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Mittwoch, 21. September 2022

Sent To Destroy

Vorher...

Morgen geht es rund - in einer Fließbandaktion. Vielleicht sogar Möbius, wenn ich meine Mithelfer so positioniere, dass sie mir endlos helfen können, das Schularchiv aufzuräumen. Ich war ein bisschen erschrocken, heute Vormittag, als mir bewusst geworden ist, wie viel aus dem Archiv zu vernichten ist. Ich habe an alle Stapel, die in die Tonne sollen, einen roten Zettel geheftet. Ich muss morgen definitiv nochmal mit meiner stellv.SL vorher durchgehen, dass ich die Schuldatenschutzverordnung, Paragraph Zehn Löschung, richtig verstanden habe.

Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, dann habe ich morgen um die zehn Schüler, die mir helfen: Einzeln in's Archiv, Stapel von mir übernehmen, die Treppe hoch und in die Tonne werfen, wieder anstellen. Und wenn nichts mehr zu vernichten ist, habe ich hier einen Eimer mit Schokoriegeln, in den jeder Helfer dann einmal ganz tief reingreifen darf.

Sauber aufgereiht - mein Aspi-Herz hüpft!

Spannend! Ich darf endlich wieder dirigieren! Da kommt mir gleich die Saturnalien-Thalia hoch, die hol' ich aber so vor, wie ich dat brauche. Irgendwie musste ich heute die ganze Zeit an diesen Song von Combichrist denken, der immer mal wieder auf der Lost Souls läuft - Sent To Destroy. Ich wurde in's Archiv geschickt, um ungefähr die Hälfte davon zu zerstören. 

Let's vernicht!



Dienstag, 9. August 2022

Ein Lois Duncan-Sommer


Die Sommerferien sind für mich immer eine etwas wacklige Angelegenheit. Auf der einen Seite ist es schön, nicht mehr zwischen den Modi Arbeit und freie Zeit wechseln zu müssen - auf der anderen Seite habe ich nichts mehr, was einen regelmäßigen Tagesrhythmus aufrecht erhält. Das kann dazu führen, dass ich ab der vierten, fünften freien Woche den Überblick verliere. Deswegen ist es am Ende langer Ferien immer ganz schön, wieder in den Arbeitstrott zurückzukommen (man kann sich ungefähr vorstellen, wie das erst in den großen Semesterferien war).

Zum Glück habe ich hier Beschäftigung, der neue Logik-Trainer ist vor ein paar Tagen reingeflattert und ich bearbeite gerade das Rätsel um den Fernsprechtischapparat 611. Außerdem gibt es Videospiele und Filme und die große Buba (momentan aber zur Sicherheit auf Abstand, nein, jetzt nicht mehr). Und in diesem speziellen Sommer ging es für mich mal wieder zurück in die Welt der Bücher.

Wenn ich mich recht entsinne, habe ich zum ersten Mal Lois Duncan mit Schülern in Husum gemacht, I Know What You Did Last Summer. Das hat ganz gut funktioniert - aber interessanterweise hatte ich jahrelang nur insgesamt zwei Duncan-Bücher gelesen. Irgendwann habe ich meinen Horizont dann um drei weitere Bücher erweitert, darunter das grandiose Down A Dark Hall, das ich letztes Jahr mit einer neunten Klasse behandelt habe, aber dann war wieder Schluss. Das dürfte daran gelegen haben, dass es nicht so leicht ist, an Duncans Romane zu kommen, zumindest wenn man eine bestimmte Ausgabe haben möchte.

Und das kann tatsächlich wichtig sein: Vor etwas über zehn Jahren hat der Verlag Little&Brown neun von Duncans Romanen in einer überarbeiteten Ausgabe herausgebracht. Die Geschichten sind ganz leicht modernisiert worden - die Romane wurden in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben, und deswegen hat man nun auch Internet und Handys hinzugefügt, damit Jugendliche sich besser mit der Handlung identifizieren können.

Das ist schließlich sehr wichtig, denn Duncan hat viel Young Adult Fiction (YA) geschrieben. Bücher, die sich an eine ganze bestimmte Altersgruppe richten, und bei jedem Buch frage ich mich direkt, ob man das nicht im Unterricht behandeln könnte. Sie sind echt gut. 

In diesen Sommerferien habe ich mir dann vorgenommen, nach weiteren Romanen der überarbeiteten Reihe zu suchen, und bin in Großbritannien und den USA fündig geworden: Locked In Time, The Third Eye, Gallows Hill, Daughters of Eve - und ich habe sie gefressen. Duncan hat mich derartig infiziert, dass mir nun eigentlich nur noch A Gift Of Magic und Ransom fehlen. 

Und die Begeisterung ist ansteckend: Die große Buba frisst gerade ebenfalls alle Bücher auf, die ich ihr ausgeliehen habe. Kein Wunder: Wir sind beide EnglischlehrerInnen, wir lieben es mit Jugendlichen zu arbeiten, wir mögen Lois Duncans Talent, die Naivität Jugendlicher einzufangen und authentisch-realistisch rüberzubringen, selbst wenn in einigen Romanen übernatürliche Elemente vorkommen. 

Ich möchte diese Bücher wärmstens empfehlen und gebe nur kurz eine Stichwortliste zu ein paar der bisher gelesenen Romanen, um vielleicht Interesse zu wecken:

I Know What You Did Last Summer - suspense, betrayal, friendship, responsibility, trust, after school

Down A Dark Hall - gothic fiction, haunted house, boarding school, dark past, insanity, art, supernatural

Killing Mr Griffin - school, naivete, trust, teachers, students, school life, responsibility, revenge, suspense

Locked In Time - southern gothic, magic, plantation, family, greed, envy, love

Gallows Hill - witch trials, Salem, superstition, conservatism, school life, America

Daughters Of Eve - feminism, anti-feminism, school life, gender roles, family, friendship, trust, suspense

Über Daughters Of Eve werde ich beizeiten einen Blogartikel schreiben, weil dieses Buch mich besonders mitgenommen hat. Um die große Buba zu zitieren: "Seite 45 - ich koche! Seite 126 - ich bin eine Sauna!!!" Ich denke mal, dass ich das mit meinem zwölften Jahrgang lesen werde.

Lois Duncan - ganz großartig! Auch wenn sie nach Neunzehnhundertneunundachtzig keine suspense novels mehr geschrieben hat - das Jahr, in dem ihre Tochter erschossen wurde. 

Wie eine Szene aus ihren Romanen...

post scriptum: Ein paar der Bücher gibt es auch als "Easy Readers"-Variante für leistungsschwächere Lerngruppen; deutlich gekürzt, leichtere Sprache, Bilder und Vokabelhilfen.

Freitag, 8. Juli 2022

Asperger pur, mit Schularoma


Ja, es wird mal wieder Zeit für ein Glas. Die große Buba sitzt derzeit in (sic) Pellworm und bereitet vor, was aus der Ferne nach einer ganz tollen Unterrichtseinheit zum Thema gothic fiction aussieht. Wunderbar! Walpoles Otranto war quasi mein Einstieg in's Englischstudium, und von da aus habe ich die gothische Literatur lieben gelernt. Eigentlich auch schon vorher, denn mein Lieblings-Horrorfilm damals als Teenager war - neben Halloween (1978) - die Shirley Jackson-Originalverfilmung The Haunting (1963)

Und dabei denke ich mir, hmmm, ich könnte ja auch schon einmal Unterricht vorbereiten. Oder zumindest die Stoffverteilung erledigen, ich habe nach Ewigkeiten mal wieder zwei Oberstufenkurse, da sollte man sich ruhig schon etwas vorher überlegt haben. 

Aber ich kann das nicht. Und das hat mich im zweiten Staatsexamen eine Note gekostet. Ich kann keinen Unterricht planen, wenn ich nicht weiß, wer meine SchülerInnen sind und wie sie aussehen. Ich kann es einfach nicht, denn ich muss mir meinen Unterricht immer visuell im Kopf vorstellen können - das ist quasi meine reguläre Unterrichtsplanung. Aber wenn ich schülerzentrierten Unterricht machen will (anders kann ich nicht), dann muss ich die SchülerInnen kennen.

Wird also nichts. Es wird so werden wie die letzten zehn Jahre: Meine Unterrichtsplanung findet in der ersten Schulwoche statt. Früher dachte ich immer, ich sei einfach zu faul dazu gewesen, aber ich weiß jetzt, was Theory of Mind bedeutet, und ich weiß jetzt, dass alle Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung Defizite in diesem Bereich haben. Zum Glück weiß ich das alles jetzt, denn das dürfte ein interessanter Gesprächspunkt mit meinem Psychiater werden.

Und nicht mehr so wie diese Frau damals in Lübeck. Ich sag' nur Kartontee!

Mittwoch, 28. Juli 2021

Gamers never die


Ich muss mich den Tatsachen stellen: Dieser jahrelange Absturz hat dazu geführt, dass ich viel zugenommen habe - weil ich einfach nicht mehr darauf achte, was ich esse. Das war mal anders, und das könnte auch eine schöne Perspektive sein, aber im Moment muss ich pragmatisch denken: Raus mit den alten Shirts, die zu eng geworden sind. 

In Gamersprache: Endlich, da vorne ist ein Rüstungsshop, da können wir uns für den nächsten Dungeon wappnen - und der Dungeon ist dann quasi die erste Schulphase bis zu den Herbstferien. So habe ich also zum Glück noch rechtzeitig daran gedacht und Shirts vom Label meines Vertrauens (Spiral) bestellt. Resultate seht Ihr im Foto. Ich bin mal gespannt, wie die Schüler auf das Gamers Never Die-Shirt reagieren ;-)

Immer schön schwarz bleiben!

Mittwoch, 24. Februar 2021

Metalhead

Das war vor zehn Jahren...

Dieser Beitrag hat nichts mit der gleichnamigen Black Mirror-Folge zu tun - höchstens in ästhetischer Hinsicht, denn sie ist in schwarzweiß gefilmt. Heute gab es ein bisschen Nostalgie; eigentlich wollte ich nur ein Ben&Jerry's-Eis einkaufen, aber auf dem Weg in die Tiefkühltruhe bin ich durch die Drogerieabteilung gekommen und habe mir mal wieder die Haarfarben angeschaut.

Das habe ich lange nicht mehr gemacht - früher im Studium hatte ich alle möglichen Haarfarben ausprobiert und bin dann irgendwann bei blauschwarz gelandet. Nun sehe ich eine Haarfarbe für schwarz mit einem Metallic-Effekt. Ich habe keine Ahnung, ob das etwas taugt, aber es sah interessant aus; ich habe früher, wenn ich zum Tanzen auf die Lost Souls gegangen bin, gern Metallic-Haarspray oder -gel verwendet, ich fand das klasse. 

Finde ich auch immer noch, und deswegen werde ich nach meinem nächsten Friseurbesuch mal die neue Haarfarbe ausprobieren. Das alles hat heute Erinnerungen geweckt. Studium. Sport. Party. Schwarze Szene. 

Ich hoffe, dass bald wieder auf der Lost Souls getanzt werden darf.

Sonntag, 12. Juli 2020

Rest in Flames


Während ich jetzt so langsam aufräume, wird mir allmählich das Ausmaß bewusst, in dem ich meine Wohnung vernachlässigt habe, in der Zeit der Unsicherheit. Meine Denkweise (könnte Aspi sein, könnte aber auch ganz normal sein): "Wenn ich nicht weiß, ob ich im August wieder arbeitslos bin - ob meine Welt wieder einmal zusammenbricht, und ich nicht weiß, wofür ich das alles tun soll, warum soll ich dann aufräumen?"

Zum ersten Mal festgestellt habe ich das vorhin, als ich mein Bett neu bezogen habe; das letzte Mal muss Monate her sein. Und diesmal dann auch gleich mit neuer Bettwäsche; das spricht dann eher für die Denkweise "Toll, ich darf ein Jahr länger an meiner Schule bleiben, jetzt macht es auch Sinn, mein Leben zuhause endlich wieder in den Griff zu bekommen." Und dazu gehört eben auch das Home Improvement, wie zuletzt mit Melisse Etheridge. Nur, dass es diesmal eine neue Bettwäsche ist, die vom Label meines Vertrauens stammt.

Das ist dann wieder typisch Aspi, taucht aber auch bei normalen Menschen auf: Ich bestelle mein Apparel, also Outfits, Jacken, Textilien und so weiter, Kissen für die Couch oder auch die Bettwäsche, eigentlich nur noch bei Spiral UK, erst recht, seitdem die Auswahl bei'm deutschen Vertrieb EMP immer größer wird.

Ich fühle mich darin tatsächlich wohl, ruhig, entspannt und sicher ;-)

Mittwoch, 10. Juni 2020

Special Interest


"[Aspergers] have remarkable ability in a chosen area of expertise. (...) The special interest is more than a hobby and can dominate the person's free time and conversations. (...) We know that the amount of time and resources dedicated to the special interest can cause considerable disruption to the daily life of the person with Asperger's syndrome. (...) The interest is often a solitary and intuitive activity, pursued with great passion (...) 'Facts are important to us because they secure us in what is otherwise a very unstable world' (...)
The third most common interest is public transport systems. This can include memorizing all the stations on a subway system (...) [and modern] interests in computer games and Japanese animation as well as science-fiction films.
[A child with AS] visited a theme park and was taken on his first roller-coaster ride. The emotional experience of acceleration and falling was extremely exhilarating for him and he insisted that he spent most of the day at the front of the roller coaster, screaming, not with fear but pleasure. (...) He subsequently developed a special interest in roller-coaster rides and, when we met, gave me a fascinating and detailed 'lecture' on the history and different types of roller coasters. He was only eight years old."

(Attwood, Tony: The Complete Guide to Asperger's Syndrome, London 2007, S.184-195)


Angefangen hat es am vergangenen Freitag.

Eigentlich ein ganz normaler Tag, an dem ich gerade in einem Videospiel versunken war, als es an der Tür raschelte und klapperte - der Postbote hat einen Luftpolsterbrief eingeworfen, und ohne draufzuschauen war mir der Inhalt klar. Es hat gute fünf Wochen gedauert, bis die Bluray von The Haunting of Hill House (2018) aus den USA ihren Weg zu mir gefunden hat. Etwas umständlich, aber es musste sein: Ich war bereits total begeistert von der Serie, als ich sie mir mehrfach bei Netflix angeschaut habe, allerdings ist es ein bekanntes Problem, dass das Bild bei Netflix etwas dunkler ist als ursprünglich gefilmt. So kommt es vor, dass in dunklen Szenen überhaupt nichts zu sehen ist, obwohl eigentlich zumindest Silhouetten erkennbar sein müssten.

Bei einer Serie, die im Bereich des gothic horror spielt, kann das problematisch sein, denn viele Szenen spielen des Nachts, in dunklen Räumen, in denen sich plötzlich Dinge bewegen oder Geister erscheinen. Ärgerlich, wenn man das als Zuschauer nicht sehen kann, und deswegen wollte ich ein physical release der Serie haben. Das war leider nur per Import zu erhalten. Nun ja, denke ich mir, ich kann mir ja einfach mal die erste Episode anschauen, allein schon um zu sehen, ob es tatsächlich Unterschiede hinsichtlich des Bildes gibt.

"Unterschiede" ist leicht untertrieben - es hat sich angefühlt, als würde ich eine völlig neue Serie entdecken, mit brillanter SHD-Qualität und wunderschöner Musik im Surroundsound. Genau das hatte ich mir so sehr gewünscht, und damit hat mein Aspi-Heaven begonnen; es ist nämlich an diesem Wochenende so Vieles zusammengekommen.

Meinen ersten Kontakt mit Shirley Jacksons Roman von Neunzehnhundertneunundfünfzig hatte ich während meiner Schulzeit in der Oberstufe. Ich wollte einen gruseligen Film sehen, der nicht eklig ist, kein Splatter, keine fliegenden Körperteile und so weiter (das hat dann später zu meiner Projektarbeit geführt, in der ich untersucht habe, wie ein Film Spannung erzeugen kann). Die Fernsehzeitung hatte mir Bis das Blut gefriert (1963) empfohlen. Ich kannte den Originaltitel nicht, wusste nicht, dass es sich um eine Romanverfilmung handelt, das war alles irrelevant, aber das Filmerlebnis hat sich mir eingeprägt, denn das war wirklich unheimlich.

In den folgenden zwanzig Jahren habe ich mich dann wieder und wieder mit dem Roman The Haunting of Hill House beschäftigt. Ich habe mich über Shirley Jackson informiert, ich habe fast all' ihre Werke gelesen, ich habe mir die zweite Haunting-Verfilmung angesehen (vom Regisseur Jan de Bont, 1999), ich bin über die berühmte Kurzgeschichte The Lottery gestolpert und Jackson hat einen festen Platz in meinem Literaturherzen gefunden.

Nun kann man vielleicht nachempfinden, was für ein Gefühl von Glück es in mir auslöst, wenn ich mir diese Serie in perfekter Bild- und Klangqualität anschauen kann. Und dann kam da dieser Moment... manchmal, wenn ich einen Film richtig beeindruckend finde, informiere ich mich über den Regisseur. Okay, fast immer. Und der Regisseur der neuen Haunting-Verfilmung ist Mike Flanagan, offensichtlich einer der wichtigsten Regisseure der Horror-Gegenwart. Ich habe dann das ganze Wochenende und die folgenden Tage bis gestern damit verbracht, mir seine Filme anzuschauen (von denen ich drei schon kannte, aber nicht realisiert hatte, dass es Flanagan-Filme sind); sein Frühwerk hat mich besonders interessiert, und wer mal einen Geschmack für ihn bekommen möchte, dem empfehle ich den Kurzfilm Oculus Chapter 3: The Man With The Plan (2006), der auf Youtube frei verfügbar ist und etwa eine halbe Stunde läuft.

Während dieser Tage ist mein Horrorherz richtig warm geworden, Dinge wie Essen oder Zeugnisberichte sind in den Hintergrund gerutscht, ebenso wie Kontakte zu Freunden. Ich denke, dass es genau dieses Verhaltensmuster ist, was Tony Attwood im obigen Zitat beschreibt: Mein Spezialinteresse, besonders mit neuem Öl in's Feuer, lässt alles Andere in den Hintergrund rücken. Das mag auch bei Menschen ohne Behinderung auftreten, aber selten so, dass dadurch die Tagesroutine durchbrochen wird und notwendige Dinge vernachlässigt werden.

Das sind dann die Phasen, in denen es heißt "Man hört und sieht ja gar nichts von dir!" - und das tut mir wirklich Leid, aber zur Beruhigung kann ich dann sagen, dass es nicht daran lag, dass es mir schlecht ging, sondern dass ich mich im Aspi-Heaven befunden habe.

Es gibt wesentlich Schlimmeres.

Mittwoch, 22. Januar 2020

Annie Kay Meets Schwarze Szene

Heute ist es für mich überhaupt kein Problem mehr, ausgefallene Sachen zu finden - das war mal anders, und auch Annie Kay kann davon ein Lied singen.

Heute geht es um ein Gefühl von Zugehörigkeit als Alternative zum Freakdasein. Ich habe vor gut zwei Jahren schon einmal darüber geschrieben, aber es kann nicht schaden, das regelmäßig zu updaten. Gerade wenn man einen akuten Fall hat.

Ich kann mich noch gut daran erinnnern, wie ich mein erstes Paar New Rock Boots bestellt habe. Sauteuer, zweihundert Euro, und als Student musste ich dafür eine ganze Weile sparen, aber das war es wert: Ein paar Wochen später hatte ich zwei schwere Stiefel aus Spanien in der Hand, maßgefertigt aus Rindsleder, mit mehreren Metallapplikationen, auf die ich eine lebenslange Garantie habe, falls mal etwas abbrechen sollte - was in den vergangenen fünfzehn Jahren noch nicht ein Mal passiert ist. Die Schuhe sind qualitativ hochwertig, extrem bequem, auffällig und in der Schwarzen Szene gar nicht mal so ungewöhnlich. Wenn ich auf der Tanzfläch der Lost Souls meinen Blick nach unten richte, finde ich die Marke - erkennbar am runden Metalllogo - an mehreren tanzwütigen Beinen.

Abr wie kommt man an solche Sachen heran? Wenn man zum Beispiel noch nicht volljährig ist, und die Eltern das ganz bestimmt nicht erlauben würden? Heimlich im Internet bestellen fällt flach, wenn die Eltern die Post entgegennehmen. Bleibt also nur der ganz klassische Einkauf - in Kiel zum Beispiel im Laden Obscene, der nicht ohne Grund viele positive Bewertungen erhält. Und dennoch: Wenn man zum allerersten Mal in der Szene shoppen möchte, gehört ein wenig Mut dazu.

Wenn man diesen Mut aufbringen kann, wird man im Laden allerdings mit einigen der Charakteristika der Szene konfrontiert: Kaum fällt die Ladentür zu, wird ein Getränk angeboten, es gibt eine Führung durch das Geschäft, es ist alles sehr freundlich und familiär. Gesiezt wird nicht, denn das ist aus meinem Blickwinkel altmodischer Schwachsinn. Jegliche Angst fällt ab, und ganz kostenlos bekommt man das Gefühl, dazuzugehören, und nicht mehr ein Freak zu sein wie zum Beispiel in der Schule. Das ist eine Szene, in der das Alter irrelvant ist. Die Sexualität übrigens auch, erstaunlich weit verbreitet. Divers eben.

Und selbst wenn man bei'm ersten Besuch nur das eine oder andere neue Armband kauft, freut man sich schon auf den nächsten Besuch, irgendwann, und man merkt, dass die Schwarze Szene unglaublich tolerant ist. Quasi ein Gegenstück zum MAX in Kiel.

post scriptum: Annie Kay, Du bekommst natürlich auch noch eine vernünftige Antwort! ;-)

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Feierlaune (WEG HIER!!!)

Par-TAY anyone?

Tag der Deutschen Einheit, und in diesem Jahr hat Schleswig-Holstein ja auch guten Grund zum Feiern (Vorsitz, rundes Jubiläum und so) - und da lässt sich das Land zwischen den Meeren nicht lumpen: Der ÖPNV in Kiel und die Bahnen in SH sind heute kostenlos, die Läden im Zentrum geöffnet, und der Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Eine völlig überfüllte Kieler Innenstadt. Völlig überfüllte Busse auf den Hauptlinien (11, 6X, 10X, 50X, praktischerweise nach dem Samstagsfahrplan), jeder erwachsene Mensch entweder mit fünfzig Kindern an jeder Hand oder dabei, Selbstgespräche zu führen, wenn sie mit ihrem Knopf im Ohr reden - oder beides simultan. Absolute Überforderung für mich.

Das hat allerdings insofern ganz gut gepasst, als dass ich meinen täglichen Spaziergang mit dem Marsch in die City verbinden konnte und keinen Bus nehmen musste. Ich weiß nicht, wie oft ich Fibonacci im Sophienhof diesmal durchgehen musste, oftmals ist das schlimmste Gedränge irgendwo bei Sechshundertzehn überstanden.

Alle gehen heute feiern, naja, gefühlt alle. Das Polizeiaufgabot in der Innenstadt ist gewaltig, kein Wunder, alles zwischen Hauptbahnhof und Landtag ist heute ein wunderbares Ziel für Anschläge, so dass eine Mutti heute zu ihrer Tochter meinte - ungelogen: "Lucy, wenn wir irgendwo Menschen sehen, die sich vermummt haben, dann gehen wir ganz schnell auf die nächste Toilette!" Irgendwie witzig, wenn es nicht traurige Realität wäre, und auch diese riesigen Granitsäcke sind heute wie Pilze aus dem Boden geschossen, um die Fußgängerzonen zu schützen.

Dieser Feierwahn (heute sind unglaublich viele Schülercliquen mit Alkohol im Gepäck unterwegs) erinnert mich an meine Schulzeit - ab einer gewissen Jahrgangsstufe gehörte die Frage "Wochenende feiern?" zum Standardrepertoire, und für viele meiner Mitschüler war das Pahlazzo der Partytempel schlichtweg. Dithmarschen halt. Und irgendwie ist bei mir der Eindruck hängen geblieben, dass sehr viele Menschen hauptsächlich auf Parties gehen, um sich mit psychoaktiven Substanzen zu berauschen, Alk zum Beispiel. Fair enough.

Ich war nie auf auch nur einer dieser Feiern, weil mich das nie gereizt hat, und das tut es auch heute nicht. Die Musik, die da läuft, die interessiert mich schon lange nicht mehr (zur Schwarzen Szene kommen wir gleich), tanzen kann ich auch zuhause. "Ja, aber da kann ich mich endlich mal in der Freizeit mit ein paar Kumpels (ohgott, ich habe erst Mupels geschrieben) treffen", sagt mir Jan, weil er's kann. Vollkommen nachvollziehbar, aber ich treffe mich so gut wie nie mit anderen Menschen. "Und sie fühlen sich wohl damit", fragte die Psychiaterin, und ich sagte "Ja". Das finde ich deswegen interessant, weil mir in meiner Jugend und vor allem dann Richtung Studium immer wieder Menschen gesagt haben "Du musst doch mal was mit anderen Leuten unternehmen", und ich habe nett gelächelt und gesagt "Joah", heute verneine ich das einfach.

Ich bin nicht so sehr an Menschenmengen interessiert, und die einzige Party, die ich freiwillig besuche, ist die Lost Souls, weil da Menschen wie ich herumlaufen - nicht, dass ich irgendjemanden davon ansprechen würde - weil da Musik läuft, die ich mag, und wenn nicht gerade irgendein floorfiller läuft, dann habe ich da meinen kleinen, gemütlichen Tanzquadratmeter, und das reicht. Mehr mache ich auch auf dieser Party nicht. Ich esse nichts, ich trinke nichts, ich unterhalte mich mit niemandem, sondern tanze je nach Kondition zwei bis drei Stunden durch und dann gehe ich wieder.

So hat halt jeder Mensch seine eigene Vorstellung vom Feiern. Und damals dachte ich, dass mit mir was nicht stimmt, weil ich nie in's Pahlazzo mitgehen wollte, wenn jemand gefragt hat. Heute weiß ich, dass das OK ist.

Und Euch einen schönen Dritten Oktober!

Sonntag, 22. Oktober 2017

Dazugehören

Was uns verbindet? Die Farbe Schwarz...

Vorweg: Die Idee zu diesem Beitrag kam bereits vorgestern, diese ersten Zeilen habe ich gestern geschrieben, dennoch musste die Veröffentlichung bis heute warten, denn das hier beschriebene Gefühl konnte ich erst in der letzten Nacht wieder erleben und wollte die Eindrücke möglichst unverfälscht wiedergeben.

Manche Menschen kommen auf diese Welt und haben, soweit sie sich erinnern können, nie ein Gefühl von Zugehörigkeit erfahren. Schon als Kinder haben sie sich in ihrer Familie irgendwie fremd gefühlt. Vielleicht, weil ihre Eltern ihnen das Gefühl gegeben haben, in der Familie nicht willkommen zu sein, oder vielleicht, weil sie tatsächlich anders waren und das nicht so einfach akzeptiert werden konnte. Ein Gefühl von wir konnte nicht entstehen, stattdessen haben sie sich an den Topos von ich und die anderen gewöhnt.

Wer Glück hatte, konnte in der Schule einen Freundeskreis finden. Eine peer group, in der man willkommen war und die einen genauso nahm, wie man war - vielleicht, weil die anderen selbst etwas spezieller waren. Manch' einer hatte da allerdings Pech, wurde gemobbt und ausgegrenzt, und das, obwohl er so sehr versuchte, sich anzupassen und dazuzugehören.

Für diese Menschen, die jahrelang auf der Suche nach der eigenen Identität sind - und nach Menschen, bei denen sie OK sind - na super, Bewusstseinsstrom, diesen Satz habe ich in der letzte Nacht angefangen und jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich weiterschreiben wollte.

Wenn ich Schüler bemerke, denen es so geht, die das Gefühl haben, immer außen vor zu sein, versuche ich ihnen einen Gedanken an's Herz zu legen: Irgendwann werden auch sie Menschen finden, die ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Und ich erzähle dann aus meinem eigenen Leben. Und dass ich mehr als zwanzig Jahre auf dieses Gefühl habe warten müssen - bis ich schließlich im Lateinstudium angekommen war und dort zwar nach wie vor ein Freak war, aber damals studierten fast nur Freaks dieses Fach, das war noch vor den neuen Studiengängen und dem Latein-Boom. Da fand ich Menschen, die auch alle ein bisschen verrückt waren. Auch dort habe ich mir zwar Zeit gelassen, mich mit Kommilitonen anzufreunden, aber ich hatte nicht mehr das Gefühl ausgegrenzt zu sein.

Und mein zweites Erlebnis von "dazugehören" folgte ein paar Jahre später, als ich zum ersten Mal auf eine Party der Schwarzen Szene mitgenommen wurde. Dort habe ich mich sofort wohlgefühlt, und das Gefühl hält bis heute an. Letzte Nacht war es wieder soweit, und ich wollte die Party abwarten, um sicherzustellen, dass es dieses Gefühl noch immer gibt. Und auch wenn immer wieder einige "Normalos" sich auf die Lost Souls verirren, so trägt doch der Großteil schwarze Outfits, Metall, Nieten, Ketten, Schmuck, schwere Boots, düsteres Makeup, und tanzt sich die Seele aus dem Leib, ohne sich darum zu scheren, was Andere wohl denken könnten. Denn auf dieser Party ist man unter sich, da muss man sich nicht groß verstellen.

Kennzeichnende Szene aus der vergangenen Nacht: Ich verlasse die Trauma, in der gleichzeitig auch die Depeche Mode-Night stattgefunden hatte, und gehe draußen über den Parkplatz. Ich gehe an zwei jungen "normalen" Frauen vorbei, die sich über das Publikum unterhalten, und ich bin gerade mal zwei Schritte an ihnen vorbei, da haut die Eine die Andere an: "Guck mal, so musst du zu dieser Party gehen, guck dir mal den Typen mit dem ganzen Metall dort an, jetzt guck doch mal!" Wie subtil. Ich habe es genossen. Auf dieser Party sind sie diejenigen, die sich nicht dazugehörig fühlen. 

Aber ich bezweifle, dass sie das ernsthaft stört. Denn manche Menschen haben eben das Gefühl, überall Teil der Gruppe zu sein, und sie verbiegen und brechen sich, um mitmachen zu können. Oder manche, naja, die kommen einfach überall gut an, die werden gleich in die Clique aufgenommen. Über diese Menschen werde ich nicht extra einen Artikel schreiben. Denn dann müsste ich wieder unweigerlich an ihn denken - der Er überall dabei sein will, überall im Mittelpunkt stehen will und sich sonstwie verstellt, damit nur niemand etwas "Komisches" über ihn denkt.

Klar habe ich ihn damals auch gefragt, ob Er mal mitkommen will auf die Lost Souls. Mehrfach sogar; Er hat zwar nie direkt abgelehnt (denn dazu müsste Er "Nein" sagen können), aber irgendwann habe ich (endlich) realisiert, dass Er dort nicht sein möchte. Und natürlich habe ich mir immer wieder gedacht "Woher willst du wissen, dass das nichts für dich ist?" - aber lass mal, DocH, Du kannst niemanden dazu zwingen, so wird keiner der Beteiligten glücklich. Und wer in erster Linie auf Parties geht, um sich volllaufen zu lassen, der findet tatsächlich bessere Events als die Schwarze Szene.

Für mich ist das aber genau das Umfeld, in dem ich mich hin und wieder austoben möchte. Hier höre ich Musik, die ich kenne, auch gestern wieder: Combichrist, VNV Nation, Covenant, ASP, Oomph!, Shock Therapy, Noisuf-X uvm... - und hier sehe ich Menschen wieder, die ich kenne: die Jackettfrau, das Spetsnazmädchen, Cybergoths, Electroheads, und sie alle sehen so gut aus und es fühlt sich so toll an, im Rhythmus mit ihnen zu tanzen.

In einem Monat geht es wieder los! Und bis dahin genieße ich es wieder, ganz für mich zu sein.

post scriptum: Jedesmal wieder der Moment, in dem man sich in den Augen herumreibt und einem dann einfällt, dass man ja Kajal und Lidschatten drauf hatte und nun die Augen brennen, weil man alles reingerieben hat, und man realisiert, dass man drei Schichten Nagellack draufhat - Schutzlack als Grundierung, dann schwarz und dann einen unsichtbaren UV-aktiven Lack drüber... und ich muss meine Boots dringend mal wieder putzen und pflegen. Ich habe das alles schleifen lassen. Und den Tag heute im Zombiemodus rumbringen, viel Schlaf gab es nicht und das graue Wetter draußen trägt nicht gerade zur Energetisierung bei...