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Mittwoch, 29. Mai 2024

Freut Ihr euch, wenn es mir schlecht geht?!


"a a a a a a a a a a a a a a sa sa sa lkjybfdöghydfsoglöhjfdisg hhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh tot"

So klingt es, wenn die große Buba und ich auf der Couch sitzen und vor Lachen sterben. Das passiert manchmal synchron, manchmal aber auch nur einseitig - zum Beispiel, wenn wir Witze in einem Film sehen, die ein Autist anders auffasst als eine HSP. Es passiert auch bei Videospielen, und zwar dann, wenn ich gerade mal wieder in einen Abgrund gefallen bin und Lara Croft alle drei Beine gebrochen habe, oder wenn irgendwelche Monster mich plattmachen oder ich mit meiner Waffe mal wieder voll daneben haue - kurz gesagt, freut sie sich ganz oft, wenn es mir im Spiel mies ergeht. Nachtrag: Nein, sie freut sich nicht, sie lacht aber drüber, weil es eben auch witzig ist.

Ich kann das vollkommen nachvollziehen, und dahinter steckt auch keine Missgunst oder böser Wille - sie ist immerhin die große Buba und wir kleben aneinander - und außerdem merke ich das selbst, wenn sie gerade den Controller in der Hand hat und überfordert ist von der Vielzahl an Optionen, was sie als nächstes im Spiel machen soll. Wenn ich dann lache, ist es ganz oft einfach eine Erleichterung zu sehen, dass auch ein anderer Mensch dieselben Probleme bei dem Spiel haben kann wie ich. Deswegen ist es nur logisch, dass wir den Anderen anfeuern und applaudieren, wenn beispielsweise ein Boss besiegt wurde.

Das ist also Spaß - aber für mich immer wieder faszinierend zu beobachten, und ich werde auch nicht müde jedesmal festzustellen: "Du freust dich immer, wenn ich tot gehe!"

Und was hat das mit diesem Blog zu tun? 

Ich hatte schon früher immer mal wieder erwähnt, dass es faszinierend ist, die durchschnittlichen Klickzahlen von Beiträgen zu beobachten: Warum hat diesen Beitrag kaum jemand angeklickt? Warum hat jener doppelt so viele views wie sonst üblich? Dabei merke ich, dass clickbait leider immer wieder klappt - also eine Andeutung in der Überschrift, die neugierig macht, zum Beispiel, oder ein provokantes Bild über dem Beitrag. Auch hilft es sehr, wenn der Titel des Beitrags bereits deutlich macht, worum es gehen wird - auch wenn ich das immer versucht hatte zu vermeiden; ich wollte möglichst kreative Titel finden, auf deren Erklärung man nur über drei Ecken kommt. Ist zwar nett für mich, aber interessiert kaum jemanden.

Und dann ist es generell so, dass Beiträge viel häufiger aufgerufen werden, wenn sie mit meiner psychischen oder beruflichen Situation zu tun haben - das "Psychologiebild" kann manchmal schon Interesse hervorrufen, oder die "Lehrerbilder". Und ich komme nicht umhin festzustellen, dass Beiträge bei besonders negativen oder positiven Nachrichten häufiger gesehen werden - gerade die Hiobsbotschaften für mich werden oft geklickt. Job verloren, Nervenzusammenbruch, und wie ich mit solchen Situationen dann umgehe. Und auch hier bin ich mir sicher, dass keine Missgunst dahintersteckt, zumindest nicht immer. Ich erinnere mich an die Mail von JB, in der der ehemalige Schüler mir geschrieben hat, dass er gern in den Blog schaut, weil er dort sehen kann, dass auch andere Menschen oft mit dem Leben zu kämpfen haben und er damit nicht allein ist - das gibt ihm Mut. Es ist auch ein bisschen das Prinzip der Seifenopern - wir leiden einfach gern mit unseren "HeldInnen" mit, und freuen uns dann auch, wenn es mit ihnen irgendwann wieder bergauf geht. 

Ja, Beiträge werden häufiger angeschaut, wenn es mir schlecht im Leben ergeht - aber weil ich weiß, wer diesen Blog so alles liest, weiß ich auch, dass dahinter oft eine Menge Empathie steckt, und was ich manchmal als Rückmeldung auf solche Beiträge bekomme, wärmt mir das Herz. Zuspruch, "du bist nicht allein"-Erinnerungen, und ganz oft eben nicht nur Phrasendrescherei, sondern ernst gemeint, besonders wenn manche sich die Mühe machen und nicht nur ein like auf den Beitrag klatschen, sondern sich die Zeit nehmen, mir eine Nachricht zu schicken.

Seitdem ich arbeitslos bin und die Jobaussichten immer weiter zusammenschrumpfen, hat sich die Zahl der Klicks verdoppelt. Zum Glück ist es mir nicht wichtig, viele Aufrufe zu bekommen, sonst müsste ich allein schon deswegen darauf hoffen, dass es auch weiterhin keine passenden Stellenangebote für mich gibt.

Ich halte Euch auf dem Laufenden! Und... danke für Eure Anteilnahme!! :-)

Samstag, 19. Februar 2022

LGBTQ v1.1: Kannst Du es nachvollziehen?


vorweg: Dieser Artikel hat grünes Licht von allen beteiligten Personen bekommen.

Wie fühlt es sich an? Als LGBTQ-Teenager auf eine Schule zu gehen, in der einem unentwegt klar gemacht wird, dass das "nicht normal" ist. Dass es irgendwie falsch ist und man sich anpassen muss?

"Oh ja, das muss schlimm sein, das kann ich gut nachvollziehen."

"Nein, das kannst du nicht."

Du sagst es, um mir ein wenig von der damaligen Last und dem damaligen Schmerz zu nehmen, eine Art Höflichkeit oder Freundlichkeit. Aber:

Kannst Du es nachvollziehen? Wie es ist, sich jeden Morgen zu wünschen, krank zu sein, damit man nicht in die Schule gehen muss, und zwar nicht wegen der zu lernenden Inhalte? Wie es ist, auf der morgendlichen Busfahrt in die Schule auf den Fußboden zu schauen, in die eigene Kopfwelt zu verschwinden und die letzten zwanzig Minuten Frieden des Tages zu genießen? Aus dem Bus auszusteigen, und auf dem Weg in den Klassenraum einfach nur noch Angst zu haben? Angst davor, bestimmte Mitschüler zu sehen? Angst vor den Sportstunden? Angst davor, mit Stiften und anderen Sachen beworfen zu werden, weil Du anders bist? Angst davor, während des gesamten Vormittags keine Möglichkeit zu haben, aufzuatmen? Keinen Ort, an dem Du OK bist, so wie Du bist? Angst davor, von anderen Schülern gemobbt zu werden und am Ende dafür auch noch selbst Ärger vom Lehrer zu bekommen, Woche für Woche für Monat für Jahr? Mit Deinem Kopf in einem Rätselheft zu verschwinden, compartmentalizing, um nicht in der Stunde vor achtundzwanzig Mitschülern anzufangen zu heulen? Das grenzenlose Aufatmen, wenn Du nach der letzten Stunde endlich den Klassenraum verlassen kannst? Wenn Du weißt, dass auf der Rückfahrt im Bus wildfremde Schüler versuchen werden, Dir Drogen zu verkaufen, einfach nur um Dich zu verarschen, aber das stört Dich schon gar nicht mehr, weil es nichts ist im Vergleich zu der Folter, in der Schule absolut niemanden und absolut keinen Ort zu haben, um das alles mal herauszuschreien? Wenn Du im Supermarkt von einem wildfremden Mann angesprochen wirst, der Dir anbietet, ein Schwulenmagazin für Dich zu kaufen? Dein Tagebuch ausschließlich zu nutzen, nicht um täglich etwas zu schreiben, sondern um fünfzehn Jahre lang nur all' das hineinzuschreiben, was Du durchmachen musstest an diesem Tag, in dieser Woche? Wenn es sich anfühlt, als würde in Deinem Kopf jeden Tag eine Atomexplosion rückwärts ablaufen, wenn Du all' diese Wut, diesen Frust, diese Angst und Trauer so weit in Dich hineinsaugst, dass Dein Kopf irgendwann nur noch aus Atombomben kurz vor der Explosion besteht? Und Du hast nirgendwo die Möglichkeit, endlich einmal den Zünder zu drücken und das alles loszuwerden?

Kannst Du das wirklich nachvollziehen?

Wenn ja, dann kannst Du es auch verstehen, warum ich in Tränen ausgebrochen bin, als ich am Donnerstag folgende Nachricht erhalten habe:

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Hi! Ich habe gerade Deinen Blog über lgbtq Angebote in Schulen gesehen und möchte das gerne zum Anlass nehmen und mich ganz doll bei Dir bedanken!

In der 9. Klasse Englisch hast Du uns lgbt näher gebracht und wir haben u.a. über 'don't ask don't tell' diskutiert - das hat mir viel bedeutet und damals das Gefühl gegeben, dass mich 'zumindest ein paar Menschen akzeptieren werden' und dass ich nicht alleine bin und vor allem: dass das noch nicht mal im entferntesten Sinn etwas 'Schlimmes' ist. Für mich war die Schule kein sicherer Ort, mich als trans zu outen, zumal ich teilweise mitbekam wie sogar Lehrer untereinander abfällige Witze in diese Richtung gemacht haben und auch ohne Outing jede einzelne Pause Schüler über mich getuschelt haben und sich gefragt haben "ob ich ein Mädchen oder Junge bin". ^ dieser Satz hat mich jahrelang so verfolgt, dass ich bei jedem Flüstern in der Öffentlichkeit automatisch nur das gehört habe! [Unsere AG] besonders war für mich ein Safe Space - ich konnte dort sein wie ich bin! 😁 Ich hatte oft überlegt, ob ich mich Dir anvertrauen soll, letztendlich aber zu viel Angst gehabt, weil mein Umfeld alles andere als supportive war und ich mich mit einem Outing nicht verletzlich machen wollte - ich hatte mir damals stillschweigend gesagt, dass Du mich als die Person, die ich wirklich bin, siehst - danke, Dein Englischunterricht hat mir Hoffnung gegeben, dass irgendwann alles gut wird ☺ Liebe Grüße!!

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Zuerst hatte ich nur den Namen und das Profilbild gesehen, ein junger Mann, den ich nicht wiedererkannt habe. Ein ehemaliger Schüler? Dann der Blick in's Gesicht und der Nachname und der Ausdruck safe space. Ich hatte vor zehn Jahren eine hochintelligente, brillante Schülerin in Englisch, konnte anspruchsvolles Englisch in der neunten Klasse verstehen und auf muttersprachlichem Niveau schreiben. 

Jetzt weiß ich, dass dieser brillante Kopf ein Schüler in einem falschen Körper war. Und dann hat jeder einzelne Satz, den er mir geschrieben hat, tief in's Herz getroffen, über die Schule als unsicheren Ort, die abfälligen Witze, das Tuscheln und vor allem die Hoffnung, dass irgendwann alles gut werden wird. 

Ich hatte am Donnerstag Tränen in den Augen und auch jetzt laufen sie mir über das Gesicht, während ich diese Zeilen schreibe. Endlich habe ich die Gewissheit, dass die Schüler zumindest in meinem Unterricht oder Projektangebot einen safe space haben. Etwas, das sie zuhause nicht haben, draußen nicht haben, und auch sonst in der Schule nicht haben.

Und deswegen werde ich auch weiterhin für meine Schüler versuchen, diesen sicheren Raum einzurichten. Egal, wieviel Gegenwind es geben wird.

Ich freue mich riesig, dass er sich "gefunden" hat.

Mittwoch, 9. Februar 2022

Die Crux des Aspi-Bloggers


Ich muss umdenken. Es ist schade, dass mein Blog den Schulleitungen mehr Stress als nötig bringt, das war bisher an allen Schulen so. Da melden sich zum Beispiel besorgte Eltern, die nachfragen, ob Dr Hilarius vielleicht ein Neonazi sei, weil er einen Artikel über Leni Riefenstahl geschrieben hat. Natürlich wurde der Text nicht gelesen, sonst hätte es überhaupt keinen Grund zur Sorge gegeben. Es reicht, wenn Menschen sehen, aha, dieser Lehrer postet ein Bild von einem Nazi. Ob er womöglich selbst Nazi ist?

Ich kann nichts für die Dummheit der Menschen, und es tut mir unendlich leid, dass die Schulen immer wieder mehr Arbeit als nötig haben, die Eltern zu beruhigen.

Allerdings ist es nicht immer nur Dummheit, die die Menschen zu Vorverurteilungen führt. Es ist auch ein Klassiker dabei, das ganz normale Missverständnis. Missverständnisse sind einer der Hauptgründe, warum ich in meiner Freizeit nur wenig mit anderen Menschen mache. Keine soziale Interaktion bedeutet kein Missverständnispotential. Sehr entspannend, gerade wenn man sich Jahrzehnte lang einreden lässt, dass man selbst Schuld daran hat.

Die Missverständnisse resultieren sehr oft daraus, dass ich die Dinge so sage und schreibe, wie ich sie meine. Da ist kein Subtext dabei; you can take my words at face value, sagt man im Englischen. Das ist typisch Aspi: Die Dinge wörtlich meinen und auch wörtlich verstehen. Bei meinen Blogeinträgen ist nichts zwischen den Zeilen zu lesen - zumindest nichts beabsichtigt. Viele Menschen haben aber die Neigung, überall Dinge hineinzuinterpretieren, und das ist für einen Lehrer-Blogger ein Problem: Die potentiellen Leser kennen mich nicht, wissen nicht, dass ich die Dinge genau so meine, wie ich sie schreibe. Und oftmals wollen die Eltern etwas finden, was mit mir nicht stimmt - das ist leider Realität. Also interpretiert man etwas in die Beiträge hinein und wendet sich mit seinen Sorgen an die Schulleitung.

Und trotzdem möchte ich unbedingt am Blog festhalten, weil das eine der grundlegenden Hilfen für mich gewesen ist, seitdem mein Leben bergab gerutscht ist. Ich sollte in Zukunft besser keine Geschichten aus der Toni erzählen, egal, ob das frei verfügbares Wissen ist. Ich finde das sehr schade, weil ich gern über Unterrichtssituationen und Pädagogik schreibe. Ich werde versuchen, das in Zukunft allgemein, ohne Bezug zu realen Situationen zu schreiben. Kann sein, dass ich das nicht schaffe.

Time will tell.

Mittwoch, 29. September 2021

Verschimmelter Schimmelkäse!


Endlich wieder online. Wo fange ich nur an?

Erstmal die Eckdaten - Wochenende mit Fieber zuhause verbracht, jetzt aber wieder bis auf Schnupfennase okay. Seit Samstag kein Internet und Telefon - Router/Modem kaputt, Techniker und so weiter, und natürlich komme ich nicht auf die Idee, dass ich alles Internettige ja in der Schule erledigen kann. Dafür begrüßen mich jetzt zig Nachrichten und Dienstmails; kombiniert mit einer Woche voller Klassenarbeiten eine gute Grundlage für eine Panikattacke. Dieser Tage versuche ich also einfach nur zu überleben, bitte nicht böse sein, wenn ich erstmal in den Ferien landen muss, um wieder in Form zu kommen.

Und was macht man so ohne Internet und Telefon? Man arbeitet mit dem, was man zuhause hat. Videospiele - wie passend, dass diesen Monat Tales of Arise erschienen ist; Tales of ist eine meiner Lieblings-Rollenspielserien. Und ich habe die Gelegenheit genutzt, endlich mal wieder die Holle Honig-Hörspiele durchzuhören.Sehr witzig, und ich frage mich wirklich, was die geraucht haben, um den Charakter Babsi Boingboing zu erfinden. Das geht schon mit dem Namen los - die anderen Figuren haben einen Nachnamen, der quasi ein Attribut darstellt - Holle Honig ist ein Bär, Johnny Jumper ist ein Känguruh, Alois Amazonas ist ein Papagei. Und Babsi? Die ist wirklich boingboing - nicht nur, dass sie eine rosa Hexenmaus auf einem Düsenbesen ist; ihr Sprech ist einfach der Hammer. Beispielszene: Babsi spricht mit dem Mäusekönig, und selbstverständlich spricht sie ihn mit Eure Hoheit an. Auch Euer Hochwohlgeboren. Aber weil sie immer wieder neue Namen für die Menschen benutzt, taucht dann später auch mal Euer Hochdruck auf, oder Euer Hochofen (Kopfkino ^^), und das Gespräch endet mit: "Vielen Dank, Euer... Hochbahn." Also lustig war die Zeit definitiv.

Und dann war da natürlich die Wahl, zu der ich wieder etwas schreiben wollte - genauer gesagt zum Wahl-o-Mat - machen wir es kurz: Oben seht Ihr mein Ergebnis. Ich gebe zu, die Linke war bei mir bisher noch nie so weit oben. Linke Socke. Ich habe grün gewählt, hätte mir ein etwas besseres Ergebnis für sie erhofft, aber gleichzeitig beruhigt mich, dass auch der Stimmanteil für die AfD gesunken ist. Annalena Baerbock hätte eine super sympathische Kanzlerkandidatin sein können, aber irgendwie hat sie sich bei den öffentlichen Auftritten blöd angestellt. Irgendwas hat mir da nicht gepasst. Wie dem auch sei, Sondierungsgespräche laufen und ich vermute, es läuft auf die Ampelkoalition hinaus, mit Scholz als Bundeskanzler. We'll see.

Was anderes Schönes: Die Bluray mit dem science fiction-psychological horror-Film Come True (2020) ist angekommen; es geht um eine Schülerin, die an einer Studie im Schlaflabor teilnimmt. Ich bin so happy - endlich wieder ein neues mindfuck movie! Muss ich definitiv meiner Liste hier im Blog hinzufügen, aber das mache ich im Zusammenhang mit einem eigenen Beitrag. Ich liebe Filme, die nachwirken. Filme, bei denen mit der Schlussszene das große Nachdenken erst anfängt. Dann noch mit schönen Farbfiltern und toller Musik - ein echter mind trip.

So, das war für jetzt erstmal alles, ich bin einfach nur froh, wieder "da" zu sein. Ferien nahen!

post scriptum: "Verschimmelter Schimmelkäse" ist ein Fluch, den Babsi Boingboing in jeder Folge mindestens einmal ausspricht, ebenso wie "geringelter Mauseschwanz" und "du kahle Katze!"

Sonntag, 1. August 2021

Bucket List: One down!!!


Zweiundzwanzig Uhr Dreiundfünfzig an diesem Donnerstag, den Neunundzwanzigsten Juli Zwanzig Einundzwanzig. Vor zwei Stunden habe ich beschlossen, diesen Artikel nicht auf Hauen und Stechen noch heute Abend herauszubringen, denn dafür hätte ich viel stutzen müssen. Der Grund ist einfach, dass der heutige Tag sehr reichhaltig war - Details folgen - und so habe ich mich entschieden, diesen Beitrag weiterzuführen und am Sonntagabend zu veröffentlichen, mit allem, was mir bis dahin noch eingefallen sein wird.

Das war einfach zuviel, und das ging schon heute Vormittag los, als ich die Wohnung... soviel dazu, ich musste eben noch die Melone vierteln und in den Kühlschrank bringen. Sollte ich am besten immer in der Wohnung haben. Saftig, erfrischend, durstlöschend, nicht so süß, womöglich sogar noch ein bisschen gesund. Ab vom Schuss. Also, ich verlasse die Wohnung und will die Straße überqueren, da sehe ich einen Autokraft-Bus, der beide Fahrspuren Richtung Innenstadt blockiert. Offensichtlich ist der Bus mit dem vorderen Teil in das Wartehäuschen Diesterwegstraße gefahren, warum auch immer, Scherben, abgebrochene Plastikteile und eine Busfahrerin, die sich vermutlich gerade richtig scheiße fühlt, während sie Unfallfotos macht.

Okay, dann halten die Busse eben ein bisschen versetzt und ich gehe in die Stadt zum Einkaufen. Dann funktioniert alles reibungslos - bis ich zum Geldautomaten gehe und mir eine wichtige Mitteilung angezeigt wird. Was, habe ich schon wieder das Konto überzogen, oder wie? Nein, ich werde darauf hingewiesen, dass ab Oktober Einzahlungen ab zehntausend Euro geprüft werden müssen und die Herkunft des Geldes angegeben werden muss. So ein Mist! Jetzt kann ich die hunderttausend, die ich jeden Monat durch Drogenhandel und Stricherei verdiene, nicht mehr einfach unauffällig auf das Konto bringen? Sauerei. Liebe Aspis, das war Ironie.

Dann sind die Teilnehmerlisten der Kurse per Mail rumgegangen und ich sehe, dass ich mich auf viele bekannte Gesichter freuen kann, wenn ich noch schnell zwei Kurse tauschen kann. Aufregend, und das erinnert mich daran, dass Thalia nu allet in sich hochfährt, morgen ist nun endgültig der Zeitpunkt für den Opernboogie. Und so verbringe ich die Busfahrten mit Textproben, Mimik, Gestik und Konsorten. Bus im Kopf, Geld im Kopf, Opernboogie im Kopf, Kurse im kommenden Schuljahr im Kopf...

...und dann der neue Film heute. Also, neu für mich, denn es gibt ihn bereits seit gut zwei Jahren. Während des Vorspanns sehe ich, dass es ein Film von Peter Stri...WHAT? Peter Strickland??? Das ist doch der interessante auteur, der Berberian Sound Studio (2012) kreiert hat, eine liebevolle Hommage an den Giallo, foley artists, die Siebziger und Polanski, psychologischer Horror vom Feinsten. Und der hat diesen Film gemacht? Auf einmal bin ich sehr, sehr aufmerksam, Bus weg, Geld weg, Oper weg, alles konzentriert sich auf In Fabric (2019), eine Horrorsatire, die man einfach nur als Treuegelöbnis an den Giallo bezeichnen muss, ein Film über ein mörderisches Kleid. Schon nach einer Viertelstunde bin ich voll drin, verliere alles um mich herum, nur noch schauen und per Timer Wasser trinken und im Kopf bereits den Blogartikel dazu schreiben (der sicherlich irgendwann kommen wird). Ganz, ganz selten kommt es vor, dass ich bei einem neuen Film am Ende applaudiere. Obwohl niemand da ist, der den Applaus hören könnte. Cloud Atlas (2013) war so ein Film, oder A Quiet Place (2017).

Aspi Heaven.

Und plötzlich ist es laut Uhr Zeit für den Blog, aber mein Kopf ist vollkommen überfüllt, mit allem. Ich lasse mich nicht hetzen: Meditation, ausführlich, die Eindrücke verarbeiten und den Text noch einmal durchgehen. In Ruhe essen, zweite Meditation, und jetzt sitze ich hier und schreibe morgen weiter, denn morgen Vormittag ist unsere Dienstversammlung, die das neue Schuljahr einläutet.

Jetzt den Film noch einmal mit der deutschen Tonspur schauen, dann ab in's Bett!

Thalia Unchained

Und so schnell kann ein Wochenende um sein, Sonntag, kurz nach Neunzehn Uhr. Ich habe den Freitag und den Samstag gebraucht, um diese eine Dienstversammlung zu verarbeiten. Warum? Eigentlich sollte der Opernboogie doch Routine sein?

Ist er ja auch. Aber an dieser DV hängt noch mehr dran. Und das fängt alles an mit dem Schlusssatz meines Vortrags für die Kollegen, als alle anfangen zu klatschen, okay, so weit so bekannt, aber dann stehen plötzlich alle Kollegen auf für standing ovations. Das hat mir dann etwas Angst gemacht, ich war total verunsichert, weil ich das nicht so eingeplant hatte. In dem Umfang ist das bisher noch an keiner Schule passiert, und ich habe seitdem versucht zu verstehen, woran das gelegen haben könnte.

Dabei war gerade der Anfang des Opernboogie noch sehr handzahm geraten, Hand in der Hosentasche und bloß nicht zu viel Mimik oder Gestik, weil ich mir nicht sicher war, wie das Ganze bei den Kollegen ankommen könnte. Spätestens als Anne dann einmal vor Lachen fast vom Stuhl gefallen ist, war das Eis gebrochen: Das Publikum verschwindet in meiner Wahrnehmung, plötzlich sehe ich ihn direkt vor mir, den Ritter Jörg und das Opernhaus, das zusammenbricht. Erst der Schlusssatz "Ernsthaft: Danke für eure Unterstützung!" fährt mich wieder etwas runter, und dann der Beifall, unter dem ich etwas verwirrt zu meinem Platz zurückgehe.

Das war ja nicht einfach nur ein Klatschen. Es war viel mehr, was damit bei mir angekommen ist - das Zeichen, dass das Kollegium mich aufnimmt. Dass es ihnen gefallen hat, und dass ich vielleicht also doch nicht einfach nur eine Belastung für die Schule bin - wie man es mir an den letzten Schulen sehr deutlich vermittelt hat. Und im Geiste sehe ich meine bucket list vor mir und realisiere, dass ich einen der Punkte jetzt als erledigt abhaken kann:

- "Meine" Schule 

Irgendwann möchte ich an einer Schule unterrichten, die mich nimmt, wie ich bin. An der ich etwas bewirken kann, ohne alles kaputtzumachen. An der meine Arbeit nach anfänglichem Misstrauen geschätzt wird, und an der ich meine pädagogischen Konzepte umsetzen kann. An der ich mich wohlfühle.

Ich habe "meine" Schule gefunden. Und ich freue mich riesig auf den Unterrichtsbeginn morgen. Ich sehe zwei meiner Lerngruppen aus dem letzten Schuljahr wieder, und statt der Lebenspraxis übernehme ich jetzt noch eine fünfte Klasse in Englisch. Und meine stellvertretende Schulleiterin hat mir klargemacht, dass ich ein Recht auf Stundenplanwünsche habe, und sie dachte nur, sie tut mir einen Gefallen, wenn sie mir diese Lerngruppen (und damit eben fünf Tage in der Woche) gibt. Ich hätte einfach nur meinen Mund aufmachen müssen.

Ich bin in der Meditation immer wieder diesen Vormittag durchgegangen und nach und nach ist der ganze Druck von mir abgefallen. Ich hatte das Wochenende über ein Strahlen im Gesicht, so ein tolles Gefühl, jetzt kann es richtig losgehen.

Toni, ich komme!

Donnerstag, 3. Juni 2021

Ignorance Is Bliss (Talfahrt)


Ich habe dieses Schuljahr richtig Spaß gehabt, mit einem Feeling wie damals in St.Peter-Ording. Ich habe nicht mehr ganz so viele Fehler gemacht, ich habe Kollegen kennengelernt und mich mit ihnen unterhalten, ich hatte nicht mehr dieses "In der Schule bleibe ich nicht länger als nötig"-Gefühl. Das Unterrichten hat Spaß gemacht, und das bei zwei sechsten Klassen - Orientierungsstufe ist meine Achillessehne.

Das hat funktioniert, weil ich seit Herbst so getan habe, als könnte ich an der Toni bleiben. Als wäre das "meine Schule" (Stichwort bucket list). Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dass mein Vertrag irgendwann ausläuft, und es war toll. 

Leider hält dieser Effekt nicht mehr an, und das hat für die Funkstille im Blog gesorgt, denn jetzt ist sie wirklich dauerpräsent, diese Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht bleiben kann. Mal abgesehen von dem demütigenden Gefühl (während Kollegen um mich herum sich über ihre Planstelle freuen dürfen (die ich ihnen gönne)). Es ist wieder soweit: Kollegen fragen, wie es denn bei mir weitergeht, und ich muss antworten. Und wieder wabert mir Jörgs Frage aus dem Vorstellungsgespräch durch den Kopf: "Wie kann das denn sein, dass jemand mit ihren Referenzen so lange keine Stelle gefunden hat?" Das ist der Moment, in dem ich emotional kollabiere.

Rückfall in den typischen Schuljahresend-Blues. Zuhause sitzen, nichts machen. Mich nicht mehr bei meinen Freunden släsch Familie melden, den Blog verkümmern lassen, überhaupt nicht mehr darauf achten, was ich esse inklusive Neurodermitisschub, und dann kommt noch eine Sachbearbeiterin im pbOn, die mir schreibt, ich solle keine "1" bei der dienstlichen Beurteilung eintragen, denn man soll nicht sein Gutachten aus dem Referendariat hochladen. Und ich kann mich nicht wehren, denn im pbOn gibt es kein Dialogfeld.

Zeit für Buddhismus. Zeit für Gedanken an berufliche Alternativen, denn ich werde nicht noch einmal an eine neue Schule wechseln, mein Leben ist durch die letzten sechs Schulwechsel bereits genug in die Brüche gegangen. Zeit, sich zu klammern an das "Wir kämpfen für dich!" der Personalratsvorsitzenden, Zeit, sich darüber zu freuen, dass heute dann plötzlich die Bewerbungsmappe im pBon doch freigeschaltet wurde.

Wörtlich: Abwarten und Tee trinken.

Mittwoch, 7. April 2021

Alles nur Zahlen?


Zweihunderteinundsechzig.

Zweihundertdreiundsiebzig.

Zweihundertfünfzehn.

Zweihundertzwei.

Hundertvierunddreißig.

"Wie geht es dir?" - diese Frage bringt mich immer wieder aus dem Flow. Mein Kopf grätscht dazwischen und fragt sich, ob das nun eine ernst gemeinte Frage war oder nur eine Nettigkeitsfloskel. Und selbst wenn es ernst gemeint ist, kann ich darauf nicht sofort antworten: Möchte mein Gegenüber meinen Gesundheitszustand wissen? Oder die Stimmung? Jetzt gerade in diesem Moment? Oder im Großen und Ganzen?

Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder mit "Gut" antworte, weil es mir in dem Moment gerade auch richtig gut geht. Das kann auch vorkommen, wenn ich gerade in einer ziemlich üblen Phase bin. Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen Klima und Wetter: Das Eine meint die Temperaturentwicklung über einen langen Zeitraum, das Andere meint das Wetter, das jetzt gerade draußen zu sehen ist.

Ich muss jedesmal schmunzeln, wenn in den USA ein Republikaner folgenden Satz bringt: "If the climate is getting warmer, then why does it snow outside?" Nicht ausgedacht - ein Abgeordneter hat tatsächlich einen Schneeball in den Senat mitgenommen, um zu zeigen, dass die Erderwärmung Humbug ist. Aber zurück zur Stimmung.

Mein Stimmungswetter kann ich ganz einfach feststellen - lache ich gerade? Bin ich zufrieden? Schwieriger wird es dann tatsächlich mit dem Stimmungsklima, denn wie kann ich das herausfinden? Wie kann ich mich über einen längeren Zeitraum beobachten und nachher handfest sagen, ja, die allgemeine Lage geht den Bach runter, auch wenn ich noch so schöne Tage verlebe?

Und damit wären wir bei den Zahlen vom Beginn des Beitrags. Man findet sie im Blog auf der rechten Seite, im Blog-Archiv. Dort wird mir angezeigt, wie viele Beiträge ich in einem bestimmten Monat oder einem bestimmten Jahr geschrieben habe. Zur Erinnerung: Ich habe diesen Blog aufgemacht, als ich die Nordseeschule in St.Peter-Ording verlassen habe. Ich wollte mir etwas geben, was in der Arbeitslosigkeit eine Regelmäßigkeit erzeugt, und so habe ich mit dem Gedanken angefangen, jeden Tag einen Beitrag zu schreiben.

Das klappt nicht immer, es gibt immer wieder Gründe, warum es an einem Tag nicht zu einem Beitrag gekommen ist. Wenn man sich die Summe der Beiträge nach Jahren anschaut, sieht man, dass es immer weniger geworden sind, im letzten Jahr war ein Tiefpunkt erreicht. Und der Hauptgrund in Zwanzig Zwanzig, heute mal keinen Beitrag zu schreiben, war fehlende Lust, Motivation, whatever. Ich habe mir gedacht, es vermisst doch eh' keiner, wenn mal an einem Tag kein Beitrag kommt. Und warum mir die Lust gefehlt hat, ist bekannt: Keine Schule, die mich gern bei sich behalten würde. Ein Schulwechsel nach dem anderen, für einen Aspi der absolute Horror.

Die Blogzahlen sind also ein wunderbares Indiz für mein Stimmungsklima in den letzten fünf Jahren. Es ist immer weiter bergab gegangen, selbst wenn immer wieder Tage dabei waren, an denen es mir blendend ging. 

Das war einer der Hauptgedanken für meine Silvester-Meditation vor ein paar Monaten. Und ich habe mir vorgenommen, wieder am Konzept festzuhalten, jeden Tag einen Beitrag zu schreiben, und wenn er noch so dämlich ist. Und jetzt gibt es auch kaum noch etwas, was mich runterzieht (wenn ich an der Toni bleiben kann) - die ersten Schritte zum Glück sind klein, aber: Auch eine Reise von zehntausend Meilen beginnt immer mit dem ersten Schritt. Weiß nicht mehr, von wem dieser Spruch stammt, aber es ist etwas dran. 

Und ich habe ganz bewusst ein paar Monate gewartet, um hier im Blog darauf aufmerksam zu machen - weil ich Angst hatte, dass das wieder nur ein Strohfeuer ist. Ich wollte, dass sich das "gefestigt" hat, dass es zu meinem Tagesplan gehört - und das habe ich inzwischen erreicht: Ich habe in drei Monaten mehr Beiträge geschrieben, als im letzten Jahr in sechs Monaten. 

Sehen wir das einfach mal als eine Klimaberuhigung ;-)

Samstag, 6. Februar 2021

Gebirge auf Kreta mit drei Buchstaben


Meine Oma ist heute am frühen Morgen gestorben.

Und bevor irgendjemand auf die Idee kommt, Nachrichten oder Kommentare in Richtung "Mein Beileid" zu schicken, oder das Tränen-Emoticon auf Facebook zu drücken: Es gibt keinen Grund, traurig zu sein. Oma ist im Kreis ihrer drei Kinder eingeschlafen - ich kann mir keinen schöneren Tod vorstellen. Außerdem hat sie in ihren letzten Jahren immer wieder gesagt, dass wir anlässlich ihres Todes und auch auf der Beerdigung bloß nicht traurig sein sollen. Sie hat sich lächelnde Gesichter gewünscht, die sich freuen, dass Oma nun im Himmel ist (ihr Wortlaut, ich glaube nicht an den "Himmel"), und das finde ich außerordentlich sinnvoll. Das werde ich mir auch wünschen, wenn es irgendwann soweit ist.

Ich habe mich in den vergangenen Monaten immer wieder gefragt, wie ich wohl auf die Nachricht von Omas Tod reagieren würde. Ich hatte meine Eltern gebeten, wenn es soweit ist, dass sie mich bitte nicht anrufen, um mir das mitzuteilen, sondern mir eine Mail schicken, weil ich Angst davor hatte, dass ich am Telefon mit der Information nicht richtig umgehen kann und vielleicht etwas Taktloses sage, und weil ich überhaupt nicht gewusst hätte, was ich denn dann sagen soll, und weil ich nicht gewusst hätte, wie lange dieses Telefonat dauern soll, wann ich auflegen kann, und ob es irgendwelche Formalitäten bei so einem Anruf gibt, die ich bedenken müsste.

Meine Eltern haben mir heute also eine Mail geschickt, die ich - Zufall - direkt vor der Meditation gelesen habe. Das war toll. Denn als ich die Nachricht gelesen habe, sind alle Gedankenzüge entgleist. Ich habe einen seltsamen Schauer am Körper gespürt und wusste nicht, was ich tun soll, also habe ich die Geschirrspülmaschine ausgeräumt, geduscht und bin mit der Nachricht vom Tod als "Reisegepäck" in die Meditation gegangen. Und ich habe festgestellt, dass ich nicht traurig bin. 

Ich hatte nämlich vor einigen Monaten meine Oma besucht, und habe ein schönes Gespräch mit ihr geführt, in der ich ihr alles mitgeteilt habe, was ich unbedingt noch sagen wollte, bevor sie geht. Ich habe sie gefragt, ob sie mit dem Leben nun "fertig" ist. Und ich habe ihr deutlich gemacht, dass es mir gut geht - dass ich endlich eine Schule gefunden habe, die mich so nimmt, wie ich bin, und ich habe meiner Oma gedankt für alles, was ich bisher in diesem Leben erleben durfte und dafür, dass ich für sie immer okay (im Sinne der Transaktionsanalyse) war.

Liebe Eltern: Ich habe Euch noch nicht geantwortet, weder per Mail noch per Telefon, und es mag für Außenstehende komisch sein, dass ich mich zuerst über diesen Blog melde. Aber eigentlich ist das ganz logisch, denn - Papier ist geduldig - hier kann ich meine Gedanken aufschreiben und sie mit meinen Freunden teilen und mit einem Anruf bei Euch noch etwas warten, bis die ersten Gedanken sich gelegt haben und die ersten Fragen aufkommen.

Und damit nicht wieder das alte Klischee bedient wird, Autisten hätten keine Gefühle (ja, das gibt es noch immer): Mir sind bei'm Schreiben dieses Beitrags die Tränen gelaufen, und ich weiß noch nicht einmal, wieso. Denn ich bin nicht traurig, sondern glücklich.

So, wie Oma sich das gewünscht hat.

post scriptum: Und wer sich fragt, was es mit dem Titel des Beitrags auf sich hat - Oma und ich hatten eine Leidenschaft für Rätsel, sie hat mich schon früh dafür begeistern können und wir haben gern zusammen das eine oder andere Rätsel gelöst. Sie hat mir erklärt, dass bei Kreuzworträtseln manche Wörter immer wieder auftauchen, zum Beispiel "Gebirge auf Kreta mit drei Buchstaben". Wer weiß die Antwort?

Sonntag, 27. September 2020

Durchhalten!

Ferienreif...

Liebe Blogleser,

mich haben die ersten Nachfragen erreicht, ob mit mir alles in Ordnung ist. Dieses Mitgefühl freut mich sehr; bei mir ist soweit alles okay, nur ist mein Kopf immer weiter mit Schule aufgefüllt, und dadurch kommt Anderes zu kurz. Der nächste reguläre Blogbeitrag ist auch seit gut einer Woche schon fast fertig, aber die kommende Schulwoche hat so viele "Unregelmäßigkeiten" - Elterngespräch, Klassenarbeiten, Nachschreiber, Mikrofortbildung, Papierkram, neuer Fernseher - dass ich das Gefühl habe, ich müsste mich vollkommen darauf konzentrieren, sonst bekomme ich die Sachen nicht auf die Reihe.

Es ist die letzte Schulwoche vor den Herbstferien, und es ist Durchhalten! angesagt. Geht es Euch auch so, dass man doch deutlich merken kann, dass dieser erste Schulblock nach den Sommerferien zwei Wochen länger ist als in den letzten Jahren? Vielleicht bin ich auch einfach noch nicht wieder auf den Gemeinschaftsschulstress umgestellt; an der Berufsschule war die Arbeit dann doch ein ganzes Stück anders.

Am Donnerstag ist es geschafft, mein letzter Schultag, dann noch einmal alles Schulische aus dem Kopf "wegmeditieren" und ich kann mich wieder voll in die Blogarbeit stürzen. Hat also bisher noch nicht so geklappt, der Rücksturz in den Alltag, aber vielleicht braucht es auch einfach für einen Autisten wieder etwas mehr Zeit als gewöhnlich - soll vorkommen ;-)

Kommt gut durch die Woche! Ich lebe noch, und Ihr offensichtlich auch, sonst hätte sich niemand bei mir gemeldet. Bald sind die Ferien erreicht, und dann kommt die fette Schnecke hier rübergetonnt und wir reißen das Haus ein. Das wird großartig!

Freitag, 10. April 2020

Ups

Neue Einblicke

Wie unangenehm. Ich habe mich heute in die erste Hälfte meines ersten Asperger-Buches versenkt, und realisiere erst jetzt, dass ich mal wieder alles um mich herum vergesse - ich komme sozialen Pflichten nicht nach, habe viel zu lange meine iServ-Nachrichten nicht gecheckt, meine Eltern hören nichts von mir. Immerhin kennen sie das schon und haben trainiert, sich keine Sorgen zu machen.

Ich stecke einfach gerade vollkommen in der kleinen Aspi-Welt. Je mehr ich in diesem Buch lese, umso seltsamer erscheint mir das Gutachten aus Lübeck. Ich bekomme eine Menge Informationen, und ich kann das nicht so schnell verarbeiten, und verliere Manches deswegen zur Zeit leider aus dem Blick. Bear with me. Katze auch.

Sobald ich dieses Buch ausgelesen habe und eine erste Einschätzung geben kann, schreibe ich hier, das ist klar. Immerhin, so ganz nutzlos ist mein Autismus-Gutachten nicht: Eine der Ärzte-Checklisten für das Asperger-Syndrom beinhaltet den Checkpoint "Diagnose Autismus wurde ausgeschlossen." - da kann ich jetzt einen Haken setzen.

Genießt die Ostertage, egal, wie Ihr sie verbringt! Sonnige Grüße aus dem dritten Stock!

post scriptum: Ist ja interessant, "dank" Corona werden manche Kinofilme momentan zusätzlich zum Kino-Release auch direkt als video on demand zur Verfügung gestellt. So konnte ich mir schon heute den SciFi-Streifen "The Invisible Man" (2020) anschauen, die Neuverfilmung des Romans von H.G.Wells, und die ist unglaublich gut! Es ist sehr verstörend, wie der Regisseur es schafft, das reale Problem von "male abuse" auf die Leinwand zu bringen. Wir leiden mit, wenn wir erleben, wie die Protagonistin von ihrem Mann gequält wird - und letztlich versucht, sich zur Wehr zu setzen. Das passt zu dem aktuellen Beitrag "Horror-Frauen-Power", endlich werden Frauen als starke Menschen gezeigt, die sich von ihrem Mann unabhängig machen können.

Freitag, 17. Januar 2020

Die öffentliche Persona

Nicht für die Öffentlichkeit gedacht!(?)

Der Titel ist eine Anspielung auf einen Song aus meiner Rosenstolz-Phase, Die öffentliche Frau. "Dr Hilarius" ist öffentlich zugänglich, aber es wird eine kleine Änderung im Blogleben geben - die meisten von Euch werden davon nichts mitbekommen. Bisher habe ich die neuen Blogbeiträge bei Facebook immer "öffentlich" geteilt, das werde ich jetzt auf "Freunde" umstellen. Vielleicht kommen stalkende Schüler dann nicht ganz so schnell auf den Blog (doch, werden sie) und es gibt nicht ganz so schnell Gesprächsbedarf mit Schulleitungen. Denn auch wenn ich mir wirklich Mühe gebe, mich an alle rechtlichen Richtlinien zu halten, ist der Blog vielen Schulleitern ein Dorn im Auge. Und wenn es nur ist, weil ich potentiell interne Informationen herausgeben könnte. Da versucht man dann gern mal, mir einen Maulkorb aufzusetzen.

Am Blog selbst ändert das nichts. These Are Hilarius Times! wird auch weiterhin öffentlich zugänglich sein, es geht nur um die Verbreitung bei Facebook. Wenn Ihr dort mit mir verlinkt seid, seht Ihr auch weiterhin jeden neuen Beitrag, den ich poste; alle Anderen müssen - wenn sie es denn wollen - ein bookmark auf die Seite setzen und regelmäßig nachschauen.

Keine Ahnung, ob das was bringt, aber vielleicht stimmt es die Schulleitungen etwas ruhiger. ;-)

Freitag, 10. Januar 2020

Versprochen


Heute kurz und bündig, ich hatte Euch ja versprochen, dass noch eine Erklärung dafür kommt, dass hier zu Jahresbeginn tote Hose war: Es gab mal wieder eine Stellenausschreibung, unbefristet, an einer Gemeinschaftsschule in Rendsburg, und ich hatte mich beworben und vorbereitet und war Dienstag zum Vorstellungsgespräch, aber das alte Lied: Man traut mir nicht zu, ein guter Lehrer zu sein, heute kam die Absage.

Das tut gar nicht mehr so weh. Was mehr schmerzt, ist die Frage "Warum haben sie dich denn nicht genommen?" - weil ich darauf nicht antworten kann. Weil es mich daran erinnert, dass innere Werte nicht so wichtig sind wie der erste Eindruck. Weil ich mal wieder feststelle, dass es nicht reicht, ein guter Mensch und ein guter Lehrer zu sein. Das Nachdenken darüber kann unglücklich machen - deswegen freue ich mich jedesmal, wenn diese Frage nicht kommt.

Der positive Blickwinkel ist zum Glück direkt nebenan: Jetzt kann ich mich auf die Psychiatrie konzentrieren, jetzt kann ich mich wieder um Kurzzeitvertretungen kümmern.