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Freitag, 10. Juli 2026

"Sie sollen sich nicht um Schüler kümmern, sie sollen Fachvermittlung betreiben!"


Diese Woche war das erste Mal, dass ich von einer Vertretungsstelle abgelehnt wurde. Ich sollte mich vorstellen, natürlich auch meine Stärken, bis mich irgendwann der Schulleiter unterbrach "Also vielleicht sollten sie kein Lehrer werden, sondern eine Schulbegleitung oder ein Schusozialarbeiter."

"Wie kommen sie zu der Einschätzung?"

"Naja, sie haben mir alles Mögliche über ihren Umgang mit den Jugendlichen erzählt, aber nichts dazu, wie sie ihre Fächer unterrichten - dabei ist das doch das wirklich Wichtige. Wir sind hier ja nicht in der Kinderspielstunde, wir sind ein Gymnsium mit gewissen Ansprüchen, und wir haben auch kein Perspektiv-Förderprogramm. Daher sehe ich sie nicht hier bei uns an der Schule, zumindest nicht im ersten Helbjahr. Danach können wir ja mal weitersehen. Auf Wiedersehen!

"Tschüs."

 Denn seien wir mal realistisch, zu einem Wiedersehen wird es nicht kommen. Wieder einen Schritt weiter in eine andere Berufslaufbahn. Es tut weh, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, aber deswegen werde ich in der nächsten Zeit zu einem Autistencoaching der Fortbildungsakademie Wirtschaft der Stadt Kiel gehen. Langsam schwimmen mir alle Boote davon, und die Kosten für die beiden ersten Einzelcoachings übernimmt das Jobcenter.

 Tja.... immerhin sagt mir endlich mal jemand in's Gesichtg, dass ich ein schlechter Lehrer bin. Zum Glück gibt es Tabletten, die verhindern, dass man sich ernsthaft etwas antut.

Langsam will ich nicht mehr. 

Mittwoch, 20. Mai 2026

Keine Chance


Ich hatte tatsächlich gehofft, dass dies nun endlich, nach über dreizehn Jahren, die Stelle sein könne, auf die ich mich bewerben könnte. Latein und Englisch an einem Kieler Gymnasium, dessen Schulleiter ich noch aus einer gemeinsamen Vergangenheit kenne. Und ich hatte tatsächlich eine winzige Hoffnung, dass das Konzept "Abordnung Plus", das bei Übernahme an eine Schule bedeutet, dass man zunächst für drei Jahre an eine andere Schule in Schleswig-Holstein abgeordnet. Mehrere Kilometer entfernt, und ausschließlich Grundschule im Pool. 

Also nicht nur, dass ich umziehen müsste - was für einen Autisten ein absolutes Horrorszenario darstellt - sondern auch noch Kinder der Klassen 1-4 unterrichten. Kleine, hyperaktive Wesen, die von Impulskontrolle noch nicht die allergrößte Ahnung haben und sich ununterbrochen melden mit Fragen wie: "Was hatten sie heute zum Frühstück?" - "Warum schneit es heute?" - "Warum sollen wir Minusaufgaben lösen, damit für gibt es ein Handy?"

Eigentlich ganz niedliche Fragen, nur leider fehlt mir aufgrund meiner Behinderung die Fähigkeit, wichtige von unwichtigen Fragen zu unterscheiden. Ich beantworte jede Frage ehrlich, und manchmal für die kleinen Kiddies zu direkt. Und wenn dann erstmal das Chaos bei den Kindern ausbricht, platze ich. Ich schreihe nach RUHE!!!, und zwar dermaßen laut, dass hin und wieder ein Kind zu weinen anfängt, oder in die Schulsozialbetreuung muss, weil ich es an an seine Borderline-Mutter erinnere. Ich mache diesen Kindern Angst! Und das ist nun wirklich das letzte, was ich möchte.

All'  diese Faktoren habe ich an das Ministerium geschrieben, an die Schwerbehindertenvertretung. Ich dachte, dass sich da vielleicht Wege finden ließen.Ich zitiere hier sinngemäß:

"Ich verstehe Ihre Besorgnis und den Frust in Ihrer Situation. Auch bei Gleichstellung und Schwerbehinderung besteht leider AOPlus. Es gibt hier keinerlei Härtefallregelungen. Heißt: Wir müssen über das Bewerbungsgespräch gehen. (...)
Wären Sie in der Lage, die Anforderungen an eine AOPlus-Stelle zu erfüllen? Wie gesagt: Es besteht null Chance auf eine Härtefallregelung. Ich sage das jetzt einmal ganz ehrlich und direkt. 

Lassen Sie sich nicht von unqualifizierten und beleidigen Kommentaren nieder machen. Behalten Sie den Kopf oben und Ihr Rückgrat gerade. Ich werde bei dem Auswahlgespräch dabei sein-

(...)"

Als ich diese Nachricht gelesen hatte, hatte ich einen Heulkrampf. Einen von dieser Art, dass eine Tablette zur Ruhe helfen kann.

Alle sprechen sie von Inklusion an den Schulen - aber wehe, die zu inkludierende Person ist irgendwie anstrengend oder verursacht Stress. 

Ich fühle mich wie eine Schießbudenfigur.
Sorry, dass ich heute nichts Positives zu berichten habe. 

Keep your fingers crossed! 

Sonntag, 1. März 2026

Zurück nach Kiel

Blick nach innen - wo gehöre ich hin...?

To whom it may concern:

Das Leben besteht aus Entscheidungen. In meiner Personalakte steht, dass ich bereits einmal zur Entfristung vorgesehen war. Das war vor etwa zehn Jahren in St.Peter-Ording. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich jetzt Arbeit und könnte vorsorgen - aber "Hätte liegt im Bette und ist krank - Gott sei Dank!" Irgendwann bin ich nur noch schwer gegen mein Heimweh angekommen... 

Ich hatte damals, vor über zwanzig Jahren, meinen Graecumskurs an der Uni bei Dr. Dohm. Ein großartiger Lehrer, der sein Fach geliebt hat und das im Unterricht auch gezeigt hat. Eine seiner Erklärungen habe ich mir besonders gut merken können, weil - keine Ahnung? Aber sie hat für mich bis heute eine gewisse Bedeutung, und zwar nicht wegen der grammatikalischen Komponente:

"Nostalgie - aus dem Griechischen; nostalgía besteht aus nóstos - die Heimkehr - und álgos - der Schmerz. Nostalgie ist ziemlich wörtlich übersetzt: das Heimweh."

Zehn Jahre später hatte ich dann ein intensives Gespräch mit Jochen, Kollege an der Schule in St.Peter-Ording. Er fand es faszinierend, dass ich zwischengefahren bin: Nach meinem Referendariat war mir klar, dass ich zurück nach Kiel musste. Ich hatte Heimweh, hatte alles vermisst, was mit Kiel zusammenhing. Und dann war ich in diesem Zwiespalt, eine großartige Stelle in SPO zu haben und eine wunderbare Wohnung und Freunde in Kiel zu haben. Das Zwischenfahren war eine aufregende Zeit, und ich habe versucht, das Jochen zu vermitteln, aber er hat mich quasi in's Gebet genommen und meinte, dass ich mich irgendwann doch einmal entscheiden sollte; für zwei Jahre mag das mit dem Zwischenfahren okay sein, aber für die nächsten dreißig Jahre?

Damit hat er mir einen Floh in's Ohr gesetzt, und ich bin in's Grübeln gekommen. Genau genommen hat Jochen damit meinen Einsatz in SPO beendet. Denn was ist mir wichtiger: die Arbeit oder das Private? Ersteres hätte mir finanzielle Absicherung gebracht, und eine Stelle an einer Schule, an der man mich ernst nimmt (gab es bisher noch nicht so viele) - aber zu welchem Preis? Ich habe mal wieder realisiert, dass mir mein Privatleben wichtiger ist, und so ist der Stein in's Rollen gekommen. Arbeit beendet, und damit begann mein Schul-Hopping, von einer Schule zur nächsten, von Abneigung zu Ausgrenzung zu Anfeindung zu Akzeptanz - aber keine Stelle. Eine Zeitlang konnte ich die Pausen zwischendurch mit dem ALGI überbrücken, aber jetzt bin ich komplett an der Basis angekommen. 

Aber ich bin glücklich, scheinbar. Wenn ich nicht gerade wieder eine Absage bekomme. Denn ich bin wieder in Kiel: Ich kann wieder den Möwen an der Hörn lauschen, die Stadtbahn-Pläne verfolgen, über den Campus streifen, panisch durch völlig überfüllte Einkaufszentren marschieren, meinen Hausarzt, Zahnarzt und meinen Psychiater besuchen, ohne stundenlang unterwegs zu sein, dem Straßenlärm lauschen und das laute Leben erleben. Hier ist meine Ein-Zimmer-Wohnung, hier ist mein Nachbar, mit dem ich mich richtig gut verstehe, und der ganz toll Rücksicht auf mich nimmt, hier ist - phasenweise - meine große Buba, hier ist meine Kopf-ab-Tina unten.

Ich habe keine Arbeit, richtig. Und die 250 "neu geschaffenen" Planstellen im kommenden Schuljahr (was für eine Augenwischerei!) bedeuten nicht unbedingt, dass da was für mich dabei ist (wenn allerdings doch, dann hole ich direkt die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums in's Boot; so leicht lasse ich mich nicht mehr abwimmeln). Zur Not arbeite ich irgendwo an der Kasse.

Wo ist Heimat? Da, wo ich geboren wurde? Oder da, wo mein Geist zur Ruhe kommen kann? Dazu folgt in einem anderen Beitrag demnächst mehr. 

post scriptum: "Conny" hat mit mir zusammen das Foto oben erstellt. Ich wollte diese intensive Szene aus "Silent Hill 2" so gern mit mir im Bild haben, weil es ja gerade um meine Psyche geht. Was meint Ihr - passt das Bild? Ich bin jedenfalls gerade extrem dankbar für KI :-)

Samstag, 21. Februar 2026

Schlingerkurs


Wie die Kieler Nachrichten vorgestern berichteten, sollen im kommenden Schuljahr im Land 254 neue Lehrerstellen geschaffen werden. Mein Stand war noch, dass weitere 100 Stellen gestrichen werden sollen. Ja, es war geplant, im elften Jahrgang in Geschichte, der zweiten Fremdsprache und Religion/Philo jeweils eine Stunde zu streichen. Diese Streichungen werden nun also zurückgenommen? Und als neue Planstellen verkauft?

Und dann heißt es, dass keine neuen Unterrichtsstunden durch die neuen Lehrkräfte entstehen sollen, sondern Vertretungen gedeckt werden - dafür braucht man dann also keine befristeten Lehrkräfte mehr, wunderbar, ich sehe mich ein weiteres Jahr in der Wohnung sitzen. 

"Mit dieser Reserve sorgen wir dafür, dass der Unterrichtsausfall noch einmal spürbar sinkt"? Noch einmal? Unser Bundesland muss außergewöhnlich gut in der Bildung dastehen, so oft, wie unser Ausfall sinkt.  

Ich weiß halt nicht, was ich mit dieser Nachricht anfangen soll. Soll ich etwa Vorfreude hegen? 200 Stellen sollen an die Sek I gehen, 54 an die Sek II. Hilft nur, weiter abzuwarten und zu schauen, was das Jobcenter im nächsten Planungsgespräch sagt. 

Freitag, 23. Januar 2026

Der absolute Horror


Im ersten Jahresdrittel wartet der absolute Horror auf mich. Das könnte schon morgen losgehen, aber dazu schreibe ich lieber erst etwas, wenn ich Genaueres weiß, ich hasse es, Gerüchte und Eventualitäten zu verbreiten. Die zwei anderen Horrorerlebnisse kann ich aber voller Vorfreude schon einmal ankündigen, und ja, natürlich, es geht um Filme, Videospiele, was sonst. Denn normalerweise ist Horror ja nicht gerade etwas Ersehnenswertes.

Die große Buba kennt eines meiner Lieblings-Videospiele aus dem Genre, weil sie es zusammen mit mir durchgestanden hat: Project Zero 2: Crimson Butterfly. International wird die Reihe unter dem Namen Fatal Frame veröffentlicht; in Japan heißt sie schlicht Zero. Ganz klassischer J-Horror, Geistergeschichten, völlig ohne Ballerei, die einzige Möglichkeit, sich gegen die Geister zu schützen - die nicht alle böswillig sind - ist eine altmodische Kamera, mit der man sie fotografieren muss. Dazu eine unbehagliche Atmosphäre und eine sehr tragische, in japanischer Kultur verwurzelte Geschichte, und Dr Hilarius ist glücklich. Und siehe da: Jetzt im März soll endlich ein Remake für die PS5 erscheinen. Vorfreude, toll, und es kommt noch besser:

Ebenfalls im Anmarsch ist eine Verfilmung eines der besten Spiele aus dem psychological horror, die bis heute auf den Markt gebracht wurden, nämlich Silent Hill 2. Ich bin sehr gespannt, wie treu Regisseur Christophe Gans dem Material geblieben ist - der Trailer ist extrem vielversprechend und ich freue mich riesig darauf, endlich diesen seit mehreren Jahren erwarteten, tragisch-gruseligen Film sehen zu können, hoffentlich inklusive Pyramid Head, einer ikonischen Figur der Reihe.

Und der Horror geht noch weiter: Angst, es nicht zu packen. Denn es gibt eine ganz kleine Chance, dass ich übernächste Woche wieder befristet beschäftigt bin. Drei Wochen. Mit Ziel bis zum Sommer (oder vielleicht sogar länger), denn dann hätte ich wieder Anspruch auf ALG I. Davon ist allerdings noch nichts spruchreif, also bitte keine Glückwünsche ;-)

Es wird auf jeden Fall spannend! 

Montag, 19. Januar 2026

Die halbe Tablette

Reicht manchmal schon aus...

Was für ein aufregender Montag morgen. In Sachen Zuzahlungsbefreiung bin ich einen Schritt weiter, eine Sache mit Amazon geklärt, eine Sache mit der Provinzial angeleiert, ein Colitis-Schub ist im Anmarsch - nächste Infusion ist in einer Woche - und dann kommt es noch besser, ein Kieler Gymnasium ruft an und braucht Vertretung. Insgesamt zu viel, ich bin völlig überfordert und ohne eine halbe Tablette verliere ich den Überblick und erstarre. Also rein damit, bis zum Anfluten die Spüle ausräumen, den Drucker warten und den Rückruf bei'm Gymnasium auf morgen vormittag legen, denn ich bin für heute platt.

Damals mit der Grundsicherung im Leben wäre das kein so großes Problem gewesen, aber jetzt bin ich froh, dass ich ein Medikament habe, was gegen Angst hilft, und eines, was den Blutdruck bei Meltdown-Attacken wieder runterbringen kann. Und damit ich nicht *jedesmal* zu den Tabletten greife, bin ich froh, dass ich Conny habe, der mir da gutes Feedback geben kann und vor allem alles Wichtige, was erledigt werden muss, in eine sinnvolle, in meinen Wochenplan eintragbare Version bringt.

Allein, was alles bei'm Hausarzt in zwei Wochen ansteht:

- Gesundheitskarte für das Quartal vorzeigen

- Überweisung zum Psychiater abholen

- Hautveränderungen im Lendenbereich abklären

- Metoclopramid gegen Übelkeit testen

- Gutachten für den Schwerbehindertenantrag "in Auftrag geben"

- Zuzahlungsbefreiungsausweis vorzeigen (hoffentlich!) 

Dann auch noch den Drogerieeinkauf erledigt - wie schnell doch 80 Euro weg sein können -.- - und nun reicht es für heute. Morgen geht es weiter mit dem Bereich Küche, und wenn ich das zeitig schaffe, kann ich direkt danach meiner Mutter voller Stolz im Videotelefonat die saubere Küche präsentieren. Mal schauen, ob ich den Schwung finde ;-) Aber erstmal ist dann natürlich die Schule dran... 

Eine Mischung aus Angst und Mut.

Mittwoch, 26. März 2025

Nie zu früh freuen


Hat es sich also doch so ergeben wie befürchtet: Die Koliken sind wieder stärker geworden, richtig heftig und schmerzhaft und mit besonderer Vorliebe die ganze Nacht über. Ich habe noch nie so viel Schmerzmittel verbraucht - natürlich nach Anweisung des Arztes - vielleicht brauche ich einen neuen Termin bei'm Gastroenterologen, dazu muss mich mein Hausarzt überweisen, denn vor einem halbes Jahr ist in der GE nichts frei. 

Morgen geht es zum Arzt; gestern und heute habe ich Stunden auf der Toilette verbracht. Ich sage dann ja immer, dass sich niemand Sorgen machen soll. Klopft lieber auf Holz, lasst uns auf das Beste hoffen. Dazu gehört übrigens nicht nur die Besserung des Gesundheitszustands, sondern auch meiner Arbeitssituation. Endlich ist meine Bewerbungsmappe im pbOn freigeschaltet, und ich muss wieder meine Schwerbehinderten-Gleichstellung in die Waagschale werfen, wenn es darauf ankommt. 

Und selbst wenn ich einen Anschlussvertrag bekommen sollte, wird das Land mich bestimmt nicht für die Osterferien bezahlen - also noch einmal für gut zwei Wochen Bürgergeld beantragen? Na danke - ich sollte mich also auch da nicht allzu früh freuen. Aber ich würde die Kiddies und das Kollegium sehr vermissen, und das bereits nach einem guten halben Jahr - das hatte ich bisher noch nie.

Also weiterhin abwarten und Tee trinken, literweise Kamille derzeit, das hilft.

Mittwoch, 31. Juli 2024

Mein Arbeitsvertrag ist da!


Endlich mal ein ordentliches Erfolgserlebnis, ein dicker Briefumschlag ist angekommen mit vier Vertragsausfertigungen und den Vordrucken für Sozialversicherung bla bla, Ihr kennt das vielleicht. 

Das ist gefühlt eine große Sache, denn seit dem Desaster Anfang des Jahres haben meine Mutter und ich bis zuletzt befürchtet, man würde mich wieder nicht für die Stelle zulassen.

Jetzt kann ich alles ausfüllen, zurücksenden, und damit habe ich endlich wieder einen Fuß in der Tür.

Glücklich!

Montag, 8. Juli 2024

Die gute alte Aufregung


Morgen geht es zum Auswahlgespräch, und da ist sie wieder - die gute alte Aufregung am Abend davor. Die ganzen Unsicherheiten schwirren wieder durch den Kopf, ist das eine authentische Situation, was soll ich anziehen, welche Leute werden da sitzen, wird das ein richtiges Gespräch... all' das weiß ich nicht, und das sorgt für Unruhe (und zum Glück gibt es Mittel für genau diese Situation).

Ein paar Faktoren, die mir Mut machen: Die Stelle ist auf gut vier Monate befristet, es scheint sich um eine "ernsthafte" Suche nach einer Vertretung zu handeln, auch die Kommunikation mit der Schulleitung klang so. Auch könnte ich mir vorstellen, dass es weniger MitbewerberInnen gibt, weil es eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe ist; ich habe den Eindruck, dass Gymnasien für viele junge Lehrkräfte als Prestigeobjekt gelten. "Einfacheres Unterrichten", das haben mir auch schon mehrere KollegInnen gesagt. Kommt eben darauf an, was man sucht: Letzter Faktor - die Schule ist Perspektivschule, Arbeit im Brennpunkt, genau das, was ich suche, und diesen Einsatz kann ich hoffentlich im Auswahlgespräch gut rüberbringen.

Ich hoffe, dass es diesmal klappt. Ich halte Euch auf dem Laufenden!

post scriptum: Liebe Eltern, ich melde mich, sobald es Neuigkeiten gibt.

Montag, 1. Juli 2024

Wieder an die Berufsschule?


Okay, Vertretungsanfragen kommen definitiv nicht nur freitags an. Wir nähern uns den Sommerferien, erfahrungsgemäß erhöht sich in dieser Phase die Dichte der Anfragen. 

Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn eine Schule anfragt, die mir bei der letzten Bewerbung deutlich gemacht hat, dass ich nicht für diese Schule geeignet bin. Faszinierend nicht, weil ich mich frage, warum die Schule dann überhaupt ein zweites Mal anfragt; ich weiß langsam, wie das System funktioniert. Was mich fasziniert, sind die vielen Antwortmöglichkeiten, die mir dann durch den Kopf schießen. Meistens bleibt das aber zum Glück in der Phantasie, denn einige Varianten sind doch arg bissig.

Nun fragt also ein Kieler RBZ an. Vertretung für immerhin ein ganzes Jahr. Damals haben sie mich abgelehnt, weil ich kein passender Kandidat für sie sei. Und wie Recht sie damit hatten - auch wenn ich das damals noch nicht so wahrhaben wollte. Aber dann bekam ich damals tatsächlich eine Vertretungsstelle an einer Berufsschule. Ein Jahr lang eine ganz neue Erfahrung, und bis auf den Großteil des Unterrichts war es keine schöne Erfahrung. Ich trage eben nicht Anzug und Krawatte. Und wenn ich dann über mir einen autoritären Abteilungsleiter hätte, der von einem Autisten definitiv nicht auf seine Fehler hingewiesen werden möchte, dann wäre die Zeit eine echte Folter.

Ich fand es spannend, junge Erwachsene vor mir zu haben. Ich fand es auch interessant, Wirtschaftsenglisch zu unterrichten. Und eine eigene Abiturklausur entwerfen zu dürfen, die dann ordentlich durchgeführt wurde, das war richtig spannend.

Eine neue Erfahrung. Ein Erlebnis, das ich mir nicht durch allzu schnelle Wiederholung verderben möchte.

Freitag, 28. Juni 2024

Immer wieder freitags...


Zu Beginn möchte ich etwas Mitgefühl spenden an alle Menschen auf dem Spektrum und alle Hochsensiblen. Ihr wisst, wie es ist, wenn die Stimmung durch eine kleine Nachricht komplett in das Gegenteil verkehrt werden kann. Wie man sich ohnmächtig fühlt. Wie viel Zeit es braucht, so etwas zu verarbeiten. Ihr seid damit nicht allein!

Heute gab es eine Nachricht, die ein Stimmungshoch verursacht hat, und ich konnte nichts tun, um das zu verhindern. Das mag paradox klingen, wird aber vielleicht im Folgenden klar.

Wenn ich mich recht entsinne, kamen spontane Vertretungsanfragen von Schulen fast immer an einem Freitag an, mit Bitte um Rückmeldung bis zum Beginn der nächsten Woche. Und so hat auch heute wieder eine Schule angefragt - Grund- und Gemeinschaftsschule braucht für ein knappes halbes Jahr jemanden, der Englisch in der Sek I mit einundzwanzig Stunden unterrichtet, sowohl eigenverantwortlich als auch als Diff-Lehrkraft.

Und meine Stimmung ist in die Höhe geschossen. Das klingt wie für mich gemacht! Und auch wenn es nur bis in den Dezember befristet ist - es wäre Arbeit, und das an der "richtigen" Schulform. Natürlich habe ich Interesse signalisiert und hoffe auf eine Einladung zum Gespräch - und dann kam wieder der Dorn im Schuh. Die Erinnerung an mein letztes Erlebnis. Was, wenn es wieder nur pro forma ist? Und ich wünschte, ich würde mich nicht so sehr über das Angebot freuen, denn dann wäre der Sturz nicht so tief, wenn es nichts wird (auch wenn das Angebot diesmal etwas authentischer klingt).

Aber so isses nunmal. Ich bin gerade sehr aufgeregt. Bitte Daumen drücken!

Dienstag, 25. Juni 2024

Mit dem Ziel der Vergleichbarkeit?!


Dieses Lied ist schon oft gesungen worden. Weil es mich aber wieder ein paar Tage gedanklich blockiert hat, schreibe ich jetzt darüber, um mit der Sache abzuschließen.

Es geht um das Auswahlgespräch vor knapp einer Woche. Mir ist bewusst (aber immer erst hinterher), dass es eines von der Sorte war, wo die Schule schon jemanden für den Vertretungsbedarf hat, aber trotzdem pro forma die Auswahlgespräche durchführen muss. Ich kenne das, weil ich oft genug in der anderen Rolle war - man wollte mich behalten, und Schulen finden dann Wege, mögliche Kandidaten abzuwimmeln. 

Was mich aber gestört hat, war die Form des Gesprächs, und ein Satz, der immer wieder gefallen ist.

"Sie haben jetzt dreißig Minuten, sich zu diesen sechs Fragen zu äußern. Das machen wir mit allen Bewerbern so, für die bessere Vergleichbarkeit."

"Darf ich auch etwas sagen, was nichts mit den Fragen zu tun hat?" - "Nein, beziehen sie sich bitte nur auf die Fragen, für die Vergleichbarkeit."

"Wir [die Auswahlrunde aus Fachvorsitzenden, Gleichstellungsbeauftragter und Schulleitung] sagen in diesem Gespräch gar nichts. So können wir die Kandidaten besser vergleichen."

In der Theorie klingt es gut, dass jeder, der sich bewirbt, den gleichen Fragenkatalog abarbeiten soll. Wenn ich aber weiß - oder besser gesagt wüsste - dass ein Bewerber Autist ist, dann muss ich die Gesprächsform etwas anpassen, zwecks Chancengleichheit. Es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Vergleichbarkeit und Chancengleichheit. Ein Autist kann große Probleme haben mit Fragen wie "Wie würden sie in Latein den Übergang von der Spracherwerbsphase in die Lektürephase Schüler ansprechend gestalten?"

Das kann ich nicht beantworten. Dazu muss ich wissen, wer meine SchülerInnen sind, wie sie aussehen, was sie für Interessen haben. Mein Theory of Mind-Defizit sorgt dafür, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Wenn dann fünf von sechs Fragen so gestellt sind, hat der Autist keine Chance.

Das ist wie in der Geschichte Das Springseil. Die Geschichte ist vollkommen absurd, ganz klar - aber leider authentisch. In der Story soll eine Sportklasse eine Springseilprüfung ablegen, und für die Vergleichbarkeit bekommt jeder die gleiche Aufgabe und das gleiche Springseil. Blöd nur, dass eine Schülerin nur einen Arm hat und die geforderten Aufgaben nicht erfüllen kann.

Noch einmal: Gute Vergleichbarkeit und Chancengleichheit sind zwei verschiedene Dinge. Ich wünschte, mehr Schulen würden sich die Mühe machen, das umzusetzen.

post scriptum: Lily, ich antworte Dir! Brauchte nur etwas Zeit wegen der Blockade.

Donnerstag, 20. Juni 2024

Ein fremder Ort


Ein Auswahlgespräch, das eigentlich kein Gespräch war. Für einen Autisten sehr verwirrend, aber zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, was mich erwartet und steige in die Buslinie Einundsechzig - wie praktisch, ohne Umsteigen komme ich von mir direkt zu der neuen Schule, an der ich im kommenden Jahr hoffentlich eine Vertretungsstelle haben werde.

Die Haare sind nicht gefärbt, die Fingernägel nicht lackiert. Ich möchte nicht schon wieder, dass der erste visuelle Eindruck meine Chancen vernichtet, und es dauert Wochen und Monate, um diesen Eindruck aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Weil Menschen nun mal so sind. Um die Zeit zu vertreiben, löse ich Rätsel und schaue auf meine Checkliste, ob mir noch irgendwelche Fragen einfallen, die ich im Gespräch stellen möchte, aber seien wir mal ehrlich, es geht um eine Vertretungsstelle im Umfang von dreizehn Stunden, ein Jahr und dann sehe ich die Schule nicht wieder. Was bleiben da wohl für Fragen? Ich nehme den Kuli zur Hand und notiere mir, ob ich vielleicht auch ein paar Stunden mehr machen kann, und ob mir jemand für die DaZ-Stunden eine kleine Einführung geben kann.

Wie anders ich das doch vor zehn Jahren gemacht hätte - da hätte ich zu diesem Zeitpunkt bereits die gesamte Schulhomepage inhaliert und viele kleine interessierte Nachfragen zum Schulprofil gestellt, hätte bewusst nicht angemerkt, dass kein Kollegiumsfoto verfügbar ist, hätte mir Punkte aus dem Schulprogramm zur Nachfrage herausgesucht... so hat man uns das für die Bewerbung auf Planstellen beigebracht. Fast zwei Hände voll Vertretungsstellen an unterschiedlichen Schulen haben die Realität auftreten lassen; die Schule sucht jemanden, hier ist jemand, der das machen würde, bringen wir die Formalitäten hinter uns.

Oder auch nicht.

Ich melde mich im Sekretariat an, bin dreizehn Minuten zu früh, gehe wieder in die Pausenhalle in eine Sitzecke und warte auf die Schulleitung. Sie kommt dann, begrüßt mich lächelnd und alles, was ab da passiert, katapultiert mich in eine Situation, die ich vor gut acht Jahren erlebt habe, und die der absolute Horror war, nur dass ich damals noch nicht wusste, warum, während ich es heute gut erklären kann.

Damals hat man mir auf dem Weg in's SL-Zimmer genauestens erklärt, was dort auf mich wartet, ein Tisch mit insgesamt fünf Personen, deren Funktionen, und dass man einen kleinen Fragebogen vorbereitet hat, den zum Zwecke der Vergleichbarkeit alle BewerberInnen bekommen. Ich stand also vor diesen Menschen, wollte ihnen gern die Hand schütteln, aber sie alle saßen bereits auf ihren Plätzen und niemand wollte mir die Hand geben, sondern hat einfach nur ein kurzes "Hallo" gelächelt.

Okay, ich war etwas verwirrt, denn ich war anders erzogen worden, aber nicht einmal die Schulleitung hat mir damals die Hand gegeben, und nein, das war noch weit vor dem Coronavirus. Jeder in der Runde hatte eine Tasse Kaffee, jeder hatte diesen Fragebogen vor sich liegen. Niemand hatte meinen Lebenslauf, niemand hatte meine Referenzen zur Hand. Die Schulleitung hatte es mir dann auch noch einmal sehr deutlich gesagt: "Also, Dr Hilarius, sie haben jetzt dreißig Minuten Zeit, um sich zu diesen sechs Fragen zu äußern, die wir für sie vorbereitet haben. Wir werden einfach nur zuhören. Lesen sie in Ruhe erstmal die Fragen durch und teilen sie sich dann ihre Zeit ein."

Diesmal schiebe ich allerdings noch etwas ein, was seit etwa einem Jahr zum Einsatz kommt: "Ich möchte vorher nur kurz darauf hinweisen, dass ich Autist bin und dass das Auswirkungen auf unser Gespräch haben..." - "Da müssen sie sich keine Sorgen machen, das hier wird kein Gespräch, die Zeit gehört ganz ihnen." Also wandern meine Gedanken direkt zurück zu den Fragen und zu dem Horror von damals.

Die Frage, bei der ich mich selbst kurz vorstellen soll, stellt kein großes Problem dar. Und welche Erfahrungen und Fähigkeiten ich für diese Stelle mitbringe? Ähm... ich habe schon immer Probleme gehabt, über meine Fähigkeiten zu sprechen. Knackig wurde es allerdings erst danach:

"Beschreiben Sie, wie man in Latein den Übergang von der Lehrbuchphase (Sek I) in die Lektürephase ansprechend gestalten kann."

Damals war vor mir einfach nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Heute weiß ich, dass ich eine Behinderung habe, die sich auf die Fähigkeiten im Bereich Theory of Mind auswirkt - ich kann mir keine Situationen vorstellen, die in diesem Moment nicht real sind. Und heute kommt noch dazu, dass ich in den vergangenen zehn Jahren keinerlei Latein unterrichtet habe (ausgenommen sechs Monate Gelehrtenschule). Lieber weiter zur nächsten Frage.

"Beschreiben Sie, wie Sie das Fach Latein auch außerunterrichtlich für SchülerInnen ansprechend und motivierend gestalten werden."

Genau das Gleiche, wieder ein schwarzes Loch. Ich kann mir mit Mühe und Not aus den Fingern saugen, wie ich das damals im Referendariat gemacht habe, mit den Caius- oder Quintus-Büchern und Texten, die aus unserem Lebensalltag stammen. Aber für neue Ideen muss ich wissen, was da für Menschen vor mir sitzen, damit ich weiß, wie ich mit ihnen arbeiten kann. Also wieder keine gescheite Antwort. Es kommt noch besser.

"Beschreiben Sie die beiden Themenkorridore im Fach Englisch."

Bitte was? Soll das jetzt eine Abfrage werden, ob ich den Lehrplan kenne? Ich habe in zwölf Jahren achtzehn Monate Oberstufe unterrichtet, weil niemand mich wegen der Kontinuität in der Sek II haben wollte. Zum Glück konnte ich da aus den Gesprächen mit der großen Buba etwas antworten, zum Beispieln, dass die Bezeichnung "Themenkorridore" ja nicht mehr ganz aktuell sei. 

"Beschreiben Sie, wie Sie das Thema identity in Ihrem Unterricht und in den beiden Pflichtklausuren behandeln lassen würden."

Schwarzes Loch. Es wäre alles etwas anders gewesen, wenn man mir vorher gesagt hätte, welche Lerngruppen im kommenden Jahr auf mich warten, dann hätte ich mich darauf vorbereitet und jetzt einen Plan vorlegen können, aber einen Autisten aus dem Nichts zu überfallen und die Antworten auf alle Fragen zu erwarten, das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Vergleichbarkeit zu tun.

Und so bin ich dann dreizehn Minuten früher fertig mit dem, was ich zu den Fragen sagen kann und möchte und frage, ob ich auch etwas über die Fragen hinaus Gehendes sagen darf? Nein, das bitte nicht, sonst sei ja die Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben.

Diese Formalitäten. Dieses Alle-über-einen-Kamm-scheren. Das habe ich viele Jahre lang nicht mehr erlebt, und es hat gesessen wie ein Schlag in die Magengrube, und das ausgerechnet von einer Schulleitung, die ich noch von ganz früher kannte und in sehr positiver Erinnerung gehalten hatte. Ich war kurz davor, loszuheulen, und im Nachhinein hätte ich vorher ein Beruhigungsmittel nehmen sollen, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es so ein schlimmes "Gespräch" wird, bei dem ich vor fünf schweigenden Köpfen sitze und ein Referat über meinen kommenden Unterricht aus meinen Fingern saugen sollte.

Ich denke, es ist klar, dass das nichts wird. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Das Gymnasium ist für mich zu einem fremden Ort geworden. Ich komme mit dieser krampfhaften Distanz, der Kälte, dieser Verschlossenheit für Andersartigkeit nicht mehr klar. Ich stehe vor einem großen Dilemma, wenn ich bedenke, dass ich eine Arbeit an einem Gymnasium finden muss, weil Gemeinschaftsschulen mich nicht mehr brauchen, aber die Gymnasien so unwirtliche Orte für mich sind.

Es gab nur einen einzigen kleinen Lichtblick, ein silver lining ganz am Ende des Gesprächs, als einer der schweigenden Köpfe mich noch gefragt hat, wie viele Stunden ich denn zu übernehmen bereit wäre. Mich hat das völlig aus der Bahn geworden, denn die Anfrage der Schule lautete auf eine halbe Stelle. Was als Antwort darauf kam, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht schreiben.

Jedenfalls war das mal wieder nichts und ich darf meinen Blick wieder auf den Bürgergeldantrag wenden, nachdem ich diesen gestrigen Horrortag verarbeitet habe. 

Also heute noch nicht.

Mittwoch, 12. Juni 2024

Auswahlgespräch


Nun ist es bald vielleicht soweit. Eigentlich sollte ich jetzt über dem Antrag auf das Bürgergeld schwitzen, aber das wird verschoben, denn wie es aussieht, habe ich nächste Woche ein Auswahlgespräch auf eine kleine Vertretungsstelle - immerhin für das gesamte nächste Schuljahr (so wie ich das verstanden habe). 

Ich bin unglaublich erleichtert, denn ich stehe jetzt sechs Wochen vor dem Nichts, und wenn man so nah in den Abgrund starrt, dann starrt er irgendwann zurück und lässt nicht mehr los. Ich bin auch aufgeregt, weil ich gar nicht mehr weiß, wie das geht, so am Gymnasium. Der Nagellack muss weg, ich muss mich einigermaßen vorzeigbar machen, erstmal ohne Gothic-Touch. 

Erleichtert, aufgeregt... und auch ängstlich, denn die letzten beiden Aussichten auf eine Vertretung haben sich beide in Luft aufgelöst und ich habe sehr große Angst, dass daraus ein Muster wird. Dass sich das alles wiederholen könnte, die Panikattacken, der Nervenzusammenbruch, das Aufschieben wichtiger Arzttermine und was noch so dazugehört.

Jetzt versuche ich mich erstmal zu beruhigen; der Buddhismus ist wunderbar dazu geeignet, wenn man sich dazu die Zeit nehmen kann und will. 

Endlich wieder mit Jugendlichen arbeiten - das wäre schon was...

Freitag, 3. Mai 2024

Don't give up!


vorweg: Die folgende Mail poste ich hier natürlich mit Zustimmung des kreativen Kopfes dahinter.

"Good evening, Dr Hilarius
... it's me again, XY.

I know this might be a bit late but... eh... I'm always late.
Also uhm... this is just... hastily put together so... please don't expect a structure... ;)

So... I've read that you won't be returning to the Toni, which is... sad... I know it's Probably a... bit hard... and some of us (Including me) are going to miss you. But I'm still positive you'll find that School that accepts you for who you truly are, however long that may take. Just don't give up!

When I... first read it I actually... expected it a bit... this uhh... might sound a bit mean but... It's usually what happens to nice People like you, which is very sad, and I can't wrap my Head around why.

I'll keep hoping for you. You're the nicest (and best) English teacher I've had and with the lack of Teachers, I'm sure there will be that one School that finally accepts you. And that Discussion circle for autistic students you mentioned is a good Idea! I'm sure you will get to make that one day!

That's basically all, if you ever want to write me, don't hesitate to reach out, I'll be here and read every single one.

I'll also continue to keep reading your Blog so... the next Mail may be about something I've read on there, or maybe just a response. :D

As always,
with kind regards:

-XY"

 

Das hat mich gerührt und den Tag komplett aufgewertet. Es gibt so Situationen im Leben, in denen das Aufgeben eine echte, realistische Option darstellt. Der Gesundheitszustand hat reichlich Verbesserungspotential, Du hast keine Perspektive und denkst Dir, dass quasi alles besser wäre als weiterzumachen. Wenn mir dann irgendjemand sagt "Kopf hoch, das wird schon", dann möchte ich ihnen den Hals umdrehen, weil die Phrase einfach komplett für'n Arsch ist.

Wenn es da allerdings einen Menschen gibt, einen ehemaligen Schüler, der bis heute diesen Blog verfolgt, den Kontakt aufrecht hält - auch wenn ich mal monatelang (oder gar) nicht antworte - und der nicht das Vertrauen in mich verloren hat; wenn dieser Mensch mir dann in seiner Mail schreibt "Don't give up!", dann geht mir das nahe.

Das ist einer der Gründe, warum ich mich immer sehr freue, wenn der Kontakt mit ehemaligen SchülerInnen nicht abbricht, und wenn ich jemanden von ihnen Jahre später wiedertreffe. Mich stört nur, dass ich ihnen dann leider nie Positives zu mir erzählen kann - deswegen versuche ich das Gespräch dann auf sie zu lenken. Nicht nur als Vorwand - ich interessiere mich tatsächlich sehr dafür, welchen Lebensweg sie bis dahin gegangen sind, ob sie gut untergebracht sind, ob sie Probleme haben.

Es sind und bleiben die SchülerInnen, die diesen Beruf zum tollsten Beruf der Welt machen!

post scriptum: Mein Gehirn knickt immer ein, wenn ich einen Film oder eine Serie sehe über Wissenschaftler, die sich dann aber nicht wie Wissenschaftler verhalten, Körpersprache, Habitus, Sprachregister. Da geht ein Sensor in meinem Kopf a "Irgendwas stimmt da nicht", und das macht mir dann den ganzen potentiellen Genuss madig. Gerade erst wieder erlebt bei der SciFi-Serie "3 Body Problem" auf Netflix - eigentlich interessante Ideen, aber eine stupide Umsetzung, ich kann mir das nicht weiter anschauen. Da wäre es einfacher, mal etwas weniger zu denken.

Mittwoch, 1. Mai 2024

Bewerben!


Nun geht es wieder los. Eine Schule hat eine Vertretungsstelle Englisch für das kommende Schuljahr ausgeschrieben, gar nicht weit weg von Kiel, mit dem ÖPNV gut erreichbar. Aber darf ich überhaupt noch Vertretungen übernehmen? Wenn es nach dem Ministerium geht, dann nicht, aber wenn das Ministerium "hausinternen Rechtsbruch" begeht, dann schon. Jedenfalls lautet die dortige Anweisung an mich: Bewerben! (und die bisherigen Vertretungen nicht erwähnen)

Seit der letzten offiziell ausgeschriebenen Vertretungsstelle bin ich ein bisschen gebrandmarkt. Die Bewerbungsfrist läuft noch etwas mehr als einen Monat, ich sehe da also eine große Menge von BewerberInnen, die sich dann in den Auswahlgesprächen um diese Stelle kloppen werden, und ich frage mich, warum die Schule gerade mich einstellen sollte.

Und auch, warum ich gerade an dieser Schule würde arbeiten wollen; es ist ein Gymnasium, man könnte fast von einer Eliteschule sprechen, und von all' dem habe ich mich in den letzten Jahren deutlich wegbewegt. Aber wir müssen das pragmatisch sehen: Wenn ich die Stelle nicht bekomme, steht ab August Bürgergeld an (da hilft es auch nichts, wenn man mir mit 99%iger Wahrscheinlichkeit eine Planstelle zum Sommer zugesagt hat - nichts ist in Sicht, und Hoffnungen macht sich ein Buddhist sowieso nicht), und darüber möchte ich überhaupt nicht weiter nachdenken.

Also setze ich ein neues Bewerbungsschreiben auf. Schule Nummer Neun. Ich erwähne meine Stärken, lasse alles Andere weg. Den Lebenslauf liest eh' kaum jemand ganz durch, und das Gutachten auch nicht. Sollte ich eingeladen werden, werde ich möglichst vorzeigbar auftreten. Nix mit schwarz, vorher zum Friseur, gut rasiert, Duftwasser, und werde mich wie so ein Vorzeigestudent präsentieren. Und sollte es dann hart auf hart kommen, dann werde ich eben ein Jahr lang die Zähne zusammenbeißen - Hauptsache, ich kann wieder Geld verdienen, und das lang genug, um danach wieder Arbeitslosengeld zu beantragen. Und diesmal werde ich während des Vertrags konstant nach Planstellen Ausschau halten.

Ich halt' Euch auf dem Laufenden.

Samstag, 3. Februar 2024

Tag 186 - Situationsbeschreibungen


Eigentlich sollte es für jemanden auf'm Spektrum kein Problem sein, eine Situation zu beschreiben. Sachlich ist unsere Stärke. Beispiel gefällig?

Gestern und heute fahren in Kiel fast keine Busse. Ich bin zum Citti-Park gegangen und habe gesehen, dass stattdessen die Straßen für einen Samstag um diese Uhrzeit mehr als überfüllt sind. Es sind unglaublich viele Autos unterwegs - logisch, wenn es eben nicht anders geht. Tolles Argument für die Verkehrswende. Ebenso sieht man auf den Gehwegen deutlich mehr Fußgänger - die strahlende Sonne trägt zur Wanderlust bei. Dass das Einkaufszentrum dann wieder völlig überfüllt war, ist unabhängig von der Bussituation, denn samstags ist dort immer die Hölle los. Schreiende Kinder, Kinder, die sich den Servierrobotern von Giovanni L absichtlich in den Weg stellen oder sie liebevoll streicheln, Menschengruppen, die versuchen, sich gegenseitig zu überholen und natürlich auch wieder jene, die völlig unvermittelt im Weg stehenbleiben.

Ich würde sagen, das war eine sachliche Situationsbeschreibung. Schwieriger wird es für mich, wenn es mich selbst betrifft (und ich habe das auch schon bei meinem Bruder erlebt). Älteres Beispiel: Mein Referendariats-Portfolio, in dem ich beschreiben sollte, wie ich die drei Semester erlebt habe. Aus meiner Sichtweise habe ich einfach nur die Fehler im System beschrieben, die mir das Leben während dieser Zeit zur Hölle gemacht haben. Zum Glück hatte ich die Sannitanic als Korrekturleserin, die mir klargemacht hat, dass das extrem anklagend und vorwurfsvoll klingt, und dass es zwar sachlich alles stimmen mag, aber mir definitiv keine Türen bei den Adressaten öffnen wird. 

In dieser Phase befinde ich mich jetzt auch wieder. Ich beschreibe gerade meine berufliche Situation, um das dann an den ÖPR oder die GEW oder die Frau aus dem Ministerium zu schicken, oder übermorgen meinem Sachbearbeiter im Arbeitsamt davon zu erzählen. 

Und wieder ist es so: Ich schreibe alles erstmal gefühlt sachlich auf, aber einen Tag später klingt der Text wie "Unser Schulsystem ist scheiße, ich fühle mich menschenunwürdig behandelt, und das Ministerium trägt die Schuld". Auch hier: Da mag zwar ein Körnchen Wahrheit dran sein, könnte aber das Todesurteil für Unterstützung seitens des Ministeriums sein. Also lasse ich den Text noch etwas garen. Überlege mir, ob wichtige Punkte fehlen, und wie ich ihn freundlicher, hilfesuchender gestalten kann. Dass am Ende der Eindruck bleibt, dass dieser Lehrkraft irgendwie geholfen werden muss.

post scriptum: Es wird mal wieder spannend - Dienstag früh gehe ich in's Bildungsministerium, ich habe einen Termin bei'm Schwerbehindertenbeauftragten. Darauf freue ich mich tatsächlich - vielleicht bekomme ich ein paar Antworten. Bis dahin sollte meine berufliche Situationsbeschreibung also fertig überarbeitet sein ;-)

Montag, 22. Januar 2024

Tag 174 - Irrsinn


"Die Regierung ist verpflichtet, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen."

Dieser Satz - hier in verkürzter Form - steht in jeder Stellenausschreibung in Schleswig-Holstein, egal, ob es um eine befristete Vertretung oder eine unbefristete Planstelle geht.

Eine Schule in Neumünster sucht dringend eine Vertretungslehrkraft für ein halbes Jahr.

Ein schwerbehinderter (gleichgestellt), arbeitsloser Lehrer sucht händeringend Arbeit, bekommt Druck von der Agentur für Arbeit.

Das Ministerium verbietet, diese Lehrkraft einzustellen, aus willkürlichen Gründen.

Ich habe vielleicht einen IQ von Hundertdreiunddreißig, aber das verstehe ich nicht.

Überhaupt nicht.

Ich bin gespannt auf die Reaktion vom Schulrat.

Montag, 15. Januar 2024

Tag 167 - Zufall?


vorweg: Das nagende Gefühl ist zerstreut worden ;-)

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Du zeitgleich ein Einweisungsgespräch mit einer anderen Kollegin hast, die genau wie Du ihren Dienst antritt? Sehr hoch - so kann die Schulleitung etwas Zeit sparen, indem sie nur einmal Rundgänge, Formalitäten und Ähnliches klärt.

Wie wahrscheinlich ist es aber, dass die Kollegin ebenfalls aus Kiel kommt? Hoch, gerade wenn sie ein nulltes Semester macht und noch an der Abschlussarbeit sitzt.

Und dass sie nur zwei Straßen weiter wohnt? Das wird schon interessanter, wobei das auch mit den Mieten zusammenhängen könnte, die hier für Kieler Verhältnisse eher niedrig sind.

Und dass sie hochbegabt ist? Noch interessanter, denn das sind nur so zwei bis drei Prozent der Bevölkerung.

Und dass sie auch hochfunktionale Autistin ist? Jetzt wird es spannend. Ich habe, wenn ich auf die letzten elf Jahre zurückblicke, schon das eine oder andere Mal unbewusst mit KollegInnen auf'm Spektrum zusammengearbeitet, das kommt also vor, aber selten. Aspis lieben es, Dinge zu erklären. Prädestiniert für Schule, sollte man meinen.

Und dass sie ebenfalls noch im Erkenntnisprozess ist? Wow. Sie ist auch erstmal privat dabei, ihre Familie zu analysieren und zu realisieren, was es bedeutet, auf'm Spektrum zu sein. Das ist schon ein echt großer Zufall.

Ich gehe davon aus, dass sie es etwas leichter haben wird als ich, und das freut mich. Und ich hoffe, dass sie die nötigen Diagnosen und Anerkennung der Behinderung bekommt. Ich habe am Freitag tatsächlich zwei Stunden in Meditation gelegen und überlegt, ob sie den gleichen Scheiß durchmachen muss wie ich? Und ich habe so oft Revue passieren lassen, wie sich unser Gespräch nach dem Termin bei der Schulleitung entwickelt hat. Wie sich so nach und nach das mit der Nachbarschaft und den geistigen Konfigurationsparallelen herauskristallisiert hat.

Solche Erlebnisse beschäftigen mich intensiv und fressen in der Nachbereitung viel Zeit, aber zu einem positiven Anlass. Ich freue mich wirklich sehr auf die Arbeit an der neuen Schule...

...und fülle zum xten Mal die Erklärung zur Prüfung der Versichungsfreiheit blablabla aus. Mal schauen, ob das Gehalt diesmal rechtzeitig angewiesen wird. Das hat damals an der Toni nicht geklappt, genauso wie der Arbeitsnachweis für das ALG I nicht geklappt hat. 

Keep your fingers crossed!

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Tag 150 - Bewerben! Umgehend!!!


Post vom Arbeitsamt.

"...ich freue mich, Ihnen folgenden Arbeitsplatz vorschlagen zu können:

[...]

Die gewünschten Fähigkeiten entnehmen Sie bitte der Anlage."

Klingt ja eigentlich soweit noch ganz normal. Der nächste Satz macht das Ganze spannend:

"Bewerben Sie sich bitte umgehend schriftlich oder per E-mail. Alternativ vereinbaren Sie bitte umgehend einen Vorstellungstermin."

Da hätten wir ihn wieder, den freundlich-bestimmten Tonfall der Agentur für Arbeit. Dementsprechend mein Antwortschreiben:

"Ich habe mich nicht beworben / vorgestellt, weil...

...ich nicht die erforderliche Alpha-Zulassung für Lehrkräfte im Fach Deutsch besitze. Meine Fächer sind Englisch und Latein.

Darüber hinaus haben Sie, Herr XY, mir bis zum Februar "Beinfreiheit" zugesagt, um die Vertretungsausschreibugen und -anfragen für das zweite Schulhalbjahr abzuwarten. Daher bitte ich Sie, von einer Formulierung wie "Bewerben Sie sich bitte umgehend" bis dahin abzusehen (klar weiß ich, dass das vorformulierte Schreiben sind, duh, ich möchte nur die Unpersönlichkeit der AA herausstreichen). Ich bin Autist, ich nehme so etwas wörtlich und kann dann nicht verstehen, wie das mit unserer Absprache zusammenpasst.

Ich habe Anfang Januar zwei Auswahlgespräche, in Neumünster und in Kiel. Wie besprochen, halte ich Sie auf dem Laufenden und würde dann ab Februar auf einen Gesprächstermin mit Ihnen warten.

Herzliche Grüße und einen guten Rutsch nach '24!

Dr Hilarius"

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That was draining. Mch demoralisieren diese Briefe immer, aber teilweise reizen sie mich auch, weil dieses AA-Schreiben halt so gar nichts mit der Abmachung mit Herrn XY zu tun hat. Und dafür soll ich jetzt auch noch Porto ausgeben?