Dienstag, 20. August 2019

Gute Unterhaltung!

Lust auf Lesen?

Es wird Zeit, dass ich im Blog ein wenig aufräume. Wer das hier schon etwas länger verfolgt, weiß, dass mein Gehirn ab und an kreative Ausbrüche hat - das können Kurzgeschichten sein, längere Geschichten, Drehbücher oder auch mal ein Roman. Ich möchte das hier zu einem Sammelthread machen, von dem aus man alles finden kann, was ich zur Unterhaltung geschrieben habe.

Jetzt brauche ich Eure Hilfe: Ich werde die Geschichten hier verlinken und alphabetisch sortieren. Sollte ich bei den Titeln in irgendeiner Form angeben, um was es sich handelt? Ob es eher witzig ist oder ernsthaft, eher kurz oder Romanform, romantisch, psycho-logisch, whatever? Und wenn ja, in welcher Form könnte ich das machen? Da es ja darum gehen soll, diesen Beitrag für Euch zu gestalten, wäre eine kurze Rückmeldung gut. Ansonsten gilt ganz nach dem Titel des Beitrags:

Viel Spaß bei'm Stöbern & Gute Unterhaltung!



Advent, Advent, das Drecksgör brennt

Anecdotal Evidence

An mein jüngeres Ich

Aufbruch in's Leben (Stuhlkreis for breakfast)

Beteigeuze (Krimi)

Bürokratiergehege (Mehrteiler)

Choice 

Das neue Spiel und der Kommentar dazu (Kurzgeschichte)

 



Sonntag, 18. August 2019

Katastrophenalarm

Was ist passiert???

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Vor Schreck fällt mir die Tüte Nudeln aus der Hand, das Pfund für neununddreißig Cent. Was ist denn mit mir los, warum bin ich so schreckhaft? Eigentlich sollte ich jetzt ruhig sein, denn die einzige Sache, die ich heute rechtzeitig erledigen musste, war es, den Geburtstagsbrief für ihn in den Briefkasten zu werfen, damit er heute mit der Post rausgehen kann. Ich hatte danach aufgeatmet, und eigentlich sollte ich jetzt entspannt sein.

Vielleicht liegt es daran, dass hier wieder unzählige Menschen ihren Einkauf erledigen müssen - kein Wunder, Samstag vormittags, weil sie den Rest der Woche über arbeiten müssen. Und so schaue ich mich erst gründlich um, bevor ich mich nach der Nudeltüte bücke, damit ich niemanden anrempele. Während ich auf dem Boden hocke und fasziniert die Zutatenliste durchgehe (nur Hartweizengrieß, aber ich lese es zehnmal, damit ich etwas länger in dieser Position verharren kann), kommt mir der Gedanke, dass das Geräusch vermutlich eh' nur der Kassenalarm war, und ich stehe auf und schaue zu den Bodyscannern, aber da steht niemand, kein Kunde, keine Kassiererin.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Scheiße! Ich muss diese Schreckhaftigkeit abstellen. Okay, immerhin weiß ich jetzt, dass es nicht von den Sicherheitsscannern kommt, und ich schaue mich um, ob irgendwelche Warnlampen aufleuchten - aber das einzige, was mir auffällt, sind viele andere Kunden, die ebenfalls den Hals verrenken, um zu sehen, was hier los ist.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Okay, jetzt reicht es langsam mal, wir haben es ja verstanden! Diese markerschütternde Sirene bingt mein Trommelfell zum Vibrieren, und auch andere Kunden zucken zusammen. Immer noch keine Durchsage, immer noch kein Mitarbeiter, der erklärt, was hier los ist. Okay okay, Ruhe bewahren, ich kaufe jetzt einfach weiter ein, ich wollte nur Nudeln kaufen, aber es könnte ja noch etwas Wichtiges geben a.k.a. unter zwei Einkaufstaschen komme ich hier nicht raus.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

Da scheint doch eine Stimme zu sein, aber wer... oh, Pastasauce, die brauche ich, und eigentlich kann ich auch gleich Kaugummis mitnehmen, und Kekse. Und irgendwie scheint sich das nervige Alarmgeräusch zu einem Normalzustand entwickelt zu haben, so dass ich kaum noch aufhorche, als es wieder heißt...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

...und deswegen kaufe ich mich Stück für Stück am Regal entlang, Handcreme, ein Paket Zucker, Waschmittel, Chips, ein Schuhspanner, Blumenerde, das Regal ist zu Ende und ich biege um die Ecke in den nächsten Gang, um die Rückseite des Regals leerzukaufen, und vor mir sehe ich...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

...eines von diesen kleinen nervigen Teilen, die mittlerweile wie Pilze aus dem Boden sprießen, eins von diesen... ach fuck, wie heißen die noch... mir versauert die Miene. Ein Baby. Mit einem Spielzeugtelefon in der Hand.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

Dieses kleine Nervbalg drückt wie wild auf diesem Plastikteil herum, das in regelmäßigen Abständen den ganzen Laden in seinem Bann hält, und langsam bemerken mehrere Kunden, woher der Lärm kommt, und suchen mit genervten Blicken nach der dazugehörigen Mutter, die ein paar Meter weiter bis zur Hüfte in der Käsetheke versunken ist. Zwei genervte Männer ziehen sie an ihren Füßen heraus und weisen sie darauf hin, dass ihr Plagegeist das gesamte Geschäft in den Wahnsinn treibt. Und die Mutter versucht sich irgendwie rauszureden,

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

denn sie wollte ihr Kind einfach nur vom Schreien abhalten. Ich schüttele den Kopf. Hat diese irre Tante denn nicht mitbekommen, dass seit der Kampagne "Mehr Kinder für unsere Welt/Rente!" (in deren Rahmen Kontrazeptiva komplett verboten worden sind) bei Einkäufen diese neuen, abschließbaren, schallisolierten Babytupperdosen (BTD Version 2.0) in den Einkaufswagen zur Verfügung stehen? Die sind mittlerweile nicht mehr optional, sondern obligatorisch, und für die Dauer des Einkaufs, egal wo, hat das Kind darin weggetuppert zu werden.

Die Mutter entschuldigt sich vielmals, nimmt ihrem Kind das Telefon weg und steckt es, anstelle des Kindes, in die BTD. Und wie von Zauberhand bleibt es still. Kein Alarmsignal mehr, ich schließe die Augen und atme erleichtert durch. Endlich kann es normal weitergehen.

...waaahhh.... ....wääääääähhhhh...

Ohgott, ich habe es geahnt

...wwwaaaaAAAAAHAHHHHHHHHH.....   

...WUUUUUUÄÄÄÄÄÄAAAAAAAHHHHHHHHHHHHH...

...und es hört nicht wieder auf. Ich greife in das Nebenfach meines Einkaufswagens, nehme die Virtual-Reality-Filterbrille heraus und setze sie auf. Der visuelle Filter blendet automatisch alles aus, was jünger ist als sechs Jahre, und auch Kotze im Gang und volle Windeln und stillende Mütter, und über die Kopfhörer klingt beruhigende Fahrstuhlmusik. So schaffe ich es nun doch noch, meinen Einkauf entspannt zu Ende zu bringen. An der Kasse nehme ich die VR-Apparatur herunter, denn ich muss hören, was die Kassiererin sagt. Ich habe ein bisschen Angst, dass das Geschrei mich in den Wahnsinn treiben könnte, doch...

...

...es bleibt still, ein breites Lächeln ziert mein Gesicht, entspannt gebe ich der Kassiererin das Geld und freue mich auf den Rest des Vormitt...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallohallohallo...?





[Zeitpunkt des Todes 11.48h]



Lust auf mehr schräge Einkaufsgeschichten? ;-)

- Schnellkasse 2 - die Kontrollwaage schlägt zurück

- Der Wanderer

- Quengeltheke reloaded

Ich weiß nicht, warum, aber manchmal brauche ich so alberne Geschichten ;-)

Freitag, 16. August 2019

Spurensuche fortgesetzt / Seelenstriptease V


Jetzt wird's persönlich.

Habt Ihr schon einmal Eure eigenen Grundschulzeugnisse gelesen? Die Entwicklungsberichte mit allem, was dazugehört? Ein Teil der Spurensuche war die Bitte an meine Eltern, nach diesen Zeugnissen zu suchen, und mein Vater hat sich in mühsamer Arbeit daran gemacht und eine Seite nach der anderen eingescannt und nach Kiel geschickt, so dass ich jetzt umfassende Berichte über mich von Klasse Eins bis Fünf lesen kann. Gesagt, getan, und die Reaktion war wie das erste Ansehen des Films Rain Man, ich habe Tränen in den Augen, wenn ich lese, wie der kleine DrH da so beschrieben wird, weil ich das alles wiedererkenne, und weil es alles irgendwie passt...

Kleine Auszüge gefällig? Ich mache das mal nach Schulaspekten sortiert, und innerhalb dieser Aspekte chronologisch. Falls Ihr schon einmal Asperger-Schüler unterrichtet habt, erkennt Ihr da vielleicht etwas wieder. Nur so vielleicht, nur so ganz am Rande...

Positiv wird immer wieder erwähnt, dass ich eine Faszination mit Sprache zu haben scheine, sehr gerne lese und nuanciert schreibe. Das erklärt wahrscheinlich auch die Existenz dieses Blogs. Spannender wird es - ganz langsam - wenn ich die Zeugnisse auf Auffälligkeiten scanne.

Im Musikunterricht singt er gern die Spiellieder mit, er bewegt sich mit Vorliebe rhythmisch dazu (...) Er nimmt Melodien freudig auf und setzt die Musik gern in Bewegung um (...) Nicht nur beim Spiel auf Orff-Instrumenten zeigt er rhythmische Sicherheit (...) Er kann auch schwierige Rhythmen exakt klatschen (...)

Das sind Anmerkungen für das Fach Musik aus Klasse Eins bis Drei. Mir ist dabei der rote Faden mit der Rhythmusliebe und -sicherheit aufgefallen, der sich scheinbar bis heute gehalten hat. Ich liebe es immer noch, zu irgendwelchen Rhythmen durch die Wohnung zu tanzen, und auch in Blogbeiträgen hat sich das wiedergefunden, zum Beispiel in Rhythmus in der Tasche. Ich weiß nicht, ob das irgendwas mit meinem Kopf zu tun hat, vermutlich nicht. Aber irgendwie war es dann doch spannend zu lesen, dass das schon in der Grundschule aufgefallen ist und immer noch ein Teil von mir ist. Und irgendwie lässt es mich glauben, dass Berichtszeugnisse anfangs wirklich aufschlussreich sein können, bevor dann die Noten kommen.

Die Bewegungsgeschicklichkeit der Hand muss weiter geschult, die Schrift flüssiger werden (...) Mitunter fällt es ihm schwer, die Buchstabenverbindungen korrekt in das Liniensystem einzuarbeiten (...) ...doch hat er noch Schwierigkeiten im motorischen Bereich (Balancierübungen, Laufstil) (...) Die Bewegungsgeschicklichkeit der Hand muss auch weiterhin geschult werden, sein Schriftbild wirkt immer noch unausgeglichen (...) Seine Schrift sieht immer noch nicht flüssig genug aus (...) Beim Schreiben sollte er sich mehr Zeit lassen (...) Seine Bemühungen um die Schrift sollten nicht nachlassen (...) Er bemühte sich um sein Schriftbild, dies gelang ihm zusehends (...)

Da hätten wir also die Probleme im feinmotorischen Bereich, Klasse Eins bis Vier. Nett, wie es im abschließenden Bericht heißt "dies gelang ihm zusehends" - in einfachem Deutsch: Am Ende ist es ein wenig besser geworden. Vielleicht bilde ich es mir ja ein, aber bei den Aspis, die ich unterrichtet habe, war die Motorik häufiger ein Problem, da Bewegungen zu ruckartig ausgeführt wurden, zu weit gingen. Vielleicht geht das aber auch allen Kindern so. Meine Schrift war bis in die Oberstufe hin ein Problem; erst mit der Umstellung auf Druckschrift ist das besser geworden.

Bei der unterrichtlichen Arbeit mit Differenzierungsmaterial entwickelt er Initiative (...) Er zeigt sich einfallsreich im Umgang mit Instrumenten, z.B. zur Klangerzeugung (...) Er setzt eigene Ideen zielsicher um (...) Eigene Ideen setzt er bisweilen ein wenig umständlich um (...) Nicht nur Arbeitsmittel, sondern auch eigene Ideen setzte er eigenständig und planvoll zur Lösung von Problemen ein (...) 

Und nun die eigenen Ideen; ich finde es bis heute etwas langweilig, wenn ich vor ein Problem gestellt werde, die Anleitung zu lesen, sondern probiere erstmal selbst ein bisschen herum, denn es ist viel spannender, aus dem eigenen Kopf ein Rätsel zu lösen. Da passiert es oft, dass ich die einfachste Lösung nicht sehe und deswegen auf Umwegen zu einer Lösung zu kommen versuche, auch darüber hatte ich hier im Blog mehrfach berichtet, zum Beispiel in Gedreht und Wo sitze ich? Die eigenen Ideen führen zu Selbständigkeit, und nun wird es langsam etwas verzwickter:

Seine Aufgaben fertigt er selbständig an (...) Extraaufgaben und Gartenarbeit übernahm er gerne von sich aus (...) Er arbeitet beständig und selbständig auch gerade bei neuen Aufgabenstellungen mit (...) Bei der Umsetzung von Aufgabenstellungen zeigte er immer große Selbständigkeit (...) Er sucht meistens selbständig nach Lösungen und ist dann auch in der Lage, Gelerntes aufeinander zu beziehen (...)

Natürlich liest sich das irgendwie positiv, aber mittlerweile sind wir selbst Lehrer und Pädagogen und lesen darin die sachliche Feststellung, dass ich für meine Aufgaben keine Hilfe in Anspruch genommen habe, weder von Mitschülern, noch von den Lehrern. Wie meine Mutter zu sagen pflegt "Irgendwie hast du immer alles geschafft". Und auch wenn das positiv klingt, habe ich hier im Blog über die Schattenseite geschrieben (Ich muss alles allein schaffen), nämlich die daraus resultierende Unfähigkeit, um Hilfe zu bitten. Außerdem erwachsen daraus erhebliche Probleme im sozialen Miteinander.

Und nun kommt der meiner Meinung nach spannendste Punkt, der sich von Klasse Eins bis Sieben konsequent durchzieht:

Er sollte seine Klassenkameraden bei den Hilfestellungen nicht bevormunden (...) ...wenn er nicht gerade dazwischenredet... (...) Er muss jedoch noch lernen, seinen Mitteilungsdrang besser zu kontrollieren (...) Er vermag es aber nicht immer, sich in die im Sport notwendige Ordnung einzufügen (...) Er möchte umgehend sein Wissen mitteilen, vergißt dabei jedoch seine Gesprächsdisziplin und redet häufiger laut dazwischen oder teilt sich seinen Nachbarn mit. Mit dieser Reaktion hemmt er oftmals das weitere Unterrichtsgespräch, er muß daher lernen, die notwendigen unterrichtlichen Regeln einzuhalten (...) Eine impulsive, eine zeitweilig auch unbedachte sowie eigenwillige Vorgehensweise im Miteinander brachte ihm manchen Streit ein. Bei Reaktionen der Mitschüler auf sein Verhalten zeigte er sich schnell persönlich betroffen, er forderte dann die Hilfe anderer. Er muß durch gemeinsame Gespräche lernen, daß es Interessensgegensätze gibt, die auch seine Kompromißfähigkeit fordern. Er wird weiterhin lernen müssen, zwischen einerseits angebrachten und andererseits vorlauten Äußerungen unterscheiden zu können (...) Im mündlichen Bereich vergißt er noch immer seine Gesprächsdisziplin und muß deswegen häufiger ermahnt werden. Ohne die im Unterricht notwendigen Regeln und Vereinbarungen einzuhalten, redet er laut und unangebracht dazwischen. Häufig kümmert er sich um Belange, die ihn nicht betreffen. Seine Kommentare hinsichtlich des - vermeintlichen - Fehlverhaltens seiner Mitschüler wirken auf diese oftmals verletzend. Es muß ihm daher immer wieder deutlich und verständlich gemacht werden, auf die berechtigten Empfindungen und Interessen seiner Mitschüler Rücksicht zu nehmen (...) Mitunter stellte er seine eigenen Wünsche und Vorstellungen zu sehr in den Vordergrund (...) Er schließt sich noch immer selbst aus der Klassengemeinschaft aus; er sollte sich davor hüten, seine Mitschüler/innen nur nach deren intellektuellen Fähigkeiten zu beurteilen; angebracht und sinnvoll wäre es, wenn er sich ihnen gegenüber öffnen würde - im Sinne einer unterstützenden Hilfe im Bereich der Bewältigung des Lernstoffes genauso wie auch in Fragen persönlicher Befindlichkeiten (...)

Muss ich dazu irgendwas sagen? Diese Beschreibungen haben mich fast zum Weinen gebracht, keine Ahnung warum. Das meiste davon ist bis heute unverändert, ich scheine all diese Dinge in über fünfundzwanzig Jahren nicht "gelernt" zu haben, und ich glaube beharrlich daran, dass es nicht an gewollter Rücksichtslosigkeit liegt, sondern weil ich es nicht "kann". Genau das bringt mir ja auch immer wieder Probleme mit Schulleitungen ein, und genau das ist auch der Auslöser, warum ich jetzt endlich eine ärztliche Diagnose haben möchte.

Ich weiß nicht, ob ich von dieser Anekdote im Blog schon einmal berichtet hatte; Unterricht in der Grundschule bei meiner Klassenlehrerin, die so wütend über mein ständiges Dazwischengerede geworden ist, dass sie geschrien und mit der Faust auf den Overheadprojektor geschlagen hat, so dass das Glas zerbrochen ist. Werde ich mein Leben lang nicht vergessen, aber gelernt habe ich daraus scheinbar nicht sehr viel.

Ein kleines Bonmot noch hinterher: Mein Klassenlehrer in Fünf, der so wie eine Gurke klingt, hat in seinem Bericht geschrieben: Er zeigt in den Hauptfächern gleichbleibend gute bis sehr gute Leistungen, in den Nebenfächern fällt er dagegen aus unverständlichen Gründen etwas ab. Mit dem heutigen Wissen ist das überhaupt nicht mehr unverständlich, denn wenn mich eine Sache wirklich interessiert, dann mache ich sie gut, und wenn es mich nicht interessiert, kommen unterirdische Leistungen dabei heraus. Auch ich habe in meinem Leben die eine oder andere Fünf oder Sechs gesehen, und das zieht sich bis in die Gegenwart durch.

Case in point? Ich hätte diesen Beitrag wesentlich kürzer fassen können. Habe ich aber nicht - weil es mich interessiert.

Fazit? Es fühlt sich jetzt nach dem Lesen ein wenig an, als hätte ich Antworten gefunden - dabei ist das erst der Anfang. Und ich habe hier ein Best Of zusammengepuzzelt; vielleicht wird die Expertin auch feststellen - in der Gesamtschau der Zeugnisse - dass das alles ganz normale Verhaltensweisen waren. Aber jetzt, nach der Lektüre, ist der Wunsch nach Aufklärung bei mir nur noch stärker geworden.

post scriptum: Okay, dieser Beitrag hat in der Anfertigung lange gedauert, ich habe meine Wohnung anderthalb Tage nicht verlassen. Soviel zu "sich in ein Thema hineinsteigern". Dazu war das Lesen der Zeugnisse anfangs einfach zu "berührend" - oder whatever, kann ich nicht beschreiben. Und für jeden der oben besprochenen Aspekte habe ich den gesamten Zeugnisstapel auf ein Neues gelesen, um nichts auszulassen. Das erinnert mich an mein Filmprojekt damals in der Oberstufe - um die Frage nach Spannungserzeugung zu beleuchten, hatte ich damals den Film "Halloween" (1978) mindestens zehn Mal durchgesehen und jedesmal ein gründliches Protokoll angefertigt, jeweils mit unterschiedlichen Analyseaspekten. Zum Glück habe ich den Projektordner noch, der könnte für die Ärztin auch interessante Eindrücke zeigen.

Donnerstag, 15. August 2019

Neue Freunde

Licht im Dunkel

vorweg: Die Fortsetzung der Spurensuche braucht etwas Zeit, deswegen gibt es heute einen ganz pragmatischen Eintrag. Ich versuche, die Fortsetzung morgen fertigzustellen.
 
Ich habe es satt, mir meine Zehen anzustoßen, mit den Füßen in Kabeln auf dem Boden hängenzubleiben und die gesamte Einrichtung von den Tischen zu reißen, wenn ich im Dunklen durch die Wohnung gehe - und ich gehe oft im Dunklen durch die Wohnung, klassischer Fall: Direkt nach der Meditation möchte ich manche Gedanken unmittelbar im Blog festhalten, ich muss nur den Weg zum Schreibtisch finden.

"Mach' dir doch Licht an!" sagt Bente, die intelligente. Ja, es gibt wohl Menschen, die erstmal das Licht einschalten, bevor sie blind durch die Wohnung tapsen. Ich gehöre aber nicht dazu. Vielleicht liegt es daran, dass ich in meinem Kopf schon drei Schritte weiter bin, also bereits beim Abtippen meiner Gedanken, da kann ich nicht nebenbei noch Licht einschalten. Wenn mich etwas interessiert, nehme ich oft um mich herum kaum noch etwas wahr.

Daher kam mir der Gedanke, dass ich intelligentes Licht brauche - das sich selbst einschaltet, wenn ich durch die Wohnung tapse, und sich danach auch wieder von selbst abschaltet. Wunderbar, dass Beleuchtungen mit Bewegungsmelder mittlerweile leicht und günstig zu bekommen sind, zum Beispiel auf Amazon, wo ich mir gleich drei dieser stylischen, unauffälligen Lichtspender bestellt und in regelmäßigen Abständen in den unzähligen Steckdosen meiner Wohnung installiert habe; man merkt, dass dies eine neue Wohnung ist, renoviert zu einer Zeit, als Elektronikartikel aus dem Leben bereits nicht mehr wegzudenken waren, im Gegensatz zu den anderen Altbauwohnungen in unserem Haus.

Es funktioniert und ich bin richtig happy. Ich muss nicht mehr an das Licht denken, denn das denkt selbst. Und so kann ich nun problemlos mit dem Kopf voller Ideen die Reise aus der Meditation an den Schreibtisch überstehen.


Mittwoch, 14. August 2019

Auf Spurensuche

Spieglein, Spieglein an der Wand... ...du dämliche Bitch, sag' mir endlich, was in diesem schrägen Kopf los ist!

vorweg: Wer von Euch hat mir die SciFi-Serie "Black Mirror" empfohlen?

Jetzt geht's los.


Hallo DrH,
Ich habe mich lange nicht hören lassen und das hat seinen Grund (nicht die verspäteten Geburtstagswünsche ^^).
Die schlechte Nachricht zuerst: das ZIP Kiel hat die Erwachsenen - Diagnostik an Lübeck abgetreten.
Die gute Nachricht: du hast einen Termin zum Vorgespräch am
Montag, den XYZ um 10.00h (!!!)
Du besorgst bitte vorher:
- eine Überweisung von einem Neurologen oder Psychiater an die Psychiatrie
- Zeugnisse (z.b. GS- Berichte), Beurteilungen etc., aus denen Auffälligkeiten hervorgehen

Die Anmeldung findet in Haus AB statt, 10-15 min eher da sein.
Das Gespräch wird Frau Dr. CD mit dir führen.

Solltest du den Termin nicht wahrnehmen möchten, sag bitte Bescheid. Für Rückfragen ist dort meine Telefonnummer hinterlegt, da ich keine aktuelle von dir habe. Mail-kontakt ist nicht möglich.

Vielleicht druckst du dir die Nachricht aus?

So weit erstmal! LG knuddel


Die Sannitanic weiß ganz genau, wie sie mit mir reden muss, wenn es um Wichtiges geht: Konzis, sachlich, keine Phrasendrescherei. Ich bin unglaublich dankbar, dass sie angeboten hat, sich für mich nach einem Startpunkt für die Untersuchung umzuschauen - und dafür hat sie eine kleine Telefon-Odyssee durchgemacht, deren Ergebnis obige Nachricht war. Ich vermute, allein hätte ich das nicht geschafft, allein schon, weil ich keine unbekannten Menschen anrufen mag.

Ein Herz für die Sannitanic!

Jetzt geht es also los, kein Zurück mehr. Naja. Ich könnte den Termin natürlich absagen. Aber ich möchte endlich Antworten finden, also begebe ich mich jetzt auf Spurensuche - Zeugnisse, Anekdoten, alles, was irgendwie auffälliges Verhalten belegen kann. Ich werde mal anfragen, ob mein erster WHG-Klassenlehrer (klingt wie eine Gurke) sich noch an mich erinnern kann, denn der hatte Gespräche mit meinen Eltern eben wegen des Verhaltens, vielleicht finde ich da etwas. Ich denke mal, auch die Schulleitung in St.Peter-Ording könnte einen interessanten Bericht verfassen. Und falls jemand von Euch noch Tipps hat, immer her damit!

Dienstag, 13. August 2019

Autismus muss therapiert werden! (...oder?)

Ich muss normal sein! (kommt mir irgendwie bekannt vor...)

Erkenntnismomente gehen bei mir oft damit einher, dass ich Tränen in den Augen habe, zum Beispiel wenn ich etwas lese oder sehe, was mir aus meinem eigenen Verhalten sehr bekannt vorkommt, bis dato aber einfach als "ich bin komisch"-Tick abgehakt wurde. Heute habe ich einen Artikel gelesen, der mich sehr verstört hat, denn es geht um eine Therapieform aus den frühen Sechzigern, die zur Konditionierung von Autisten und letztlich zum Löschen von autistischen Verhaltensweisen führen soll. Wir werden um einige Jahre zurückgeworfen in das Zeitalter des Behaviorismus.

Diese Therapieform nennt sich Applied Behavior Analysis (ABA). Am Ende dieses Beitrags findet Ihr den Link zu dem Artikel, und für jeden, der sich mit Autismus auseinandersetzt, ist das eine interessante Lektüre. Die Autorin kommentiert ABA sehr kritisch, und das habe ich als erleichternd empfunden, denn die ABA-Ansätze sind sehr verstörend. Allein schon das Ziel, Autisten zu "normalisieren", ist fragwürdig, und noch fragwürdiger ist der Umstand, dass Autismusverbände ABA ausdrücklich gelobt haben und dass die Aktion Mensch das Projekt mit hohen Geldsummen gefördert hat. Ist es denn tatsächlich so toll?

Besonders schlimm finde ich folgendes Statement:

You have a person in the physical sense - they have hair, a nose and a mouth - but they are not people in the psychological sense. One way to look at the job of helping autistic kids is to see it as a matter of constructing a person. You have the raw materials, but I have to build the person.
(O.Ivar Lovaas, Psychology Today, Jan.1974)

Ich bin auf geistiger Ebene kein Mensch? Ich muss erst konstruiert werden?? Damit ich normal sein kann???

Autismus wird in dieser Methode ausschließlich auf das Problemverhalten reduziert, besondere Fähigkeiten werden nicht beachtet. Normales Verhalten wird belohnt mit Süßigkeiten, Ruhe, Spiel; wenn "Problemverhalten" auftritt, werden diese positiven Verstärker entzogen. Ganz klassische Konditionierung, ich fühle mich wie Pavlovs Hund. In der "frühen" ABA wurden außerdem Elektroschocks, Schläge und Anschreien verwendet, in der modernen ABA kommt das natürlich nicht mehr vor. Naja. Nur bei selbst verletzendem Verhalten. Heutige Aversiva sind Anschreien, Wasser in's Gesicht spritzen, Nahrung mit Essig versetzen. Heute schon gekotzt?

Folgende Therapieziele werden in der AVA definiert:

- Blickkontakt herstellen und aushalten (ich hasse das!)
- Berührungen akzeptieren (ne, bitte vermeiden, wenn möglich)
- Stimming abstellen (repetitives Verhalten zur Beruhigung, meine Fibonacci-Reihe)
- das Abwenden bzw. Nichtentwickeln von Spezialinteressen (keine Achterbahnen mehr?)
- der Erwerb lebenspraktischer Fähigkeiten wie Anziehen und Telefonieren (Telefon?!)

Das sind zumindest die Punkte, die mich persönlich ansprechen, es gibt da auch noch etwas für nicht-sprechende Autisten und mehr. Nach Ursachen dieses Verhaltens wird nicht gefragt, und es gibt auch keine Hilfestellungen, sondern lediglich behavioristische Belohnungen bzw. Aversiva, denn das Hauptziel ist die Löschung bzw. Formatierung dieses Verhaltens.

Was diese Therapieziele so problematisch macht, könnt Ihr direkt in dem Artikel nachlesen. Die ABA erinnert mich ein bisschen an das Dritte Reich, in dem auch "unerwünschtes Verhalten" einfach ausgemerzt wurde (oder einfach beseitigt). Und es erinnert mich ein bisschen an die Schulleitungen, die zu mir gesagt haben "Also Dr Hilarius, so können sie sich nicht verhalten, das müssen sie ändern. Sie müssen da ein bisschen normaler werden."

Und das hat echt wehgetan.

Hier geht es zu dem Artikel, eine lohnende Lektüre für Interessierte.

Montag, 12. August 2019

Meine Rock-Oma

Rechts sitzt meine Rockoma mit den devil's horns

Vielleicht haben ja einige von Euch das Youtube-Video von der "Techno Oma" gesehen, die bei einer Outdoor-Party zu den stampfenden Beats von The Drill abtanzt (und eine Flasche wegkickt). Geniales Video, weil es einfach gegen die viel zu weit verbreiteten Klischees spricht, denen nach alte Menschen alle in Ruhe irgendwo sitzen und Tee trinken müssen.

Ich kann jetzt mit der Techno Oma mithalten, denn meine Oma hat Wacken Zweitausendneunzehn miterlebt, wenn auch nur passiv - auf einer Kaffeefahrt über das Festival-Gelände am Tag vor dem offiziellen Beginn, inmitten zigtausend schwarz gekleideter Metalfans - das hat es sogar in die Lokalzeitung geschafft und ich finde das so witzig, dass ich das unbedingt mit Euch teilen muss.

Eat this, Techno Oma! ;-)