Sonntag, 30. Dezember 2018

Ich hör' nur Bahnhof!

Diesen Bahnhof werde ich mein Leben lang nicht vergessen, und auch nicht das Gefühl, als ich zum allerersten Mal hineingefahren bin...

Synästhesie.

Herr Leinhos weiß natürlich sofort, was das ist, denn er kann Griechisch. Es geht um das Zusammenwirken von Sinneseindrücken, dass man zum Beipiel Töne sehen kann, oder Farben schmeckt. Das klingt nach abgefahrenem Scheiß, ist aber nicht unüblich. So sehe ich manchmal ganz konkrete Dinge, wenn ich Musik höre, und ich spreche gerade nicht von Ambient, das mit seinen Natursounds bestimmte Assoziationen weckt. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, ob das irgendwie mit Hochbegabung zusammenhängen kann.

Ich führe als Beispiel einen Song aus dem Genre Downtempo/IDM an: Martin Nonstatic - Granite. Meistens höre ich diese Musik mit geschlossenen Augen beim Meditieren, um meine Fantasie spielen zu lassen, und manchmal entstehen da wunderbare Bilder. Dieser Song ist mir von Anfang an aufgefallen unter den anderen Liedern auf dem Album Nebulae - Live at the Planetarium. (Das war damals eine Nummer im Carl-Zeiss-Planetarium, in Bochum, glaube ich; irgendwann möchte ich so etwas auch einmal erleben, weil die Vorstellung toll ist)

Es ist sehr schwer, genau festzumachen, woran es liegt, aber bei Granite formt sich vor meinem geistigen Auge ein Bild eines unterirdischen Bahnhofs. So wie die Haltestelle Rathaus Spandau der U7 in Berlin: Groß, majestätisch, menschenleer. Ob es an den hallenden Sounds liegt? An dem Echo? An dem Rauschen im Hintergrund? An der Wahl der Synthesizersounds? Irgendwann habe ich zum ersten Mal diesen Bahnhof "gehört", und das Bild erschien mir so passend, dass es sich in den Folgemonaten immer weiter verfestigt hat.

Immer deutlicher konnte ich in die Tunnel hineinsehen, in denen nur einzelne Leuchtstoffröhren die Dunkelheit erhellen. Immer klarer wurde mir, dass an diesem Bahnhof wirklich keine Menschen sind - groß, leer, hallend, und immer mal wieder fährt ein Zug durch. Und weil ich das Gefühl sehr gut kenne (denn ich liebe es seit Jahren, U-Bahn zu fahren), kamen auch die anderen Sinne hinzu, nach und nach, und mit jedem Anhören immer detaillierter, ich konnte die muffige Luft des Bahnhofs riechen, und er fühlte sich kalt an, nach Marmorwänden (nicht umsonst heißt der Song Granite - was ich damals aber noch nicht wusste, als meine Bilder entstanden sind). Hier freut es mich wieder sehr, eine Anlage mit Surroundsound zu haben, denn viele Alben aus dem Downtempo, IDM, Ambient, Psybient (etc.) sind extrem sorgfältig auf alle Kanäle abgemischt. Dort links fährt der Zug vorbei. Rechts kann ich spüren, wie die Luft vor einem heranfahrenden Zug, die sogenannte ghost train an mir vorbeizieht.

Diese Detailliertheit, kombiniert mit dem Umstand, dass ich mich in U-Bahnhöfen wohlfühle, hat einen wunderbaren Effekt: Wenn ich Nebulae höre und realisiere, dass Granite gerade begonnen hat, entspanne ich mich sofort. Alle Anspannungen der Muskeln fallen ab, ich sinke noch tiefer in meine Couch hinein und freue mich, dass ich jetzt einige Minuten lang den Bahnhof hören kann.

Vielleicht steigt ja heute jemand aus dem Zug aus ;-)

post scriptum: Deswegen habe ich den Roman "Lowboy" von John Wray gern gelesen, über einen Autisten in der U-Bahn. Ach so, und hier hätten wir noch den Song "Granite" von Martin Nonstatic, in der Live-Version aus dem Planetarium, bei 12:01:

 

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