Samstag, 8. August 2026

Farbe zurück in's Leben


Wie das manchmal so gehen kann. Da habe ich mir aus Nostalgie ein Musikvideo von vor zwanzig Jahren angeschaut - drollig, ich sehe gerade, dass ich hier im Blog noch nie darüber geschrieben habe, dabei hat das eine der größten Demos in Kiel begleitet, auf denen ich mitmarschiert bin. Ohrwurm und so.

Kennt jemand den Film THX 1138? Wenn ja, dann erstmal mein Kompliment, denn George Lucas' Debutfilm ist nicht jedermanns Sache. Er zeigt eine dystopische Gesellschaft, und auch wenn das Narrativ nicht immer ganz stringent sein mag, so prägt sich der visuelle Stil ein: Alles ist weiß. Farbige Vielfalt? No way. Individualität? Uh uh.

Hilfe bekommt nur, wer sich selbst helfen kann. 

Genau so hat sich phasenweise in den letzten Jahren mein Leben angefühlt, vor allem in den Auswahlgesprächen an Schulen, erst recht, wenn ich seitens der Schwerbehindertenvertretung (SBV) des Ministeriums keine Unterstützung bekomme und mich allein und hilf- bzw. chancenlos in dieser schulischen Welt fühle. 

Nehmen wir doch einmal als Beispiel das Auswahlgespräch. Wie immer sitze ich in einer Runde von repräsentativen Mitgliedern der Schule: Schulleitung, -vertretung, beide Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragte. Seitdem ich gleichgestellt bin (mit schwerbehinderten Personen), muss immer die SBV des Ministeriums dabei sein, die für die jeweilige Region und Schulart zuständig ist. Das kann es manchmal etwas komplizierter machen, einen Termin für das Auswahlgespräch zu finden, aber hey, ich freue mich über die Unterstützung. Die theoretische Unterstützung.

Ich habe im Vorfeld per Mailwechsel Tipps von der SBV bekommen: "Bleiben Sie entspannt. Machen Sie sich groß. Sprechen Sie nicht über ihre Schwächen." Und bei letzterem Tipp ist die erste Warnlampe bei mir angegangen. Die ersten Tipps, die kann man jedem Menschen in jeder Vorstellungssituation geben, die haben nichts mit meiner Behinderung zu tun. Keiner der Tipps, die ich bekommen habe, hatten mit meiner Behinderung zu tun, außer eben jenem, nicht über meine Behinderung und die damit verbundenen Auswirkungen zu reden. 

Ich denke mir, wtf? Ausgerechnet die für Inklusion zuständige SBV in einem auf seine schulische Inklusion so stolzen Bundesland rät mir, das alles totzuschweigen? Das erinnert mich ganz gruselig an die amerikanische Don't ask, don't tell-Initiative, mit der LGBTQ-Menschen endlich nicht mehr vom Militärdienst ausgechlossen wurden - solange sie ihre sexuelle Orientierung geheim hielten. Ja, ein Fortschritt, aber zu was für einem Preis? Und nun darf ich also hier als behinderte Lehrkraft aufgenommen werden, solange ich nicht über meine Behinderung spreche? Und der Tipp kommt ausgerechnet von der SBV unseres Bildungsministeriums??? Wer hatte bitteschön diese Idee, Frau Stenke???

Aber das lässt sich alles noch steigern. Die Schulleitung bietet mir, das war rücksichtsvoll, an, die Sitzordnung so zu ändern, dass ich mich während des Gesprächs wohlfühle. Ich mache davon keinen Gebrauch. Dass ich einen Nachteilsausgleich (NTA) für ein Auswahlgespräch beantragen kann, der zum Beispiel die Anzahl der am Gespräch teilnehmenden Personen reduzieren kann, davon weiß ich nichts. Von der SBV habe ich davon jedenfalls nichts gehört, erst jetzt vor Kurzem im IntegrationsManagement der faw Kiel

Steigern, nächster Teil: Ich werde begrüßt mit den Worten: "Herzlich willkommen zum Auswahlgespräch, wobei, ein Gespräch ist das hier nicht. Wir haben hier ein paar Leitfragen für sie vorbereitet und sie haben dreißig Minuten für ihre Antworten dazu. Wir sagen nichts, wir hören ihnen einfach zu."

Da gab es dann schon keine Warnlampen mehr, da ist mein Konstrukt des VorstellungsGESPRÄCHS auseinandergebrochen und ich habe Panik bekommen. Der Vollständigkeit halber: Es ist bei vielen Schulen üblich, einen Fragenkatalog zu präsentieren, der sich mit Fachdidaktik und schulischen Fragen beschäftigt. Dass ich allerdings, nachdem ich mich eine Woche lang auf ein Gespräch inklusive "Machen sie sich groß" vorbereitet habe, völlig ohne Vorbereitungszeit einen halbstündigen fachdidaktischen Monovortrag halten soll (es ging in keiner der Fragen um meine Person oder wie ich die Schule bereichern könnte. Es waren ausschließlich fachdidaktische Fragen), das war einfach nur gemein.

Zur Info: Einer der Standard-NTAs für unsere SchülerInnen auf dem Autismus-Spektrum besteht in einer Arbeitszeitverlängerung, damit sie sich mit der Prüfungssituation arrangieren können. Nichts davon für die autistische Lehrkraft. Und die SBV? Schweigt.

Und dann: "Ihre Notizen stecken sie bitte weg." Gemeint waren meine Stichpunkte, die ich im Gespräch zu meinen Stärken anbringen wollte. Ich bin darauf angewiesen, denn als Autist komme ich in solchen Prüfungssituationen schnell in eine Tunnelblick-Situation und vergesse, wichtige Punkte zu erwähnen. Diese Notizen waren quasi eine weitere Form des NTA. Direkt zu Beginn gestrichen, und die SBV? Schweigt. Kein einziges Wort vor, während oder nach dem "Gespräch".

Natürlich habe ich die Stelle nicht bekommen. Ich bin unter Tränen nach Haus gegangen und hatte da dann die komplette Panikattacke. Die vorherige SBV hätte das Verhalten der SL niemals in dieser Form durchgehen lassen. Der Nachfolger hat nichts zu meiner Behinderung zu sagen und bekommt auch den Mund nicht auf, als die SL systematisch all' meine Hilfen in die Tonne befördert und mich unangekündigt in eine Prüfungssituation versetzt.. Das konnte ich nicht verstehen, also habe ich danach eine Mail an die SBV geschrieben: 

"Lieber SBV,

ich hätte da noch einmal eine Frage zu den Modalitäten bei Auswahlgesprächen. Das letzte Gespräch an der Schule XXX war ja, wie Sie selbst erlebt haben, eher unterirdisch. Ich hatte mich auf ein "Gespräch" vorbereitet, auf alle möglichen Fragen und Transaktionen - nicht nur Fachdidaktisches, sondern zu meiner Person, meiner möglichen Rolle am XXX und pädagogischen Dingen. Ich hatte mir Notizen gemacht, damit ich in der Aufregung nichts vergesse. Das passiert mir als Autisten in Stresssituationen leicht.

Dann kam es aber zum Auswahltermin, und die SL hat gleich klargemacht, dass es sich um kein "Gespräch" handelt, sondern um einen Spontanvortrag meinerseits. Wir wissen, dass Menschen auf dem Autismusspektrum mit spontanen Änderungen oft große Probleme haben; hinzu kam die Aufforderung seitens der Schulleitung, dass ich meine Notizen wegstecken möge. Ich war kurz davor, ein Beruhigungsmittel zu nehmen, aber bis das gewirkt hätte, wäre der Vortrag vorbei gewesen.

Ich war ein wenig überrascht, dass Sie an dieser Stelle nichts gesagt haben. Meine Notizen waren die einzige Form eines möglichen NTA gegenüber neurotypischen BewerberInnen an diesem Termin. Mir ist mittlerweile bewusst, dass behinderte Menschen so gut wie keinerlei besondere Berücksichtigung mehr in Einstellungsverfahren erhalten, aber das hier empfand ich wirklich als "gemein". Es waren fünf rein fachdidaktische Fragen, nichts zu Pädagogik, SchülerInnen, meinem Lebenslauf bzw. meinen Referenzen und meinen Stärken ("Machen Sie sich groß!") (was den Verdacht stärkt, dass die Schule bereits jemanden für die Stelle vorgesehen hatte). Ich hatte befürchtet, dass es so kommt, denn vor einem Jahr ist es genau so gelaufen, wie Sie ja wissen [...].

Mir ist bewusst, dass jede Schule ihr Auswahlgespräch nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten darf. Das sagt dann ja auch Einiges über die Schule aus, und in Rückschau bin ich ganz erleichtert, nicht dort gelandet zu sein. Aber ich frage mich, was genau Ihre Aufgabe als SBV ist - nehmen Sie das bitte nicht persönlich [...].

Ich frage mich, wo die über zehn Jahre Diensterfahrung, die Noten, die Gutachten, die Ehrenämter - wo das alles Berücksichtigung in der Entscheidung gefunden hat - wenn überhaupt.

Ich werde in der nächsten Zeit ein Coaching-Angebot für Autisten seitens der faw Kiel in Anspruch nehmen. Vielleicht kann ich wenigstens dort etwas Hilfe und Verständnis erfahren.

[...]"

Gesendet am 03.07.26. Bis heute, dem 08.08.26 keine Antwort vom SBV des Ministeriums. 

Danke, Frau Stenke, danke, Frau Prien (deren Geist auch heute noch über der Schullandschaft wabert). 

Muss man nichts weiter zu sagen. 

Hier jedenfalls kommt die Farbe wieder in's Spiel. Dieses Auswahlgespräch hat mich "grau" gemacht, hat mir quasi jede Perspektive genommen und mich ausschließlich mit Frust und Depression und Hoffnungslosigkeit zurückgelassen. Und dann stolpere ich über das Musikvideo zu Robyns Cobrastyle, und das hat mir sehr geholfen, diese letzte Schule endgültig aus meinem Kopf zu entleeren, die Schulleitung ebenso, und den SBV nicht mehr als ernsthafte Hilfe zu betrachten, sondern festzustellen, dass ich mir selbst helfen muss.

In der faw Kiel wird gerade mein Coahingplan für die nächsten drei Monate erstellt. Ich bin dort empfangen worden mit Empathie, Einfühlungsvermögen und vor allem mit Rücksicht auf Behinderung und Erkrankungen. Ich habe mich endlich mal nicht wie ein Mensch gefühlt, den man eigentlich wegwerfen könnte, oder der zumindest auf's Abstellgleis gehört.

Ich bin so gespannt, wie das wird! Ich halte Euch auf dem Laufenden :-) Und wer nun noch etwas poppige Musik zum Wachwerden braucht - hier ist ist Robyn: