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Donnerstag, 13. Juli 2023

Zündende Idee


Die Meditation gestern hat mir richtig gut getan, denn irgendwann ist mir eine richtig gute Idee gekommen. Eine dieser Ideen, die mir im Studium ein paar der besten Beiträge (nach meinen Maßstäben) für die Saturnalien eingebracht haben. Es geht um den Abschiedsgruß für die Toni, wenn es denn beschlossene Sache ist. 

Das Problem ist: Dr Hilarius in diesem Zustand ist zynisch. Er würde einen Beitrag schreiben, der in alle Richtungen austeilt, egal ob "verdient" oder nicht. Der alles mit sich runterziehen würde. Und weil das schädlich für mich ist und unfair für alle Anderen, mache ich das nicht, sondern werde die Sommerferien zum Schreiben nutzen. Ich werde die Zeit brauchen, denn das Ding wird zwar nicht lang, ist aber recht komplex konzipiert. Außerdem weiß ich, dass meine Schulleitung mir morgen nicht den Platz einräumen würde, das live zu machen: es gibt bereits ein paar Kollegiums-Verabschiedungen und die KollegInnen haben sich ihre Sommerferien nach dieser für alle harten Phase redlich verdient.

Das Schreiben wird anstrengend, weil dieser Abschiedsgruß zur Abwechslung mal auf meinem Mist wachsen wird. Es ist leicht, eine Nummer von zum Beispiel dem großartigen Georg Kreisler abzuwandeln, auswendig zu lernen und vorzutragen. Das hatten wir an der Toni schon; diesmal soll es etwas Eigenes sein. Ich werde nichts weiter zum Inhalt sagen, aber einen Tipp möchte ich geben, worum es gehen wird - die Freaks unter Euch bekommen vielleicht eine kleine Vorahnung:

Boldrini.

Das Schreiben hilft mir außerdem, meine Gedanken auf etwas Anderes zu fokussieren als auf die Art und Weise, wie seitens gewisser Personen in den letzten Jahren mit mir kommuniziert wurde. "Gewisse" heißt nicht alle, und ich hoffe sehr, dass eine ganz bestimmte Mutter aus der Elternschaft diesen Beitrag liest, denn sie hat mir in den vergangenen zwei Monaten sehr viel Kraft und Rückhalt gegeben, und das, obwohl sie keiner Fürsorgepflicht nachkommen müsste. Im Buddhismus wäre man von ihr begeistert.

Ich freue mich riesig darauf, diese zündende Idee umzusetzen und meinen Kopf auf andere Gedanken zu bringen. Am Ende werdet Ihr diesen Gruß natürlich hier im Blog zu sehen bekommen, wenn Ihr denn wollt, und er wird der gesamten Schulgemeinschaft zugehen. Und auch, wenn die Gefahr besteht, einen Ab-mit-Schaden-Text zu schreiben, wie es mir hier schon einmal passiert ist, und auch wenn sich für mich persönlich die letzten dreieinhalb Jahre wie pure, nervenaufreibende Zeitverschwendung anfühlen (es ist leider so, und die Schulleitung weiß auch, warum), und auch wenn sogar mein Psychiater mir sagt, dass ich bitte Lehrer bleiben soll (und mich das Nachdenken darüber und die Angst vor neuer Ablehnung in einem unbekannten Kollegium Einiges an Kraft kostet), wird es diesmal anders, mit ehrlichem Lächeln und Zwinkern. Und wenn sich dadurch dann jemand angegriffen fühlen wird, sollte dieser Jemand sich im Anschluss einmal fragen, warum das so ist.

Let's go, noch fast leeres Word-Dokument! Ba-DAMM-da. Da-Da-DAMM!

Mittwoch, 4. August 2021

Auftritt verpasst?


Heute habe ich für diejenigen, die den Opernboogie von Georg Kreisler bei der Dienstversammlung verpasst haben, das Ganze noch einmal aufgenommen - viel Spaß dabei!

Hier ist der Youtube-Link (copy&paste), falls Euch das Video unten nicht angezeigt wird:

https://www.youtube.com/watch?v=udw529EkGEM

Samstag, 10. April 2021

Ich, von außen


Ein Experiment, das ich derzeit für die Schule vorbereite, lässt mich an die Zeit der Saturnalien zurückdenken. Acht Jahre lang stand ich mit der Truppe der Altphilologen auf der Bühne, um ein Publikum zu unterhalten. Und nach jeder Aufführung war ich scharf darauf, die Aufnahmen zu bekommen (wenn es sie denn gab; das ging Zweitausendvier los mit Conny und Papas Kamera). Ich habe mir die Saturnalien danach immer wieder angesehen, allerdings nur die Partien, in denen ich auf der Bühne war. Ein klarer Fall von Selbstverliebtheit?

Mich hat das tatsächlich fasziniert, dass mich nur die Szenen interessieren, in denen ich auf der Bühne stehe, und ich habe mich gefragt, ob ich wirklich ein kleiner Narzisst bin (und diese Möglichkeit hat nicht gerade für gute Laune gesorgt). Dann ist mir allerdings aufgefallen, dass es mir keine Freude bereitet, wenn ich mich selbst sehe, wie ich das Publikum begeistere. Das ist es also nicht.

Mit dem heutigen Wissen lässt sich das alles ganz einfach erklären. Klar, zum einen kann es sich um das Schauspielherz handeln, das in mir schlägt: Ein guter Schauspieler analysiert seine Leistungen. Es dürfte sich aber auch hier wieder um Perfektionismus handeln, den (natürlich nicht nur) Aspis sehr gut kennen: Wir funktionieren wie Geigerzähler für Fehler. Wir beobachten Menschen, Filme, Vorgänge, und suchen nach den Fehlern. Immer mit der Frage, wie man es besser machen könnte.

Und genau so habe ich bei'm Ansehen der Saturnalienvideos immer nur mich angeschaut und meine Performance auf Fehler gescannt. Ein erhebendes Gefühl, weil ich etwas vielleicht gut gemacht habe, ist da nicht vorhanden; gerade dieser Fokus auf Fehlern ist tatsächlich typisch für das Asperger-Syndrom. Und genau das ist auch der Grund für das Schulexperiment, aber darüber ein anderes Mal.

Mittwoch, 22. April 2020

Denken in Extremen


Wer aufmerksam mitgelesen hat, der wird gemerkt haben, dass sich die letzten beiden Beiträge über Visuelles Denken und Eingeschränkte Interessen um klassische Merkmale von Menschen mit dem Asperger-Syndrom gedreht haben, und ich habe versucht aufzuzeigen, inwiefern das auf mich zutreffen könnte. Heute geht es damit weiter, und vermutlich wird sich auch der nächste Beitrag noch einmal um Aspi-Symptome drehen. Vielleicht schreibe ich das einfach nur als Reaktion auf die Aspi-Bücher, die ich gerade lese, und in denen ich mich ziemlich gut wiederfinden kann. Keine Sorge, bald kommt auch wieder der ganz normale Wahnsinn an Blogthemen.

Ich bin nicht wirklich kompromissfähig. Das habe ich spätestens in der Saturnaliengruppe gemerkt; ich habe über die Jahre sehr viele Beiträge für das Theater geschrieben, der Großteil davon (zum Glück) unveröffentlicht. Gerade in den späteren Jahren habe ich dazu tendiert, Sketche zu umfangreich zu schreiben, zu viele Informationen, damit das Ganze "rund" wird. So hatte ich nach dem Schlussstrich zwar das Gefühl, ein fertiges Ding abgeliefert zu haben, aber für die praktische Umsetzung auf der Bühne waren die Sachen einfach zu lang, Lachfrequenz zu gering, zu sachlich.

Ich habe mich immer wieder mit der Frage konfrontiert gesehen, ob ich Sketche kürzen könnte, damit sie vielleicht doch auf die Bühne gebracht werden könnten. Ich konnte mich nie dazu durchringen: Ganz oder gar nicht. Und auf diese Weise sind viele Beiträge auf meiner Festplatte verstaubt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie der Beitrag mit ein paar Kürzungen immer noch das sein konnte, was ich auf die Bühne bringen wollte.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken, das Denken in Extremen, zeigt sich auch in einer anderen Anekdote.

Im Studium ist es oft vorgekommen, dass ich Gespräche immer wieder auf mich gelenkt habe, und das hat oft gar nicht so lang gedauert. Entweder ging es in meinen Beiträgen um mich oder um die Themen, die mich interessierten. Selten habe ich ernsthaftes Interesse für die Anderen gezeigt - ich habe einfach nicht daran gedacht. Es ging nur um das neue Buch, das ich gerade entdeckt hatte, oder um den neuen Film oder welches Problem mich gerade beschäftigte. Die Egozentrik ist für Aspis ein ganzes Kapitel für sich - darum geht es heute aber nicht.

Irgendwann bin ich auf diesen Umstand angesprochen worden. Ich habe nicht mehr den genauen Wortlaut zur Hand, und ich weiß nicht mehr, wer das war, nur, dass es mindestens zweimal von unterschiedlicher Seite gekommen ist: "Bei dir dreht sich alles nur um dein Thema." Ich wurde völlig aus der Bahn geworfen. Was? Machte ich das tatsächlich, immer nur von mir und meinen Themen zu reden? Und je mehr ich darüber nachdachte, umso stärker schwante mir, dass da etwas dran ist.

Also beschloss ich, gar nicht mehr zu reden. Auf diese Weise könnte ich auch nichts Falsches mehr sagen. Die Menschen, die mir nahe stehen, die Sannitanic und die große Buba, können bestätigen, dass ich heutzutage viel weniger rede als noch im Studium, sondern eher zuhöre. Selektiver Mutismus, das "bewusste Schweigen", ist ein klassisches Phänomen bei Aspis (unter anderem auch bei Greta Thunberg) und resultiert aus dem Denken in Extremen: Wenn ich etwas sage, dann ist es falsch, also sage ich gar nichts mehr.

Dass man auch abstufen könnte - weniger zu reden, oder anders zu reden - kommt mir dabei nicht in den Sinn, denn ich bin von diesem Schwarzweißdenken geprägt. Ganz oder gar nicht. Das ist auch etwas, was ich mir bisher nicht abtrainieren konnte (oder wollte). Nachdem nun aber jedes der Aspibücher, die ich lese, auf dieses Phänomen verweist, frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, das abzutrainieren. Die Bücher postulieren, dass es geht, aber es gehört sehr viel Training dazu.

Der Umstand, dass Aspis gern allein sind, trägt leider nicht zur Verbesserung bei: Wenn ich allein bin, muss ich nicht aufpassen, was ich sage, und muss mich nicht anpassen. Das ist mir am liebsten, am bequemsten, aber gleichzeitig habe ich auf diese Weise kaum interaktionelle Trainingschancen, dieses extreme Denken zu überwinden.

Ist das nachvollziehbar?

Allein dieser Ausdruck "interaktionelle Trainingschancen"... da isser wieder, der arrogante, überhebliche Klugscheißer. Das führt zu dem nächsten Aspi-Symptom - aber das kommt im nächsten Beitrag. Danke für's Zuhören Släsch Mitlesen!

post scriptum: Das dritte Buch zu diesem Thema gefällt mir bisher am besten, weil es ein schön übersichtliches, geordnetes Handbuch ist - Tony Attwoods "The Complete Guide to Asperger's Syndrome". Dort werden nicht nur alle Symptomatiken beleuchtet, sondern auch die Frage beantwortet, warum man sich überhaupt eine Diagnose einholen sollte. Und diese Antwort werde ich jetzt jedem um die Ohren hauen, der mich fragt, warum ich denn unbedingt eine Diagnose haben will. ;-)

paulo post scriptum: Nachdem die Netflix-Serie "Tiger King" von den Kritikern so hoch gelobt wurde, musste ich herausfinden, warum das so ist. Ich bin jetzt mit der dritten Folge (von insgesamt acht) durch, und es spricht einfach so viele verschiedene Gefühle an, den Tiger King mit seinem Ehemann zu sehen, die Beziehungen zwischen Menschen und Großkatzen, aber auch die kriminellen Machenschaften - auch seitens der Tier"retter"; die dritte Folge bietet Stoff für einen Thriller, das war heute richtig spannend. Ich werde mir das definitiv weiter anschauen ;-)

Montag, 16. Dezember 2019

Der Saturnalien-Circ(ul)us

Das waren noch Zeiten, in der LS8 auf Tischen ;-)

vorweg: Eigentlich sollte hier heute (bzw. schon gestern) der erste Gastbeitrag dieses Blogs stehen, die Kurzgeschichte einer Schülerin. Leider habe ich mal wieder Probleme damit, den Text in das Blogformular zu kopieren, ohne dass die Hälfte verschwindet und der Rest kaum noch lesbar ist - deswegen tippe ich die gesamte Geschichte noch einmal ab, und das dauert noch ein kleines bisschen.

Vergangenen Freitag waren die Saturnalien Zweitausendneunzehn, diese irre kleine Festivität, bei der sich die Dozenten der Klassischen Altertumskunde der Kieler Uni von ihren Studenten durch den Kakao ziehen lassen. Seit ich vor acht Jahren zum letzten Mal selbst dabei auf der Bühne stand, war ich nur ein einziges Mal dort gewesen; zu stark war noch der Abschiedsschmerz, und dazu kommt, dass ich nicht hingehen wollte, wenn Er dabei ist, denn dann bekomme ich ihn nicht mehr aus dem Kopf.

Diesmal war eine ehemalige Schülerin von mir so nett, mit mir hinzugehen, und wir hatten eine Menge Spaß dort; ein paar der intensivsten Eindrücke möchte ich hier gern festhalten.

Radi. Wow, die gesamte Familie Radicke war dort, und mein ehemliger Lateinprof kommt ebenfalls in die Jahre. Damals haben wir unseren Radi-Darstellern die Haare mit ein wenig Trockenshampoo eingesprüht, um die weißen Strähnchen zu treffen - mittlerweile hat Radi kaum noch Haare auf dem Kopf, und der vorhandene Rest ist strahlend weiß. Das führt einem vor Augen, wie rasch die Zeit in's Lande geht. Wo weise Kräfte walten, können sich keine Haare halten.

Hurka. Es ist schön zu erleben, wie (der echte) Hurka mittlerweile zu einer richtigen Rampensau geworden ist, nachdem wir ihn damals etwas abgeschreckt haben. Er macht echt jeden Spaß mit, egal, ob es um Filmaufnahmen geht oder Albernheiten bei'm Dozentenspiel. Das finde ich großartig, denn eigentlich sollen die Saturnalien genau diesen Geist haben.

Krupa. Mit ihm habe ich damals noch studiert, und er ist inzwischen zum Dozent geworden. Genau so ein Unikat wie damals, garantiert er heute bei der Aufführung zahllose Lacher und ist immer noch saucool, egal, wie viele Silben er dabei verschluckt.

Dschungelcamp. Als ich zum ersten Mal auf der Saturnalien-Bühne stand, hatten wir einen Sketch zum Dschungelcamp geschrieben, das damals neu im Fernsehen war. Bei uns sollten die Dozenten Dscungelprüfungen absolvieren - wie zum Beispiel das Schmücken eines Weihnachtsbaums, mit dem ich als Herr Stenger gnadenlos überfordert war. Fünfzehn Jahre später gab es nun wieder ein Camp, und diesmal bestanden die Prüfungen aus Unterrichtsstunden, die die Dozenten vor verschiedenen Schulklassen durchführen sollten. Schöne Idee, die der neuen Fachdidaktik-Professur in der KlassAlt gerecht wird.

Circ(ul)us. Auch einen anderen Beitrag hatten wir schon einmal in leicht abgewandelter Form auf die Bühne gebracht, nämlich Verdammt, ich lieb' dich von Matthias Reim. Damals wie heute unter dem Thema Latein, ich lieb' dich. "Circus" bedeutet Kreis, und für mich war es irgendwie die Bewusstwerdung, dass manche Beiträge über die Jahre immer wieder auftauchen werden, quasi ihre Runden drehen, manchmal ein großer Kreis, manchmal ein kleiner "circulus". Nur eben mit einer neuen Generation von Saturnaliern.

Und das macht das Erleben keineswegs schlechter. Es erinnert mich nur an damals, als Herr Radicke irgendwann zu mir meinte, er wünsche sich mal etwas richtig Originelles bei der Aufführung, viele Dinge wiederholten sich ja letztlich immer wieder. Da ist viel Wahres dran, und gerade deswegen liegt es ja in der Verantwortung jedes Saturnaliers, die Inhalte immer wieder ansprechend zu präsentieren.

Vielen Dank, es hat echt Spaß gemacht!

Montag, 11. November 2019

Furz während der Examensprüfung (II)


Ist ja interessant - bei der Englischprüfung weiß ich noch ganz genau, dass die große Buba da war. In Latein bin ich mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, die Sannitanic hat mich zum Schafott begleitet.

Zweiter Akt: Der Furz

Mein Prüfer, R, wollte mich zu der Examensprüfung unbedingt mal in einem "vernünftigen Outfit" sehen, nicht alles mit Totenköpfen und Skeletten und so, und den Wunsch wollte ich ihm erfüllen. Die Nägel waren zwar immer noch schwarz lackiert, aber ich hatte ein schwarzes Hemd an, schwarze Krawatte, schwarze Hose mit schwarzem Gürtel und eleganter Gürtelschnalle, und die schwarzen Schuhe hatte ich am Vortag extra noch einmal geputzt. Irgendwie sollte das alles meine Panik kaschieren; wenn ich schon untergehe, dann wenigstens mit Stil. In Latein ein Insiderwitz.

Und so saßen wir beiden vor der Tür, glaube ich, nachdem ich meine Ankunft per Klopfen bekannt gegeben hatte, und irgendwann ging die Tür auf, Licht flutete den Korridor des Institut für Klassische Altertumskunde, und ich setzte mein gründlich geübtes Lächeln auf. Hinein in den Prüfungsraum, Rs Büro, da war ich schon öfters, und dort standen dann auch B, der Zweitprüfer, und eine Beisitzerin aus dem Ministerium, deren Namen ich schon wieder vergessen hatte. Sie waren alle sehr freundlich, und so setzten wir uns an den runden Tisch, und irgendwie schwang eine DrH-kann-das-Fröhlichkeit im Raum, seitens der Prüfungskommission, und ich bekam noch mehr Panik - im Studium meine Dauerangst, und auch danach noch: Ich kann den Erwartungen, die an mich gestellt werden, nicht gerecht werden. Und warum erwarten die von mir überhaupt eine gute Leistung? Ich wusste damals nichts von "Hochbegabung", war in Latein immer wieder schwankend zwischen Zwei und Vier. Und das war seitens des nett meinenden R, aber heute musste ich auch B antworten, und der würde klar aufdecken, wie schlecht ich in Latein bin.

"Womit möchten sie denn anfangen?" und ich entschied mich für Prosa - Petron - in der Hoffnung, dass damit das Eis gebrochen werden konnte, denn Petrons Werk hatte ein paar witzige Passagen. "Dann schlagen sie mal Kapitel 47 auf, sie nehmen bitte Oxford, die Tusculum-Ausgabe ist für unsere Beisitzerin, und lesen sie mal vor, bis wir sie stoppen."

Ich schaue auf den Text und merke schnell, dass wir uns mitten in der Cena Trimalchionis befinden, eine der albernsten Episoden - und atme auf. Ich hatte befürchtet, dass es eine der späteren, unbekannteren Passagen wird, aber R hat sich für den Standard entschieden. Warum auch immer. Während ich den lateinischen Text vorlese, komme ich immer wieder in's Kichern, denke mir, das kann doch nicht sein Ernst sein?! DIESE Stelle? Und dann übersetze ich, wie Trimalchio sich bei seinen Gästen entschuldigt, weil er furzen musste. Und erzählt dann ausführlich, wie ihm die Gase im Darm herumfahren, und dass er ja kein Freund davon sei, es zurückzuhalten. Dabei schaut er seine Frau Fortunata an, und die kann das bestätigen. R fragt, wie das gemeint sein könnte, ich bin mir nicht sicher, lese noch ein bisschen weiter, und R und ich ziehen daraus den Schluss, dass Trimalchio und Fortunata nachts keinen Sex mehr haben, sondern - Zitat R - "...die furzen sich wahrscheinlich eh nur noch die ganze Zeit an."

Die Frau vom Ministerium fällt vor Lachen fast vom Stuhl, selbst B kann sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn ich Stellen wie venter sonat, putes taurum analysiere. Und so geht der erste Teil der Prüfung dahin, die Sonne scheint, und wir reden darüber, wie rücksichtslos Trimalchio seinen Gästen von seiner Verdauung erzählt, B-Teil ging recht schnell, da über Petron bis auf einen terminus post quem nur wenig gesichert ist, und dann klingt Rs Telefon, mitten in der Examensprüfung. "Wissen sie was, atmen wir einfach einmal kurz durch, ich bin gleich wieder da, dann machen wir weiter." Und wir drei Übriggebliebenen unterhielten uns spaßig über die Satyrica. Entspannt, aufgelockert, halb totgelacht, alle aufgelaufene Angst verloren.

Und auch im Thema Lyrik hat R sich ein Standardthema für mich ausgesucht, keine fiesen, pieksigen Fragen, und plötzlich reden wir über seine Familie, die zufälligerweise in der Region lebt, von der Ovids Gedicht handelt. Es bleibt aufgelockert-persönlich, freundlich, ich komme nach einer Stunde aus dem Raum und kann noch nicht verarbeiten, was da alles gerade im Raum passiert ist. WARUM hat R die Prüfung für mich so einfach gemacht? WARUM diese Textstellen? Ein paar Minuten später erhalte ich meine Note, ein strahlender R, ein strahlender DrH, dennoch verwirrt, dass so etwas eine Examensprüfung sein kann. So abgefahren, so albern... daraus muss sich doch etwas für die Saturnalien schneidern lassen, denke ich mir. Und nehme mir vor, meine mündliche Prüfung zu fiktionalisieren, so viel würde ich gar nicht ändern müssen, damit es witzig und unterhaltsam wird. Jetzt brauche ich nur noch ein Thema...

Fortsetzung folgt...

Samstag, 9. November 2019

Saturnalien - Die psychedelische Prüfung...

"Burkard - Cicero - Quintilian": Dieser Schriftzug hat sich im Lauf des Sketches ein klein wenig gewandelt ;-)

...a.k.a. "Reddam kommt von Fahzere, oder?"

Dieser etwas... bunte Sketch aus dem Jahr Zweitausendelf beruht in der ersten Hälfte auf einer wahren Begebenheit und der Song zum Schluss hat sich leider als zukunftsverkündend für mich erwiesen. Heute gibt es das Video, morgen gibt es die Entstehungsgeschichte zu dem Sketch (denn das war tatsächlich meine mündliche Examensprüfung in Latein, damals noch unter dem Arbeitstitel Esoterik), und die hat alle Emotionen, die man braucht, und Alkohol, Kartoffelsalat, Kinnspann (?), Pappen in der Tasche, und auch Er taucht in meinem Leben auf. Heute gibt es unter dem Video erstmal nur die Songlyrics, weil man das im Video vielleicht nicht so gut versteht. Have fun!



Alles ist Latein! (Roxette – Sleeping In My Car)

P1: Reddam kennst du nicht, du bist kein helles Licht
Doch Deklinieren, Konjugieren ist bei uns nicht mehr Pflicht,
denn eines hast du wohl schon erkannt,
keiner braucht dich

P2: Jetzt hast du fast bestanden, doch sei darauf gefasst
Wenn du erstmal dein erstes Examen in der Tasche hast
Ist Arschkriecherei ganz großer Stil
Scheiß auf Horaz (WAS???), scheiß auf Vergil!!!

Alles ist Latein, hör auf zu träumen
Du wirst nie Lehrer sein, in Klassenräumen
Ist für neue Lehrkräfte kein Platz
Gib es auf, lass es sein

Doch denk jetzt nur nicht, dein Abschluss sei verflucht
Denn Taxifahrer werden immer und überall gesucht
Auch Kellner und Kassierer in Kiel
Wird man schnell, wer braucht schon Vergil

Alles ist Latein, hör auf zu träumen
Du wirst nie Lehrer sein, in Klassenräumen
Ist für neue Lehrkräfte kein Platz
Gib es auf, lass es sein

Alles ist Latein, spar dein Gezeter
Werd doch lieber Staub Saugervertreter
Refrendar in Kiel nur mit 1 9
Wer schafft das mit Latein

Mit deinem Zeugnis in der Hand
Schnorrst du dich durch das ganze Land
Potential verkannt

Sonntag, 18. November 2018

Angst vor dem Rampenlicht

Schüchtern, Arme hinter dem Körper verschränkt, Angst - ja, so war ich mal.

prae scripto: Das wird jetzt wieder wie ein Ich-bin-so-geil-Artikel klingen, aber genau genommen geht es mir um Pädagogik - darum, wie wir mit (zumindest einigen) Schülern umgehen können, die im Unterricht "klein und unauffällig" sind. Wer den persönlichen Scheiß überspringen und gleich zur schulischen Anwendung gehen möchte, soll einfach zur Linie herunterscrollen.

Flamboyant - dieser Begriff wird gern für ein Verhalten benutzt, was all over the place ist. Wenn jemand die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, eine Ausstrahlung hat, der man kaum ausweichen kann, ob man das nun möchte oder nicht. So ein Mensch kann sehr unterhaltsam sein - er kann aber auch unglaublich nervig sein. Ich kann unglaublich nervig sein, damals wie heute, und darüber hatte ich einmal in einem Saturnalien-Beitrag hier im Blog geschrieben. Das hat mir damals auch Er erzählt, als Er neu zur Saturnaliengruppe gestoßen war. Nicht das Nervige, sondern das mit dem Im-Mittelpunkt-Stehen. Und wenn ich mir die Saturnalienaufführungen aus meinen letzten Jahren in der Gruppe anschaue, ist es mir fast unangenehm, wie präsent ich auf der Bühne war. Nicht fast. Es ist mir unangenehm - dass ich zu einer solchen Rampensau geworden bin.

Das war nicht immer so; ich habe mir gerade die erste Saturnalienvorführung angeschaut, bei der ich selbst auf der Bühne stand. Vor fast genau vierzehn Jahren. Bei Sketchen in der Gruppe mitzuspielen, okay, das ging noch, habe ich dann gemacht, weil die Anderen meinten, dass ich einen unserer Dozenten recht treffend auf die Bühne brächte. Und um selbst kreativ zu sein, habe ich auch einen Sketch und einen Song für die Aufführung geschrieben. Den Sketch aus meinen Erfahrungen in den Lateinischen Stilübungen I heraus, und den Song aus der Lateinischen Metrik bei Prof. Dr. Jan Radicke.

Ich wollte den Song nicht singen. Auf keinen Fall. Ich hatte ihn nur geschrieben, weil er mir aus der Seele gesprochen hat. Weil Radi im Seminar jede einzelne Woche mich dran genommen hat, um das jeweils neue Metrum vorzustellen, und ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte, dass ich das verdient hatte. Kopftuch? Sandalen im Winter? Nee, oder?

Und so habe ich den Song auf Grönemeyers Was soll das? umgedichtet. Einfach meinen Frust loswerden, mit dem Gedanken, gut so, wenn die anderen das im Chor singen, dann wird nicht so ganz direkt deutlich, dass das von mir stammt. Und ich kann eh' nicht singen. Ich möchte nicht allein auf die Bühne. Auf gar keinen Fall! Und so habe ich den Song zu einem Saturnalientreffen mitgebracht, und er scheint auf positive Resonanz gestoßen zu sein, aber ich habe gleich gesagt: "Überlegt euch, wer das von euch singen möchte. Ich kann nicht singen, ich will das nicht."

Und so blieb der Song mehrere Wochen fest im geplanten Programm - aber ohne Besetzung. Und immer wieder bei den Treffen sind andere Saturnalier auf mich zugekommen und meinten, ich solle das machen, das sei echt witzig. Und Ich? Hab' gedacht, sie verarschen mich. So wie mich auch in der Schule in der Mittelstufe immer alle verarscht haben, denn irgendwie konnte ich nichts richtig. Zumindest nicht singen, deswegen war ich beim Schulmusical auch immer "nur" Teil der Band. Und trotzdem habe ich den Song zuhause immer wieder gesungen, weil er Spaß gemacht hat, und weil er mir eben doch aus der Seele gesprochen hat. Auch wenn die Töne schief und krumm waren; ich wohnte damals in den Kronshagener Bergen im fünfzehnten Stock, und außer Conny musste niemand mein Gekreische ertragen.

Ich hatte richtige Angst davor, allein auf der Bühne zu stehen, im Rampenlicht, und vor Leuten irgendwas zu machen, was ich nicht kann, die Töne nicht zu treffen, meinen Text zu vergessen.

Und trotzdem haben unser Pianist und ich uns dann regelmäßig bei den Probentreffen zusammengesetzt und haben das geübt. Haben versucht, eine passende Tonart zu finden, und er hat mir immer wieder Mut gemacht, immer wieder gesagt, dass das echt witzig ist. Und dann, bei den Hauptproben, haben auch die Anderen das zu mir gesagt, und ich habe mir gedacht, hey, ihr lügt mich doch jetzt nicht alle zusammen an, oder? Aber es gab kein Zurück mehr: Der Song war fest im Programm verankert, in der zweiten Hälfte des Programms, und ich hatte panische Angst vor der Aufführung. Ich war heilfroh, dass ich vorher im Rahmen zweier Sketche mit vielen anderen Studenten auf der Bühne stand und schonmal das Rampenlicht "einatmen" konnte, und es waren so tolle andere Lieder vor mir dran, ein wunderbarer Choral und Sashs zauberhafte Version von Durch die Nacht - das ich mir jahrelang immer wieder angehört habe, weil sie eine tolle Stimme hat, und es für mich einer der besten Examenssongs war, die ich in meinen Saturnalienjahren hören durfte. Aber dann war es irgendwann soweit. Ich, spindeldürr, Akne, schlabberige Körperhaltung, komisches Outfit, allein auf der Bühne mit Town rechts von mir, der die richtigen Töne anstimmte. Kein Zurück mehr, Augen zu - oder besser auf - und durch.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Gefühl während des Songs war. Das Einzige, was mir bleibt, ist die Videoaufnahme des Songs, auf der man, glaube ich, nicht merkt, wieviel Angst ich dabei hatte. Aber man merkt, dass der Song gut angekommen ist, und dieses Erlebnis, diese Reaktionen haben mir geholfen, das Eis zu brechen und die Bühne tatsächlich für mich zu entdecken.

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Warum ich hier davon erzähle: Ich habe auch unter den jungen Erwachsenen, die ich jetzt unterrichte, Schüler, die Einiges draufhaben, die sich aber nicht trauen, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Ich dachte, das tritt nur in der Mittelstufe auf, aber hey, es scheint offensichtlich bis in's Studium hinein zu reichen. Und ich versuche, jegliche kleine positive Beteiligung dieser Schüler mit einem persönlichen, Mut machenden Feedback zu versehen - so wie Town mich damals ermutigt hat, diesen einen Song auf die Bühne zu bringen. Es braucht jemanden, der an Dich glaubt, um diese Barriere zu durchbrechen, und wir Lehrer sind, meine ich, prädestiniert für diese Rolle.

Ich habe einmal gelesen, dass manche Lehrer sich zu sehr darauf konzentrieren, den Schülern aufzuzeigen, was an ihrer Antwort falsch ist. Manchmal werden Klassenarbeiten nur konzipiert, um herauszufinden, was die Schüler alles nicht können. Ich versuche immer wieder, mich an Grönemeyer zu erinnern, damit mir das nicht auch passiert.

post scriptum: Sandro Boldrinis "Metrik und Prosodie der Römer" steht immer noch in meinem Regal, und den Songtext werde ich auch nach vierzehn Jahren nicht mehr los...

Was soll das?

Boldrini hat mich lang´ gequält,
ist Metrik alles, was hier zählt? Was soll das? Was soll das?
Der Dienstagabend mir versaut,
wenn Radi auf die Pauke haut, was soll das? Was soll das?
Die altrömische Prosodie,
die int´ressierte mich noch nie, was soll das? Uh, was soll´s?

Hexameter mit Daktylus,
das lern´ wir jetzt im Überfluss, was soll das? Was soll das?
Mit trochäischem Septenar
Kommen wir hier nicht wirklich klar, was soll das? Was soll das?
Der Plautus hat es ausgeheckt
Und wir, wir stecken tief im Dreck, was soll das? Uh, was soll´s?

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum hat er mich nicht einmal nur verschont?
Dass des Plautus cantica ein rotes Tuch für mich war´n,
das weiß er genau, doch in sein´ Augen blitzt es auf
und diabolisch - uuuhhhh... nimmt er mich wieder dran.

Vor´m Lesen wird mir übel schon,
doch Radi grinst auf seinem Thron, was soll das? Was soll das?
Erklärt´s mir dann mit Müh und Not,
mein Kopf, der raucht schon wie ein Schlot, was soll das? Was soll das?
Alles Primitivtheorien,
doch ich kann sie nicht nachvollzieh´n, was soll das? Uh, was soll´s?

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum sieht er es nicht endlich einmal ein?
Die Metrik passt nicht mehr rein, dazu ist mein Kopf viel zu klein,
der platzt eh´ schon bald, doch das lässt den Radi kalt,
und dämonisch - uuuhhh... würgt er mir wieder eins rein!

Ich glotz´ mit meiner Unschuldsmiene, denk´ dass ich eine 1 verdiene,
doch es stellt sich dann anders raus!
Der Radi hat ganz and´re Pläne, oh, wie ich mich nach Hause sehne!
Doch bevor ich die Ohren schließ´, hab´ ich die 6, wie mies!

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum hat er mich nicht wenigstens gewarnt?
Dass ich hier was vortragen muss, ich dachte, mit Metrik wär´ Schluss!?
Hätt´ mich zwar gefreut, wahrscheinlich hätt´ ich´s doch bereut,
denn die Metrik, hhmmm... die ist ja schließlich ein Muss.