Sonntag, 18. August 2019

Katastrophenalarm

Was ist passiert???

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Vor Schreck fällt mir die Tüte Nudeln aus der Hand, das Pfund für neununddreißig Cent. Was ist denn mit mir los, warum bin ich so schreckhaft? Eigentlich sollte ich jetzt ruhig sein, denn die einzige Sache, die ich heute rechtzeitig erledigen musste, war es, den Geburtstagsbrief für ihn in den Briefkasten zu werfen, damit er heute mit der Post rausgehen kann. Ich hatte danach aufgeatmet, und eigentlich sollte ich jetzt entspannt sein.

Vielleicht liegt es daran, dass hier wieder unzählige Menschen ihren Einkauf erledigen müssen - kein Wunder, Samstag vormittags, weil sie den Rest der Woche über arbeiten müssen. Und so schaue ich mich erst gründlich um, bevor ich mich nach der Nudeltüte bücke, damit ich niemanden anrempele. Während ich auf dem Boden hocke und fasziniert die Zutatenliste durchgehe (nur Hartweizengrieß, aber ich lese es zehnmal, damit ich etwas länger in dieser Position verharren kann), kommt mir der Gedanke, dass das Geräusch vermutlich eh' nur der Kassenalarm war, und ich stehe auf und schaue zu den Bodyscannern, aber da steht niemand, kein Kunde, keine Kassiererin.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Scheiße! Ich muss diese Schreckhaftigkeit abstellen. Okay, immerhin weiß ich jetzt, dass es nicht von den Sicherheitsscannern kommt, und ich schaue mich um, ob irgendwelche Warnlampen aufleuchten - aber das einzige, was mir auffällt, sind viele andere Kunden, die ebenfalls den Hals verrenken, um zu sehen, was hier los ist.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!!

Okay, jetzt reicht es langsam mal, wir haben es ja verstanden! Diese markerschütternde Sirene bingt mein Trommelfell zum Vibrieren, und auch andere Kunden zucken zusammen. Immer noch keine Durchsage, immer noch kein Mitarbeiter, der erklärt, was hier los ist. Okay okay, Ruhe bewahren, ich kaufe jetzt einfach weiter ein, ich wollte nur Nudeln kaufen, aber es könnte ja noch etwas Wichtiges geben a.k.a. unter zwei Einkaufstaschen komme ich hier nicht raus.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

Da scheint doch eine Stimme zu sein, aber wer... oh, Pastasauce, die brauche ich, und eigentlich kann ich auch gleich Kaugummis mitnehmen, und Kekse. Und irgendwie scheint sich das nervige Alarmgeräusch zu einem Normalzustand entwickelt zu haben, so dass ich kaum noch aufhorche, als es wieder heißt...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

...und deswegen kaufe ich mich Stück für Stück am Regal entlang, Handcreme, ein Paket Zucker, Waschmittel, Chips, ein Schuhspanner, Blumenerde, das Regal ist zu Ende und ich biege um die Ecke in den nächsten Gang, um die Rückseite des Regals leerzukaufen, und vor mir sehe ich...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

...eines von diesen kleinen nervigen Teilen, die mittlerweile wie Pilze aus dem Boden sprießen, eins von diesen... ach fuck, wie heißen die noch... mir versauert die Miene. Ein Baby. Mit einem Spielzeugtelefon in der Hand.

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

Dieses kleine Nervbalg drückt wie wild auf diesem Plastikteil herum, das in regelmäßigen Abständen den ganzen Laden in seinem Bann hält, und langsam bemerken mehrere Kunden, woher der Lärm kommt, und suchen mit genervten Blicken nach der dazugehörigen Mutter, die ein paar Meter weiter bis zur Hüfte in der Käsetheke versunken ist. Zwei genervte Männer ziehen sie an ihren Füßen heraus und weisen sie darauf hin, dass ihr Plagegeist das gesamte Geschäft in den Wahnsinn treibt. Und die Mutter versucht sich irgendwie rauszureden,

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallo hallo...?

denn sie wollte ihr Kind einfach nur vom Schreien abhalten. Ich schüttele den Kopf. Hat diese irre Tante denn nicht mitbekommen, dass seit der Kampagne "Mehr Kinder für unsere Welt/Rente!" (in deren Rahmen Kontrazeptiva komplett verboten worden sind) bei Einkäufen diese neuen, abschließbaren, schallisolierten Babytupperdosen (BTD Version 2.0) in den Einkaufswagen zur Verfügung stehen? Die sind mittlerweile nicht mehr optional, sondern obligatorisch, und für die Dauer des Einkaufs, egal wo, hat das Kind darin weggetuppert zu werden.

Die Mutter entschuldigt sich vielmals, nimmt ihrem Kind das Telefon weg und steckt es, anstelle des Kindes, in die BTD. Und wie von Zauberhand bleibt es still. Kein Alarmsignal mehr, ich schließe die Augen und atme erleichtert durch. Endlich kann es normal weitergehen.

...waaahhh.... ....wääääääähhhhh...

Ohgott, ich habe es geahnt

...wwwaaaaAAAAAHAHHHHHHHHH.....   

...WUUUUUUÄÄÄÄÄÄAAAAAAAHHHHHHHHHHHHH...

...und es hört nicht wieder auf. Ich greife in das Nebenfach meines Einkaufswagens, nehme die Virtual-Reality-Filterbrille heraus und setze sie auf. Der visuelle Filter blendet automatisch alles aus, was jünger ist als sechs Jahre, und auch Kotze im Gang und volle Windeln und stillende Mütter, und über die Kopfhörer klingt beruhigende Fahrstuhlmusik. So schaffe ich es nun doch noch, meinen Einkauf entspannt zu Ende zu bringen. An der Kasse nehme ich die VR-Apparatur herunter, denn ich muss hören, was die Kassiererin sagt. Ich habe ein bisschen Angst, dass das Geschrei mich in den Wahnsinn treiben könnte, doch...

...

...es bleibt still, ein breites Lächeln ziert mein Gesicht, entspannt gebe ich der Kassiererin das Geld und freue mich auf den Rest des Vormitt...

BII-BÜÜÜ!!!   BII-BÜÜÜ!!! ...hallohallohallo...?





[Zeitpunkt des Todes 11.48h]



Lust auf mehr schräge Einkaufsgeschichten? ;-)

- Schnellkasse 2 - die Kontrollwaage schlägt zurück

- Der Wanderer

- Quengeltheke reloaded

Ich weiß nicht, warum, aber manchmal brauche ich so alberne Geschichten ;-)

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