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Sonntag, 1. Mai 2022

Kulinarische Extravaganz oder Post-Aprilscherz?


Hin und wieder bringt eine deutsche Convenience-Food-Firma neue Sorten von Tiefkühlpizzas heraus, die ich erstmal nicht ernstgenommen habe - dann probiert und teilweise sogar richtig gut fand (Pizzaburger, Pizza Pasta) oder von denen mir zumindest nicht übel geworden ist (Schokopizza). Das neueste Experiment konnte aber einfach nicht gutgehen: Eine Pizza, belegt mit Fischstäbchen.

Das fällt in der Tiefkühltruhe allein schon dadurch auf, dass die Packung fast doppelt so dick ist wie die anderen TK-Pizzen, und der Inhalt etwa fünfzig Prozent schwerer. Der Name Pizza Bastoncini di Pesce hat mich zuerst an an eine Kampfbastion denken lassen, angesichts der Attacke an Fischeiweiß ist das gar nicht so weit hergeholt. Und wie soll das überhaupt logistisch gehen, dass eine TK-Pizza, die nach etwa zehn Ofenminuten durch ist, gleichzeitig essbar sein soll wie Fischstäbchen, die gewöhnlich fünfundzwanzig Minuten brauchen?

Etwa zweiundzwanzig Minuten soll dieses Werk, das an Picasso erinnert (zufällige Anordnung von essbaren Gegenständen?), im Ofen bleiben. Das alles klang so weit jenseits der Norm, vor allem wenn man bedenkt, dass das ganze als Mem auf Twitter gestartet ist. Das kann doch einfach nicht deren Ernst sein, oder Detlef. Eine halbe Stunde später steht dieses Monster vor mir - und ich habe es verschlungen.

Geschmacklich ist es eher undefinierbar, deswegen habe ich noch Zitronensaft auf die Fischstäbchen geträufelt; ansonsten finden sich auf der Pizza Spinat, Tomatensoße und Käse. Die Konsistenz ist allerdings ein interessantes Erlebnis - erst in ein (ansatzweise knusprig-)weiches Fischstäbchen zu beißen und dann auf den krossen Pizzaboden zu stoßen. 

Auch wenn ich glaube, dass es bei einer wirklich begrenzten Edition bleibt (wobei - die Pizza Pasta sollte das ursprünglich auch sein, und es gibt sie noch über zehn Jahre später), werde ich die Pizza demnächst wohl noch einmal probieren. Einfach, um mich zu versichern, dass ich das Ganze nicht geträumt habe.

Fehlt eigentlich nur noch: Pizza Kotelett-Sahnetorte, garniert mit Klosteinen und Radiergummibröseln. Guten Appetit!

post scriptum: Nächste Woche wird spannend. Keep your fingers crossed (und auch gern die toes)!

Sonntag, 28. Juni 2020

Seelenstriptease: Passing Gas


Dieser Beitrag ist auf so viele Arten unangenehm. Nicht nur, dass es um körperlich und seelisch unangenehme Erlebnisse geht. Unangenehm, davon zum ersten Mal öffentlich zu erzählen. Unangenehm, die richtigen Worte zu finden. Unangenehm der Gedanke, Leser damit abzuschrecken. Aber es geht um ein wichtiges Thema, das ich drei Jahrzehnte mit mir herumgetragen habe und ich entnehme der Literatur, dass das durchaus etwas mit dem Asperger-Syndrom zu tun haben könnte.

Für Kleinkinder ist es wichtig, dass sie das Konzept des Bäuerchen quasi erlernen. Über die Schulter gelegt, ein paarmal auf den Rücken geklopft, bis das kleine Hüpfelchen endlich aufstößt. Das ist wichtig, denn durch die Verarbeitung von Nahrung in unserem Magen entstehen mitunter Gase - bei Erbsen, Bohnen und Linsen zum Beispiel etwas mehr, wie Ihr sicherlich schon einmal erlebt habt. Diese Gase befinden sich im Körper und sie müssen irgendwie heraus, sonst kann es zu unangenehmen Blähungen kommen. Wenn Ihr nicht wisst, wie unangenehm das sein kann, dann beneide ich Euch darum. Im Englischen nennt man diesen Vorgang passing gas - diese Gase durch den Körper nach draußen zu befördern.

Denn ich kann auch nach knapp siebenunddreißig Jahren nicht rülpsen - zumindest nicht bewusst. Ich weiß nicht, wie das geht. Alle drei bis vier Jahre passiert das mal unkontrolliert. Ich fand es schon als Kind immer blöd, wenn mein Körper unangenehm irgendwelche Geräusche machte, und das kam nicht selten vor, wenn man bedenkt, dass ich nur selten an's Essen gedacht habe und dass das Magenknurren an der Tagesordnung war. Sobald ich merkte, dass es wieder einmal soweit war, habe ich mich zusammengekrümmt, um das irgendwie zu unterdrücken. Heute weiß ich, dass Essen etwas genützt hätte. Damals wusste ich nicht, was "Hunger" bedeutet.

Genauso habe ich mich dann verhalten, wenn nach dem Essen irgendein Geblubber von meinem Magen her kam. Immer wieder zusammenkrümmen, den Magen verkrampfen, das Geräusch irgendwie unterdrücken. Heute weiß ich, dass in solchen Situationen Rülpsen eine der einfachsten Möglichkeiten ist, das Problem loszuwerden - oder eben einfach auf Toilette zu gehen.

Das war damals nicht so einfach. Ich wollte an fremden Orten nicht auf die Toilette gehen. Mein Schulklo damals habe ich in neun Jahren Gymnasium nur zweimal von innen gesehen. Weil ich nicht auf's Klo gehen kann, wenn ich nicht sicher sein kann, dass niemand kommt und mich drängelt. Der Kopf also mal wieder - und somit bin ich auch an langen Schultagen nicht ein einziges Mal auf's Klo gegangen. Ihr könnt Euch vorstellen, dass Klassenfahrten für mich der absolute Horror waren. Auf langen Busfahrten habe ich mitunter stundenlang meinen Körper irgendwie verkrampft, um das Gefühl zu unterdrücken. Und dabei versucht, andere Geräusche zu machen, die lauter sind.

Kurzum: Ich hatte dank meines Kopfes extreme Verdauungsprobleme. Und das lässt sich nach all' den Jahrzehnten nicht so einfach abstellen: Noch immer gehe ich an fremden Orten nicht auf's Klo - no way! Ich brauche dazu einen vertrauten Ort, an dem ich sicher sein kann, dass niemand stört. Bleibt nur noch meine Wohnung. In Freizeitparks (wenn ich nicht allein hingehe) und auch an Unterrichtsvormittagen gehe ich nicht auf's Klo, einfach aus Angst.

Hinzu kommt, dass es gesellschaftlich zwar nicht anerkannt ist, zu rülpsen, aber es ist bei Weitem nicht so verpönt, wie zu pupsen - Schüler stürzen sich mit "Freude" und lauter "Anerkennung" darauf, wenn das irgendjemandem im Unterricht passiert. Daraus habe ich mitbekpommen (ich lasse diesen Tippfehler drin, damit die große Buba etwas zu schmunzeln hat), dass ich also nicht rülpsen kann und nicht pupsen darf. Ist schon bemerkenswert, was für Fesseln unsere Gesellschaft einigen ihrer Mitglieder auferlegt.

Heute weiß ich, dass es für diese Fälle Simethicon gibt (Lefax und deutlich günstigere Generika) - einen physikalischen Wirkstoff, der Gasbläschen im Körper auflöst und dabei völlig unschädlich ist und auch nicht überdosiert werden kann - deswegen wird er auch schon bei Kleinkindern mit diesen Problemen eingesetzt. Seit ein paar Jahren habe ich das immer in ausreichender Menge in meinem Apothekerschrank vorrätig und auch immer in meiner Schultasche dabei - denn ich möchte meinen Mitmenschen auf keinen Fall lästig werden. Lieber gehe ich das Risiko von Magenkrämpfen, Verstopfungen und Depressionen ein, so wie früher.

Vielleicht ist es jetzt klarer, warum das ein unangenehmes Thema für mich war - und immer noch ist. Ich habe bisher erst einen Menschen getroffen, der darüber damals ganz offen gesprochen hat und aufgeschlossen damit umgegangen ist, weil er das gleiche Problem hat. Ich hätte mir daran ein Vorbild nehmen sollen, aber damals war ich immer noch auf der Schiene, dass ich um jeden Preis normal sein muss.

Übrigens ist das auch der Hauptgrund, warum ich nie einschlafen konnte, wenn ein anderer Mensch mit im Raum war: Die Angst, dass mein Körper im Schlaf irgendwelche unkontrollierten Geräusche von sich gibt, sei es nun durch Magenkrämpfe oder Schnarchen oder Reden im Schlaf. Ich habe so panische Angst davor bekommen, dass ich immer so lange wach geblieben bin, bis ich das Gefühl hatte, dass alle anderen im Raum schlafen. Dieses krampfartige Wachsein hatte ich zum Beispiel auch, als ich in die Vereinigten Staaten geflogen bin.

An Bord eines Flugzeuges auf Tiolette? No way, again, und deswegen esse ich auch gar nicht erst etwas, damit ich nicht auf's Klo muss. Dieses Herumdrücken und Verkrampfen hat dazu geführt, dass ich in meinem Hotel in Mason, Ohio, bei der Ankunft in's Bett gefallen bin und sechsunddreißig Stunden durchgeschlafen habe, was den ersten Tag meiner Planung gekickt hat. Hat eine Weile gedauert, nach dem Aufwachen, zu realisieren, dass ein ganzer Tag plötzlich weg ist. So erlebt man was ;-)

Mich hat das alles besonders in meiner Kindheit und Jugend ziemlich fertig gemacht, und ich habe nie darüber reden wollen, sondern das alles versucht, geheim zu behalten, nett zu lächeln und zu sagen, dass alles okay sei. Und weil ich früh method acting gelernt habe, hat man mir das meistens auch abgenommen.

Es ist echt ziemlich scheiße, was für Erwartungen unsere Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt - ohne sie direkt auszusprechen. Ich habe jetzt mittlerweile auf über fünfhundert Seiten gelesen, dass Aspis immer wieder Angst haben, ihr ganzes Leben lang, und ich habe immer gedacht, dass das unnormal ist, und dass ich das verschweigen muss. Und jetzt weiß ich, dass das fast allen Aspis so geht.

Mein Erziehungsauftrag als Lehrer: Den Schülern Aufgeschlossenheit beizubringen gegenüber Menschen mit Problemen. Und sich nicht darüber lustig zu machen, wie es immer noch in über achtzig Prozent der Klassen (die ich bisher unterrichtet habe) der Fall ist.

Fuck You, engstirnige, heteronormative, gesundheitsbesessene Gesellschaft.


post scriptum: Falls Ihr Fragen habt, dürft Ihr gern schreiben! 

Liebe Eltern, Ihr müsst Euch keine Sorgen machen. Mittlerweile kann ich mit dem Thema gut umgehen, ich habe gelernt, welche Situationen ich vermeiden muss und welche Strategien ich anwenden kann (zum Beispiel das Simethicon), und welche Menschen ich besser vermeiden sollte. Und mir geht es jetzt noch besser, wo ich das Ganze einmal loswerden konnte.

Danke für Euer (aller) Verständnis!

Samstag, 20. Juni 2020

Unflexibel. Pedantisch. Arrogant. Klugscheißer.


Wen es interessiert, für den lohnt sich das Lesen über Aspis, Kapitel Cognitive Abilities:

"...has a disctinctive learning style, being talented in understanding the logical and physical world, noticing details and remembering and arranging facts in a systematic fashion (...), and when problem solving appears to have a "one-track mind" and a fear of failure.

...at least 75 per cent of children with Asperger's syndrome also have a profile of learning abilities indicative of an additional diagnosis of Attention Deficit Disorder. (...)

If the child is attending to an activity associated with his or her special interest, the level of attention can be excessive (...) [and it] can have difficulty "changing track" while engaged in a "train of thought". (...) The person with Asperger's syndrome usually has considerable problems switching to a new activity until there has been closure, i.e. the activity has been successfully completed. (...)

The psychological term "executive function" includes (...) inhibition and impulse control (...) time management and prioritizing (...) using new strategies. We now have considerable research evidence to confirm that some children, but more expecially adolescents and adults, with Asperger's syndrome have impaired executive function.

Impaired executive function can include a difficulty considering alternative problem-solving strategies. (...) can be represented by a train on a singular track. If it is the right track, the child will quickly arrive at the destination, the solution to the problem, [but they may be] the last to know if they are on the wrong track, or to recognize that there may be other tracks to the destination. Thus, there may be a problem with flexible thinking. (...) An adult [with AS] assumed that his solution was correct and did not need to be changed. His thoughts were "This is the right way to solve the problem, why isn't it working?", which caused considerable frustration. (...)

The person with Asperger's syndrome may also become distressed in situations at school that do not provide an opportunity for mental rehearsal or preparation for change. (...) 

Some adolescents with Asperger's syndrome can also have difficulty with abstract reasoning, prioritizing which task to concentrate on first, and time management, especially how long to spend on a designated activity. This can be exasperating for parents and teachers, who know that the child has the intellectual capacity to complete the work to a high standard, but impaired executive function will contribute to a delay in the submission of the work and therefore incur penalties. (...)

Some children and adolescents with Asperger's syndrome facilitate problem solving by having an external (rather than internal) conversation and, as they are thinking and problem solving, find that it helps to talk to themselves. (...)

Adults with Asperger's syndrome may be famous (or notorious) for being an iconoclast and rejecting popular beliefs and conventional wisdom. (...)

The learning profile of children and adults with Asperger's syndrome can include a tendency to focus on errors, a need to fix an irregularity and a desire to be a perfectionist (...) [This can lead] to their thinking being described as pedantic. Creative adults with Asperger's syndrome (...) often cannot cope with any deviation from their original design. (...)

I have noted that children, and sometimes adults, with Asperger's syndrome have a tendency to point out the errors of other people, being unaware that such a comment breaks the social conventions, and can be embarassing or offensive. Your status does not matter; the child with Asperger's syndrome will point out your mistake and think that you should be grateful to them for doing this. Teachers in particular do not like their mistakes being loudly announced to class. (...)

The difficulty for children with Asperger's syndrome who are able to solve complex mathematical problems can be explaining in words how they achieved the answer (...) "I can't do this orally, only headily." The child can provide the correct answer to a mathematical problem but not easily translate into speech the mental processes used to solve the problem. (...)

[The child] develops an apparently inflexible adherence to specific, non-functional routines or rituals. (...) Once a pattern has emerged it must be maintained. Unfortunately, the components of the anticipated sequence may increase over time. For example, the bedtime routine may have started with lining up only three toys, but becomes an elaborate ritual where dozens of toys have to be placed according to strict rules of order and symmetry. When a journey to a destination has followed the same route several times, there is the expectation that this must be the only route and no deviation is tolerated. (...) Set routines, times, particular routes and rituals all help to get order into an unbearably chaotic life."

(Attwood, Tony: The Complete Guide to Asperger's Syndrome, London 2007, S.240-255)


Danach folgen eine ganze Reihe Tipps für Lehrer hinsichtlich Lehrerausbildung, Unterrichtsmethoden, Hausaufgabentipps, alles sehr hilfreich und fängt ein wenig den eiskalten Schauer ab, der mir bei'm Lesen dieser Passagen über den Rücken gelaufen ist. Es ist genau, wie die große Buba es vermutet hat: Es ist gruselig, all' diese Parallelen schwarz auf weiß zu lesen. Als hätte der Autor Kameras in meinem Leben positioniert, und zwar mit Blickwinkeln und Eindrücken, die ich immer vor meinen Mitmenschen geheimzuhalten versucht habe, bzw. die mir nie bewusst waren. 

Ich habe bereits eine ganze Menge aus diesem Buch gelernt, und das letzte Drittel liegt noch vor mir. Es ist fast noch gruseliger - und noch befreiender - zu lesen als damals das Brackmann-Buch über Hochbegabung. 

Noch irgendwelche Zweifel? 

Sonntag, 1. Dezember 2019

David Cronenberg

Auch mit neunundsechzig Jahren unverkennbar (2012)

1996 Cannes Film Festival: Special Jury Prize 
"...for originality, for daring and for audacity."

Irgendwo im Studium habe ich mich in einen Regisseur verliebt, und das war Dario Argento, der Kopf hinter Suspiria (1977) und Profondo Rosso (1975) und einigen weiteren sehr berühmten Vertretern des giallo. Mir war anfangs gar nichts von dieser Liebe bewusst, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass man sich in den Stil eines Regisseurs verlieben kann. Es gibt einige wenige Regisseure, bei denen das bei mir der Fall ist; David Lynch ist ein weiterer Vertreter der Gruppe, auch Alfred Hitchcock. Quentin Tarantino gehört nicht dazu, obwohl ich seine Filme zu schätzen weiß (besonders Jackie Brown (1997)). Und Danny Boyle gehört nicht dazu, weil mich sein hektischer Stil irritiert (dennoch hat mir 127 Hours (2010) gefallen).

Ich mag es, wenn ein Regisseur "anders" ist, gern kompromisslos, hauptsache faszinierend, ich habe in dem Beitrag Auteur einmal über das Prinzip geschrieben. Nicht unbedingt einfach zugänglich, gern rätselhaft, manchmal anspruchsvoll, immer unverkennbar ein bestimmter Regisseur. Einen der Vertreter dieser Gruppe habe ich jahrelang geradezu krampfhaft vermieden, und zwar den Mann, den ich ausschließlich mit dem Film Scanners (1981), den ich nie gesehen hatte, in Verbindung gebracht hatte, und mit der darin enthaltenen Szene eines explodierenden Kopfes, die ich nie gesehen hatte. Warum sollte ich mir so etwas anschauen? Das klang nach exploitation, nach gratuitous violence, danke, kein Bedarf. Und schnell hatte ich mir eine Meinung gebildet, ohne überhaupt zu wissen, wovon ich spreche.

Ein Wahres ist daran: Davod Cronenberg darf als Pionier des Genre body horror bezeichnet werden. Horrorfilme, die sich auseinandersetzen mit der menschlichen Angst vor Krankheiten, Verletzungen, Verstümmelungen. Hinzu kommt, dass Cronenberg ein Meister der Spezialeffekte war und ist, und so ist auch schon sein Frühwerk in einzelnen Szenen sehr drastisch, sehr grafisch - und oft sehr surreal - umgesetzt. Gewalt ist eines seiner Hauptthemen; das andere ist Sex. Und das alles niemals unter dem trashigen Filter der exploitation movies, die darauf abzielen, dem Zuschauer einfach nur Gewalt und Sex zu zeigen; Cronenberg ist ein no-nonsense director, er geht an seine Themen sehr ernsthaft heran - was zu seinem dritten Hauptthema führt, der Psychologie des Menschen. In fast allen seiner Filme lassen sich alle drei Themen wiederfinden, zumindest aber zwei von ihnen, wechselnd je nach Schaffensphase.

Cronenberg hat sich etwas getraut, gerade in seinem Frühwerk, und hat damit seine Kritiker polarisiert. Manche haben ihn als kühnen Regisseur gefeiert, andere haben seine Bilder als widerlichen Müll abgetan. Dieser Mut, neue Regionen zu erschließen, hat ihm einen ganz besonderen Preis eingebracht, der diesen Beitrag einleitet.

Als mir bewusst geworden ist, dass Cronenberg wesentlich mehr macht als nur splatterige Gewalt, bin ich neugierig geworden - und hungrig, geradezu gierig auf seine Filme, auch wenn manche von ihnen zur Zeit nur schwer aufzutreiben sind. Mich fasziniert, wie er Gewalt und Sex verbindet, genauer: wie er die Verbindungen von Gewalt und Sex aufzeigt, und immer ernsthaft an seine Themen geht, fast schon klinisch-kühl analysierend, am Denken des Menschen interessiert. Mittlerweile habe ich eine Reihe seiner Filme gesehen, einige von ihnen meiner Sammlung hinzugefügt, bin noch auf der Suche nach einer guten Bluray-Ausgabe eines seiner Filme (Crash, siehe unten).

Ein paar seiner Werke möchte ich hier nur ganz kurz anspechen, für jene, die vielleicht neugierig darauf sein könnten und auf der Suche nach Horizonterweiterungen sind. Ganz unsortiert.

Über Videodrome (1983) hatte ich hier schon einmal geschrieben; es geht um Videos - ganz dem damaligen VHS-Boom entsprechend - und den Hang der Zuschauer, Sex und Gewalt im Fernsehen zu finden; im selben Atemzug geht es darum, Menschen per Fernsehen zu kontrollieren, das Thema wird also zu einem Politikum. Darüber hinaus geht es um Transhumanismus: Vor sechsunddreißig Jahren hat man sich mit dem Konzept auseinandergesetzt, das menschliche Bewusstsein in ein technisches System einzuspeisen und somit "unsterblich" zu werden. Das alles war mutig, originell, hat die Kritiker polarisiert und Otto Normalzuschauer sehr verwirrt - heute gilt Videodrome als wichtiger Film im Science Fiction-Genre.

Nur über fünf Ecken bin ich irgendwann auf den Film Crash (1996) gestoßen - interessant, dass der Film auf einer über zwanzig Jahre älteren Romanvorlage basiert. Interessant deswegen, weil der Film sich äußerst freizügig mit dem Konzept sexueller Erregung durch Unfälle, Wunden, Verformungen des menschlichen Körpers auseinandersetzt. Noch viel polarisierender als Videodrome - wobei Roger Ebert dem Film eine sehr hohe Wertung hat zukommen lassen - wird hier also Sex als Resultat eines außerordentlich ungewöhnlichen Fetisches beleuchtet. Ich kann nicht genau sagen, was mich an dem Film fasziniert hat, und ich bin immer noch auf der Suche nach einer Bluray-Veröffentlichung. Vielleicht ist es die kühle, sachliche Betrachtung eines Fetisches, die den Sex selbst zweitrangig werden lässt und Unterscheidungen hinsichtlich der Sexualität vollkommen aufhebt - es werden hetero-, bi- und auch homosexuelle Handlungen gezeigt; spannend, weil der Protagonist sich niemals als schwul bezeichnen würde, und dennoch lässt er sich von einem Crash verführen. Sehr wagemutiger Film.

Etwas massentauglicher, aber immer noch vollkommen auf Cronenbergs Hauptthemen fokussiert, ist A History of Violence (2005). Der Filmtitel sagt eigentlich schon alles; es geht um einen Resturantbesitzer, der mit seiner Familie ein ruhiges Leben in einer Kleinstadt führt, friedlich, fast schon spießig, bis eines Tages sein Restaurant überfallen wird. Der Protagonist kann sich der Verbrecher außerordentlich gut erwehren - und diese Erkenntnis triggert Erinnerungen in seinem Kopf, die er für weggeschlossen hielt. Gewalt und Psychologie, von Cronenberg wieder analytisch beleuchtet, hervorragend gespielt und mit zwei Nominierungen bei den Academy Awards bedacht. Dieser Film kann einem breiten Publikum uneingeschränkt empfohlen werden.

Und gerade dadurch merkt man, wie Cronenberg sich in seinem Schaffen zumindest ein wenig dem Mainstream zugewandt hat. Seine frühen Filme waren sehr speziell, oft mit Fokus auf dem body horror, psychologisch, dabei aber sehr grafisch, auch in sexueller Hinsicht; gleichzeitig nie auf exploitation bedacht, sondern immer mit der Frage im Hinterkopf, was die Menschen zu ihrem Handeln antreibt.

Wer Cronenbergs Werk kennt, merkt, dass ich hier einige seiner bekanntesten Filme (oder solche, die definitiv sehenswert sind) nicht besprochen habe - The Fly (1986), Scanners (1981), Dead Ringers (1988), eXistenZ (1999), Naked Lunch (1991), The Dead Zone (1983), Eastern Promises (2007), A Dangerous Method (2011). Mir geht es nur um einen ersten Einblick in Cronenbergs Werk, falls jemand, der bisher einen großen Bogen um seine Filme gemacht hat - so wie ich damals - nun doch einen Blick riskieren möchte.

Es lohnt sich auf jeden Fall.

Dienstag, 1. Oktober 2019

Autobahn-Sulli

1986 geschlossen, ich war drei Jahre alt, als wir auf der neuen Brücke daneben vorbeigefahren sind - Sulli anyone?

Autobahn-Sulli - was sich anhört wie das debile Gebrabbel eines nicht mehr ganz zurechnungsfähigen Sechsundneunzigjährigen auf dem Weg in die geschlossene Anstalt, ist in Wahrheit das unverständliche Gebrabbel eines noch nicht ganz zurechnungsfähigen Sechsjährigen auf der Autofahrt zum regulären Besuch bei'm Hautarzt.

Wer von Euch ebenfalls Neurodermitiker ist (und nicht war, denn die Erkrankung ist nicht heilbar) - und jetzt vielleicht überhaupt keine der Symptome mehr ertragen muss - kann sich womöglich noch gut an seine Kindheit erinnern, in der er vielleicht mit ebenso stark ausgeprägter Symptomatik zu kämpfen hatte wie ich: Pusteln, Flechte, Schuppen, Entzündungen, blutige Kratzer, Verkrustungen - für Eltern eine gewaltige Herausforderung, zumindest damals, wenn man auf dem Land lebte und ein guter Kinder-Facharzt seine Praxis eine Autostunde entfernt hatte.

Viele, lange, mühselige Autofahrten. Und jedesmal über den Nord-Ostsee-Kanal (NOK). Damals noch über die alte NOK-Hochbrücke bei... irgendwo bei Beldorf in der Nähe. Heute über das neue, ästhetisch doch deutlich langweiligere Bauwerk. Und das war nicht die einzige Brücke der A Dreiundzwanzig. Und aus irgendeinem Grund war ich ungaublich fasziniert von der Architektur dieser Brücken, besonders von den Bogenkonstruktionen. Genau wie bei Bahnfahrten: Tunnels und Brücken waren unglaublich spannend, auch wenn ich schon zum xten Mal durch diesen Tunnel oder über jene Brücke gefahren bin.

Ich war so fasziniert von dieser Brückenkonstruktion, dass mir dazu wohl das Wort "Autobahn-Sulli" eingefallen sein muss. Und nicht einfach nur als einmalige Wortkonstruktion eines Kindes, das zuviel redet; meine Mutter weiß bis heute, und erinnert mich auch bis heute daran, wie ich immer, wenn wir an einer bestimmten Brücke vorbeigekommen sind, "Autobahn-Sulli" gesagt habe.

Nun sind kreative Wortexperimente bei Kleinkindern nicht ungewöhnlich, aber meistens haben sie einen Bezug zur Realität - oder nicht? Eltern, fühlt Euch angesprochen, denn Ihr kennt diese Sachen wie "Nudel-Nam", und irgendwie kann man sich das ja auch erklären - denn "mjamjamjam" ist weit verbreitet. Allerdings kann ich mir bis heute nicht erklären, wie ich auf "Autobahn-Sulli" gekommen bin; der einzige Ansatz, der sich mir bietet: Ich habe schon früh viel gelesen, und es kann sein, dass ich das Wort "Säule" bereits irgendwo gelesen hatte, und wenn man an diesen Bogenkonstruktionen mit senkrechten Stützstreben vorbeifährt, könnten die tatsächlich wie Säulen ausgesehen haben.

Ich muss bei der Geschichte immer an das Konzept der Synästhesie denken - dass mehrere Sinne sich gegenseitig beeinflussen, dass man zum Beispiel Farben hören kann - ich hatte einmal darüber geschrieben (Ich hör' nur Bahnhof).

Haben Eure Kinder auch scheinbar unerklärliche Wortgebilde anzubieten, die sie mit einer solchen Beharrlichkeit immer wiederholen? ;-)

Mittwoch, 25. September 2019

Nur mal eben Glas

POKAL = okay; nicht POKAL = nicht okay

In meinem Küchenschrank befinden sich zwei verschiedene Typen von Gläsern - zum einen die POKAL-Gläser von IKEA, zum anderen kleinere, schlankere Gläser. Jeweils sechs von jedem Typ. Die Pokale stehen in der vorderen Reihe, die kleineren dahinter. Wenn die große Buba zu Besuch kommt, biete ich ihr immer etwas aus meinem reichhaltigen Sortiment an Erfrischungsgetränken an (a.k.a. Leitungswasser oder Coke Zero). Wenn dann die Pokale gerade alle in der Spülmaschine sind, kommt von mir ein "Äh sorry, die großen Gläser sind gerade aus, ich hab nur die kleinen, ist das in Ordnung?" - was die große Buba natürlich überhaupt nicht stört, denn schließlich ist sie die große Buba, und uns beide interessiert die Jagd auf Sephiroth gerade viel mehr als Gläsertypen.

Für sie ist das kein Problem - für mich aber schon, wie ich merke. Bevor ich selbst eines der kleineren Gläser benutze, hole ich ein großes aus der Spülmaschine und wasche es ab, oder ich stelle gleich die Spülmaschine an. Ich trinke tatsächlich lieber aus den großen Gläsern, ich könnte mir vorstellen, dass es mit der oktogonalen Form der Gläser im unteren Bereich zu tun hat, weiß es aber nicht genau. Ich kenne das von mir - so habe ich unterschiedliche Esslöffel, aber am besten schmeckt mir das Essen, wenn ich einen ganz bestimmten von ihnen benutze. Dieser Umstand hat mich jetzt mehrere Jahre begleitet, und heute habe ich mich dann gefragt, wozu ich überhaupt die kleineren Gläser habe, wenn ich sie eh' nie benutze - und habe sie verschenkt.

Auf zu IKEA, schnell ein neues Gläserset besorgt. Sechs Stück kosten nicht einmal drei Euro insgesamt, das ist keine große Investition, und jetzt habe ich endlich nur Gläser in meinem Schrank, die ich auch benutzen mag. Ich weiß nicht, ob das irgendwas mit Autismus oder mit Hochbegabung zu tun haben könnte, deswegen tagge ich diesen Beitrag einfach mal wieder old-fashioned als geisteskrank.

Und wieder frage ich mich, warum direkt gegenüber der IKEA-Kasse dieser herrliche Schwedenshop ist - und habe mir die Frage damit natürlich selbst beantwortet. "Nur mal eben Glas kaufen" ist nicht; ich kann einfach nicht an diesen Regalen vorbeigehen, voller Hot Dogs, Daim, Punschrullar und Gifflar und Dubbla Chokladflarn. Und in diesem Gläserkarton ist noch genau Platz für eine Packung Kekse, wie passend. Das erinnert mich an die gestrige UFO-Geschichte - deren Einkaufswahn war zwar fiktiv, hatte aber seine Wurzeln in der ganz normalen Realität.

Und so steht jetzt neben mir eine Schachtel Daimkekse mit einem POKAL Leitungswasser.

Mittwoch, 14. August 2019

Auf Spurensuche

Spieglein, Spieglein an der Wand... ...du dämliche Bitch, sag' mir endlich, was in diesem schrägen Kopf los ist!

vorweg: Wer von Euch hat mir die SciFi-Serie "Black Mirror" empfohlen?

Jetzt geht's los.


Hallo DrH,
Ich habe mich lange nicht hören lassen und das hat seinen Grund (nicht die verspäteten Geburtstagswünsche ^^).
Die schlechte Nachricht zuerst: das ZIP Kiel hat die Erwachsenen - Diagnostik an Lübeck abgetreten.
Die gute Nachricht: du hast einen Termin zum Vorgespräch am
Montag, den XYZ um 10.00h (!!!)
Du besorgst bitte vorher:
- eine Überweisung von einem Neurologen oder Psychiater an die Psychiatrie
- Zeugnisse (z.b. GS- Berichte), Beurteilungen etc., aus denen Auffälligkeiten hervorgehen

Die Anmeldung findet in Haus AB statt, 10-15 min eher da sein.
Das Gespräch wird Frau Dr. CD mit dir führen.

Solltest du den Termin nicht wahrnehmen möchten, sag bitte Bescheid. Für Rückfragen ist dort meine Telefonnummer hinterlegt, da ich keine aktuelle von dir habe. Mail-kontakt ist nicht möglich.

Vielleicht druckst du dir die Nachricht aus?

So weit erstmal! LG knuddel


Die Sannitanic weiß ganz genau, wie sie mit mir reden muss, wenn es um Wichtiges geht: Konzis, sachlich, keine Phrasendrescherei. Ich bin unglaublich dankbar, dass sie angeboten hat, sich für mich nach einem Startpunkt für die Untersuchung umzuschauen - und dafür hat sie eine kleine Telefon-Odyssee durchgemacht, deren Ergebnis obige Nachricht war. Ich vermute, allein hätte ich das nicht geschafft, allein schon, weil ich keine unbekannten Menschen anrufen mag.

Ein Herz für die Sannitanic!

Jetzt geht es also los, kein Zurück mehr. Naja. Ich könnte den Termin natürlich absagen. Aber ich möchte endlich Antworten finden, also begebe ich mich jetzt auf Spurensuche - Zeugnisse, Anekdoten, alles, was irgendwie auffälliges Verhalten belegen kann. Ich werde mal anfragen, ob mein erster WHG-Klassenlehrer (klingt wie eine Gurke) sich noch an mich erinnern kann, denn der hatte Gespräche mit meinen Eltern eben wegen des Verhaltens, vielleicht finde ich da etwas. Ich denke mal, auch die Schulleitung in St.Peter-Ording könnte einen interessanten Bericht verfassen. Und falls jemand von Euch noch Tipps hat, immer her damit!

Samstag, 13. Juli 2019

Ein Spaziergang

Langsam kommt der Durchblick...

vorweg: Ich weiß, dass meine Eltern das hier lesen, und das ist auch gut so, und vielleicht kommt meine Mutter ja auf die Idee, diesen Beitrag einmal ihrer Schwester zu zeigen - denn heute sind wir alle involviert.

Ich gehe nicht gern zu Familienfesten. Das war schon immer so, aber erst seit wenigen Jahren sage ich das auch offen. Da sind zu viele Menschen, und wenn wir dann zum Essen alle an einem Tisch sitzen, und direkt links und rechts neben mir sitzt jemand und berührt mich, das mag ich nicht gern. Und alle reden durcheinander über alles Mögliche, ich habe also keinerlei Kontrolle über den Ablauf. Und eigentlich warte ich nur darauf, dass ich endlich wieder weg kann, und ich frage mich, warum ich eigentlich überhaupt gekommen bin.

Heute war das ein bisschen anders. Meine Oma ist fünfundneunzig geworden, und da ich keinen Job mehr habe, der mich kopftechnisch in Anspruch nimmt, habe ich die Gelegenheit genutzt und bin einmal Richtung Dithmarschen gefahren. Ich wollte unbedingt mit meiner Mutter über die Asperger-Thematik reden und hatte ein bisschen Angst, dass sie vielleicht nur "normale" Kinder haben wollte, und dass das ein wundes Thema sein könnte, oder dass sie enttäuscht ist - aber ich habe mich geirrt.

Unsere Familie hatte nie ein Talent für offene, aufgeschlossene Gespräche. Nie. Es musste immer alles normal sein, und über Abweichungen von der Norm sprach man nicht. Was sollen denn die Leute denken. Und nun endlich könnte ein Punkt erreicht sein, an dem wir dieses Verhalten in die Tonne treten, und deswegen bin ich heute sehr erleichtert nach Kiel zurückgefahren. Endlich kann meine Mutter problemlos erzählen, über jene lesbische entfernte Verwandte, oder über diesen latent schwulen Opa. Das sind keine Tabuthemen mehr, genausowenig wie Zigaretten, Tee und schwarze Outfits.

Ich bin gestern Abend ziemlich glücklich in's Bett gegangen, weil ich die Gewissheit hatte, dass meine Eltern immer hinter mir stehen, und wenn sie nach Kiel zu einem Elterngespräch mit dem Psychiater kommen sollen, dass sie das machen. Dieses Gefühl, dass ich nicht mehr normal sein muss. Denn unsere Familie hat einen Knall, von oben bis unten, und wenn man irgendwann erfährt, dass Dinge wie Autismus oder Hochbegabung vererbbar sind, dann fragt man sich natürlich: Woher kommt das? Ist meine Mutter auch so? War mein Opa auch so? Und auf einmal fühlt es sich etwas mehr OK an. Im Sinne der Transaktionsanalyse: Ich bin OK und du bist OK.

Das gestrige Gespräch mit meiner Mutter war also ein voller Erfolg. Und ein weiterer Grund, warum ich nun doch zu Omas Geburtstag gefahren bin, war Die Tante (DT). DT hat schon vor Jahrzehnten gemerkt, dass ich verhaltensauffällig bin. Und das wollte ich jetzt einmal mit ihr persönlich beprechen, und so meinte ich nach dem Essen zu DT "Hast du Lust, mal die Auffahrt rauf und runter zu geben?" und daraus wurde dann ein Spaziergang die Straße herunter.

Ich habe ganz direkt gefragt: "Seit wann war Dir bewusst, das ich verhaltensauffällig bin?" und dann hat sie mir meine Kindheit aufgedröselt in etwas, was wie das Asperger-Einmaleins klang. Vor der Waschmaschine sitzen, Menschen bei'm Wort nehmen, Wutausbrüche, wenn es nicht nach dem eigenen Kopf läuft und vieles mehr. Ich habe ihr dann von meinem Verdacht mit dem Asperger-Syndrom erzählt, und für sie war das völlig klar: Das würde passen. Sie hat in ihrer Zeit an der Gemeinschaftsschule viele Autisten und Aspis unterrichtet und dadurch einen Erfahrungsschatz, und so hat dieses Gespräch mir extrem gutgetan.

Das war ein wichtiger Spaziergang, denn endlich bricht langsam mal das Schweigen in der Familie auf, und am liebsten hätte ich noch angemerkt "Also, ich bin jetzt ein Fall für den Psychiater, und ich erwarte, dass ihr euren Freunden davon erzählt!" - Dinge offen auf den Tisch bringen, das ist nicht leicht, wenn man jahrzehntelang unter einem Mantel des Schweigens agiert hat. Wer den Film Hereditary (2018) gesehen hat, oder Caché (2005), der versteht das.

Wir machen kleine Schritte voran - aber wir machen sie. Ich bin ja fast froh, dass ich psychologisch etwas zu bieten habe, denn dann könnte meine Diagnostik-Zeit ein wunderbarer Stoff sein zum offenen Erzählen. Um das zu trainieren. Ich bin wirklich glücklich, dass ich das Bewusstsein habe, mich nicht mehr verstellen zu müssen, und dass ich OK bin und meine Eltern auch hinter einem autistischen Kind stehen werden.

post scriptum: Mama, ich habe die Zeit gestoppt - an diesem Beitrag habe ich exakt neunzehn Minuten und vierundzwanzig Sekunden gesessen. Das ging recht schnell, weil ich mir in der Meditation meinen Text vor dem geistigen Auge zurechtgelegt habe, Aufbau, Titel, Phrasen, die ich unterbringen wollte, und so konnte ich nach der Meditation diesen Text fix runterschreiben. So funktioniert das bei mir meistens ;-)

Donnerstag, 4. Juli 2019

Anders: Erste Eindrücke

Wer bin ich? Wie bin ich?

Ich fange heute mal mit einem Zitat von Klaus an; ich weiß, dass sie das hier liest, und sie weiß, dass ich ihr auch weiterhin wünsche, dass sie ihre mentalen Fesseln bald abschütteln kann. Sie schreibt: "Selbst wenn Du Autist bist, und davon bin ich teils schon ausgegangen, als Du am Pult saßt und in jeder Stunde wieder denselben Fineliner befummelt hast..." - und an dieser Stelle habe ich herrlich gelacht. Faszinierend, wenn Menschen, mit denen ich zu tun habe, sich denken, ich könnte Autist sein, aber niemand mir das mitteilt. Vielleicht auch aus Angst, ich könnte mich in Zukunft ausschließlich darüber definieren: "...bist Du nicht nur Autist." Und das ist natürlich vollkommen richtig. Ich finde es interessant, dass ich diesen Hinweis immer wieder bekomme, das ging damals los, als ich auf die Idee gekommen bin, ich könnte hochbegabt sein.

Liebe Leute, ich bin nach wie vor ich, und entweder, Ihr haltet das mit mir aus, oder Ihr lasst das. ;-)

Aber eine gesicherte Diagnose könnte mir nicht nur endlich Antworten geben, sondern würde mir auch neue Wege öffnen. Ich könnte endlich herausfinden, welche Hilfen ich in Anspruch nehmen kann - und ich wüsste auch endlich, welche Rechte ich damit habe. So haben Asperger zum Beispiel ein "Recht auf fernschriftliche Kommunikation" (dazu weiter unten), und auch arbeitsrechtlich könnte mir das ein wenig mehr Chancen geben.

Dazu brauche ich allerdings die Diagnose, und davon bin ich noch weit entfernt. Ein erster Schritt, den ich jetzt endlich gegangen bin, war ein Blick in die Wikipedia zu den Themen Autismus und Asperger-Syndrom. Erste Eindrücke möchte ich hier aufschreiben, indem ich einfach nur Passagen zitiere und meinen Kommentar dazu gebe. Sorry, spannender wird's heute nicht ;-)

Und, je mehr ich darüber nachdenke... eigentlich hätte ich schon an der Schule in Neumünster darauf kommen können. Am Ende des Schuljahres hatte ich bei der Schulleitung nachgefragt, wie es mit der festen Übernahme aussieht, da das zu Beginn des Schuljahres in Aussicht gestellt worden war. Daran konnte man sich nicht mehr erinnern, deswegen hatte ich aus dem Vorstellungsgespräch zitiert und bekam als Antwort: "Wow, bei dir muss man ja richtig aufpassen, was man sagt!"

Tja, das ist so eine Autismus/Asperger-Sache: Man nimmt seinen Gesprächspartner bei'm Wort. Und ich dachte immer, dass das ganz normal wäre und dass man das eben so macht. Ich habe auf etwas unangenehme Weise erleben dürfen, dass Menschen alles Mögliche sagen, um sich besser zu fühlen und für Harmonie in der Kommunikation zu sorgen. Wahrheitsgehalt egal. Finde ich unglaublich anstrengend.

Merkmale sind, neben Besonderheiten und Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation, Unterschiede bei der Wahrnehmung und Reizverarbeitung (dazu gehören v. a. sensorische Über- und Unterempfindlichkeiten und Schwierigkeiten bei der Reizfilterung) sowie häufig außergewöhnliche Interessen und Begabungen.

Ja, ich habe Probleme bei sozialer Interaktion, weil ich immer die Wahrheit sage und weil ich alles munter heraus sage, auch Dinge, die jemanden verletzen könnten. Frau Rösner hat damals an der Uni zu mir gesagt "Dr Hilarius, sie tragen ihr Herz auf der Zunge. Passen sie auf, das kommt nicht immer gut an!" Natürlich hatte sie Recht - aber so bin ich eben.

Das Asperger-Syndrom ist nicht nur mit Beeinträchtigungen, sondern auch mit Stärken verbunden (etwa in den Bereichen der Wahrnehmung, der Selbstbeobachtung, der Aufmerksamkeit oder der Gedächtnisleistung).

Selbstbeobachtung, oh ja, ich denke quasi ununterbrochen über mein eigenes Verhalten nach (was meine derzeitige Schulleitung mir niemals glauben würde). Und das mit der Aufmerksamkeit kann gefährlich sein; oft hat man mir gesagt, dass ich im Gespräch immer sehr genau zuhöre - so geht es mir mit allem, was mich wirklich interessiert, nur leider bekomme ich dann um mich herum kaum noch etwas mit.

Eine Studie der Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) mit 271 erwachsenen Probanden mit Autismus ergab, dass deren durchschnittliches Alter zum Zeitpunkt der Diagnosestellung 35 Jahre gewesen war und dass 87 % der Probanden ihre Diagnose erst nach dem 18. Lebensjahr erhalten hatten. Besonders Asperger-Autismus würde häufig erst sehr spät diagnostiziert, weil die Probleme der normal intelligenten Autisten weniger „offenkundig“ seien.

Okay, ich bin noch fünfunddreißig Jahre alt und passe da hinein, oder? Mir wird immer klarer, dass ich mich endlich mal auf das Asperger-Syndrom testen lassen sollte.

"Gerade bei den Autistischen sehen wir – mit weit größerer Deutlichkeit als bei den ‚Normalen‘ –, daß sie schon von frühester Jugend an für einen bestimmten Beruf prädestiniert erscheinen, daß dieser Beruf schicksalhaft aus ihren besonderen Anlagen herauswächst."

So sagt Hans Asperger; ich lasse das mal unkommentiert.

Danach wird der Autor aufgrund seines Asperger-Syndroms eher als Problemfall (der Widerstand hervorruft) und wegen seiner Stärken als Kapazität (Leistungsträger) wahrgenommen. Menschen mit Asperger-Syndrom, die anscheinend von Kindheit an für einen bestimmten Beruf vorherbestimmt (prädestiniert) zu sein scheinen, stoßen in der modernen Arbeitswelt, in der es immer mehr auf Mobilität, Flexibilität, Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit ankommt, auf große Schwierigkeiten. Inwieweit es ihnen gelingt, eine ihren Eigenarten entsprechende Nische zu finden, hängt sowohl von den Menschen, mit denen der Autist zusammenarbeiten muss, besonders den Vorgesetzten, als auch von den bereitgestellten Arbeitsbedingungen ab.

Genau das sind die Probleme, mit denen ich in fast allen Schulen immer wieder zu tun hatte, und ich suche immer noch ein Kollegium, das mich akzeptiert.

Autisten haben in Deutschland das Recht auf barrierefreie fernschriftliche Kommunikation. Das kann beispielsweise einer Entscheidung des Bundessozialgerichts vom 14. November 2013 entnommen werden, die von der Enthinderungsselbsthilfe von Autisten für Autisten erstritten wurde.

Ich hasse es, zu telefonieren - darüber habe ich auch hier schon oft geschrieben. Ich weiß nicht, wer mit mir sprechen will, ich weiß nicht, worum es geht, also gehe ich in der Regel nicht an's Telefon, wenn es klingelt.






Das reicht erstmal mit den Eindrücken. Der nächste Schritt besteht darin, herauszufinden, an wen ich mich für eine Testung wenden muss. Geht los.

Donnerstag, 27. Juni 2019

Eigentlich


Eigentlich sollte hier ein Beitrag mit dem Titel Ein perfekter Tag stehen. Ursprünglich wollte ich den gestrigen Tag beschreiben, einen der heißesten der Woche, mitsamt Vorplanung (wie zum Beispiel Handtücher stärken), und ich wollte schreiben, wie ich dank eines Motivationskicks der Sannitanic einfach mal ausgebrochen und in den Hansa-Park gefahren bin. Dort hätte stehen sollen, wie beeindruckt ich von den Neuerungen im Park war, zum Beispiel vom einer Kathedrale ähnlichen neuen Bahnhof für die Schwarzkopf-Achterbahn Nessie. Oder auch darüber, wie genial der neue Gyro-Drop-Tower Highlander in die Nessie-Helix integriert worden ist, und wie sagenhaft die Aussicht über die Ostsee in knapp hundertzwanzig Metern Höhe ist, bevor die Sitze dann nach vorne gekippt werden und der Blick nur noch direkt nach unten geht, bevor es dann zum freien Fall kommt. Und wie stolz ich darauf war, wie sich Der Schwur des Kärnan gemacht hat, mit der schnelleren Abfertigung, mit der neuen Videoprojektion im Turm vor dem Rückwärts-Freifall, und wie großartig ich überhaupt den Weg finde, den die Familie Leicht mit dem Park vor zehn Jahren begonnen hat, weg von einer Ansammlung beliebiger Attraktionen, hin zu einem echten Themenpark. Ich wollte schreiben, was ich für ein Glück hatte, dass ich genau in den richtigen Sitzreihen gelandet bin (Nessie ganz hinten, kann man sich aussuchen - Kärnan ganz vorne, wird zugelost). Dann wollte ich schreiben, dass es zwar tierisch heiß war, aber der Abend dann inklusive Tee und Meditation eine angenehme Erfrischung gebracht hat, auch wenn der Film Oblivion (2013) mit Tom Cruise doch sehr aus anderen Filmen zusammengestückelt war - trotzdem hübsch anzusehen - und wie ausgeglichen ich in die Nacht abgedriftet bin. Aber wie Ihr seht, schreibe ich das hier nicht.

Stattdessen gibt es den Grund, warum ich Euch das oben Beschriebene nicht beschrieben habe (sorry, der musste sein). Immer mehr erhärtet sich in meinem Kopf der Verdacht, dass ich Autist sein könnte, diese Gedanken wabern schon durch meinen Kopf, seitdem ich Rain Man (1988) gesehen habe, in dem Dustin Hoffman für seine Darstellung eines Autisten vollkommen zu Recht den Academy Award bekommen hat. Und wieder einmal dauert dieser ganze Realisierungsprozess in meinem Kopf sehr lange. Sicherlich hätte ich schon überall nach Hilfen schauen können, aber ich habe immer noch nicht verdaut, dass es tatsächlich so sein könnte. Aber von Tag zu Tag nehme ich das immer besser zur Kenntnis, und ich glaube, ich möchte diese Arbeitslosigkeit gern dafür nutzen, es herauszufinden. Wie man das testet, Autismus. Wer das macht. Wie viel das kostet, weil ich mir das vielleicht nicht leisten kann, und ob die gesetzlichen Krankenkassen so etwas übernehmen.

Das könnte mir vielleicht eine Menge offener Fragen beantworten, und ich werde Euch auf dem Laufenden halten.

Samstag, 22. Juni 2019

Fukte Drom

Gefangen in mir.

Ich baue mir meine Identität um mich herum wie ein kleines Haus. Ich ziehe Wände hoch, die heißen zum Beispiel "ich bin hochbegabt, ich darf komische Probleme haben" oder auch "ich gehe auf keinen Fall an eine Grundschule, mit den Kindern kann ich nicht arbeiten" oder "ich habe Angst vor Telefonaten". Kein Wunder, dass solche Wände aus einem Haus dann eher ein Identitäts-Gefängnis machen. Manchmal müssen solche Wände eingerissen werden, lieber einmal zuviel, als einmal zu wenig.

Vor etwas über zwanzig Jahren, Berlin, in der S-Bahn (Linie 45) nahe Schöneweide. Ich fahre mit meinem Cousin und meiner Cousine nach Hause, und wie bei so vielen anderen S-Bahnzügen auch, so ist auch an unserem Sitzplatz das Fenster mittels Münzen zerkratzt worden, um Botschaften an die Fenster zu bringen. Fuck the Norm! hat da ein kreativer Mensch hingekratzt. Meine Cousine liest das, kann aber noch kein Englisch, und erzählt, dass da "Fukte Drom" steht. Zugegeben, die Buchstaben waren auch noch etwas schräg, nicht leicht zu entziffern für ein Kind.

An genau diese Zugfahrt musste ich heute denken, als ich mir den Film American Beauty (1999) angeschaut habe. Eine amerikanische Kernfamilie, wie sie im (Horrordreh)Buche steht: Mutti absolut perfekt, fröhlich, aufgesetzt, künstlich, Vater innerlich tot, midlife crisis, Tochter möchte unbedingt normal sein und mit normalen Menschen zu tun haben (und spart für eine Brust-OP). Kevin Spacey sagt zu Beginn in einem voiceover, dass wir nun ihn kennenlernen werden, ein halbes Jahr vor seinem Tod - obwohl er eigentlich schon tot sei. Innerlich verkümmert, motivationslos. Erst, als er am Ende des Films erschossen wird, hat er wieder richtig gelebt.

Geht mir gar nicht um den Film hier, sondern um eines der Themen, die beleuchtet werden, nämlich das Ausbrechen aus der Norm, aus dem Identitätsgefängnis, das man sich gebaut hat, ausbrechen und zu der "wahren" Identität zu stehen. In meinem Fall könnte das zum Beispiel heißen, dass ich keine Stellenangebote von Grundschulen ablehnen sollte, nur weil es Grundschulen sind. Herr Leinhos kann da arbeiten, das kann ich bestimmt auch. Und auch die Wand der eigenen Probleme wegen Hochbegabung/Autismus-Verhalten, anstatt mir selbst leid zu tun, anstatt mir nichts mehr zuzutrauen, sollte ich einfach mal wieder Aktivität zeigen.

Am Ende des Films merken wir, dass die Charaktere allesamt nicht normal sind, und es wird die Frage gestellt, ob es so etwas überhaupt gibt. Und eine Botschaft ist, dass wir zu unseren quirks stehen sollen, wir sind nicht normal, und uns geht es wesentlich besser, wenn wir nicht krampfhaft versuchen, in unserem Leben eine künstliche Normalität zu erzeugen.

Der Film hat wirklich gut getan, manchmal braucht man solche Motivationshilfen. Norm? Fuck the Norm! oder genauer: Fukte Drom!

Donnerstag, 13. Juni 2019

Don't talk to me!

Sorry, heteronormativ, ich weiß...

Ganz alltägliche Situation: Man geht durch die Stadt, Einkäufe erledigen, düt un dat. Doch plötzlich, da vorne, steht ein Bekannter. Vielleicht schon ewig nicht mehr gesehen, und man freut sich und nutzt die Chance, Updates auszutauschen. Das ist doch eigentlich ein schönes Ereignis.

Eigentlich. Uneigentlich sieht es in meinem wirren Kopf anders aus: Ich habe meinen Tagesablauf komplett im Kopf, rattere mein imaginäres Drehbuch ab, gehe zielstrebig von Edeka zur Bushaltestelle und so weiter. Im Kopf bin ich schon drei Schritte weiter. Läuft.

Und dann sitze ich im Bus, im hinteren Bereich, und entdecke jemanden, den ich seit Jahren nicht gesehen habe, eine damalige Kommilitonin. Ein ganz toller Mensch, der sich richtig für andere Studenten eingesetzt hat, und nun sitzt sie da, im vorderen Bereich, meine Blickrichtung, schaut aus dem Fenster. Ich könnte hingehen und Hallo sagen, und dann steigen wir aus und unterhalten uns ein bisschen darüber, was so alles in den letzten Jahren passiert ist.

Aber das greift in meinen Tagesplan ein. Ich möchte einfach nur mit dem Bus von A nach B kommen, schnell, und fühle mich nicht bereit für ein Gespräch. Soziopath und so. Ich schaue mehrfach zu ihr, versichere mich, dass sie es auch wirklich ist, und sobald sie den Kopf ein bisschen bewegt, schaue ich schnell woanders hin. Keinen Blickkontakt herstellen. Denn ansonsten wäre es unhöflich, trotz Wiedererkennens nicht kurz miteinander zu kommunizieren.

In meinem Kopf hämmert es "Schau nicht zu mir, steig an der nächsten Haltestelle aus, vielleicht stellen sich ja ein paar weitere Fahrgäste in die Blicklinie", und so bin ich plötzlich angespannt und nervös. Zu einem Anlass, der doch eigentlich nett ist. Und dann steigt sie aus, puhhh, erleichtert, ich bin drum herum gekommen. Und fühle mich ein bisschen schlecht.

Sorry, Catrin, bitte nimm' es nicht persönlich!

post scriptum: Meine Schüler sind zur Zeit im Praktikum, und so habe ich etwas mehr Zeit; fast schon wie vorgezogene Ferien. Aber nur fast, denn natürlich betreue ich ein paar der Praktikanten von Schulseite aus. Etwas mehr Zeit für Genuss, soll das heißen, und so habe ich letzte Nacht begonnen, mir die dritte Staffel "Twin Peaks" anzuschauen. Ich habe sie bisher erst einmal gesehen - und auch darüber berichtet - und wollte mich endlich mal wieder in die neue verrückte Welt des David Lynch fallen lassen. Achtzehn Stunden Kunstwerk, in handlichen Stundenportionen aufgeteilt. Großartig!

Donnerstag, 14. März 2019

Unter der Couch

Ist da jemand unter dem Sofa?

Ich habe nicht viele Kindheitserinnerungen, aber mir wabert zur Zeit eine im Kopf herum, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Das Spannende daran ist, dass diese Erinnerung sehr intensiv ist, aber ich weiß nicht, ob das damals tatsächlich passiert ist. Faszinierend. Aber erst eine Erinnerung, die bestätigt ist: Ich hatte früher Angst vor der Stille.

Wenn ich abends im Bett gelegen habe und ich im ganzen Haus keine Geräusche gehört habe, dann hat mich das beunruhigt. Ich kann gar nicht erklären, warum; zur Not hatte ich mir damals im Bett selbst eine Geschichte erzählt, die sich anhand der Bilder entsponnen hat, die an der Wand hingen. Ich brauche scheinbar irgendwelche Beweise, dass die Welt am Leben ist. Und das ist heute immer noch so: Der Verkehrslärm von der Hamburger Chaussee draußen macht mir überhaupt nichts aus, im Gegenteil, es beruhigt mich, zu wissen, dass draußen das Leben seinen Gang geht. In Husum war es totenstill, das war nicht immer so schön. Und in Kronshagen hatten wir immer mal wieder das Geräusch der Fahrstühle, die sich in Bewegung setzen - ich habe gern gesagt, es klinge, als würde ein Elefant kotzen.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Stadtlärm einer der Gründe ist, warum ich mich in dieser Wohnung wohlfühle. Wenn im Hintergrund etwas pasiert. Und damit geht es zurück zu der Kindheitserinnerung, die ich nicht genau festmachen kann: Ich bin im Wohnzimmer gern unter die Couch oder unter den Tisch gekrabbelt, wenn Erwachsene da waren - zum Beispiel, wenn Mama und Papa Gäste eingeladen hatten. Ich habe von dem Erwachsenen-Talk so gut wie nichts verstanden, ich kannte die Themen damals nicht, aber da machte gar nichts; ich habe mich unglaublich geborgen gefühlt, unter der Couch, wo nicht viel Platz war. Fast wie ein Haustier, das am sozialen Leben teilhaben möchte.

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das eine reale Erinnerung ist - aber sie kommt mir so vor, so lebhaft und intensiv, und gerade wegen meiner heutigen Haltung zum Thema Stille kann ich mir gut vorstellen, dass das damals schön war. Nebenbei, ich war immer glücklich, wenn wir Gäste hatten. Ich musste zeitig in's Bett, konnte aber die Geräusche aus dem Wohnzimmer hören, das war einfach paradiesisch...

Heute passe ich nicht mehr unter die Couch.

post scriptum: Heute habe ich die Kurzgeschichte "Der Wiederholer" im Unterricht vorgelesen. Keine Ahnung, ob es irgendwas bewirkt hat, aber wir haben danach einmal über das Arbeitsverhalten gesprochen. Weil ich viel zu nett bin und die Schüler sich bei mir etwas zu sehr ausruhen.

Montag, 25. Februar 2019

Das Om-nom-nom-Klavier


Horror und Albernheit können in Filmen wunderbar Hand in Hand gehen, so war ich von The Evil Dead (1981) und seinem Nachfolger sehr begeistert, und ich glaube, dass auch die große Buba ihren Spaß hatte, wenn die Untoten Erbsensuppe kotzen oder wie Schießbudenfiguren durch die Luft fliegen. Jedenfalls gab es bei'm gemeinsamen Ansehen mehrere "Nochmal!"-Momente. Auch vor Neunzehneinundachtzig gab es sowas schonmal, und dem habe ich mich heute gewidmet: die japanische Horrorkomödie House (Hausu, 1977), aus dem Kopf von Nobuhiko Obayashi.

Es ist faszinierend, was so alles aus Japan kommt. Hochentwickelte Technologien, leuchtende Klos mit Hintergrundgeräuschen, falls einem das peinlich ist, schaurige oder epische Videospiele mit zahllosen sexuellen Anspielungen, eine Architekturmentalität, die ich bewundere: Statt wie in der westlichen Welt immer weiter in die Höhe zu bauen, hält man sich in Ostasien eher am Erdboden, baut Häuser in die Breite und nimmt Mahlzeiten auf dem Fußboden ein. Finde ich großartig, erdnaher.

Und so kommt dieser Film daher, und ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Die Bluray ist bereits unterwegs; der Film ist in die Criterion Collection aufgenommen worden, weil... ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil er so vollkommen durchgeknallt ist, dass man ihn nicht so sehr als Film denn vielmehr als Erlebnis bezeichnen sollte. Im Westen hätte wohl niemand jemals von dem Film gehört, wenn nicht in Zweitausendzehn der Film ein breites Release bekommen hätte - und es ist erstaunlich zu lesen, dass neunzig Prozent der Rezensionen positiv ausfallen.

Erstaunlich, weil der Plot... lassen wir den Plot beiseite. Eine Gruppe Mädchen besucht das Haus von Auntie - die Tante von Gorgeous. Ja, eines der Mädchen heißt Gorgeous. Andere heißen Melody, Fantasy, Kung Fu oder Mac - je nach ihren Charakterzügen, so ist Mac zum Beispiel ununterbrochen am Futtern. Man merkt sofort, dass es hier nicht um realistische Charaktere geht, sondern um solche, die in der antiken Komödie wunderbar aufgehoben wären. Sie fahren zur Tante, weil Gorgeous' verwitweter Vater eine neue Stiefmutter nach Hause bringt, und Gorgeous hasst sie auf den ersten Blick.

Dass im Haus der Tante seltsame Dinge passieren, ist zu erwarten. Was originell und kreativ ist, ist die Frage, wie sie passieren. Da futtert ein Klavier ein Mädchen auf, und danach spielen ihre körperlosen Finger das Lied weiter, das sie gerade für die anderen spielte. Eine dämonische, fette weiße Perserkatze wirkt längst nicht unpassend in einem Haus, in dem tollwütige Matratzen eines der Mädchen anfallen. Einer der Charaktere stribt an... zuviel Bananen?

Das kann man gar nicht beschreiben, das muss man sehen. Die Spezialeffekte sind mit Absicht unrealistisch gestaltet worden, der gesamte Film hat ein surreales Flair, das durch die vielen Musikstücke unterstrichen wird. Und eines ist dieser Horrorfilm definitiv nicht: gruselig. Das wirkt ein bisschen wie ein Musical aus grenzdebilen Ideen, und man kann einfach nicht wegschauen. Ich habe mich schlappgelacht, als ein abgetrennter Kopf durch die Luft fliegt und ein Mädchen in den Po beißt. Hey, die goße Buba, das sollten wir uns definitiv mal geben, wenn die Bluray bei mir angekommen ist.

Man fragt sich, auf welchen Drogen die Macher unterwegs waren - aber man fragt das mit einem positiven Unterton, denn House ist herrlich unsinnige Unterhaltung.

Samstag, 23. Februar 2019

Tunnelfahrt

Berlin Gleisdreieck. Rechts vom Bild der U-Bahnhof, links die Einfahrt in den Apartmentblock und dann schließlich unter die Erde. Eine der ungewöhnlichen Sehenswürdigkeiten in Berlin.

Das wird jetzt wieder nerdig, so wie damals die S-Bahn-Fahrt (HB-Style) oder der Beitrag Ich hör' nur Bahnhof! - es geht also mal wieder um Zugfahrten, wobei der Fairness halber gesagt sein sollte, dass auch Autofahrten durch einen Tunnel aufregend sein können.

Es geht aber nichts darüber, in einem Zug zu sitzen, selbstverständlich in Fahrtrichtung, um immer sicher sein zu können, was kommt (seid Ihr schon einmal rückwärts in einen Tunnel gefahren? Grauenhaft!) und um die Antizipation zu steigern: Es ist ein unglaublich spannendes Erlebnis, im Zug auf einen Berg zuzufahren: Erst noch zwei, drei Kilometer entfernt, und ich frage mich, ob der Zug wohl daran vorbeifahren wird? Oder mittendurch, hinein in die Finsternis, mit Druck auf den Ohren (Druhck sagt die große Buba) und dem Gefühl, in das eigene Verschwinden hineinzufahren?

Die Gleise driften nach links, nach rechts, der Berg wird an die Seite geschoben, nein, es geht wohl doch daran vorbei, jetzt ist es noch ein Kilometer. Aber langsam wird mir bewusst, dass es kein vorbei gibt, denn der gesamte Bergkamm ist wesentlich höher als das Niveau, auf dem der Zug sich gerade befindet. Wie aufregend, es bleibt nur der Weg direkt durch den Berg, es muss ein Tunnel kommen, kann ich die Einfahrt schon sehen?

Natürlich kann ich das nicht, denn ich sitze auf der rechten Seite, weil ich unbedingt sehen will, wie der Tunnel heißt, und es findet sich nun einmal bei den meisten Tunnels an der Tunneleinfahrt auf der rechten Seite ein kleines Schild, das den Namen angibt und bei über zweihundert Sachen nur für den Bruchteil einer Sekunde zu lesen ist. Welcher Tunnel wird es wohl sein? Ist es etwa der Mündener Tunnel, auf den ich die ganze Zugfahrt schon warte, weil es der zweitlängste Eisenbahntunnel Deutschlands ist? Oder sogar der Landrückentunnel, die Nummer Eins, beide gute zehn Kilometer lang?

Diese letzten drei, zwei Sekunden vor der Einfahrt in den Tunnel sind aufregend, extrem schnell und ich bin extrem konzentriert: Wie heißt der Tunnel, wie sieht das Tunnelportal aus, wie steil ist das Gefälle der Bergwand, wie lang ist der Einfahrtsbereich des Tunnels? Alles innerhalb von einem blitzschnellen Moment wahrnehmen und dann die Informationen auswerten, während wir in die Dunkelheit rauschen, der Klang der Zugfahrt wird immer dumpfer, der Druck auf den Ohren steigt...

...und dabei empfinde ich Tunnelfahrten im ICE noch als recht uninteressant - was mich trotzdem nie davon abgehalten hat, in meiner Kindheit, als wir im Sommer in den Schwarzwald gefahren sind, zu Ferien auf dem Bauernhof, alle Tunnels der Strecke zwischen Hamburg und - mit Umsteigen - Freiburg auswendig zu lernen, selbstverständlich in der richtigen Reihenfolge und mit der exakten Länge in Metern.

Spannender finde ich Tunnelfahrten im ÖPNV, in der S- oder U-Bahn. Die Fahrt ist deutlich langsamer, ich habe mehr Zeit, um aufzunehmen, ob wir einfach nur zwischen zwei Straßen in einen Tunnel abtauchen, oder ob es vielleicht etwas aufregender wird, so wie bei der Einfahrt der U1 in Berlin, nach dem Bahnhof Gleisdreieck, wenn der Zug in ein Wohngebäude abtaucht (das Bild am Beitragskopf). Nicht ganz so irre wie in China, wo eine S-Bahn im achten Stock mitten durch ein Wohnhaus fährt - und dort auch anhält - aber trotzdem recht unkonventionell.

Wie aufregend!


Mich interessieren längere Tunnelfahrten - nehmen wir das Beispiel des Nord-Süd-Tunnels der Linien S1 und S2/25 in Berlin. Vom langsamen Gefälle nach dem letzten oberirdischen Bahnhof Yorckstraße aus kann man sehen, dass man in eine Art Niemandsland abtaucht - früher war es zumindest so: Ein Tunnel mitten in der Wildnis, Müll, Gestrüpp, unspannend. Dann aber kam der Neubau des Berliner Hauptbahnhofs auf dem Gelände des ehemaligen Lehrter Stadtbahnhof. Fünf Etagen, davon zwei unterirdisch, eine riesige Glaskuppel, zwei den Bahhof überspannende Bürogebäude - und etwa drei Kilometer südlich davon taucht man in den Untergrund ein. Man kann den Hauptbahnhof in der Ferne erkennen, und seitdem die Fernbahngleise von Nord nach Süd durch das Tiefgeschoss des Hauptbahnhofs führen, taucht man nicht mehr in die Wildnis ein, sondern unter der Tunneleinfahrt der Fernbahn, und ich stelle mir dabei vor, wie verschlungen die Kellergewölbe dort sein müssen.

Klar ist es irgendwie blöd, dass die S1/2/25 als eine der Hauptaorten des Berliner ÖPNV nicht an den Hauptbahnhof angeschlossen sind, und dass die U55 bisher auch nur ein Randdasein führt. Aber irgendwann wird das anders sein, und dann werden die Tunnel noch spannender. Irgendwann. Genauso wie irgendwann der BER eröffnet wird.

Und ein Punkt, der noch sehr aufregend ist, ist die Frage: Wie sieht die Landschaft wohl aus, wenn wir mehrere Kilometer entfernt wieder aus dem Untergrund auftauchen? Ein komplett neuer Stadtteil, wird es dort Villen geben? Oder Sozialbauten? Sieht es dort anders aus als an dem Ort, wo wir in die Finsternis eingetaucht sind? Hat sich mittlerweile vielleicht sogar das Wetter geändert? Irgendwie kann ich jedem Moment der Tunnelfahrt etwas Spannendes abgewinnen; über die Konstruktion der unterirdischen Bahnhöfe hatte ich ja damals im Ansatz schon einmal berichtet (obwohl Rainer G. Rümmler definitiv noch seinen eigenen Eintrag in diesem Blog bekommen wird, denn das ist U-Bahn-Architektur auf einem ganz anderen Niveau!) - und ich merke, es wird Zeit, dass ich wieder einmal nach Berlin fahre.

Andere interessante Tunneleinfahrten? Die U5 taucht hinter der Haltestelle Tierpark Richtung Hellersdorf auf und fährt dabei direkt am Tierparkgelände entlang, es ist spannend, die großen Volieren zu beobachten. Die U2 hat als Besonderheit, dass der Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park direkt den Übergang zwischen ober- und unterirdischer Gleisführung bildet. Die U6 taucht in Tegel kurz auf, und am Bahnhof Otisstraße (ehemals Seidelstraße) kann man das Flughafengelände beobachten. Es wird spannend werden, wie sich der Flughafen BER entwickelt. Die S-Bahn-Anbindung vom alten Flughafen über Waßmannsdorf führt in einen unterirdischen Bahnhof, und wenn man sich aus einem Anfall von Vernunft doch noch entscheiden sollte, die U7 von Rudow aus zum Flughafen weiterzuführen, wird der letzte Streckenabschnitt oberirdisch verlaufen.

Bleiben noch Tunnelfahrten auf Achterbahnen; sie sind selten, leider, weil sie die Kontruktion einer Achterbahn extrem verteuern können - besonders wenn es unterirdisch sein soll und nicht nur eingehaust. Dennoch werten sie jede Bahn ungemein auf, besonders, wenn es höchst unkonventionelle Dunkelfahrten sind wie bei'm Schwur des Kärnan oder Flight of Fear. Es ist ein tolles Gefühl, jeglichen Bezug zur Realität draußen zu verlieren, sich in den Achterbahnzug zu setzen und einfach darauf zu vertrauen, dass man irgendwann wieder an's Tageslicht kommen wird. Das intensiviert den Effekt der Achterbahnfahrt, etwas Ungewöhnliches zu erleben. Und deswegen steigen wir schließlich (meistens) in die Achterbahn.

Ich sollte an dieser Stelle nicht das Erlebnis im amerikanischen Park Kings Island vergessen. Dort steht mit The Beast die längste Holzachterbahn der Welt, ein Rekord, der seit exakt vierzig Jahren gehalten wird. Mehrere Teile der fast zweieinhalb Kilometer langen Strecke verlaufen unterirdisch und entführen den Fahrgast in die Wildnis und durch die Wälder von Ohio - ein Erlebnis, das umwerfend und schwer in Worte zu fassen ist - trotzdem hat ein coaster enthusiast das damals zum dreißigjährigen Jubiläum in einer philosophisch angehauchten Untersuchung gemacht.

The Beast führt durch die Wälder, deswegen ist nur ein minimaler Teil aus der Vogelperspektive zu erkennen.
post scriptum: Wow, ich komme gerade aus dem Film "Searching" (2018), einem richtig spannenden Film für die Generation "digital natives". Das dürfte Schülern gefallen: Ein Vater macht sich auf die Suche nach seiner vermissten Tochter, und fast der gesamte Film spielt aus des Vaters Perspektive auf dem Bildschirm seines Laptops. Das ist, wie ich lese, schon häufiger gemacht worden, aber selten so gut. Ich fand den Film extrem spannend, die gesamte Klaviatur der Emotionen wird mit Hilfe der schönen Filmmusik durchgespielt, und ich könnte mir vorstellen, dass Schüler den Film lieben werden - weil jeder von uns in diesem Film Online-Verhaltensweisen wiedererkennen kann. Ich nehme meine Begeisterung mit in die Meditation; das war definitiv eine gute Entscheidung heute. Was mich aber wieder fasziniert hat - öfters taucht der Ausdruck "Suche nach vermisster Teenagerin" auf, zum Beispiel als Google-Suchergebnis - als hätte Aristophanes die krampfhafte Feminisierung jeglicher Wörter vor über zweitausend Jahren erahnt, als er in seiner Komödie "Die Wolken" ("Nephelai", Herr Leinhos schenkt mir die griechischen Buchstaben, ich bin dazu zu unbedarft) über die "Schüsselin" schrieb...

Donnerstag, 14. Februar 2019

"Anders im Kopf."


vorweg: Ich knüpfe mit diesem Beitrag an den gestrigen an, mit einem winzig kleinen schlechten Gewissen, dass ich den Verfasser des für mich hilfreichsten Kommentars nicht im Beitrag verlinkt hatte. Danke nochmal!

"Tut mir leid, Klaus, ich muss dir die drei Filme zurückgeben. Ist echt total nett, dass du sie mir ausgeliehen hast, aber ich komme im Moment einfach nicht dazu, sie zu schauen." - "Oh, hast du so wenig Zeit? Möchtest du sie noch eine Woche länger behalten?" - "Nein. Zeit ist nicht das Problem. Ich kann nur im Moment keine Komödien gebrauchen, ich bin gerade voll auf dem Mindfuck-Trip." - "Aber wird dir das nicht langweilig? Wenn du so viele dieser Filme schaust, dann durchblickst du doch sofort, wie der Hase läuft." Ob mir das langweilig wird? Nein, kann ich ganz ehrlich nicht sagen: Wenn mir etwas gefällt, kann ich mich stunden- und tagelang damit beschäftigen und noch länger. Das wird mir nicht so schnell langweilig. Und wie kann ich Klaus das am besten erklären? Denn der versteht echt nicht, warum ich das mache.

Genauso, wie ich von Kollegen in munterer Regelmäßigkeit zu hören bekomme: "Warum machst du das denn so herum? Das ist doch viel umständlicher! Ich würde das so und so machen..." - und das höre ich nicht nur von Kollegen, das höre ich mein Leben lang. Immer wieder stößt mein Verhalten auf Verwirrung. Ich habe bisher gern versucht, das mit "Hochbegabung." zu erklären, und habe fast ausschließlich missbilligende Blicke, Kommentare und was weiß ich dafür bekommen. Hochbegabung ist doch was Tolles, kann ja gar nicht sein, dass sowas eine Behinderung ist. Ich kann es den Menschen noch nicht einmal übelnehmen: Hochbegabung klingt einfach toll!

Nun, vielleicht sollte ich den Begriff dann nicht mehr benutzen. Ich versuche, im Alltagsgebrauch nicht mehr darauf zu sprechen zu kommen, und oft geht das auch gut, aber irgendwann fällt dann doch auf, dass ich manche Dinge wesentlich anders mache als Otto Normalbürger. Dann kommen wieder die verständnislosen Fragen, und mir ist heute ein Gedanke durch den Kopf geschossen, den ich tatsächlich einmal verfolgen möchte, denn es geht um eine neue Antwort auf diese ganzen "Warum...?"-Fragen: "Naja, ich bin ein bisschen anders im Kopf."

Ich könnte mir vorstellen, dass ich dann eher Verständnis bekomme. Und wenn jemand dann nachfragt und wissen möchte, was genau anders ist, dann sage ich, dass ich darüber nicht reden möchte. Gar nicht erst den Begriff Hochbegabung in's Spiel bringen, gar nicht erst vorbelastete Klischees auf den Tisch bringen. Sondern lieber gleich suggerieren, dass ich eine geistige Behinderung habe. Wenn sie es denn unbedingt wissen wollen, warum ich mich oft so komisch verhalte.

Ich möchte das einfach mal ausprobieren. Ich werde zu gegebener Zeit hier berichten, welche Reaktionen das hervorruft.

Ich bin halt ein bisschen anders im Kopf.

nachweg: Ich habe heute einen tollen Film gesehen, der leider viel zu unbekannt ist, und ich freue mich schon darauf, ihm einen Blogeintrag zu widmen - vielleicht sogar den nächsten!

Samstag, 29. Dezember 2018

STOP

Den mag ich ja nun überhaupt nicht...

Hochbegabung meets Autismus

Ich habe in diesem Blog mehrmals über meine Leidenschaft für das S-Bahn-Fahren geschrieben. Auch darüber, wie sorgfältig ich mir den Sitzplatz aussuche, wenn ich die Fahrt richtig genießen möchte; es gibt allerdings auch rein zweckdienliche Fahrten, oftmals kurz, und da verhält sich das mit dem Sitzplatz anders - in der U-Bahn noch deutlicher als in der S-Bahn: Ich stelle mich, während ich auf den Zug warte, an die Stelle des Bahnsteigs, an der am Zielbahnhof der Ausstieg ist. Das war anfangs eine lustige Knobelei: Ist der Ausstieg vorn oder hinten? Kommt der Zug von vorne? Wie sieht noch gleich der nächste Bahnhof aus? Aber es hat nicht allzu lange gedauert, da kannte ich neben dem Liniennetz auch "meine" Bahnhöfe auswendig. Fantasie FTW!

Etwas anders ist es, wenn ich in Kiel mit dem Bus fahre. Früher im Studium habe ich mich gern an einer Endhaltestelle in den Bus gesetzt und bin die ganze Strecke entlang gegondelt, was sich besonders bei Linien wie der Einhundert oder der Fünfhunderteins lohnt. Aber auch in Kiel gibt es kurze Strecken, zum Beispiel zum Bahnhof, wenn ich zu faul zum Laufen bin oder nicht genügend Zeit habe. Seit einigen Jahren soll der Einstieg in den Bussen ja (mit einigen Ausnahmen) nur noch vorne stattfinden, halte ich für nachvollziehbar, aber ich kann mir aussuchen, wo ich aussteige.

Nun ist ein Bus wesentlich kürzer als eine U-Bahn, da macht es hinsichtlich der Zielhaltestelle nicht so viel aus, ob ich vorn oder hinten aussteige. Also brauche ich ein anderes Auswahlkriterium, und da kommt wieder ein leichter Anflug von Autismus in's Spiel: Ich steige an der Tür aus, die den "schönsten" STOP-Knopf hat.

Ich liebe es seit meiner Kindheit, auf Knöpfe zu drücken, Schalter umzulegen und damit irgendwas in Gang zu setzen. Ich glaube, das ist ganz normal, nicht hochbegabt, sondern einfach nur kindlich-neugierig. Allerdings macht es mir etwas aus, wie der Schalter ausieht - rot? Gelb? Metallic? Quadratisch? Länglich? Rund? Mit oder ohne Beschriftung in Braille? Und es beeinflusst meine Entscheidung auch, wie der Schalter sich bei'm Drücken anfühlt. Klickt es? Quietscht es? Rastet es irgendwie ein? Lässt der sich nur schwer reindrücken? Habe ich dabei das Gefühl, auch richtig gedrückt zu haben, oder muss ich noch einmal nach der Wagen hält-Anzeige schielen?

Da schlagen andere Menschen wieder die Hände über dem Kopf zusammen, "Warum machst du es dir so kompliziert, ist doch vollkommen egal, welchen Knopf du drückst!" - Nein, es ist mir eben nicht egal, genauso wie es mir nicht egal ist, mit welchem der diversen Esslöffel ich meine Suppe esse. Das macht etwas aus, auch wenn es nur eingebildet ist; ein gewaltiger Teil unserer Wahrnehmung der Welt ist eben nur das: Wahrnehmung. Und sie beeinflusst unser Leben. Und wenn ich niemandem damit schade, kann ich mir doch auch aussuchen, den schönen runden, metallischen, klickenden Knopf am Hinterausgang zu drücken, nicht wahr?

post scriptum: Nostalgieflash für heute - gibt es irgendein Kind der Neunziger, das diesen Song nicht mehr kennt? Schweden, die den amerikanischen Westen auf's Korn nehmen; denkt daran, falls Ihr über die Musik der heutigen Jugendlichen lästern wollt. Nicht falsch verstehen: Ich liebe den Song (wobei mir "Old Pop In An Oak" noch besser gefallen hat) noch immer ;-) Ach so, und was mich an der heutigen Musik stört, sind frauenverachtende, homophobe und überhaupt irgendwie herabwertende Tendenzen. Rednex, das war einfach nur Fun:




paulo post scriptum: Ich bin heute am Südfriedhof vorbeigefahren und der Anblick hat mich an eine Phase im Grundstudium erinnert. Ich hatte gerade Gothic und Doom Metal neu für mich entdeckt, und es war wunderschön, mit Tristanias Widow's Weeds über den Friedhof zu gehen, grauer Himmel, nasskalt, und zu sehen, wie die Bäume ihre kahlen Äste tief über Gräber, Gruften und Seen beugten. Irgendwie melancholisch, malerisch, und sehr schön. Talk about Ambiente...

Sonntag, 23. Dezember 2018

Nächster Halt: Kongresshalle


Gestern beim Einkaufen war es mir zwischendurch dann doch wieder zu voll und eine leichte Panik hat sich eingestellt. Kennt Ihr vielleicht, und dann brauche ich irgendeine Hilfe, um mein Gehirn wieder runterzufahren (...in den Keller...). Wenn es ganz schlimm ist, suche ich mir irgendwo eine Regalecke und tue so, als ob ich etwas aus dem untersten Regal holen muss. Das ist eine Möglichkeit, mich auf den Boden zu setzen und in das Regal zu starren. Ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert, aber es beruhigt. Am besten dabei noch Inhaltsstoffe von Produkten durchlesen und Anteile ausrechnen. Zum Glück kommt das in diesem Ausmaß nicht so oft vor; leichtere Anflüge von Panik kann ich wegwischen, indem ich die Fibonaccireihe im Kopf durchgehe (0,1,1,2,3,5,8,13,21,34 und so weiter).

Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, habe ich noch einen ganz anderen Kniff, um wieder ausgeglichen zu werden, und die Wurzeln dieser Methode reichen zurück in die Kindheit. Ich hatte hier im Blog schon einmal berichtet, dass ich total in die Berliner S- und U-Bahnen vernarrt bin. Immer durch die Stadt fahren, und drumrum, oberirdisch, unterirdisch, und natürlich den Netzplan auswendig gelernt. Allerdings wohnte ich nicht in Berlin, sondern in Weddingstedt, und da gab es keine S-Bahn. Nur für jeweils ein paar Tage konnte ich in den Ferien nach Berlin fahren, Die Tante besuchen und den lieben langen Tag herumfahren.

Ich wollte aber nicht auf den Spaß verzichten, und deswegen habe ich mir mein eigenes Liniennetz für Weddingstedt und Umgebung entworfen. Dann habe ich mich auf's Fahrrad geschwungen und bin quer durch den Ort gefahren, von "Haltestelle" zu Haltestelle, Fantasie pur - oder einfach nur ganz normaler Wahnsinn. Natürlich habe ich mein Liniennetz stetig erweitert, bis ich am Ende auch die benachbarten Ortschaften "erobert" hatte.

Einzelne "Bahnhöfe" hatten besondere Aufmerksamkeit verdient, spezielle Namen, und in meiner Fantasie waren das ausschweifende architektonische Meisterwerke, ganz klar ein Nachklang der U-Bahnhöfe Rainer G. Rümmlers in Berlin. Und sogar die Namen der Haltestellen habe ich aus Berlin übernommen, nur in wenigen Ausnahmefällen habe ich mir eigene Namen ausgedacht oder welche aus Filmen, Videospielen etc. übernommen.

Ausgangspunkt für alle Linien war natürlich mein Elternhaus. Nur, welchen Namen gibt man dem wichtigsten Bahnhof im ganzen Netz? Hauptbahnhof? Wie unkreativ. Nein, das musste was Originelles sein, was, das interessant klingt. Geheimnisvoll, wichtig. Politisch, nach Großstadt - und so hieß es dann am Ende fast jeder Fahrradfahrt: Nächster Halt: Kongresshalle. Übergang zu allen S- und U-Bahn-Linien, sowie zum Regional- und Fernverkehr. Diese Zugfahrt endet dort, bitte alle aussteigen!

Irgendwie war das eine echt schöne Zeit. Ich bin an die frische Luft gekommen, hatte ausreichend Bewegung und konnte "anders" sein, ohne, dass ich jemandem damit auf die Nerven falle. Eine Alternative zur Waschmaschine, sozusagen. Und nun ist es zwanzig Jahre später, und noch immer mache ich mir den Spaß, zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto zu meinem Arbeitsplatz fahre. Da habe ich natürlich die Fahrstrecke in Teilstücke aufgeteilt, und da gibt es dann unterschiedlichste Haltestellen, "Waldwiese", "Ostring", "Elmschenhagen", "Klinkenberg" und so weiter, bis ich das Auto am Ende bei meiner Schule parken kann.

Und dieses Durchgehen der Haltestellen (Ausstieg rechts? Ausstieg links?), das beruhigt mich, wenn mal wieder leichte Panik aufkommen sollte. Das ist quasi mein Auto-Fibonacci, und einer der Handgriffe, die ich wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen werde.

post scriptum: Liebe Sonnenanbeter, es darf gefeiert werden, seit gestern werden die Tage wieder länger!