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Freitag, 11. März 2022

Brief an...

Dr Hilarius und Mr Beka

vorweg: Name geändert.

Hey Mr Beka,

erinnerst Du dich noch an mich? Es ist jetzt genau zehn Jahre her, dass ich Dich besucht habe. Ich fand Dich immer irgendwie cool, und wollte wissen, wer sich hinter dem Avatar bei Eve&Rave verbirgt. Wer der Typ hinter dem Pop Art-"Dude, WTF?"-Lächeln ist. Und wir haben uns hin und her geschrieben, hier und da mal über Skype telefoniert, und Du wusstest, dass ich ein bisschen in Dich verknallt war. Alles kein Problem! Und Du hast meine Erfahrungen mit der Substanz K akzeptiert. Deine Offenheit hat mich beeindruckt. Mittlerweile weiß ich, warum ich eigentlich nie zu unbekannten Menschen gefahren bin, gerade wenn sie auch noch einige hundert Kilometer entfernt wohnen; trotzdem bin ich in den Zug zu Dir gestiegen.

Die Zeit, die wir bei Dir verbracht haben, war ein Auf und Ab - ich werde nicht vergessen, wie schön es war, zusammen auf Deinem Bett rumzuhängen, bisschen zu kuscheln, das Suchtpräventionsvideo für die Schüler aufzunehmen, mit Deiner Ma zu reden, aber ich werde auch nicht vergessen, wie ich Dich zur Substi begleitet habe, die Platte, die Straßenbahn, wie ich heulend bei Dir zusammengebrochen bin, weil die Erkenntnis zu viel für mich war, dass Dein Leben tatsächlich seit dem einen Schuss Heroin dermaßen den Bach runter gegangen ist. Das hat mir die Augen geöffnet, aber es war ein herber Absturz an dem Tag. Manisch-depressiv, wir beide haben das an dem Tag verkörpert. Das ist übrigens der Grund, warum mir Bromazepam im Kopf hängen geblieben ist: Es hat mir damals bei der Panikattacke extrem geholfen, und deswegen sollte ich mir irgendwann vom Arzt endlich was verschreiben lassen, denn solche Panikattacken gibt es immer wieder mal.

Und dann, nach diesem Besuch, ist der Kontakt in die Brüche gegangen. Ich sollte ehrlich sein: Ich habe den Kontakt abgebrochen, und das ist nicht schön gelaufen, und Du hast auch Dir deswegen Vorwürfe gemacht. Ich hatte damals einfach nur so etwas gesagt wie "Ich kann damit nicht umgehen, dass dein Leben eine Achterbahn ist, ein Tag toll, ein Tag am Abgrund". Erst viele Jahre später habe ich herausgefunden, wo genau das Problem für mich lag - und liegt. Ich möchte es Dir hier erklären, damit Du nicht denkst, es sei Deine Schuld, dass wir keinen Kontakt mehr haben. Das ist es nicht. Du kannst absolut nichts dafür.

Ich wusste damals nicht, was es genau bedeutet, wenn man eine bipolare Persönlichkeitsstörung hat. Ich habe es erlebt, in den Chats mit Dir, bei'm Skypen und auch als ich Dich besucht habe, aber ich wusste nicht, dass das eine psychische Erkrankung ist. Ich konnte damit nicht umgehen, weil ich weder wusste, was die Ursache für Deine Stimmungsumschwünge war, noch wusste ich, wie ich damit umgehen und in den jeweiligen Situationen reagieren soll. 

Du bist unberechenbar (bin ich offensichtlich auch, wie man mir mittlerweile gesagt hat) - und ich bin Asperger-Autist. Ich kann mit Unberechenbarem nicht umgehen, sei es das Wetter, der Stundenplan, das Telefon oder eben menschliches Verhalten, also versuche ich das alles zu vermeiden, so weit es geht. Den Kontakt mit Dir abzubrechen war eine Schutzfunktion, denn ich wollte uns beide nicht noch weiter verletzen. Ich hatte damals keinen Weg gesehen, wie es gut mit uns beiden hätte weitergehen können.

Das war total scheiße, denn Du warst so nett, und ich hatte noch nie von mir aus bewusst den Kontakt zu jemandem abgebrochen. Das war eine absolut miese Phase, aber vielleicht besser für uns beide. Einfach, weil unsere Gehirn-Konfigurationen nicht gut gepasst haben. Du kannst nichts dafür.

Ich erinnere mich noch sehr gut an Deine panische Nachricht eines Morgens, als Du einen lokalen Bäcker und die Apotheke überfallen hast, um an Geld und Benzos zu kommen. Ich erinnere mich genau an den Artikel darüber in Eurer Lokalzeitung, den Du mir am nächsten Tag gezeigt hast. Ich hoffe, dass Du einen Weg für Dich im Leben gefunden hast. Du warst, vielleicht ohne dass Du es wusstest, einer der wichtigen Menschen in meinem Leben. 

Danke, dass Du für mich da warst.

Dr Hilarius

Mittwoch, 16. Februar 2022

LGBTQ-Angebote an Schulen

Auch mal die Regenbogenseite beleuchten

In Amerika ist gerade in einem Bundesstaat ein Gesetz verabschiedet worden, das spöttisch "Don't say gay-bill" genannt wird. Es beschließt, dass bestimmte Themen im Schulunterricht nichts zu suchen haben - einfach ausgedrückt: Lehrerzensur. Nicht über Rassismus reden, nicht über Homosexualität reden. Ein weiterer Nagel in meinem Sarg der Auswanderung in die USA.

Aus diesem Anlass habe ich mich gefragt, ob wir eigentlich an unserer Schule ein Angebot für Mitglieder der LGBTQIA+-Community haben. Das wäre doch mal etwas, was man starten könnte: Ein wöchentliches Angebot, vielleicht eine Art Redekreis, jedenfalls ein Ort, an dem Schüler und Lehrer in einem geschützten Umfeld offen über alles reden können, was mit LGBTQ zu tun hat. Wenn ein schwuler Lehrer und eine lesbische Lehrerin dabei sind, wenn wir zur Unterstützung vielleicht auch die Schulsozialarbeit in's Boot holen könnten, das wäre super!

Ich würde den Jugendlichen einfach gern eine Möglichkeit geben, über das Thema zu reden. Ich möchte einem heterosexuellen Schüler seine Homophobie nehmen können. In der Schule eine Gay-Straight-Alliance aufbauen... Schüler unterstützen, die ihre Trans-Identität nach und nach entdecken... und als Schule ein Zeichen zu setzen, ihnen zu signalisieren, dass sie OK sind, so wie sie sind. In Gus Van Sants Elephant (2003; anlässlich des Columbine High School massacre gedreht, bei dem genau dieses Thema eine Rolle gespielt hat) wird eine solche Gruppe an einer amerikanischen High School gezeigt, und ich fände es toll, wenn das auch bei uns ganz selbstverständlich sein könnte.

Habt Ihr an Euren Schulen ein solches Angebot?

Freitag, 12. November 2021

Videospiele im Unterricht - Kapitel 1


Kapitel 1 - Die Vorgeschichte

Ich weiß nicht, wie es Euch so geht, liebe Lehrkräfte, aber bei Vielem, was ich so erlebe, frage ich mich direkt "Kann ich das irgendwie in meinem Unterricht verwenden?" - besonders, wenn ich es toll finde. Immerhin, ein Zahn ist mir schon früh gezogen worden: Was ich toll finde, finden Schüler deswegen nicht auch gleich super. Menschen sind eben unterschiedlich. Während meines Studiums habe ich überlegt, ob ich eine Serie im Unterricht zeigen könnte - das war sozusagen die Geburt des Are You Afraid of the Dark-Projekts. 

Irgendwann im Referendariat muss die Idee aufgekommen sein, einen Schritt weiter zu gehen. Allerdings noch klein und unauffällig, denn das Referendariat hat mich gelehrt, keine Unterrichtszeit für Filme oder Serien draufgehen zu lassen, das ist alles kostbare Zeit, da wollen wir von Videospielen gar nicht erst anfangen. Und wenn ich dann darüber nachdenke, was ich an manchen Schulen schon für erzürnte Eltern hatte; das ist dann die Schattenseite des "Serie im Unterricht schauen": Gerade an einem Gymnasium - und erst recht an einem Elite-Gymnasium - kommen dann an einem Elternsprechtag erzürnte Mütter vorbei und erzählen mir, wie ich meinen Englischunterricht zu machen habe. Wenn sie dann selbst auch noch Englischlehrerin sind, umso schlimmer. Und das war vor Jahren, als ich noch sehr frisch im Schulsystem war, kein dickes Fell und leicht zu beeindrucken. 

Serien im Unterricht? Habe ich an den Gymnasien nicht wieder gemacht, und an der Berufsschule gar nicht erst daran gedacht. Der Lehrauftrag ist eben ein anderer, das muss ich akzeptieren. Umso deutlicher öffnete sich dann für mich eine Tür mit Lerngruppen, die keinen Bock auf Schule hatten. Da sitzen dann zwischen elf und achtundzwanzig Schülern, hochpubertär, keinen Bock auf gar nichts und erst recht nicht Englisch, denn das braucht man später eh' nicht, und dann auch noch der komische neue Lehrer an der Schule. Immer wieder erlebt - in St.Peter-Ording, in Neumünster, auch jetzt an der Toni. Das ist genau die Art Schüler, bei der jener Leitsatz aus dem Referendariat im Kopf wieder aufleuchtet. Bis zum Erbrechen gehört, immer und immer wieder, und in den Lehrproben natürlich versucht zu zeigen.

"Die Schüler da abholen, wo sie stehen."

(Die große Buba holt dat aber so vor, wie sie dat braucht.) Klar, der Satz ist eine Form von Phrasendrescherei, aber mit diesen Kids in schwierigen Situationen ist das einfach mal die goldene Regel: Finde den Zugang zu ihnen. Schau' sie Dir an! Im Englischen gibt es den Ausdruck "See them!" Und seit St.Peter-Ording habe ich GenZ (oder meinetwegen auch die Digital Natives) kennengelernt. Und in SPO habe ich zum ersten Mal das AYAOTD-Experiment gemacht. Als ich denn gesehen habe, wie gut das funktioniert hat, und wie einige Eltern tatsächlich davon begeistert waren, sind plötzlich wieder die Videospielgedanken in meinen Kopf zurückgekommen - denn ich liebe gute Videospiele.

Und so habe ich also fast sieben Jahre lang darüber nachgedacht: Wenn ich ein Videospiel mit Schülern würde machen wollen - welches nähme ich denn bloß? Welche Klassenstufe? Kann ich das überhaupt verantworten? Ich habe sieben Jahre lang ernsthaft gezweifelt - und an Schulen unterrichtet, an denen solch' ein Unterrichtsexperiment absolut tabu gewesen wäre; die Kieler Gelehrtenschule oder die Jungmannschule in Eckernförde und auch das Berufsbildungszentrum Plön hätten das (zu Recht?) niemals zugelassen. Sieben Jahre lang hin und her überlegen. Von einer Schule an die nächste wechseln. Und dann an der Toni landen, wo man ausprobieren darf. Und so kam es dann, wie es kommen musste.

Heute hatte ich in einer neunten und einer zehnten Klasse meine erste Videospielstunde.

Hier geht es zu Kapitel 2

Sonntag, 7. November 2021

Filmgenuss mit Botschaft

Szene aus Candyman (2021)

Ein Film, der die Effekte der Gentrifizierung sozial schwächerer Viertel amerikanischer Großstädte aufzeigt. Ein Film, der Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern anprangert. Der in der Kunstszene spielt. Der selbst künstlerisch ansprechend ist. Der seine Sozialkritik mit rabenschwarzem Humor verbindet. Der gender fluidity wie selbstverständlich zeigt und uns gleich zu Beginn ein interracial gay couple zeigt, das tatsächlich eine wichtige Rolle spielt. Für mich klingt das wunderbar. Oh, und es ist ein Horrorfilm. Und so viel mehr.

Das verwundert nicht, wenn man sich anschaut, wer dahinter steckt - Jordan Peeles Monkeypaw Productions; der gute Mann hat uns mit Get Out und Us bereits zwei psychological horror films präsentiert, die sich mit racial injustice and the Black Experience in den USA auseinandersetzen. Diesmal handelt es sich um einen übernatürlichen Slasherfilm und Nia DaCosta hat Regie geführt. Dass es kein Standard-Slasher vom Fließband ist, zeigen die ersten zehn Minuten des Films: Die Auflistung der Produktionsfirmen verläuft etwas anders als üblich, und die opening credits zeigen uns eine Kamerafahrt durch soziale Wohnungsbauprojekte in den USA - konkret das Cabrini-Green - allerdings mit überkopf gehaltener Kamera, die die Hochhäuser nach oben filmt. Wenn man die vorbeigleitenden Wolkenkratzer betrachtet, deren Spitzen im Nebel verschwinden (gleichzeitig ein flashforward aus den Siebzigern in die Gegenwart), und dazu die abstrakte Musik hört - eindringlich-hypnotisierend, aber kein Ohrwurm - hat man eher das Gefühl, man schaut einen Science Fiction-Film mit in den Wolken schwebenden Gebäuden. Muss nicht extra erwähnt werden, dass ich mir die gesamte Sequenz wieder und wieder angesehen habe.

Und so geht es den gesamten Film über: Unkonventionelle Kameraarbeit und eine Regisseurin, die wenig Gewalt direkt zeigt (in den Mordszenen), aber über Musik und Geräusche mit unseren Vorstellungen spielt. Und sie gleichzeitig immer wieder überrascht: DaCosta liebt das Spiel mit der misdirection, der In-die-Irre-Führung: Man erwartet anhand bestimmter Kameraperspektiven dramatische Entwicklungen, aber sie enthält sie uns vor. Eine der Mordsequenzen erinnert an eine Einstellung aus dem neuen Halloween, in der die Kamera außerhalb des Hauses bleibt und durch die Fenster beobachtet, wie drinnen das Chaos ausbricht.

Horror in der Künstlerszene

Der Film ist definitiv auch durch George Floyd und sämtliche zeitgenössischen Enthüllungen amerikanischer Polizeigewalt inspiriert - die tagline des Films lautet nicht ohne Grund "Say his name!" Die deutsche Filmkritikerin Antje Wessels zieht folgendes Fazit: 

"In seiner stilistisch herausragenden Mischung aus abgebrühtem Killerfilm, Rassismusanklage und Psychodrama um einen von seiner Muse vereinnahmten Künstler ist „Candyman“ einer der besten Filme des Jahres und mit Sicherheit der Startschuss für eine spannende Karriere der Regisseurin Nia DaCosta."

Candyman | Wessels-Filmkritik.com

Ich freue mich schon, wenn im Dezember die Bluray veröffentlicht wird.

post scriptum: Wieder ein moderner Horrorfilm, der in der Künstlerszene veranlagt ist - das erinnert mich an die schwarze Horrorsatire "Velvet Buzzsaw" ("Die Kunst des toten Mannes") mit Toni Colette und Jake Gyllenhaal ;-) Aber der hier hat mehr zu sagen.

Donnerstag, 30. September 2021

G-Force


So viel gerade in meinem Kopf, dass ich mich kaum entscheiden kann, worüber ich schreiben soll. Da wäre nochmal der Film Come True (2020), den ich gestern erwähnt hatte, oder A Quiet Place Part II (2020); wer meine Filmbesprechung des ersten Teils gelesen hat, kann sich denken, dass das für mich ein total aufregendes Erlebnis war. Aber wichtiger ist mir, dass ich heute endlich die letzte Klassenarbeit habe schreiben lassen.

Und ich hatte vor dieser KA wirklich Angst. Als Lehrer. Weil es meine erste KA in einem Grundkurs ist; ich unterrichte Schüler, die ernsthafte Probleme mit der englischen Sprache haben, und ich hatte Angst, dass ich sie mit der Arbeit vollkommen überfordere, oder dass sie nicht mitmachen. Dass es nur Fünfen und Sechsen geben wird. Dass die Kiddies dadurch noch mehr Motivation verlieren als allein schon durch das Bewusstsein, im "G-Kurs" zu sein.

Ich habe noch nicht reingeschaut, nur während der Arbeit hier und da ein bisschen gelinst. Und sicher, teilweise ist das eine Katastrophe, was da kommt. Aber auf der anderen Seite freue ich mich riesig über unerwartete Leistungen. Für mich ist es so: In einem leistungsstarken Kurs gehe ich davon aus, dass alle Alles können müssen. Und wenn jemand etwas nicht hinbekommt, empfinde ich das als schlecht. Im Grundkurs ist es genau andersherum: Ich erwarte gar nichts und freue mich dann über jeden noch so kleinen positiven Beitrag zum Unterricht. Und das Strahlen im Gesicht eines Schülers, der sich daran erinnert hat, dass die Vergangenheitsform von get got ist. Und ich habe mit Sicherheit während der KA zuviel geholfen - nochmal gründlich die Aufgaben erklärt, die Kiddies ein bisschen an die Hand genommen - aber ich möchte mit meinen elf Kiddies zu einem Team zusammenwachsen, das versucht, alles aus sich herauszuholen. Wo Perfektion nicht die Standarderwartung ist.

Ehrlich gesagt, finde ich das ganz erfrischend. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, die tatsächlichen Leistungsanforderungen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Heute: glücklich. Insgesamt: Luft nach oben.