genau das ist einfach nur asozial. Und der Umstand, dass ich das ungefähr einem Drittel meiner Schüler zutrauen würde, spornt mich an, in diesen Köpfen etwas zu bewirken. Und ich freue mich riesig, dass in unserer Abteilung ein Kollege mit Behinderung ist, denn dann werden die Jugendlichen endlich mal mit so etwas konfrontiert (denn bei ihren Mitschülern scheint sie das nicht zu kümmern).

Und nun sind die Einkäufe in der Wohnung untergebracht, und ich würde an dieser Stelle gern ein Foto des aktualisierten Badreiches posten, aber ich habe zurzeit keine Digitalkamera mehr - und immer noch kein Handy.

Freitag, 2. November 2018

Gay Movie

Für so etwas braucht man Mut!

Irgendwo da draußen wird jetzt ein Leser zufrieden darüber sein, dass ich mir endlich Love, Simon (2018) angeschaut habe, ein gay movie. Aber was genau ist eigentlich ein Schwulenfilm? Alien: Covenant (2017) hat eine Szene, in der "zwei Männer" sich küssen, in Großaufnahme, und unter den Truppen befindet sich ein schwules Ehepaar. Das allein macht noch kein schwules Kino aus; Alien bleibt nach wie vor SciFi-Horror. LGBTQ-Charaktere finden sich immer öfter in modernen Kinofilmen, und das ist auch gut so, es gab Zeiten, da war das undenkbar.

Es gibt aber auch Filme, die das Schwulsein als Hauptthema haben. Sorry, liebe Diversity-Verfechter, dass ich in diesem Beitrag mit "schwul" die gesamte LGBTQ meine. Viele Filme drehen sich um das Coming Out, und das ist auch kein Wunder, denn für einen schwulen Jungen stellt dieser Schritt einen wichtigen Wendepunkt im Leben dar. Regisseur Greg Berlanti hat sich auch diesem Thema gewidmet, wenngleich man meckern darf, dass zu sehr Feelgood-Atmosphäre aufkommt. Aber es ist Greg Berlanti, der weiß, wie man Medien für Teenager macht (Dawson's Creek) und hat sich auch im schwulen Genre betätigt (The Broken Hearts Club). Er weiß, was er tut, und deswegen war der Film auch wirklich schön.

Aber er bringt nicht wirklich Neues in die Kinowelt, oder? Es gibt bekannte und erfolgreiche Filme über das Outing (Beautiful Thing / Get Real), braucht man diesen Film dann überhaupt?

Und die Antwort muss JA lauten. Zum einen ist es nett zu beobachten, wie sich schwule Protagonisten im Kino-Mainstream durchboxen und weite Anerkennung finden (wie z.B. Call Me By Your Name). Zum anderen haben diese Filme einen Effekt auf Jugendliche, die sich noch nicht geoutet haben: Sie machen Mut. Es wird nicht einfach, aber es wird besser - das sagen diese Filme, und diese Aussage werden wir auch noch in vielen Jahren brauchen. Was Berlantis Film "nötig" macht, ist das Upgrade auf die Generation Handy. Es gibt sehr viele Szenen, die direkt aus einem modernen Schüleralltag entnommen wurden, und das hilft den heimlichen Schwuppen, sich mit der Handlung des Films zu identifizieren. Das ist wichtig, und das sollte alle paar Jahre wieder auf der Leinwand landen.

Klar, der Film ist nicht hundertprozentig realistisch. Aber er ist genau auf seine Zielgruppe zugeschnitten und macht vielleicht ein paar Teenagern Mut. Wer mehr Realismus möchte, kann sich die Story der beiden Männer in Freier Fall (2013) anschauen. Heute war mir einfach nach einem bunten Film über das Outing, und den habe ich bekommen.