Posts mit dem Label Hochbegabung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hochbegabung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 8. März 2023

Elon Musk vs. Hundekot

Elon Musk, der hier auf den Vergleich mit einem Haufen Hundekot reagiert

Warum würde ich Elon Musk mit einem Haufen Scheiße vergleichen? Doch hoffentlich wohl, um herauszustellen, dass es sich um zwei völlig unterschiedliche Dinge handelt. Und in der Tat:

Einem Haufen Hundekot auf der Straße kann man ausweichen - Elon Musk dagegen erscheint überall, im Internet, den Nachrichten, Printmedien, sozialen Netzwerken, man kommt nicht an ihm vorbei.

Ein Haufen Hundescheiße stinkt - aber man kann sich die Nase zuhalten. Gegen Elon Musks geistigen Brechdurchfall kann man leider nicht einfach sein Gehirn abschalten.

Ein Haufen Hundescheiße springt keine wildfremden Menschen an (die versuchen, anderen Menschen das Leben zu retten) und beleidigt sie als "pedo guy" - das ist eher das Verhalten eines rückgratlosen, hochbegabten Aspis, der keine Vorstellung davon hat, was sein Verhalten bei anderen Menschen anrichtet.

Ein Haufen Hundescheiße würde nicht auf die Idee kommen, sich über Mitarbeiter lustig zu machen, die nachfragen, ob sie gefeuert wurden, weil sie keine Mitteilung von ihrem Arbeitgeber bekommen haben, und er würde auch nicht private Details über ihren Gesundheitszustand in die Öffentlichkeit zerren. 

Ein Haufen Hundekot würde nicht versuchen, jemanden gerichtlich zum Schweigen zu bringen, der öffentlich verfügbare Informationen verwendet, um aufzuzeigen, wann und wo der Haufen Scheiße mit seinem Privatjet unterwegs ist. 

Außerdem sagt ein Haufen Hundescheiße nicht, er würde sich für freie Meinungsäußerung einsetzen, und dann jegliche Stimmen, die gegen ihn sprechen, feuern, von den Netzwerken verbannen oder gerichtlich unterdrücken. 

Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Elon Musk an sich. Es ist sein Verhalten, das mich theoretisch auf die Palme bringen kann. Das macht mich umso trauriger, als dass ich ihn nicht nur verstehe, sondern total nachvollziehen kann: Wir haben die gleiche Gehirnkonfiguration. Wer weiß, wie ich wäre, wenn ich fast der reichste Mensch der Welt wäre, und niemanden in meinem Freundeskreis hätte, der mir mal Contra gibt? 

Seit der Übernahme von Twitter wird deutlich, dass Elon Musk nichts, aber auch wirklich gar nichts mit einem riesigen Haufen Scheiße gemein hat - Letzterem würde ich wesentlich lieber auf offener Straße begegnen wollen, und er würde in mir nicht den dringenden Wunsch wecken, ihm in's Gesicht zu kotzen.

Montag, 4. April 2022

Wenn das Wörtchen Venn nicht wär...


Ferien. Die fette Schnecke und das alte Frettchen haben etwas vor: Wir zeichnen ein Venn-Diagramm (das sind die mit den Kreisen, die sich teilweise überschneiden) unserer drolligen Verhaltensweisen und schauen, ob sie nur bei mir, nur bei der großen Buba oder bei uns gemeinsam auftreten. 

Wenn wir da einige gemeinsamen Verhaltensweisen gesammelt haben, dann öffnen wir ein neues Venn-Diagramm mit drei Kreisen Autismus, Hochbegabung und Hochsensibilität, um dem auf die Spur zu gehen - wo haben wir Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede, wo haben wir Gemeinsamkeiten, aber aus unterschiedlichen Gründen - und dergleichen mehr.

Ich habe lange nicht mehr die große Packpapierrolle aus dem Regal hervorgeholt; ich habe sie immer benutzt, wenn es um's Psychologisieren jeglicher Form ging. Zeit, mal wieder etwas Papier auszurollen, damit wir genug Platz haben, denn die Bubatuba hat mindestens genauso viele Ticks wie ich, glaube ich.

Was das bringen soll? Keine Ahnung. Aber es ist interessant, die eigenen Verhaltensmuster mal visualisiert zu sehen.

Dienstag, 15. März 2022

Spaziergang


Einfach mal auf ein Gespräch treffen. Bisschen plaudern. Ganz unkompliziert.

Früher war das gar nicht so ein großes Problem für mich, aber seit der Stresssituation geht das überhaupt nicht mehr. Wenn mich jemand fragt, ob wir uns nicht mal auf ein bisschen Schnacken treffen, würde ich am liebsten einfach nur nein sagen. Smalltalk ist für einen Aspi extrem unangenehm: Er weiß nicht, wie er das Gespräch beginnen soll, wie er es am Laufen halten soll, wann und wie er es beenden soll, und es besteht die Gefahr, dass er das Gespräch immer wieder auf seine Spezialthemen lenkt.

Wenn Linnea von damals-unten gefragt hat, ob sie kurz mal raufkommen kann, war das in Ordnung - nachdem ich ihr meine Probleme damit erklärt habe und dass ich irgendwann dann einfach etwas sage wie "Ich würde jetzt gern wieder allein sein", ohne dass sie es persönlich nimmt.

Es ist viel einfacher, wenn das Gespräch zweckgebunden ist, beziehungsweise sein Rahmen. So hat ein HB-Bekannter gefragt, ob wir uns treffen wollen. Es hat erstmal ein paar Momente gedauert, bis ich mich zu einem "ja" durchgerungen habe (weil es ein paar konkrete Themen gab), und dann hat er vorgeschlagen, dass wir einfach einen Spaziergang machen, da kann man auch einfach mal zwischendurch ruhig sein und die Umgebung anschauen, und die ganze Veranstaltung hat ein klares Ende.

Das war richtig gut!

Ich denke mir immer, dass ich es in solchen Gesprächen nicht länger als dreißig Minuten aushalte, aber wir sind über eine Stunde durch das Drachensee-Gebiet gewandert und haben uns über viel Interessantes unterhalten, zum Beispiel das Konzept der safe spaces an einer Schule für LGBTQ - vor allem aber auch für HBs und Schüler mit Autismus-Spektrums-Störungen.

Ich habe die Zeit vollkommen aus dem Blick verloren, und das ist für mich immer ein gutes Zeichen; das war ein wunderbarer Spaziergang.

Vielen Dank, Sven!

Samstag, 26. Februar 2022

LGBTQ v1.2: "Es gibt doch bereits Angebote!"


vorweg: Jeglicher Zusammenhang mit dem gestrigen Beitrag über das Stillsein ist zufällig und nicht beabsichtigt. Ich kämpfe immer noch damit zu realisieren, dass solche Disclaimer nötig sind.

Die beiden Beiträge zum Thema eines LGBTQ-Angebots an Schulen haben Reaktionen hervorgebracht - ganz unterschiedlicher Art. Eine Reaktion auf den ersten Beitrag hat zu v1.1 geführt, und eine weitere Reaktion auf das Konzept des safe space bringt mich zu diesen Überlegungen.

Dass ein sicherer Raum an einer Schule fehlt, gilt nicht nur für trans-Jugendliche. Es gilt nicht nur für homosexuelle Jugendliche oder jegliche, die sich der LGBTQIA+-Community zugehörig fühlen. Es gilt für jeden Jugendlichen, der sich konkret anders fühlt. Der sein Anderssein auf bestimmte Faktoren zurückführen kann, und sei es nur ein ständig wiederkehrendes Gefühl.

So kann es zum Beispiel sein, dass der tägliche Gang in die Schule für jemanden jahrelang zur Hölle wird, weil er hochintelligent ist. Und er kann sich noch so viel Mühe geben, das herunterzuspielen. Bescheidenheit bei den vielen Einsen zeigen, die er erhält. Sich nicht im Unterricht melden, um bloß nicht aufzufallen. Es wird immer die Streberleiche sein und immer aus irgendwelchen Richtungen dafür Anfeindungen erhalten, und er wird immer das Gefühl haben, sich verstellen zu müssen, um nicht ausgegrenzt zu werden, und auch für ihn gibt es womöglich keinen safe space in der Schule.

Was mir dann auch häufiger geschrieben und gesagt wird ist, dass es doch bereits Angebote für diese Schüler gibt: Es gibt das Enrichment für die Hochbegabten. Es gibt die Vertrauenslehrer für jegliche Probleme von Jugendlichen. Und immer wieder in den letzten Jahren wurde mir bei konkreten Ideen gesagt, dass man dafür ja bereits die Schulsozialpädagogen hat, und dass das Angebot auch gut genutzt wird und erfolgreich ist. Dass man das schlicht nicht braucht.

Das sind valide Argumente. Aber was ist mit der Dunkelziffer?

Ich kann nur für mich sprechen. Wir hatten einen Vertrauenslehrer an unserer Schule, und ich bin während der neun Jahre Gymnasium nicht ein einziges Mal zu ihm gegangen. Nicht wegen des Drogenhandels um mich herum, nicht wegen des Mobbings in der Klasse, nicht wegen der seelischen Folter vor und nach den Sportstunden, nicht wegen des schlechten Gewissens, weil ich eine Mitschülerin in einen Fluss geworfen habe, nicht wegen meiner sexuellen Neigungen, nicht wegen des Gefühls, dass mit meinem Kopf etwas nicht stimmt. 

In der Oberstufe gab es für Schüler extra das Tutorensystem: Jeder Schüler hat sich aus dem Kollegium einen Tutor gesucht, als Ansprechpartner für jegliche Art von Problemen. Ich bin sehr froh, dass ich meine Tutorin hatte, denn sie hat mir ein Gefühl von "okay sein" gegeben, bei den Kurstreffen, die wir bei ihr hatten, ohne dass ich mich irgendwie erklären musste.

Aber genau darin sehe ich die crux:

Es gab für mich kein Angebot, dass mir expressis verbis signalisiert hat, dass ich als schwuler Jugendlicher jemanden dort habe, an den ich mich wenden könnte. Keines der Angebote hatte das im Namen oder explizit in seinen agenda zu stehen. Ich habe mich meiner Tutorin in der Oberstufe nicht ein einziges Mal anvertraut, obwohl sie eine der tollsten Lehrerinnen war, die ich je hatte.

Ich kann nicht für den trans-Mann sprechen, der mir geschrieben hat. Ich kann nicht für die Hochbegabten sprechen, die mir geschrieben hatten. Vielleicht geht es ihnen ebenso, vielleicht stehe ich allein da. Aber mein Problem war, dass mir niemand gesagt hat "Wenn du schwul bist, dann ist das okay" oder "Wenn einer unserer Schüler über seine Sexualität sprechen möchte, dann haben wir ein Angebot, das genau für ihn gemacht ist". Enrichment ist schön und gut, aber es ist gemacht für "erkannte" Hochbegabte. Was ist mit hochbegabten Underachievern, die ihr Potential nicht nutzen können oder wollen, die aber tief im Inneren wissen, dass sie anders sind und gern mit jemandem drüber sprechen wollen, der sie versteht, und der vielleicht nicht nur den Unruhestifter in ihnen sieht? 

Es fehlt nicht an einem Angebot, das ruft: "Sag' uns, was Dein Problem ist, und wir helfen Dir." Die gibt es bereits reichlich, aber oft können Jugendliche ihre Probleme mit dem Anderssein noch nicht verbalisieren, noch nicht einmal bildlich konkretisieren.

Es fehlt an "Du bist schwul? Komm' zu unserem Gesprächskreis" oder "Du bist intelligent und fühlst Dich allein? Komm zur Mind Food-Gruppe" - und was es noch mehr gibt!

Wir müssen klarmachen, dass unsere helfende Hand speziell zu ihnen ausgestreckt ist.

post scriptum: Es tut mir WIRKLICH leid, wenn dieser Beitrag pathetisch klingt. Aber für zu viele Jugendliche ist die Schule eine jahrelange Folter, und jeder einzelne Teenager, der deswegen Suizid begeht, ist ein Zeugnis für unser kollektives Scheitern.

paulo post scriptum: Es war nicht geplant, dass aus diesem Thema eine Beitragsreihe wird - aber es kommt immer wieder ein Aspekt hinzu, der meiner Meinung nach hier Raum bekommen sollte. Bear with me. Cat, too.

Freitag, 14. Januar 2022

Strike!


Was für ein irre tolles Gefühl das ist, wenn sich der HB- und dazu noch Aspi-Verdacht bei einem Schüler erhärtet. Das ist eine seltene Kombi, und es ist erst mein zweiter Schüler, den ich damit entdecke - aber es fühlt sich toll an, in's Gespräch zu gehen, die passenden Fragen zu stellen und nach und nach in der geistigen Checkliste einen Haken nach dem anderen zu setzen, inklusive eines ganz bestimmten Löffels, mit dem das Essen einfach besser schmeckt. Geil. Heute habe ich Brackmann mitgegeben, ich denke mal, nächstes Wochenende werde ich dann Attwood mitgeben. Das könnte mein erster "offizieller" Erfolg werden, wir schauen mal, und wieder einmal werde ich The Talos Principle ausleihen.

Und endlich geht das Projekt Videospiele im Unterricht weiter, und es zeigen sich erste Schwierigkeiten: Selbst wenn nur die ersten drei Reihen des Hörsaals benutzt werden, kommen die Anweisungen der Schüler teilweise extrem leise bei mir an, kommen nicht gegen den Spielsound an. Ein Punkt Abzug für den Hörsaal, und da in der gesamten Schule Screens installiert sein, könnten wir überlegen, das in den Klassenraum zu verlegen. 

Aber auch etwas Positives gibt es zu vermerken, wie interessant es nämlich ist, wie unterschiedlich Lerngruppen in den gleichen Spielsituationen entscheiden. Heute:

Max, unsere Protagonistin, kann nicht in ihr Studentenwohnheim zurück, weil die Campus-Bitch die Treppen blockiert. Beide Lerngruppen entscheiden sich, ihr eins auszuwischen, indem ein Eimer Farbe von einem Gerüst fällt und die Bitch mit Farbe besudelt. Danach hat man zwei Möglichkeiten, wenn man mit ihr redet: "Mock her" oder "Comfort her" - also entweder sich über sie lustig zu machen oder sie zu trösten. Klasse Neun hat sich lustig gemacht, Klasse Zehn getröstet, und die unterschiedlichen Entscheidungen haben Einfluss auf die Story. 

Genau darin liegt für mich der Reiz - zu sehen, wie unterschiedlich Schüler die Situationen bewerten und die Konsequenzen dann in Kauf nehmen - und deswegen ist ein Spiel mit relevanten Entscheidungen wie Life Is Strange auch so gut geeignet.

Ab in die Meditation, es gibt viel zu verarbeiten!

Samstag, 25. Dezember 2021

A Hilarius Christmas!


Der fünfundzwanzigste Dezember, Drei Uhr Neun morgens. Mein Kopf ist immer noch völlig überfordert von vielen Gedanken, aber immerhin den tab mit dem neuen Blogeintrag möchte ich schonmal öffnen und mir kurz notieren, was da alles hineingehört. Und jetzt: Schlaf (irgendwie).

Zwölf Uhr Zweiunddreißig. Ein bisschen geschlafen und ich bin immer noch vollkommen in den Gedankenzügen drin, also versuche ich jetzt mal, diesen Beitrag zurechtzuklöppeln. Wie der Titel schon andeutet, geht es um den Heiligabend bei meiner Familie, und der war diesmal anders und doch irgendwie wieder business as usual. Am frühen Nachmittag hat mein Bruder mich abgeholt - in seinem neuen Beemer, und irgendwie fühlt es sich ja schon cool an, in so einem Auto zu fahren. So ruhig und entspannt und losgelöst von dem ganzen Verkehrsstress da draußen. Das war großartig - und während der Fahrt Neuigkeiten austauschen und schonmal mental darauf vorbereiten, was und zuhause erwartet.

Erwartet hat uns eigentlich nichts Ungewohntes. Es war das erste Weihnachtsfest ohne meine Oma, das heißt, der Faktor "Kirche" tauchte überhaupt nicht mehr auf, und das hat es alles etwas pragmatischer gestaltet. Fand ich ganz schön. Es war sehr lecker, und ich habe meinem Bruder endlich das Fachbuch zum Asperger-Syndrom gegeben, was schon seit über einem Jahr hier in meiner Wohnung lag und genau darauf wartete. Ist nie einfach, den "richtigen" Moment zu finden, auch für neurotypische Menschen. Und Aspis stehen sich dabei noch mehr selbst im Weg. Aber ich habe es ihm gegeben, habe zwei, drei Sätze dazu gesagt, und ich fühle mich jetzt extrem erleichtert und habe das ganz leichte, fast unbewusste Gefühl, meinem Bruder etwas geholfen zu haben. Das bedeutet mir viel und hat die Heimfahrt, ebenfalls gestern, fast etwas surreal wirken lassen. 

Und dann hatte ich mir quasi als "intellektuelles Dessert" einen Brief aufgehoben, der am Tag zuvor in meine Wohnung geflattert war. Absenderin war eine meiner Schülerinnen, und das war ein tolles Erlebnis, diesen Brief zu öffnen.

Vorgeschichte: Infolge der Erkrankung hatte ich meine Schüler gebeten, mir englische Briefe zu schicken, und da kamen einige sehr spezielle und ganz tolle Briefe bei mir an. Eine Briefkombo einer Dreiergruppe hat mich ganz besonders fasziniert - ein Autist und zwei vermutlich hochbegabte Schüler haben zusammengearbeitet und mir sehr unübliche Post geschickt. Also habe ich mir gedacht, dass ich mir einen kleinen Spaß gönne: Ich habe ihnen einen Brief in der Geheimschrift (siehe unten) in die Schule geschickt, ohne jegliche Lösungstipps, einfach nur mit der Anmerkung "Figure it out"! - "Findet es heraus!"

Ich habe das gemacht, weil ich mir mit der Hochbegabung zumindest bei einer von ihnen so sicher war, dass ich sie testen wollte. Mein Gedankengang: "Sie ist hochbegabt. Dieser Brief wird sie nicht loslassen, bis sie ihn entschlüsselt hat. Das ist ein Rätsel und es wird sie faszinieren. Sie wird es entschlüsseln - und dann wird sie mir, quasi als Bestätigung, einen Brief zurückschicken, und zwar genau in dieser ihr bis dato unbekannten Geheimschrift, um mir zu zeigen, dass sie sie geknackt hat."

Diesen Brief habe ich ihnen (verschlüsselt) geschickt:

Hi B & E & F!

I am writing to you because your letters were special. This is because you three are special students and your brains remind me of myself.

If it is okay with you, I would like to talk with you sometime. Don't feel forced to do that; it's just that this might result in a very interesting conversation.

I don't know how long I have to stay home. I really miss you guys and the whole course and I want to continue with our game "Life is Strange"!

Well... who of you cracked the code? Send me a letter in this secret language so I know that you solved it. In the meantwime I'll continue watching "The X-Files" and playing "Metroid Dread".

Hope to hear from you soon!

Ich liebe es, wenn ein Plan sich haargenau so abspielt, wie ich ihn mir in meinem Kopf zurechtgelegt habe. Wenn sich einzelne Dinge einfach bestätigen. Und so habe ich ihren Brief aufgerissen und folgenden Brief in Geheimschrift darin gefunden:


Hier die Übersetzung (Rechtschreibung und Grammatik bereinigt):

Moin Mister Hilarius,

we finally decoded your letter. We took a little longer than we should UWU (don't Autist). We're sorry for letting you wait a decade.

Remember to breathe and don't eat yellow snow, and for God's sake, stay away from the brown snow.

You're a sick Earthling, but now you're an ill one, too. [Ich liebe dieses Wortspiel!]

We really hope to see you in person again soon!

XOXO the hoomanoid creatures E and B

ps: It was we E the one and only, who did the decoding.

--------------------------------------------

Dreizehn Uhr Neun. Was für ein wunderbarer Tag und Abend und Nacht.

post scriptum: Sienzehn Uhr Fünfundzwanzig. Und dann auch noch eine neue Episode "The Expanse" - zuviel. Telefon raus, abschalten, geistige Quarantäne. Das ist der Moment, wo unserer Aspi-Schüler in Tränen ausbricht und wir ihm einen abgeschotteten Raum geben müssen, in dem er sich sammeln kann. I'm getting the hang of this.

Mittwoch, 16. Juni 2021

Im Kopf


So langsam sollte ich lernen, diesem Kopf zu vertrauen. Darin geht eine Menge ab, von dem die Außenwelt (zum Glück) nichts mitbekommt. Nur ein Beispiel:

Nehmen wir einmal an, ich würde einen Schüler in Q1 in Latein unterrichten - wir erinnern uns, dass es mit fünf Punkten im Jahresendzeugnis das KMK-Latinum gibt, das erste richtige Fremdsprachenzertifikat für die jungen Menschen. Nehmen wir nun einmal an, dass jener Schüler wirklich nichts in dem Jahr gemacht hat. Hat im Unterricht Langeweile zur Schau gestellt, hat das alles nicht für nötig gehalten, hat dann schriftlich null und mündlich mit viel Wohlwollen drei Punkte bekommen. Mit noch mehr Wohlwollen dann drei Punkte im Zeugnis. Nehmen wir weiterhin an, dass auf der Zeugniskonferenz dann der Oberstufenleiter zu mir käme und mich darum bäte, dem Schüler doch bitte fünf Punkte zu geben, damit die neue Schulleitung nicht gleich Stress mit den Eltern bekommt. Nehmen wir an, ich täte das, mit einem gebrochenen Herzen. Ich würde dem Schüler am liebsten eines sagen wollen:

"Sie leben in einer Welt, in der sie sich mit Geld und Einfluss alles kaufen können. Ich frage mich, ob sie jemals das Gefühl verspürt haben, etwas selbst erreicht zu haben."

Natürlich würde ich das dem Schüler nicht direkt sagen dürfen, aber für mich stünde dieser ungesagte Satz ziemlich dringlich in meinem Kopf da. Also würde ich in einer Meditation die gesamte Szene in aller Ruhe und mehrfacher Wiederholung durchspielen, mit jeweils anderem Tonfall, aber die Botschaft bleibt unverändert. Am Ende der Meditation wäre dieses dringliche Gefühl weg. Ich wäre entspannt, obwohl ich etwas gemacht habe, was ich mit meinem Latinistengewissen nicht vereinbaren kann. All' das kann in diesem Kopf stattfinden.

Warum schreibe ich das? Weil ich vorhin überlegt habe, ob ich den Opernboogie zur Sicherheit und zum Lernen einmal ausdrucken soll, in der für die Toni angepassten Version. Und ich habe mich dagegen entschieden. Ich bringe endlich einmal den Mut auf, auf meinen Kopf zu vertrauen, der dieses Stück vor dreizehn Jahren gelernt hat. Und so gehe ich heute gemütlich in die Innenstadt und passe dabei in meinem Kopf den Text an, so wie es nötig ist. Ich spiele den Opernboogie mehrmals durch, ohne ein einziges Wort zu sagen. Ich habe mir den Text nicht ausgedruckt. Ich habe nicht einmal die Datei am Bildschirm geöffnet.

Dieses Vertrauen in das eigene Vermögen ist etwas, was Hochbegabte oftmals nicht haben. Lasst uns also versuchen, unsere HB-Schüler zu stärken - gerade die Underachiever. Macht ihnen klar, dass sie etwas Besonderes sind, und dass ihr Kopf etwas kann, was nicht viele andere Menschen können. Macht ihnen klar, dass das ein Potential ist, dass diese Hochbegabung tatsächlich auch ihre positiven Seiten hat und nicht nur die Probleme, mit denen sie sich immer wieder konfrontiert sehen.

Hochbegabung ist keine Gnade, aber sie bietet Möglichkeiten.

Im Kopf.

Freitag, 28. Mai 2021

Kontakt

Antwort lesen? Erst, wenn ich mich "bereit" fühle

vorweg: Dieser Artikel schrammt gerade so an der Verschwiegenheit vorbei - da sich das Abgebildete allerdings fast nur auf mich bezieht, sollte das in Ordnung sein.

Wie mache ich das nur? Wie soll ich mit diesem Schüler Kontakt aufnehmen? Ich bin wirklich ein bisschen stolz, dass die Kollegin mich angesprochen hat: Einer ihrer Schüler, mitten in der Pubertät, beschäftigt sich intensiv mit seiner Andersartigkeit, aber bis dato hat niemand herausgefunden, was die Ursache dafür sein könnte. Daher hat sie mich gefragt, ob ich nicht einmal mit in Verbindung treten kann, um ihm vielleicht einen ähnlich getakteten Ansprechpartner zu geben.

Aber wie mache ich das nur? Mir ist klar, dass der erste Kontakt per Mail sein muss; so hat er genügend Zeit, darauf zu reagieren und eine Antwort zu formulieren, die tatsächlich dem entspricht, was er sagen will. Aspis sind nun mal so. Aber was schreibe ich ihm? Angenommen, er tickt wie ich: Eines Tages öffnet er seinen Iserv-Maileingang und sieht eine neue Nachricht. Von jemandem, den er nicht kennt, und es scheint kein Spam zu sein. Meine erste Reaktion auf so etwas wäre eine leichte Panikattacke, weil ich bestimmt wieder irgendwas falsch gemacht habe. Wie kann ich ihm diese Angst nehmen? Und wie kann ich ihm signalisieren, dass er okay ist, und dass es tatsächlich Menschen gibt, die ihn verstehen?

Auf Grundlage eines Gesprächs mit meiner Kollegin ist dabei herausgekommen:

Betreff: Feeling different today?

Hi you,

it seems you know me - or so I've heard. I've talked to Mrs Teacher, and I am the person she mentioned to you - the one that might understand your situation a little better than others. So, first a few things about me ;-)

- My name is Dr Hilarius and I teach English and Latin

- I have Asperger's Syndrome (I think; they've tested me for autism and the test was negative, because they did tests with me that were designed for children and teenagers, not for a 37-year-old adult ^^) - you might already know that Asperger's is a mild form of autism

- It makes me feel different, because:

- I talk to myself at home - I "rehearse" everything I am going to say and do in an upcoming situation or I repeat some of the day's events that I found interesting

- I tend to forget eating and drinking, because they feel "uninteresting" to me (my thoughts are everywhere, but never on food ^^)

- I love to observe and analyze people's behavior (my blog has a tag "Verhaltensmuster"), and I am really interested in psychology

- I don't like to look people in the eyes when I talk to them, and I don't like to be touched

- I have very special interests - black holes, rollercoaster systems, psychoactive substances (and also films, but that is a pretty normal field of interest ^^)

- People couldn't read my handwriting, so I decided to write in "Druckbuchstaben"

- I like mail contact a lot more than contact by telephone - I never answer the telephone or the doorbell when they ring unannounced (because I don't know who it will be and I cannot rehearse what I am going to say)

- I do not have a bipolar disorder, but I may tend to manic depression - feeling great at times, so much so that others can get annoyed with me, and then suddenly "falling into a hole", especially when something unexpected happens, because:

- I need a structure/safety/assurance in my life. Having to change school six times in the last nine years has caused complete chaos in my private life

Well... so now I've bombarded you with stuff about me without having written anything about you. I thought that you might recognize yourself in two or three of these bullet points. Do you? If so, maybe we could talk sometime about your situation in life, or what makes you feel different, and how to deal with these feelings and with certain situations in life.

We could do so by mail, if you want to, or we could talk in person, or use mail at first and later switch to a real dialogue - whatever suits you best ;-) And of course we could continue in German, if you'd like that. Mrs Teacher told me you're an English freak so she thought it would be a nice idea to start this way ^^

I may be a teacher, but I suggest we leave your parents completely out of this, at least for now. This is about you and I'd like you to speak as freely as possible. Looking forward to hearing from you, and if you'd first like to know more about me you can finde some information on http://doctorhilarius.blogspot.com

War das so in Ordnung? Den Rest dieser Episode werdet Ihr natürlich nicht so direkt mitbekommen (§25 anyone?), aber mir ging es in diesem Beitrag auch nur darum, wie man so ein "Projekt" starten könnte. Und das ist eben die Methode DrH: Direkt mit der Tür in's Haus fallen.

Mittwoch, 12. Mai 2021

Takes one to know one


vorweg: Manchmal gibt es auch positive Gründe für Funkstille im Blog - zum Beispiel weil der Kopf ununterbrochen an interessante Dinge denkt:

Andrea Brackmann hat wieder zugeschlagen. Ihr Buch Jenseits der Norm - hochbegabt und hoch sensibel (2005), das Zweitausendachtzehn bereits in der zehnten Auflage erhältlich war, steht immer in doppelter Ausführung in meinem Bücherregal. Lieber doppelt, denn ich leihe es gern an Menschen aus, die es betreffen könnte, und da ich quasi ein Geigerzähler für Hochbegabung bin (zumindest habe ich eine hohe Trefferquote), kommt das öfters vor (herrje, das klingt angeberisch, typisch Aspi). 

Derzeit bei einem Schüler und, in der gleichen Klasse, bei einer Schulbegleitung. Ich finde das irgendwie drollig, weil Frau Gelbdrücker mich extrem an Frau Scheißdrauf erinnert - die hochbegabte Schulbegleitung damals in Neumünster-Brachenfeld (und ich finde sie beide toll). Brackmanns Buch kann man gern als eye opener bezeichnen, und es klärt nicht nur den betroffenen Schüler auf, sondern auch die ganze Familie, denn die Hochbegabung ist erblich; man lernt auf einmal sehr viel über die eigenen Eltern und Großeltern - und Geschwister, nicht wahr, die große Buba?

Ich habe immer wieder betont, dass ich mich an Gemeinschaftsschulen wohler fühle als an Gymnasien (weil die Schulgemeinschaft oft authentischer ist); nun kommt noch dazu, dass ich an den GemSen wesentlich mehr Positives bewirken kann, denn nicht wenige verhaltensauffällige Schüler, die aufgrund ihrer "Schrägheit" nicht an einem Gymnasium ankommen, stellen sich als hochbegabte Underachiever heraus. 

Takes one to know one bedeutet, dass ich als HB-Aspi es leichter habe, meinesgleichen unter den Schülern zu erkennen - und das ist an meinen bisherigen GemSen wesentlich häufiger passiert als an den Gymnasien. Dort sind die hochbegabten Kinder meistens schon "erkannt" (wobei es faszinierend sein kann, dass auch an Elitegymnasien Hochbegabung bis in die Oberstufe nicht als solche erkannt werden kann; eine Familie aus Holzdorf kann davon ein Lied singen) - und für mein "Talent" gibt es kaum noch Bedarf.

Irgendwann möchte ich endlich mal Radi an der Uni besuchen und ihm dafür danken, dass er das in mir erkannt hat (das Talent, mit Menschen zu arbeiten), denn ich hatte zeitweise auch mit einer akademischen Laufbahn geliebäugelt.

Viele liebe Grüße an Alex, Inka und Anne!

Samstag, 1. Mai 2021

Videospiele und Schule


Hallo, Frau Mutter!

Ich habe Ihrem Sohn das Videospiel "The Talos Principle" vorgeschlagen. Das ist - unter Erwachsenen gesprochen - ein kleiner Versuch. 

Ich selbst bin damals fast im gleichen Alter wie Ihr Sohn von einem Rätselspiel gefesselt worden; ich war fasziniert von der unbekannten Welt, die mir da präsentiert wird, von den Klängen und der Musik. Ich mochte es, dass dort kein Stress herrscht und, das war mir damals noch nicht so bewusst, dass alle Aufgaben und Rätsel einem logischen Prinzip unterliegen. Alle Rätsel sind - teils mit sehr langer Nachdenkzeit - logisch lösbar. Ich konnte mich stundenlang in diesen Welten aufhalten und einfach nur nachdenken, das war für mich absolut wunderbar - das, was man in der Psychologie "Flow-Erleben" nennt: Genau in der Balance zwischen Über- und Unterforderung, der Kopf hat Einiges zu tun, wird dabei aber nicht gehetzt. Ihr Sohn ist in einer der letzten Stunden zu mir gekommen und meinte, dass die Englischaufgaben zuhause alle klappen, aber in der Klassenarbeit geht dann mal etwas schief - und das glaube ich ihm sofort, denn ich kenne das von mir selbst. 

So wie ich einen Zugang zu meinem intellektuellen Potential über ein Computerspiel gefunden habe - damals war es "Myst" - so könnten wir vielleicht auch zum Kopf Ihres Sohnes einen Schlüssel über die Videospiele finden - etwas, das er mag, wo er "frei" sein kann, nicht unter Druck, und intellektuell hoch gefordert wird, ohne dass er es merkt. Solche Spiele gibt es für alle Altersstufen; für Jugendliche sind sie mit einer interessanten Storyline versehen, für Erwachsene sind sie etwas abstrakter / philosophischer. Ich kenne zum Glück mittlerweile eine ganze Reihe dieser Spiele, und die Digitalisierung der Welt schreitet immer weiter voran, so dass ich als Lehrer mittlerweile aus Überzeugung Videospiele empfehlen kann. Ich finde es faszinierend, dass vielleicht ausgerechnet Videospiele ein pädagogisch-psychologisch wertvolles Mittel sein könnten (in den USA werden sie noch immer von vielen Republikanern verdammt, weil sie die Kinder angeblich gewaltbereiter machten, und auch hierzulande hat man ihnen lange Zeit vorgeworfen, den Kopf zu verdummen).

Ich schreibe Ihnen, weil ich gerade selbst wieder ein neues Spiel gefunden habe, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Deswegen empfehle ich "The Talos Principle" quasi als Wünschelrute für eine mögliche Hochbegabung Ihres Sohnes.

Herzliche Grüße,

Dr Hilarius

post scriptum: Ein Hinweis noch - helfen Sie Ihrem Sohn nicht bei dem Spiel, und überzeugen Sie ihn, auf keinen Fall im Internet nach der Lösung bestimmter Rätsel zu suchen. Er wird sich an einigen Stellen das Hirn zermartern, vielleicht sogar sehr lange, aber das könnte eine wichtige neue Erfahrung sein: Das Videospiel nach einer Weile Denkzeit zu beenden, ohne dass ein Fortschritt erzielt wurde. Vielleicht kann er auf diese Weise auch üben, mit einem neuen Blick an Aufgaben heranzugehen, die ihm bisher unlösbar schienen.

Donnerstag, 8. April 2021

"gedacht" versus "gemacht"

Jetzt wird gespült! ...oder auch nicht.

Die große Buba hat vermutlich eine Ahnung, worum es in diesem Beitrag geht, schließlich haben wir erst vor Kurzem wieder über ein Phänomen gesprochen, von dem ich früher dachte, nur ich hätte es. Es geht um Hochbegabung.

Zur Erinnerung: Hochbegabte denken ununterbrochen. Sie können nicht nicht denken. Irgendwo ist der Kopf immer, und bei mir oft nicht ganz bei der Sache. Als Beispiel dient ein Einkauf in der Drogerie: Ich habe meinen Einkaufszettel, schiebe meinen Wagen durch en Laden. Bei jedem Artikel, den ich einkaufe, denke ich direkt daran, wie ich ihn benutzen werde. Ich kaufe Biotüten und denke dabei daran, wie ich den Biomüll rausbringe. Ich kaufe Ersatz-Spülbürsten und denke in dem Moment daran, wie ich einen großen Topf abwaschen werde. Ich kaufe mir einen Staubfänger und stelle mir vor, wie ich meine Heimkinoanlage abstaube. Irgendwo müssen die Gedanken ja hin, und wenn ich ein Putzmittel in der Hand habe, denke ich den Putzvorgang direkt durch.

Und dann komme ich nach Hause, räume alle Putzmittel und Konsorten ein und bin zufrieden. Ich putze nicht. Weil tatsächlich das viele Nachdenken über das Putzen in meinem Kopf das Gefühl erzeugt, ich hätte die Wohnung real geputzt, muss ich es ja nicht mehr machen. Ich bin selten so glücklich wie in dem Moment, wenn ich alle Drogerieeinkäufe an ihren Platz in der Wohnung sortiert habe, die Wohnung fühlt sich an wie blitzblank geputzt. 

Aber es ist eben nur ein Gefühl. Wieder ein Fall für das Schild Sachen sofort erledigen!, damit ich nicht lange herumdenke, sondern direkt anfange, das Bad zu wischen. Ob die große Buba und ich die einzigen Menschen sind, denen es so geht?

Dienstag, 16. März 2021

Der dreiundzwanzigste März


vorweg: Ich habe in den letzten Tagen nicht meditiert - vielleicht war das ein Fehler. Heute in der Meditation habe ich meinen Kopf zumindest ein wenig sortieren können.

Das ist momentan eine der Phasen, in denen ich wünschte, ich wäre wieder an einer einzügigen Schule oder einem Gymnasium: Die Prüfungen zum Ersten beziehungsweise Mittleren Schulabschluss stehen an. Eigentlich kein Grund zur Aufregung für die Lehrkraft: Man organisiert einen CD-Player, Wörterbücher und der Prüfungstag kann kommen, und je nach Gruppengröße lassen sich die Prüfungen in Windeseile durchkorrigieren.

Nun bin ich allerdings an einer Gemeinschaftsschule mit Kurssystem - äußere Differenzierung - und dazu kommt noch die Corona-Krise. Immerhin habe ich einen Plan, wann ich wo Aufsicht führen soll, das ist gut, ich freue mich über alles, an das ich mich halten kann, aber allein dass meine ESA-Schüler seit Wochen Präsenzunterricht bei einer anderen Lehrkraft haben, verwirrt mich. Organisiere ich die Materialien für die Schüler? Oder die Präsenzlehrkraft? Oder die Person, die in dem Raum Aufsicht führt? Wie gehe ich mit der Situation um, dass die Sprechprüfung coronabedingt gestrichen wurde, aber eine mündliche Prüfung freiwillig gemacht werden kann, und auf Wunsch eine Klausur gestrichen werden kann?

Es sei festzuhalten: Nachher ist das alles gar nicht so schlimm. Man ist rechtzeitig in der Schule, man spricht sich ab, das funzt. Es ist nur dieses Gefühl von "Ich allein muss die Abschlussprüfungen koordinieren" in meinem Kopf, das mich kirre macht. Ich weiß, dass ich nur Aufsicht und Korrektor bin, aber dieses Gehirn lässt sich leider nicht bändigen und verzweifelt an einer Aufgabe, die gar nicht seine ist.

Talk about Luxusprobleme...

Mittwoch, 3. März 2021

Brainfood


GEB. Gödel, Escher, Bach - an Eternal Golden Braid. Schon die akrostichische Spielerei im Titel und das Cover des Buches begeistern mich, auch nach über fünfzehn Jahren noch. Dabei geht es heute gar nicht um das Buch, sondern um etwas, das viele Hochbegabte kennen dürften, nämlich geistige Unterforderung.

"Ist doch nicht schlimm, wenn ich intellektuell gerade nicht herausgefordert werde, dann kann ich endlich mal ein bisschen entspannen", so mag man denken, und da ist auch etwas dran. Aber in der Unterforderung fängt der Geist an zu wandern. Wenn das Gehirn sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren muss, denkt es in alle möglichen Richtungen, und dann kommen einem die irrsten Ideen. Dumme Ideen. Ich nenne gern eine Anekdote aus dem Film Spoorloos (1988), in dem ein hochbegabter Jugendlicher auf einem Balkon steht und nachdenkt. Kein Mensch würde einfach so vom Balkon springen, denkt er sich. Die menschliche Vernunft hält ihn davon ab: Warum sollte er? Und außerdem könnte es gefährlich sein. Doch er denkt weiter: Um seine Kontrolle über seinen eigenen Geist und Willen zu beweisen, springt er vom Balkon und bricht sich ein Bein.

Und die Unterforderung führt nicht nur zu dummen Ideen, sondern zu teilweise extremen Stimmungsschwankungen, wenn man plötzlich darüber nachdenkt, was alles gerade nicht in Ordnung ist. Eine Blütezeit für unbegründete Ängste.

Im Prinzip bin ich seit dem Beginn des Lockdowns unterfordert. Mir wird das erst jetzt so richtig bewusst, wo ich mich mal wieder intellektuell angesprochen fühle, nämlich zum einen durch oben genanntes Buch, das mich schon nach siebzehn Seiten total fasziniert (es geht um Paradoxa, Loops, Logik, Gödel, Escher, Bach, Muster und vieles mehr), zum anderen durch die Serie Fringe, die mir Picki empfohlen hat (Lena hat ihn immer so genannt, SPO und so). 

Ich fühle mich irgendwie erleichtert, nicht mehr so träge. Das ist auch der Grund, warum ich mir nur in Ausnahmen Wiederholungen ansehe, sei es von Serien oder Filmen oder Videospielen. Ich brauche Brainfood, sonst geht es mir nicht gut. 

Geht es anderen HBs da draußen auch so?

Dienstag, 19. Januar 2021

Trick Siebzehn - Die Digital-Variante

Mit den Augen woanders - das kann helfen.

Same same, but different.

Dieses englische geflügelte Wort beschreibt, dass etwas eigentlich genauso verlaufen ist wie zuvor, nur fühlt sich irgendwas anders an. So war es bei den heutigen Zeugniskonferenzen. Ich habe mich daran erinnert, wie ich Konferenzen normalerweise verbringe: Ich arbeite in einem Rätselheft, während ich dem, was gesagt wird, zuhöre. Das habe ich schon in der Schulzeit so gemacht. Rätsel helfen mir, mich zu fokussieren, so werde ich nicht so leicht abgelenkt. Mittlerweile kenne ich die neurobiologischen und verhaltenspsychologischen Hintergründe dazu - früher wusste ich nur, dass ich immer ein Rätselheft in der Tasche haben musste.

Ähnlich habe ich es dann heute in den digitalen Zeugniskonferenzen gemacht - war mir besonders wichtig, da ich heute nur einzelne Schüler aus drei Klassen in meinen Kursen hatte und Vieles mich nicht betraf. Dort liegt der Hund begraben: Ich bin unterfordert. Ich muss nebenher irgendwas machen, was meinen Geist beschäftigt, und zwar muss es etwas sein, was nicht mit dem aktuellen Thema zu tun hat, damit ich die beiden Fokuspunkte sauber auseinanderhalten kann. 

Also habe ich heute die Videokonferenz geöffnet, mich dafür entschuldigt, dass mein Mikro kaputt ist und ich nur per Bild teilnehme, und habe dann meine Spielekonsole eingeschaltet. Den Sound ausgemacht, damit ich mit den Augen im Videospiel und mit den Ohren in der Konferenz sein konnte, und es hat drei Konferenzen hintereinander wunderbar funktioniert! Ich weiß nicht, ob das wirklich nachvollziehbar für andere Menschen ist, aber es wirkt, und deswegen habe ich damals die Methode in meinen Methodenkoffer für die Schule aufgenommen (für hochbegabte Schüler).

Heute gab es keinen Totalausfall wie gestern, und das war eine angenehme Erfahrung, die einen Blogeintrag wert ist.

post scriptum: Das hier wird Herrn Leinhos und vielleicht auch der großen Buba in Sachen Satzbau ein Lächeln auf das Gesicht zaubern - im Videospiel "Legend of Heroes: Trails of Cold Steel" wird die Faszination der Japaner deutlich in einem männlichen Charakter, der "Weiber" heißt, und der Satz "Rean showed his rod to Weiber" macht es nicht besser :D (gemeint ist eine Angelrute, "rod" kann aber auch etwas Anderes bedeuten)

paulo post scriptum: Ich bin total glücklich - ich habe endlich wieder eine Inspiration für eine Geschichte bekommen, die ähnlich albern werden dürfte wie die Zimtsterne - stay tuned!

Sonntag, 13. Dezember 2020

Asperger im Erwachsenenalter


Ich dachte erst, nach drei Büchern hätte ich genug über das Asperger-Syndrom gelernt - aber wie es auch generell im Leben gilt: Man hat nie ausgelernt; somit hat ein neues Fachbuch seinen Weg in mein Leben gefunden, diesmal aus Deutschland, eine Sammlung von Essays und Untersuchungen, die sich alle mit einem für mich relevanten Thema beschäftigen. Die Quelle für alle folgenden Zitate ist

Tebartz van Elst, Ludger (Hrsg.): Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter, Berlin 2016.

...Es sollte immer dann differenzialdiagnostisch an ein Asperger-Syndrom gedacht werden, wenn Patienten mit atypischen Präsentationen von affektiven Störungen, psychosenahen Phänomenen, Zwangssyndromen, Essstörungen oder Anpassungsstörungen vorstellig werden. (...) Hinter dem unklaren und seltsamen Fall verbirgt sich nicht selten als entscheidende Erklärung für seltsame Interaktionsmuster und schwer zu verstehende Verhaltensweisen ein bis dahin undiagnostiziertes Asperger-Syndrom. Das Erkennen der richtigen Diagnose in solchen Konstellationen ist deshalb wichtig, weil schon diese Erkenntnis an sich für Patienten wie für Bezugspersonen oft eine wichtige psychotherapeutische Intervention darstellt. Denn indem sie das von den Patienten selbst und ihren Angehörigen schon immer erlebte Anders-Sein schlüssig erklären kann, nimmt sie oft für alle Beteiligten einen großen Anteil des interpersonellen Drucks und kann so eine Entlastung herbeiführen, die Raum für neue Problemlösungsansätze schafft. (...)

Im Erwachsenenalter müssen zwei Konstellationen unterschieden werden:

Bei der ersten wird ein Patient mit bereits diagnostiziertem Autismus vorstellig. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um den erwachsen gewordenen Patienten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dann bereitet die Diagnose keine Probleme und die Betroffenen selbst sind ebenso wie ihre Angehörigen und Bezugspersonen meist mit den Besonderheiten einer [Autismus-Spektrums-Störung] ASS vertraut.

Anders stellt sich die Situation allerdings dar, wenn Menschen mit Asperger-Syndrom und hochfunktionalen ASS ihr Leben bis ins Erwachsenenalter gemeistert haben, ohne dass es zu Kontakten zum ärztlich-therapeutischen Hilfesystem gekommen ist. Denn die Tatsache, dass die betroffenen Personen trotz überzeugendem und stabilem Vorhandensein der Kerneigenschaften einer ASS ihr Leben bis ins Erwachsenenalter ohne größere psychosoziale Krisen meistern konnten, weist entweder auf einen geringeren Schweregrad der Symptome hin oder aber auf große Kompensationsressourcen wie z.B. eine hohe Intelligenz und gute kognitive Fähigkeiten, die geholfen haben, Umgehungsstrategien zu entwickeln, eine hohe Akzeptanz in Familie, Schule, Umfeld und Beruf und eher fehlende psychiatrische Komorbiditäten wie etwa eine ADHS oder Depressionen. (...)

Menschen mit hochfunktionalem Autismus, die sich erst im Erwachsenenalter beim Arzt vorstellen

- haben oft eine weniger schwer ausgeprägte Symptomatik

- verfügen oft über eine hohe Intelligenz und gute kognitive Kompensationsstrategien

- verfügen oft über ein gut strukturiertes Netzwerk an sozialer Unterstützung (Familie, soziales Umfeld, Schule, Beruf etc.)

- können dennoch wegen der ASS-Basisstörung in Beziehungen, Partnerschaft und Beruf komplett scheitern

(...) In diesem Zusammenhang ist es interessant, auf die Rolle der Schule als möglichen Belastungsfaktor für Menschen mit ASS zu reflektieren. Intuitiv könnte zunächst davon ausgegangen werden, dass die Schule für Menschen mit ASS in erster Linie einen Belastungsfaktor darstellt. Denn man bewegt sich permanent in der sozialen Gruppe der Klassengemeinschaft und ein Großteil der schulischen Beschäftigung findet in Gruppen statt.

Gerade für Menschen mit hochfunktionalem ASS stellt die Schule nach klinischer Erfahrung aber auch einen stabilisierenden Faktor dar. Denn sie ist geprägt durch Routinen und eine ausgesprochene Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit der alltäglichen Abläufe. Dies kommt dem Bedürfnis Betroffener nach erwartungsgemäßen Tagesabläufen sehr entgegen. Es gibt wenige Zeiten im Leben, in denen man schon im Frühjahr weiß, was Mitte November mittwochs vormittags auf der Agenda steht. Gerade dies aber ist während der Schulzeit der Fall. Die schulischen Jahre - und bedingt auch noch die Universität zumindest sofern ein verschultes Studienfach gewählt wird - gehören zu den geregeltsten Zeiten im Leben vieler Menschen. Und gerade dies kommt dem Stärke-Schwäche-Profil von Menschen mit ASS entgegen.

Zudem wird in den Schulen viel wert auf rein kognitive Leistungen gelegt. Trotz steigender Anforderungen im Sinne der sozialen Kognition (vermehrte Gruppenarbeit etc.) stehen in den meisten Schulen nach wie vor Wissenserwerb sowie mathematisch-technische Fertigkeiten im Zentrum des Erziehungsziels. Und gerade in diesem Bereichen tun sich viele hochfunktionale Autisten sehr leicht, sodass sie über gute Schulnoten ihr Selbstwertgefühl weiter stabilisieren können. Vor allem dann, wenn das Klima in den Klassengemeinschaften geprägt ist von Akzeptanz und Toleranz und individuelle Eigenheiten und Schrulligkeiten hingenommen werden, kann die Schulzeit für hochfunktionale Autisten eine gute Zeit sein. Allenfalls die großen Pausen, in denen man in der Peer-Group herumhängt und "quatscht" wird dann oft als Belastung erlebt, für die sich aber rasch Umgehungsstrategien finden (z.B. in der Bibliothek Bücher lesen). (...)

Plakativ ausgedrückt könnte die Atypizität als ein zentrales Präsentationskriterium des Asperger-Syndroms im Erwachsenenalter angeführt werden. Hochfunktional autistische Menschen werden meist seit Kindheit von anderen Menschen als anders erlebt und erleben sich selber auch meist als "anders als die anderen". Diese Andersartigkeit ist vor allem in den Schwierigkeiten der sozialen Wahrnehmung und sozialen Kompetenz sowie dem extremen Bedürfnis nach erwartungsgemäß geregelten Abläufen und Routinen des Alltagslebens begründet. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten in kommunikativen Situationen sowie die extreme Unflexibilität der betroffenen Menschen ist für die anderen (oder die Neurotypischen, wie die nicht-betroffenen Menschen von manchen Betroffenen genannt werden) meist schwer nachvollziehbar, einfühlbar und damit kaum verstehbar. Dies kann ein Grund für zahlreiche Konflikte am Arbeitsplatz oder in privaten Beziehungen sein, die nicht selten ihren Kern in fundamentalen Missverständnissen und Deutungsfehlern des Verhaltens betroffener Menschen mit einem Asperger-Syndroms haben.

Dementsprechend präsentieren sich erwachsene Menschen mit bis dato nicht diagnostiziertem Asperger-Syndrom häufig in Zusammenhang mit schweren psychosozialen Konflikten beim Erwachsenenpsychiater. Häufig werden dann zunächst die Diagnosen einer Belastungsreaktion, einer Anpassungsstörung, eines Burn-out-Syndroms, einer atypischen Depression oder einer nicht selten kombinierten Persönlichkeitsstörung gestellt. Begleitende psychische Auffälligkeiten wie etwa ein sonderbares Essverhalten, seltsame zwangsähnliche Phänomene oder Besonderheiten der Wahrnehmung führen oft zu Diagnosen wie atypischen Zwangsstörungen, atypischen Psychosen oder atypischen Essstörungen. In der Beurteilung durch den Arzt ist es das Sonderbare, Komplexe, Unklare und schwer Verstehbare, also insgesamt gerade das Atypische, was typisch ist für einen erwachsenen Menschen, der sich erstmalig mit einem Asperger-Syndrom vorstellt. (...)

Die hohe Intelligenz und die guten Kompensationsstrategien haben es den Betroffenen meist ein Leben lang ermöglicht, teilweise sehr kreative und originelle Umgehungsstrategien für ihre Schwächen in der sozialen Kognition zu finden und umzusetzen. Dementsprechend sind gerade Erwachsene, die sich erstmalig mit einem Asperger-Syndrom präsentieren, beruflich aufgrund ihrer hohen Intelligenz gelegentlich recht erfolgreich. Letztendlich sind es in dieser für die Erwachsenenpsychiatrie klassischen Konstellation meist die aus den Eigenheiten der Betroffenen resultierenden psychosozialen Konflikte, welche über eine Belastungsreaktion, ein depressives oder ein sozial-phobisches Syndrom zur Vorstellung beim Arzt führen. (...)

Erwachsene mit Asperger-Syndrom fallen meist sowohl durch ungewöhnliche zwischenmenschliche Verhaltensmuster als auch durch ein oft seltsames Sprachverhalten auf. Es fällt ihnen oft extrem schwer, zwanglose Beziehungen aufzubauen und alltägliche Small-Talk-Situationen zu beherrschen. Auch die Sprache kann seltsam monoton, wenig moduliert und eintönig klingen. Häufig ist auch das Blickverhalten auffällig und durch ein vermeiden des Blickkontakts oder einen starren, wenig modulierten Blick gekennzeichnet. (...)

Betroffenen Menschen fällt es oft ausgesprochen schwer, soziale Signale anderer Menschen zu entziffern. So kann die Bedeutung des emotionalen Gehalts von Gesichtsausdrücken oft kaum entschlüsselt werden. Das Betrachten von wütenden, fröhlichen, traurigen oder angeekelten Gesichtsausdrücken führt also nicht wie bei den meisten Menschen zu einem spontanen und unreflektierten Mitschwingen, sondern wird synthetisch bzw. spontan gar nicht wahrgenommen.

Ähnliches gilt für die Wahrnehmung der Sprachmelodie bzw. der Prosodie. Stimmen werden also spontan nicht als gelangweilt, ängstlich, drohend oder ironisch wahrgenommen, sondern das Gehörte konzentriert sich auf das wörtlich Gesagte. Dementsprechend stellen Situationen, in denen die komplexe und spontane Wahrnehmung von emotionalen Inhalten eine große Rolle spielt (Small Talk auf Partys, Ironie, Zweideutigkeiten, Witze etc.), Menschen mit Asperger-Syndrom oft vor extreme Schwierigkeiten. Immer wieder kommt es hier zu Missverständnissen, mehrdeutige oder ironische Aussagen werden wörtlich genommen oder verwirren, sodass sich die Patienten aus der Situation zurückziehen. Zwar können viele Betroffene aufgrund ihrer hohen Intelligenz lernen, analytisch die Bedeutung von traurigen oder wütenden Gesichtern zu entziffern, jedoch stellt dies erhebliche Anforderungen an die Aufmerksamkeit und Konzentration in den entsprechenden Situationen, da die analytische Dekodierung emotionaler Informationsweitergabe sehr viel Zeit kostet und die Betroffenen dadurch oft deutlich verlangsamt sind. (...)

Die vielleicht markanteste Eigenschaft hochfunktionaler Autisten ist das extreme Bedürfnis nach erwartungsgemäßen Tagesabläufen und Verhaltensroutinen. Jeder Tag beginnt und endet mit bestimmten ritualen, das Aufstehen am Morgen, Waschen und Ankleiden erfolgt nach bestimmten und genau festgelegten Reihenfolgen und auch der Tagesablauf ist streng definierten Abläufen unterworfen. Auch die Arbeitsabläufe sind oft stereotyp auf die immer gleiche Art und Weise organisiert und ebenso endet der Tag häufig nach einem streng reglementierten Ritual. Werden diese Stereotypien und Rituale von Außen gestört, führt dies bei den Betroffenen zu extremen Überforderungsgefühlen, Anspannung und Frustrationen, die sich nicht selten in Form von Wutausbrüchen Luft macht. Gerade diese Rituale und die damit verbundenen Wutausbrüche sind oft Gegenstand intensiver zwischenmenschlicher Konflikte sowohl am Arbeitsplatz als auch im privaten Rahmen, da die nicht-betroffenen Menschen nicht nachvollziehen können, wieso ihre Partner oder Kollegen so unflexibel sind und sich anscheinend wegen irgendwelcher Kleinigkeiten so stark aufregen können. Auch wenn diese Symptomatik gelegentlich an Zwangsstörungen erinnern kann, so fehlt doch die typische Angst-Zwangs-Dynamik der primären Zwangsstörung, d.h. mit den zwangsähnlichen Routinen und Stereotypien werden nicht wie bei klassischen Zwangshandlungen irrationale Ängste abgewehrt und sie werden dementsprechend auch nicht als Ich-dyston erlebt wie bei der klassischen Zwangsstörung. Stereotypien und Routinen finden sich bei Betroffenen nicht selten auch im Zusammenhang mit dem Essverhalten und was das eigene Gewichtsideal anbelangt, weshalb gelegentlich auch atypische Essstörungen bei Menschen mit Asperger-Syndrom diagnostiziert werden. (...)

Die Aufmerksamkeitssteuerung bei Menschen mit Asperger-Syndrom kann an eine ADHS erinnern. Einer ausgeprägten Fähigkeit zur Hyperfokussierung auf bestimmte interessierende Themen kann eine nicht weniger starke Unaufmerksamkeit bei nicht-interessierenden Themenbereichen entgegenstehen. Möglicherweise verbunden mit der Möglichkeit zur Hyperfokussierung und der Tendenz zu stereotypischen Verhaltensweisen entwickeln manche Menschen mit Asperger-Syndrom in Teilbereichen ausgeprägte Sonderbegabungen. Diese bewegen sich meist im perzeptiven, gestalterischen oder mathematischen Bereich. Aber auch im sprachlichen Bereich können Autisten außergewöhnliche Leistungen vollbringen (Erlernen vieler Sprachen, schriftstellerische und dichterische Leistungen), wobei hier selten der kommunikativ-pragmatische Aspekt von Sprache subjektiv im Zentrum der Faszination steht sondern eher der systematische (Faszination einer Sprachstruktur und Grammatik) oder der konstruktive Aspekt (Kreierung von Sonder- und Eigensprachen, Ästhetik, Dichtung etc.). Auch das Sammeln großer Mengen von enzyklopädischen Wissensinhalten fasziniert viele Menschen mit Asperger-Eigenschaften sehr, ohne dass dabei die pragmatische und anwendungsorientierte Seite dieses Wissenserwerbs subjektiv im Zentrum steht. (...)

Ein Eigenschaftsbereich, der bei vielen Menschen mit Asperger-Syndrom auffällig ist, aber noch nicht zu den offiziellen Definitionskriterien zählt (außer beim DSM-5), ist die perzeptive Wahrnehmung. Hier berichten viele Betroffene von einer extremen Empfindlichkeit im Hinblick auf eine akustische, visuelle, taktile oder olfaktorische Reizüberflutung. Quietschende oder schrille Geräusche, starke Gerüche oder grelle Farben können gelegentlich als extrem unangenehm empfunden werden. Dies gilt auch für Berührungen durch andere Menschen. Dementsprechend meiden Betroffene Situationen, in denen sie mit solchen Sinneseindrücken konfrontiert werden (U-Bahn, Menschenmengen, Einkaufszentren etc.) und führen oft ein eher zurückgezogenes Leben. (...)

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es sich bei dem Asperger-Syndrom und den hochfunktionalen Autismus-Spektrum-Störungen um eine Entwicklungsstörung mit stabiler Symptomatik handelt, die sich gerade bei geringerer Ausprägung sowie hoher Intelligenz und guter Kompensationsbedingungen nicht selten erst im Erwachsenenalter erstmanifestiert. Das klinische Bild ist insbesondere durch Defizite der sozialen Wahrnehmung und Kompetenz, Stereotypien und Verhaltensroutinen, Sonderbegabungen und Sonderinteressen definiert. Ferner finden sich häufig Besonderheiten der perzeptiven Wahrnehmung, ein schlechter Augenkontakt und Probleme im Bereich der Feinmotorik und Koordination. Gerade im Erwachsenenalter resultieren aus den Kerndefiziten oft erhebliche zwischenmenschliche und interaktive Probleme, die dann Anlass der Vorstellung beim Arzt oder Psychotherapeuten sind. In diesem Zusammenhang ist oft schon allein die korrekte Diagnosestellung sehr hilfreich, weil sie hilft, Fehlinterpretationen von Verhaltensauffälligkeiten zu vermeiden, und so die Selbst- und Fremdakzeptanz fördert. Bei eigenartigen und sonderbar anmutenden Menschen mit komplexen psychosozialen Problemen und atypischen affektiven Symptomen, Zwangssymptomen und Anspannungszuständen sollte differenzialdiagnostisch an eine hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störung gedacht werden.

(S.27-35)

Montag, 12. Oktober 2020

Geduld


Wer mich ein bisschen kennt, denkt sich wahrscheinlich, dass bei einer größeren Blogpause entweder ein neuer Film, eine neue Serie oder ein neues Videospiel dahintersteckt. Richtig gedacht: Da wäre zum einen The Haunting of Bly Manor (2020), die zweite Staffel nach der grandiosen Shirley Jackson-Verfilmung The Haunting of Hill House (2018) - mit einer Bewertung halte ich mich noch zurück. Bin mal gespannt, ob mein Eindruck sich mit dem Kritikerspiegel deckt. addendum: Ja, tut er.

Zum anderen wäre da Obduction - die Miller-Brüder, die kreativen Köpfe hinter der Myst-Reihe, die ich im Blog schon einmal kommentiert habe, haben vor einiger Zeit ein neues Spiel herausgebracht, das den Charakter von Myst behält, neue Technologie nutzt und eine high concept science fiction story erzählt. Mit allem, was ich an den anderen Spielen mochte: Viele Schalter zum Umlegen, viele Knöpfe, Gleise, Schwebebahn, knackige Rätsel, Atmosphäre pur. Und vor allem: Kein Stress. Kein Game Over. Ich kann das in aller Ruhe erleben.

Und genau um dieses "in aller Ruhe" geht es heute, denn früher hatte ich es nicht unbedingt mit der Ruhe. Einer der Nachteile, wenn man sehr intelligent ist: Der Kopf gewöhnt sich an die Grundhaltung, dass alles sehr schnell gehen muss. Aufgaben in der Schule, im Studium - sehr schnell erledigt. Und gerade wenn man noch davon ausgeht, der eigene Kopf ticke völlig normal, kommt man nicht auf die Idee, dass es auch anders ginge.

Man sitzt dann als Schüler im Unterricht, völlig unterfordert, und fragt sich, warum das nicht alles schneller voranginge. "Ich habe das doch alles schon verstanden, können wir nicht weitermachen?" Und auch, wenn man andere Menschen bei Aufgaben beobachtet, können einem schnell die Finger kribbeln. "Du brauchst so lange dafür... lass' mich das einfach machen, das geht schneller, dann können wir weitermachen." Vielleicht geht es anderen Hochbegabten da draußen nicht so - müsste ich aber erst noch kennen lernen, bisher konnte mir jeder Betroffene diesen Eindruck in unterschiedlichen Formen bestätigen.

Genau so bin ich auch an Spiele herangegangen, besonders Rätseladventures. Diese Spiele sind auf Ruhe und Langsamkeit ausgelegt, nicht auf Hektik. Wenn ich so ein Spiel vor mir hatte, die meisten Rätsel zügig lösen konnte, dann aber bei einem Rätsel nicht schnell genug auf die Lösung gekommen bin, habe ich mich schnell hilfesuchend an den Herrn WWW gewandt. So konnte ich die Spiele zwar zügig beenden, aber es geht ja nicht darum, möglichst fix an das Ziel zu kommen. In Rätseladventures ist der Weg das Ziel.

Das Meditationstraining und die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus haben mir einige Geduld beigebracht. Mittlerweile schaue ich nicht mehr nach Lösungen im Internet. Das kann dazu führen, dass ich ein Spiel beginne und dann mehrere Stunden lang an einem Rätsel festsitze, das Spiel dann erstmal wieder beende, ohne auch nur irgendeinen Fortschritt erreicht zu haben. Ich nehme das Rätsel dann mit in die Meditation, zerbreche mir weiterhin den Kopf, und wenn ich dann irgendwann die Lösung gefunden habe, ist das Gefühl einfach unbeschreiblich - zufrieden, erleichtert, glücklich, neu angespornt.

Klar, dass diese Geduld auch ihre Nachteile haben kann. In den unteren Klassenstufen, in denen die Schüler wuselig, laut und überall sind, hilft es nicht unbedingt, wenn man im Unterricht alle Klassengeräusche ganz geduldig hinnimmt, bis irgendwann die Schüler selbst sich beschweren, dass es zu laut im Raum ist und sie nichts lernen können. Trotzdem bin ich sehr glücklich darüber, dass ich etwas geduldiger geworden bin - wie ich auch damals schon im Blog in dem Artikel Entschleunigung geschrieben hatte.

In dem Sinne: Kommt entspannt und gelassen in die neue Woche!

(außer der Sannitanic, die wird Gelassenheit frühestens in siebzehn Jahren wieder erleben)

Donnerstag, 20. August 2020

Die Ruhe


Aspis brauchen in regelmäßigen Abständen Ruheinseln. Sie nehmen audiovisuelle Impulse sehr intensiv wahr und schaffen es manchmal nicht, sie schnell genug im Kopf "abzuarbeiten" - zu überlegen, woher dieses Geräusch nun kam, oder wie die Antwort auf jene Frage ist, oder warum Klaus heute Hosenträger hat. Es kann ganz schnell zu einer Überforderung kommen, verbunden mit einer Art Erstarrung: Der Kopf denkt überhaupt nicht mehr weiter, weil einfach zu viele Dinge auf ihn einprasseln, auf einmal sind rundherum nur noch Geräusche und Stimmen, die keinen Sinn mehr ergeben. In solchen Phasen ist es für einen Aspi wichtig, eine Möglichkeit zur Ruhe zu finden. Eine Atmosphäre, in der keine neuen Geräusche, Menschen, Wörter et cetera auftreten.

Mir geht das auch so, und das ist ein Aspi-Symptom, was sich nicht mit Hochbegabung übertünchen lässt. Wenn, dann wird es dadurch sogar noch verstärkt, und vielleicht kennen ein paar HBs unter Euch diesen "Zuviel-Input". Oder vielleicht liegt es eben doch nur am Autismus. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass meine Schule einen Ruheraum für Lehrkräfte hat. Es ist meine siebte Schule, aber erst die zweite mit einer solchen Einrichtung; das kannte ich zuvor nur aus Neumünster.

Ich finde diesen Ruheraum wunderbar. Er liegt im Keller, wo sich keine Hitze staut, seine Fenster zeigen nach Norden, so dass er nicht durch die Sonne aufgeheizt wird, er hat eine gut isolierte Tür, durch die nicht viele Geräusche dringen. Innen befinden sich verschiedene Sessel und Liegen, sowie ein Berg an Kissen und Decken, und zwei dekorative Paravents für die richtige Atmosphäre. Heute habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, an einem Neun-Stunden-Tag in den Freistunden einfach dort hinunter zu gehen, mich hinzulegen, einen Wecker zu stellen und wegzudösen, oder einfach nur zum Lesen dorthin zu gehen. 

Ich dachte immer, ich müsste Freistunden im Stundenplan ganz grausig finden, denn da sei mein Kopf unterfordert, es sei für mich quasi verschwendete Zeit. Jetzt, da ich zwei sechste Klassen unterrichte, bin ich heilfroh, die Ruhe zwischendurch genießen zu können, denn leider geht in diesen Jahrgangsstufen mein Kopf sehr schnell auf overload und Blockade. In St.Peter-Ording hatten wir keinen Ruheraum - zumindest nicht, dass ich wüsste - aber dort waren die Freistunden auch sehr sinnvoll; meistens bin ich in's Sekretariat getingelt und habe ein bisschen durch die Schülerakten gestöbert. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das an meiner jetzigen Schule auch bald wieder losgeht.

Denn egal, wie chaotisch dieser Start in das Schuljahr sein mag - ich fühle mich an der Schule sehr wohl und habe endlich wieder das Gefühl, dass es sich lohnt, Zeit in die Schule zu investieren.

Freitag, 5. Juni 2020

Flirten mit der Schulbegleitung


Was der Titel dieses Beitrags mit dem Psychologie-Foto zu tun hat, versuche ich im Folgenden zu erklären.

Ich habe in den letzten acht Jahren bisher "erst" an drei Schulen mit Schulbegleitungen (SB) zu tun gehabt. Wer das Konzept nicht kennt: Manche Kinder haben spezielle Bedürfnisse und sind darauf angewiesen, dass jemand mit ihnen zur Schule geht, beispielsweise, weil sie nicht allein ihren Tagesablauf geregelt bekommen.

Ich fand die SB immer toll - na klar, das hat natürlich nichts mit Flirten zu tun, aber ich habe mich mit "meinen" SB immer gut verstanden und sie als Bereicherung für meinen Unterricht empfunden. Mittlerweile dürfte mir auch klar werden, warum das so ist - oder zumindest ein Zusammenhang herausstechen.

Wenn ich mich zurückerinnere, waren fast alle SB für Kinder mit dem Asperger-Syndrom eingeteilt. Andere Fälle, wie zum Beispiel der Förderstatus emotionale/soziale Entwicklung waren seltener, aber auch die könnten sich auf Asperger zurückführen lassen. Dieser Umstand hat Konsequenzen: Als SB für einen Aspi musst Du wissen, was diese Diagnose für das alltägliche Verhalten bedeutet, und wie Du mit dem Aspi umgehen musst, wenn er eine seiner Episoden hat.

Durch die aktuelle SB, Frau Schwarzbohrer (deren Name wie üblich selbstverständlich eventuell geändert wurde), bin ich an den Namen meiner nächsten Psychologin gekommen, die sich auf Diagnostik spezialisiert hat, und mit der ich mich in Verbindung setzen werde, sobald das Chaos in meinem Kopf sich ein wenig legt. Ich bin richtig dankbar für diesen Tipp, und hab' mich auch jedesmal gefreut, sie im Unterricht zu sehen.

Mit meiner NMS-SB, Frau Freilauf (sorry Alex, langsam gehen mir die Namen aus), habe ich mich wunderbar verstanden, weil sie selbst eine Hochbegabte ist, die weiß, wie es ist, wenn man behandelt wird, als käme man von einem anderen Stern. Same here: Es war großartig, sie im Unterricht zu wissen, wie eine Art Versicherung, dass das alles irgendwie klappen wird.

Auch in SPO hatte ich eine SB für einen Aspi - aber damals war ich noch meilenweit entfernt von den Erkenntnissen, die ich heute hatte, und damals war ich noch ganz neu am Konzept Gemeinschaftsschule, und hatte große Berührungsängste - beziehungsweise Angst davor, richtig auf Schüler einzugehen, die anders waren. Das kam erst mit der Zeit; ich wette, ich hätte mich heute mit der SB auch super verstanden.

Also sehen wir: Es ist kein Flirten nach dem Motto "Ich finde die Frau an der Uni-Cafeteriakasse total sympathisch, und sie mich auch, und deswegen bekomme ich mein Essen meistens umsonst", sondern ein Verständnisding - und ich bin gespannt, ob ich diese Erfahrung auch mit zukünftigen SB haben werde.

Am meisten würde ich mich natürlich freuen, wenn ich einfach in der Klasse mit Frau Schwarzbohrer an meiner jetzigen Schule bleiben könnte, aber das steht vollkommen in den Sternen.

Wir sehen uns, Inka!

Antwort von Frau Freilauf:

Lieber Tobi,
ich nehme Deinen Beitrag als Kompliment und freue mich gerade ein wenig...
Eine SB benötigt keinerlei Qualifikation. Wir verwalten den Schüler quasi. Wir könnten „dümmer“ als das Kind sein (entschuldigt die Ausdrucksweise) , niemand würde
sich dran stören. Hauptsache wir sind da und zuständig, wenns scheisse läuft. Nur wenigen Lehrern ist es gegeben, zu sehen, was gegebenenfalls mal funktioniert und nicht ausschließlich, wo’s im Argen liegt. Danke dafür... Du hast das Potential gesehen, das unter den Traumata hervorgelugt ist. ( Zur Erklärung: ich hatte „Trauma-Kids“ , keine Aspis)
Manche Lehrer sehen in uns auch einen Störfaktor oder sogar eine Art „Unterrichtskontrolle“... Blödsinn, wir haben wirklich genug mit unseren Klienten zu tun und die Qualität des Unterrichts spielt eine wahrhaft sekundäre Rolle. Schön zu lesen, dass wir als das gesehen werden, was wir versuchen zu sein... eine klitzekleine Stütze.

Montag, 13. Januar 2020

Instantnudeln


Okay, der Beitrag dreht sich um Essen und als Bild nehme ich das Psychologie-Bild? Liegt vielleicht daran, dass es sich anfühlt wie ganz, ganz unten, wenn ich Instantnudeln esse. Keine Lust auf langes Kochen, kein Geld für teure Zutaten, keine Motivation, überhaupt irgendwas zu essen, keine Lust auf viel Abwasch, kein Interesse an authentischen Geschmackserlebnissen, Egal-Haltung gegenüber Geschmacksverstärkern.

Es dauert immer ein, zwei Tage, bis mir das wirklich bewusst wird - aber immerhin wird es irgendwann. Dann kann ich mir einen Plan machen, um endlich wieder aus dem Quark zu kommen. Ich könnte zum Beispiel etwas früher aufstehen. Und ich könnte auf die zwei Anfragen von Schulen antworten, die am Freitag und heute eingetrudelt sind - ja, tatsächlich, da ist ein Gymnasium und eine Gemeinschaftsschule, beide in Kiel.

Vielleicht sollte ich aufhören, mir einzureden, dass ich Diagnose und Vertretung nicht parallel wuppen kann. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel man sich kaputtdenken kann. Hochbegabung bewirkt, dass man für jegliches Verhalten eine Ausrede finden kann, egal, wie selbstschädigend es ist. Vielleicht sollte ich aufhören, Instantnudeln zu essen.

Toni Jensen und Hans Geiger. Schauen wir mal.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Auto-Vervollständigen

Sexismus an die Front...

"Ich gehöre in's Gefängnis."

So lautete das Urteil des schnurlosen Telefons über die große Buba. Sicher, eigentlich wollte sie schreiben Ich gehöre in's Bett, aber nach in's schlug ihr Telefon dann "Gefängnis" vor. Das ist die tolle Funktion Auto-Vervollständigen, die auch Nicht-Handybesitzer wie ich sicherlich von Google und co. kennen: Die Algorithmen der Homepages machen Vorschläge, wie bestimmte Einträge vervollständigt werden könnten, weil man zu faul ist zum Tippen. Oft sinnvoll. Manchmal abstrus. Manchmal sehr witzig.

Und gar nicht mal so originell, denn unser Gehirn kann das schon seit Langem - und das kennen vielleicht auch einige von Euch. Einfaches (fiktives) Beispiel aus Facebook: Mir wird angezeigt, dass ich eine neue Nachricht habe, und klicke erstmal auf das Benachrichtigungssymbol. Ich sehe in einem kleinen Fenster, dass die Nachricht von der Sannitanic ist, und der Anfang wird eingeblendet. Nur der Anfang, weil das Fenster zu klein ist, und da steht "Katastrophe, ich bin schwa..."

Oh mein Gott, an den ich nicht glaube! Sie ist schwanger! Steht für meinen Kopf sofort fest, denn der autovervollständigt alles irgendwie. Und so gerate ich in Panik, und lese die Nachricht auch gar nicht erst, schließe den Browser, schalte mein Notebook ab, ziehe das Telefon aus der Dose, wandere panisch durch die Wohnung. Wie lange schon? Hatte sie mir das womöglich schon erzählt und ich habe es wieder vergessen? Junge? Mädchen? Wievielter Monat? Weiß ich noch, wie die anderen Kinder heißen? Haben die womöglich gerade Geburtstag? Ich habe ihr schon ewig nicht geschrieben, sie ist bestimmt sauer. Ach nein, schwanger, also eher fett. Mist, ich habe schon wieder alles falsch gemacht, ich gehe in's Bett und rede heute mit niemandem mehr.

Und so lasse ich ihre Nachricht ein paar Tage gammeln. Wenn ich sie nicht lese, existiert sie nicht, bilde ich mir in meiner kleinen Parallelwelt ein. Aber irgendwann muss es dann doch sein, und so klicke ich auf den Messenger, und lese "Katastrophe, ich bin schwach geworden bei diesem Stoff, ich habe gleich zehn Bahnen gekauft, daraus muss ich ein Kleidchen nähen! Oder zehn!" mit einem Bild vom besagten Stoff. Na toll. Mein eigenes Auto-Vervollständigen im Kopf hat mir mal wieder unnötigen Terror bereitet. Manchmal wäre es echt besser, diesen Kopf abzuschalten.

Oder Nachrichten einfach direkt zu lesen.