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Dienstag, 12. Juli 2022

Helgoland geht unter

So oder so ähnlich werden wir auf dem Dach herumwabern

Manchmal würde es sich lohnen, diese Kiel lokal-Zeitungen zu lesen, denn dann hätte ich schon längst gewusst, was hier abgeht. Habe ich aber nicht, und so wundere ich mich seit einigen Tagen, warum in unserem Viertel am Donnerstag und Freitag fast alle Parkplatzflächen gesperrt sein werden. Ich muss morgen früh tatsächlich das Auto umparken. Ob da irgendwelche Bauarbeiten anstehen, Leitungen verlegt, Rohre, whatever? Aber dann nur zwei Tage gesperrt?

Gehe ich doch einfach mal runter zu Tina in den Friseursalon, dort weiß man immer alles, und das ist großartig - und dort bekomme ich die Erklärung, dass nächstes Jahr die komplette Helgolandstraße aufgerissen werden soll, und vielleicht geht es um Vorvermessungen. Bisher haben wir hier Kopfsteinpflaster - ob das vielleicht asphaltiert werden soll? Viele Fragen, morgen schnappe ich mir mal eine jener oben genannten Zeitungen aus dem Salon. 

Für mich bedeutet das: Vorfreude! Natürlich könnte man sich ärgern wegen der anstehenden monatelangen Lärmbelästigung, Verkehrsblockade und so weiter. Der Buddhist ärgert sich aber nicht - er ärgert sich nie - und so bin ich total gespannt darauf, wie das alles hier aussehen wird während der Bauarbeiten, und was am Ende dabei herauskommen wird. Meditationen werden in die Nacht verlegt. Verkehr stört mich nicht, ich werde dann eh' nur noch mit dem ÖPNV unterwegs sein.

Und natürlich sehe ich vor meinem geistigen Auge schon, wie die große Buba und ich aus dem Fenster steigen, uns auf's Vordach setzen und mit Cocktails in der Hand muskulösen, schwitzenden Bauarbeitern zuschauen und uns prächtig amüsieren (und dabei das Vordach zum Einsturz bringen). 

Helgoland wird nächstes Jahr untergehen und ich freue mich schon drauf! 

Donnerstag, 12. August 2021

A pretty shitty day


Also. Zuerst einmal bedanke ich mich bei Euch für die Glückwünsche zu meinem Geburtstag gestern. Das tue ich, "weil man das eben so macht"; nicht, weil ich es nachvollziehen könnte. Ist nett gemeint, und deswegen freue ich mich doch drüber. Aber, wie die große Buba nochmal herausgepointed hat - es macht überhaupt nichts, wenn jemand meinen Geburtstag vergisst.

Dieses Jahr war der Tag aber besonders mies. Zum ersten Mal seit vielen Jahren lag er auf einem Schultag. Geht gar nicht: Normalerweise mache ich mir den Tag genau so zurecht, wie es mir passt - ein wunderbarer Meditationstag. Geht dieses Jahr nicht, denn ich bin in der Schule - und laufe den Vormittag über mit gesenktem Kopf herum, in der Hoffnung, dass mir niemand gratuliert, und immerhin: Das hat geklappt. 

Aber ein Schultag ist ein Schultag. Ich kann nicht nach der letzten Stunde abschalten und auf Genuss umstellen. Also einfach nur Schulvorbereitungen und weiteres Verharren vor den vielen Dingen, die ich eigentlich in der Wohnung erledigen müsste (vielleicht klappt es ja morgen, damit ich nicht ein totales Schlachtfeld zurücklasse, wenn ich zu meinen Eltern an die Westküste fahre). Der Tag war also ziemlich scheiße, wobei nach Meditation und Tee am Abend immerhin wieder etwas Motivation zurückgekehrt ist.

Wobei... eine Geburtstagsüberraschung gab es dann doch, die mich fasziniert und zum Strahlen gebracht hat: Auf der Hamburger Chaussee hat es gekracht, und zwar richtig: Fahrzeuge verkeilt, ein Bus, der losgeschnitten werden musste, acht Feuerwehr- und drei Polizeifahrzeuge, die Straße komplett gesperrt, Verkehrschaos, Stau im Viertel. Hübsche Polizisten. Damit war meine Busfahrt in die City natürlich unmöglich, also bin ich zu Fuß gegangen, und das war richtig schön. Mitten durch das Verkehrschaos wandern, überall die Warnlichter, ich tiefenentspannt. 

Das scheint sich zu einem Trend zu entwickeln - ist noch gar nicht so lange her, da ist ein Bus in die Bushaltestelle Diesterwegstraße gefahren und hat die Scheiben zerkrümelt. Wer weiß, vielleicht liegt irgendwo hier ja doch der Abgrund der Hölle...

Samstag, 29. Februar 2020

Schnellkasse: Kontaktlos (Die Schwarzschild-Variante)



Ich glaube es nicht. Jetzt gibt es im Regal der Backmischungen im Supermarkt auch eine "Back"mischung für cookie dough, Keksteig mit Schokostückchen. Echt jetzt? Was da wohl alles drin ist? Die Zutatenliste zeigt mir "Weizenmehl, Zucker, Aromen". Die wollen mir drei Euro abknöpfen für etwas, das ich mit meinen Zutaten zuhause für zwanzig Cent herstellen kann? Was für eine Abzocke! Ich kann das gar nicht glauben - also nehme ich eine Packung mit, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Auf zu den Kassen!

Ach, sieh' an, die Schnellkassen sind gerade frei, die meisten Kunden möchten doch lieber klassisch bezahlen. Passt mir wunderbar! Ich habe zwar nach der Katastrophe von damals immer noch großen Respekt vor den Kontrollwaagen, aber das ist besser, als an einer herkömmlichen Kasse vom Laufband in's Verderben geschlotzt zu werden. Und so gehe ich an die Kasse, scanne meine Produkte fix ein, bezahle und verlasse vollkommen ohne Wartezeit den Supermarkt. Großartig. Lang lebe die moderne Technik.

Ich bin so zufrieden, dass ich das Erlebnis noch einmal Revue passieren lassen muss. Ich kann noch nicht so wirklich realisieren, wie einfach das doch alles geworden ist. Ich musste meine Einkäufe auf Plattform A abstellen, dann in aller Ruhe ein Produkt nach dem anderen über das Scannerfeld ziehen (leider keine Scan-Laser-Vernichtungspistole mehr) und auf Plattform B legen - die Kontrollwaage. So langsam habe ich kapiert, wie es geht, und diesmal kommt auch kein ERROR! dabei heraus. Fehlt nur noch das Bezahlen, und seitdem meine Bankkarte abgelaufen ist, kann ich mit dem neuen Exemplar kontaktlos bezahlen.

Das kann ich natürlich erstmal nicht glauben. Das ist gruselig. Ich meine... früher hat man Geldmünzen, real existierende Tauschware, einem anderen Menschen in die Hand gedrückt. Und nun muss man nur noch die Karte hinhalten, keine PIN, keine Unterschrift, gar nichts mehr??? Ich versuche es, halte die Karte gegen das Lesegerät und nacheinander leuchten ein paar grüne Lämpchen auf, wie der Ladebalken eines Akkus. Es ist wie eine Art Countdown, und ich bin gespannt - und auch ein bisschen ängstlich - was passieren wird, wenn alle Lämpchen leuchten. Noch drei, noch zwei, noch eins - BEEEEEEEEEP. Zahlung erfolgt - das war es schon? Das ist ja quasi, als hätte das Lesegerät durch ein Dimensionsportal mit einem Staubsauger das Geld von meinem Konto eingezogen.

Und der Staubsaugervergleich ist gar nicht so unpassend, denn ich halte die Karte etwas zu lang an das Gerät. Das Piepen verstummt - aber es leuchten plötzlich immer mehr grüne Lämpchen! Ich frage mich, was da wohl gerade passiert - die Bezahlung ist erfolgt, räumt das Gerät jetzt mein ganzes Konto leer?! Ich ziehe die Karte erschrocken weg, aber es ist zu spät. Immer mehr und mehr grüne Lichter leuchten auf, und ich registriere einen Luftzug. Nur ein kleines Lüftchen, aber stark genug, um die Fliege in Bewegung zu bringen, die gerade noch auf der Kontrollwaage saß. Genauer gesagt: Um sie einzusaugen. Die Fliege wird in das Lesegerät hineingezogen und ist sofort verschwunden.

Faszinierend! Da muss ich noch ein bisschen dran herumspielen, und ich ziehe ein Taschentuch aus der Tasche, um es in den Luftsog zu halten - und tatsächlich, es flattert herum, wie aufregend! Doch es dauert nur eine Sekunde, bis auch mein Taschentuch komplett eingesaugt ist. Jetzt wird es ein wenig gruselig... wohin ist das denn verschwunden? Und warum liegt hier überhaupt Stroh herum, das sich jetzt ebenfalls auf das Lesegerät zu bewegt? Ich schaue um mich herum, dort, eine Frau hat ihr Seidentuch verloren und es fliegt in das Lesegerät hinein, wird dabei immer kleiner und ist dann verschwunden. Ich bin so fasziniert von den Ereignissen, dass ich nicht bemerke, wie der Luftzug langsam zu einem regelrechten Sturm wird, immer stärker, immer mehr wird alles im Umkreis von diesem komischen Lesegerät eingesaugt.

Okay, jetzt kommt etwas Panik auf. Ich drehe mich um, suche nach der Angestellten, die jederzeit die Schnellkassen im Blick hat, um bei Problemen zu helfen. Ich möchte sie auf diesen Defekt hinweisen, verwerfe die Idee aber umgehend, als ich sehe, wie die nette junge Dame mit den Haaren zuerst im Lesegerät verschwindet. Lesegerät? Mittlerweile kann ich kein Lesegerät mehr sehen, das sieht seltsam verzerrt aus, und im Zentrum des Ganzen... ein schwarzer Punkt? Faszinierend! Und erst jetzt realisiere ich, dass dieser schwarze Punkt alles anzieht, alles in sich hinein zieht, nur ich scheine nicht betroffen zu sein. Ich erinnere mich dumpf an die Theorien über mikroskopische Schwarze Löcher... aber im Supermarkt in Hassee?

Das Chaos bricht aus, der Lärm um mich herum wird immer unerträglicher, während Einkaufswagen, Kinderwagen und Körperfettwaagen vom Lesegerät verschlungen werden. Menschen aller diverser Art haben keine Chance, alt und jung, Mann und Frau, nicht einmal Schakkeline-komm-wech-von-die-Regale-du-Arsch kann sich wehren. Und nun kommt ein Geräusch auf, das ich leider zur Genüge kenne - die Hasseer Katastrophen-Alarmsirene. Lange heult sie allerdings nicht, denn das Rauschen des Windes wird immer stärker, ein regelrechter Orkan des Aufsaugens vernichtet alle anderen Geräusche - und ich bemerke, dass das Schwarze Loch größer wird. Mittlerweile ist seine Anziehungskraft so stark, dass um mich herum Autoteile umherfliegen, ganze LKWs fliegen in das Schwarze-Loch-formerly-known-as-Lesegerät hinein. Kein Mensch mehr zu sehen, nicht einmal dickschwartige Sachbearbeiter werden verschont, und mir graust es bei dem Gedanken, dass das hier nicht das einzige Lesegerät-Loch sein wird... langsam gehe ich rückwärts, langsam trete ich die Flucht an. Ich kann meinen Blick nicht von dem Chaos wenden und sehe zu, wie endlich das deutsche Bildungssystem annihiliert wird, auch Iustitia fliegt auf das Loch zu, wird dabei aber von umherfliegenden Bestechungsgeldern zerstört. Langsam merke ich, wie es an meinem Kopf zerrt, und ehe ich mich versehe, ist auch mein letzter Rest Hoffnung auf eine Planstelle aufgeschlotzt worden. Warum nur ist mein Körper von dieser Anziehungskraft unbeeindruckt? Warum???



Ich bin zu fett, ich habe meine eigene Gravitation. Keksteig in die Tonne!

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Bushaltestellen-Kontemplation


vorweg: Vielen Dank für Eure anregenden Kommentare zum letzten Thema! Wenn man so wenig mit anderen Menschen macht, ist es richtig erfrischend, mittels Blog ein paar andere - oder auch ähnliche - Sichtweisen zu bekommen.

Heute bin ich zu Fuß unterwegs. Es ist grau draußen, aber nicht sonderlich kalt, und nur ein kleiner Tropfen hier und da. Da muss ich nicht den Bus nehmen, sondern verlasse meine Wohnung und gehe einfach an der Bushaltestelle vorbei und schaue den Wartenden zu. Es ist die Diesterwegstraße und die Wartenden sind um die Mittagszeit Schulkinder. Noch sehr jung, sie johlen, kreischen, spielen Tick, lachen, eine Soundkulisse, die ich schon beim Aufbruch oben in der Wohnung mitbekommen habe. Und ich frage mich, ob ich selbst gern noch einmal so jung wäre.

So unbeschewrt, so unbesorgt, so naiv, so fantasievoll. Sie müssen sich keine Sorgen darum machen, dass es nichts zu essen für sie gibt, sie bekommen viel Liebe und auch für neue Klamotten ist gesorgt. Mir ist natürlich klar, dass es unter diesen Kindern auch welche gibt, deren Kindheit nicht so behütet ist, die vielleicht nicht wissen, was es an diesem Tag zu essen gibt, bzw. ob es überhaupt etwas gibt. Oder ob sie diese Woche bei Mama oder bei Papa verbringen dürfen. Ich weiß, dass auch der Eine oder die Andere von Euch in der Kindheit nicht alles so selbstverständlich hatte.

Es geht mir um das mindset, die Gedankenkonfiguration in dem Alter. Ausgerichtet auf Neugier, Spaß haben, Farben, Spiele, noch kein Bewusstsein für Krankheit, Tod, unmenschliches Verhalten (homo homini lupus und so). Einfach fröhlich sein oder traurig, noch nicht so kompliziert zu denken, sich selbst das Leben noch nicht so schwer zu machen. Unabhängig sein von dem, was andere Menschen über einen denken. Laut dazwischenreden, den Spielplatz zu einem Mikrokosmos an Spaß werden lassen - so leicht zu beeindrucken, so gierig darauf, zu staunen. Ist doch irgendwie schön, oder?

Diese Gedanken begleiten mich, während ich der Buslinie Einundsechzig zu Fuß nach Hassee hinein folge. Und ein paar Stationen später wird mir dann bewusst, warum ich vielleicht doch nicht noch einmal jung sein möchte. Gleiche Situation wie vorhin: Ich komme an einer Bushaltestelle vorbei und beobachte die Wartenden, doch diesmal sind wir auf Höhe der Gemeinschaftsschule Hassee, und die Schüler sind deutlich älter.

Sie sind wesentlich stiller. In sich gekehrter, nachdenklicher, die Gedanken drehen sich um Sex, Liebe, Drogen, wer bin ich, wer will ich sein, was denken meine Mitschüler von mir? Mobbing, kein Bock auf Schule, auf der Suche nach Transgression, im Konflikt mit den Eltern, Zigarette im Mundwinkel, Nasenpiercing, Ohrlöcher. Anfangen zu realisieren, dass es Schlechtes in der Welt gibt, nicht mehr ganz so leicht in's Staunen kommen, den eigenen Körper hassen lernen. Die Zukunft konfrontieren, bald wird die Unterstützung von Mama und Papa zu Ende sein, bald muss ich mir selbst all' diese Dinge des täglichen Lebens verdienen.

Von Unbeschwertheit ist da nicht mehr ganz so viel. Sicherlich, manche machen aus ihren Teenagerzeiten high life in Tüten, aber nur weil sie etwas flamboyanter sind, heißt das nicht, dass sie keine eigenen düsteren Gedanken mit sich herumtragen. Der Film Super Dark Times (2017) hat diesen Wandel, diese Initiation von der Unschuld hin zur Realität sehr treffend und verstörend umgesetzt.

Und darauf kann ich dann doch verzichten. Klar, jetzt ist meine Gedankenwelt mehr von Sorgen geprägt, von Unsicherheiten, und pure Unbeschwertheit habe ich kaum noch - und auch wenn sich das ändern könnte, falls ich jemals unbefristet beschäftigt werden sollte, so ist mein Kopf deutlich offener für negative Gedanken. Aber dadurch lerne ich, das Positive mehr zu schätzen, intensiver zu genießen, und das macht das Leben dann wieder zu einem echten Abenteuer mit einem Lächeln im Mundwinkel.

Dienstag, 24. September 2019

UFO im Supermarkt

Was man nicht alles entdecken kann!

Ein Tag wie jeder andere, sonnig, Wärme des Restsommers kurz vor dem Herbstanfang, mittags, ich schließe die Fenster, weil ich eine Weile Ruhe in der Wohnung brauche. Die Fenster sind großartig isoliert, der Verkehrslärm wird vollkommen ausgeschlossen, und so wandere ich die Südwestfront entlang, bis zum letzten Fenster direkt an der Wand zu meinem Nachbarn, und schließe es, um danach das Rollo herunterzuziehen. Doch... warte mal, was ist das da unten? Im Eingangsbereich des Supermarkts? Das war doch eben noch nicht da?

Da unten, zwischen den ausgestellten Blumentöpfen und den Säcken mit Pflanzerde, schwebt ein leuchtendes Objekt. Fast rund, bestehend aus unterschiedlich hellen konzentrischen Ringen. Just in dem Moment, als ich das Fenster geschlossen hatte, war es aus dem Ladeninneren in den Eingangsbereich geschwebt, direkt hinter die Eingangstür, und dort steht es nun unbeweglich in der Luft. Ein UFO im wahren Sinne, ein unindentified flying object, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das Objekt überhaupt greifbar ist, aus Materie, oder quasi eine Art Spektralerscheinung? Und was mich noch mehr fasziniert: Immer wieder betreten und verlassen Kunden das Geschäft, ohne sich im geringsten über diese leuchtende Scheibe zu wundern. Was ist hier los? Ich brauche einen besseren Blick, und so öffne ich das Fenster wieder, um direkt in den Eingangsbereich des Supermarkts schauen zu können, da unten, einmal quer über die Straße - doch das UFO fliegt wieder in das Ladeninnere, so als hätte es geahnt, dass ich es beobachte. Nicht mit mir, mein Freund, und so ziehe ich mir Schuhe an und laufe eilig das Treppenhaus hinunter. Die Kamera in der Tasche, dieses Phänomen lasse ich nicht entwischen!

Und dann muss ich an die anderen Phänomene denken, die Hassee mittlerweile heimgesucht haben, und dagegen wäre ein UFO nun wirklich eine Kleinigkeit; im Vergleich zum Keksdesaster, der Riesenheulknuddelpuppe, dem Vulkanausbruch, dem schwarzen Abgrund und dem Sturm des Jahrhunderts, da kann ein UFO kaum mithalten. Irgendwie seltsam, dass laut Lokalzeitung diese Phänomene erst auftraten, nachdem ich hier in meine Wohnung eingezogen bin. Whatever; ich will es aus der Nähe sehen!

Gesagt, getan, rein in den Supermarkt. Wie erwartet, befindet sich das UFO nicht im Eingangsbereich. Dann muss es irgendwo hinten zwischen den Regalen verschwunden sein, und so suche ich einen Gang nach dem nächsten ab, und nehme bei der Gelegenheit auch gleich Tiefkühlpizza, Cola, Dosensuppe, Schokolade, Marshmallows, Tütennudeln, Rote Grütze, Vanillesauce und ein Abführmittel mit. Ich durchwandere jeden Gang zweimal, aber nichts ist zu sehen. Das UFO ist verschwunden. Aus Frust nehme ich auch noch drei Nuss-Marzipan-Sahnetorten mit. Na toll, kein UFO gefunden, dafür reichlich HFOs (Heißgeliebte FettObjekte).

Enttäuscht stampfe ich hinauf in meine Wohnung, gehe zu dem Fenster, das ich offen gelassen habe. Ich schaue nach unten, Richtung Supermarkt, aber natürlich schwebt dort kein unidentifizierbares Flugobjekt. Scheiße. Ich schließe das Fenster, und... WHAT?! Da ist es wieder, schwebt kackdreist im Supermarkt, als ob es mich veralbern will. Als ob es immer nur dann herauskommt, wenn ich mein Fenster... und dann seufze ich erleichtert. Der leuchtende Fleck da unten im Supermarkt ist nichts weiter als die Reflektion des Sonnenlichts, das gegen meine mit Spiegelfolie beklebten Fenster scheint. Ein paar Male öffne und schließe ich das Fenster, nur um ganz sicher zu gehen. Und dann lächle ich, wieder um eine Erfahrung reicher geworden.

Und 28.980 Kalorien.

Visitor from outer space?

Samstag, 24. August 2019

Before the Cataclysm (HC I)

Nur ein Hauch von Science Fiction...

Alles ist still. Niemand hier. Die meisten Anwohner haben die Warnungen der Behörden ernst genommen, und nun wirkt die Hamburger Chaussee wie ausgestorben, wenn man von den wenigen Linienbussen absieht, die noch fahren. Und natürlich gibt es einige besonders beratungsresistente Bürger, die ihre Autos noch immer auf dem Seitenstreifen oder in zweiter Reihe parken. In regelmäßigen Abständen werden diese Wagen abgeschleppt, doch wie Fliegen auf Essensresten setzen sich immer wieder Fahrzeuge mit oder ohne Warnblinklicht dort ab, als würde das etwas ändern. Als hätten sie damit die Erlaubnis, dort zu stehen. Zeigt nur, dass sie die Dummheit haben, dort zu stehen, auch wenn der Kollaps bevorsteht, und sie ihre Fahrzeuge womöglich nie wiedersehen werden.

Sehen sie denn nicht die Warnschilder entlang der Straße? Sehen sie nicht die halbseitigen Sperrungen, haben sie denn nicht die Briefe der Stadtverwaltung bekommen? Manche Menschen scheinen für sich Sonderrechte herauszunehmen, nur weil sie einen IQ von hundertvierunddreißig oder achtundvierzig Zentimeter Oberarmumfang oder einen hochgetunten Mercedes haben. Sind wir das? Sind wir so? Nehmen wir uns das Recht heraus, selbst zu entscheiden, was wir dürfen und was nicht? Nehmen wir uns selbst die Klugheit heraus, zu wissen, was gut für uns ist und was nicht? Ist es tatsächlich so, dass wir nicht auf andere Menschen hören, auch wenn sie uns warnen?

Ein beliebter Topos in Katastrophenfilmen. Man neigt dazu zu denken, aha, da ist wieder jemand beratungsresistent, der wird definitiv vom Tsunami ergriffen oder wird in den Vulkan stürzen, oder er wird in einem zusammenstürzenden Hochhaus erschlagen. Es scheint tatsächlich so, dass jeder Katastrophenfilm solche Charaktere hat, und vielleicht sollte man sich darüber nicht aufregen, wenn man bei'm Blick in die Realität bemerkt, dass es wirklich solche Menschen gibt. Dumm - bin ich auch immer und immer wieder. Aber ich habe meinen Wagen nicht in der Hamburger Chaussee geparkt.

Jetzt ist es also soweit. Nacht. Ich sitze mitten auf der Hamburger Chaussee, einer der meistbefarenen Straßen Kiels, und ich muss mir überhaupt keine Sorgen machen, dass ich jetzt überfahren werden könnte. Die Straße ist abgesperrt, vor der Katastrophe, genau wie eine Blutstaubinde vor einer Operation angelegt wird, damit kein Blut durch die zu operierende Stelle gepumpt wird. Ich sitze mitten auf der Kreuzung. Vor mir, in einiger Entfernung, der Waldwiesenkreisel, links die Helgolandstraße, und rechts geht es zur großen Buba, die den Untergang der Hamburger Chaussee live miterleben wird, da hilft auch kein Teigen oder Spülen, es wird ernst. Ich drehe mich um, schaue auf den noch befahrbaren Teil der Straße, und lehne mich gegen die rot markierte Absperrung. Nichts zu sehen, doch... ein Motorengeräusch wird langsam immer lauter, und wenn ich vom Geräusch auf die Geschwindigkeit schließen kann, weiß der Fahrer noch nicht, dass es hier kein Durchkommen mehr gibt. Ich lächele, lehne den Kopf hinten an, und warte, dass das Auto hinter der Kuppe des Hügels auftaucht. Ich hole meine Kamera heraus und bin bereit... ich möchte sehen, wie er sich wohl verhält, wenn er merkt, dass es hier nicht mehr weitergeht. Wie eine Maus im Labyrinth; dort leuchten die Scheinwerfer auf. Der Autofahrer macht keine Anstalten, den Wagen herunterzubremsen. Er benutzt die Lichthupe, möchte mich wohl von der Straße verscheuchen, aber wo will er denn hin? Ich grinse über das ganze Gesicht, während das Geräusch immer näher kommt.

Wir wissen, dass die Katastrophe bevorsteht. Wir wurden vor Wochen gewarnt, dass es passieren wird, die Erde wird aufbrechen und nichts wird mehr so sein, wie es einst war. Wir werden von der Außenwelt abgeschnitten sein, denn heute war meine letzte Autofahrt, bevor ich den Wagen in sicherer Entfernung abgestellt habe. Wie geht man damit um, wenn man weiß, dass die Welt untergehen wird? Jeder findet dafür seinen eigenen Weg, der eine verzweifelt, der andere geht in aller Ruhe auf das zu, was kommt. Und ich schließe meine Augen...

Fortsetzung folgt...

Sonntag, 18. August 2019

Katastrophenalarm

Was ist passiert???

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Vor Schreck fällt mir die Tüte Nudeln aus der Hand, das Pfund für neununddreißig Cent. Was ist denn mit mir los, warum bin ich so schreckhaft? Eigentlich sollte ich jetzt ruhig sein, denn die einzige Sache, die ich heute rechtzeitig erledigen musste, war es, den Geburtstagsbrief für ihn in den Briefkasten zu werfen, damit er heute mit der Post rausgehen kann. Ich hatte danach aufgeatmet, und eigentlich sollte ich jetzt entspannt sein.

Vielleicht liegt es daran, dass hier wieder unzählige Menschen ihren Einkauf erledigen müssen - kein Wunder, Samstag vormittags, weil sie den Rest der Woche über arbeiten müssen. Und so schaue ich mich erst gründlich um, bevor ich mich nach der Nudeltüte bücke, damit ich niemanden anrempele. Während ich auf dem Boden hocke und fasziniert die Zutatenliste durchgehe (nur Hartweizengrieß, aber ich lese es zehnmal, damit ich etwas länger in dieser Position verharren kann), kommt mir der Gedanke, dass das Geräusch vermutlich eh' nur der Kassenalarm war, und ich stehe auf und schaue zu den Bodyscannern, aber da steht niemand, kein Kunde, keine Kassiererin.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Scheiße! Ich muss diese Schreckhaftigkeit abstellen. Okay, immerhin weiß ich jetzt, dass es nicht von den Sicherheitsscannern kommt, und ich schaue mich um, ob irgendwelche Warnlampen aufleuchten - aber das einzige, was mir auffällt, sind viele andere Kunden, die ebenfalls den Hals verrenken, um zu sehen, was hier los ist.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Okay, jetzt reicht es langsam mal, wir haben es ja verstanden! Diese markerschütternde Sirene bingt mein Trommelfell zum Vibrieren, und auch andere Kunden zucken zusammen. Immer noch keine Durchsage, immer noch kein Mitarbeiter, der erklärt, was hier los ist. Okay okay, Ruhe bewahren, ich kaufe jetzt einfach weiter ein, ich wollte nur Nudeln kaufen, aber es könnte ja noch etwas Wichtiges geben a.k.a. unter zwei Einkaufstaschen komme ich hier nicht raus.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

Da scheint doch eine Stimme zu sein, aber wer... oh, Pastasauce, die brauche ich, und eigentlich kann ich auch gleich Kaugummis mitnehmen, und Kekse. Und irgendwie scheint sich das nervige Alarmgeräusch zu einem Normalzustand entwickelt zu haben, so dass ich kaum noch aufhorche, als es wieder heißt...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

...und deswegen kaufe ich mich Stück für Stück am Regal entlang, Handcreme, ein Paket Zucker, Waschmittel, Chips, ein Schuhspanner, Blumenerde, das Regal ist zu Ende und ich biege um die Ecke in den nächsten Gang, um die Rückseite des Regals leerzukaufen, und vor mir sehe ich...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

...eines von diesen kleinen nervigen Teilen, die mittlerweile wie Pilze aus dem Boden sprießen, eins von diesen... ach fuck, wie heißen die noch... mir versauert die Miene. Ein Baby. Mit einem Spielzeugtelefon in der Hand.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

Dieses kleine Nervbalg drückt wie wild auf diesem Plastikteil herum, das in regelmäßigen Abständen den ganzen Laden in seinem Bann hält, und langsam bemerken mehrere Kunden, woher der Lärm kommt, und suchen mit genervten Blicken nach der dazugehörigen Mutter, die ein paar Meter weiter bis zur Hüfte in der Käsetheke versunken ist. Zwei genervte Männer ziehen sie an ihren Füßen heraus und weisen sie darauf hin, dass ihr Plagegeist das gesamte Geschäft in den Wahnsinn treibt. Und die Mutter versucht sich irgendwie rauszureden,

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

denn sie wollte ihr Kind einfach nur vom Schreien abhalten. Ich schüttele den Kopf. Hat diese irre Tante denn nicht mitbekommen, dass seit der Kampagne "Mehr Kinder für unsere Welt/Rente!" (in deren Rahmen Kontrazeptiva komplett verboten worden sind) bei Einkäufen diese neuen, abschließbaren, schallisolierten Babytupperdosen (BTD Version 2.0) in den Einkaufswagen zur Verfügung stehen? Die sind mittlerweile nicht mehr optional, sondern obligatorisch, und für die Dauer des Einkaufs, egal wo, hat das Kind darin weggetuppert zu werden.

Die Mutter entschuldigt sich vielmals, nimmt ihrem Kind das Telefon weg und steckt es, anstelle des Kindes, in die BTD. Und wie von Zauberhand bleibt es still. Kein Alarmsignal mehr, ich schließe die Augen und atme erleichtert durch. Endlich kann es normal weitergehen.

...waaahhh.... ....wääääääähhhhh...

Ohgott, ich habe es geahnt

...wwwaaaaAAAAAHAHHHHHHHHH.....   

...WUUUUUUÄÄÄÄÄÄAAAAAAAHHHHHHHHHHHHH...

...und es hört nicht wieder auf. Ich greife in das Nebenfach meines Einkaufswagens, nehme die Virtual-Reality-Filterbrille heraus und setze sie auf. Der visuelle Filter blendet automatisch alles aus, was jünger ist als sechs Jahre, und auch Kotze im Gang und volle Windeln und stillende Mütter, und über die Kopfhörer klingt beruhigende Fahrstuhlmusik. So schaffe ich es nun doch noch, meinen Einkauf entspannt zu Ende zu bringen. An der Kasse nehme ich die VR-Apparatur herunter, denn ich muss hören, was die Kassiererin sagt. Ich habe ein bisschen Angst, dass das Geschrei mich in den Wahnsinn treiben könnte, doch...

...

...es bleibt still, ein breites Lächeln ziert mein Gesicht, entspannt gebe ich der Kassiererin das Geld und freue mich auf den Rest des Vormitt...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallohallohallo...?





[Zeitpunkt des Todes 11.48h]



Lust auf mehr schräge Einkaufsgeschichten? ;-)

- Schnellkasse 2 - die Kontrollwaage schlägt zurück

- Der Wanderer

- Quengeltheke reloaded

Ich weiß nicht, warum, aber manchmal brauche ich so alberne Geschichten ;-)

Dienstag, 30. Juli 2019

Here we switch!

Na, was geht diesmal im Treppenhaus vor sich?

Endlich Regen. Gern noch etwas mehr, gern mit einem knalligen Gewitter, alles, was die Luft etwas abkühlt. Die letzten beiden Nächte in meiner Wohnung waren grauenhaft, weil im Gegensatz zur letzten Hitzewelle abends kein Luftzug aufgekommen ist, der die Wohnung durchpustet. Zwei schlaflose Nächte, nun reicht es.

Für manche Menschen kann das ein Grund sein, sich eine andere Wohnung zu suchen, und das habe ich hier im Blog auch schon mehrfach thematisiert. Irgendwie scheint unser Eckhaus nur für wenige Menschen eine ernsthafte Perspektive darzustellen, die meisten, die hier einziehen, machen das übergangsweise, als Studien-WG oder etwas in der Art, weil die Wohnungen nicht allzu teuer sind.

Und Gründe zum Auszug gibt es wirklich mehr als nur die Hitze im Sommer. Da wäre der Straßenlärm, der nur bei geschlossenem Fenster einigermaßen unterdrückt werden kann, und geschlossenes Fenster + Sommer = Backofen. Ich komme mit dem Hintergrundlärm aber sehr gut klar; nur bei Filmen oder Meditationen brauche ich Ruhe, genauer gesagt, keine Nebengeräusche, die mich ablenken. Und dann wäre da noch Vonovia, die immer ein Grund zum Auszug ist.

Und so heißt es auch heute wieder Here we switch!, denn ein Nachbar zieht aus, und ein neuer wird - vermutlich - einziehen. Eigentlich sollte ich so etwas sagen wie Here we go!, oder im richtigen Tonfall mit der großen Buba Here we gay! in Anspielung auf das überbritisierte Here we göi! in Ni No Kuni. Aber ich gehe ja nicht, sondern beobachte nur den nächsten Mieterwechsel. Lang' lebe der Bewusstseinsstrom!

Um so mehr wachsen einem die Menschen an's Herz, die bleiben, quasi als Fels in der Brandung für einen Menschen, der mit Veränderungen vermutlich weniger klarkommt, als er bisher dachte. So ist im Erdgeschoss immer noch das Beratungsbüro Görgner, Sozialberatung, in einem nicht gerade überdurchschnittlich starken Viertel wie Hassee eine echte Bereicherung. Und ebenfalls ebenerdig sind da Tina, Petra und Bine, die Friseurmädels von Hair & Body, die jetzt seit bald zwanzig Jahren hier im Kopf-Ab-Business arbeiten. Dann wären da noch zwei Nachbarn im zweiten Stock, die sich für den Ruhestand hier niedergelassen haben.

Solche Nachbarn ziehen in der Regel nicht aus, und wenn, dann ist das definitiv ein paar Gedanken wert, wie zum Beispiel damals bei Frau Kuntzmann, oder aber der Nachbar fand seine Wohnung einfach nur noch todlangweilig - wörtlich. Ich glaube, ich gehöre zu letzterer Gruppe. Also, nicht zu denen, die in der Wohnung mal eben sterben, sondern die, die hier bleiben. Und ich bin gespannt auf das nächste neue Gesicht.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich irgendwann einmal froh wäre, den einen oder anderen meiner Nachbarn persönlich zu kennen - ich dachte immer, ich wünschte mir vollkommene Anonymität - aber so ist das eben mit den Linneas und Tures und Kellers und Tinas und Lukassen: Irgendwie tun nette Nachbarn gut.

post scriptum: Ich habe mir gestern den Netflix-Film "Bird Box" (2018) angesehen. Scheiße. Eine tolle Prämisse, und mit Sandra Bullock, John Malkovich und Trevante Rhodes gar nicht schlecht besetzt; Bullock spielt mal wieder eine spröde, emotional schwer zugängliche Frau, die man nicht sofort liebgewinnt - so wie damals bei "Murder by Numbers" (2002) - und das ist eine nette Abwechslung. Dazu eine schöne Science Fiction-Geschichte, mit ein wenig Horror dazu, Anleihen von Stephen Kings "The Mist" (2008) und von vielen faulen Kritikern als Abklatsch von "A Quiet Place" (2018) verschrien. Abklatsch, weil es diesmal um eine Welt geht, in der man seine Augen nicht öffnen darf (während man in letzterem Film keinen Laut von sich geben durfte); faule Kritiker, weil es kein Abklatsch von AQP sein kann, wenn "Bird Box" auf dem gleichnamigen Roman von 2014 basiert. Und scheiße, weil aus einer fantastischen, unheimlichen Prämisse letztlich ein Film gestrickt wurde, der nach der SciFi-Horror-Formelsammlung arbeitet und kaum Neues bietet. Ändert aber nichts daran, dass mich die erste Hälfte begeistert hat. Der Film ist bei Netflix verfügbar.

paulo post scriptum: Heute gab es "Unsane" (2018) - der Film hat mich gereizt, weil er von Steven Soderbergh gedreht wurde und ich muss zugeben, in finde seinen Stil faszinierend. Visuell reduziert, intelligent geschnitten, keine einzige unnötige Szene, das hat mir auch damals in seinem Remake von Tarkovskys "Solaris" (2002; das Original ist von 1972) gefallen. Auch interessant: Der Film wurde komplett auf dem iPhone 7 plus aufgenommen - das erzeugt einen klaustrophobischen Effekt, der zu dem Szenario in einer geschlossenen Psychiatrie gut passt.

Montag, 8. Juli 2019

Die Leiden des jungen Irren


vorweg: Dieser Beitrag ist nicht fiktional, daher nenne ich zur Anonymität keine Lehrernamen (nur L1, L2 usw.) und auch keine Schulen. Die folgenden Situationen haben genau so stattgefunden.

Okay, dieser Titel ist unpassend gewählt, denn das hat diesmal nichts mit Hochbegabung oder Autismus zu tun. Es geht um unser Schulsystem, von dem Karin Prien und Anja Karliczek (Landes- und Bundesbildungsministerin) sagen, dass es hochwertig und erfolgreich ist, dass nur die besten Lehrer eingestellt werden, auch Quereinsteiger - jeder, der für diesen Beruf qualifiziert und unsere Schüler möglichst gut fördern kann und will, sei hier mit offenen Armen willkommen geheißen.

Wir leben Inklusion (so heißt es). Aber die Realität sieht an manchen Stellen etwas grausamer aus.

Lehrkraft Eins

Vorfall im Unterricht
L1: "Die Kinder haben mir erzählt, dass du das und das im Unterricht gesagt hast. Ich will auch gar nicht die Gründe dafür wissen - wir alle werden irgendwann ungeduldig und lassen dann unseren Frust an den Schülern aus. Ich möchte nur mit dir klären, wie wir weiter mit dieser Situation umgehen."
DrH: "Ich bin etwas überrascht."
L1: "Wieso, dachtest du, dass das nicht herauskommt?"
DrH: "Nein, ich bin überrascht, dass du mich gar nicht nach meiner Sichtweise gefragt hast, und dass du nicht hinterfragt hast, ob das überhaupt tatsächlich passiert ist."
L1: "Naja, ich bin davon ausgegangen, dass du mich eh' anlügen wirst."

Lehrkraft Zwei

L2: "Du, ich muss mal mit dir reden, du bist zu nett mit den Schülern, das geht so nicht."
DrH: "Wieso bin ich zu nett? Bzw. wo ist denn das Problem?"
L2: "Du musst strenger mit den Schülern umgehen, auch mal laut werden. Das ist wie wenn man Hunde trainiert - wenn Du pfeifst, haben sie alle still zu sein, und wer das nicht ist, wird bestraft."
DrH: "Ich glaube nicht, dass ich das mit meiner pädagogischen Grundhaltung vereinbaren kann."
L2: "Ich will aber, dass du das machst. Sei streng, gib ihnen jeden Tag möglichst viele Hausaufgaben auf..."
DrH: "Aber ich dachte, an unserer Schule gilt die Richtlinie, dass die Schüler unter der Woche keine Hausaufgaben..."
L2: "Das ist mir egal, das sind meine Schüler und ich entscheide das. Und entweder, du richtest dich danach, oder ich werde dich bei der Schulleitung melden."

Lehrkraft Drei

L3: "Wie steht der Schüler bei dir im Unterricht?"
DrH: "Leider nicht so gut, das droht eine Fünf zu werden."
L3 lacht: "Ja, das glaube ich sofort. Ich weiß gar nicht, warum der überhaupt hier ist, der ist viel zu dumm für diese Schule. Dem müssen wir einfach noch ein paar Fünfen und Sechsen reindrücken, dann ist der schnell hier weg."

Lehrkraft Vier

DrH: "Ich hätte mich gefreut, wenn ihr mir irgendwann einmal mitgeteilt hättet, dass mein Vertrag nicht verlängert werden kann." 
L4: "Wieso, ich dachte, das sei klar gewesen?"
DrH: "Nein. XY hat mich hier vor einem Jahr eingestellt  mit den Worten Erstmal für ein Jahr, und dann haben wir die Möglichkeit zur Verlängerung. Wenn diese Möglichkeit nicht bestanden hätte, dann hätte ich gar nicht bei Euch angefangen, denn ich möchte langsam eine Perspektive haben."
L4: "XY hat das gesagt? Moment, das muss ich mal klären."
ein Telefonat und Bestätigung später
L4: "Wow, also bei dir muss man ja richtig aufpassen, was man sagt."

Lehrkraft Fünf

L5: "Naja, du hattest doch keine Probleme mit dem Referendariat, oder?
DrH: "Doch, die hatte ich, es ging mir monatelang richtig mies."
L5: "Aha? Aber das kann doch nicht sein, du bist doch immer lächelnd durch die Schule gelaufen. Ich finde deine Darstellung reichlich unglaubwürdig."





Keine Ahnung, warum ich das hier mal posten musste.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Über Eck

Es ist heiß...

Die letzten Tage waren hier in der Wohnung unerträglich heiß. Moment, Korrektur: Ich habe es ja ertragen. Ich habe damit kein Problem mehr, ich habe gelernt, damit umzugehen. Trotzdem war es großartig, dass es gestern Abend ordentlich gestürmt und geknallt hat, Gewitter und Wassermassen da draußen, das hat die Luft gereinigt und deutlich abgekühlt. Das hat für eine sehr erfrischte Nacht gesorgt, großartig, so konnte ich fast komplett ohne Ventilator Twin Peaks (Season 3) (2017) zu Ende schauen.

Mir wird dieser Tage wieder deutlich bewusst, wie praktisch es ist, eine Eckwohnung zu haben. Wenn ich abends die Fenster gen Südosten und jene gen Südwesten weit öffne, zieht es oft herrlich über Eck durch die Wohnung, sehr erfrischend, und deswegen bleiben die Fenster auch die meiste Zeit geöffnet.

Ich hoffe, Ihr kommt gut mit der Hitze klar? Ich bin endlich wieder auf leichteres Essen umgestiegen, a.k.a. Tomate&Mozzarella&Ciabatta, das Ganze in Knoblauchöl ertränkt, und mir wird bewusst, wie sehr ich das vermisst habe. Ich könnte das jeden Tag essen. "Brauchst du nicht mal ein bisschen Abwechslung?" Nein, brauche ich nicht. So langsam frage ich mich immer mehr, wie stark meine autistischen Verhaltensweisen eigentlich ausgeprägt sind - aber das ist Thema für einen anderen Beitrag.

Interessant, dabei fällt mir auf, dass es immer der Mozzarella von Galbani sein muss, und immer Cherry-Rispentomaten, und unbedingt nur das rewe-Ciabatta, weil das zwar teurer, aber echt fantastisch ist. Und das Knoblauchöl von Mazola, nur leider finde ich das nirgendwo mehr. Egal, unser neues Rewe-Center sollte ab morgen Neueröffnung haben, mal schauen, ob es das da gibt. Es geht mir hier gar nicht um Schleichwerbung für Marken, sondern darum, wie wichtig mir das zu sein scheint, dass es nur diese Zutaten sein sollten.

Naja. Jetzt zieht der Knoblauchduft erstmal aus der Wohnung ab, und zwar über Eck.

Dienstag, 4. Juni 2019

On Fire

Da schmilzt fast das Bild von der Wand herunter...

Letztes Wochenende gab es grandioses Wetter, der Sommer naht. Das markiert eine Schwelle in meinem Jahr, denn ab jetzt wird meine Wohnung zu einem Backofen. Ich habe darüber auch schonmal geschrieben, Stichwort Dachschrägen und so, und dann fragen die Leute immer "Wie hältst du es da nur in der Wohnung aus?" - und ich antworte, dass es gar nicht so sehr um's Aushalten geht, als vielmehr um's Genießen.

Buddhismus lehrt uns, überall etwas Positives zu sehen, anstatt sich zu beschweren über Umstände, die vielleicht mal nicht optimal sind. Pema Chödrön hat das in ihrem kleinen Vortrag This Lousy World ganz gut beschrieben. Und da mich Extreme reizen, finde ich es immer wieder spannend, den Sommer in dieser Wohnung zu erleben.

Sicher, ich schwitze. Und ich könnte auf dem Fußboden eine Pizza backen. Und alle Sitzgelegenheiten sind mit Handtüchern ausgelegt. Aber gleichzeitig kehrt auch eine gewisse Freiheit in die Wohnung ein. In dieser Phase des Jahres trage ich zuhause keine Kleidung mehr, und das fühlt sich unglaublich befreiend an. Mehr jedenfalls, als ich es in Worte fassen könnte. Das verstärkt das Gefühl von "Das ist mein Zuhause, hier kann ich leben, wie ich es möchte", und weil es ein Dachgeschoss ist, geht das besser als in der Ludwig-Ohlsen-Straße in Husum, wo ich während meines Referendariats gewohnt habe. Das war eine Erdgeschosswohnung - oder Hochparterre? memoria me deficit - dort hätte ich mich nicht wirklich frei gefühlt, sondern einfach nur beobachtet. Das hat ja auch die Kronshagener Berge zu einem so tollen Ort gemacht.

Sicher, die Fenster stehen offen, fast vierundzwanzig Stunden am Tag, und dadurch dringt der Verkehrslärm nach oben, aber gerade in den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass der Verkehr eine wunderbare Beschallung für mich ist, während ich lese. Kaum zu glauben.

Das Leben im Dachgeschoss fühlt sich im Sommer einfach unbeschwert an

Und die Handtücher sind schnell gewaschen.

Samstag, 1. Juni 2019

Auf zu Titti-Tank!

Let's go shopping!

Ich realisiere, dass Titti-Tank wie ein Sexspielzeug klingt - dabei geht es heute um was ganz Anderes, nämlich eine weitere Episode aus der Reihe "Hochbegabung als Behinderung".

Seit ich in meine aktuelle Wohnung eingezogen bin, vor gut fünf Jahren, habe ich den originalen Duschschlauch und Brause im Bad. Das hat zwar hier und da mal geklemmt, aber hat ja funktioniert, wunderbar. Mit den Jahren kommt immer mehr Kalk hinzu (Kiel hat extrem verkalktes Wasser), setzt sich ab, und langsam wird der Gummischlauch dann brüchig. Das merke ich daran, dass eines Tages bei'm Duschen das Badezimmer Einiges an Wasser abbekommen hat: Der Schlauch ist kaputt, bricht langsam auf.

Kein Problem, sage ich mir, ich hole einfach neues Equipment aus dem Baumarkt. Gesagt, getan. Aber dann schaffe ich es nicht, den alten Schlauch von der Badewannenarmatur zu lösen. Ich versuche es mit diversen Zangen, zerstöre dabei aber nur die Oberfläche der Armaturen. Nun könnte ich natürlich einfach eine große Rohrzange nehmen, mit mehr Hebelwirkung und Grip, aber die habe ich nicht. Okay, okay, dreihundert Meter die Hamburger Chaussee runter ist ein Werkzeugfachmarkt, Der Neue Eisenhenkel. Dann gehe ich einfach mal dahin, hole mir eine neue Rohrzange, und schon kann ich den Schlauch austauschen, keine Überflutung mehr im Bad. Gar kein Problem...

...sollte man denken, aber ich bin nicht man. Ich müsste dazu in ein neues Geschäft hineingehen, das ich nicht kenne. Ich weiß nicht, wer dort arbeitet, und zu welchem Regal ich gehen muss. Und wahrscheinlich gibt es dann auch noch unterschiedlich große Rohrzangen, und ich stehe dann wie dumm vor dem Regal und mag nicht um Hilfe bitten. Und ich weiß auch gar nicht, wie teuer das wird und ob ich über's Ohr gehauen werde. In den Laden gehen kommt also überhaupt nicht in Frage.

Stattdessen nehme ich Klebeband und verklebe die offenen Stellen im Duschschlauch gründlich, mehrfach, bis der Schlauch fast doppelt so dick ist. Na siehste, geht doch, ich muss gar nicht in den Werkzeugmarkt gehen.

"Irgendwie klappt es ja" - der Dauerbrenner des Sich-Selbst-Im-Weg-Stehens.

Gestern habe ich es dann endlich mal geschafft, Initiative zu ergreifen, bin zum DNE gegangen, habe mir eine Rohrzange besorgt, und eine Stunde später ist der Schlauch ausgetauscht. WARUM muss ich es mir immer selbst so schwer machen? Immer diese ganzen Bedenken...

Ich könnte nun natürlich auch noch berichten, wie es zu dem Titel des Beitrags kam. Heute sind die große Buba und ich zu Citti gefahren, in der Hoffnung, eine neue Brause für das Bad zu finden (hat nicht geklappt). Als ich DGB angeschrieben habe, wollte ich eigentlich schreiben: "Hey, hast Du Lust, morgen einmal mit zu Zitti zu fahren?" Aus irgendeinem Grund spreche ich das Einkaufszentrum gern mit einem stimmlosen, alveolaren Affrikat aus. Dann allerdings hat mein Wurstfinger einmal neben das Z gelangt, und schon habe ich DGB zu Titti eingeladen. Und dann ist da diese Tankstelle, Citti-Tank, und natürlich können wir nichts Drolliges in Ruhe lassen, und so wurde daraus der Titti-Tank.

Ferienreif?

Freitag, 1. Februar 2019

Handtuch abgebrochen

Kuschelweich war gestern!

Die große Buba weiß, worauf der Titel des Beitrags anspielt, und wer sich das hier durchliest, wird es auch wissen - es ist nur ein Abschnitt des heutigen Wochenrückblicks.

Die Ecke

Meine Wohnung ist klein, also muss ich kreativ werden, wenn ich mehr Stauraum schaffen will. In meiner Couch finden sich Decken und ein Tritt, in den Sitzwürfeln (Danke, Sanni!) Elektronik, und gerade meine Arbeitsfläche in der Küche ist eigentlich immer belegt. Sachen, die wegzuräumen ich zu faul war, Kram, und dann gehe ich heute zufällig an einem kleinen Küchenregal vorbei, billig, Glas, zwei Etagen und wunderschöne Winkel, das liebe ich ja. Also habe ich meine Küche etwas erweitert, und jetzt ist die Arbeitsfläche tatsächlich wieder frei.


Neuerungen

Fünf Jahre wohne ich jetzt hier im dritten Stock, und pünktlich macht der sky unten dicht. Nicht ganz; wir haben ja alle mitbekommen, wie sky von Rewe übernommen wurde, und das hat auch den Supermarkt direkt unten vor meiner Haustür betroffen. Knapp zwei Wochen wurde umgebaut, und ich muss zugeben, das Ergebnis ist toll. Der Laden wirkt viel größer, heller, offener. Mich würde mal interessieren, ob der Wandel Auswirkungen auf die Angestellten hat.

Brownieflut

Ich habe in dieser Woche zwei Bleche Brownies gebacken - aber selbst nichts davon gegessen. Die waren für zwei Lerngruppen, weil ich die Rückgabe der Klausuren so lange verpeilt hatte. Ich habe vor sieben Jahren damit angefangen, diese Entschädigung einzusetzen, als kleine Hilfe für mich, damit ich an zügige Korrekturen denke. Sieben Jahre später gibt es immer noch blecheweise Brownies. Zeigt mir, wie aufregend das für mich alles ist, und irgendwann in den nächsten zwei, drei Monaten könnte sich ja herausstellen, wie es mit meinem Job aussieht. Und ich gebe zum ersten Mal zwei Klausurvorschläge für die allgemeine Hochschulreife an das IQSH, mal sehen, ob die durchgehen.

Handtuch abgebrochen

Ich hatte in diesem Blog einst berichtet, dass ich gern ordentlich gestärkte Handtücher habe, auf die ich mich zur Meditation lege. Das ist wirklich super, nur werden die Fasern des Handtuchs durch das ständige Steifwerden stark belastet. So haben sich Nähte gelöst und mittlerweile ist ein Stück des Handtuchs tatsächlich abgebrochen. Klingt irgendwie witzig, finde ich.

Kommt gut in's Wochenende!

Sonntag, 27. Mai 2018

Surrealer Samstagmittag

Something's wrong...

Donnerstag

Sie ist im Unterricht, englische Literatur. Gelangweilt. Die Dozentin trägt ein Gedicht vor (gar nicht mal so schlecht), aber sie schläft fast ein. Sie sollte sich Notizen machen, aber sie klopft nur mit ihrem Bleistift auf dem Schreibblock herum, sie scheint in ihrer eigenen Welt versunken zu sein; hin und wieder fügt sie der Zeichnung auf dem Block einen weiteren Strich hinzu, während sie auf die Wanduhr über der Tafel schaut. Sie wendet ihren Kopf nach links, aus den Panoramafenstern hinaus, und schaut über den Campus. Wunderbares Wetter, überall sitzen Studenten herum, essen, trinken, hören Musik oder träumen einfach nur. Hier ein Fahrradfahrer, dort ein Jogger, da hinten eine alte Frau - die ersten beiden zügig, sie langsam, jeder scheint den Tag in seinem eigenen Tempo zu erleben. Sie auch. Sie blickt zum gegenüberliegenden Gebäude, versucht in die dortigen Fenster hineinzuschauen, kann aber nur die Reflektion des Campus erkennen. Und vorn steht die Dozentin und reiht einen Vers an den anderen - gar nicht mal so schlecht, aber eben doch recht monotone Dichtung und die Vorgänge draußen scheinen interessanter zu sein. Der Jogger ist mittlerweile nach links verschwunden, der Fahrradfahrer nach rechts, nur die alte Frau ist zwischen den rastenden Studenten noch zu sehen. Das ist kein Wunder, denn der Jogger ist nach links gelaufen, der Fahrradfahrer nach rechts gefahren, nur die alte Frau geht geradeaus, und irgendwas stimmt nicht. Sie trägt ein Nachthemd und ihr Bein und ein Arm sind teilweise bandagiert.

Die alte Frau geht geradewegs auf sie zu.

Langsam dämmert es ihr, und in ihren Ohren beginnt ein ganz leises Pfeifen. Es wird lauter, je näher die alte Frau kommt, es wird zu einem Schwirren, das zwischen ein paar Tönen oszilliert, und langsam weiten sich ihre Augen in eine Maske der Angst. Sie packt ihre Sachen zusammen und verlässt wortlos das Klassenzimmer. Sie geht den Gang hinunter, dreht sich um, bis auf zwei Schülerinnen ist niemand dort. Alles wie immer. Bis die alte Frau um die Ecke biegt und immer näher kommt, ihr Gesicht ausdruckslos, sie geht ganz langsam, einen Schritt nach dem anderen auf sie zu. Das Schwirren in den Ohren wandelt sich zu einem beißenden Stalking-Soundtrack...

...so in etwa geht eine recht eindrucksvolle Szene aus dem vorgestern erwähnten It Follows, eine Szene, die ich noch nicht aus meinem geistigen Auge streichen konnte. Falls jemand sie sehen möchte - aber vorgewarnt sein, ich habe zum literarischen Zweck ein kleines bisschen Freiheit in meinem Text genommen. Und keine Sorge, niemand stirbt, kein Blut und so, nur eine alte, langsame Frau:



Samstag

Alles klar, noch neun Minuten, dann kommt der Bus, den ich nehmen muss, um mich mit der Sannitanic zu treffen. Ich habe sie schon so oft versetzt, darauf habe ich keine Lust mehr (lustige Randnotiz, ich habe mich eben verschrieben und ersetzt getippt. Freud anyone?). In diesen neun Minuten muss ich noch schnell zur Sparkasse, zwei Überweisungen erledigen. Kommt hin, ich habe alles direkt vor der Haustür. Also stürze ich das Treppenhaus zur Hälfte hinunter, dann wieder hinauf: Ich habe meine Armbanduhr vergessen, und auch den Anhänger, den ich fast immer trage, damit Er auf eine Weise immer bei mir ist.

Nun also noch sieben Minuten, ich laufe schnell zur Sparkasse, Samstag, also brauche ich die Karte, um die Tür zu öffnen, und mitten vor der Tür steht eine ältere Dame und spricht mit der Tür. WTF?! Aber das hier ist Hassee, das ist normal, wir sind schräg, wir sind bunt, wir sind vielfältig wie das Leben, also gehe ich einfach draufzu und hoffe, dass sie mich nicht anspricht, ich habe keine Zeit.

Natürlich spricht sie mich an. "Können sie mir sagen, ob das hier die Volksbank ist? Vor vielen Jahren war hier mal die VB, oder irgendwo in diesem Viertel, können sie mir sagen, wo die ist?" Gedanklich bin ich bereits im Bus, mein Körper ist gerade auf Überweisungsdaten-Tippen eingestellt und ich antworte kurz, möglichst freundlich, dass ich hier noch nie eine VB gesehen habe, und betrete die Filiale. Die alte Dame geht mit und fängt an, mit der Säule zu reden, mitten im Raum, an der die Geschäftsbedingungen der Förde Sparkasse ausgehängt sind.

Ich versuche sie elegant zu ignorieren, denn ein wenig muss ich mich nun doch darauf konzentrieren, dass ich keine Fehler mache. Ein bisschen creepy ist das nun schon, wie die Dame durch den Raum geht und mit irgendjemandem spricht, der nicht da ist. Dann geht sie nach draußen und spricht eine weitere Kundin an, meine Überweisungen sind fertig, drei Minuten noch, bis der Bus kommt, und sie fragt sie, ob das hier die VB ist oder wo sie denn wohl ist, weil hier früher mal eine VB war. Ich kann diesen ganzen Eindruck nicht so schnell abschütteln und setze mich etwas verwirrt an die Bushaltestelle und genieße die Sonne, so gut es geht. Im Häuschen sitzt noch jemand und warte auf den Bus, ein älterer Mann. Er sieht mich und steht auf.

Für einen Moment fühle ich mich deutlich unsicherer: Es kommt mir vor, als würde It mich verfolgen, er geht aber nicht auf mich zu, sondern geht hinter mir den Fußweg auf und ab. Ein bisschen humpelnd, so wie die alte Frau in der Filmszene, mit kleinen, tapsigen Schritten, und immer wieder scheint er auf meine Bank zuzugehen und ich bete mittlerweile, dass der Bus bald kommt, dass er mich nicht anspricht, dass gleich nicht wieder die alte Frau von der Sparkasse kommt, ich will nur noch zur Sannitanic, irgendwie ist das alles mega surreal. Ich fange an zu schwitzen, Sonne, Temperatur, Unsicherheit.

Und ich mache drei Kreuze, als ich realisiere, dass die nächste Person, die mich anspricht, tatsächlich meine beste Freundin ist. Okay, ja, sie mag auch alt sein (*duck*), quasi als Rechtfertigung sage ich ihr in der Campus Suite, dass sie wie ein Erstsemester aussieht. Und fange langsam an, mich ein wenig zu entspannen, endlich. Okay, dann möchte sich ein älterer Herr neben uns setzen, und bevor er seine Teetasse auf den Tisch stellen kann, fällt sie ihm aus der Hand und der Inhalt ergießt sich über die Bodenplatten. Kompletter Filmriss, überfordert. Augen zu, Hand an die Schläfe, geistiger Neustart.

Und dann ist es endlich überstanden und der Samstag wird realer, greifbarer, echter. Creepy... aber solche Momente kommen vor, und das hat nichts mit Hochbegabung zu tun, das haben sicherlich viele Leser schon einmal erlebt. Paranoia.

post scriptum: Ja. Ertappt. Ich finde diesen Film wirklich richtig gut. Sonst würde ich ihn nicht dreimal innerhalb von zwei Tagen geschaut haben. Sonst würde ich ihn nicht beim zweiten Ansehen noch besser als beim ersten Mal gefunden haben. Sonst würde ich ihn nicht je einmal hinsichtlich der Kameraarbeit und des Soundtracks analysiert haben. Das hatte ich zuletzt vor nicht allzu langer Zeit bei "Dark City" (1998), davor aber monate- bzw. jahrelang nicht mehr. Es sind Filme wie diese, oder zum Beispiel "Suspiria" (1977), die einfach künstlerisch reichhaltig sind und jedes Anschauen neu und anders belohnen.

Samstag, 5. Mai 2018

Verkauft

Wie wird es weitergehen...?

Eigentlich hätte ich es kommen sehen müssen.

Ich bin in den letzten Wochen immer mal wieder in unserem Viertel umhergewandert und mir ist aufgefallen, dass an einem Haus in der Helgolandstraße irgendwann ein neues Schild angebracht worden ist. So ein weißes, transparentes, wie es häufig üblich ist bei Wohnungsbaugesellschaften. Ich kenne das, weil ich in Kronshagen neun Jahre lang in einer solchen Wohnung gelebt habe. Und danach in Husum ebenso.

Mich machen diese Gesellschaften zwar etwas misstrauisch - weil sie in Kronshagen sehr gern und regelmäßig die Miete erhöht haben, und weil sie in Husum nur noch darauf gewartet haben, dass niemand mehr in ihre Wohnungen zieht, damit sie die ganze Häuserzeile plattmachen können. Aber das hat mich nicht interessiert.

Ich habe einen privaten Vermieter, über ein Mietbüro, und ich muss zugeben, ich bin bisher sehr zufrieden: In den vier Jahren, die ich jetzt hier lebe, ist die Miete nur einmal und auch nur geringfügig angepasst worden. Ich fühle mich hier sauwohl. Bis heute. Vielleicht.

Denn heute ist ein Schreiben eingetrudelt, vom Vermieter, dass das ganze Haus verkauft worden ist, und zwar an dieselbe Wohnungsbaugesellschaft, die ich vor einigen Wochen schon ein paar Häuser weiter an der Hauswand als Schild habe blitzen sehen. Und diese Mitteilung löst bei mir natürlich gedankliche Lawinen aus, allerdings versuche ich, sie unter Kontrolle zu halten. Und die erste Frage geht natürlich in die Richtung: Wie wird sich das auf die Miete auswirken? Natürlich kommen Überlegungen, ob jetzt auch jährlich die Miete steigen wird, wie (un)kompliziert sind diese Menschen - deswegen würde ich jetzt gern Euch, liebe Leser, fragen, ob jemand schon einmal Erfahrungen gesammelt hat mit der BUWOG (bei'm Vorlesen bekomme ich Hunger auf asiatische Nudeln).

Die große Buba meinte heute, dass die einen relativ guten Ruf haben - das würde mich freuen. Für einen HB fällt so ein Vermieterwechsel unter Umständen in die Kategorie "schwerwiegende Veränderung im Leben", ich hoffe, dass ich mittlerweile etwas reifer geworden bin und damit gut umgehen kann.

Dienstag, 3. April 2018

Starthilfe, Schmelzkäse, Einrasten

Irgendwo da unten...

vorweg: Wie im letzten Beitrag geschrieben, habe ich mir gestern Tarsems Film "The Fall" (2006) angeschaut - ich bin hin und weg, wie ein Film mit so wenig "Grundlage" so bezaubernd sein kann. Die Story ist, naja, eine Geschichte, die ein Mann in einem Hospital einem fünfjährigen Mädchen erzählt - gezeigt wird sie per subjektiver Kamera aus der Sicht des Mädchens und das unglaublich bildgewaltig; definitiv ein weiterer Beitrag in der Kategorie Style Over Substance und ein weiterer Film für meine Bluray-Sammlung.

Zurück aus... wo war ich? ...wann war ich? ... ...wer und vor allem... wie war ich??? Ich fange vielleicht dort an, wo die Geschichte beginnt. Weit vor dem Einrasten, weit vor dem Schmelzkäse, weit vor - oder eigentlich genau während der Starthilfe, oder besser, dem Mangel an selbiger.

Lehrer haben die unsinnige Angewohnheit, pünktlich zu den Ferien krank zu werden. Da das so ein Trend zu sein scheint, weigere ich mich natürlich, daran teilzuhaben. Dafür falle ich in eine andere Art Loch, und das ist nicht unbedingt besser; kaum legt sich der Schulstress, stellt sich eine Form der Katatonie ein. Antriebslosigkeit. Ich bekomme den Arsch nicht mehr hoch. Und wie passend - die Ferien beginnen natürlich mit dem Feiertagswochenende, an dem sowieso alles tot zu sein scheint, wenn man vom Klopapier-Einkaufswahn davor und danach und am Samstag mittendrin absieht.

Und so steigere ich mich von Tag zu Tag immer mehr in die Antriebslosigkeit hinein und sehe auch keinen Grund, da rauszukommen: Ich bin mit einem Videospiel versorgt, ich habe noch Nahrungsmittel zuhaus und zur Not reichlich Schnellimbisse innerhalb von fünf Minuten erreichbar. Mittlerweile muss man ja überhaupt nichts mehr einkaufen, zumindest dafür nicht das Haus verlassen: Das Wunder Internet sorgt dafür, dass man sich alles schicken lassen kann und dass der Fachhandel vor Ort eingeht. Wie toll! Moderne Zeiten, würde Charles Chaplin gesagt haben, oder Jacques Tati.

Zumindest könnte man sich alles kommen lassen, wenn die Versandunternehmen mitspielten. Da ich bei DHL mittlerweile grundlegend davon ausgehe, dass alle Lieferungen erstmal einen Tag in den Verteilzentren herumliegen - und das geht noch besser: Letztes Mal lag meine Lieferung nicht nur drei Tage im Verteilzentrum herum, sondern wurde dabei beschädigt, neu verpackt und zwei weitere Male ausgeliefert, so dass ich acht Tage nach Versanddatum ein Monster in Plastik entgegennehmen konnte. Da ich auf so etwas mittlerweile gefasst bin, versuche ich auf andere Versandunternehmen umzusteigen, wenn möglich. Und dachte einmal, DPD sei eine nette Alternative.

Und so sollte am Samstag eine Lieferung hier ankommen, und damit beginnt die Geschichte, die auch mit Schmelzkäse zu tun hat. Ich finde es ziemlich genial, dass man bei DPD ein "Live-Tracking" machen kann. Wenn man auf deren Seite die Sendungsnummer und die Postleitzahl eingibt, wird direkt angezeigt, wo das Paket gerade ist. Auf einer Karte. Und das wird regelmäßig aktualisiert; darüber hinaus wird ein Zeitfenster errechnet, in dem die Lieferung ankommen soll.

Die Idee ist fantastisch, stellt aber hohe Anforderungen an die Paketboten. GPS lebe hoch, und so sehe ich am Samstag auf der Karte einen kleinen Avatar, der mir anzeigt, dass der Wagen mit meinem Paket noch in Gaarden herumeiert. Wird voraussichtlich zwischen 11:44 und 12:14 Uhr hier eintrudeln. Und so aktualisiere ich die Karte hin und wieder, der Wagen kommt meinem Haus immer näher, ich kann näher heranzoomen, der Wagen steht zwei Straßen weiter. Und dann... passiert nichts mehr. Der Status wird nicht mehr aktualisiert. Mittlerweile ist es 12:30 Uhr, und als ich die Sendungsverfolgung neustarte, wird das Paket überhaupt nicht mehr angezeigt. Bermuda-Dreieck? Waldwiesenkreisel?

Am Sonntag wird der Status aktualisiert: Man habe am Samstag um 11:59 leider niemanden in meiner Wohnung antreffen können und eine Benachrichtigung hinterlassen. Wie aufschlussreich. Ich war um 11:59 Uhr anwesend, und es wurde definitiv keine Benachrichtigung hinterlassen. Nun denn, ich lerne, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, und akzeptiere eine erneute Zustellung am heutigen Dienstag.

Jetzt wird es spannend, und es ist auch nicht mehr weit bis zum Schmelzkäse. Heute zeigt mir der Sendungsstatus an, dass das Paket im Paketzentrum in Osterrönfeld liegt, gut, das kenne ich schon, im Laufe des Vormittags dürfte dann wieder der kleine DPD-Auto-Avatar auf der Karte angezeigt werden, Lieferdatum wird mit "heute" angegeben. Um 12:29 Uhr allerdings nicht mehr. Das Paket liegt im Depot, keine Zustellung. Jetzt wird es mir zu bunt, und es ist endlich so weit: Ich bekomme den Arsch hoch.

Und zwar telefoniere ich - und ich liebe es ja, mit unbekannten Menschen zu telefonieren! Aber es wird Zeit, dass ich endlich mal aktiv werde, dass ich endlich aus meinem Feriensumpf herauskomme. Also rufe ich bei DPD an, denn ich möchte herausfinden, ob ich das Paket persönlich in Osterrönfeld abholen kann. Und das ist gar nicht so leicht, bei DPD durchzukommen: Man soll am Sprachcomputer seine Sendungsnummer eingeben - zu einem menschlichen Ansprechpartner kommt man nur, wenn man still bleibt - was einem netterweise nicht erklärt wird.

Jedenfalls schaffe ich es, mir nach Hin und Her ein OK abzuholen: Das Paket liegt in Osterrönfeld bereit, ich kann es bis achtzehn Uhr dort abholen. Warum ich nicht einfach bis morgen warte? Um in die Gänge zu kommen! Jetzt habe ich endlich einen Grund, den ADAC antanzen zu lassen, weil mein Wagen ein paar Monate draußen still überwintert hat und die Batterie tot ist. Also folgt Anruf Nummer Zwei und eine gute halbe Stunde später kommt ein netter gelber Engel vorbei und gibt mir Starthilfe. Also, dem Wagen; meine eigene mentale Starthilfe hatte ich schon.

Und er gibt mir den Hinweis, dass meine erste Tour möglichst eine Stunde am Stück dauern sollte, damit die Batterie sich wieder etwas erholen kann. Also drucke ich mir meinen Fahrplan zum DPD-Lager in Osterrönfeld aus, fahre aber erstmal nach Rendsburg rein, eine kleine Sightseeing-Tour durch den Kanaltunnel, und dabei wird mir bewusst, dass ich monatelang nicht mehr Auto gefahren bin. Und endlich habe ich einen legitimen Grund mit achtzig Sachen über die A210 zu tingeln: Ich muss eine Stunde Fahrzeit voll bekommen, bevor ich mich nach Osterrönfeld aufmache und irgendwann dort endlich den Wagen auf einem Lidl-Parkplatz abstelle.

Neuland. Ich kenne mich nicht aus. Es trägt nicht gerade zu meinem Gefühl von Sicherheit bei, dass der Laden geschlossen ist - oder nicht? Überall stehen Leitern und Handwerker herum. Aber ich brauche ja keine Lütticher Waffeln (Buba sabbert), also kann mir Lidl egal sein. Ich gehe ein paar Hausnummern weiter. Von DPD nichts zu sehen, aber ein Pförtnerhäuschen. Ich gehe dort hinein, trage mich in eine Besucherliste ein. Ich bekomme einen auffälligen Anhänger, den ich während meiner Aufenthaltsdauer immer gut sichtbar tragen soll, ein Besucherausweis. Und ich bekomme die Wegbeschreibung, mit dem Hinweis, dass ich immer auf dem Weg innerhalb der gelben Linien bleiben soll. Muss so sein, denn sonst greift die Versicherung nicht, falls etwas passiert. Und es könnte etwas passieren, denn hier ist ein Umschlagplatz für diverse Unternehmen, es fahren ununterbrochen LKWs durch die Gegend.

Mit diesem neuen Ausweis um den Hals fühle ich mich wie... Schmelzkäse: Ich laufe und laufe, keine Ahnung, wohin, überallhin, und die gelben Linien, die den Gehweg begrenzen, sind wie der Rand des Backblechs, und ich achte darauf, nicht drüberzutreten. DPD? Nicht in Sicht, aber ich laufe weiter, um eine große blaue Halle herum, und plötzlich erkenne ich ein kleines weißes Gebäude mit einem großen Schild "DPD-Paketshop". Endlich hat die Odyssee ein Ende. Ich gehe dorthin, treffe eine sehr freundliche Frau hinter mehreren großen, schweren Türen, die mir mein Paket aushändigt. Von nun an ziert ein Dauergrinsen mein Gesicht.

Ich grinse, weil die Dinge jetzt laufen. Ich grinse, weil gerade die Sonne hervorkommt. Ich grinse, weil mein Auto tatsächlich wieder fährt, auch wenn ich noch nicht weiß, ob es nun auf dem Lidl-Parkplatz wieder anspringt. Grinsend gehe ich den gelb gerahmten Weg zurück, grinsend gehe ich zurück zum Pförtner, grinsend gebe ich ihm meinen Besucherausweis zurück und trage die Uhrzeits meines Abgangs ein. Grinsend steige ich in's Auto, lasse die Zündung an... er startet! Jetzt kann mir eigentlich alles egal sein. Grinsend fahre ich vom Parkplatz, grinsend fahre ich auf die A210.

Und dann fängt es an zu regnen, und dann kommt - wie immer - Stau auf der B76, und dann kommt noch dazu, dass Dank der Baustelle im Viertel Chaos am Waldwiesenkreuz herrscht. Und einige Autofahrer benehmen sich wie Vollpfosten! Ich könnte ausrasten! Aber: Ich raste lieber ein. Ich habe gelernt, in solchen Momenten Tonglen im Augenblick zu praktizieren, das ist eine Meditationstechnik, die mich runterfährt. Und so schaffe ich auch noch die letzten Meter, und als kleinen Gruß der ollen Areté bekomme ich den Parkplatz direkt unten an der Kreuzung.

Ein Abenteuer ganz besonderer Art. Was für ein Aufwand! Aber das war gut so: Endlich habe ich etwas gemacht. Und deswegen bin ich froh, wie der Tag sich entwickelt hat.

Zeit zum Meditieren.

Samstag, 24. März 2018

Stressige Gegend

So wie einst Dirk Bach, könnte ich mich auch rauslehnen und die Schlimme Ecke ein wenig beobachten...

Wer den Beitrag von vorletzter Nacht gelesen hat, erkennt die Anspielung. Es geht also mal wieder um unser kleines Viertel. Und die Welt ist so klein: Meine Mutter hat damals im Studium nebenan in der Rendsburger Landstraße eine Wohnung gehabt, und auch die große Buba kennt jemanden in ebendieser Straße. Wenn ich fünfzig Meter gehe, laufe ich an der Danewerkstraße vorbei, in der Er wohnt. Ein paar Nummern weiter wohnt ein ehemaliger Stupa-Kollege. Im gelben Haus schräg über die Straße hat eine Brachenfelder Kollegin gewohnt. Trägt alles dazu bei, dass ich mich "zuhause" fühle - und dass ich dadurch berufstechnisch extrem unflexibel bin, weil ich nicht wegziehen möchte. Da wäre die Kieler Gelehrtenschule ja eigentlich die perfekte Option für den Beruf; das geht in die Gesamtgedanken ein.

Aber ich bin völlig von meinem eigentlichen Thema abgekommen. Seit einer Woche ist der Wulfsbrook gesperrt. Whatever, Baustellen gibt es überall. Aber das hat ein paar Auswirkungen, die spannend sind. Wer die Gegend nicht kennt: Wenn man aus Kiel über die Hamburger Chaussee rausfährt, hat man nach dem Waldwiesenkreisel (beliebter Ort für Autounfälle) die Möglichkeit, entweder nach links abzweigend auf der Hamburger Chaussee zu bleiben und Richtung Molfsee zu fahren, oder aber rechts abzweigend auf der Rendsburger Landstraße gen Russee zu tingeln. Und sollte man die falsche Ausfahrt gewählt haben, gibt es immer noch die Möglichkeit, über den Wulfsbrook zwischen den Straßen zu wechseln.

Beides beliebt, die Hamburger Chaussee ist eine recht vielbefahrene Straße, besonders Blaulicht-intensiv wegen der anliegenden Helios-Klinik. Umso erstaunlicher ist es, wie ruhig es in unserer peacigen Gegend sein kann - doch das war einmal. Wie gesagt, der Wulfsbrook ist gesperrt, man kann also nicht mehr so einfach zwischen Rendsburger Landstraße und Hamburger Chaussee wechseln, sondern muss jetzt den umständlichen Weg mitten durch unser Viertel nehmen, durch die Helgolandstraße.

Und so kommt es, dass ich seit letztem Montag tatsächlich auf die Fußgängerampel achten muss, bevor ich die Straße zum Sky oder der Sparkasse kreuze, denn es herrscht Stau. In der Helgolandstraße, in der sonst nur hin und wieder ein paar Autos fahren, ist es laut geworden, es wird gedrängelt, es wird gehupt. Menschen werden noch unruhiger und stressiger, als sie es sowieso schon sind, hinter ihrem Steuer. Die Schlange der wartenden Autos reicht quer über den Karpfenteich (lustiger Ausdruck, wenn man es mal bedenkt...), dazu die Wagen, die alles zugeparkt haben, das sorgt für - ja, für was eigentlich?

Man hat die Wahl, sich dem Stress hinzugeben, zu hupen, möglichst schnell vorankommen zu wollen. Sich aufzuregen, den Blutdruck steigen zu lassen. Scheiße, mach' mal schneller da vorne! Diese dämliche Baustelle im Wulfsbrook, ich könnte kotzen, auch die Buslinie Zweiundsechzig fährt jetzt anders, ich muss Umwege laufen, kann nicht einfach mal kein Stau sein? Das Gefühl habe ich schon einmal beschrieben.

Oder man nimmt es, wie es ist. Man akzeptiert seine Lage. Man realisiert, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist, dass es auch andere Autofahrer gibt, die ebenso die Umleitungen nehmen müssen, die ebenso für ihren Weg länger brauchen. Und man versucht, zu entspannen.

Und ich? Ich genieße die Tatsache, dass ich von meiner Wohnung aus all' das ansehen kann, wenn ich das will. Und dass ich im dritten Stock wohne. Über den Dingen. Wörtlich und im übertragenen Sinne.

Zeit für ein Bad.

Donnerstag, 22. März 2018

Peacige Gegend

Waldwiese - gehört einfach dazu.

Ich mag es ja eigentlich nicht, von fremden Menschen unerwartet angesprochen zu werden. Oder, sagen wir es so, ich habe Angst davor. Weil ich nicht weiß, ob ich vielleicht unangemessen reagieren werde usw., hochbegabtes Kopfzerbrechen, das eigentlich echt nicht nötig wäre.

Wie dem auch sei, heute bin ich angesprochen worden. Da setzt sich im Bus eine ältere Dame neben mich, nachdem sie gefragt hat, ob der Platz frei sei. Und leitet direkt über in ein Gespräch, und ich war so überfordert mit der Situation, dass ich einfach das Gehirn beiseite geräumt und mitgemacht habe. Warum das möglich war - weiter unten. Jedenfalls erzählen wir so über Kiel, über unsere Berufe, sie kommt aus der Gegend um Hannover, was hat uns nach Kiel gezogen, wir reden über Mieten, vielleicht sind es die schwarz lackierten Fingernägel, jedenfalls geht sie schnell in's "Du" (was mir sehr zusagt) und wir unterhalten uns, als wären mehrere Jahrzehnte Altersunterschied gar nicht präsent.

Und so unterhalten wir uns auch, wo wir wohnen und wie wir wohnen. Über die Mieten, die am Blücherplatz in die Höhe geschossen sind - ist ja auch so, wer kann sich schon Blücherplatz leisten? Ich unterrichte Blücherplatz, erkläre ich ihr, ich unterrichte Düsternbrook, und wir verstehen uns. Und ich erzähle ihr, dass ich mich in Hassee verdammt wohlfühle. Natürlich liegt das auch an der Art der Wohnung und was ich daraus mache, aber es ist schon ein nettes Viertel. Gar nicht weit zum Drachensee oder Russee, wenn man in die Natur möchte, gute Verkehrsanbindung, es fühlt sich nicht so tot an, hier findet auch mal Alltag statt, natürlich haben wir hier auch kleinere oder größere Problemchen, Einbrüche, Pöbeleien und Zeugs, aber ich find's hier toll, und die ältere Dame auch. Sie sagt: "Hassee ist eine ganz peacige Gegend." Und allein die Verwendung dieses Ausdrucks qualifiziert sie dafür, in Hassee zu leben.

Das war also wirklich eine unterhaltsame Busfahrt; normalerweise bin ich immer froh, wenn man mich nicht anspricht, sondern ich in Ruhe nachdenken kann, Stunden durchgehen, Erlebnisse verarbeiten, all' sowas. Aber heute war die olle Areté hyperaktiv; in meinen zwei Freistunden bin ich nach Hause gefahren, just in dem Moment kommt der Paketbote vorbei, ich kann das Paket in Ruhe auspacken, mich drüber freuen und wieder in den Bus zurück Richtung Schule steigen - Laune im oberen Drittel, und wenn ich dann von so einer fetzigen Oma angesprochen werde, mache ich nicht dicht, sondern gehe drauf ein und genieße den Moment. Wie sagte einst der Dalai Lama?

"Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt."

Samstag, 11. November 2017

Sprayer

Immerhin sind die Türklingeln nicht verklebt worden ^^

Ich glaube, Graffiti sind für niemanden etwas Neues mehr. Für mich war in der letzten Woche zumindest neu, dass unser Hauseingang mal des Nachts eingesprüht worden ist - aber nicht nur der, auch die Schaufenster-Eingangstür-Front von Sky nebenan ist komplett umdekoriert worden - mit weiß, ausgerechnet.

Warum gerade dieser Name???

Dieser Umstand bietet einen Denkimpuls, besonders für Leser, die selbst aus "spannenden" Umfeldern kommen oder mit "schwierigen" Schülern zu tun haben. Es geht gar nicht um die Meinung zu dieser Verschönerung - klar, das ist Sachbeschädigung und es sieht noch nichtmal gut aus. Und wenigstens hätten sie Tscheeeeeeßn richtig schreiben können. Nein, hier fliegt wieder die HB-Dauerfrage herum: Warum tut man sowas?

Ich glaube, wenn ich mich mal ein bisschen online informieren würde, wüsste ich die Antwort längst. Und es ist kein Geheimnis, dass der Anteil der Graffiti in sozial schwächeren Vierteln höher ist als in elitären Gegenden. Man wird in Düsternbrook nicht so viele Graffiti finden wie in Mettenhof. Und wenn ich durch Berlin fahre, entdecke ich auf der Fahrt durch Zehlendorf deutlich weniger Spray"kunst" als in Ahrensfelde; das wird auch Herr Leinhos bestätigen können. Und warum ist das so?

Ich frage mich, ob das Sprayen neben der Gebietsmarkierung bestimmter Gruppen auch eine Art Ventil sein kann; dann nämlich hätte es einen pädagogischen Nutzen, den Sprayern Flächen zur Verfügung zu stellen, an denen sie sich austoben können. Seit der Gemeinschaftsschularbeit ist mir bewusst, dass viele Jugendliche Energie loswerden müssen, Frust abbauen - ob Graffiti dabei helfen können?

Wenn sie mal etwas hübschere Motive nehmen würden - ein weißer Jason in unserem Hauseingang ist einfach langweilig. Witzig finde ich, wie die Außenwände des plaza-Gebäudes verziert sind: Dort sind nämlich Szenen aus dem Einkaufsalltag hingemalt/gesprüht worden. Find' ich gar nicht schlecht.

post scriptum: Er hat sich gemeldet, von sich aus - das bringt ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hab tatsächlich überlegt, ob Er "uns" aus dem Blick verloren hat. Hat Er nicht. Und mittlerweile sind die Graffiti weg, zumindest in unserem Hauseingang.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Hausbeben

...breaking apart...

E.A.Poes The Fall of the House of Usher - modern und in Hassee. Hoffen wir mal, dass es nicht bis zur Katastrophe am Ende der Geschichte kommt. Aber von Anfang an, denn: Zukunft braucht Herkunft.

Als ich zum ersten Mal die Keller dieses Hauses erforscht hatte, war ich erstaunt, wie lang die Gänge des Gewölbes sind. Ich wohne direkt an einer vielbefahrenen Kreuzung, und mein Orientierungssinn hatte mir angedeutet, dass ein Teil der Straße unterkellert sein muss. Das ist wahrscheinlich Unsinn. Aber es fühlt sich tatsächlich so an, nicht nur optisch.

Die große Buba war neulich zu Besuch, wir saßen in aller Ruhe auf der Psycho-Couch, als plötzlich ein Beben durch die Wohnung ging. Ein, zwei, drei spürbare Stöße, quasi ein kleines Hausbeben. Ich kenne das schon zur Genüge, ich erlebe das mit hübscher Regelmäßigkeit; DGB aber hat das zum ersten Mal bewusst wahrgenommen und war, vollkommen zu Recht, etwas erschrocken.

Ich habe ihr dann erklärt, dass das immer passiert, wenn die großen LKWs die Kreuzung passieren. Meine ehemalige Nachbarin hat mich aufgeklärt, dass es am schlimmsten bei den riesigen Kränen ist: Man denkt, dass das Haus kurz vor dem Einsturz steht. Ob das was mit einer möglichen Unterkellerung der Straße zu tun hat, kann ich nicht sagen - wobei, das würden die Gewölbe doch niemals überstehen, oder? Selbst in meiner Wohnung direkt unter dem Dach sind mir schon bei der ersten Wohnungsbesichtigung die Spuren aufgefallen, die das Hausbeben hinterlässt, und nun kommen wir zum literarischen Einstieg zurück.

Die Risse in den Wänden erinnern mich nämlich unweigerlich an den Riss, der durch das Herrenhaus in Poes Geschichte führt und an dem das Haus schließlich zerbricht und dem Erdboden gleich gemacht wird. Und ich frage mich, wann es wohl hier soweit sein wird. Ich hoffe natürlich gar nicht, denn mit dieser Wohnung habe ich mich richtig angefreundet.

post scriptum: Ich schaue gerade wieder Dario Argentos "Suspiria" - die Bluray von '84 Entertainment ist fantastisch! Gestochen scharfes Bild, die Farben (ein eigener Charakter in diesem Film) leuchten noch mehr, und die 5.1-Tonspur zieht mich richtiggehend hinein in den Film. Kein Vergleich zu der DVD, die ich bisher hatte und auf deren Grundlage ich meine erste Suspiria-Rezension geschrieben habe. Es ist, als würde ich einen ganz anderen Film schauen. Ein echtes Kunstwerk!