Mittwoch, 31. August 2022

Auf der anderen Seite


Es hat sich ein bisschen surreal angefühlt - quasi eine Lehrprobe, und diesmal stehe ich auf der anderen Seite und beurteile den Unterricht eines Anderen. Surreal deswegen, weil ich die gleichen Sachen im Nachgespräch angemerkt habe, die bei mir damals angemerkt wurden - Körperhaltung, Lehrerecho, Redeanteil, Lobverhalten - das sind so ein paar Klassiker, an die Ihr euch vielleicht auch noch erinnern könnt.

Aber es war auch extrem spannend zu sehen, wie eine gut fünfzehn Jahre jüngere Lehrkraft einen Draht zu den Schülern findet, eine andere Unterrichtssprache verwendet, die ankommt - das inspiriert und gibt mir neue Unterrichtsimpulse. Und es erinnert mich daran, was ich an meinem eigenen Lehrerverhalten noch ändern könnte.

Es bleibt spannend, morgen sehe ich eine Doppelstunde, und am Freitag machen wir ein kleines Resümee des Praktikums. Mal schauen, ob das auch so surreal wird und Erinnerungen weckt.

post scriptum: Endlich wird es kühler - in diesem Sommer hat mir die Hitze in der Wohnung doch etwas zugesetzt. Und es wird früher dunkel; das sollte mir einen Blogeintrag wert sein, denn das macht in meinem Leben eine Menge aus.

Dienstag, 30. August 2022

Fußmatte


Seit gestern liegt eine Fußmatte vor der Tür der Wohnung rechts nebenan. Nachdem hier wochenlang gepoltert, gesägt und das Treppenhaus verschmutzt wurde zum Zwecke der Wohnungsrenovierung. Ich habe mich immer gefragt, wer da wohl einzieht. Mein neuer Nachbar. Neben dem ich gleich im Bad liege.

In den letzten Tagen habe ich immer mal wieder unbekannte Gesichter im Treppenhaus gesehen, aber das hätten ja auch Leute von der Renovierungstruppe sein können, oder Umzugshelfer. Jetzt höre ich tagsüber mehr oder weniger regelmäßig den Haustürschlüssel im Flur klappern, und damit steigt die Spannung, wann ich wohl zum ersten Mal bewusst meiner Nachbarsperson begegne. 

Das ist ein Faktor von Unsicherheit. Ich weiß, wer zur Linken wohnt, jetzt bereits seit ein paar Jahren. Ich weiß, dass er nicht spontan bei mir klingeln wird, ich weiß, wie er aussieht, ich bin da entspannt. Zur Rechten weiß ich davon noch gar nichts, und das spüre ich jedes Mal, wenn ich den Schlüssel im Treppenhaus klappern höre, und jedes Mal, wenn ich über die neue Fußmatte drübersteige. 

Mal schauen, wie lange es dauert, bis all' diese Unsicherheiten abgestellt sind - bis ich weiß, wer da wohnt, und weiß, dass dieser Mensch nicht überraschend vor meiner Tür steht. Oh, da fällt mir ein, ich sollte das "Bitte nicht stören"-Schild von gestern Abend abnehmen. Vergesse ich immer wieder.

Und mich erstmal wieder um mich selbst kümmern.

Freitag, 26. August 2022

Wadenkrampf


Ich bin grenzenlos überfordert.

Damit lässt sich die zweite Schulwoche zusammenfassen. Das hat auch sein Positives: Ich weiß jetzt, dass ich kein Ausbildungslehrer werde. Mein Kopf würde das nicht hinbekommen. Ich schaffe es ja nicht einmal, meinem Praktikanten zu sagen, wo wir uns treffen könnten zu Beginn des Schultags. Ich merke, ich bin in meinem Unterrichts-Drehbuch drin, aber es läuft jemand mit, und das kann ich nicht. Kenneth, falls Du das liest, siehst Du bitte an keinem Punkt die Schuld bei Dir. Ich bin einfach unberechenbar, und ein Referendar genau wie ein Praktikant braucht Verlässlichkeit. Count me out; für ein dreiwöchiges Praktikum ist das okay, aber für einen Autisten ist das nix.

Mein Kopf ist überall, aber zum Beispiel nicht bei der richtigen Ernährung. Gut, da war er noch nie, aber ich scheine in dieser Woche nicht einmal die Nahrungsergänzungsmittel richtig genommen zu haben: Ich hatte zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder einen morgendlichen Krampf im Bein. So ein Fieser, der kommt, wenn man sich im Bett strecken möchte und auf einmal nur noch zusammenkrümmt vor Schmerz. Magnesium und Calcium sollten helfen.

Da ist es keine große Überraschung, dass ich mit meinem Urologen jetzt eine Art "Trinkplan" festlegen musste, denn zwei Liter Wasser innerhalb von zwei Stunden zu trinken ist keine gesunde Alternative zu verteiltem Trinken über den Tag. Keine Überraschung deswegen, weil ich an's Trinken gerade kaum noch Gedanken verschwende, ach ja, und ich wollte eigentlich den Psychiater anrufen, aber das war alles zuviel. Läuft ja nicht weg. 

Liebe Eltern: Es geht mir gut. Nur gerade sehr viel los, neue Schüler, neuer Plan, neue Räume, für den Autisten eine sehr herausfordernde Zeit.

Sonntag, 21. August 2022

Woche Eins


Angekommen am Sonntag, wird es nicht leicht, ein Fazit für diese Woche zu ziehen. Zwölf Uhr mittags und ich habe in meinem Kopf die wichtigsten Ereignisse der Woche abgearbeitet. Jetzt ist eigentlich der Punkt, an dem ich etwas freie Zeit genießen kann. Das klappt aber wieder nicht, denn anstelle eines freien Sonntagnachmittags sehe ich den Berg an Aufgaben, der abgearbeitet werden muss. Das deprimiert, denn es zieht mich gleich wieder in den Schulmodus zurück - aus dem ich erst vor knapp zwei Stunden herausgekommen war. Stundenplan. Now what? 

Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mehr, heute im Blog über die vergangene Woche zu schreiben, weil es so lange gedauert hat, sie erstmal selbst zu verarbeiten. Also nur stichpunktartig: habe nicht daran gedacht, meinen Psychiater anzurufen, habe nichts in der Wohnung gemacht, war drei Tage krank, habe meinen Praktikanten kennengelernt, habe meinen Schulplaner und die Kursbücher nicht eingerichtet, meinen Stundenplan-Wunsch nicht an die Stundenplanerin geschickt, im Archiv nicht weitergearbeitet, habe von zwei Lerngruppen bisher keine Kurslisten, auch keine Schulbücher, habe keine Wäsche gewaschen, bin extrem glücklich, dass meine Mutter ihren Übergang zu den dritten Zähnen gut überstanden hat, war nicht auf der Lost Souls, habe keine Mails beantwortet.

Das klingt jetzt vielleicht nicht gerade positiv, ist es auch nicht, aber seit letztem Schuljahr kenne ich diesen Umstand und versuche, einen Plan auf die Frage "Now what?" zu entwerfen. Ganz ehrlich, ohne die Denkmuster des Lojong wäre es an der Zeit für einen (kleinen, überschaubaren) Nervenzusammenbruch. Passt aber nicht, denn: 

Bis heute Abend, zwanzig Uhr, habe ich jetzt frei, basta. Und danach schaue ich, was ich noch schaffen kann, bevor ich dann irgendwann in's Bett muss, um Schlaf aufzuholen. Und ich habe kein schlechtes Gewissen deswegen. 

Deal with it. I have to, as well.

post scriptum: Liebe Eltern, bitte keine Sorgen machen, wir haben telefoniert und Ihr wisst, dass das irgendwie klappen wird! :-)

Montag, 15. August 2022

Tag Eins


Bei manchen Menschen kommt irgendwann der Ferien-End-Blues. Der stellt sich dann ein, wenn einem bewusst wird, dass die Ferien nun doch langsam zu Ende gehen und damit ein Ende der Freiheiten einhergeht, Verantwortung auf einen zukommt, der Tagesrhythmus neu eingependelt werden muss und vieles mehr. Ich kenne das Gefühl oft aus den kurzen Ferien.

Im Sommer ist das ganz anders, da bin ich am Ende sehr froh, dass es wieder in die Schule geht, und ich bin voller Vorfreude - mit Abstrichen für Stundenplan oder Unterrichtsverteilung. Der erste Schultag hat das alles wieder bestätigt. Ich bin in einem wunderbaren Beruf tätig, auch wenn ich mich gern frage, warum ich nicht Schauspieler geworden bin. 

Heute stand ein reduzierter Stundenplan an, weil in den ersten drei Stunden Klassenlehrerunterricht war, und somit hatte ich nur zwei Stunden Englisch in meinem Grundkurs im zwölften Jahrgang (G9). Vorher habe ich mich mit meinem Praktikanten getroffen. Ich habe echt Angst, dass ich ihm jetzt drei Wochen lang zeige, wie man als Lehrer nicht sein sollte, und schon heute habe ich mich erwischt bei "Also ich habe das heute so gemacht, aber eigentlich sollte man es so machen". Aber im Gegensatz zu einem Referendariat kann ich vermutlich nicht zu viel falsch machen. Interessant, dass ein Unterrichtsentwurf (Raster, Lerngruppe, Didaktik, Methodik) mittlerweile zehn Seiten lang sein soll, wir wurden damals darauf gedrillt, das auf exakt drei Seiten zu bringen...

Der Zwölferkurs ist ein Geschenk - acht SchülerInnen (ich hatte noch nie so eine kleine Lerngruppe). Kein Druck, auf das Zentralabi hinzuführen. Gemütlicher kleiner Klassenraum an einer dauerkühlen Stelle der Schule. Ich bin total begeistert, heute gab es hauptsächlich Organisation und ein bisschen beschnuppern, aber die Gruppe kommt mir extrem sympathisch vor. Völlig unterschiedliche Köpfe, das könnte vielleicht ein wenig entschädigen dafür, dass ich meine Jetzt-Achtklässler nicht weiterführen darf. Vielleicht.

Jedenfalls war es ein wunderbarer erster Tag, an dem ich komplett zerflossen bin, es sind wieder zweiunddreißig Grad in der Wohnung, bis Donnerstag werde ich wieder Handtücher und Taschentücher in rauen Mengen verbrauchen. Morgen ist mein freier Tag, also gleich erstmal wieder ausschlafen (ist nötig, manchmal kann ich wegen der Hitze erst zwischen zwei und drei Uhr nachts einschlafen). Und es steht viel Papierkram an.

Ich hoffe, Ihr hattet einen schönen Montag? Ich wünsche Euch einen tollen Start in das neue Schuljahr!

Freitag, 12. August 2022

Denkwürdige AB-Nachricht


Nur kurz, aber erwähnenswert: Ich habe heute Abend eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter entdeckt, die nachwirkt. Von meinem Aspi-Bruder (diese Ferndiagnose erlaube ich mir einfach mal, auch wenn er das vielleicht - noch - anders sieht), nachträglich zum Geburtstag. Die üblichen Glückwünsche und Planung für das Wochenende; morgen soll es nach Dithmarschen gehen. Dazu demnächst mehr.

Unter den üblichen Glückwünschen hat sich allerdings ein Satz angefunden, den ich nicht erwartet hätte. Okay, generell erwarte ich keine Glückwünsche, und mir ist es jedes Mal total unangenehm, wenn ich nicht an den Geburtstag meiner Brüder denke. Gewissen und so. Und dann höre ich zwischen den anderen Sätzen:

"Schön, dass es dich gibt!"

Nun könnte man sagen, dass das auch eine klassische Geburtstagsphrase ist, die man früher gelernt hat und seitdem immer höflich aufsagt. Könnte man; ich habe diesen Satz in den vergangenen neununddreißig Jahren noch nicht ein einziges Mal von meinem Bruder gehört. Und deswegen bewegt mich das gerade, und ich hoffe, dass ich mich dafür revanchieren kann, wenn die ganze Psycho-Geschichte abgearbeitet ist.

Donnerstag, 11. August 2022

Vertrag - unterzeichnet!

Es kann wieder losgehen!

Heute Besuch in der Schule, um die Inventarisierung des Archivs zu Ende zu bringen und die erste Runde Entmüllung und Aktenvernichtung einzuleiten. Irgendwie war das ganz schön - die ersten Kollegen wiederzusehen, sich mit den Gebäuden akklimatisieren und spüren, dass dieser Beruf mir Freude bereitet.

Davon kann mich letztlich auch nicht der neue Stundenplan abhalten, der zwar einen freien Tag vorsieht, allerdings stünden nur zwei Stunden der Idee im Weg, diesen freien Tag am Freitag zu haben, und das hätte mir viel bedeutet, weil die Woche dann wieder einen Block Arbeit und einen Block frei gehabt hätte. Das war mir immer wichtig, denn so hatte ich einen guten Rhythmus aus Arbeiten und Erholung (und Arbeit in der Wohnung). Das wäre dann auch die Auflösung zum gestrigen Blogeintrag - als ich den Stundenplan geöffnet hatte, war der Rest des Tages für mich dann quasi gelaufen. Immerhin musste nicht die letzte Ferien-Session mit der großen Buba dran glauben (das hätte durchaus passieren können).

Leider sind diese zwei störenden Stunden nicht so einfach umzulegen, denn ich unterrichte ausschließlich in Kursen, die aus mehreren Klassen bestehen und deren Verlegung mindestens vier weitere Lehrkräfte beträfe. Ich gebe mir jetzt jedenfalls erstmal zwei Wochen, um einen positiven Spin für die ganze Sache zu finden. Mal sehen, ob das klappt.

Immerhin gab es heute auch ein sehr positives Event, das zumindest ablenkt: Ich habe meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben, und damit bin ich für zwölf Monate wieder in Sicherheit. Angestellt, befristet, das Übliche, aber immerhin bin ich nicht wieder arbeitslos. 

Also kann ich mit einem Lächeln in die dreißig Grad Celsius meiner Wohnung zurückkehren, den Abend noch ein bisschen genießen und dann Schlaf nachholen, denn der war gestern nicht allzu reichhaltig.

Mittwoch, 10. August 2022

Kleiner Test


Diesen Stundenplan habe ich heute Mittag bekommen. Wenn Du verstehst, wie ich ticke, kannst Du daraus ableiten, wie mein Tag war. ;-)

Dienstag, 9. August 2022

Ein Lois Duncan-Sommer


Die Sommerferien sind für mich immer eine etwas wacklige Angelegenheit. Auf der einen Seite ist es schön, nicht mehr zwischen den Modi Arbeit und freie Zeit wechseln zu müssen - auf der anderen Seite habe ich nichts mehr, was einen regelmäßigen Tagesrhythmus aufrecht erhält. Das kann dazu führen, dass ich ab der vierten, fünften freien Woche den Überblick verliere. Deswegen ist es am Ende langer Ferien immer ganz schön, wieder in den Arbeitstrott zurückzukommen (man kann sich ungefähr vorstellen, wie das erst in den großen Semesterferien war).

Zum Glück habe ich hier Beschäftigung, der neue Logik-Trainer ist vor ein paar Tagen reingeflattert und ich bearbeite gerade das Rätsel um den Fernsprechtischapparat 611. Außerdem gibt es Videospiele und Filme und die große Buba (momentan aber zur Sicherheit auf Abstand, nein, jetzt nicht mehr). Und in diesem speziellen Sommer ging es für mich mal wieder zurück in die Welt der Bücher.

Wenn ich mich recht entsinne, habe ich zum ersten Mal Lois Duncan mit Schülern in Husum gemacht, I Know What You Did Last Summer. Das hat ganz gut funktioniert - aber interessanterweise hatte ich jahrelang nur insgesamt zwei Duncan-Bücher gelesen. Irgendwann habe ich meinen Horizont dann um drei weitere Bücher erweitert, darunter das grandiose Down A Dark Hall, das ich letztes Jahr mit einer neunten Klasse behandelt habe, aber dann war wieder Schluss. Das dürfte daran gelegen haben, dass es nicht so leicht ist, an Duncans Romane zu kommen, zumindest wenn man eine bestimmte Ausgabe haben möchte.

Und das kann tatsächlich wichtig sein: Vor etwas über zehn Jahren hat der Verlag Little&Brown neun von Duncans Romanen in einer überarbeiteten Ausgabe herausgebracht. Die Geschichten sind ganz leicht modernisiert worden - die Romane wurden in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben, und deswegen hat man nun auch Internet und Handys hinzugefügt, damit Jugendliche sich besser mit der Handlung identifizieren können.

Das ist schließlich sehr wichtig, denn Duncan hat viel Young Adult Fiction (YA) geschrieben. Bücher, die sich an eine ganze bestimmte Altersgruppe richten, und bei jedem Buch frage ich mich direkt, ob man das nicht im Unterricht behandeln könnte. Sie sind echt gut. 

In diesen Sommerferien habe ich mir dann vorgenommen, nach weiteren Romanen der überarbeiteten Reihe zu suchen, und bin in Großbritannien und den USA fündig geworden: Locked In Time, The Third Eye, Gallows Hill, Daughters of Eve - und ich habe sie gefressen. Duncan hat mich derartig infiziert, dass mir nun eigentlich nur noch A Gift Of Magic und Ransom fehlen. 

Und die Begeisterung ist ansteckend: Die große Buba frisst gerade ebenfalls alle Bücher auf, die ich ihr ausgeliehen habe. Kein Wunder: Wir sind beide EnglischlehrerInnen, wir lieben es mit Jugendlichen zu arbeiten, wir mögen Lois Duncans Talent, die Naivität Jugendlicher einzufangen und authentisch-realistisch rüberzubringen, selbst wenn in einigen Romanen übernatürliche Elemente vorkommen. 

Ich möchte diese Bücher wärmstens empfehlen und gebe nur kurz eine Stichwortliste zu ein paar der bisher gelesenen Romanen, um vielleicht Interesse zu wecken:

I Know What You Did Last Summer - suspense, betrayal, friendship, responsibility, trust, after school

Down A Dark Hall - gothic fiction, haunted house, boarding school, dark past, insanity, art, supernatural

Killing Mr Griffin - school, naivete, trust, teachers, students, school life, responsibility, revenge, suspense

Locked In Time - southern gothic, magic, plantation, family, greed, envy, love

Gallows Hill - witch trials, Salem, superstition, conservatism, school life, America

Daughters Of Eve - feminism, anti-feminism, school life, gender roles, family, friendship, trust, suspense

Über Daughters Of Eve werde ich beizeiten einen Blogartikel schreiben, weil dieses Buch mich besonders mitgenommen hat. Um die große Buba zu zitieren: "Seite 45 - ich koche! Seite 126 - ich bin eine Sauna!!!" Ich denke mal, dass ich das mit meinem zwölften Jahrgang lesen werde.

Lois Duncan - ganz großartig! Auch wenn sie nach Neunzehnhundertneunundachtzig keine suspense novels mehr geschrieben hat - das Jahr, in dem ihre Tochter erschossen wurde. 

Wie eine Szene aus ihren Romanen...

post scriptum: Ein paar der Bücher gibt es auch als "Easy Readers"-Variante für leistungsschwächere Lerngruppen; deutlich gekürzt, leichtere Sprache, Bilder und Vokabelhilfen.

Mittwoch, 3. August 2022

Das Bushaltestellen-Wunder


Obwohl ich lieber S- und U-Bahn fahre - und ich hoffe sehr, dass der anstehende politische Entscheid für die Kieler Straßenbahn fallen wird - hat doch der Begriff Bushaltestelle in meinem Leben eine besondere Bedeutung gewonnen. Genauer gesagt, drei besondere Bedeutungen.

Da wäre zuerst die Unterrichtsmethode Bushaltestelle, die bei mir so aussieht, dass, wer in einer Erarbeitungsphase zuerst fertig ist, sich an die Bushaltestelle setzt. Das sind zwei Stühle neben dem Lehrerpult. Von da an können sich Schüler melden, die Hilfe benötigen, und der oder die BushaltestellenschülerInnen gehen dann in die Klasse und helfen. Ganz klassisches Schüler-hilft-Schüler-Prinzip, klappt immer wieder super, gerade in den leistungsschwächeren Kursen kann mir das viel Arbeit abnehmen.

Dann war da noch ein ganz besonderes Erlebnis in meiner schulischen Arbeit, an das ich immer sofort denken muss, wenn ich den Begriff "Bushaltestelle" höre - das Bushaltestellen-Wunder. In der Impro AG haben wir damals ganz am Anfang eine Übung gemacht, bei der die SchülerInnen Menschen spielen sollten, die an der Bushaltestelle warten. Sie haben sich also bestimmte Charaktere überlegt und sind dabei in die "Extreme" gegangen: ein spielendes, unruhiges Kind, ein genervter Schüler, zwei, die sich streiten, alles mit ein bisschen overacting. Danach haben wir eine Übung gemacht, bei der wir uns für fünf Minuten so langsam wie irgend möglich bewegen mussten - so langsam, dass die Bewegungen fast wie von einem Schnappschuss zum nächsten wirkten. Diese extreme Langsamkeit hat etwas in den SchülerInnen bewegt; wir haben danach noch einmal die Bushaltestellenszene gespielt, und plötzlich waren da Menschen, die Sorgen im Leben hatten, die verliebt waren, die lecker gegessen hatten, extrem subtil und realitätsnah dargestellt. Ich hatte diesen "Trick" von Viola Spolin gelernt, hätte aber nicht gedacht, dass er so deutliche Resultate bringt. Wirklich ein kleines Wunder.

Nummer drei bezieht sich auf gestern Abend und den Grund, warum ich diesen Artikel überhaupt schreibe. In der großen Buba-Familie gibt es einen Corona-Fall, und zur Sicherheit haben wir uns gestern einfach unten an der Bushaltestelle Diesterwegstraße getroffen, hingesetzt und ein bisschen erzählt. Es gab eine Phase, da hatten wir das hier öfters gemacht, einfach ne halbe Stunde Bushaltestelle, das war cool, wenn ich vielleicht an einem Abend keine Lust auf Menschen hatte. Ich glaube, das war vor unserer Videospiel-Filme-Medien-gemeinsam-erleben-Phase. War großartig und wird deshalb hier festgehalten.

Dienstag, 2. August 2022

Chrónia pollá!

Kleine Erinnerung an eine verrückte Zeit ;-)

Hi Sanni!

Ich will mal hoffen, dass Ihr gerade einen kleinen Urlaub zu viert macht oder zumindest irgendwie den Tag genießt, denn schließlich ist nicht jeder Tag Dein Geburtstag. Ich wünsche Dir für das neue Lebensjahr Gesundheit und Gelassenheit, davon kann man nie genug haben, und dass Euer Haus nicht einstürzt, das kann auch nicht schaden.

Ich komme auf das Einstürzen, weil ich momentan täglich morgens um acht Uhr geweckt werde von den Schlagbohrern in der Nachbarswohnung. Ich dachte erst, dass die einfach nur renoviert werden soll, aber da werden tatsächlich komplett neue Leitungen verlegt, keine Ahnung, was sonst noch alles, jedenfalls haben mein Nachbar links und ich uns vorgenommen, das Treppenhaus erst wieder zu putzen, wenn die Arbeiter aus der Wohnung raus sind, denn die tragen jede Menge Dreck durch das Haus. Ich bin ja mal gespannt, wer da irgendwann einziehen wird; so nach und nach nähere ich mich dem Titel "Fossil im Haus", denn nun sind nur noch zwei Mietparteien länger im Haus als ich. Das ist irgendwie ein besonderes Gefühl - ein Zuhause zu haben. Du kennst das, gerade mit Deiner Familie, jetzt noch besser als ich. Deswegen wünsche ich Dir, dass das Haus nicht zusammenbricht (und Du auch nicht).

Und das mit der Gesundheit vor allem gerade akut, weil sich Corona mir nun langsam nähert: Die große Buba hat einen Coronafall in der Familie, und wir setzen deswegen tatsächlich mal zwei Abende aus, um zu überlegen, ob es jetzt sinnvoll ist, sich zu treffen. Es wäre nicht so ganz praktisch, wenn ich mir jetzt das Virus einfinge, denn am Wochenende stehen zwei wichtige Dinge an: Ein Besuch im Hansa-Park und einer bei meinen Eltern. Bei Letzterem werde ich dann auch das Auto abgeben - es wird wirklich Zeit. Kiel ist mit ÖPNV wunderbar erreichbar, und irgendwann werde ich mir auch wieder ein Fahrrad zulegen. Ich schaffe es in meinem jetzigen Zustand einfach nicht, ein Auto zu warten, so deprimierend diese Erkenntnis auch sein mag.

Jetzt habe ich den Hauseinsturz erklärt, und auch die Gesundheit, bleibt also die Gelassenheit. Irgendwann in den nächsten drei Wochen werde ich mit meinem Psychiater telefonieren, um zu erfahren, ob er einen Diagnoseplatz für mich finden konnte. Das ist alles aufregend und fällt mit Schulbeginn mit drei neuen Lerngruppen zusammen, das könnte schnell überfordernd werden. Und dank Caro erlebe ich es, wie es ist, als HSP in einer Situation überfordert zu sein - deswegen der Wunsch nach Gelassenheit für Dich.

Ist es nicht drollig, wie man einen Geburtstagsgruß an einen Menschen so verfassen kann, dass es irgendwie nur um einen selbst geht? ;-)

Viele liebe Grüße aus dem dritten Stock an die ganze Familie!

Dr Hilarius

Montag, 1. August 2022

"Ich habe gerade meine Couch im Klo runtergespült."


Dr Hilarius: "Ich habe gerade meine Couch im Klo runtergespült."

Die große Buba: "Oh, mittlerweile ist deine Couch auch im Haus meiner Eltern angekommen."

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie erleichternd, befreiend, zufriedenstellend Staubsaugen sein kann. Einfach mal schnell die Wohnung durchsaugen, und auf einmal kann ich wieder den Boden sehen. Ich kann mit gutem Gewissen barfuß herumlaufen, auf dem Holzboden ist das sehr angenehm. Und ich freue mich immer, wenn es im Saugrohr klötert, denn das zeigt mir, dass es sich wirklich lohnt.

Dass ich den Boden manchmal nicht mehr sehen kann, liegt nicht daran, dass überall Müll herumliegt (tut er trotzdem), sondern dass ich mir mit Einzug in diese Wohnung eine Schlafcouch gekauft habe (gut), mit Kunstleder (nicht gut). Diese Couch ist der Mittelpunkt meiner Wohnung, ich verbringe hundertzwanzig Prozent meiner freien Zeit dort. Oft zusammen mit der fetten Schnecke, Filme, Videospiele, Musik, Meditation. 

Kunstleder nutzt sich ab, und irgendwann ist es so dünn geworden, dass es gerissen ist. Seitdem fliegen ständig kleine schwarze Fetzen durch die Wohnung. Das stört mich nicht weiter, aber hin und wieder ist es schön, das alles aufzusaugen und einen Tag freien Boden zu genießen.

Diese Fetzen sind wirklich überall, und so ist neulich auch einer im Klo gelandet, so dass ich der großen Buba schreiben konnte, dass ich meine Couch im Klo runtergespült habe. Das ist wie ein running gag zwischen uns, und natürlich ist auch sie nicht gegen die Fetzen gefeit - so dass meine Couch mittlerweile ein paar Häuser weiter gelandet ist.

Es wird mal Zeit für eine neue Couch, und bis dahin muss ich aufpassen, dass ich die jetzige nicht aus Versehen aufesse.