Posts mit dem Label Musik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Musik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 17. Februar 2026

43 Jahre Krieg... und kein Platz für Sieger

(Atomwaffentest - Szene aus Twin Peaks: The Return)

Habt Ihr das mitbekommen? Da sollen Luftballons am Himmel geflogen sein, und weil man die für eine Bedrohung gehalten hat, hat man sich direkt dran gemacht, sie abzuschießen. Vor 43 Jahren hat Nena in ihrem Song 99 Luftballons über dieses Szenario gesungen - wie es in Folge zum Kriegsausbruch kommt und am Ende fast alles zerstört ist, auf das man früher, zur Zeit der "Kriegsminister", so stolz gewesen ist.

Okay, klar, die Story kennen viele. Aber habt Ihr das mitbekommen? Dass vor Kurzem in den USA der El Paso International Airport in Texas für zehn Tage geschlossen wurde... wegen ein paar Party-Luftballons? Auf die man ernsthaft mit Anti-Drohnen-Lasern (mir egal, wie man die Dinger genau nennt) geschossen hat - warum wohl?? - und weil dann die große Unsicherheit ausgebrochen ist, hat man den gesamten airspace gesperrt?

Partyballons, und weil sie an der Grenze zu Mexiko aufgetaucht sind, hat man sie für Drohnen gehalten, und ohne ordentliche behördliche Genehmigung mit den Lasern draufgehalten. Mir ist die Realität der Bedrohung durch Drohnen bewusst, und garantiert wabern über Kiel gerade diverse nicht nur russische Überwachungswerkzeuge herum. Worum geht es mir heute also?

Nenas Story klingt für ein Kind von 1983 wie ein toller Song, aber ein etwas unglaubwürdiger Plot. 43 Jahre später rennen wir sehenden Auges in eine dritte Weltkrise, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das mit Zynismus, Humor, Schrecken, Erschütterung oder welchen Emotionen auch immer nehmen soll. Ich habe die USA-Story bei Rachel Maddow gesehen, Kopf geschüttelt, gelacht, hab' gedacht, you're fucking kidding me!

Dann habe ich mir Nenas Video angeschaut, genau auf den Text gehört, und habe zwischendurch mit Tränen in den Augen dagesessen. Wenn wir nur schon nach den Kriegsministern angekommen wären... 


 

Donnerstag, 6. März 2025

"Ich komme!"


Wer wissen möchte, wie es mir geht, sollte gern den gestrigen Beitrag lesen. Es hat keinen Sinn, lang über den Gesundheitszustand zu lamentieren. Ablenkung hilft, egal, wie matschig das Kortikoid macht.

Und so lande ich bei'm deutschen Vorentscheid, wer zum Eurovision Song Contest fährt. Der ESC ist jedes Jahr wieder ein Spaß, für mich macht es einfach die extrem bunte Mischung aus Trash, Spaß, Pop und ein bisschen Musik, die tatsächlich gut ist. Deutschland ist in dem Wettbewerb in den letzten zehn Jahren absolut nicht gut weggekommen, so dass wir unseren Platz im Mittelfeld letztes Jahr als Sieg feiern konnten. 

Dieses Jahr treten für Deutschland zwei Österreicher an, die sich Abor & Tynna nennen und deren Song Baller! uns nach oben bringen soll. Wie jedes Jahr wird über die Fairness des Vorentscheids diskutiert; das Publikum hätte wohl lieber den rockigen Beitrag von Feuerschwanz erlebt, aber Stefan Raab scheint sich durchgesetzt zu haben. Falls ja - gut so! Ob man Raab nun mag oder nicht, er ist hochintelligent und bringt eiskaltes Kalkül in die Auswahl.

Ja, irgendwie geht der Song in's Ohr, bzw. der Refrain. Ich will nur hoffen, dass Tynna am Abend des Wettbewerbs gut singen kann. Aber dann ist da natürlich auch immer wieder die Frage der Konkurrenz; so hat zum Beispiel Finnland wieder einmal eine Menge Humor gezeigt und schickt Erika Vikman mit dem Beitrag "Ich komme!" - komplett auf den Sexgenuss geprägt, und ich muss zugeben, das gefällt mir etwas besser als Abor & Tynna. Und das nicht zuletzt wegen des brachialen "ICH! KOM! MÄH!"-Refrains.


 

Mal schauen, wer noch so alles antritt! Schaut Ihr auch?

Freitag, 10. Mai 2024

Steigende Vorfreude

Mit ihr noch viel toller!

Morgen findet das Finale des diesjährigen Eurovision Song Contest statt. Zum ersten Mal habe ich mir schon im Vorfeld einige der Beiträge angeschaut, Musikvideos und live, und die Prognosen der Wettbüros verfolgt - das alles steigert die Vorfreude und Spannung extrem.

Dieses Jahr schaue ich den ESC wieder zusammen mit der großen Buba. Zu zweit macht es einfach noch mehr Spaß, sich über peinliche Auftritte zu amüsieren und großartige Beiträge zu bewundern. Ich schnappe mir das Klemmbrett und notiere die Punktzahlen, die wir getrennt voneinander den Beiträgen geben, weil es spannend ist zu erleben, ob man richtig oder falsch liegt. Außerdem gibt es Brownies dazu, die mit etwas zu viel Schokolade. Vertrage ich zwar nicht mehr so, aber morgen muss das sein und die Konsequenzen nehme ich dann in Kauf.

Ich bin auch gespannt auf den neuen Kommentator für Deutschland; bisher hat das immer Peter Urban gemacht, mit dessen Art ich eine Hassliebe hatte. Ich habe schon wieder vergessen, wer das dieses Jahr macht, aber er muss in große Fußstapfen treten. Und wie die Show wohl wird?

Der ESC möchte absolut unpolitisch sein - das gelingt nicht immer. Um das Ziel trotzdem zu erreichen, finden sich im Regelwerk Verbote politischer Songtexte und Bühnenshows. So musste in diesem Jahr die Sängerin Eden Golan einige Passagen ihres Songs umändern, um mitmachen zu dürfen. Und wo wir schon bei den Regeln sind: Keine Schimpfworte, deswegen musste auch unser deutscher Beitrag abgeändert werden; "I don't give a shit" war zu explizit. Und: Kein product placement, was für den Beitrag von Windows95man bedeutet, dass das Windows-Logo auf seinem T-Shirt verpixelt wird. Irgendwie irre, dass der Song ausgerechnet No Rules! heißt.

Und wo wir schon bei Eden Golan waren: Sie tritt für Israel an, und erhält völlig unabhängig von der Songqualität Begeisterung und Buhrufe für Israels Rolle im Krieg. Außerhalb der Eventhalle wird demonstriert, denn: Russland wurde wegen der Kriegsinitiative von der Teilnahme ausgeschlossen, und viele Menschen fordern nun, dass auch Israel ausgeschlossen werden müsse. Talk about unpolitisch...

Das alles wird sehr unterhaltsam morgen, und ich freue mich schon sehr darauf, dass wir das Haus und die Nachbarschaft zum Beben bringen ;-)

post scriptum: Meine Favoriten sind Nemo, Bambie Thug, Joost Klein, Baby Lasagna, und ich freue mich trotz stimmlicher Schwächen auf Kaleens "We will rave". Zeit für Par-TAY!

Montag, 19. Februar 2024

Eurovision Song Contest 2024

Teemu Keisteri (Windows95man) und Henri Piispanen für Finnland '24

So lange ist es ja nicht mehr hin - am elften Mai fliegen die musikalischen Fetzen im ESC-Finale, und derzeit finden die Vorausscheide der Länder statt. Ich muss zugeben, dieses Jahr glaube ich nicht, dass Deutschland den letzten Platz bekommt - dazu hat der Song (Isaak - Always on the Run) zuviel Ohrwurm im Refrain. Ich denke mal, Platz sechzehn von vierundzwanzig oder so. Denn wenn ich sehe, was Finnland da wieder auffährt, das bringt etwas mehr Fun in die Bude.

Ich habe letztes Jahr den ESC verpasst - und im Nachhinein tut es mir echt leid. Nicht wegen des Siegerbeitrags von Loreen - klang mir dann doch zu sehr nach einem schwächeren Abklatsch von Euphoria (den ich toll finde). Aber Platz zwei war genial, Finnlands Käärijä mit dem sehr poppigen Cha Cha Cha, nicht ganz ohne Grund absoluter Favorit bei'm Zuschauervoting (und wem das am Anfang zu düster ist, der warte erstmal ab bis zu den Regenbogenfarben ^^):

 

Dieses Jahr gibt es für Finnland Windows95man mit dem Song No Rules! - bei der Performance konnte ich erstmal nicht wegschauen, dazu braucht man Chuzpe und eine Menge Spaß, und ich applaudiere der inklusiven Botschaft der Finnen. Ich freue mich auf das Finale, in dem sie sicherlich dabei sein werden - wenn auch zu befürchten steht, dass sie ihren Namen ändern müssen, denn der ESC erlaubt kein product placement. Einfach mal reinschauen:



Mittwoch, 21. September 2022

Sent To Destroy

Vorher...

Morgen geht es rund - in einer Fließbandaktion. Vielleicht sogar Möbius, wenn ich meine Mithelfer so positioniere, dass sie mir endlos helfen können, das Schularchiv aufzuräumen. Ich war ein bisschen erschrocken, heute Vormittag, als mir bewusst geworden ist, wie viel aus dem Archiv zu vernichten ist. Ich habe an alle Stapel, die in die Tonne sollen, einen roten Zettel geheftet. Ich muss morgen definitiv nochmal mit meiner stellv.SL vorher durchgehen, dass ich die Schuldatenschutzverordnung, Paragraph Zehn Löschung, richtig verstanden habe.

Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, dann habe ich morgen um die zehn Schüler, die mir helfen: Einzeln in's Archiv, Stapel von mir übernehmen, die Treppe hoch und in die Tonne werfen, wieder anstellen. Und wenn nichts mehr zu vernichten ist, habe ich hier einen Eimer mit Schokoriegeln, in den jeder Helfer dann einmal ganz tief reingreifen darf.

Sauber aufgereiht - mein Aspi-Herz hüpft!

Spannend! Ich darf endlich wieder dirigieren! Da kommt mir gleich die Saturnalien-Thalia hoch, die hol' ich aber so vor, wie ich dat brauche. Irgendwie musste ich heute die ganze Zeit an diesen Song von Combichrist denken, der immer mal wieder auf der Lost Souls läuft - Sent To Destroy. Ich wurde in's Archiv geschickt, um ungefähr die Hälfte davon zu zerstören. 

Let's vernicht!



Freitag, 8. April 2022

Ungewöhnliche Prioritäten


Ist das ein Glas Asperger pur? Ich könnte mir das vorstellen; vielleicht kommentiert Ihr diesen Beitrag ja und wir finden es heraus.

Szene: Die Krankheitssymptome der Epididymitis sind wieder aufgetreten. Ich sollte umgehend einen Termin beim Urologen machen, damit ich die nötigen Medikamente zur Behandlung bekommen kann und wir uns auf die Ursachenforschung machen können. Im Rahmen des compartmentalizing steht Donnerstag Vormittag ein Anruf in der Praxis an, kein Problem, das kommt irgendwo zwischen "Komm', die große Buba, wir fahren einkaufen!" und Wohnungsentmüllung. Passt.

Problem: Donnerstag Vormittag ist der siebte April Zwanzig Zweiundzwanzig. Auf diesen Tag habe ich seit über sechzehn Jahren gewartet - und plötzlich ist alles Andere sekundär. Für die Erklärung hole ich etwas aus.

Eines meiner liebsten Videospiele ist Chrono Trigger (1995), damals für das SNES erschienen. Es sah toll aus, hatte gut ausgearbeitete Charaktere, schöne Musik, Humor und einen anspruchsvollen Plot mit vielen optionalen, aber relevanten und durchdachten Sidequests. Viele Fachzeitschriften sehen das Spiel mittlerweile als eines der greatest video games of all time an, und ich kann das gut nachvollziehen. Ähnliches Lob erhielt der Nachfolger Chrono Cross (1999) für die Playstation, wurde aber leider nie in Europa veröffentlicht, und so konnte ich nur sehnsüchtig davon träumen, dieses Spiel einmal zu spielen. 

Ich hatte im Studium eine intensive Phase, in der ich Musik von Menschen gehört habe, die bekannte Videospiel-Soundtracks neu vertont haben, teilweise mit künstlerisch hochwertigen Erfolgen; die Community OverClocked Remix gibt es auch heute noch. Die große Buba kennt tolle Videospiel-Soundtracks und kann sich denken, was das für ein Erlebnis für mich war, meine Lieblingsstücke neu aufgelegt zu hören.

Natürlich habe ich dort auch neu interpretierte Musik von Chrono Trigger gefunden und konnte in Erinnerungen an dieses tolle Spiel schwelgen. Und wenn ich den Nachfolger Chrono Cross schon nicht spielen konnte, dann wollte ich zumindest die Musik hören, und so ist ein ganz bestimmtes Lied zu einem Ohrwurm für mich geworden (hier kann man es anhören).

Das war vor etwa sechzehn Jahren. Ich hatte viel Zeit, mir auszumalen, wie das Spiel wohl gewesen sein muss, die Musik zu hören und immer wieder im Internet zu lesen, was das doch für ein tolles Spiel war. 

Und dann kam der siebte April Zwanzig Zweiundzwanzig.

Endlich ist Chrono Cross problemlos in Europa verfügbar, für diverse Konsolen, darunter auch für meine Nintendo Switch. Ich habe es mir natürlich sofort runtergeladen und gestartet. Ich war (und bin) voll in the zone - alles Andere ist sekundär. Essen und Trinken. Mails beantworten. Meine Gesundheit. Und so habe ich weder gestern noch heute daran gedacht, den Arzt anzurufen. 

Ich realisiere, dass ich mir für die zweite Ferienwoche einen ganz genauen Tagesablaufplan machen muss, den ich dann genauestens befolge. Ohne eine externe Aufsicht habe ich andere Prioritäten als viele Menschen (und ich bin damals wochenlang mit einem gebrochenen Finger herumgelaufen, ohne zum Arzt zu gehen [sehr drollig: Im damaligen Blogeintrag habe ich das auf die Hochbegabung geschoben. Die vor-autistische Zeit :-P]). 

Talk about "geistig behindert".

post scriptum: Die OCRemix-Seite könnte Dich vielleicht interessieren, die große Buba: Dort kannst Du ganz genau nach Spiele-Soundtracks suchen und herausfinden, ob sie neu interpretiert wurden. Ich denke da zum Beispiel an die Windmühlenmusik aus "Ocarina of Time" ;-)

Montag, 24. Mai 2021

"Germany - no points"

Wir versinken mit Stinkefinger in der Bedeutungslosigkeit...

Am Samstag war es mal wieder soweit - der Eurovision Song Contest, den die große Buba und ich uns hier gackernd zu Gemüte geführt haben. Wer das Ganze ebenfalls verfolgt hat, hat Deutschlands Niederlage mitbekommen - mal wieder. Der Sänger Jendrik ist auf dem vorletzten Platz gelandet, mit drei Punkten aus allen Jurywertungen und null Punkten vom Publikum.

Man gewöhnt sich daran. In den letzten fünf Wettbewerben ist Deutschland immer auf dem letzten oder vorletzten Platz gelandet - ach warte, einmal war ein vierter Platz dabei. Man sollte meinen, dass irgendwann mal das Auswahlverfahren für den deutschen Beitrag hinterfragt würde, aber nein, man nimmt einen unbekannten Song, dem die Buchmacher nicht einmal Außenseiterchancen einräumen, und verliert verdientermaßen.

Drollig, wenn es danach in der NDR-Pressemitteilung heißt, es sei eine "perfekte Performance" gewesen. Drollig auch wieder Kommentator Peter Urban, den man eigentlich nur so ertragen kann, wie er selbst an dem Abend offensichtlich war: Hackendicht, verpeilt, völlig neben der Spur. Auch er fand unseren Beitrag ganz toll und mutmaßte nach der Niederlage, dass der Song wohl "zu schwierig" gewesen sein. Auf welchem Planeten Herr Urban lebt, das fragt man sich schon lange nicht mehr.

In einer Zeit, in der seit einigen Jahren der Trend zu Musik in der Heimatsprache und heimischem Stil geht, hält Deutschland an undefinierbarer Musik mit englischem Text fest. Dass die Sieger des ESC auf italienisch gesungen haben, die zweitplatzierte französisch, das wird man bei'm NDR nicht weiter beachten. Lieber wieder ein weichgespülter Auftritt, den man nur mit Jendriks eigenen Worten kommentieren kann:

"I don't feel hate - I just feel sorry." 

Montag, 20. April 2020

Eingeschränkte Interessen


"Was für Musik hören sie eigentlich so? Lassen sie mich raten: Heavy Metal?"

Die Frage kommt früher oder später an jeder Schule, und meistens auch mit diesem Musikvorschlag. Und obwohl mir bewusst ist, dass viele der Schüler noch zu jung sind, um sämtliche Musikgenres inklusive der diversen Ausprägungen im Bereich "Metal" zu kennen, antworte ich jedesmal ganz ehrlich "Nein". Und mehr nicht. Erst, wenn der Schüler dann tatsächlich fragt, was für Musik ich stattdessen höre, gebe ich ihm eine Auflistung, in der sich gothic metal, doom metal, downtempo, ambient, electronic, industrial, goa, psytrance, aggrotech, pop, neoclassical und weitere wiederfinden. Dass ein Schüler mit so einer langen Auflistung überfordert sein könnte, realisiere ich nicht - bzw. erst jetzt, nachdem sich diese Frage immer wiederholt.

Aus einer solch' vielfältigen Aufzählung könnte eine Psychiaterin nun heraushören, dass ich "vielseitig interessiert" bin. Das könnte ich sogar fast verstehen - wenn ich davon ausginge, dass die Psychiaterin nicht bedenkt, dass sie es möglicherweise mit einem Aspi zu tun hat, der Wörter gern sehr wörtlich und sehr genau nimmt. Sie hat gefragt, was für Musik ich höre, nicht welche Musik mich interessiert, und das ist für mich ein großer Unterschied.

Hören bedeutet für mich, wenn Musik zufälligerweise läuft, zum Beispiel im Bus, im Supermarkt, auf dem Schulhof oder wo auch immer, dass ich gern zuhöre und nicht genervt weggehe.

Interesse bedeutet für mich, dass ich, wenn ich Lust auf Musik habe, ganz explizit sage "Diese Art von Musik würde ich jetzt gern hören." Im Studium waren das zunächst Ausprägungen von Metal, dann elektronische Musik aus der Schwarzen Szene. Nacheinander - nicht gleichzeitig. Denn zu einem bestimmten Zeitpunkt habe ich immer nur ein sehr eingeschränktes Interessengebiet in Sachen Musik (wie auch in anderen Bereichen - tolle Filme schaue ich sehr gern, aber von mir aus suche ich meistens nur nach Horror oder Science Fiction).

Anfang des Studiums habe ich also Metal gehört - und fast nichts Anderes. In der zweiten Hälfte bin ich bei der elektronischen Musik gelandet - und ich hatte zwar eine ganze Reihe Metal-Alben in meinem Regal stehen, die waren dann aber "out" und sind gemütlich eingestaubt. Und heutzutage bin ich also beim Downtempo mit seinen diversen Formen gelandet. Mittlerweile ist auch die Schwarze Szene-Musik für mich nur noch marginal relevant.

Das ist typisch für Autisten, selbst für Aspis (die meist nur milde Autismus-Symptome zeigen): Eingeschränkte Interessen, die sich durchaus ablösen können, aber der Blick bleibt immer wie durch Scheuklappen auf ein enges Interesse beschränkt.

Wie ich heute darauf komme? Ich habe eben im Supermarkt den Song New Age von Marlon Roudette gehört. Fand ich schön, fand ich damals, als er rausgekommen ist, schon schön - aber ich würde nie sagen "Also jetzt hätte ich Lust, Marlon Roudette zu hören!" - wenn im Radio ABBA laufen, finde ich das wunderbar, aber die CDs hier in meiner Wohnung waren schon seit Jahren nicht mehr im Player.

Ich habe im Studium öfters in Gesprächen den Satz zu hören bekommen "Bei dir geht es immer nur um ein Thema", egal ob es jetzt Achterbahnen, Medikamente, Hochbegabung, Autismus oder einfach nur mein Leben war (im Gegensatz zu den Anderen, an die ich oft nicht dachte und nicht denke). Meine Reaktion darauf war, das Reden einfach so weit wie möglich einzustellen. Einfach gar nichts mehr sagen, dann ecke ich nicht an (dachte ich).

Wie es zum Denken in diesen Extremen kommt, darum soll es in einem der nächsten Beiträge gehen.

Freitag, 21. Februar 2020

"Ich will Buletten ..." - Aber bitte mit Musik!



Die Sannitanic kennt diesen hochherrlich subversiven Wortwechsel zweier scheinbar erwachsener Menschen in einer bekannten Hörspielserie für Kinder und solche, die es geblieben sind:

Sie: "Du bist einfach geschmacklos! Damit muss ich mich wohl abfinden. Du wirst nie herausragen aus der Masse."
Er: "Nein! Will ich auch nicht! Ich will Buletten!! Und nicht herausragen!!!"
Sie: "Aus dir wird nie etwas. Nur gut, dass aus uns etwas geworden ist."

(Bibi Blocksberg, Folge Sechs - Die Kuh im Schlafzimmer)

...und auch beim gefühlten tausendsten Mal Anhören liege ich vor Lachen auf dem Boden. Daran musste ich denken, als der Mensaduft durch die Schule waberte, und heute konnte ich ihn einigermaßen entspannt wahrnehmen, dabei wollte ich gestern noch einen Beitrag darüber schreiben, dass ich Auf der gingiva gehe (Zahnfleisch). Was also war heute anders? Ein kleiner Handgriff, nicht einmal pädagogisch, aber scheinbar an meinen bisherigen sechs Schulen nicht zugelassen, so dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, das auszuprobieren. Dabei kann die Wirkung den Unterricht komplett verändern.

Mein erstes Mal Gemeinschaftsschule war damals St.Peter-Ording, und gleich eine ziemlich harte Klasse mit vierunddreißig Schülern - und zwangsläufig auch I-Klasse, denn in SPO gibt es keine anderen Schulen als die Nordseeschule, da landen also alle Schüler Eiderstedts, die nicht nach Tönning gehen. Dass das Ministerium nicht direkt eine Aufspaltung der Klasse genehmigen wollte, hing vielleicht damit zusammen, dass die Schule (damals Regionalschule) einzügig war und ... nein, ich habe keine Ahnung. Der Schulleiter musste hart darum kämpfen, die Klasse zumindest in den Hauptfächern aufzuteilen.

Und was war das für eine Klasse: Laut, hyperaktiv, kein soziales Miteinander, Heimschüler, Förderschüler, es war so laut und chaotisch und die "Kein Bock"-Haltung und die "Ich fand den vorherigen Englischlehrer scheiße, dann finde ich den neuen auch scheiße" - da stehe ich dann als Lehrer vor einer Klasse und bin überfordert. Sooooooooo sehr war das gar nicht übertrieben mit dem Video zur Stoffprogression.

Damals habe ich geglaubt, dass das nie etwas wird. Ich habe versucht, zu kämpfen. Freundlich zu sein. Streng zu sein. Nah zu sein. Distanziert zu sein. Hat alles nichts geholfen. Und trotzdem hat es am Ende geklappt (Trick: authentisch sein). Sammelkarten mit Klebesternen für gute Beteiligung und Schokolade-Belohnung können wahre Wunder bewirken, da haben die Timetex-Leute nun mal Recht.

Aber heute, in dieser Klasse, ist es eine ganz andere Methode - Schokolade weg (naja, vielleicht kommt sie irgendwann doch noch), dafür aber Musik in Erarbeitungsphasen. Ich hätte das nicht gedacht: Die Schüler bekommen Aufgaben zum Bearbeiten, zwanzig Minuten Zeit, legen sich ganz selbstverständlich ihr Handy zurecht, stöpseln sich ihre Bluetooth-Kopfhörer in's Ohr und plötzlich wird es (für die Verhältnisse) total still, jeder arbeitet vor sich hin und macht seine Aufgaben, ein Lächeln kommt auf mein Gesicht. In Ruhe gehe ich zu den Kiddies und beantworte ihre Fragen, keiner stört den Anderen, welch' eine erleuchtende Phase!

Danach besprechen wir in Ruhe weiter und gehen voran, und ich realisiere: Wie geil, heute hat der Unterricht geklappt. Wieder was Neues gelernt. Vielleicht kriege ich sie ja doch noch. Wie passend ist es da, dass mir heute der Schulleiter über den Weg läuft: "Und, hast du dich inzwischen gut eingelebt?" und dass ich ihm antworten kann, dass ich mich an der Schule richtig wohl fühle, auch wenn die Arbeit "hart" ist.

Leider geil.

post scriptum: Ich stelle wieder fest, dass "Stay" (2005) einer der wenigen Filme ist, die ich immer und immer wieder schauen kann - kurz, konzis, idiosynkratisch, stylish, detailverliebt, extrem gut durchdacht, sehr intelligent und kunstversessen - eben ein richtiger Kunstfilm, ein Arthouse-Movie. Ich realisiere, dass jedes weitere Ansehen ein Genuss ist - aber ich kann auch verstehen, wenn viele Menschen keinen Zugang zu diesem Mindfuck-Movie finden.

Montag, 12. August 2019

Meine Rock-Oma

Rechts sitzt meine Rockoma mit den devil's horns

Vielleicht haben ja einige von Euch das Youtube-Video von der "Techno Oma" gesehen, die bei einer Outdoor-Party zu den stampfenden Beats von The Drill abtanzt (und eine Flasche wegkickt). Geniales Video, weil es einfach gegen die viel zu weit verbreiteten Klischees spricht, denen nach alte Menschen alle in Ruhe irgendwo sitzen und Tee trinken müssen.

Ich kann jetzt mit der Techno Oma mithalten, denn meine Oma hat Wacken Zweitausendneunzehn miterlebt, wenn auch nur passiv - auf einer Kaffeefahrt über das Festival-Gelände am Tag vor dem offiziellen Beginn, inmitten zigtausend schwarz gekleideter Metalfans - das hat es sogar in die Lokalzeitung geschafft und ich finde das so witzig, dass ich das unbedingt mit Euch teilen muss.

Eat this, Techno Oma! ;-)

Montag, 17. Juni 2019

Jederzeit bereit


Ihr seid herzlich eingeladen, diesen Eintrag als Selbstbeweihräucherung zu sehen (denn ich werde hier eine Schülerrückmeldung nach Absprache veröffentlichen), aber es geht mir um etwas ganz Anderes. Es geht mir für den heutigen Zweck gar nicht so sehr um den Inhalt jener Mail, die ich heute erhalten habe, sondern um die Art und Weise, wie sie geschrieben wurde.

Sie kommt von einer Schülerin, die ich vor Jahren unterrichtet habe. Wie Ihr lesen könnt, geht es wieder um einen "Eine neue Tür geöffnet"-Fall, Klaus liest das jetzt gerade und sie schmunzelt, denn sie kennt das.

Hochbegabte Menschen zu "entdecken", ist nicht ganz einfach, gerade wenn es sich um Underachiever handelt, die ihr Potential nicht nach draußen tragen - das kann unterschiedlichste Gründe haben, kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Probleme mit dem Selbstbewusstsein, der Wunsch, bloß nicht auffallen zu wollen (weil man ja irgendwie anders ist). Dazu gehört, dass man ihnen Möglichkeiten gibt, zu strahlen, und dass man selbst jederzeit bereit ist, etwas Außergewöhnliches von einem Schüler zu bekommen. Jederzeit. Denn den perfekten Moment gibt es nicht.

Eine dieser Möglichkeiten - zu strahlen - ist die Gedankenreise, über die ich vor gut zwei Jahren einmal geschrieben habe. Denn da haben Schüler die Möglichkeit, einen eigenen Text zu kreieren, völlig ohne Vorgaben hinsichtlich Länge, Inhalt, Ausdruck, und für einen Underachiever ist das, als würde der Lehrer ihm die Hand reichen und sagen "Halte dich nicht zurück, zeig uns, was du drauf hast!" Es ist immer wieder ein tolles Erlebnis, wenn ich so etwas beobachten darf.

Und deswegen muss ich trainieren, jederzeit bereit zu sein. Unabhängig von der Jahreszeit, unabhängig von der Uhrzeit. Egal, ob ich müde bin oder wach. Egal, ob da ein Junge oder ein Mädchen sitzt. Egal, wie die Leistungen in den anderen Fächern sein mögen.

Bitte gebt jedem Eurer Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, etwas Herausragendes zu leisten!

Hallo Dr Hilarius,
Ich weiß nicht ob sie sich noch all zu gut an mich erinnern, aber sie sind mir dafür wie kein anderer Lehrer oder Lehrerin im Gedächtnis geblieben - und das im positivsten Sinne.


Damals als sie in unsere Klasse gekommen sind, befand ich mich in einer sehr schwierigen Zeit. Mich selber zu finden und zu wissen was, wer und wie ich bin hat mich viel Kraft und Selbstbewusstsein gekostet, doch dann kamen sie und haben dem ganzen tatsächlich einen Anstoß gegeben. Ich bin davor und auch danach nie wieder so gerne in den Unterricht gegangen wie bei ihnen. Nicht nur, weil sie mir das Gefühl gegeben habe, dass ich wirklich etwas kann und auch aufs Gymnasium gehöre, sondern auch weil ihre Lehrmethoden und ihr Charakter so anders waren, als all das, was uns die (meist) mittlerweile ihre Rente genießenden Lehrer*innen geboten haben. Menschlich war so viel mehr bei ihnen zu finden, als bei 90% der anderen Lehrer*innen. Ihr Unterricht war nie stumpf und langweilig, es hat sich immer mehr fast wie eine angenehme Freizeitbeschäftigung angefühlt, bei der man dann doch immer schlauer raus gegangen ist als man rein kam. Ich glaube auch nicht, dass ich solchen Spaß am Englisch sprechen haben würde hätte ich sie damals nicht im Unterricht gehabt. Sie haben da wirklich eine Tür für mich aufgeschlossen, wo ich den Raum der darauf folgt nur all zu gerne weiter erforschen möchte. Viel wichtiger, war für mich aber zu sehen, dass nicht alle Lehrer gleich sind. Man muss nicht so sein wie die anderen um trotzdem von den Schülern gemocht und respektiert zu werden, was mir so vorher gar nicht bewusst war, bzw etwas wovor ich viel zu ängstlich war um das auch nur mal in Betracht zu ziehen. Dahingehend, sind sie bis heute tatsächlich eine Art Inspiration für mich.


Es wird immer gesagt, dass Lehrer uns nicht nur unterrichten sollen, sondern uns auch aufs Leben vorbereiten sollen, uns mit Rat und Tat zur Seite stehen sollen, versuchen sollen, dass Beste aus uns raus zu holen, uns gewisse Sicherheit zu geben und uns anregen sollen unsere Talente/unser können zu vertiefen und auszubauen, und das hat in meiner Schullaufbahn niemand so geschafft wie sie. (Natürlich muss man da aber auch im Hinterkopf behalten, dass Lehrer auch nur Menschen sind und keine Superkräfte haben)


Ich erinnere mich immer noch all zu gerne an Sie und ihren Unterricht und habe sie auch immer im Hinterkopf gehabt, wenn ich nochmal Mulholland Drive geschaut habe. Sie waren einer der Besten Lehrer die unserer Schule je passiert sind und haben wahrscheinlich nicht nur meine Schullaufbahn so bereichert und geprägt. Ich habe tausende Dinge im Kopf für die ich mich bei ihnen bedanken möchte, jedoch finde ich kaum die passenden Worte, kann meine Gedanken nicht vernünftig ausformulieren und so tief soll die Thematik der Mail ja auch gar nicht gehen.


Ich hoffe, dass wo auch immer es sie hingetragen hat, sie glücklich gemacht hat und zufriedenstellend war/ist. Und vielleicht haben sie ja ab und zu an uns zurück gedacht.

Ich habe tatsächlich seit drei Jahren darauf gewartet ihnen das zu schreiben wenn ich mein Abi habe und jetzt ist die Zeit ja endlich da :D (das Abi hab ich zwar geschafft, aber Kommas sind immer noch nicht meine besten Freunde😄). Vielen vielen Dank nochmal für den besten Englischunterricht meines Lebens und alles was sie mir nicht nur im Unterricht sondern auch fürs Leben außerhalb der Schule mitgegeben haben.

Donnerstag, 30. Mai 2019

Musik im Unterricht


Ich hatte heute einen kleinen Nostalgieflash, der mich zurückversetzt hat - in's Studium und an meine erste Schule damals im Referendariat. Es geht um die Einbindung von Musik in den Unterricht, und das wird auch wieder ein Beitrag, den ich links an die Linkliste anpinne. Ich sollte da einmal aufräumen.

Ich hatte damals an der Uni gerade das Genre progressive metal für mich entdeckt, und das aus einem ganz banalen Grund: Mich faszinierten Songs, die eine längere Spieldauer hatten als die üblichen radiotauglichen drei Minuten und dreißig Sekunden. Ich habe gemerkt, wie ich es genießen konnte, mich in einen Song hineinfallen zu lassen, quasi in die Strömung zu gehen und mich treiben zu lassen (so wie bei Entheogenics Love Letters to the Soul). Das nämlich ist das progressive Element dieses Musikgenres: Es gibt keine klassische Intro-Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Struktur. Stattdessen entwickeln die Songs sich weiter, haben eventuell ein Leitmotiv - oder auch nicht - und sind, genaugenommen, episch, denn sie erzählen eine Geschichte (wenn Herr Leinhos das liest, wird er sich vielleicht freuen, dass endlich mal wieder ein sprachetymologischer Punkt in einem Beitrag auftaucht).

Wenn ein Album komplett aus solchen Erzählungen besteht, nennt man das ein Konzeptalbum, denn es sind nicht nur einzeln eingespielte Songs, sondern ein quasi literarisches Gesamtwerk. Das gibt es in mehreren Genres, nicht nur im metal, sondern zum Beispiel auch im goa/psytrance. Und das wiederum qualifiziert manche Alben dafür, im Englischunterricht behandelt zu werden.Sie haben verschiedene Charaktere, sind eingebunden in Psychologie, SciFi etc, können anspruchsvoll oder einfach unterhaltsam sein.

Ich liebe Musik und gebe immer viel von mir selbst in meinen Unterricht, also ist es nur konsequent, dass ich nach Möglichkeiten gesucht habe, ein solches Konzeptalbum in meinem Unterricht unterzubringen (natürlich immer auf die Gefahr hin, dass ein Teil der Schüler die Musik grausig findet - ja, das ist so, sie haben ihre eigene, oft ganz andere Musik, und als Lehrkraft muss ich trainieren, es nicht persönlich zu nehmen, wenn sie meine Musik nicht mögen - gilt auch für Filme, Romane etc).

Ein Beispiel für diese Einbindung möchte ich kurz vorstellen, denn das hatte ich ursprünglich einmal für einen E-Jahrgang in der Sekundarstufe Zwei geplant. Dabei fällt mir auf, dass meine idiosynkratische Schreibweise (z.B. häufiges Ausschreiben von Zahlen) mit der Hochbegabung zusammenhängen könnte - mit dem wirren Gedankenmischmasch in meinem Kopf, denn das lässt mich an Thomas Pynchon und Arno Schmidt denken (KAFF auch Mare Crisium oder Zettels Traum).

Zurück zu Musik, und zum Album The Human Equation (2004) des Niederländers Arjen Anthony Lucassen, unter dem Projektnamen Ayreon. Man könnte sehr viel über ihn schreiben, aber das spare ich mal, und erzähle lieber - um Euch nicht zu langweilen, paying lip service, whatever - warum ich das Werk in meinem Unterricht haben wollte.

Die Geschichte handelt von einem Mann, der nach einem Autounfall in's Koma gefallen ist. Mit einem Song pro Tag werden die nächsten zwanzig Tage seiner Zeit im Koma erzählt. Ob er aus dem Koma erwacht? Ob er stirbt? Das ist fast schon zweitrangig, denn der Weg zu Day Twenty reizt. Hauptcharaktere sind also Me, Wife, Best Friend und Father. Die Ehefrau und der beste Freund sitzen am Bett des Komatösen und hoffen darauf, dass er wieder erwachen wird. Sie fragen sich allerdings, wie es überhaupt zu diesem Autounfall kommen konnte, wo doch kein anderes Auto weit und breit in Sicht war.

Der Großteil der Geschichte spielt sich im Kopf des Protagonisten ab, denn dort wird seinen Gefühlen Ausdruck verschafft: Reason, Love, Fear, Pride, Passion, Agony und Rage kämpfen einen verzweifelten Kampf darum, herauzufinden, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Wie bei Ayreon üblich, wird jede der insgesamt elf Rollen durch einen bekannten Musiker aus der Metal-Szene besetzt, so übernimmt zum Beispiel Irene Jansen die Rolle der Passion oder Devin Townsend die Rolle des Rage.

Im Lauf dieser knapp drei Wochen im Koma erinnert sich der Protagonist an diverse Stationen in seinem Leben, sein gewalttätiger Vater, seine Schulzeit, die erste Liebe, und all' diese Erinnerungen könnten am Ende dazu führen, dass er mit sich selbst in's Reine kommt.

Ich wollte heute eigentlich nur mal eben fünf Minuten in das Album reinhören, aber daraus ist dann eine Stunde geworden, weil mich Musik und Plot dann doch wieder gefesselt haben. Ich könnte mir vorstellen, das Album über mehrere Wochen verteilt mit Schülern zu behandeln, einmal pro Woche hören wir uns zwei Stücke an und versuchen so nach und nach, die Charakterisierungen der Hauptfiguren zu vervollständigen. Und wer weiß, vielleicht gefällt es ja sogar dem einen oder anderen Schüler, und er hört sich von sich aus noch ein anderes Album an. Den Effekt finde ich toll, habe ich damals zuerst erlebt, als ich mit einer Klasse im Lateinunterricht Caius ist ein Dummkopf gelesen habe und ein paar Schüler das Buch direkt verschlungen haben und sich dann auch noch die anderen beiden Teile der Trilogie zugelegt haben.

Ich habe früher öfters song analysis mit Schülern gemacht, weil es sich angeboten hat: Man lernt, einen vollständigen Einleitungssatz zu schreiben, man beschreibt die Musik und geht dann auf die Inhalte ein. Habe ich lange nicht mehr gemacht, aber wer weiß, wenn ich an meiner Schule bleiben kann, vielleicht mache ich das dann doch mal wieder.

Montag, 6. Mai 2019

Korrekturbeschallung

Das Label meines Vertrauens

Heute nur in aller Kürze, und irgendwie auch ohne jegliche Würze - erst einmal herzliches Mitgefühl an alle KollegInnen da draußen, die gerade in den Klausurkorrekturen ersaufen. Für mich ist heute der letzte neue Klausurstapel dazugekommen, und ich muss noch ein paar Liter rote Farbe kaufen.

Sind ja leider immer wieder ein paar Werke dabei, an denen man sich die Mine leerschreiben kann. Was mich zu meiner heutigen Frage an Euch bringt: Gebt Ihr Euch zu den Korrekturen eine bestimmte Hintergrundbeschallung? Könnt Ihr vielleicht besser arbeiten, wenn es totenstill ist? Oder die Fenster geöffnet, für Natur- oder Stadtlärm? Nachbarn bei'm Sex? Oder doch lieber etwas Musik? Falls ja, was hört Ihr dann so?

Ich habe gemerkt, dass so Vieles in meinem Leben besser mit Musik geht, und das trifft ganz besonders auf die Korrekturen zu. Ich brauche da allerdings unauffällige Musik, am besten ohne jegliche lyrics. Seitdem ich das Genre Downtempo für mich entdeckt habe, ist die Sampler-Reihe Fahrenheit Project nicht mehr aus meiner Wohnung wegzudenken. Das kann ich schön leise anmachen und fühle mich dann bei'm Korrigieren etwas ausgeglichener.

Wie schaut es bei Euch aus?

unten: Vibrasphere - Northern Sunset


Samstag, 20. April 2019

Ein Aha-Moment


Ich habe über dieses Thema schon einmal geschrieben, mehrfach sogar, aber ich tue es trotzdem wieder, weil es gerade aktuell ist und weil ich die Gelegenheit nutzen sollte, auch einmal Positives über die Hochbegabung loszuwerden - die meiste Zeit berichte ich ja nur von Problemen, die ich damit habe. Es kann durchaus nützlich sein, dass das Gehirn sich Unmengen merken kann, unabhängig von Wichtigkeit. Dann hat man da irgendwo tief vergrabene Informationen, auf die man plötzlich zugreifen kann, und dieser Aha-Moment schickt ein Lächeln über mein Gesicht.

Heute war es mal wieder Zeit für einen Film aus der science fiction. Ich wollte herausfinden, warum Roger Ebert den Film Silent Running (1971) mit vier von vier Sternen bewertet hat. Ganz habe ich es nicht herausfinden können, aber interessant ist der Film auf jeden Fall, gerade in der heutigen Zeit mit seiner ökologischen Botschaft. Leider hatte Amazon prime den Streifen nur mit deutscher Tonspur parat, aber man kann eben nicht alles haben, und so habe ich ihn mir auf deutsch angeschaut.

Der Protagonist überlegt in einer Szene, wie er seine Wälder retten kann, die in einer Raumstation bewahrt werden sollten (da auf der Erde nichts mehr wächst); der Befehl lautet, aus irgendeinem Grund zur Erde zurückzukehren und die Glaskuppeln mit ihrem Naturleben darunter in einer Nuklearexplosion zu zerstören. Diesem Befehl will unser Mann nicht nachkommen, denn er hat die Naturlandschaften lange Zeit gepflegt. "Was wird aus den Wäldern?" fragt er seine Kollegen, die ihn dazu drängen, endlich den Befehl zu befolgen.

Und da ist der Aha-Moment: "Was wird aus den Wäldern?", ich vermute mal ganz stark, dass es im englischen Originalton lautet: "What about the forests?" - und diese Frage kenne ich seit vielen Jahren; genauer gesagt seit dem Zeitpunkt, als ich zum ersten Mal den Song Photosynthesis der Carbon Based Lifeforms gehört habe. Ein großartiger Downtempo-Song, in dem als Sprachsample immer wieder "What about the forests? - No." auftaucht. So prägnant, dass ich das im Gehirn abgespeichert habe.

Und dann heute herauszufinden, dass das vermutlich aus dem Film Silent Running stammt, war ein schönes Gefühl, und es passt auch noch so gut - CBL-Musik ist atmosphärisch immer an SciFi orientiert. Passt also alles, der HB ist glücklich. Ich glaube, die große Buba kennt das Gefühl auch, wenn sie nämlich mit ihrem gedanklichen Webstuhl neue passende Verknüpfungen herstellen kann.

Nice.


Dienstag, 9. April 2019

Elektrisierend

Eine tolle Tanztruppe!

In gewisser Weise trägt die Sannitanic Schuld daran, dass ich heute ein irres Erlebnis hatte. Sie hat mir vor ein paar Tagen unter dem Beitrag zum neuen Suspiria erklärt, dass Französisch Fachsprache beim Tanzen ist. Ich hatte mich nämlich ein bisschen gewundert, warum in dem Film neben Deutsch und Englisch auch Französisch auftaucht. Irgendwie scheinen die Franzosen es also mit dem Tanzen zu haben, und das hat mir mein heutiger Film bestätigt. Die Sannitanic hat mir indirekt den Denkanstoß gegeben, den Film Climax (2018) von Gaspar Noé anzuschauen.

Der steht schon etwas länger auf meiner "To Do-Liste für Filme", war aber bisher noch nicht bei Amazon prime verfügbar. Ich hatte mir den Film aufgeschrieben, weil ich einen früheren Film von Noé gesehen habe und feststellen durfte, dass das ein echtes Erlebnis war. Mir war Enter the Void (2008) zwar eine Stunde zu lang, aber es ist faszinierend, wie der Regisseur mit Farben, Formen, Neonlicht und Blickwinkeln arbeitet. Das ist ein Regisseur, der sich was traut, und das führt nicht immer nur zu guten Ergebnissen.

Zumindest ist das meine bisherige Erfahrung: Experimentalfilme können hit or miss sein, entweder treffen sie genau meinen Geschmack und ich finde sie toll, oder ich finde sie scheiße. Also mal wieder polarisierend. Weil ich aber das visuelle Design von Enter the Void toll fand, habe ich mich an diesen Experimental-Tanz-Horrorfilm gewagt. Mittlerweile ist er für mich verfügbar gewesen, und ich bin nicht enttäuscht worden. Climax finde ich richtig gut, eben weil er so unkonventionell ist.

Ein Plot existiert nicht. Oder, um genauer zu sein, der Plot dient als Aufhänger für abgefahrene Szenen auf einer Party. Und mir wird gerade bewusst, wenn ich hier etwas über den Inhalt schreibe, wird das extrem flach klingen - weil es extrem flach ist, die Dialoge sind banal bis infantil, die Charaktere... ja. Zum Glück war ich "vorgewarnt" und wusste, dass ich mich auf einen Noé-Film einlassen muss.

Er beginnt mit einer Vogelperspektive von Schnee. Bellen ist zu hören, eine Frau kriecht durch den Schnee und schreit, beim Wälzen im Schnee hinterlässt sie Blutspuren. Die Kamera wabert fort, zeigt uns einen Baum von oben und dann wird eine Texttafel eingeblendet - "Der Film, den sie soeben sahen, ...", gefolgt von den End-Credits. Großartig, wenn auch nicht originell, es scheint in Mode zu sein, einen Film mit der Schlussszene beginnen zu lassen. Und dann Bildwechsel, wir sehen einen Fernseher, auf dem Vorstellungsgespräche laufen.

Diese Fernseher-Szene fand ich toll, weil links neben dem Gerät Bücher aufgestapelt sind, und rechts daneben VHS-Kassetten. Unter anderem der Film Suspiria und Luis Bunuels Un Chien Andalou. Wer Filme liebt, kennt den andalusischen Hund natürlich und versteht das ganz als eine nette Anspielung für Filmliebhaber - genau wie die Bücher auf der linken Seite, von denen eines den Titel Fritz Lang trägt. Langs Metropolis (1927) war einer der ersten Science-Fiction-Filme überhaupt. Man merkt, dass Gaspar Noé das Filmemachen liebt.

Es stellen sich junge Tänzer vor, und wir erfahren, dass es um eine Choreographie geht, die mit einer Tournee in den USA verbunden ist (der Film spielt in Paris). Die Tänzer sind "echte" Tänzer, keine Schauspieler, und das lässt das Ganze etwas authentischer wirken. Und nach diesen kurzen Gesprächen beginnt die Generalprobe, die Kamera wechselt in eine Lagerhalle und wir bekommen eine "echte" Tanzszene zu sehen.

Wenn man bei Mainstream-Filmen hinschaut, bemerkt man, das Tanzszenen dort eigentlich immer zusammengeschnitten sind - damit keine Fehler auftauchen, oder auch aus dramatischen Beweggründen: ein Closeup tanzender Schuhe bringt etwas mehr Schwung in die Sache. Noé macht es anders, er zeigt die komplette Choreographie in einem ungebrochenen long take. Keine Schnitte, sondern alles in Echtzeit, und die Tanzszene war für mich so elektrisierend, dass mir in dem Moment klar war, dass ich sie mir nach dem Film noch einmal würde anschauen wollen.

Das sind bemerkenswerte Tänzer, die in einem Mordstempo mit ihren Körpern alles Mögliche anstellen können. Unglaublich viel zu sehen, wow, und bei etwa fünfzehn Minuten Minuten ab Start des Films ist die Probe dann zu Ende. Verdientermaßen nutzen die etwa zwanzig Tänzer die Gelegenheit, um das zu feiern. Was mir besonders gut gefallen hat: Die Tanztruppe ist divers, multikulti, es sind Schwule dabei und auch Lesben, klasse, das nenne ich Integration!

Irgendwann nach etwa fünfundvierzig Minuten werden die opening credits eingeblendet. Typisch Noé, und das ist hier auch ganz sinnvoll, denn ab diesem Zeitpunkt wird das ausgelassene Feiern der Tänzer etwas unbequemer - sie fühlen sich nicht mehr so gut und bekommen den Verdacht, dass ihnen jemand etwas in die Bowle gemischt hat. So ist es auch, und die zweite Hälfte des Films besteht aus dem graduellen Abstieg in einen Horrortrip, der sich gewaschen hat. Noé nutzt hierbei die subjektive Kamera, indem wir wie einer der Partygäste durch die Gänge des Gebäudes laufen, die letzten Szenen sind dann überkopf gefilmt.

Was ich bemerkenswert finde: Der Horrortrip ist ein einziger long take, keine Schnitte, keine versteckten Schnitte wie bei Birdman, sondern zweiundvierzig Minuten Abstieg in den Wahnsinn, ungekürzt. Keine Sorge, hier wird nicht herumgesplattert. In dieser Phase können wir in besonderem Maße genießen, wie Noé Gebrauch macht von farbiger Beleuchtung, in rot, grün und blau, das weckt Erinnerungen an Argentos Suspiria (1977).

Ich muss Schluss machen. Mein Fazit? Climax ist ein wunderbarer Film, wenn man sich darauf einlassen kann. Die Tanzszenen sind beeindruckend, und die Kameraarbeit ist aufregend. Es ist kein Film im klassischen Sinne, sondern eher ein Erlebnis - deswegen auch unedingt den Surround-Sound genießen! Ich werde ihn mir nachher wohl noch einmal mit der Original-Tonspur anschauen.

Sex, Drugs and Violence. Das kann schiefgehen (wie bei Nicolas Winding Refns Only God Forgives) oder funktionieren. Hier klappt es.

Samstag, 30. März 2019

Rhythmus in der Tasche

Auch mit achtzehn Jahren Rhythmus im Blut

linke Hand tappt auf die Hosentasche

1                2                3                4

Bu              2                3                4 

rechte Hand tappt gegen die Haltestange

Bu             dah                              dah

Bu             dah                              dah

Kopf nickt mit

Bu             dah      bu           bu     dah

Bu             dah      bu           bu     dah

rechter Fuß tappt mit

Bu     ts     dah    tsbu           buts  dah     ts

Bu     ts     dah    tsbu           buts  dah     ts

Einsatz Schultern 

Bu     tsts  dah    tsbu           butstsdah    ts

und mitsingen!




Heute war ich endlich mal wieder mit Sommersachen, Sonnenbrille und Sennheiser-Kopfhörer im Bus in die Stadt unterwegs, den MP3-Player bis zum Anschlag aufgedreht, mitten im Bus stehen und zur Musik mitmachen. Anfangs noch mit ein paar scheuen Gedanken, was sollen denn all' die Leute denken, aber das lässt schnell nach, die Musik zieht mich einfach mit. Es werden Sitzplätze frei, aber ich bleibe in der Mitte stehen und groove zu dem Beat mit, und es tut so gut. Hinter der Sonnenbrille fühle ich mich sicher, und mich kennt eh' keiner, und selbst wenn! Es ist so ein wunderbares Gefühl, bei tollem Wetter rauszugehen und den Rhythmus im Blut zu haben, für die Dauer einer Playlist mal alles draußen lassen, kein Stress im Kopf, sondern nur noch pulsierende Beats. Im Studium habe ich das viel häufiger gemacht, vielleicht bin ich jetzt einfach zu bequem dazu geworden. Aber heute hat mir gezeigt, wie schön es ist, zu tanzen, und ich muss unbedingt wieder auf die Lost Souls, und irgendwann steht auch der Kieler CSD an, noch mehr Tanzgelegenheiten. Oder einfach ein Kilo Hüftsteak kaufen, und ein Paket Schlonz (die große Buba brüllt gerade Scheh-LONZ und spült ihre Mitmenschen weg, sorry, ich bin grad albern), jede Gelegenheit zum Tanzen und Wippen und Nicken wird genutzt!

Ab nach draußen!

post scriptum: Wenn Ihr eine halbe Stunde Zeit habt, dann schaut Euch mal den Kurzfilm "I'm here" von Spike Jonze aus 2010 an, eine SciFi-Romanze. Ich glaube, es ist unmöglich, sich nicht sofort in die Hauptcharaktere zu verlieben, und die inklusive Message des Films ist toll - jeder gehört dazu, und das ist auch gut so. Ihr könnt den Film hier bei Youtube finden.

Samstag, 16. Februar 2019

Auf in's Ungewisse!


Meditationstag. Dieser Tag gehört mir, ich genieße jede Phase. Alles ist genau durchkalkuliert. Und auch wenn ich mir vornehme, jeden Abschnitt im Hier und Jetzt zu erleben, so komme ich nicht immer gegen die Hochbegabung an. So bin ich, während ich den neuen Film schaue, im Kopf schon ein paar Schritte weiter, denke an das Entspannungsbad, die Meditation und den Blogeintrag. Trotzdem ist es ein entspannter Nachmittag und Abend, und das Highlight ist, wie immer, die Meditation. Es ist unglaublich befreiend, für eine Stunde alle Fesseln abzuschütteln und den Gedanken freien Lauf zu lassen, begleitet von faszinierenden Klangwelten. Diese Meditation ist so herrlich, dass ich sie auf keinen Fall die Atmosphäre beeinträchtigen möchte.

Ich habe ein paar ausgewählte Musikalben, die mich in komplexe Welten entführen. Schon seit Monaten möchte ich einen Blogartikel schreiben, in dem ich einen Überblick über diese Musik gebe, quasi als Ideenfundus. Ich möchte den Beitrag dann ebenso als ständig erweiterbare Sammlung links anpinnen wie die Mindfuck Movies. Vereinzelt habe ich auch schon über das eine oder andere Album geschrieben, zum Beispiel über Polarity oder Oxycanta. Das sind Alben, auf die ich mich verlassen kann; ich begebe mich quasi in die Hände des Künstlers und vertraue darauf, dass er mir eine wunderbare Gedankenreise beschert. Und so lege ich auch heute wieder eines dieser verlässlichen Alben ein, Enfold-01 aus dem Hause ultimae records.

Wird mir das nicht langweilig, mit immer der gleichen Musik? Nein. Die Downtempo-Konzeptalben sind so komplex durchdacht und abgemischt, dass ich davon nicht genug bekommen kann. Und ich gehe keine Risiken ein: Ich weiß, dass die Meditation von guter Musik begleitet wird. Es gibt allerdings auch Tage, sehr, sehr selten, an denen ich etwas Neues ausprobiere.

Sehr selten deswegen, weil die Hochbegabung mir einredet, dass Veränderungen und Neues negativ sein könnten und ich das deswegen unbedingt vermeiden sollte. Fragt mal die Autisten und Asperger. Für die Meditationen habe ich ein Jahr lang nur ein einziges Album gehört - wie gesagt, bloß keine Risiken eingehen.

Ach Dr Hilarius. Mach' Dich mal etwas locker. Sei mal mutig, probiere doch einfach mal ein völlig unbekanntes Album in der Meditation aus! Wer weiß, vielleicht ist da ja sogar etwas richtig Tolles dabei - und auf Dein Lieblingslabel kannst Du dich doch eigentlich immer verlassen. Verschließ' Dich nicht gegenüber allem Unbekannten!

Und so habe ich heute dann auch wieder ein neues, schönes Album entdeckt. Liebe andere Hochbegabte da draußen: Geht es Euch auch so, dass es manchmal schwierig ist, sich auf Neues einzulassen? Besonders, wenn man die Option hat, auf etwas Bewährtes zurückzugreifen?

Sonntag, 30. Dezember 2018

Ich hör' nur Bahnhof!

Diesen Bahnhof werde ich mein Leben lang nicht vergessen, und auch nicht das Gefühl, als ich zum allerersten Mal hineingefahren bin...

Synästhesie.

Herr Leinhos weiß natürlich sofort, was das ist, denn er kann Griechisch. Es geht um das Zusammenwirken von Sinneseindrücken, dass man zum Beipiel Töne sehen kann, oder Farben schmeckt. Das klingt nach abgefahrenem Scheiß, ist aber nicht unüblich. So sehe ich manchmal ganz konkrete Dinge, wenn ich Musik höre, und ich spreche gerade nicht von Ambient, das mit seinen Natursounds bestimmte Assoziationen weckt. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, ob das irgendwie mit Hochbegabung zusammenhängen kann.

Ich führe als Beispiel einen Song aus dem Genre Downtempo/IDM an: Martin Nonstatic - Granite. Meistens höre ich diese Musik mit geschlossenen Augen beim Meditieren, um meine Fantasie spielen zu lassen, und manchmal entstehen da wunderbare Bilder. Dieser Song ist mir von Anfang an aufgefallen unter den anderen Liedern auf dem Album Nebulae - Live at the Planetarium. (Das war damals eine Nummer im Carl-Zeiss-Planetarium, in Bochum, glaube ich; irgendwann möchte ich so etwas auch einmal erleben, weil die Vorstellung toll ist)

Es ist sehr schwer, genau festzumachen, woran es liegt, aber bei Granite formt sich vor meinem geistigen Auge ein Bild eines unterirdischen Bahnhofs. So wie die Haltestelle Rathaus Spandau der U7 in Berlin: Groß, majestätisch, menschenleer. Ob es an den hallenden Sounds liegt? An dem Echo? An dem Rauschen im Hintergrund? An der Wahl der Synthesizersounds? Irgendwann habe ich zum ersten Mal diesen Bahnhof "gehört", und das Bild erschien mir so passend, dass es sich in den Folgemonaten immer weiter verfestigt hat.

Immer deutlicher konnte ich in die Tunnel hineinsehen, in denen nur einzelne Leuchtstoffröhren die Dunkelheit erhellen. Immer klarer wurde mir, dass an diesem Bahnhof wirklich keine Menschen sind - groß, leer, hallend, und immer mal wieder fährt ein Zug durch. Und weil ich das Gefühl sehr gut kenne (denn ich liebe es seit Jahren, U-Bahn zu fahren), kamen auch die anderen Sinne hinzu, nach und nach, und mit jedem Anhören immer detaillierter, ich konnte die muffige Luft des Bahnhofs riechen, und er fühlte sich kalt an, nach Marmorwänden (nicht umsonst heißt der Song Granite - was ich damals aber noch nicht wusste, als meine Bilder entstanden sind). Hier freut es mich wieder sehr, eine Anlage mit Surroundsound zu haben, denn viele Alben aus dem Downtempo, IDM, Ambient, Psybient (etc.) sind extrem sorgfältig auf alle Kanäle abgemischt. Dort links fährt der Zug vorbei. Rechts kann ich spüren, wie die Luft vor einem heranfahrenden Zug, die sogenannte ghost train an mir vorbeizieht.

Diese Detailliertheit, kombiniert mit dem Umstand, dass ich mich in U-Bahnhöfen wohlfühle, hat einen wunderbaren Effekt: Wenn ich Nebulae höre und realisiere, dass Granite gerade begonnen hat, entspanne ich mich sofort. Alle Anspannungen der Muskeln fallen ab, ich sinke noch tiefer in meine Couch hinein und freue mich, dass ich jetzt einige Minuten lang den Bahnhof hören kann.

Vielleicht steigt ja heute jemand aus dem Zug aus ;-)

post scriptum: Deswegen habe ich den Roman "Lowboy" von John Wray gern gelesen, über einen Autisten in der U-Bahn. Ach so, und hier hätten wir noch den Song "Granite" von Martin Nonstatic, in der Live-Version aus dem Planetarium, bei 12:01:

 

Samstag, 13. Oktober 2018

Meditation - ein Genuss

Lächle - und die Welt verändert sich (Buddha)

Ist eine kleine Anspielung auf meinen Studienleiter, der am Examenstag zu mir meinte: "Dr Hilarius, die Lateinstunde - ein Genuss." Und keine Sorge, es geht nicht um Selbstbeweihräucherung, denn mein Portfoliogespräch und die PFDS-Aufgabe habe ich glänzend versaut. Bzw. einer hat eine Eins dafür gegeben, jemand Anderes eine Fünf und dann haben sie sich die Köpfe eingeschlagen, was es denn nun werden sollte.

Naja, es freut mich ja, dass er die Stunde genießen konnte. Ich lerne auch immer mehr, die Welt um mich herum zu genießen, und deswegen möchte ich die Meditation unbedingt als festen Bestandteil in meinen Alltag integrieren. Erst wird geduscht, und da geht es schon los. Kennt Ihr das nicht? Das Gefühl, dass der Körper rein ist? Irgendwie schon ein bisschen befreit. Und dann gehe ich aus dem vollgedampften Badreich in meine Wohnung und ein angenehm erfrischender Luftzug ist am ganzen Körper zu spüren.

Der schönste Moment ist allerdings der Einstieg in die Meditation. Wenn ich mich mit weicher Haut langsam auf das gestärkte, pieksige Handtuch lege - wirklich ganz langsam, um das Gefühl zu genießen - und dann schließe ich die Augen, so dass ich mich intensiver auf meine anderen Sinne konzentrieren kann. Ich weiß, dass ich jetzt eine Stunde in kompletter gedanklicher Freiheit vor mir habe, und das Gefühl ist berauschend. Und langsam kommen Sinneswahrnehmungen hinzu.

So merke ich nach ein paar Minuten den Duft nach Nag Champa, der sich in der Wohnung verbreitet, denn ich habe dabei immer Räucherware an - zur Abwechslung momentan gerne dhoop cones, Räucherkegel. Ich genieße diesen Duft für ein paar tiefe, langsame Atemzüge, und dann merke ich, wie mein Körper von innen heraus warm wird; ich trinke immer einen heißen Tee direkt vor dem Hinlegen.

Der weiche Körper, die Signale, die meine Haut Richtung Gehirn abgibt (wegen der pieksigen Handtücher), die Wärme von innen und der Duft werden zudem um Musik bereichert. Durch die Meditationen habe ich die Musikrichtung downtempo überhaupt erst kennengelernt, und dank des Surroundsounds passiert überall um mich herum etwas. Hier fegt ein Wind durch Blätter, dort fallen Regentropfen und da drüben knacken Äste, alles zu einer Musik, die Emotionen wecken kann und keine Songtexte hat, auf die man sich konzentrieren müsste. Und da meine Augen geschlossen sind, fabriziert mein Gehirn die Klangwelt um mich herum, quasi behind closed eyelids.

Und nachdem ich mich so etwa zehn bis zwanzig Minuten eingelebt habe in dieser Atmosphäre, lasse ich meine Gedanken frei. In alle Richtungen, ich möchte alles abarbeiten, was in meinem Gehirn gerade aktuell ist. Und ich sperre keine Gedanken aus: Geh' an die Orte, die Du fürchtest, hat Pema Chödrön geschrieben, und ich verstehe, warum.

Dann bemerke ich meinen musikalischen Fingerzeig; das ist die Stelle im Musikalbum, an der Aufwachen angesagt ist. In der Regel habe ich das Album bis dahin fast komplett durchgehört. Und nur gaaaanz langsam fange ich an, meine Zehen zu bewegen. Die Füße zu drehen. Nach einer Stunde völliger Regungslosigkeit fühlt sich das fantastisch an, und ich mache ganz langsam weiter, um das Gefühl zu verlängern.

Im Studium hätte ich mir niemals die Zeit eingeräumt, um bewusst zu meditieren, das kam erst ganz spät, weil ich immer dachte, dass ich die Zeit sinnvoller nutzen könnte. Aber meine Erfahrung ist, dass es einem hochbegabten Gehirn ganz gut tut, wenn man es regelmäßig frei lässt.

Mittlerweile meditiere ich seit fünf Jahren, und es wird immer noch besser mit jedem Mal.

post scriptum: "Oops." - das ist der Moment, in dem man realisiert, dass man richtig Scheiße gebaut hat. Das kennt Ihr vielleicht. Ich weiß es noch von damals, als ich meine linke Hand betrachtet habe und ganz fasziniert davon war, dass mein Zeigefinger am Mittelgelenk um neunzig Grad nach links abgebrochen war. Daran musste ich denken, als ich mir heute Danny Boyle's "127 Hours" (2010) angeschaut habe. Dort rutscht ein Extremsportler beim Kaminklettern ab, und ein Fels quetscht seine Hand so gegen die Wand ein, dass er nicht mehr herauskommen kann. Wahre Begebenheit, toller Film, und der Moment kommt dort, als der Kletterer realisiert hat, dass er niemandem Bescheid gesagt hat, wo er gerade ist - und ihn somit niemand retten kann. Oops.

Immerhin hat er aus dem Ereignis gelernt - der Film zeigt seine Tortur bis hin zu dem Moment, an dem er sich entschließt, sich den Arm abzuschneiden, mit einem Billig-Multifunktionswerkzeug. Und weiter: Der Film hat in der ungekürzten Fassung völlig zu Recht eine Freigabe ab achtzehn erhalten, denn die Szene, in der er sich seine Sehnen durchschneiden muss, geht in Mark und Bein. Wer sowas nicht abkann, aber trotzdem gern sehen würde, was diese Situation mit ihm angestellt hat, der kann gern die geschnittene Fassung anschauen, bei der wirklich nur die explizitesten Szenen entfernt wurden. Es lohnt sich! Typisch Danny Boyle, flashy, tolle Musik, ein echtes Abenteuer.