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Dienstag, 17. Februar 2026

43 Jahre Krieg... und kein Platz für Sieger

(Atomwaffentest - Szene aus Twin Peaks: The Return)

Habt Ihr das mitbekommen? Da sollen Luftballons am Himmel geflogen sein, und weil man die für eine Bedrohung gehalten hat, hat man sich direkt dran gemacht, sie abzuschießen. Vor 43 Jahren hat Nena in ihrem Song 99 Luftballons über dieses Szenario gesungen - wie es in Folge zum Kriegsausbruch kommt und am Ende fast alles zerstört ist, auf das man früher, zur Zeit der "Kriegsminister", so stolz gewesen ist.

Okay, klar, die Story kennen viele. Aber habt Ihr das mitbekommen? Dass vor Kurzem in den USA der El Paso International Airport in Texas für zehn Tage geschlossen wurde... wegen ein paar Party-Luftballons? Auf die man ernsthaft mit Anti-Drohnen-Lasern (mir egal, wie man die Dinger genau nennt) geschossen hat - warum wohl?? - und weil dann die große Unsicherheit ausgebrochen ist, hat man den gesamten airspace gesperrt?

Partyballons, und weil sie an der Grenze zu Mexiko aufgetaucht sind, hat man sie für Drohnen gehalten, und ohne ordentliche behördliche Genehmigung mit den Lasern draufgehalten. Mir ist die Realität der Bedrohung durch Drohnen bewusst, und garantiert wabern über Kiel gerade diverse nicht nur russische Überwachungswerkzeuge herum. Worum geht es mir heute also?

Nenas Story klingt für ein Kind von 1983 wie ein toller Song, aber ein etwas unglaubwürdiger Plot. 43 Jahre später rennen wir sehenden Auges in eine dritte Weltkrise, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das mit Zynismus, Humor, Schrecken, Erschütterung oder welchen Emotionen auch immer nehmen soll. Ich habe die USA-Story bei Rachel Maddow gesehen, Kopf geschüttelt, gelacht, hab' gedacht, you're fucking kidding me!

Dann habe ich mir Nenas Video angeschaut, genau auf den Text gehört, und habe zwischendurch mit Tränen in den Augen dagesessen. Wenn wir nur schon nach den Kriegsministern angekommen wären... 


 

Mittwoch, 7. Mai 2025

Der Autismus-Holocaust


Robert F. Kennedy jr. can go fuck himself.

Dieser Mann ist vor einer kurzen Weile tatsächlich zum Gesundheitsminister der USA gewählt worden, obwohl er hier in Deutschland nicht einmal eine Chance auf einen Platz im Reinigungsdienst hätte. Seit vielen Jahren postuliert er einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus und behauptet, wir hätten geradezu eine Autismus-Epidemie, die die Welt überschwemmt.

Robert F. Kennedy jr. can go fuck himself.

Abgesehen von dem völligen Bullshit hat er überhaupt kein Problem damit, Autisten zu stigmatisieren und sie als Last für die Bevölkerung darzustellen, so dass es mich im Halse würgt. Übersetzt aus einem Interview sagt er, dass Autisten eine Belastung für die Menschheit darstellen, dass sie niemals werden arbeiten und dementsprechend Steuern zahlen oder allein auf's Klo gehen können, dass sie keine Gedichte schreiben werden, dass sie keine Freude empfinden können, dass sie niemals etwas zur Gesellschaft beitragen werden, und dass wir Erwachsenen durch die vielen Impfungen Schuld daran tragen.

Burn in hell, Kennedy! 

Wie kann es nur sein, dass so jemand mit nur einer Gegenstimme seitens der Republikaner zum Gesundheitsminister gewählt werden konnte? Klar, die Antwort ist Trump. Aber er hat keine Ahnung, welchen Schmerz er AutistInnen und ihren Familien damit zufügt, dass er unter dem Deckmantel von Mitgefühl Lügen verbreitet und Autisten als Ungeheuer darstellt - und dass es mittlerweile eine Epidemie davon gibt.

Das ist natürlich auch absoluter Schwachsinn, es gibt nur mittlerweile einfach eine größere Aufklärung und bessere Messmethoden, so dass Menschen auf dem Spektrum besser erkannt werden können. 

Mir tut es weh, wenn so über mich und meinesgleichen gesprochen wird, erst recht von jemandem, der es besser wissen sollte (und es besser zu wissen glaubt). Bin ich als Autist kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft? Habe ich keinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz? Bin ich eine Belastung für meine Mitmenschen? 

Und warum glauben so viele Menschen den Scheiß? Vermutlich, weil sie bei'm Begriff Autismus immer nur die nicht-sprechenden, herumschreienden, wippenden Autisten sehen, nicht ihr Glück und nicht ihre Integration. Kein Wunder, dass es dann an der Schule heißt "Sprich das Thema Autismus bloß nicht an, das wollen die Eltern bestimmt nicht hören" - erst recht, wenn es um einen eindeutigen Fall geht.

Es gibt noch sehr viel an Aufklärung zu leisten...

post scriptum: Ja, Kennedy hat im Zusammenhang mit dem Autismus den Begriff des Holocaust verwendet. Wie tief kann man eigentlich sinken?

Dienstag, 5. November 2024

Das Ende einer Wahl


Ich kann es einfach nicht verstehen. Heute endet die Wahl zum Präsidenten der USA - und die Umfragen sind extrem nah beieinander, und das erschreckt mich angesichts der Wahl zwischen der ersten Frau für das Amt, die anpacken möchte, und einem Soziopathen, der Nazirhetorik verwendet und das Land gegen alles abriegeln will. Dass seine "Reden" oftmals zusammenhanglos sind, scheint niemanden im Publikum zu stören - Hauptsache, er ist rechts genug.

Ich frage mich, ob solche Zustände auch bei uns in Deutschland möglich wären, und natürlich sind sie das. Man muss nur schauen, wie sehr die extrem rechten und linken Parteien an Stimmen gewonnen haben, und wenn man dann sieht, dass es gemeinsame Schnittmengen zwischen der AfD und dem BSW gibt, bekomme ich einen Bammel vor unserer nächsten Wahl im nächsten Jahr.

Jetzt hoffe ich erstmal nicht nur, dass Kamala Harris die erste Asian-American Präsidentin der USA wird. Ich hoffe, dass die Wahl ohne Unruhen, Proteste und Gewalt ausgeht. Trump hat die Samen dafür früh gesät, indem er immer wieder behauptet hat, dass die Wahl nur dann fair ist, wenn er gewinnt. Ansonsten ist es Wahlbetrug, und es könnte zu einem Protest wie dem Kapitolsturm kommen. Hoffen wir einfach mal, dass niemand stirbt. 

Ein Präsident Trump würde ein globales Desaster bedeuten...

Samstag, 23. März 2024

Polizeigewalt filmisch umgesetzt


Während ich hier an dem Artikel über den Beuch bei meinem Psychiater schreibe, möchte ich Euch einen wunderbaren Kurzfilm an's Herz legen - besonders den EnglischkollegInnen da draußen, Stichwort Landeskunde USA, Polizeigewalt gegenüber people of color. Nehmt Euch, wenn Ihr Lust habt, zweiunddreißig Minuten Zeit und sucht den Film Two Distant Strangers auf Netflix. Hat nicht umsonst den Kurzfilm-Academy Award bekommen. Bis zum Ende durchschauen, die "credits" am Ende haben es in sich. :-)

Montag, 11. März 2024

Die Academy Awards


Eines meiner "Spezialthemen" sind Filme, also sollte ich auch einmal kurz die Verleihung der Academy Awards kommentieren, die in der letzten Nacht stattgefunden hat. Ich hatte einen Moment überlegt, ob ich mir das frühmorgens live anschaue, allerdings interessiert mich die Zeremonie selbst überhaupt nicht. Also habe ich lieber geschlafen und mir heute die Resultate angeschaut. Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass die Oscars nichts aussagen über die Qualität eines Films.

Aber bei Christopher Nolans Oppenheimer (sieben Oscars) ist da defintiv ein Zusammenhang. Ich habe eine Hassliebe zu Nolan; keiner seiner Filme besteht den Bechdel-Test, und manche seiner Filme geben vor, intelligenter zu sein als sie es eigentlich sind, wie zum Beispiel Interstellar oder Tenet. Diesmal hat er aber ein dreistündiges Portrait amerikanischer Geschichte abgeliefert - wer sich für die Erfindung der Atombombe und die ethischen Implikationen interessiert, sollte sich den Film gern anschauen.

Ich hatte ja ein bisschen gehofft, dass der Preis für Best Animated Feature an Nimona geht, aber die Konkurrenz war übermächtig - The Boy and the Heron von Hayao Miyazaki (Chihiros Reise ins Zauberland) hat gewonnen. Ich fand es auch ein bisschen schade, dass weder Sandra Hüller noch Ilker Catak eine Trophäe nach Deutschland holen konnten, aber ihre Filme (Anatomie eines Falls und Das Lehrerzimmer) sind dennoch super. Wer den Oscar wirklich verdient hat, ist Hoyte van Hoytema. Der Kameramann ist ein Virtuose der visuellen Ästhetik und ich genieße seine Bilder jedesmal wieder - Interstellar sah immerhin toll aus!

Jetzt warte ich darauf, dass der eine oder andere Film endlich für das Heimkino verfügbar ist - besonders Miyazakis Film und Poor Things von Giorgos Lanthimos. Dessen Filme (Kynódontas, The Killing of a Sacred Deer u.v.m.) sind herrliche Satiren, wenn man sich darauf einlassen kann. Nicht für jedermann ^^

Und nun kann ich mich wieder den besten Filmen zuwenden, die man manchmal ordentlich suchen muss.

Dienstag, 5. März 2024

Demokratie, letzter Akt


In den USA erodiert die Demokratie - langsam, aber sicher. Die Werte kippen, hier ein schönes Beispiel:

Donald Trump muss sich vier Anklagen mit insgesamt einundneunzig Anklagepunkten stellen. Deswegen ist er in mittlerweile mehreren Bundesstaaten vom Wahlzettel gestrichen worden, denn laut Verfassung darf niemand für das Amt des Präsidenten kandidieren, der vorbestraft ist: Trump hat Wahlmanipulation begangen, nachweisbar, und dafür ist er (unter Anderem) angeklagt.

Natürlich hat Trump da Widerspruch eingelegt - seine Argumentation: Als Präsident müsse man vollkommene Immunität genießen können, ansonsten sei man handlungsunfähig. Um das etwas drastischer zu formulieren: Wenn Trump als Präsident entscheidet, das Seal Team 6 loszuschicken, um seine politischen Gegner zu ermorden, kann er nicht strafrechtlich dafür belangt werden, wenn er nicht mehr Präsident ist. In a nutshell: Trump fordert, dass er ohne Konsequenzen tun und lassen können möchte, was er will.

Natürlich ist das vollkommener Unsinn, und der Appeals Court hat den Widerspruch abgewiesen, mit einer ausführlichen Begründung. Und natürlich bleibt Trump hartnäckig - und nach einem Court of Appeals gelangt der Fall in nächsthöherer Instanz vor den amerikanischen Supreme Court (SCOTUS). Das amerikanische Pendant zu unserem Bundesverfassungsgericht

Gesunder Menschenverstand erwartet, dass SCOTUS den Fall überhaupt nicht annimmt. Nicht nur ist die Forderung irrsinnig, es gibt bereits eine seitenlange Begründung, warum das vor Gericht abgeschmettert wurde.

Aber mit gesundem Menschenverstand hat amerikanische Politik nicht mehr viel zu tun: SCOTUS hat den Fall tatsächlich angenommen und Termine für Anhörungen in den April gesetzt. Was für ein Schwachsinn! Natürlich werden sie nach den Anhörungen Trumps Forderungen ablehnen, aber Trump hat jetzt genau das erreicht, was er will: Verzögerung.

Seine Prozesse können durch diese rechtlichen Fragen so weit verzögert werden, dass er vor der nächsten Präsidentenwahl nicht verurteilt wird. Und wenn er dann erstmal wieder Präsident ist, dann wird er sich selbst die Schuld erlassen. Er gibt sich selbst ein presidential pardon, und damit sind all' seine Verbrechen nichtig.

Es ist so widerlich mitanzusehen, wie SCOTUS jetzt den Parteilinien folgt und Trump seinen Aufschub gewährt. Das höchste amerikanische Gericht, das keinesfalls parteilich sein soll, ist seit der Erhebung dreier republikanischer Richter in's Amt durch Trump seiner Legitimität beraubt worden.

Es ist der letzte Akt für die Demokratie in den USA, bevor sie die Bühne verlässt.

post scriptum: Ich werde nicht gern politisch, aber vielleicht sollten uns diese Entwicklungen ein Mahnmal sein, denn der Rechtsruck in Deutschland ist nicht totzuschweigen. Er findet sich in kleinsten Äußerungen wieder: "Ich setze mich im Café immer an den Zweiertisch am Rand, damit mir die Ausländer nicht zu nah auf den Buckel rutschen." - "Was soll ich mit so einem glitzernden Kunststoffgürtel anfangen? Die Türken, die mögen sowas ja."

Es beginnt mit der Sprache.

Donnerstag, 22. Februar 2024

Eine unglaubliche Rolltreppe!

Tucker Carlsons "Ich bin dumm"-Gesicht hat eine Masche...

Gezielte Verblödung.

Tucker Carlson war einmal stramm rechtskonservativer Kommentator bei'm amerikanischen Sender Fox News. Sehr konservativ: Damit die Männer nicht ihre Männlichkeit verlieren, wie es ja angeblich seit einigen Jahren der Fall ist, hat Tucker Carlson Werbung für testicle tanning gemacht. Tucker ist sich wirklich für nichts zu schade, er ist ein Opportunist, der sich bei einem rechten, ultrakonservativen, sozial abgehängten Publikum anbiedert. Er mag eine Witzfigur sein, aber er richtet ernsthaften Schaden an.

Denn Tucker Carlson ist nicht dumm. Seine persona vor der Kamera ist es - er gibt sich als extrem dumm aus, um "die einfachen Leute" (normal people) zu erreichen, und es funktioniert leider. Sie fressen ihm aus der Hand. Tucker war der erfolgreichste Moderator bei Fox, bis eine seiner extremen Spitzen ihn endlich den Job gekostet hat - irgendwo musste Fox seine Grenze ziehen, fein. 

Aber was macht Tucker Carlson jetzt? Er hat keinen Sender mehr, aber er hat immer so sein (viel zu großes) Publikum - und das bedient er auch weiterhin mit seiner gespielt blöden, "authentisch" einfachen Art. Warum macht er das? Weil der Kreml sich das Einiges kosten lässt. Tucker bezieht ein ordentliches Gehalt aus Moskau für einen Trip nach Russland, von wo er Dinge sendet, die dümmer nicht sein könnten; es ist erschreckend, dass in den USA so viele Menschen das abkaufen.

In seiner Dokumentation lobt er die Moskauer U-Bahn - das immerhin vollkommen zu Recht. Das Moskauer U-Bahn-Netz ist eines der größten und schönsten der Welt, wenn man sich mal die Zeit nimmt, die Bahnhöfe zu bestaunen. So etwas haben wir in Deutschland nur ansatzweise - zum Beispiel am Westende der U7 in Berlin. Eigentlich könnte ich "U-Bahn-Fahren in Moskau" auf meine bucket list setzen (die ich sowieso einmal überarbeiten muss).

Aber dann staunt Tucker Carlson über einen russischen Supermarkt, in dem es etwas ganz Unglaubliches gibt. Tucker tut so, als hätte er das noch nie gesehen ("I'm figuring this out just now!") - auch hier wieder, um sich anzubiedern, bei seinem Publikum und bei'm Kreml. Eine Rolltreppe. Für Einkaufswagen. Und die Einkaufswagen bleiben stehen und rollen nicht zurück. Was für eine Erfindung! Hätten wir doch auch so etwas Tolles!! Kein Wunder, dass Jon Steward sich darüber lustig gemacht hat (im Video ab 1:50).


 

Vom desaströsen Interview mit Putin habt Ihr vielleicht gehört - Tucker als Stichwortgeber und Echokammer, mehr nicht. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass es so viele Menschen gibt, die ihm das abkaufen. Die ihn dafür vergöttern. Die ihm Geld schicken, um ihn zu unterstützen. Und diese vielen Menschen sind mittlerweile im amerikanischen Kongress angekommen, im Repräsentantenhaus, In Form einer Marjorie Taylor Greene oder einer Lauren Boebert. Dummheit macht Politik, na danke. Kein Wunder, dass Trump kommt.

Liebe KollegInnen, wir haben einen Auftrag, die junge Generation so zu bilden, dass sie nicht dieser Dummheit verfallen. Dass sie Dinge hinterfragen, dass sie sie nicht einfach hinnehmen.

Was wohl passiert, wenn Dummheit die Welt regiert?

post scriptum: Zu einem gewissen Grad tut sie das schon jetzt, aber das Niveau sinkt immer weiter ab, und das kann einem Angst machen.

Samstag, 26. August 2023

Tag 26 - Warum ich Wordle liebe...


...und mir nur dafür - beziehungsweise ein Feature davon - ein Abonnement der New York Times (NYT) zugelegt habe:

Ihr wisst, ich liebe Sprache. Ich liebe ihre Fähigkeit, komplexe Konzepte zu vermitteln, die uns sonst zu beschreiben überfordern würden. Ich liebe ihre Wandelbarkeit - dass sie immer im Wandel ist, und das ("Durchschnitts-")Englisch von heute bereits ein völlig anderes ist als noch vor einer Woche; früher hätten Amerikaner bei corona an den Lichtkranz bei einer Sonnenfinsternis gedacht, heute denken sie zuerst an Covid-19.

Das fasziniert mich unglaublich, und ich bin gierig darauf, immer mehr über Sprache zu lernen. Dieses Wissen hat interessante Effekte: In meinem Amerikaurlaub hat niemand, mit dem ich mich unterhalten habe, gemerkt, dass ich Deutscher bin, ich bin voll mit dem Freizeitparkleben dort verschmolzen, als hätte ich nie was Anderes gemacht. Die Erkenntnis bei den Amis war dann immer wieder interessant im Gesicht abzulesen ;-)

Alles nur durch Sprache. Und ich bin mir immer bewusst, dass meine Englischkenntnisse noch extrem fehler- und lückenhaft sind (eine Frage der Relation). Damit ich merken kann, wie gut ich das gesamte englische Vokabular kenne, spiele ich Wordle von der NYT - ja, ich weiß, ich muss doch kein wandelndes Wörterbuch sein. Aber ich möchte es gern, es macht mich glücklich und erfüllt mich mit Zufriedenheit und Ausgeglichenheit und Ruhe.

Wer es nicht kennt: Man hat sechs Versuche, ein fünfbuchstabiges englisches Wort zu erraten, so wie das Spiel Mastermind früher: Man bekommt einen farbigen Hinweis, wenn ein Buchstabe im Wort vorkommt, aber an anderer Stelle, beziehungsweise wenn der Buchstabe genau richtig liegt.

Und nachdem man das Rätsel, das jeden Tag um exakt null Uhr Ortszeit (also für uns um Mitternacht) neu gestartet wird, gelöst hat, kann man sich mit einer künstlichen Intelligenz in Verbindung setzen, dem WordleBot, und für den brauche ich das Abo. Der Rest, das Spiel, ist kostenlos. Der Bot gibt mir dann in mehreren ausführlichen Erläuterungen eine Analyse, welche Rolle skill, also Fertigkeit, und luck, also Glück bei meinen Versuchen gespielt haben. 



 


Ich finde das wahnsinnig interessant, vor allem, weil ich dann auch erfahre, wie gut mein Skill und meine Wortkenntnisse gegenüber dem Durchschnitt der NYT-Leser sind, und somit weiß ich, ob ich noch mehr lernen muss oder "genug" weiß. Was natürlich niemals passieren wird. ;-)

Und damit ich mich auf die Analyse des WordleBot verlassen kann, spiele ich nach sehr strengen Regeln: Ich rate aus dem Kopf. Ich schlage keine möglichen Wörter nach, weder im dictionary noch online. Das führt dann eben dazu, dass ich keine hundert-Prozent-Quote habe; ja, ich habe es zweimal nicht erraten. Ich bin irgendwie stolz auf die Quote und die strenge Regeleinhaltung.

Ich liebe Wordle. Ich bin ein Wordler. Ich liebe Lernen. Und Sprache. Und das Leben an sich.

Samstag, 8. April 2023

Ist das noch demokratisch?

Irgendwie musste ich daran denken...

Die Amerikaner sind stolz auf ihre Demokratie - beziehungsweise ihre Interpretation des Begriffs, abhängig von der politischen Orientierung. Ist das nicht toll: Es gab vor gut einer Woche mal wieder ein school shooting, viele Menschen sind danach auf die Straße gegangen für gewaltfreien Protest und den Schrei nach strengeren Waffengesetzen. Unter den Protestierenden waren auch zwei Mitglieder des Parlaments von Tennessee. Ex-Mitglieder, kann man jetzt sagen, denn sie wurden daraufhin quasi gefeuert. Zwei African Americans weniger, und der Aufschrei ist enorm. Pikant: Die weiße Abgeordnete, die ebenfalls mitdemonstriert hatte, darf bleiben.

Was hat das noch mit dem Recht auf Meinungsfreiheit zu tun? Stimmen, die uns nicht passen, werden einfach unterdrückt? Parlamente "gesäubert"?

Ob die USA wirklich noch eine Demokratie sind, kann ich seit ein paar Jahren nicht mehr beurteilen. Das alles erinnert mich an den Churchills Ausspruch "Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen - ausgenommen alle anderen." Demokratie ist anstrengend und erfordert die Bereitschaft, mit entgegen gesetzten Meinungen in einen Diskurs zu gehen. Das ist letztlich einer der Hauptaspekte der Oppositionsarbeit - Probleme und Alternativen aufzuzeigen, damit es nicht zu einer Autokratie kommt. Interessenvertretung aller Teile der Gesellschaft, die an den Wahlen teilgenommen haben.

In den USA wird die Schlammschlacht (die große Buba sagt Schwammsch-eh-wacht) immer niveauloser, hat mittlerweile zumindest seitens vieler Republikaner nichts mehr mit politischen agenda zu tun, sondern mit Diffamierung der anderen Partei. Laut Marjorie Taylor Greene sind die Demokraten alle Pädophile, das könne man an der "Frühsexualisierung" der Kinder ablesen. Und die Tante hat momentan durch ihre Posten zumindest ein Sprachrohr für den Scheiß, den ihr Gehirn mitunter absondert. Änderung, nicht "mitunter", sondern "ständig". MTG ist die Frau, die die kalifornischen Waldbrände auf Jewish space lasers zurückgeführt hat.

Dagegen sind die Vorgänge in unserem Bundestag fast schon intellektuell, dürfen fast schon als "Politik" bezeichnet werden. Selbst die AfD gibt in ihren Redebeiträgen hin und wieder handfeste Argumente neben den üblichen Verunglimpfungen.

Ich bin froh, dass ich kein amerikanischer Politiker bin. Angesichts der grenzenlosen Dummheit (ob Einstein wohl mal im House of Representatives gesessen hat?) würde mir längst der Kopf geplatzt sein. Was zeigt, dass ich nicht die nötige Offenheit - Stichwort Diskurs mit der Gegenseite - für demokratische Arbeit habe, so scheint es.

Aber naja, in meinem autokratisch geführten Frontalunterricht brauche ich das schließlich auch nicht.

post scriptum: Über einhundertdreißig "mass shootings" in neunzig Tagen des Jahres - die USA scheinen auf einen neuen Rekord hinzuarbeiten...

Sonntag, 29. Januar 2023

Mal drüber nachdenken


In den USA ist Anfang Januar ein schwarzer Mann bei einer Polizeikontrolle in den USA verprügelt worden und dann drei Tage später an seinen Verletzungen gestorben. Soweit (leider) nichts Neues. Wobei doch, diesmal kann man auf den Bodycams und Überwachungskameras sehen, dass es überhaupt keinen probable cause für die Kontrolle gab - der Mann wurde ohne Anlass angehalten, zu Boden gebracht und verprügelt, ohne dass er sich gewehrt oder die Beamten irgendwie anderweitig provoziert hätte. Zu hören, dass er dann von den Polizisten an den Schultern hochgehoben und ihm mehrmals in's Gesicht getreten wurde, das löst etwas Unbehagen aus, vielleicht.

Erinnerungen an George Floyd werden wach, und an Derek Chauvin, den hauptverantwortlichen Polizisten, der jetzt für eine lange Zeit wegen Mordes im Gefängnis sitzt, ebenso wie seine Kollegen für Beihilfe und unterlassene Hilfeleistung. Polizeigewalt gegen Schwarze ist nichts Neues in den Vereinigten Staaten. Es ist nicht auffällig, dass Schwarze häufiger ohne Anlass kontrolliert werden. Es ist nicht auffällig, dass mehr psychische Gewalt bei ihrer Vernehmung angewandt wird, und es ist auch nicht auffällig, dass letztlich viel schneller zum Mittel körperlicher Gewalt gegriffen wird als bei weißen "Opfern". Kein besonderer Fall eigentlich.

Eigentlich.

Was diesen Fall interessant macht ist, dass die fünf Beteiligten Polizisten allesamt ebenfalls schwarz sind. Kein einziger weißer Mann in ihrer Runde - und damit wird es etwas schwerer, diesen Fall zu bewerten. Eine Lesart, die sich schnell herauskristallisiert hat: Das amerikanische Polizeisystem zwinge auch afroamerikanische Beamte, sich zu "assimilieren" und ebenfalls gegenüber Schwarzen häufiger, leichter und mehr Verdächtigungen und Gewalt anzuwenden. Das Narrativ von der white supremacy könnte damit aufrecht erhalten werden.

Ich kann diesen Fall nicht bewerten, weil mir dazu die Nähe fehlt und jegliche politische und historische Kenntnis und Eignung. Ich finde den Fall grausig, wie jedesmal, wenn ich von ähnlich gelagerten Fällen lese. Dass nun aber Schwarze auf Schwarze losgehen - und nicht zu verstehen, ob sie es wollen oder müssen - das beunruhigt mich.

Und das wollte ich einfach teilen.

post scriptum: Ich habe jetzt die vier von der Polizei geteilten Videos des Einsatzes gesehen und sie sind nur schwer zu ertragen. Wie Nichols grundlos gestoppt wird, wie er zu Boden gebracht wird, getreten, geschlagen, mit dem Taser getroffen, weiter getreten, geschlagen, angeschrien, in's Gesicht getreten, wie die Polizisten danach lachen müssen über Aspekte des Einsatzes, und wie sie sich ein Narrativ zurechtlegen, das ihre Brutalität in dem Einsatz rechtfertigen soll - er habe eine Waffe gehabt, habe nach den Waffen der Polizisten gegriffen, habe Widerstand geleistet - alles Lügen.

Dafür ist mir in diesem Zusammenhang positiv aufgefallen, wie schnell die Polizeidirektion diesmal reagiert hat. Kein Schweigen, kein Vertuschen, kein gaslighting, sondern direkt die Veröffentlichung aller betreffenden Überwachungsvideos, direkt die Entlassung der Polizisten und ihre Anklage, unter anderem wegen Mordes zweiten Grades. Einer der ganz seltenen und willkommenen Fälle, in denen die Polizei einmal vernünftig reagiert und Menschen für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Natürlich verfolge ich diesen Fall auch in den nächsten Tagen, um zu sehen, wie das Strafmaß für diese fünf Männer ausfallen wird. Vielleicht nicht ganz so hart wie das für Derek Chauvin (den Mörder von George Floyd), aber hoffentlich angemessen im Verhältnis zur eingesetzten grundlosen Brutalität.

Es ist so typisch menschlich, dass wir denken, mit Gewalt könnten wir alles erreichen, wenn wir mit Worten nicht sofort Erfolg haben. Davon mache ich mich nicht frei - und wenn es nur das Herumschreien im Klassenraum ist. 

Es ist der alte Topos, dass die Menschheit sich selbst zugrunde richten wird. Let's go!

Montag, 7. November 2022

Eine Demokratie kippt...

Mit dem Psycho-Logo, weil es mich intensiv beschäftigt.

Morgen ist ein wichtiger Tag für die USA - es stehen die midterm elections an, Zwischenwahlen, die immer zwei Jahre nach der Präsidentenwahl stattfinden. Die Mehrheiten im House of Representatives und im Senate werden gebildet. Diese Wahlen gelten als Stimmungsbarometer für die Arbeit der vor zwei Jahren gewählten Regierung, und es sieht echt übel aus für die Amerikaner - und für ihre Demokratie.

Joe Biden hat extrem niedrige approval ratings, Vizepräsidentin Kamala Harris war in den zwei Jahren quasi nonexistent, ein Mob aus aufgebrachten Bürgern hat im Januar vor zwei Jahren das Kapitol gestürmt; dabei sind fünf Menschen um's Leben gekommen und vier Mitglieder der Capitol Police haben in der Folge Suizid begangen. 

Die Republikaner stellen zahlreiche Kandidaten auf, die die Wahlergebnisse von Zwanzig Zwanzig leugnen. Kandidaten, die sagen: "Wenn ich als Repräsentant gewählt werde, werden die Republikaner in diesem Bundesstaat nie wieder eine Wahl verlieren" - und das ist kein dahergesagter Spruch: Die Republikaner sind seit Monaten dabei, das Wahlrecht so zu verschärfen, dass in erster Linie Minderheiten darunter zu leiden haben, die für gewöhnlich die Demokraten wählen.

"Entweder wir gewinnen die Wahl, oder die Wahl wurde manipuliert" - das hat Trump vor zwei Jahren gesagt und es ist mittlerweile ein Credo der republikanischen Partei, und das macht mir Angst. Dort nähert man sich dem status quo einer Diktatur an: Freie, faire Wahlen könnten in Zukunft abgeschafft werden - wozu braucht man sie, wenn man die Wahlergebnisse sowieso nicht akzeptiert?

Die Demokratie ist eine anstrengende Regierungsform, und sie fordert Kompromisse, Zugeständnisse und Mitarbeit. Viele Amerikaner wollen diese Mühen nicht mehr auf sich nehmen. Zu sagen, dass Amerikas Demokratie bröckelt, ist nicht mehr aktuell, das konnte man schon vor zwei Jahren bei dem Angriff auf das Kapitol sehen. Wir sind mittlerweile einen Schritt weiter, und deswegen sind die Zwischenwahlen morgen so wichtig wie nie zuvor.

Eine Demokratie kippt.

post scriptum: Das wollte ich heute eigentlich mit meinem zwölften Jahrgang behandeln, aber ich habe einen Magen-Darm-Infekt und so wurde nichts daraus. Irgendwo musste ich das einfach loswerden, und ich habe Angst, dass es bei uns auch so kommen wird. Die Zeichen sind jedenfalls nicht mehr zu übersehen - in Amerika wird dem Ehemann der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi mit einem Hammer der Schädel eingeschlagen, in Deutschland wird Walter Lübcke auf seiner Terrasse hingerichtet. Wo wird das hinführen?

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Wenn Dein Kind Schul-Amokläufer wird...

Nikolas Cruz

vorweg: Der Beitrag stammt vom Wochenende.

An utterly soul-draining experience.

Mir sind keine anderen Worte eingefallen, um ein Video zu beschreiben, das ich letzte Nacht auf Youtube gesehen habe. Eigentlich wollte ich über den tollen Erlebnissonntag schreiben, den die große Buba und ich - jeder auf seine Weise - hatten, aber jetzt ist es drei Uhr morgens und ich muss ein paar Gedanken festhalten.

Und es tut mir leid, wenn es vielleicht "langweilig" wird, aber es geht mal wieder um school shootings in den USA, genauer um den Amoklauf an der Marjorie Stoneman Douglas-High School in den USA (Parkland, Florida). Ich habe in den Nachrichten das Strafmaß für den jungen Mann gesehen, für den die Anklage die Todesstrafe beantragt hatte. Die Jury hat sich zu lebenslänglich ohne Bewährung durchgerungen, und das fand ich faszinierend, weil ich wissen wollte, warum diese "Gnade" gezeigt wurde. 

Immerhin gibt der Schütze, Nikolas Cruz, in den Gesprächen mit Psychologen ein Bild wieder, das ich definitiv als chilling bezeichnen würde; außerdem hatte ich Tränen in den Augen, weil ich das Verhalten des jungen Mannes in diesen vierzig Minuten Video nachvollziehen konnte. Wie er da sitzt und ganz sachlich, total engagiert beschreibt, was er über Waffen weiß, wie er in seiner Kindheit Tiere gequält hat und wie er die Schüler an seiner ehemaligen Schule erschossen hat.

Das war allerdings "nur" chilling, nicht soul-draining. Spannender wurden dann zwei vorgeschlagene Videos mit Zeugenbefragungen von Nikolas' Schwester und einer früheren Bekannten von Nikolas' Mutter. Da haben sich Abgründe aufgetan und ich habe Teile des Videos eben gerade mit Tränen in den Augen hier am Schreibtisch verbracht. 

Jene Bekannte erzählt von ihrem Leben als Prostituierte, zusammen mit Cruz' Mutter. Beide ständig unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen, um den Alltag aushalten zu können. Sie erzählt sehr anschaulich, in welches Umfeld Cruz hineingeboren wurde, fetales Alkoholsyndrom inklusive, natürlich. Es ist spannend zu sehen, wie die Bekannte mittlerweile von der Straße runter ist und sich einsetzt und Frauen wie ihrem früheren Ich hilft. 

Der ganze Fall zeigt, wie wichtig das kindliche Umfeld für die Entwicklung ist, und diese Videos haben mir das Herz gebrochen - es bricht jedes Mal, wenn ich sehe, wie jemand komplett aus dem Leben abgerutscht ist. Und mittlerweile verstehe ich, warum drei Juroren gegen die Todesstrafe waren.

Bitte versucht, Euren Kindern eine sichere Kindheit zu geben!

post scriptum: Ich bin in jedem Fall gegen die Todesstrafe. Ihr?

Freitag, 14. Oktober 2022

Die Grenzen der Redefreiheit

Kann nun nicht mehr ganz so sorglos herumschreien: Alex Jones

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Ein beliebter Satz in der rechten Szene, auch bei den anti-wokeness-Verfechtern. In der Tat, in vielen Ländern der Welt darf man seine Meinung frei äußern, inklusive Lügen (das nennt sich dann Politik) und Beleidigungen. Hass, Hetze und üble Nachrede stellen dagegen die Grenzen der Redefreiheit dar. Und was ist, wenn man einfach nur harmlose Behauptungen aufstellt?

Alex Jones ist mit dieser Frage konfrontiert worden. Der amerikanische Radiomoderator haut mit seinem Programm InfoWars gern Verschwörungstheorien und allerlei Humbug raus. Dazu gehören auch Unterstellungen gegen die demokratischen Politiker - alles, was sein Publikum begeistert, zu dem neben einigen incels generell Menschen gehören, die auf irgendwas schimpfen wollen und sich von der Politik allein gelassen fühlen. Quasi ein amerikanisches AfD-Programm.

Jones verdient damit viel Geld, denn in seinem Onlineshop verkauft er unter anderem Kleidung und Nahrungsergänzungsmittel, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass er sich an eine uwah uwah-Bevölkerung richtet, tendenziell eher niedriges Bildungsniveau, blue collar workers, sozial Abgehängte, und dass er ihre Lage eiskalt ausnutzt.

Darf er das einfach? Seine Karriere auf Lügen aufbauen? Na klar, so lange es ein Publikum gibt, das bereit ist, dafür zu zahlen. Allerdings wurden ihm jüngst die Grenzen dessen aufgezeigt, was er behaupten darf.

Sandy Hook - einer der vielen Namen in der Reihe von Columbine, Stoneman Douglas und Hunderten mehr. Schulen, in denen ein Amokläufer Menschen erschossen hat. Diese Amokläufer sind durchgehend Männer - macht daraus, was Ihr wollt. Die Schicksale der Familien, die ein Kind verloren haben, sind sehr berührend; ich kann da nicht anders, als Mitleid zu empfinden (ja, sowas kann ein Aspi auf seine eigene Art).

Auftritt Alex Jones, der über zehn Jahre lang immer wieder behauptet hat, Sandy Hook sei eine false flag attack gewesen, eine Inszenierung mit Schauspielern, von der Regierung organisiert als Gehirnwäsche. Er hat das in seinen Sendungen auch sehr gründlich bearbeitet - dieser Mann zeigt zu wenig Emotionen, jener Mann zu viel, und außerdem habe man ja die angeblich ermordeten Menschen danach durch die Stadt gehen sehen. Alle haben sie gesehen! Das weiß doch jeder!

Verschwörungstheoretiker fahren darauf ab. Klicken auf InfoWars. Kaufen im Onlineshop ein. Machen Alex Jones reich. Für die tatsächlich Betroffenen dieser (natürlich) realen Katastrophen ist diese Masche ein Schlag in's Gesicht. Nicht nur, dass geleugnet wird, dass man einen Mitmenschen verloren hat; die Familien der Opfer werden bedroht und öffentlich lächerlich gemacht. 

In dieser Sache zumindest ist jetzt Schluss. Die Familien der Sandy Hook-Opfer haben Zivilklage erhoben, und Jones war im Gericht so dämlich, wie man nur sein kann; die Jury durfte live erleben, was für ein Mensch er ist. Das Urteil tut richtig weh: Jones muss insgesamt neunhundertfünfundsechzig Millionen Dollar Schadensersatz an die Familien zahlen. Ob ihm das wehtut? Ob ihn das nachdenken lässt?

Natürlich nicht. Er hat sich direkt in Videos über das Strafmaß lustig gemacht, die Familien hätten Pech, denn sein Unternehmen habe Insolvenz erklärt und wo soll dann das Geld herkommen?

Aber das Signal an die Öffentlichkeit ist wichtig: Redefreiheit hat ihre Grenzen.

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Reichsbürgerquatsch mit Soße & PCR


Reichsbürgerquatsch mit Soße

Man hört ja immer mal wieder von diesen Menschen, die davon überzeugt sind, dass unsere Gesetze für sie nicht gelten. Reichsbürger sind ein echtes Ärgernis für Ämter und Polizei, weil sie denken, sie könnten sich alles rausnehmen, und manchmal frage ich mich, ob das nur eine Masche ist oder in Richtung psychische Erkrankung geht.

Ich dachte, das wäre etwas typisch Deutsches. Reich und so. Aber nix da, die Bewegung scheint auf Amerika zurückzugehen, wo sich diese Menschen sovereign citizens nennen, kurz sovcit. Es hat immer etwas von Fremdschämen, wenn man so einen Sovcit in Aktion erlebt. Auf der anderen Seite ist es auch unglaublich faszinierend zu beobachten, und deswegen verfolge ich derzeit den Prozess US v Darrell Brooks. Brooks hat vor ein paar Jahren in Waukesha sein Auto in eine Weihnachtsparade gesteuert, dabei sechs Menschen getötet und mehrere weitere verletzt.

Brooks versteht überhaupt nicht, wer ihn anklagt, und das nimmt er sich zur Verteidigung. Für einen Sovcit versteht es sich von selbst, dass er sich vor Gericht selbst verteidigt, und das Ganze wird im Internet übertragen. Es läuft mal wieder alles darauf hinaus: Ich liebe es, menschliches Verhalten zu beobachten. Die Sache ist außerordentlich unterhaltsam.

PCR

Und dann kam heute morgen erstmal ein Schreck. Netterweise lagen in unseren Fächern in der Schule wieder Corona-Testpakete, und ich teste momentan immer montags und donnerstags. Das kann ich mir gut merken, mo/do sind auch die Tage, an denen ich Elmex Gelee verwenden soll. Also habe ich heute einen der neuen Tests gemacht - positiv. Ich war ja sowieso schon etwas paranoid, weil die letzten drei Tests, die ich benutzt habe, und die mir "negativ" bestätigt hatten, lila verlaufene Linien hatten, das hatte ich vorher noch nie. 

Klar geht dann die Alarmglocke wieder an, Schule abgesagt und direkt zum Bootshafen für einen PCR-Test. Interessant: Als ich mich vor Monaten das erste Mal dort für einen Testtermin anmelden wollte, gab es kaum noch freie Termine - mittlerweile macht kaum noch jemand diese PCR-Tests, offensichtlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon vor einer halben Stunde einen Anruf bekommen habe mit dem negativen Testergebnis. Aufatmen. 

Man wird... korrigiere, ich werde doch etwas paranoid, weil das Treppensteigen immer noch erstaunlich anstrengend ist, damit hatte ich sonst keine Probleme, insofern hätte ich mir gut vorstellen können, dass ich noch immer krank bin.

Was für eine letzte Schulwoche. Es ist chaotisch und es wird vermutlich nicht besser werden.

Samstag, 30. Juli 2022

"Warum brauchen fette Frauen Abtreibungen?"

Olivia Julianna

"Why is it that the women with the least likelihood of getting pregnant are the ones most worried about having abortions? Nobody wants to impregnate you when you look like a thumb."

"These people are odious from the inside out. They're like 5'2'', 350 pounds, and they're like Give me my abortions or I'll get up and march and protest."

Diese außerordentlich liebenswürdigen Worte stammen von Matt Gaetz, einem Abgeordneten des amerikanischen Repräsentantenhauses. Ein Politiker - das ist also das Niveau, auf dem gegenwärtig in den USA in der Politik debattiert wird. Ich hoffe, dass es bei uns nicht dazu kommen wird.

Allerdings schreibe ich diese Story nicht als Aufreger, sondern wegen einer der Folgen, die Gaetz' Worte hatten, denn das ist eine herzerwärmende Geschichte, die ich unbedingt mit Euch teilen möchte. Beteiligte Person ist Olivia Julianna (die ihren Familiennamen klugerweise nicht bekannt gegeben hat), neunzehn Jahre alt, Aktivistin für Abtreibungsrechte der Frauen und - fett. Und sie hat Gaetz auf seinen Kommentar bei Twitter angesprochen und als Reaktion einen fundraiser gestartet, eine Spendenaktion für ihre Gruppe von AktivistInnen, die sich für Frauenrechte einsetzen. 

Es ist toll, was sich daraus entwickelt hat: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hat Julianna fünfzigtausend Dollar an Spenden gesammelt und eine "Dankeskarte" an Matt Gaetz getweeted:


Am dritten Tag hat die Aktion bereits über anderthalb Millionen Dollar an Spenden gesammelt. Ich bin SO begeistert, dass es Frauen gibt, die solche Aktionen starten. Und dass es Menschen gibt, die diese Frauen unterstützen. 

Und die Matt Gaetz klarmachen, was für ein armseliges Würstchen er ist.

Sonntag, 12. Juni 2022

"Reclaiming my time."

Ein echtes Schlachtschiff: Katie Porter

Als Teenager hätte ich im Leben nicht gedacht, dass mir Politik einmal soviel Spaß machen würde. Und heute sitze ich da und verfolge MSNBC und C-Span und feiere meine eigene kleine Party. Aber von Anfang an.

Es gibt ein paar amerikanische Politiker, die mir sehr sympathisch sind und denen ich gern zuhöre, zum Beispiel die SenatorInnen Elizabeth Warren, Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez ("AOC"). Ich mag ihren bissigen Stil, und wie sie es schaffen, in den Anhörungen den Finger immer direkt in die Wunde zu legen und keine deutliche Sprache scheuen, wenn sie die Tricks und Betrügereien von Politikern und Geschäftsführern (CEOs) auf's Tapet bringen (maskulinum, weil es - leider - zum allergrößten Teil Männer sind, die Mist machen).

Nun gibt es seit ein paar Jahren eine freshman congresswoman, eine neugewählte Kongressfrau, die ordentlich auf den Putz haut. Ich dachte bei Katie Porter erstmal nichts Besonderes, schien eine unauffällige Dame zu sein, aber wenn sie in den Anhörungen den Mund aufmacht, dann werden die Angehörten schnell ganz klein: Sie ist immer extrem gut vorbereitet, sie befolgt eine goldene Regel ("Stelle niemals eine Frage, auf die du die Antwort nicht weißt") und sie macht sehr schnell klar, wer hier das Sagen hat.

Und das ist im Kongress ganz genau festgelegt: Jeder Abgeordnete hat das Recht auf fünf Minuten Rede und Fragen an den Angehörten. Weil das auf die Sekunde genau abgemessen wird, ist es their time, ihre Zeit; das bedeutet, dass Katie Porter und jeder andere Abgeordnete mit diesen fünf Minuten machen darf, was sie will.

Nun wissen wir, dass einige Politiker und CEOs pikanten Fragen gern ausweichen, sei es mit Platitüden oder ausweichend-aufgeblasenen Antworten a la "Vielen Dank, Kongressfrau, für diese Frage, und zuerst einmal muss ich ihnen mein Kompliment aussprechen, wie sorgfältig sie diese Sitzung vorbereitet haben blablablablablabla..." - das Ziel ist es eindeutig, die fünf Minuten Redezeit möglichst selbst zu füllen, damit so wenig bohrende Fragen wie möglich kommen.

Es gibt allerdings eine Redeformel, die das verhindern soll: Reclaiming my time. Übersetzt in etwa "Ich fordere meine Zeit zurück!" oder "Seien sie still, sie weichen aus, sie reden Unsinn, sie stehlen mir meine Zeit." Als "anständiger" Angehörter stoppt man dann sofort seine Antwort. Manche sind allerdings so dreist, dass sie ununterbrochen weiterreden, und dann sogar der Kongressperson Unverschämtheit vorwerfen dafür, dass sie nicht ausreden dürfen. Sie sind damit im Unrecht.

Ich finde es so herrlich, wie sinnvoll, wie stringent und gnadenlos Katie Porter davon Gebrauch macht und man dann das dümmliche Gesicht des Angehörten sieht. Wer das einmal erleben möchte, für den gibt es zwei kurze Videos - einmal Maxine Waters im Gespräch mit dem damaligen Finanzminister Steven Mnuchin (unter Trump), der sie dann anpampen möchte, aber direkt zurechtgewiesen wird (00:40-04:00 [ein besonderer Genuss ist ihr gebetsmühlenartig wiederholtes "reclaiming my time" inklusive Blick bei 02:30] - she kills me EVERY time!):


Und einmal eben jene Politiker grillende und Geschäftsführer durch die Mangel drehende Katie Porter, die ich mittlerweile auf Youtube abonniert habe, weil sie mich auch weiterhin an gute PolitikerInnen glauben lässt (auch die Kommentare darunter lohnen sich):


Und mir macht es wirklich Spaß, das zu beobachten. Hätte ich niemals gedacht, aber das ist genau meine Art von Humor, wenn diesen Labersäcken endlich mal das Maul gestopft wird. Hätte ich selbst gern so manches Mal in meiner Zeit im Kieler Studierendenparlament gesagt. Und falls Ihr mich nun zutexten wollt:

Reclaiming my time. Hier gibt's jetzt Videospiele.

post scriptum: Ja, ich bin mir bewusst, dass niemand sonst das witzig findet. Aber wisset Ihr, dass ich hier gerade mit Magenkrämpfen bei einem Lachanfall fast gestorben wäre. Die große Buba kennt das, das ist schon kein Lachen mehr, sondern ein Pfeifen aus den letzten Löchern. Äi käi äi es geht mir heute gut.

Mittwoch, 25. Mai 2022

And... again.

Symbolbild, Oxford hat nix damit zu tun

"He shot and killed, horrifically, incomprehensibly..." (Greg Abbott, Texas' Governor)

Ich würde ja schreiben "Es geht schon wieder los", aber passender wäre wohl "Es hört einfach nicht auf." - ein Achtzehnjähriger hat an der Robb Elementary School in Uvalde, Texas mindestens neunzehn SchülerInnen und zwei Erwachsene erschossen. Die Waffe hat er sich kurz zuvor gekauft, direkt nach seinem achtzehnten Geburtstag.

Jetzt wird es in den USA ablaufen, wie es immer abläuft in diesem Zweiparteienland mit seiner gun lobby: Die Demokraten werden laut nach strengeren Waffengesetzen schreien, die Republikaner werden zurückschreien, dass jetzt nicht der Zeitpunkt sei, um über gun control zu reden, jetzt müsse man erstmal trauern. Und es wird nichts passieren - da können Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris noch so fassungslos sein und Beflaggung auf Halbmast für den Rest der Woche anordnen. Sie kommen nicht gegen die einflussreiche Waffenlobby an, in einem Land, das die Wörterbuchdefinition von trigger happy darstellt.

Das muss man sich mal vorstellen. Diese GrundschülerInnen haben überhaupt nichts verbrochen, und jemand kommt und erschießt sie nacheinander mit zwei assault rifles (Sturmgewehren). Und dann soll mir nochmal irgendjemand erzählen, die Szene in Gus Van Sants Elephant (2003) sei unrealistisch: An einem ganz normalen Schulvormittag, an dem jeder seinen Tätigkeiten in einer High School nachgeht, betreten zwei Schüler das Gebäude und erschießen systematisch Mitschüler und Lehrer. Emotionslose Darstellung, unsentimental, ohne Glamor, ohne Erklärung.

"incomprehensibly" sagt Greg Abbott - unverständlich, nicht nachvollziehbar sei diese Tat gewesen. Unverständlich? Unbegreiflich?? Was erwartet ihr denn, wenn in eurem Land jeder volljährige Einwohner Zugriff auf eine oder mehrere Waffen haben kann? 

You're fucking kidding me. 

This will never stop.

post scriptum: Hier gibt es eine knapp dreiminütige, sehr emotionale Rede von Steve Kerr, Basketballcoach, vor einem anstehenden Spiel, in der er sich über die Bedeutungslosigkeit der Schweigeminuten und die Machtlosigkeit angesichts des Senats aufbringt:

Hier geht's zum Video der Ansprache

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Auf einmal demokratisch?


Der amerikanische Präsident Biden hat das ganz bewusst provoziert: Er hat einen Demokratiegipfel stattfinden lassen, an dem sich über einhundert Länder beteiligt haben, mit den Fragen, wie Demokratie funktioniert, wie sie bewahrt werden kann und was der Dinge mehr sind. Explizit ausgeladen wurden Russland und China, alles Andere wäre bar jeden gesunden Menschenverstandes gewesen.

Und dennoch ist China offensichtlich richtig sauer darüber, dass der Welt gezeigt wird, das Einparteienland sei keine Demokratie. Ganz im Gegenteil, tönt es aus propagandistischen Medien, Chinas Demokratie funktioniere sogar besser als die westliche, denn dort habe man die Pandemie unter Kontrolle, während es in den USA hunderttausende Tote zu beklagen gibt.

Was für eine Logik. Klar hat man das in China unter Kontrolle: Da wird jeder geimpft, ob er will oder nicht. So etwas wie Querdenker gibt es offiziell nicht. Völlige Gleichschaltung unter Regierung der Kommunistischen Partei. Better known as: Diktatur. Dass eine Diktatur auf die amerikanische Provokation hin behauptet, eine Demokratie zu sein, und in diesem Zug den Demokratiebegriff völlig neu definiert (in China war zuvor jeder Andersdenkende demokratisch gesinnt), das findet in meinem Kopf kein Platz.

Für wie blöd wird der Westen eigentlich gehalten? Sicher, er bietet reichlich Angriffsfläche, aber das ist echt was ganz Neues.

Samstag, 4. Dezember 2021

Eltern und Verantwortung


Es hört einfach nicht auf.

Vor ein paar Tagen gab es in den USA ein weiteres school shooting - es ist deprimierend, dass der Begriff dort mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch aufzufinden ist. An der Oxford High School in Michigan hat ein fünfzehnjähriger Schüler vier Menschen mit einer Handfeuerwaffe getötet und sieben weitere verletzt. Und, wieder einmal, hätte das alles vermieden werden können - aber nicht nur durch strengere Waffengesetze, denn:

Es gab eindeutige Hinweise auf düstere Gedanken des Teenagers, Zeichnungen von Gewaltphantasien, Terrorismusdrohungen gegen die Schule, ein abgetrennter Tierkopf, der vom Dach der Schule geworfen wurde (es klingt alles wie im Film, und das ist erschütternd), Hinweise, die im Unterricht ebenso einkassiert wurden wie eine Onlinesuche auf dem Smartphone nach Munition - und die Waffe? Die hatte der Vater vier Tage zuvor zusammen mit dem Sohn eingekauft; wie die Mutter in sozialen Netzwerken postete, als "Weihnachtsgeschenk" für den Sohn.

Diese Waffe wurde dann in einer unverschlossenen Schublade im Haus aufbewahrt, auf die der Sohn jederzeit Zugriff hatte. Behalten wir also im Kopf: Der Vater hat die Waffe zusammen mit dem Sohn eingekauft. Sie wurde unverschlossen aufbewahrt. Die Gewaltphantasien des Jungen waren bekannt. Die Drohungen gegen die Schule waren bekannt. Die Mutter hat ihrem Sohn eine SMS geschrieben - mit einem LOL dazu - dass er nur lernen muss, sich nicht schnappen zu lassen. Bang bang you're dead, der Rest ist Geschichte. 

Es ist wieder einmal alles so abgelaufen wie in Gus Van Sants Film Elephant (2003), meiner Meinung nach der beste Film über Amokläufe an Schulen, den es gibt - weil er beobachtet und nicht kommentiert oder wertet, und damit eine exzellente Diskussionsgrundlage für die Schule gibt. The banality of evil, diesen Ausdruck gibt es im Englischen.

Was diesen Amoklauf jetzt besonders interessant zu verfolgen macht, ist nicht der Umstand, dass ein Fünfzehnjähriger nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden wird (und ihm damit lebenslange Haft droht), sondern dass beide Eltern ebenfalls angeklagt werden mit dem Strafbestand involuntary manslaughter - da sie durch ihre Nachlässigkeit zur Durchführung dieses Amoklaufs maßgeblich beigetragen haben.

Ich persönliche finde das gut und ein wichtiges Zeichen - liebe Eltern da draußen, wie seht Ihr das?

Sonntag, 7. November 2021

Filmgenuss mit Botschaft

Szene aus Candyman (2021)

Ein Film, der die Effekte der Gentrifizierung sozial schwächerer Viertel amerikanischer Großstädte aufzeigt. Ein Film, der Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern anprangert. Der in der Kunstszene spielt. Der selbst künstlerisch ansprechend ist. Der seine Sozialkritik mit rabenschwarzem Humor verbindet. Der gender fluidity wie selbstverständlich zeigt und uns gleich zu Beginn ein interracial gay couple zeigt, das tatsächlich eine wichtige Rolle spielt. Für mich klingt das wunderbar. Oh, und es ist ein Horrorfilm. Und so viel mehr.

Das verwundert nicht, wenn man sich anschaut, wer dahinter steckt - Jordan Peeles Monkeypaw Productions; der gute Mann hat uns mit Get Out und Us bereits zwei psychological horror films präsentiert, die sich mit racial injustice and the Black Experience in den USA auseinandersetzen. Diesmal handelt es sich um einen übernatürlichen Slasherfilm und Nia DaCosta hat Regie geführt. Dass es kein Standard-Slasher vom Fließband ist, zeigen die ersten zehn Minuten des Films: Die Auflistung der Produktionsfirmen verläuft etwas anders als üblich, und die opening credits zeigen uns eine Kamerafahrt durch soziale Wohnungsbauprojekte in den USA - konkret das Cabrini-Green - allerdings mit überkopf gehaltener Kamera, die die Hochhäuser nach oben filmt. Wenn man die vorbeigleitenden Wolkenkratzer betrachtet, deren Spitzen im Nebel verschwinden (gleichzeitig ein flashforward aus den Siebzigern in die Gegenwart), und dazu die abstrakte Musik hört - eindringlich-hypnotisierend, aber kein Ohrwurm - hat man eher das Gefühl, man schaut einen Science Fiction-Film mit in den Wolken schwebenden Gebäuden. Muss nicht extra erwähnt werden, dass ich mir die gesamte Sequenz wieder und wieder angesehen habe.

Und so geht es den gesamten Film über: Unkonventionelle Kameraarbeit und eine Regisseurin, die wenig Gewalt direkt zeigt (in den Mordszenen), aber über Musik und Geräusche mit unseren Vorstellungen spielt. Und sie gleichzeitig immer wieder überrascht: DaCosta liebt das Spiel mit der misdirection, der In-die-Irre-Führung: Man erwartet anhand bestimmter Kameraperspektiven dramatische Entwicklungen, aber sie enthält sie uns vor. Eine der Mordsequenzen erinnert an eine Einstellung aus dem neuen Halloween, in der die Kamera außerhalb des Hauses bleibt und durch die Fenster beobachtet, wie drinnen das Chaos ausbricht.

Horror in der Künstlerszene

Der Film ist definitiv auch durch George Floyd und sämtliche zeitgenössischen Enthüllungen amerikanischer Polizeigewalt inspiriert - die tagline des Films lautet nicht ohne Grund "Say his name!" Die deutsche Filmkritikerin Antje Wessels zieht folgendes Fazit: 

"In seiner stilistisch herausragenden Mischung aus abgebrühtem Killerfilm, Rassismusanklage und Psychodrama um einen von seiner Muse vereinnahmten Künstler ist „Candyman“ einer der besten Filme des Jahres und mit Sicherheit der Startschuss für eine spannende Karriere der Regisseurin Nia DaCosta."

Candyman | Wessels-Filmkritik.com

Ich freue mich schon, wenn im Dezember die Bluray veröffentlicht wird.

post scriptum: Wieder ein moderner Horrorfilm, der in der Künstlerszene veranlagt ist - das erinnert mich an die schwarze Horrorsatire "Velvet Buzzsaw" ("Die Kunst des toten Mannes") mit Toni Colette und Jake Gyllenhaal ;-) Aber der hier hat mehr zu sagen.