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Samstag, 16. April 2022

Kudderbludder


Ich finde es immer wieder spannend zu beobachten, wie sich die Sprache zwischen der großen Buba und mir entwickelt. Wir erfinden gerne neue Wörter, wobei - man müsste eher sagen, dass diese neuen Wörter passieren. Rechtschreibfehler, Versprecher, Verhörer, all' das führt zu neuen Spracherlebnissen. Und manche davon bleiben hängen und gehen in den Sprachgebrauch ein.

Wenn meine Wahrnehmung mich nicht täuscht, dann ist es meistens so, dass ich ein neues Wort entdecke und DGB das übernimmt - wenn es geeignet ist. Ich kann mich an nicht viele Wörter erinnern, die DGB erfunden hat und die ich aufgenommen habe. Deswegen hat es mich fasziniert, dass ich das Wort "Kudderbludder" einfach nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Danke Buba La Tättah!

Übrigens... es hat ewig gedauert, bis mir bewusst geworden ist, wie oft ich meinen Mitmenschen Spitznamen gebe, die sie überhaupt nicht haben wollen. Die ich einfach nur benutze, weil sie in meinem Ohr lustig klingen. Ich weiß noch, wie Astrid sich zu recht gegen "Schtriddl" gesträubt hat, und auch "YazzTazz" hat mir wesentlich besser gefallen als ihr - und "HoddelToddel" doziert noch heute Latein an der Kieler Uni. "Corinna Beilhardt" erwähne ich gar nicht erst, das war nur einer der vielen Namen, die die große Buba ("Boobz") von mir erhalten hat.

Sorry, Ihr Lieben, ich meinte es nie böse! ;-)

Donnerstag, 9. September 2021

Praktikant gefällig?


Da war die dicke Tuba mal wieder schneller als ich.

Auf der vorgestrigen Lehrerkonferenz gab es einen weiteren Punkt, der im Blog erwähnt werden darf: Der Aufruf unseres Schulleiters nach Lehrkräften, die Praktikanten betreuen würden - Studierende, die entweder ein kurzes Praktikum oder ihr ganzes Praxissemester an der Toni verbringen werden. Ist der richtige Zeitpunkt, das Wintersemester beginnt.

Und ich hätte wirklich riesig Lust, einen Praktikanten zu betreuen - aber auch Angst davor: Dass ich zu sehr in meinem Kopf feststecken könnte, als dass ich vor oder nach dem Unterricht auf ihn eingehen könnte. Dass ich zu festgefahren in meinen Unterrichtsmethoden bin und ihm nichts Sinnvolles bieten kann. All' die Gründe, die mich nach sannitanischer Inspiration zu der Einsicht geführt haben, dass ich vielleicht kein guter Mentor für Referendare sein könnte - oder zumindest ein sehr anstrengender.

Auf der anderen Seite denke ich mir, hey, es ist doch nur ein Praktikum. Er läuft hier und da in meinem Unterricht mit, ich muss ihm keine Lehrproben zeigen - die Hauptsache ist, dass ein Studierender die Möglichkeit bekommt, etwas Schulluft zu schnuppern. Oder? Und ein paar perks hat es ja schon - Austeilhilfe, individuellere Schülerbetreuung...

Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich in die Mentorenliste eintragen soll. Ich würde wirklich gern - oder es zumindest gern einmal ausprobieren.

Dienstag, 13. Juli 2021

Das Ding mit den Sommerferien


Diese Phase der Sommerferien - heiß, Durchhänger, planlos - erinnert mich daran, dass ich mit den Sommersemesterferien während des Studiums immer meine Probleme hatte. Sie waren mir einfach zu lang - wir erinnern uns, drei Monate vorlesungsfreie Zeit. Aufgaben für die Uni konnte ich immer recht schnell erledigen, so dass meistens nichts in den Ferien zu tun war. 

Anfangs ist es natürlich schön, durchzuatmen und von dem Seminardruck befreit zu sein. Irgendwann fehlt dann aber die intellektuelle Herausforderung, und zwölf Wochen unterfordert zu sein, fühlt sich grauenhaft an. Die Tage verlieren ihre Struktur, ich weiß gar nicht mehr, worauf ich hinarbeiten will, Uhrzeit wird zu einer Nebensache. Für mich war die freie Zeit immer zu lang, denn Aspis brauchen eben eine Struktur, sonst werden sie unglücklich.

Die Sommerferien sind zwar nur sechs Wochen lang, aber trotzdem kommt für eine Weile dieses "Wo war ich gerade? Ach, ist eigentlich auch nicht wichtig"-Gefühl auf. Zeigt sich am Blog, der gerade schweigt, und am Aufräumen, das gerade stockt. Das Gute: Dieser Blogeintrag ist ein Zeichen dafür, dass ich mir des geistigen Mäanderns immerhin endlich bewusst geworden bin.

Zeit für einen neuen Plan!

post scriptum: Vielleicht ist das aktuelle Verkehrschaos in Kiel-City der Auslöser für diese Gedanken gewesen; das Sophienblatt wird quasi renoviert, da kommt ein neuer Gebäudekomplex hin und die Straßendecke wird erneuert, so dass die Busse zur Zeit nicht dort entlang fahren können. Vielleicht hat der neue Fahrweg mich aus meinem Gedankenbrei herausgerissen.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Zu Grabe getragen


Im Rahmen der Neuordnung der Regale habe ich heute alles, was mit Latein zu tun hat, in den Keller geräumt. Textausgaben, Fachdidaktik, Schulbücher. Das ist vielleicht etwas drastisch, aber realistisch: Ich brauche Platz in der Wohnung, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich nochmal einen Lateinkurs unterrichten werde, ist sehr gering. Und falls es doch mal dazu kommen sollte, kann ich ja im Keller nach den Relikten stöbern.

Das ist interessant: Im Studium war ich eigentlich mit dem Herzen eher ein Latein- als Englischstudent. Englisch ist ein Massenfach, sehr anonym, Vorlesungen besuchen, Scheine abräumen, niemand kennt mich. Latein dagegen war schon immer sehr familiär. Radi ist so etwas wie mein Ziehvater am Institut für Klassische Altertumskunde geworden. Ich habe mich in die Saturnalien eingeklinkt, ich habe nicht für die Fachschaft Anglistik gearbeitet, sondern Klassische Philologie. Ich habe in Latein meine vier Hiwi-Jahre absolviert. Ich war mit dem Institut sehr eng verbunden - so eng, dass wir nachts ab und an den Teppich bügeln mussten. War 'ne geile Zeit.

Deswegen finde ich es faszinierend, dass ich nun ausgerechnet meine Lateinseite in den Tiefschlaf schicke. In St.Peter-Ording wurde ich zum ersten Mal mit dem Umstand konfrontiert, dass ich vielleicht nie wieder Latein unterrichten würde, und wurde gefragt, ob das okay für mich sei. Mittlerweile kann ich sagen, dass das vollkommen in Ordnung ist. Mir geht es um das Unterrichten an sich, um die Arbeit mit jungen Menschen, Fachrichtung egal. Dann bin ich nun also ein Englischlehrer, der immer mal wieder etymologische Bonmots in seine Lerngruppen wirft. 

Und so ist es nur ganz logisch, dass meine Lateinbücher in den Keller wandern. Ändert nichts an der Tatsache, dass das Fach mich für mein Leben geprägt hat.

Donnerstag, 27. Mai 2021

Zwei-Stunden-Telefonat

Eigentlich mag ich ja nicht gern telefonieren - und trotzdem habe ich mich in der vergangenen Woche am Mittwoch fast zwei Stunden mit einer Doktorandin aus Augsburg unterhalten - man kann schon ahnen, worüber, denn ein Thema, das mich nicht interessiert, würde ich keine zwei Stunden durchhalten. Es ging also um Autismus.

Zumindest so ganz breit gesagt. Die Doktorandin möchte in ihrer Dissertation prüfen, inwiefern englische Unterrichtsmaterialien, die als "inklusiv" bezeichnet släsch beworben werden, auch für Schüler mit einer Autismus-Spektrums-Störung geeignet sind. Ich war total interessiert, als die Mail nach Umfragekandidaten durch das Kollegium ging, habe dieser unbekannten Frau geschrieben und wir haben einen Terminplan gemacht - im ersten Teil hat sie mir Materialien aus sechs verschiedenen Schulbüchern zugesandt, die ich im Hinblick auf typische Autismus-Fragen untersucht habe (Sind die Aufgaben logisch und klar formuliert? Ist die Seite übersichtlich aufgebaut? Werden verschiedene Informationskanäle gleichzeitig eingefordert) etc [was übrigens die tolle Englischstimme der VERA-Prüfung heute als "excetra" ausgesprochen hat, das tat schon ein bisschen weh, oder, Herr Leinhos? Wenn man das so liest?]). 

Und dann habe ich sie zum vereinbarten Termin angerufen (auf die Minute genau, wie Autisten das eben machen, wenn sie einen genauen Termin haben) und es hat sich ein echt interessantes Gespräch entwickelt, in dem es um mich sowohl in der Lehrer- als auch in der Schülerrolle ging, wenn ich feststellen sollte, ob autistische Schüler mit bestimmten Aufgabenstellungen Probleme haben könnten (wie zum Beispiel "Draw a monster. Use a dice." - ich male nicht mit einem Würfel, sondern mit einem Stift).

Das war unglaublich inspirierend, ich habe sehr viele Gedanken daraus mitgenommen, und ich bin wirklich gespannt darauf, die Dissertation zu lesen, wenn sie irgendwann durch die Prüfung ist. Ich bin zwar - ich weiche von der Einschätzung nicht ab - "nur" Aspi, aber ich weiß, welche meiner Ticks ich mir extremer vorstellen muss, um autistisch zu denken. Und es ist ein tolles Gefühl, auf irgendeine Weise etwas beitragen zu können.

post scriptum: Flower Power! Erbsechore zeigt die ersten Blüten - will sie sich etwa schick machen, um aus ihrer Geiselhaft entlassen zu werden? Mal schauen, wann ihre Schwestern es ihr nachmachen.

Freitag, 23. April 2021

Enabler


"Nur weil er Autist ist, sollte er keine Extrawurst bekommen, das wäre unfair gegenüber seinen Mitschülern. Er muss sich eben daran gewöhnen und anpassen."

enable v [T] to make it possible for someone to do something, or for something to happen: enable sb/sth to do sth - enabler n [C]

Konfirmation. Wir treten langsam in die Kirche ein, haben alle unseren Unterricht hinter uns gebracht, nun wird es Zeit für die Feier. Aus der Orgel ertönt Johann Sebastian Bachs Air - das weiß kaum jemand, aber ich hatte damals bei der Organistin Keyboardunterricht und hatte mit ihr darüber gesprochen, dass ich kirchliche Gottesdienste unter anderem wegen der "typisch kirchlichen" Musik nicht mag, dass es für mich wirklich schwer auszuhalten ist, das durchzusitzen. Dass ich eigentlich nur noch weg möchte. Sie fragt mich, was ich denn lieber hören würde - wir hatten gerade Air geübt und ich sagte ihr, dass ich das viel schöner fände. Und dann schwoben die Klänge schließlich durch die Kirche, und ich habe diesen Gottesdienst ausgehalten.

Ich sitze im Mathematikunterricht der neunten Klasse. Während Herr Kries uns an der Tafel das aktuelle Unterrichtsthema erklärt, bin ich in einem Rätselheft zugange, das ich auf dem Schoß habe, halb unter dem Tisch, damit es nicht allzu sehr auffällt, dass ich nebenher etwas Anderes mache. Kein Lehrer spricht mich auf diesen Umstand an - aber ich wette, sie wussten es alle und haben in den Konferenzen darüber gesprochen.

Kurzgeschichtensammlung im Fach Deutsch - jeder Schüler sollte eine maximal drei Seiten lange Kurzgeschichte schreiben, die wir dann sammeln und in einem Ordner für jeden Schüler vervielfältigen wollten. Ich wollte aber unbedingt eine ganz bestimmte Geschichte schreiben, die dann letztlich mit zweiundzwanzig Seiten Umfang mit einer Kurzgeschichte nicht mehr viel zu tun hatte. Mein Deutschlehrer hat mich gewähren lassen.

Drei Jahre später sitzen viele Menschen in unserem Wohnzimmer, Schulfreunde, deren Eltern, Nachbarn. Ich halte eine kurze, vorbereitete Rede und wir schauen uns zusammen den ersten Krimi an, den wir in unserer Freizeit gedreht haben - und ein Jahr später dann den zweiten, mit noch mehr Aufwand gedrehten Film. Mir war das damals nicht bewusst, welch' ein Aufwand das alles gewesen ist, nicht nur für meine Eltern, sondern auch für alle Freunde, die mitgearbeitet haben. Ich habe Regisseur gespielt und empfand das alles als ganz normal.

Projektunterricht Filmanalyse und Agatha Christie im Englischunterricht lesen - das wäre ohne die Unterstützung meiner Englisch- und meiner Religionslehrerin nicht möglich gewesen; auch das waren eher ungewöhnliche Ideen, mit denen ich an sie herangegangen bin. Agatha Christie allein schon deshalb, weil ich den Roman, den ich für die Unterrichtslektüre vorgeschlagen hatte, schon vorher komplett kannte (The Murder of Roger Ackroyd).

Einige Jahre später ziehen die Saturnalien von der Leibnizstraße in die großen Hörsaalgebäude der Christian-Albrechts-Universität um. Auch das wissen nicht so viele Menschen: Damals war es eigentlich tabu, mit einer kleinen, eher privaten Feier (wir waren damals keine registrierte Hochschulgruppe) in einen der "offiziellen" Hörsäle umzuziehen. Ich hatte allerdings ein paar Jahre Kontakt mit Christa K, die damals mit einer ganz tollen Reibeisenstimme in der Raumverwaltung des Präsidiums saß. Und gerade weil wir uns so gut verstanden hatten, hat sie uns das möglich gemacht: Ein ganzes Hörsaalgebäude für zwei Tage unter unsere Kontrolle zu bringen, mit allen nötigen Schlüsseln und einer Hauptpforte, die das wohlwollend hat geschehen lassen. 

Nochmals einige Jahre später schreibe ich bei Radi im Hauptstudium anstelle einer wissenschaftlichen Hausarbeit einen Essay, fast komplett ohne Fußnoten, absolut nicht objektiv. Ich hatte ihn gefragt, ob so etwas möglich ist - er hat mich aufgeklärt, dass man normalerweise so ein Papier als Student postwendend zur Überarbeitung zurückbekommt - und hat mich machen lassen und das Stück mit einer guten Note versehen.

Im Referendariat gab es einen Flashmob in der Schule, der durch eine bestimmte Durchsage auf dem Schulsender begonnen und beendet wurde. Auch das weiß kaum jemand, aber ausgerechnet meine damalige Schulleiterin hat mir das letztlich ermöglicht, obwohl sie zuvor sehr klar geäußert hatte, dass so etwas nicht geht, mal ganz davon abgesehen, dass diese Idee kaum einen pädagogischen Nutzen hatte.

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Ich hatte gerade erst über schräge Ideen im Unterricht geschrieben, und diese Ideen sind mir mein Leben lang immer wieder gekommen. Ich habe nie mitbekommen, wie sich andere Menschen unter sich über diese Ideen geäußert haben - erst im Nachhinein habe ich irgendwann erfahren, dass es "extravagante" Ideen waren, und ich habe mich dann jahrelang gefragt, warum man mir das nicht irgendwie signalisiert hat - und warum man mich einfach hat machen lassen, egal wie unsinnig, aufwändig und nervig diese Idee sein mochte.

Flashforward in meine Lehrerzeit, Sprechprüfungen in Englisch. Wir haben einen klassischen Aufgabenpool dafür und man findet auch Standardaufgaben im Netz und auf den Seiten des Ministeriums. Ich habe - als Prüfer - Angst vor einer ganz bestimmten Prüfung: Ich habe Angst, dass meine Autistin gerade mit den Dialogaufgaben, die Konversationsfähigkeiten erfordern, nicht umgehen kann, und dass sie nicht weiß, wie sie sich zu einem für sie völlig fremden Thema im Monolog äußern soll. Die Angst ist nicht unbegründet; die Probeprüfungen haben da ein extrem unschönes Bild gezeichnet. 

Also bastele ich eine Monologaufgabe zu ihrem Lieblingsthema zurecht, erkläre ihr, dass ich ihr Gesprächspartner im Dialog werde und was ich da von ihr erwarte. Die Prüfung läuft, sie macht das, was sie machen soll.

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Solche Menschen, die etwas für andere Menschen möglich machen, nennt man im Englischen enabler. Ich bin der Überzeugung, dass gerade Menschen mit Förderbedarfen auf solche Enabler angewiesen sind, die ihnen Wege eröffnen, die ihnen im Gegensatz zu neurotypischen Menschen nicht zugänglich sind.

Ich denke nicht, dass das etwas mit Unfairness zu tun hat, und ich sage dann auch sehr deutlich, dass ich eben nicht denke, dass in so einem Fall alle Schüler gleichbehandelt werden müssen. Der einleitende Satz oben stammt aus einer pädagogischen Konferenz vor ein paar Jahren, und ich habe ihn bis heute noch an zwei weiteren Schulen gehört. 

Ich kann verstehen, dass es wie eine Extrawurst erscheint, wenn man einem Autisten Dinge möglich macht, die ansonsten eher ungewöhnlich sind. Wenn meine Mitschüler damals mit Rätselheften im Unterricht gearbeitet hätten, wäre ihnen das wohl eher negativ angekreidet worden. Jetzt, da ich selbst in Zeugniskonferenzen sitze, weiß ich, wie über solche "Fälle" gesprochen wird.

Wenn ich in meinem Leben nicht meine Enabler gehabt hätte - die Lehrer, die an mich geglaubt haben und mir Dinge möglich gemacht haben, Projekte, Sonderwünsche, dann wäre ich deutlich mehr verkümmert, hätte es in der Oberstufe nicht mehr geschafft, aus meinem Loch herauszukommen und daran zu glauben, dass ich irgendwas kann.

Einem Autisten etwas zu ermöglichen - ihm eine Extrawurst zu braten - ist nicht unfair - ganz im Gegenteil: Die Unfairness besteht darin, dass ihm bestimmte Kompetenzen des Gehirns aufgrund einer Fehlentwicklung nicht zugänglich sind; Dinge, die für andere Menschen völlig selbstverständlich sind. Deswegen spricht man ja auch von einer Behinderung, und deswegen mache ich (endlich) seit zwei Jahren meinen Mund auf, wenn ich den Satz mit der Extrawurst in Konferenzen höre und versuche klarzumachen, dass es sich dabei nicht um eine Extrawurst handelt, sondern einfach um einen Nachteilsausgleich, der dem Autisten eine Chancengleichheit ermöglichen soll.

Leider sind nicht alle Kollegen dieser Denkweise zugänglich, besonders, wenn sie von der Behinderung eines Schülers kaum etwas merken (wieder mal dieses "Oh, du bist behindert? Zeig' doch mal!" oder "Oh, die ist behindert? Das glaube ich nicht, sieht man ihr gar nicht an."). Das ist schade, aber wenn es nötig sein sollte, werde ich auf solchen Konferenzen auch weiterhin meinen Mund aufmachen - so, wie es vor über fünfundzwanzig Jahren mein erster Klassenlehrer am Gymnasium gemacht hat. Ohne ihn und all' meine Enablers (und ganz besonders meine Eltern) wäre ich heute ganz woanders, und vermutlich nicht gerade besser dran.

nota bene: Im englischen Sprachgebrauch wird der Begriff "enabler" oft auch für jemanden benutzt, der einem anderen Menschen ein Verbrechen möglich gemacht hat, indem man ihm zum Beispiel dafür nötige finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt hat. Ich wollte gerade Charles Manson als ein Beispiel dafür nennen, aber das passt nicht, der war eher Manipulator.

post scriptum: Ich bin total vernarrt in diese Horrorkomödien, die in alten Häusern spielen, mit warmen Bildern, klassischer Musik und sehr schwarzem Humor. Heute hat ein neuer Film seinen Weg in meinen Kopf gefunden - "The Mortuary Collection" (2019), eine herrlich sinistre Anthologie; ich hoffe, dass sie irgendwann auf Bluray veröffentlicht wird.

Donnerstag, 4. März 2021

Herr -icke hat ein Rad- ab.


Diese Anekdote ist ein paar Monate alt, aber heute ist mir in der Meditation aus heiterem Himmel dieser Satz in den Kopf gekommen ("Herr -icke..."), ich fand den drollig, und der passt sehr gut zu der Geschichte.

Eine Apotheke im Kieler Stadtteil Dietrichsdorf. Ich hatte keine Honigbonbons von Em-eukal mehr, und das geht gar nicht. Zahlung per Karte, Bargeld ist dieser Tage nicht so wirklich in, ich reiche der Apothekerin meine Karte unter dem Plastikschutz hindurch, sie legt sie auf das Lesegerät und hält einen Moment inne. "Dr Hilarius? Ich kenne sie, wir haben damals zusammen Latein studiert, bevor ich zur Pharmazie gewechselt habe. Ist aber ewig her, das muss ein Proseminar bei Radicke gewesen sein."

Solche Situationen begegnen wir immer mal wieder - jemand erkennt mich wieder, ich kenne die andere Person überhaupt nicht. Und mir ist das immer etwas unangenehm, weil ich mir denke, wie unhöflich, jemand erkennt mich und ich kann mich überhaupt nicht an diesen Menschen erinnern. Natürlich ist das ein unsinniger Gedanke, das hat ja mit Höflichkeit nichts zu tun, und dennoch ist es mir unangenehm, für einen Moment, jedesmal wieder.

Und wie kommt es überhaupt dazu, dass es immer wieder jemanden gibt, der mich wiedererkennt und ich bin völlig planlos? Jemand hat mal gesagt, ich sei unvergesslich, ich denke, das hängt mit meinen Outfits zusammen. Wenn es tatsächlich im Proseminar Eins war, dann hatte ich Socken in Sandalen im Winter an. Es könnte aber auch ein ganz spezieller Moment in Erinnerung geblieben sein: Ich bin mitten im Seminar aufgestanden und habe zu Radi gesagt: "Finden sie nicht, dass zwei Klausuren, ein Referat und eine Hausarbeit ein bisschen viel sind für einen Teilnahmenachweis?" Denn das wollte er tatsächlich machen, und wir hatten unter Kommilitonen schon einmal darüber gesprochen, dass wir das doch etwas heftig finden. Aber der Aspi kann natürlich sein Maul nicht halten und klatscht seinem Prof das Ganze vor versammelter Mannschaft in's Gesicht. Mit Kopftuch.

Das dürfte das Wiedererkennen erklären, und ich kann meinen Mund auch heute nicht halten.

post scriptum: Wobei ich gemerkt habe, dass der selektive Mutismus (a.k.a. einfach mal die Fresse halten und gar nichts mehr sagen) ein angenehmer Weg ist, um nicht immer wieder Menschen vor den Kopf zu stoßen ;-)

Freitag, 8. Januar 2021

Das zieht Kreise


Genau aus diesem Grund möchte ich kein Politiker sein: Was man sagt, hat Gewicht. Donald Trumps Worte haben Folgen, er hat seine Anhänger dazu aufgestachelt, das Kapitol zu erstürmen, also haben sie das gemacht. Natürlich müssen die Aufständigen zur Rechenschaft gezogen werden, aber es ist und bleibt Donald Trumps Schuld an diesem bemerkenswerten Zwischenfall. Weil er sich überhaupt nicht darum schert, was er sagt.

Kenne ich irgendwoher - denn ich mache es auch so, allerdings suche ich mir das nicht aus. Ich habe an sieben Schulen unterrichtet, und an sieben Schulen wurde ich früher oder später zur Schulleitung zitiert, weil ich im Unterricht etwas gesagt habe, das ein Lehrer eigentlich nicht sagen sollte. Ich spreche aus der Stimmung heraus, aus der jeweiligen Atmosphäre heraus und im Register der Schüler, und da kommen problematische Formulierungen heraus, die ich in dem Moment überhaupt nicht als problematisch wahrnehme; erst Tage oder Wochen später habe ich dann eine Notiz in meinem Fach im Lehrerzimmer "Bitte um ein Gespräch" von der Schulleitung.

Ja, das liegt am Asperger-Syndrom. Whatever. Aber das kann mir gut erklären, warum ich wirklich kein Politiker sein sollte: Ich würde so viele Dinge sagen, die für Aufruhr sorgen; ich bin immer wieder baff, wie wenig Zündstoff Angela Merkel in ihre Worte einbaut - das würde ich niemals schaffen. Als ich damals im Studium meinen Sitz im Studierendenparlament hatte, habe ich die meiste Zeit meinen Mund gehalten, und das ist eigentlich keine gute Grundhaltung für einen Politiker, und sei es ein studierender Politiker. Einige meiner Kollegen von damals sehe ich heute im Fernsehen und denke mir, joah, Du hast das schon genau richtig gemacht. Und ich auch. War eine tolle Erfahrung, reicht aber auch.

Donald Trump ist kein Aspi, sondern ein Arsch. Deswegen ist es ihm vollkommen egal, was er sagt und was er damit auslöst. Er hat das sogar wörtlich gesagt: "I don't take any responsibility for anything" - er übernehme überhaupt keine Verantwortung für irgendwas. Und das von einem Mann, der eine Nation hat leiten sollen. 

Wird Zeit, dass das Pommesbaby aus dem Weißen Haus entfernt wird.

Und dass ich wieder trainiere, meinen Mund zu halten.

post scriptum: Und dass ich weiter das Lojong praktiziere - "Donald Trump ist ein Arsch" ist nicht gerade buddhistisch formuliert -.-

Freitag, 31. Juli 2020

Durchgebrannt (T'n'T)

Die Hochzeitsgesellschaft

Ich bin mir nicht ganz sicher - kann es tatsächlich sein, dass ich diese Anekdote im Blog noch nicht erzählt habe? Falls ja, dann überspringt Ihr das einfach. Falls nein - nun, diese Geschichte zeigt, wie viel Unsinn man machen kann, wenn man jung ist. Ist vielleicht gerade nicht ganz unpassend, wenn man betrachtet, wie viele Jugendliche und junge Erwachsene momentan trotz der Corona-Pandemie es auf's Feiern anlegen - momentan ist die Berliner Hasenheide in den Medien, aber auch in Hamburg soll es Einschränkungen zum Alkoholausschank geben. Und was hat dieser Irre äi käi äi DrH damals im Studium gemacht? Er ist mit seinem damaligen Freund durchgebrannt - und hat seine "Hochzeitsgesellschaft" sitzengelassen.

Aber von Anfang an. Ich habe T vor fünfzehn Jahren kennengelernt. Wir waren damals im Kieler Birdcage für einen netten Abend. Mein Freund D (wir waren damals seit einigen Wochen im Guten getrennt) hatte mich dorthin geschleppt, er wollte sich mit seinem Ex treffen, der hatte seinen neuen Partner dabei, und irgendwie waren wir dann also eine Tuckenrunde, in der scheinbar jeder was mit jedem hatte, außer mir. Ja, so ist die Schwulenszene nun mal; auch wenn nicht alle so sind, so werden Partner doch gern und häufig weitergereicht. Man nimmt eben, was man bekommen kann, als Minderheit in der Bevölkerung, und außerdem habe ich den Eindruck, dass Schwule sexuell aufgeschlossener sind - wenn sie denn ihr closet erstmal aufgeschlossen haben.

Ich fand T damals sofort total süß. Er sah ziemlich jung aus, hatte ein richtig niedliches Gesicht und Lächeln und überhaupt, ich war sofort in ihn verschossen - aber das behielt ich natürlich für mich. Nach und nach fingen wir an, über die blauen Seiten zu chatten, und so kam eins zum anderen, beziehungsweise ich kam im Auto eines Nachts zu ihm nach Westerhever auf Eiderstedt, wo er seinen Zivildienst in einem Pflegeheim absolvierte. Einfach nur für einen Filmabend, selbstverständlich, ich war viel zu schüchtern, um nach etwas Anderem zu fragen. Wir haben Sommersturm geschaut, ausgerechnet.

Sorry, es wird auch ein bisschen romantisch und kitschig - durchhalten!

Das war zwar nicht im Sommer, aber es war trotzdem stürmisch. Das hat es drinnen umso gemütlicher gemacht, und es hat nach dem Ende des Films nicht mehr lange gedauert, bis wir zusammen auf's Bett gefallen sind und gekuschelt haben. Das war einer dieser Momente, die bestimmt einige von Euch kennen - endlich ist diese Barriere gefallen, ich weiß, dass ich den Anderen küssen darf, die Schüchternheit darf mal etwas in den Hintergrund rücken. In dieser Stimmung hat T mir erzählt, dass er sich bereits an diesem Abend im Birdcage vor einigen Monaten in mich verguckt hat. Das hat wohl auf Gegenseitigkeit beruht, das ist eine Grundlage für immerhin ein paar schöne Momente. Außerdem hat es irgendwie gepasst - ohne in die Details zu gehen, kann man sagen, dass T'n'T charakterlich und sexuell ganz gut zusammengepasst haben.

Wir waren außerdem beide gern albern und etwas kindlich. "Etwas??" mag sich jetzt vielleicht die Sannitanic fragen. Ja, genau wie bei der großen Buba habe ich auch bei T in den Kindheitsmodus gewechselt; man könnte fast sagen, ich hätte mich schwul verhalten. An solch' einem albernen Abend haben wir uns überlegt, dass wir doch einfach mal heiraten könnten. Nicht Standesamtiges, nichts Kirchliches, einfach nur eine kleine nette spielerische Geste. Das war natürlich nur ein Hirngespinst, aber an dem Abend haben wir uns das richtig detailliert ausgemalt - ein schönes Essen, eine richtige Predigt, alle in tollen Outfits, und natürlich würden wir dann auch durchbrennen und einfach mit dem Wagen von Kiel nach Dithmarschen fahren, an die Westküste, zu meinen Eltern, und dort die Hochzeitsnacht verbringen.

Diese Hirngespinste sind nach und nach so detailliert geworden, dass wir uns fragten, warum wir eigentlich noch überlegen. Dass das eine völlig schwachsinnige, irre, planlose, wilde Idee war - geschenkt. Wir sind Twens, wir wollen high life in Tüten, also warum nicht? Und so haben wir uns zusammengesetzt und einen Plan gebastelt. Rückblickend: Perfekt - Pläne, die dann eingehalten werden können, finde ich toll, das entspannt mich, und deswegen haben wir einen genauen Ablauf für das Event vorgesehen, das ich im Folgenden einfach Hochzeit nenne.

Als Erstes würden wir uns bei Burger King treffen. Freunde des Bräutigams und des Bräutigams. Dort würden wir uns vollstopfen, und dort würden wir auch die Trauung durchführen lassen. Wer würde uns wohl die Ehre des Standesbeamten erweisen? Ich fand es großartig, dass YazzTazz sich bereiterklärt hat, die Hochzeit zu vollziehen, in einem wunderschönen Bollywood-Outfit, und die anderen Gäste bitte in Abendgarderobe. Das sollte problemlos ablaufen. Danach gehen wir dann die zweihundert Meter Richtung Kronshagener Berge, alle Gäste werden in mein Zimmer verfrachtet, und ich bereite in der Küche den Nachtisch zu. Das wäre meine Ausrede, um aus dem Zimmer zu verschwinden. Und T? Der würde sich einfach auf's Klo entschuldigen. 

Und dann? Wie bekommen wir das hin, ihnen klarzumachen, dass wir durchbrennen würden - nicht, dass sie sich noch ernsthaft Sorgen machen, wenn wir plötzlich unauffindbar sind. Wie man es auch dreht und wendet - wir brauchten einen Komplizen. Einer der Gäste musste in den Plan eingeweiht sein, musste den genauen Ablauf kennen und zur Not die richtigen Schritte im Ablaufplan dirigieren. Es musste jemand sein, auf den ich mich absolut verlassen konnte, jemand, der den anderen Gästen eher unbekannt war, damit nichts rausrutschen konnte. Also fragte ich bei meiner besten Freundin A an, jene, in die ich damals in der Oberstufe verliebt war. A fand die Idee witzig und machte sich von Dithmarschen auf den Weg, um unsere Verbündete zu werden. Dann mussten wir nur noch einen "Abschiedsbrief" vorbereiten, Knabbersachen und Getränke bereitstellen, damit die zurückgelassenen Gäste sich trotzdem noch einen schönen Abend machen können. 

Genau so haben wir das Event dann durchgezogen. Es hat alles geklappt wie am Schnürchen, YazzTazzs Rede war schön, das Essen war lecker, die Gesellschaft sehr nett, niemand hat Verdacht geschöpft. Ein irres Gefühl, wie der Puls schneller wird, wenn man realisiert, dass es nur noch ein paar Minuten sind, bis man die Wohnung verlässt. Aufregend! T war genau so aufgeregt, aber wir versuchten, uns nichts anmerken zu lassen. Als der Nachtisch fertig zubereitet war, gab ich A und T im Zimmer das verabredete Zeichen und begab mich auf die Flucht - T einen kleinen Moment später. Aufgeregt standen wir im Fahrstuhl nach unten, der Puls rast, hoffentlich merken sie noch nichts, wäre zu blöd, wenn sie uns doch noch abfangen. Aber trotz aller Aufregung musste ein romantischer Kuss im Fahrstuhl noch sein. Dann ab in den Wagen, die Taschen schon längst eingepackt, und raus aus Kiel, total verliebt.

Ein einziger Wehmutstropfen blieb - ich hätte zu gern miterlebt, wann die Anderen merken, dass etwas nicht stimmt, und wie sie darauf reagieren, und was sie aus dem Abend machen. Schon damals war ich intensiv daran interessiert, menschliches Verhalten zu beobachten, und das wäre echt toll gewesen. Leider hatte ich dazu keine Gelegenheit.

...würde ich sagen, wenn wir nicht auch das mit eingeplant hätten, und so hatte ich in meinem Bücherregal ein Diktiergerät versteckt und auf Aufnahme geschaltet. So habe ich am Sonntag Abend einen kompletten Tonmitschnitt des Abends vorgefunden, habe mir ein leckeres Essen zubereitet und dann genüsslich schmunzelnd angehört, was die anderen Gäste so erlebt haben. Ich habe diese Datei auch heute noch, und es ist immer wieder schön zu erleben, wie die Anderen sich zunächst irgendwann fragen, wo T'n'T so lange sind - Mutmaßung: T ist zu T auf die Toilette gegangen und sie machen dort herum. Lacher. Einige Minuten später wird es etwas ernster, einer macht sich auf die Suche, findet aber niemanden. Leider auch nicht den Abschiedsbrief, den wir nicht sehr subtil an die Eingangstür gehängt hatten. Zum Glück war A noch vor Ort, und hat unauffällig den Zettel gefunden und alle aufgeklärt, dass wir durchgebrannt sind. Zu schön, sich die Gesichter in dem Moment vorzustellen!

Nun hätte ich ja gedacht, dass sie dann einfach den Nachtisch essen und nach Hause gehen - aber Studenten feiern nun mal gern, und so haben sie sich den Nachtisch aufgeteilt und nette Musik angemacht - Zitat: "Gute Musik bei T zu finden - ein hoffnungsloses Unterfangen." und sind dann schließlich bei ABBA Gold gelandet; von da an haben sie sich noch einen schönen Abend gemacht, zwei Stunden lang nett unterhalten, amüsiert über unser Durchbrennen, und haben sich Pläne überlegt, wie sie sich "rächen" könnten, darunter das Bett auseinander bauen oder alle CDs in den Alben vertauschen. Großartig! 

Unter'm Strich muss ich sagen - egal, wie dämlich die Idee auch gewesen sein mag, es war aufregend und wir hatten jede Menge Spaß. Eine Anekdote, an die ich mich vermutlich noch lange erinnern werde. Und unsere Eheringe haben wir noch heute ;-)


Mittwoch, 22. April 2020

Denken in Extremen


Wer aufmerksam mitgelesen hat, der wird gemerkt haben, dass sich die letzten beiden Beiträge über Visuelles Denken und Eingeschränkte Interessen um klassische Merkmale von Menschen mit dem Asperger-Syndrom gedreht haben, und ich habe versucht aufzuzeigen, inwiefern das auf mich zutreffen könnte. Heute geht es damit weiter, und vermutlich wird sich auch der nächste Beitrag noch einmal um Aspi-Symptome drehen. Vielleicht schreibe ich das einfach nur als Reaktion auf die Aspi-Bücher, die ich gerade lese, und in denen ich mich ziemlich gut wiederfinden kann. Keine Sorge, bald kommt auch wieder der ganz normale Wahnsinn an Blogthemen.

Ich bin nicht wirklich kompromissfähig. Das habe ich spätestens in der Saturnaliengruppe gemerkt; ich habe über die Jahre sehr viele Beiträge für das Theater geschrieben, der Großteil davon (zum Glück) unveröffentlicht. Gerade in den späteren Jahren habe ich dazu tendiert, Sketche zu umfangreich zu schreiben, zu viele Informationen, damit das Ganze "rund" wird. So hatte ich nach dem Schlussstrich zwar das Gefühl, ein fertiges Ding abgeliefert zu haben, aber für die praktische Umsetzung auf der Bühne waren die Sachen einfach zu lang, Lachfrequenz zu gering, zu sachlich.

Ich habe mich immer wieder mit der Frage konfrontiert gesehen, ob ich Sketche kürzen könnte, damit sie vielleicht doch auf die Bühne gebracht werden könnten. Ich konnte mich nie dazu durchringen: Ganz oder gar nicht. Und auf diese Weise sind viele Beiträge auf meiner Festplatte verstaubt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie der Beitrag mit ein paar Kürzungen immer noch das sein konnte, was ich auf die Bühne bringen wollte.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken, das Denken in Extremen, zeigt sich auch in einer anderen Anekdote.

Im Studium ist es oft vorgekommen, dass ich Gespräche immer wieder auf mich gelenkt habe, und das hat oft gar nicht so lang gedauert. Entweder ging es in meinen Beiträgen um mich oder um die Themen, die mich interessierten. Selten habe ich ernsthaftes Interesse für die Anderen gezeigt - ich habe einfach nicht daran gedacht. Es ging nur um das neue Buch, das ich gerade entdeckt hatte, oder um den neuen Film oder welches Problem mich gerade beschäftigte. Die Egozentrik ist für Aspis ein ganzes Kapitel für sich - darum geht es heute aber nicht.

Irgendwann bin ich auf diesen Umstand angesprochen worden. Ich habe nicht mehr den genauen Wortlaut zur Hand, und ich weiß nicht mehr, wer das war, nur, dass es mindestens zweimal von unterschiedlicher Seite gekommen ist: "Bei dir dreht sich alles nur um dein Thema." Ich wurde völlig aus der Bahn geworfen. Was? Machte ich das tatsächlich, immer nur von mir und meinen Themen zu reden? Und je mehr ich darüber nachdachte, umso stärker schwante mir, dass da etwas dran ist.

Also beschloss ich, gar nicht mehr zu reden. Auf diese Weise könnte ich auch nichts Falsches mehr sagen. Die Menschen, die mir nahe stehen, die Sannitanic und die große Buba, können bestätigen, dass ich heutzutage viel weniger rede als noch im Studium, sondern eher zuhöre. Selektiver Mutismus, das "bewusste Schweigen", ist ein klassisches Phänomen bei Aspis (unter anderem auch bei Greta Thunberg) und resultiert aus dem Denken in Extremen: Wenn ich etwas sage, dann ist es falsch, also sage ich gar nichts mehr.

Dass man auch abstufen könnte - weniger zu reden, oder anders zu reden - kommt mir dabei nicht in den Sinn, denn ich bin von diesem Schwarzweißdenken geprägt. Ganz oder gar nicht. Das ist auch etwas, was ich mir bisher nicht abtrainieren konnte (oder wollte). Nachdem nun aber jedes der Aspibücher, die ich lese, auf dieses Phänomen verweist, frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, das abzutrainieren. Die Bücher postulieren, dass es geht, aber es gehört sehr viel Training dazu.

Der Umstand, dass Aspis gern allein sind, trägt leider nicht zur Verbesserung bei: Wenn ich allein bin, muss ich nicht aufpassen, was ich sage, und muss mich nicht anpassen. Das ist mir am liebsten, am bequemsten, aber gleichzeitig habe ich auf diese Weise kaum interaktionelle Trainingschancen, dieses extreme Denken zu überwinden.

Ist das nachvollziehbar?

Allein dieser Ausdruck "interaktionelle Trainingschancen"... da isser wieder, der arrogante, überhebliche Klugscheißer. Das führt zu dem nächsten Aspi-Symptom - aber das kommt im nächsten Beitrag. Danke für's Zuhören Släsch Mitlesen!

post scriptum: Das dritte Buch zu diesem Thema gefällt mir bisher am besten, weil es ein schön übersichtliches, geordnetes Handbuch ist - Tony Attwoods "The Complete Guide to Asperger's Syndrome". Dort werden nicht nur alle Symptomatiken beleuchtet, sondern auch die Frage beantwortet, warum man sich überhaupt eine Diagnose einholen sollte. Und diese Antwort werde ich jetzt jedem um die Ohren hauen, der mich fragt, warum ich denn unbedingt eine Diagnose haben will. ;-)

paulo post scriptum: Nachdem die Netflix-Serie "Tiger King" von den Kritikern so hoch gelobt wurde, musste ich herausfinden, warum das so ist. Ich bin jetzt mit der dritten Folge (von insgesamt acht) durch, und es spricht einfach so viele verschiedene Gefühle an, den Tiger King mit seinem Ehemann zu sehen, die Beziehungen zwischen Menschen und Großkatzen, aber auch die kriminellen Machenschaften - auch seitens der Tier"retter"; die dritte Folge bietet Stoff für einen Thriller, das war heute richtig spannend. Ich werde mir das definitiv weiter anschauen ;-)

Montag, 16. Dezember 2019

Der Saturnalien-Circ(ul)us

Das waren noch Zeiten, in der LS8 auf Tischen ;-)

vorweg: Eigentlich sollte hier heute (bzw. schon gestern) der erste Gastbeitrag dieses Blogs stehen, die Kurzgeschichte einer Schülerin. Leider habe ich mal wieder Probleme damit, den Text in das Blogformular zu kopieren, ohne dass die Hälfte verschwindet und der Rest kaum noch lesbar ist - deswegen tippe ich die gesamte Geschichte noch einmal ab, und das dauert noch ein kleines bisschen.

Vergangenen Freitag waren die Saturnalien Zweitausendneunzehn, diese irre kleine Festivität, bei der sich die Dozenten der Klassischen Altertumskunde der Kieler Uni von ihren Studenten durch den Kakao ziehen lassen. Seit ich vor acht Jahren zum letzten Mal selbst dabei auf der Bühne stand, war ich nur ein einziges Mal dort gewesen; zu stark war noch der Abschiedsschmerz, und dazu kommt, dass ich nicht hingehen wollte, wenn Er dabei ist, denn dann bekomme ich ihn nicht mehr aus dem Kopf.

Diesmal war eine ehemalige Schülerin von mir so nett, mit mir hinzugehen, und wir hatten eine Menge Spaß dort; ein paar der intensivsten Eindrücke möchte ich hier gern festhalten.

Radi. Wow, die gesamte Familie Radicke war dort, und mein ehemliger Lateinprof kommt ebenfalls in die Jahre. Damals haben wir unseren Radi-Darstellern die Haare mit ein wenig Trockenshampoo eingesprüht, um die weißen Strähnchen zu treffen - mittlerweile hat Radi kaum noch Haare auf dem Kopf, und der vorhandene Rest ist strahlend weiß. Das führt einem vor Augen, wie rasch die Zeit in's Lande geht. Wo weise Kräfte walten, können sich keine Haare halten.

Hurka. Es ist schön zu erleben, wie (der echte) Hurka mittlerweile zu einer richtigen Rampensau geworden ist, nachdem wir ihn damals etwas abgeschreckt haben. Er macht echt jeden Spaß mit, egal, ob es um Filmaufnahmen geht oder Albernheiten bei'm Dozentenspiel. Das finde ich großartig, denn eigentlich sollen die Saturnalien genau diesen Geist haben.

Krupa. Mit ihm habe ich damals noch studiert, und er ist inzwischen zum Dozent geworden. Genau so ein Unikat wie damals, garantiert er heute bei der Aufführung zahllose Lacher und ist immer noch saucool, egal, wie viele Silben er dabei verschluckt.

Dschungelcamp. Als ich zum ersten Mal auf der Saturnalien-Bühne stand, hatten wir einen Sketch zum Dschungelcamp geschrieben, das damals neu im Fernsehen war. Bei uns sollten die Dozenten Dscungelprüfungen absolvieren - wie zum Beispiel das Schmücken eines Weihnachtsbaums, mit dem ich als Herr Stenger gnadenlos überfordert war. Fünfzehn Jahre später gab es nun wieder ein Camp, und diesmal bestanden die Prüfungen aus Unterrichtsstunden, die die Dozenten vor verschiedenen Schulklassen durchführen sollten. Schöne Idee, die der neuen Fachdidaktik-Professur in der KlassAlt gerecht wird.

Circ(ul)us. Auch einen anderen Beitrag hatten wir schon einmal in leicht abgewandelter Form auf die Bühne gebracht, nämlich Verdammt, ich lieb' dich von Matthias Reim. Damals wie heute unter dem Thema Latein, ich lieb' dich. "Circus" bedeutet Kreis, und für mich war es irgendwie die Bewusstwerdung, dass manche Beiträge über die Jahre immer wieder auftauchen werden, quasi ihre Runden drehen, manchmal ein großer Kreis, manchmal ein kleiner "circulus". Nur eben mit einer neuen Generation von Saturnaliern.

Und das macht das Erleben keineswegs schlechter. Es erinnert mich nur an damals, als Herr Radicke irgendwann zu mir meinte, er wünsche sich mal etwas richtig Originelles bei der Aufführung, viele Dinge wiederholten sich ja letztlich immer wieder. Da ist viel Wahres dran, und gerade deswegen liegt es ja in der Verantwortung jedes Saturnaliers, die Inhalte immer wieder ansprechend zu präsentieren.

Vielen Dank, es hat echt Spaß gemacht!

Montag, 11. November 2019

Furz während der Examensprüfung (II)


Ist ja interessant - bei der Englischprüfung weiß ich noch ganz genau, dass die große Buba da war. In Latein bin ich mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, die Sannitanic hat mich zum Schafott begleitet.

Zweiter Akt: Der Furz

Mein Prüfer, R, wollte mich zu der Examensprüfung unbedingt mal in einem "vernünftigen Outfit" sehen, nicht alles mit Totenköpfen und Skeletten und so, und den Wunsch wollte ich ihm erfüllen. Die Nägel waren zwar immer noch schwarz lackiert, aber ich hatte ein schwarzes Hemd an, schwarze Krawatte, schwarze Hose mit schwarzem Gürtel und eleganter Gürtelschnalle, und die schwarzen Schuhe hatte ich am Vortag extra noch einmal geputzt. Irgendwie sollte das alles meine Panik kaschieren; wenn ich schon untergehe, dann wenigstens mit Stil. In Latein ein Insiderwitz.

Und so saßen wir beiden vor der Tür, glaube ich, nachdem ich meine Ankunft per Klopfen bekannt gegeben hatte, und irgendwann ging die Tür auf, Licht flutete den Korridor des Institut für Klassische Altertumskunde, und ich setzte mein gründlich geübtes Lächeln auf. Hinein in den Prüfungsraum, Rs Büro, da war ich schon öfters, und dort standen dann auch B, der Zweitprüfer, und eine Beisitzerin aus dem Ministerium, deren Namen ich schon wieder vergessen hatte. Sie waren alle sehr freundlich, und so setzten wir uns an den runden Tisch, und irgendwie schwang eine DrH-kann-das-Fröhlichkeit im Raum, seitens der Prüfungskommission, und ich bekam noch mehr Panik - im Studium meine Dauerangst, und auch danach noch: Ich kann den Erwartungen, die an mich gestellt werden, nicht gerecht werden. Und warum erwarten die von mir überhaupt eine gute Leistung? Ich wusste damals nichts von "Hochbegabung", war in Latein immer wieder schwankend zwischen Zwei und Vier. Und das war seitens des nett meinenden R, aber heute musste ich auch B antworten, und der würde klar aufdecken, wie schlecht ich in Latein bin.

"Womit möchten sie denn anfangen?" und ich entschied mich für Prosa - Petron - in der Hoffnung, dass damit das Eis gebrochen werden konnte, denn Petrons Werk hatte ein paar witzige Passagen. "Dann schlagen sie mal Kapitel 47 auf, sie nehmen bitte Oxford, die Tusculum-Ausgabe ist für unsere Beisitzerin, und lesen sie mal vor, bis wir sie stoppen."

Ich schaue auf den Text und merke schnell, dass wir uns mitten in der Cena Trimalchionis befinden, eine der albernsten Episoden - und atme auf. Ich hatte befürchtet, dass es eine der späteren, unbekannteren Passagen wird, aber R hat sich für den Standard entschieden. Warum auch immer. Während ich den lateinischen Text vorlese, komme ich immer wieder in's Kichern, denke mir, das kann doch nicht sein Ernst sein?! DIESE Stelle? Und dann übersetze ich, wie Trimalchio sich bei seinen Gästen entschuldigt, weil er furzen musste. Und erzählt dann ausführlich, wie ihm die Gase im Darm herumfahren, und dass er ja kein Freund davon sei, es zurückzuhalten. Dabei schaut er seine Frau Fortunata an, und die kann das bestätigen. R fragt, wie das gemeint sein könnte, ich bin mir nicht sicher, lese noch ein bisschen weiter, und R und ich ziehen daraus den Schluss, dass Trimalchio und Fortunata nachts keinen Sex mehr haben, sondern - Zitat R - "...die furzen sich wahrscheinlich eh nur noch die ganze Zeit an."

Die Frau vom Ministerium fällt vor Lachen fast vom Stuhl, selbst B kann sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn ich Stellen wie venter sonat, putes taurum analysiere. Und so geht der erste Teil der Prüfung dahin, die Sonne scheint, und wir reden darüber, wie rücksichtslos Trimalchio seinen Gästen von seiner Verdauung erzählt, B-Teil ging recht schnell, da über Petron bis auf einen terminus post quem nur wenig gesichert ist, und dann klingt Rs Telefon, mitten in der Examensprüfung. "Wissen sie was, atmen wir einfach einmal kurz durch, ich bin gleich wieder da, dann machen wir weiter." Und wir drei Übriggebliebenen unterhielten uns spaßig über die Satyrica. Entspannt, aufgelockert, halb totgelacht, alle aufgelaufene Angst verloren.

Und auch im Thema Lyrik hat R sich ein Standardthema für mich ausgesucht, keine fiesen, pieksigen Fragen, und plötzlich reden wir über seine Familie, die zufälligerweise in der Region lebt, von der Ovids Gedicht handelt. Es bleibt aufgelockert-persönlich, freundlich, ich komme nach einer Stunde aus dem Raum und kann noch nicht verarbeiten, was da alles gerade im Raum passiert ist. WARUM hat R die Prüfung für mich so einfach gemacht? WARUM diese Textstellen? Ein paar Minuten später erhalte ich meine Note, ein strahlender R, ein strahlender DrH, dennoch verwirrt, dass so etwas eine Examensprüfung sein kann. So abgefahren, so albern... daraus muss sich doch etwas für die Saturnalien schneidern lassen, denke ich mir. Und nehme mir vor, meine mündliche Prüfung zu fiktionalisieren, so viel würde ich gar nicht ändern müssen, damit es witzig und unterhaltsam wird. Jetzt brauche ich nur noch ein Thema...

Fortsetzung folgt...

Sonntag, 10. November 2019

Furz während der Examensprüfung (I)

Wie kommt man auf so einen Schwachsinn?

Ich hatte einmal über meine mündliche Examensprüfung in Pädagogik geschrieben - auch die in Latein gibt ein bisschen Blogstoff her, denn sie hatte ein Vor- und Nachspiel, quasi ein Werk in drei Akten - Genre zu diesem Zeitpunkt unbekannt, einziges Attribut, das zu geben ich willens bin, ist durchgeknallt. Begeben wir uns also zurück in das Jahr Zweitausendelf.

Erster Akt: Ohne Sicherheitsnetz

Ich hatte immer große Angst vor mündlichen Prüfungen - das ging los in der Sekundarstufe II, als dann irgendwann die mündliche Abiturprüfung anstand - ausgerechnet in Geschichte. Ich hatte deswegen große Panik davor, weil ich nicht wusste, wie so eine Prüfung aussieht. Wie sie sich anfühlt. Angst vor dem Unbekannten, für einige unter Euch nichts Unbekanntes. Hinzu kam, dass wir mündliche Prüfungen an meiner Schule während der Schulzeit überhaupt nicht geübt hatten, keine Probeprüfungen oder so.

Die zweite mündliche Prüfung in meiner Ausbildung war dann die Zwischenprüfung in Englisch, und wieder hatte ich Panik, diesmal aber nicht ganz so viel, weil das Abitur einigermaßen gut gelaufen war und weil ich langsam das Gefühl hatte, Englisch auf die Reihe zu bekommen. Ist auch gut gelaufen, schön. Und dann stand das Erste Staatsexamen an, das gibt es heute nicht mehr, heute ist man Bachelor oder Master in etwas, wenn man sein Studium komplett absolviert hat. Die große Buba und ich mögen zwar Masters of Teig sein, aber ich habe noch das alte Examen, sie den neuen Master in Englisch.

Teil des alten Staatsexamens war neben den Klausuren auch je eine mündliche Prüfung in beiden Fächern und Pädagogik, und ich hatte dann wieder weiche Knie. Nein, vor der Englischprüfung nicht; nach der Zwischenprüfung und mit Rückblick auf das Studium hatte ich da ein ganz gutes Gefühl, aber als ich bei den anderen professores angetreten bin, um Prüfungstermine zu holen und Prüfungsthemen vorzuschlagen, habe ich mich ein bisschen komisch gefühlt.

Und dann kommt man aus dem letzten Büro und hat seinen Notizzettel vor sich: Tag 1 Englisch, Tag 4 Pädagogik, Tag 11 Latein, und dann würde ich mein Examen in der Tasche haben. Wenn ich das denn schaffe, denn vor Latein hatte ich richtige, wirkliche Panik, ich war kein sehr guter Lateinstudent, mit stark schwankenden Leistungen. Naja, immerhin Englisch zuerst, das gibt dann wenigstens einen guten Start in die Prüfungsphase...

...dachte ich nicht mehr, als ich am Ende der Englisch-Prüfungsstunde aus dem Büro von PrDrZ in die Arme der großen Buba gefallen bin, verwirrt, panisch, enttäuscht, und mit einem miesen Ergebnis, das immerhin noch bestanden war. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, PrDrZ übrigens auch nicht, und ich fühlte mich, als hätte mir jemand den Boden unter den Fußen weggezogen. Ohne Auffangnetz. Und ich sah mein Examen komplett auf der Kippe - wenn das in Englisch schon so grottig lief, wie soll ich dann jemals Latein bestehen???

Dass drei Tage später die Pädagogikprüfung gut gelaufen ist, hat für einen schönen Nachmittag gesorgt, aber danach kam die grauenhafte Vorbereitungswoche Latein, in der ich mich jeden Abend mit Ouzo betrunken und mich mit meinen Autoren beschäftigt habe. Wozu sollte ich noch nüchtern sein, wenn das sowieso nix wird, wozu dann der Aufwand? Ich war in meinem ganzen Studium nie so deprimiert wie damals. Ich weiß nicht mehr, ob ich verkatert in die Lateinprüfung gegangen bin, ich weiß nur noch, dass ich zuhause vor dem Spiegel lange daran gearbeitet habe, die Reste verheulter Augen zu kaschieren, zu lächeln, egal, was in mir abging, und mir klarzumachen, dass es nur sechzig Minuten sind... unter anderem vor PrDrB... oh fuck... na denn mal auf zur Uni. Und wenigstens hast du es dann versucht.

Fortsetzung folgt...

Samstag, 9. November 2019

Saturnalien - Die psychedelische Prüfung...

"Burkard - Cicero - Quintilian": Dieser Schriftzug hat sich im Lauf des Sketches ein klein wenig gewandelt ;-)

...a.k.a. "Reddam kommt von Fahzere, oder?"

Dieser etwas... bunte Sketch aus dem Jahr Zweitausendelf beruht in der ersten Hälfte auf einer wahren Begebenheit und der Song zum Schluss hat sich leider als zukunftsverkündend für mich erwiesen. Heute gibt es das Video, morgen gibt es die Entstehungsgeschichte zu dem Sketch (denn das war tatsächlich meine mündliche Examensprüfung in Latein, damals noch unter dem Arbeitstitel Esoterik), und die hat alle Emotionen, die man braucht, und Alkohol, Kartoffelsalat, Kinnspann (?), Pappen in der Tasche, und auch Er taucht in meinem Leben auf. Heute gibt es unter dem Video erstmal nur die Songlyrics, weil man das im Video vielleicht nicht so gut versteht. Have fun!



Alles ist Latein! (Roxette – Sleeping In My Car)

P1: Reddam kennst du nicht, du bist kein helles Licht
Doch Deklinieren, Konjugieren ist bei uns nicht mehr Pflicht,
denn eines hast du wohl schon erkannt,
keiner braucht dich

P2: Jetzt hast du fast bestanden, doch sei darauf gefasst
Wenn du erstmal dein erstes Examen in der Tasche hast
Ist Arschkriecherei ganz großer Stil
Scheiß auf Horaz (WAS???), scheiß auf Vergil!!!

Alles ist Latein, hör auf zu träumen
Du wirst nie Lehrer sein, in Klassenräumen
Ist für neue Lehrkräfte kein Platz
Gib es auf, lass es sein

Doch denk jetzt nur nicht, dein Abschluss sei verflucht
Denn Taxifahrer werden immer und überall gesucht
Auch Kellner und Kassierer in Kiel
Wird man schnell, wer braucht schon Vergil

Alles ist Latein, hör auf zu träumen
Du wirst nie Lehrer sein, in Klassenräumen
Ist für neue Lehrkräfte kein Platz
Gib es auf, lass es sein

Alles ist Latein, spar dein Gezeter
Werd doch lieber Staub Saugervertreter
Refrendar in Kiel nur mit 1 9
Wer schafft das mit Latein

Mit deinem Zeugnis in der Hand
Schnorrst du dich durch das ganze Land
Potential verkannt

Montag, 28. Oktober 2019

Face the Music

...sich den Konsequenzen stellen...

Im Englischstudium habe ich einen Ausdruck kennengelernt, den ich wirklich großartig finde - wenn jemand Mist gebaut hat, oder was auch immer, then he has to face the music for his actions. Man muss die Konsequenzen tragen, bzw. die Verantwortung für das übernehmen, was man tut. Wir haben das damals im Journalistenenglisch gelernt - diese Übersetzungskurse waren Pflicht, ganz ähnlich wie in Latein die Exercitia Latina; es ging nicht nur darum, einen deutschen Text in die Fremdsprache zu übersetzen, sondern auch einen ganz bestimmten Stil zu treffen. Im Lateinischen sollten wir dem Stil Ciceros nacheifern, im Englischen mussten wir in diversen Kursen Journalese lernen. Und da taucht der Ausdruck immer mal wieder auf, das gibt eine peppige Schlagzeile her: Trump to Face the Music for Ukraine Affair (jaja, ich weiß, wir haben gelernt, dass richtig gute Schlagzeilen nicht mehr als drei Worte enthalten sollten ^^).

Und mir gefällt nicht nur der sprachliche Ausdruck, mir gefällt auch das Konzept dahinter. Ich muss für meine Handlungen Verantwortung übernehmen, und wenn ich Mist baue, dann muss ich mir das auch sagen lassen, auch wenn es unangenehm ist. Mir fällt auf, dass wirklich sehr viele Menschen durch die Welt stampfen, ohne Rücksicht zu nehmen - ich gehöre dazu, aber ich stehe zu dem Scheiß, den ich mache, und versuche nicht, das irgendwie schönzureden oder etwa zu leugnen. Mir tut der Blog in dieser Hinsicht ganz gut, weil mich immer mal wieder Nachrichten erreichen, die das, was ich hier veröffentliche, kritisch unter die Lupe nehmen. Es ist gut, wenn man darauf hingewiesen wird, dass man nicht immer Recht hat.

Warum ich gerade jetzt auf diesen Gedanken komme: Gestern haben Landtagswahlen in Thüringen stattgefunden, und wer das verfolgt hat, musste den zweiten Platz für die AfD miterleben. Daran mag man sich vielleicht mittlerweile gewöhnen, aber Thüringen ist ein Sonderfall, denn dort gibt es einen Spitzenkandidaten mit völkischem Gedankengut, der in Satiren gern mit dem Vornamen Bernd genannt wird, ich nutze einfach seine Initialen BH.

Es ist ein wenig erschreckend, dass sich fast jeder vierte Wähler für diesen BH entschieden hat, obwohl er ihnen nicht gut bekommen könnte. Es gibt da ein Buch von ihm, aus dem man im Internet erschreckende Zitate lesen kann, von denen der "Volkstod" noch zu den harmloseren Sachen gehört; prickelnder wird es, wenn man liest, dass dieser BH eine Politik der "wohltemperierten Grausamkeit" anstrebt. Ich finde nicht, dass Deutschland den BH tragen sollte, aber darum geht es mir gar nicht: Seitdem sein Buch erschienen ist, wird er immer wieder auf seine nationalistische Diktion angesprochen und zeigt dann, dass er die music eben nicht facen kann, indem er zum Beispiel keine Interviews gibt, schmallippig antwortet der Reportern komplett ausweicht. Ziemlich schwache Leistung.

Ich finde, dass dieser BH ein bisschen Musik gut vertragen könnte, so wie wir alle.

Dienstag, 22. Oktober 2019

Siebenundzwanzigtausend

Mensa-Days

Vor recht genau sechzehn Jahren habe ich die erste universitäre Vorlesung meines Lebens besucht. Ich fühlte mich klein und dumm, ungebildet, gegenüber diesen gescheiten Herren und Damen, die die Lehre an der Universität voranbringen. Und um mich herum waren viele orientierungslose Erstis, genau wie ich. In Latein gab es im Wintersemester Zweitausenddrei fünfundvierzig Neueinschreibungen! Ich darf das mit einem Ausrufezeichen notieren, denn das waren damals gewaltige Mengen, wie mir meine Grammatiktutorin erzählte - sie selbst natürlich ein höheres Semester, und als sie damals angefangen hatte, gab es gerade einmal fünfzehn Erstsemester in Latein.

Es gab obligatorische Vorlesungen, die die Seminarräume und Hörsäle sprengten. Ich weiß noch sehr gut, wie Dr. Jens-Peter Becker den Raum Zweihundertfünfundzwanzig in der Leibnizstraße Zehn regelmäßig zum Bersten brachte, Sitzen auf dem Fußboden inklusive. Und von der Vorlesung zum Grundkurs Englische Sprachwissenschaft fange ich gar nicht erst an, der Saal der OS75 war gerammelt voll.

Leider gerammelt voll mit Studenten, von denen sich neunzig Prozent eigentlich überhaupt nicht für englische Sprachwissenschaft interessierten. Die diese Vorlesung und den Grundkurs nur besuchten, weil es in ihrem Lehrplan stand. Und wenngleich Rebekka Klingshirn (née Mösenfechtel) und Susanne Hackmack sich alle Mühe gegeben haben, den teilweise sehr trockenen Stoff für junge Erwachsenen peppig aufzubereiten, führt kein Weg drumherum: Sehr viele der jungen Menschen waren einfach fehl am Platz.

Und das ist ja auch vollkommen normal. Erstmal herausfinden, was man überhaupt machen möchte, darauf wird an manchen Schularten meiner Meinung nach zu wenig vorbereitet, gerade an den Gymnasien fehlen Praxisanteile in den Oberstufen.

Naja. So haben wir damals jedenfalls gestopft gesessen, unseren Kakao aus dem Getränkeautomaten getrunken, um gegen die Kälte da draußen anzugehen, und haben zugehört. Und am Ende der Seminare sind viele von uns mit dem Bus Richtung Heimat-WG gefahren - weil es Kiel ist: nass, kalt, dunkel, ungemütlich, und damals gab es noch Linien wie 81/82, damals ist noch die 22 die Olshausenstraße entlang gefahren, man hat versucht, so viele Studenten zu befördern, wie es nur irgendwie ging, aber es nützte nichts: Gerade zu Seminarpausen waren die Busse brechend voll, und ich würde mein drittes Auge verwetten, wenn ich denn eines hätte, dass einige von Euch auch einmal in einem Bus gestanden haben, der an einer Haltestelle einfach vorbeigefahren ist, weil es drinnen und draußen viel zu voll war.

Wir waren damals soooo viele Erstsemester. Der pure Wahnsinn, die Uni konnte das mit ihren Kapazitäten kaum wuppen. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hatten damals über einundzwanzigtausend Studenten, und die Mittagszeiten in den Mensen waren Beweis dafür.

Und dann höre ich neulich in den Regionalnachrichten, dass die CAU mittlerweile auf siebenundzwanzigtausend Studenten angewachsen ist. Natürlich habe ich die Neubauten verfolgt, zum Beispiel den neuen Bioturm in der Leibnizstraße, und natürlich habe ich verfolgt, wie die Buszeiten auf der OS deutlich intensiviert worden sind, neue Schnellbusse sind hinzugekommen, selbst der Stadtteilbus Linie 6 fährt jetzt mit Gelenkwagen, und es kann nicht nur an dem Doppeljahrgang gelegen haben.

Um meine Psychiaterin zu ziteren: Der Trend geht dahin, das Abitur zu verschenken. Dass viel mehr Schüler an die Universitäten gehen, ist ein bundesweites Phänomen. Eigentlich ja schön, aber genau diese jungen Leute fehlen den vielen Ausbildungsbetrieben in unserem Land. Wo sind die Tischler, wo sind die Handwerker, wo sind die Bäcker, wo die Köche, wo die Elektroinstallateure? Haben viele junge Erwachsene Angst, sich die Hände schmutzig zu machen? Wird ihnen durch einen niedrigeren Schwierigkeitsgrad im Abitur suggeriert, sie alle seien für ein Studium an einer Universität geeignet?

Ich sehe diese Entwicklung problematisch - wie geht es Euch?

Freitag, 18. Oktober 2019

Therapeutischer Schuhputz

Herbst

Der Herbst ist angekommen, grau, nass, kalt, zwischendurch ein wenig Sonne, und wenngleich ich ein Sommermensch bin, hat die dunkle Jahreszeit auch ihre Vorteile. Man kann sich eine schöne, heimelige Atmosphäre einrichten, die Heizung aufdrehen und sich wohlfühlen. Und einen ganz anderen Vorteil habe ich heute erleben dürfen; ich habe schwarze Lederschuhe und war damit neulich unterwegs, und irgendwie muss ich durch matschiges Terrain gegangen sein, denn die Schuhe waren richtig dreckig. Kaum zuhause, habe ich sie abgewischt und weggestellt.

Dann ist mir allerdings etwas eingefallen, was ich lange vergessen zu haben schien: Im Studium habe ich mit schöner Regelmäßigkeit meine Lederstiefel, Schuhe etc. mit Schuhcreme gepflegt und auf Hochglanz poliert. Die sahen wirklich immer super aus! Und dann habe ich bei'm Nachdenken festgestellt, dass ich zum letzten Mal vor fünf oder sechs Jahren meine Schuhe bearbeitet habe.

Dann kam das Überlegen: Woran könnte das liegen, dass im Studium die Stiefelpflege eine Selbstverständlichkeit war, seit meinem Dienstbeginn aber so gar nicht mehr stattgefunden hat? Die Lehrkräfte unter Euch werden sich sicher denken, dass der Schulstress das in den Hintergrund gerückt hat. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, denn ich mache mir mit Schule nicht zuviel Stress - zu irgendwas muss ein schnell denkender Kopf ja gut sein.

Ich könnte mir vorstellen, dass es an der allgemeinen Situation liegt: Als ich noch in den Kronshagener Bergen gewohnt habe, war meine Situation immer abgesichert. Ich hatte immer einen festen Weg unter den Füßen, nämlich mein erstes Staatsexamen zu erreichen, das es nun nicht mehr gibt. Selbst im Referendariat hatte ich einen sicheren Weg und musste mir darüber keine Gedanken machen. Ich konnte mich auf andere Sachen konzentrieren.

Seitdem ich nun aber von einer Schule und einer Arbeitslosigkeit zur nächsten tingele, fällt es mir nicht mehr so leicht, mein Leben in den Griff zu bekommen. Dieser Umstand, dass ich nicht weiß, wann ich endlich wieder diesen sicheren Weg unter meinen Füßen habe (a.k.a. unbefristete Beschäftigung), scheint dafür zu sorgen, dass ich unglaublich Vieles schleifen lasse.

Klar, das könnte etwas mit Autismus zu tun haben, aber ich vermute mal, das ist ein ganz normales Phänomen, oder? Dass ich mein Leben erst wieder vernünftig auf die Reihe bekommen kann, wenn ich wieder auf dem gesicherten Weg bin?

Jedenfalls hat mir der Herbstdreck und das damit verbundene Schuheputzen das einmal wieder vor Augen geführt, und ich überlege mir jetzt einmal kleine Tricks, um zu verhindern, dass ich den Halt verliere. Die Erinnerungs-Tafeln in der Wohnung helfen schon ein ordentliches Stück weiter, und auf die Wartung-Tafel ist jetzt auch Chuck die Pflanze gekommen, um rechtzeitig neue Düngestäbchen einzusetzen, damit die Palme nicht ganz ohne Nährstoffe ist. Ach ja, und interessant zu sehen, wie sich CdP nach und nach hier einlebt - die Palme richtet ihre Blätter nach dem Sonnenlicht aus, und da ein Palmwedel quasi "mit dem Rücken" zum Fenster steht, haben sich dort einzelne Blätter ganz nach innen zusammengeklappt.

Spannend. Und nachher Hackbraten mit der großen Buba.

Freitag, 20. September 2019

Auf die Straße!


Bushaltestelle Diesterwegstraße,

20 Menschen warten auf den Bus, der in 3 Minuten kommt... 

30 Menschen warten auf den Bus, der in 2 Minuten kommt...

50 Menschen warten auf den Bus, der in 4 (?) Minuten kommt...

70 Menschen versuchen, in 2 bereits überfüllte Busse einzusteigen.

Herzlich Willkommen auf dem Weg zur Fridays For Future-Demo!

In meinem Studium bin ich mehrfach auf die Straße gegangen für die Rechte meiner Kommilitonen - egal, ob es um Inklusionsfragen, Studiengebühren oder die Abschaffung der MedFak in Lübeck ging, und vollkommen egal, ob wir vierhundert oder achthundert Demonstranten waren, oder aber zwölftausend. Für mich war das nie eine Frage, erst recht nicht, seitdem Dr. Jens-Peter Becker damals in der Studienberatung am Englischen Seminar uns Erstis dazu aufgerufen hat, den Arsch hochzubekommen für unsere Rechte, und die oftmals armselige Beteiligung bei den Universitätswahlen hat die Notwendigkeit solcher Aufrufe unterstrichen.

Seit einigen Monaten gehen weltweit Menschen der Fridays For Future-Bewegung auf die Straße, mit Greta Thunberg als Gallionsfigur, quasi, seitdem sie mit ihrem Skolstrejk för Klimatet-Schild ihren Freitagsunterricht bestreikt hat. Heute war weltweit zur dritten großen Aktion aufgerufen worden, und ich habe lang genug zuhause herumgesessen. War einfach mal wieder Zeit, den Verkehr zu blockieren, und endlich mal den Menschen in die Augen zu schauen, deren Zukunft wir verbraten. Mal Position zu beziehen.

Was mich begeistert hat, war die Vielfalt der Demonstranten. Da geht vor mir ein fünfjähriges Mädchen vorbei, bitterböser Blick, und um ihren Hals hängt ein großes Schild "Kohleausstieg SOFORT!", und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Links neben mir stehen zwei Rentner mit einem Schild "Opas & Omas For Future", und rechts radelt eine ältere Dame mit einem "Omas gegen rechts!"-Schild am Gepäckträger. Alle Altersstufen sind vertreten, alle sexuellen Orientierungen, diverse Behinderungen, unterschiedlichste Outfits, was mir zeigt, dass diese Sache dann doch etwas größer ist, als dass man die Demonstranten in Schubladen stecken könnte.

"Ne, ich gehe da nicht hin, das bewirkt doch eh' nix", diesen Satz habe ich schon damals im Studium regelmäßig gehört, wenn ich Kommilitonen zum Demonstrieren überrreden wollte. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich gehe nicht auf eine Demo, um etwas zu ändern. Dafür sollte ich lieber mal meinen Lifestyle überarbeiten. Ich gehe hin, um sichtbar zu sein. Ich möchte zeigen, dass ich ein Mensch bin, der sich Sorgen um unseren Planeten macht. Ich möchte diese Sorgen nicht heimlich in mich reinfressen. Wir müssen zeigen, dass wir da sind - "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!" - diesen Slogan hatten wir auch damals an der Uni und haben einfach statt Zukunft den Begriff Bildung verwendet. "Leistet Widerstand - gegen Kohle, Öl und Gas im Land!" - genau den Spruch hatten wir damals auch, in leicht abgewandelter Form. Sind halt Demoklassiker.

Aber... soooo laut waren wir heute gar nicht, und das hat mich tatsächlich etwas irritiert. In meinen letzten Demos war immer hier und da ein Truck, der die Meute mit Musik versorgte; heute waren noch nicht einmal Trillerpfeifen da, und falls doch, dann wesentlich leiser, als sie hätten sein sollen. Immerhin: Die Spitze des Umzugs bildeten etwa vierzig Fünftklässler, mit einem hübschen Transparent und einem Einpeitscher mit Flüstertüte, der die Kleinen zum lautstarken Demonstrieren ermunterte.

Trotzdem war es schön, wieder einmal Menschen in Autos den Weg zu versperren - wie passend - und ich hoffe, dass heute weltweit Millionen Menschen auf die Straße gegangen sind. Schauen wir gleich mal in die tagesschau.

Montag, 26. August 2019

"Ich kann nicht homophob sein, denn..."

Schwule sind okay, solange sie nicht schwul wirken.

 "...denn ich habe einen Schwulen in meinem Freundeskreis."

Keine Ahnung, wie ich diesen Beitrag anfangen soll, ich habe mal ein Zitat genommen, dass viele von uns sicherlich schon einmal gehört haben. Wenn jemand in meinem Freundeskreis zur LGBTQ-Community gehört, dann kann ich gar nicht homophob sein, also darf man mir das nicht vorwerfen. Und homophob sind sowieso immer nur die Anderen. Ich nicht, und meine Freunde auch nicht.

Denkste.

Ich erzähle einfach mal von zwei Fällen aus meinem eigenen Freundeskreis, und ich möchte niemanden damit bloßstellen, deswegen benenne ich die Beteiligten einfach mit Zahlen. Auf das Geschlecht sollte nicht zurückgeschlossen werden.

Ich habe mit 1 jahrelang an der Kieler Christian-Albrechts-Universität studiert. Wir haben uns echt gut verstanden, waren völlig unterschiedlich, vielleicht hat uns das gut getan. Wir waren eng befreundet, und wir sind auch immer noch befreundet, nur mittlerweile etwas älter geworden. Ich habe 1 gern besucht, wir waren öfters zusammen unterwegs, und wir hatten - und haben - beide einen Knall, und akzeptieren uns gegenseitig, so wie wir sind.

Irgendwann habe ich mich mit 1 auch mal über das Thema Homosexualität gesprochen, einfach mal ein paar Sichtweisen austauschen. Ich musste mir keine Sorgen machen; 1 und ich waren enge Freunde, dann kann 1 nicht homophob sein, oder? Und tatsächlich hatte 1 auch überhaupt keine Probleme mit Schwulen und Lesben - solange sie nicht in der eigenen Familie sind. Und dann kam irgendwann ein Satz von 1, den ich bis heute nicht vergessen kann: "Also wenn mein Sohn später schwul wird, ich glaube, dann bringe ich mich um."

Natürlich war das ein dahingeworfener Satz, spur of the moment, Alkohol war nicht im Spiel und wir haben das auch nicht weiter vertieft. Es war allerdings auch kein Ausrutscher, sondern hatte Wurzeln in einer echten Überzeugung. Es hat mich verstört, und ich habe mich danach nie getraut, das einmal mit 1 auszudiskutieren. Ich wollte nicht, dass unsere Freundschaft einen Knacks bekommen könnte.

Nach meinem Verständnis ist das Homophobie: Wenn man Angst hat, dass das eigene Kind homosexuell sein könnte. Es tut mir heute ein bisschen weh, das zu schreiben. Aber ich möchte aufzeigen, dass sich in meinem Freundeskreis Homophobie wiederfindet. Die Angst vor Mitgliedern der LBGTQ-Gemeinschaft.

Auch 2 habe ich an der Uni kennengelernt, und wir haben uns angefreundet und irgendwann konnte ich 2 aus meinem Bekanntenkreis nicht mehr wegdenken. 2 war selbst ziemlich überzeugt davon, nicht homophob zu sein, und meinte zu mir: "Ich habe überhaupt keine Probleme mit Schwulen, solange sie sich nicht zu feminin verhalten. Dieses Tuckige, das mag ich nicht so."

Ich kann 2 vollkommen verstehen. Es gibt so viele Menschen, die genau mit diesem nicht-heteronormativen Verhalten überhaupt nicht klarkommen. Keine Männer, die sich weibisch aufführen, keine burschikosen Frauen. Dass ich es verstehen kann, ändert leider nichts an der Tatsache, dass dieses Genervtsein ein klassisch homophobes Verhalten ist.

Das sollte einfach nur ein Beispiel dafür sein, dass Homophobie nicht nur außerhalb unseres Freundeskreis auftreten kann. Es sind nicht immer nur die Anderen, nur die AdF, nur die Männer, nur die Ausländer und so weiter. Das sind wir alle. Ich hatte (habe?) homophobe Menschen in meinem Freundeskreis, die hoffentlich mit dem Älterwerden etwas aufgeschlossener werden können.

Erinnert ein bisschen an Trumps "I'm the least racist person you've ever met!"

Donnerstag, 30. Mai 2019

Musik im Unterricht


Ich hatte heute einen kleinen Nostalgieflash, der mich zurückversetzt hat - in's Studium und an meine erste Schule damals im Referendariat. Es geht um die Einbindung von Musik in den Unterricht, und das wird auch wieder ein Beitrag, den ich links an die Linkliste anpinne. Ich sollte da einmal aufräumen.

Ich hatte damals an der Uni gerade das Genre progressive metal für mich entdeckt, und das aus einem ganz banalen Grund: Mich faszinierten Songs, die eine längere Spieldauer hatten als die üblichen radiotauglichen drei Minuten und dreißig Sekunden. Ich habe gemerkt, wie ich es genießen konnte, mich in einen Song hineinfallen zu lassen, quasi in die Strömung zu gehen und mich treiben zu lassen (so wie bei Entheogenics Love Letters to the Soul). Das nämlich ist das progressive Element dieses Musikgenres: Es gibt keine klassische Intro-Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Struktur. Stattdessen entwickeln die Songs sich weiter, haben eventuell ein Leitmotiv - oder auch nicht - und sind, genaugenommen, episch, denn sie erzählen eine Geschichte (wenn Herr Leinhos das liest, wird er sich vielleicht freuen, dass endlich mal wieder ein sprachetymologischer Punkt in einem Beitrag auftaucht).

Wenn ein Album komplett aus solchen Erzählungen besteht, nennt man das ein Konzeptalbum, denn es sind nicht nur einzeln eingespielte Songs, sondern ein quasi literarisches Gesamtwerk. Das gibt es in mehreren Genres, nicht nur im metal, sondern zum Beispiel auch im goa/psytrance. Und das wiederum qualifiziert manche Alben dafür, im Englischunterricht behandelt zu werden.Sie haben verschiedene Charaktere, sind eingebunden in Psychologie, SciFi etc, können anspruchsvoll oder einfach unterhaltsam sein.

Ich liebe Musik und gebe immer viel von mir selbst in meinen Unterricht, also ist es nur konsequent, dass ich nach Möglichkeiten gesucht habe, ein solches Konzeptalbum in meinem Unterricht unterzubringen (natürlich immer auf die Gefahr hin, dass ein Teil der Schüler die Musik grausig findet - ja, das ist so, sie haben ihre eigene, oft ganz andere Musik, und als Lehrkraft muss ich trainieren, es nicht persönlich zu nehmen, wenn sie meine Musik nicht mögen - gilt auch für Filme, Romane etc).

Ein Beispiel für diese Einbindung möchte ich kurz vorstellen, denn das hatte ich ursprünglich einmal für einen E-Jahrgang in der Sekundarstufe Zwei geplant. Dabei fällt mir auf, dass meine idiosynkratische Schreibweise (z.B. häufiges Ausschreiben von Zahlen) mit der Hochbegabung zusammenhängen könnte - mit dem wirren Gedankenmischmasch in meinem Kopf, denn das lässt mich an Thomas Pynchon und Arno Schmidt denken (KAFF auch Mare Crisium oder Zettels Traum).

Zurück zu Musik, und zum Album The Human Equation (2004) des Niederländers Arjen Anthony Lucassen, unter dem Projektnamen Ayreon. Man könnte sehr viel über ihn schreiben, aber das spare ich mal, und erzähle lieber - um Euch nicht zu langweilen, paying lip service, whatever - warum ich das Werk in meinem Unterricht haben wollte.

Die Geschichte handelt von einem Mann, der nach einem Autounfall in's Koma gefallen ist. Mit einem Song pro Tag werden die nächsten zwanzig Tage seiner Zeit im Koma erzählt. Ob er aus dem Koma erwacht? Ob er stirbt? Das ist fast schon zweitrangig, denn der Weg zu Day Twenty reizt. Hauptcharaktere sind also Me, Wife, Best Friend und Father. Die Ehefrau und der beste Freund sitzen am Bett des Komatösen und hoffen darauf, dass er wieder erwachen wird. Sie fragen sich allerdings, wie es überhaupt zu diesem Autounfall kommen konnte, wo doch kein anderes Auto weit und breit in Sicht war.

Der Großteil der Geschichte spielt sich im Kopf des Protagonisten ab, denn dort wird seinen Gefühlen Ausdruck verschafft: Reason, Love, Fear, Pride, Passion, Agony und Rage kämpfen einen verzweifelten Kampf darum, herauzufinden, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Wie bei Ayreon üblich, wird jede der insgesamt elf Rollen durch einen bekannten Musiker aus der Metal-Szene besetzt, so übernimmt zum Beispiel Irene Jansen die Rolle der Passion oder Devin Townsend die Rolle des Rage.

Im Lauf dieser knapp drei Wochen im Koma erinnert sich der Protagonist an diverse Stationen in seinem Leben, sein gewalttätiger Vater, seine Schulzeit, die erste Liebe, und all' diese Erinnerungen könnten am Ende dazu führen, dass er mit sich selbst in's Reine kommt.

Ich wollte heute eigentlich nur mal eben fünf Minuten in das Album reinhören, aber daraus ist dann eine Stunde geworden, weil mich Musik und Plot dann doch wieder gefesselt haben. Ich könnte mir vorstellen, das Album über mehrere Wochen verteilt mit Schülern zu behandeln, einmal pro Woche hören wir uns zwei Stücke an und versuchen so nach und nach, die Charakterisierungen der Hauptfiguren zu vervollständigen. Und wer weiß, vielleicht gefällt es ja sogar dem einen oder anderen Schüler, und er hört sich von sich aus noch ein anderes Album an. Den Effekt finde ich toll, habe ich damals zuerst erlebt, als ich mit einer Klasse im Lateinunterricht Caius ist ein Dummkopf gelesen habe und ein paar Schüler das Buch direkt verschlungen haben und sich dann auch noch die anderen beiden Teile der Trilogie zugelegt haben.

Ich habe früher öfters song analysis mit Schülern gemacht, weil es sich angeboten hat: Man lernt, einen vollständigen Einleitungssatz zu schreiben, man beschreibt die Musik und geht dann auf die Inhalte ein. Habe ich lange nicht mehr gemacht, aber wer weiß, wenn ich an meiner Schule bleiben kann, vielleicht mache ich das dann doch mal wieder.