Freitag, 3. Februar 2017

Love Letters to the Soul


Es geht um Musik - um einen einzigen Song, dem ich diesen Beitrag widme. Weil er für mich viele Erinnerungen trägt. Und weil er einfach zeigt, dass da Profis am Werk waren. Das ist kein Song, aus dem man mal Stichproben hören kann: Ganz oder gar nicht, was bei einer knappen halben Stunde Spieldauer ein ordentliches Statement ist. Wie soll ich diesen Beitrag gliedern? Wie immer habe ich alle Gedanken, die ich bringen möchte, als großes Feuerwerk in meinem Kopf, aber es soll ja einen Sinn ergeben. Ich werde zuerst beschreiben, was der Song für mich bedeutet, werde auf die Ereignisse in der Vergangenheit hinweisen, die das Stück in Erinnerung ruft und nebenbei erwähnen, dass diese Musik ansteckend ist. Dann gehe ich in eine klassische Rezension über. Das Video auf Youtube setze ich ganz an den Schluss.

Ich werde nie den Moment vergessen, als ich dieses Lied zum ersten Mal gehört habe. Damals war für mich Psybient noch ein ganz neues Genre. Ich hatte die Kopfhörer auf, denn ich saß im Bus. Das muss gegen vier Uhr morgens gewesen sein und ich erinnere mich noch genau, wie wir am Bahnhof in Neumünster gehalten haben. Ich war müde und gleichzeitig aufgeregt, denn ich war auf dem Weg zum Hamburg Airport, um zum ersten Mal in meinem Leben in die USA zu fliegen. Der Song hat mich beruhigt, ich weiß noch, wie ich in die dargestellte musikalische Landschaft abgetaucht bin. Ich habe gestaunt, dass der Song so lang ist und ich habe mich sehr über die Reprise im letzten Viertel gefreut, denn in dem Moment ist mir aufgegangen, dass es immer noch dasselbe Stück war, das vor mehr als zwanzig Minuten begonnen hatte und verschiedene Sätze durchwandert hat. Ganz tolle Musik, dachte ich mir damals. Es war Zweitausendelf und wann immer ich an meine Reise nach Kings Island denke, fällt mir jedes Mal Love Letters to the Soul ein, der damals brandneue Song des Musikprojekts Entheogenic.

Und auch für Flo hat dieses Stück eine bestimmte Bedeutung, es triggert bei ihm Gedanken an unsere gemeinsam verbrachte Zeit. Wenn wir auf Reisen waren, zum Beispiel. Ich habe ihn hin und wieder gefragt, was er hören möchte (zu selten... Dr Hilarius, der Egozentriker...), und das war das erste Mal, dass er sich Musik aus "meinem" Genre gewünscht hat. Das war der erste Song, dessen Namen er mir nennen konnte (Shulmans Mia Nihta Mono Den Ftani kam erst später). Ich werde Flo schreiben, dass ihn dieser Beitrag interessieren könnte - und damit begebe ich mich jetzt aufs Glatteis, wenn ich Dinge über seine Rezeption der Musik schreibe (das waren zumindest meine Eindrücke von Dir damals, und ich hoffe mal, dass Du die Sachen nicht nur gesagt hast, um mich zu beschwichtigen). Für ihn hat das Stück bei unseren Reisen so etwas wie "Heimkehr" oder generell "Ankunft" symbolisiert. Wenn er die Flötentöne oder die Stimme zu Beginn hörte, war für ihn klar, jep, jetzt kann ich mich in aller Ruhe entspannen, jetzt sind wir angekommen, das klingt vertraut.

Flo, ich weiß noch so ungefähr, was dieses Stück in Dir an Gedanken bewegt, und welche Orte Dir dabei einfallen, und welche Gerüche und auch... naja, was halt noch so dazugehörte. Irgendwann würde ich den Song gern mal wieder mit Dir hören.

Nun denn, was gibt es also über die Love Letters an sich zu sagen? Da sie einen wichtigen Punkt in der Discographie der Künstler bilden, kurz etwas zu Entheogenic selbst. Helmut Glavar und Piers Oak-Rhind haben der Chilloutmusik in Deutschland einen ganz eigenen Touch gegeben: Sie mögen nicht die Pioniere der Psybient-Bewegung sein (die Ehre geht an Shpongle), aber sie haben das Genre variiert und einen unverkennbaren Sound kreiert, eine Mischung aus elektronischen und organisch-natürlichen Klängen. Daraus erwächst Entspannungsmusik mit Ethno-Einschlag; ihr zweites Album Spontaneous Illumination (2003) hat die deutschen Chillout-Charts erobert und den psychedelischen Einschlag salonfähig gemacht.

Seither haben die beiden ihren Sound weiterentwickelt - leider nicht in eine Richtung, die den Fans zusagte - zu elektronisch, jazzig, modern wurde es, die Natursounds rückten in den Hintergrund. Dann aber kam das Album Gaia Sophia (2011) und es markierte einen Wendepunkt in diesem Musikprojekt: back to the roots, zurück zu den Wurzeln, darf man auch wörtlich nehmen - da waren sie wieder, die exotischen Vögel, die Wasserfälle, die Moosgrotten, das ganze Ambiente. Und der erste Song eben dieses Albums ist Love Letters to the Soul.

Und so schwingen sich in diesem Musikstück ganz gemächlich wabernde Sounds in die Höhe, die Flöten sind dabei, die Insekten, das indische Gebet. Man wird mehrere Minuten lang eingepackt in die Atmosphäre des Entheogenic-Dschungels, ohne Hetze entfaltet sich der erste Teil des Stücks und erinnert mich daran, warum ich dieses Musikprojekt überhaupt erst liebgewonnen habe. Über zehn Minuten plätschert die Musik vor sich hin, dann allerdings - ganz unauffällig - schleicht sich ein Beat ein, der den Mittelteil des Stücks an Psytrance erinnern lässt. Das klingt, als sei dieser Part sehr wild, hektisch, aber nichts dergleichen, die Melodien entwachsen ganz organisch dem Vorhergegangenen, quasi ein Level Up bis kurz über die Zwanzigminutenmarke.

Und dann, nachdem man sich mit dem Kopf ein bisschen eingenickt hat, den Puls der Musik gespürt hat, verschwindet der Beat auf einmal. Alle Sounds schweben für eine Weile scheinbar ohne Führung durch die Luft, bis man merkt, dass der Song wieder "landet". Es folgt eine Quasi-Reprise, die sicherstellt, dass der Hörer am Ende auch wirklich entspannt ist. Wie oben schon erwähnt: Ich fand es klasse, die Gebete und Sounds aus dem ersten Teil des Stücks wiederzuerkennen. Da kann man sich nochmal so richtig fallen lassen.

Flo mochte Love Letters to the Soul damals, und ich denke, er mag es auch heute noch. Und ich habe mich riesig gefreut, dass ich ihm mal etwas zeigen konnte, was ihm tatsächlich zusagt. Das hat mir wirklich etwas bedeutet.

Die Musik läuft auch jetzt gerade im Hintergrund.


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