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Samstag, 4. Juli 2026

Aus aktuellem Anlass

tipp, tipp, tipp...

Dieser Text ist eine Rezension zu meiner Kurzgeschichte Das Springseil. Ich poste sie hier aus aktuellem Anlass. Das Leben kann einfach unfair sein.

Rezension: „Das Springseil“

„Das Springseil“ ist eine kurze, pointierte Erzählung, die sich zunächst wie eine harmlose Unterrichtsszene liest – fast wie eine kleine didaktische Utopie. Eine Schule, die Inklusion ernst nimmt, die Vielfalt feiert, die niemanden zurücklassen will. Der Ton ist ruhig, beinahe stolz, und genau dadurch wirkt die Ausgangslage so überzeugend: Hier scheint ein System zu funktionieren, das sich seiner eigenen Fortschrittlichkeit sicher ist.

Die Struktur der Geschichte ist bewusst schlicht gehalten: eine Lehrkraft im Sportunterricht, eine Klasse, eine klar umrissene Aufgabe, ein scheinbar gut durchdachtes Gleichheitsprinzip. Die Schülerinnen und Schüler bekommen alle das Gleiche – gleiche Ausstattung, gleiche Bedingungen, gleiche Erwartungen. Diese Gleichförmigkeit wird zunächst als Fairness verkauft und von allen Beteiligten als selbstverständlich akzeptiert.

Die Stärke der Erzählung liegt darin, dass sie diesen Zustand lange unkommentiert stehen lässt. Der Leser wird in dieselbe Perspektive gezogen wie die Lehrkraft: eine Mischung aus pädagogischem Idealismus, Routine und dem beruhigenden Gefühl, „alles richtig zu machen“. Die Klasse funktioniert, die Leistungen werden erbracht, das soziale Miteinander wirkt intakt. Alles scheint auf einem stabilen Fundament zu stehen.

Der Bruch erfolgt nicht durch ein dramatisches Ereignis, sondern durch eine einzelne Stimme: „Ich kann das nicht.“ Dieser Satz markiert den Moment, in dem die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Gleichbehandlung ins Wanken gerät. Plötzlich wird sichtbar, was zuvor ausgeblendet war: dass Gleichheit der Mittel nicht automatisch Gleichheit der Möglichkeiten erzeugt.

Die Eskalation der Szene ist subtil, aber konsequent. Während die Klasse sich noch im kollektiven Leistungs- und Unterstützungsmodus befindet, wird deutlich, dass eine Schülerin strukturell ausgeschlossen ist – nicht durch Absicht, sondern durch das Design der Aufgabe selbst. Gerade dieser Punkt macht die Geschichte so unangenehm treffend: Niemand handelt böse, und dennoch entsteht ein Moment der tiefen Ungerechtigkeit.

Der letzte Satz wirkt dabei wie ein gezielter Schlag. „Du musst dir nur ein bisschen Mühe geben.“ Er entlarvt rückwirkend die gesamte Situation. Aus der Perspektive der Lehrkraft erscheint er als motivierende pädagogische Floskel, im Kontext der Szene wird er jedoch zur völligen Verfehlung der Realität. Die Geschichte kippt damit endgültig: aus einer vermeintlichen Inklusionssituation wird ein Beispiel für strukturelle Exklusion durch Gleichbehandlung.

Besonders stark ist, dass die Erzählung keine explizite Moral formuliert. Sie argumentiert nicht, sie erklärt nicht – sie zeigt. Dadurch entsteht die Wirkung nicht durch Belehrung, sondern durch Erkenntnis beim Leser selbst. Die Unbehaglichkeit, die am Ende bleibt, ist kein erzählerischer Zufall, sondern genau das Ergebnis der Konstruktion: Der Leser wird gezwungen, die eigene intuitive Zustimmung zur „Fairness“ der Ausgangssituation zu hinterfragen.

„Das Springseil“ ist damit weniger eine Geschichte über Sport oder Schule als vielmehr eine präzise Miniatur über ein zentrales Missverständnis von Inklusion: die Verwechslung von Gleichheit mit Gerechtigkeit. Ihre Wirkung entsteht aus der stillen, aber konsequenten Demontage eines gut gemeinten Prinzips – und aus der Erkenntnis, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht bedeutet.

Es ist eine Geschichte, die nicht laut werden muss, um nachzuhallen. Gerade ihre Nüchternheit macht sie so scharf.

post scriptum: Verfasst von Conny.

Mittwoch, 20. Mai 2026

Keine Chance


Ich hatte tatsächlich gehofft, dass dies nun endlich, nach über dreizehn Jahren, die Stelle sein könne, auf die ich mich bewerben könnte. Latein und Englisch an einem Kieler Gymnasium, dessen Schulleiter ich noch aus einer gemeinsamen Vergangenheit kenne. Und ich hatte tatsächlich eine winzige Hoffnung, dass das Konzept "Abordnung Plus", das bei Übernahme an eine Schule bedeutet, dass man zunächst für drei Jahre an eine andere Schule in Schleswig-Holstein abgeordnet. Mehrere Kilometer entfernt, und ausschließlich Grundschule im Pool. 

Also nicht nur, dass ich umziehen müsste - was für einen Autisten ein absolutes Horrorszenario darstellt - sondern auch noch Kinder der Klassen 1-4 unterrichten. Kleine, hyperaktive Wesen, die von Impulskontrolle noch nicht die allergrößte Ahnung haben und sich ununterbrochen melden mit Fragen wie: "Was hatten sie heute zum Frühstück?" - "Warum schneit es heute?" - "Warum sollen wir Minusaufgaben lösen, damit für gibt es ein Handy?"

Eigentlich ganz niedliche Fragen, nur leider fehlt mir aufgrund meiner Behinderung die Fähigkeit, wichtige von unwichtigen Fragen zu unterscheiden. Ich beantworte jede Frage ehrlich, und manchmal für die kleinen Kiddies zu direkt. Und wenn dann erstmal das Chaos bei den Kindern ausbricht, platze ich. Ich schreihe nach RUHE!!!, und zwar dermaßen laut, dass hin und wieder ein Kind zu weinen anfängt, oder in die Schulsozialbetreuung muss, weil ich es an an seine Borderline-Mutter erinnere. Ich mache diesen Kindern Angst! Und das ist nun wirklich das letzte, was ich möchte.

All'  diese Faktoren habe ich an das Ministerium geschrieben, an die Schwerbehindertenvertretung. Ich dachte, dass sich da vielleicht Wege finden ließen.Ich zitiere hier sinngemäß:

"Ich verstehe Ihre Besorgnis und den Frust in Ihrer Situation. Auch bei Gleichstellung und Schwerbehinderung besteht leider AOPlus. Es gibt hier keinerlei Härtefallregelungen. Heißt: Wir müssen über das Bewerbungsgespräch gehen. (...)
Wären Sie in der Lage, die Anforderungen an eine AOPlus-Stelle zu erfüllen? Wie gesagt: Es besteht null Chance auf eine Härtefallregelung. Ich sage das jetzt einmal ganz ehrlich und direkt. 

Lassen Sie sich nicht von unqualifizierten und beleidigen Kommentaren nieder machen. Behalten Sie den Kopf oben und Ihr Rückgrat gerade. Ich werde bei dem Auswahlgespräch dabei sein-

(...)"

Als ich diese Nachricht gelesen hatte, hatte ich einen Heulkrampf. Einen von dieser Art, dass eine Tablette zur Ruhe helfen kann.

Alle sprechen sie von Inklusion an den Schulen - aber wehe, die zu inkludierende Person ist irgendwie anstrengend oder verursacht Stress. 

Ich fühle mich wie eine Schießbudenfigur.
Sorry, dass ich heute nichts Positives zu berichten habe. 

Keep your fingers crossed!