Freitag, 10. Juni 2022

Was ich gerne sagen würde


Manchmal stelle ich mir vor, wie ich vor dem Kollegium stehe und etwas sage.

Ich bin kein böser Mensch.

Ich wünschte, das könnten alle von euch sehen.

Ihr seht in mir den Kollegen mit den Outfits, die asozial wirken und darauf schließen lassen, dass ihm die Gesellschaft vollkommen egal ist. Dazu passt es, dass er eigentlich nie an schulischen Veranstaltungen zum socializing teilnimmt, und dass er nur zu seinen Unterrichtsstunden in der Schule ist. Dass er in den Konferenzen immer ganz am Rand sitzt, mit seinem Blick in einem Rätselheft, als sei ihm vollkommen egal, was mit der Schule passiert. Und es passt auch, dass er eigentlich nie schulische Projekte mit anderen Kollegen startet. Und sich in den Konferenzen fast nie zu Wort meldet, und kein Interesse an Smalltalk zu haben scheint.

Es sei denn, das Thema interessiert ihn: Dann seht ihr den Kollegen, der sich ungefragt in Unterhaltungen einschaltet. Der seinen Senf dazugibt, auch wenn es vielleicht gerade ein privates Thema ist. Der sowieso ziemlich aufdringliche Nachrichten schreibt und nach persönlichen Details fragt, die ihn eigentlich gar nichts angehen sollten, und der Dinge aus seinem Privatleben preisgibt, die ihr eigentlich nicht wissen wollt, und das mit einer Offenheit und Direktheit, die vollkommen überfordert. 

Und seine unterrichtliche Arbeit? Es ist kein Wunder, dass seine SchülerInnen den Unterricht bei ihm gut finden, denn er schaut mit ihnen ja nur Filme und Serien, und dann spielt er auch noch Videospiele mit ihnen - das hat alles mit Englischunterricht nichts zu tun, und überhaupt scheint er sich überhaupt nicht um den Lehrplan zu scheren. Wahrscheinlich geht es euch ziemlich auf die Nerven, wenn eure SchülerInnen von ihm erzählen.

Ihr seht einen arroganten Kollegen, der redet, als wüsste er alle Antworten und würde auch von euch verlangen, dass ihr diese Antworten wisst. Er ist unnahbar, er strahlt eine emotionale Kälte in kritischen Situationen aus und greift euch rücksichtslos an euren wunden Punkten an. Ihr seht einen Menschen, der hinter seiner freundlichen Fassade fiese Gedanken zu haben scheint.

Aber das ist keine Fassade. Ich bin kein böser Mensch.

Ihr seht nicht den Kollegen, der euch immer freundlich grüßt und jedes mal die Tür aufhält, wenn er kann. Der im Kopierraum, wenn keiner da ist, bei allen Kopierern nachschaut, ob noch genug Papier in den Fächern ist, und nachfüllt, sollte das mal nicht der Fall sein. Er traut sich aber nicht, das zu machen, wenn Andere im Raum sind, weil es dann wirken könnte, als besetze er alle Kopierer. Er möchte es nicht noch schlimmer machen.

Ihr seht nicht, dass er euch gern alle lästigen Zweitkorrekturen abnehmen würde, gerade in der Oberstufe, denn ihr fragt ihn nicht und er traut sich nicht, das aktiv anzubieten, denn das könnte ja auch wieder als aufdringlich aufgefasst werden.

Woher solltet ihr auch wissen, dass ihm jeder einzelne seiner Schüler und Schülerinnen am Herzen liegt? Dass er die Sorgen der Kids im Kopf mit sich nach Hause nimmt und zuhause überlegt, wie er ihnen helfen kann, und das macht er den gesamten Rest des Tages, denn sein Gehirn kennt nicht das Prinzip "Feierabend". Seine Schüler sind ihm wichtiger als seine eigene Gesundheit, und so vergisst er zu essen und trinken, wenn es einen Vorfall gab, oder verschiebt einen Arzttermin, um in Ruhe - stundenlang - darüber nachzudenken, ob eine Schülerin vielleicht eine Autismus-Spektrums-Störung hat.

Ihr seht nicht den Kollegen, der viele Stunden zuhause weint, weil er nicht weiß, was er noch tun kann gegen das passiv-aggressive Verhalten, das ihm in der Schule entgegen gebracht wird. Denn auch wenn es nicht so scheint, und auch wenn es manchmal lange dauert, bis es ihm bewusst wird: Er spürt eure Abneigung, und es tut so verdammt weh und er kann sich einfach nicht erklären, was er noch tun soll. Niemand soll ihn krampfhaft mögen wollen, aber der Hass, der hinterrücks um die Ecke kommt, nimmt ihm jegliches Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten als Pädagoge und lässt ihn immer wieder nachdenken, endgültig das Handtuch zu werfen.

Und er kann nicht verstehen, warum ihr ihn trotzdem in der Schule anlächelt und manchmal auch grüßt, denn in seinem Erleben der Welt bedeutet das, dass zwischen euch alles okay ist. Er versteht nicht dieses Gefühl von Widerspruch in seinem Kopf. Widerspruch zwischen dem, was ihr sagt, und wie ihr euch verhaltet. Er spürt nur, dass irgendwas nicht stimmt, und wenn er dann endlich realisiert, dass ihr ihn nicht an eurer Schule haben wollt, bricht für ihn eine Welt zusammen.

Und ich erzähle hier von "ihr" und "er", baue eine künstliche Distanz auf, als seien unsere Denkweisen so unterschiedlich, dass es überhaupt nicht zusammen funktionieren *kann*. Dabei verstehe ich euch! Ich verstehe, warum ihr diese Abneigung hegt. Das ist etwas zutiefst Menschliches: Die Angst vor dem Unbekannten.

Da kommt dieser neue Kollege, der vollkommen unberechenbar ist, dessen äußeres Erscheinungsbild nicht zu dem passen mag, was man hinsichtlich seines Charakters aus Schülerrückmeldungen ableiten kann. Der kein Gefühl hat für "Nähe und Distanz", der alles wirklich so meint, wie er es sagt, ohne jeglichen Subtext, und der völlig unfähig ist, eure subtextuellen Signale zu verstehen - Augenbrauen rümpfen, Körperhaltung, Tonfall, das alles versteht er nicht. Er kann es nicht verstehen, und er kann auch viele Andeutungen nicht verstehen, denn er ist geistig behindert.

Und so oft habe ich mir schon gewünscht, dass man es mir ansehen könnte, so wie bei Menschen mit dem Down-Syndrom, denn dann wäre euch jederzeit bewusst, dass ich ein behinderter Kollege bin, der für seine sonderbaren Verhaltensweisen nichts kann. Dass ich mir mein Verhalten nicht aussuchen kann. Ich bin nicht absichtlich zu direkt, zu persönlich, zu drastisch, zu offen, zu ehrlich. Ich kann es nicht anders.

Und die crux an der ganzen Sache liegt darin, dass ich weiß, dass ihr es nicht böse meint. Dass euer Verhalten aus einer Unsicherheit gegenüber dieser Behinderung resultiert, mit der ihr vielleicht schon bei Schülern, aber noch nie bei Erwachsenen konfrontiert worden seid. Ich nehme euch das nicht übel, wenn ihr denkt, dass man mit knapp vierzig Jahren doch mittlerweile einige "normale" Verhaltensweisen trainiert haben sollte. Es gibt Dinge, die ich nicht trainieren kann.

Ich bin kein böser Mensch, und ich wünschte, das könnten alle von euch sehen. Ich wünschte, ihr könntet über euren Schatten springen und mich in eure Gemeinschaft aufnehmen, so wie ich bin.

Seit Jahren stelle ich mir vor, wie ich das alles sage. Aber ich habe zu viel Angst vor einer erneuten Zurückweisung.

Und deswegen sage ich nichts.

post scriptum: Vielleicht räumt dieser Beitrag den Fehleindruck zur Seite, dass Autisten nicht zu Emotionen fähig wären. Jedes noch so kleine Stück Aufklärung hilft.

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