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Mittwoch, 16. Oktober 2019

vollkommen übERfordert

Mehr als schwarz und weiß

vorweg:   "Demnächst" (Eugen Roth)
                
                Ein Mensch spricht mit dem Freunde fern:
                Sie sähn sich - endlich! - wieder gern!
                Doch eh sie ganz die Glut entfachen,
                Um gleich ein Treffen auszumachen,
                Verlöschen eilig sie die Flammen:
                "Wir rufen demnächst uns zusammen!"
                Sie haben auch, nach drei, vier Wochen,
                Am Telefon sich neu besprochen;
                Und sie vereinen die Entschlüsse,
                Daß man sich demnächst sehen müsse.
                So trieben sies noch manches Jahr - 
                Bis einer - ohne Anschluß war.

Im Kopf fünf Schritte und drei Stunden weiter - einige von Euch kennen das. So konzentriert weiter, dass man von dem Hier und Jetzt nur die Hälfte mitbekommt und es sehr schwer fallen kann, "den Moment zu genießen". Für mich ist es, als würde ich mit meinen Aktionen ein Drehbuch abarbeiten, das ich fünf Schritte und drei Stunden früher geschrieben habe. Das klappt auch, solange das Drehbuch sich genau so entfaltet, wie ich es mir überlegt habe. Ich weiß nicht, ob es Autisten da draußen auch so geht, und ob das ein Grund dafür ist, dass sie komplett ausrasten können, wenn die Dinge unvorhergesehen laufen - Stichwort mangelnde Flexibilität, und so.

Einer der letzten schönen Herbsttage, etwas Sonne, etwas Wind, noch nicht wirklich kalt, und ich ziehe mich an für einen kleinen Spaziergang nach Gaarden. Hin und zurück insgesamt eine Stunde frische Luft, großartig, und natürlich die Bewegung dazu, immerhin ein kleiner Ausgleich für das Herumsitzen in der Wohnung. Und trotzdem: Als ich unten die Ampel zur anderen Straßenseite überquere und zu meiner Linken die Bushaltestelle sehe, wabert durch meinen Kopf der Gedanke, dass ich ja zumindest bis zur Hummelwiese mit dem Bus fahren könnte, sonst dauert das so lange. Mein Blick wandert auf die digitale Anzeige, und ich sehe, dass der nächste Bus in drei Minuten kommt, naja, warum eigentlich nicht? Und ich will gerade zur Bank gehen, da merke ich, wie jemand auf der anderen Straßenseite ebenfalls zur Bushaltestelle möchte, in schwarz gekleidet, und mir zuwinkt und über das ganze Gesicht strahlt. Ich merke, dass Er es ist, und die Gedankenzüge entgleisen für dreieinhalb Sekunden in einem maelstrom of consciousness...

...nein, nicht jetzt, warum steht er da, scheiße, was mache ich jetzt, wir haben uns mehr als zwei jahre nicht gesehen, und ich habe ihm seit einem dreivierteljahr nicht geantwortet, weil ich endlich ohne ihn gut zurechtkomme, naja, dann kann ich doch jetzt mit ihm zusammen auf den bus warten, endlich einmal in den arm nehmen, endlich für einen winzigen moment "satt" sein, ich winke mal zurück, schaue dann aber wieder stumpf auf den boden vor mir, ich muss etwas schneller gehen, ich muss hier weg, hilfe, hoffentlich spricht er mich nicht an, und warum muss ich plötzlich grinsen, warum strahle ich über das ganze gesicht, nur weg hier...

...und ich gehe immer schneller, bekomme gerade noch aus dem Augenwinkel mit, dass Er warten muss, weil gerade viel Verkehr die Straße blockiert. Mein Blick bleibt stumpf auf den Fußweg gerichtet, wie immer, wenn ich das Gefühl habe, dass ich weg muss, nur dass ich diesmal nicht an Fibonacci denken kann, und ich frage mich, warum ich mich so sehr freue, ihn einfach nur für zwei Sekunden gesehen zu haben, ich kann das nicht einordnen. Warum schafft Er es immer noch, mich so aus dem Konzept zu bringen?

Doch irgendwie ist es mittlerweile anders. Klar, ich bin total überfordert, aber ich habe nicht mehr das Bedürfnis, ihm noch an diesem Abend zu schreiben, ihn auf dieses "Ereignis" anzusprechen. Und es ist mir in dem Moment auch nicht so wichtig, was Er wohl denken mag, darüber, dass ich ohne anzuhalten einfach weitergehe, ohne die Gelegenheit zu nutzen, ihn anzusprechen, ohne die Chance an mich zu reißen, dass Er endlich einmal ohne seine Freundin mit mir reden kann. Ich laufe schnurstracks nach Gaarden weiter, aber das Lächeln bekomme ich für den Rest des Tages nicht mehr von meinem Gesicht.

Das ist jetzt eine Woche her, und es hat dafür gesorgt, dass ich über eine Woche nichts Neues hier im Blog geschrieben habe, weil ich meine Gedanken nicht vernünftig konzentrieren konnte. Ich frage mich oft, wie es sein kann, dass so ein Moment mich immer noch so stark berühren kann. Ein Mensch, der "weg" ist. In den ersten Tagen nach diesem Wiedersehen hatte ich häufiger den Wunsch, endlich wieder mit ihm reden zu können. Das Gefühl, dass Er mir zur Zeit doch irgendwie fehlt. Nun ist es noch ein paar Tage später, und mir ist wieder bewusst geworden, dass ich zur Zeit andere Fokuspunkte im Leben habe, dass ich nicht die Bereitschaft habe, mich ihm jetzt intensiver zu widmen.

Ich dachte im Studium öfters, ich sei verliebt gewesen. Dass aber ein Mensch, den ich seit über zwei Jahren nicht gesehen oder gelesen habe, mit einem so kurzen Blick eine so starke emotionale Reaktion hervorrufen kann, das hatte ich noch nie.

Vielleicht sollte der Moment einfach die Erinnerung daran sein, dass man Menschen nie ganz aufgeben sollte - und dass manche Dinge eben viel Zeit brauchen können. Vielleicht werden wir ja irgendwann unser Demnächst haben.

post scriptum: Es ist doch ein drolliger Zufall, dass ich an genau jenem Tag zum ersten Mal die Vorhängeschlösser an der Gablenzbrücke bemerkt habe. Das scheint sich zu einem Klassiker zu entwickeln, zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich und als Zeichen des Bundes hängen sie ein Vorhängeschloss an die Stahlseile. Es sind wirklich einige Schlösser, manche haben ein Herz darauf, scheinen extra für diesen Zweck produziert worden zu sein (ist ja auch ein klassischer Topos), andere Schlösser sind vollkommen verrostet, so dass man auf ihnen nichts mehr erkennen kann... ich habe den gesamten Neubau der Gablenzbrücke in meinem Studium miterlebt - als ich an die Uni gekommen bin, gab es damals noch die alte, enge Brücke, auf der früher die Straßenbahn gefahren ist. Ich frage mich, ob Kiel irgendwann tatsächlich die seit vielen Jahren diskutierte Stadtbahn (egal in welcher Form) bekommen wird, und wie die Gablenzbrücke dafür bearbeitet werden müsste, denn die Verbindung der beiden Fördeufer ist eine klassische Aufgabe der Straßenbahn damals gewesen.

Freitag, 9. August 2019

Am Limit


"Hat irgendjemand noch Methadon da?"

Ich finde es immer wieder spannend, wie Populisten wie die AfD, Matteo Salvini, Boris Johnson oder Donald Trump versuchen, eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen, um sich dann als einzige Menschen hinzustellen, die das Problem lösen können. Im Englischen gibt es dafür den Beriff fearmongering. Panikmache.

So wird also versucht, mir einzureden, dass meine Situation ganz schlimm sei, und dass ich die AfD wählen muss, damit es mir besser geht. Das ist interessant, wenn man gleichzeitig erfährt, dass ein großer Teil der AfD-Wähler aus dem gehobenen Bildungsbürgertum stammt. Und diese Menschen denken wirklich, dass es ihnen schlecht geht?

Es ist mal wieder alles eine Frage der Relationen, und das habe ich selbst erst sehr spät im Leben begriffen, als mich die Sannitanic darauf aufmerksam gemacht hat. Wir hatten uns unterhalten über Themen wie "schwierige Kindheit" oder "Probleme in der Jugend", und ich habe ihr von meinen Problemen erzählt - woraufhin sie mir klargemacht hat, dass vieles davon Jammern auf einem ganz hohen Niveau war.

Ich hatte in meinem Leben bis dahin nie Umgang gehabt mit Menschen, denen es wirklich schlecht ging, und wenn, dann habe ich das nicht als solches erkannt. Zum Glück hat St.Peter-Ording da neue Türen für mich geöffnet und nun ist es so, dass ich sogar sehr interessiert daran bin, die Verhältnisse von arm und reich, gut und schlecht situiert, kriminell und rechtschaffend in meinem Kopf neu zu ordnen, und zu erleben, wie das Leben auch aussehen kann. Deswegen habe ich angefangen, mich etwas intensiver für Gemeinschaftsschulen und soziale Brennpunkte zu interessieren.

Mir ist das heute einmal wieder bewusst geworden. Meine Halstabletten sind mir ausgegangen, und das war ein wunderbarer Anlass, wieder einmal nach Gaarden zu tingeln und ein bisschen authentische Luft zu atmen. Sehr drollig übrigens, dass ich heute von genau dem Apotheker bedient worden bin, mit dem ich neulich die "Hallo, mein Großer!"-Episode hatte, und heute hat er mich gesiezt und war sehr "höflich". Ob das wohl daran lag, dass ich heute normal släsch unauffällig gekleidet war?

Wie dem auch sei, für die Rückreise habe ich auf einen Bus am Karlstal gewartet, und plötzlich ruft jemand mitten in die Leute: "Hat irgendjemand noch Methadon da?" Metha ist eine der Substanzen, die verwendet werden für einen Opioid-Entzug, deswegen ist die Apotheke, in der ich war, auch regelmäßig richtig voll - viele Menschen möchten sich ihren Ersatzstoff abholen. Ärzte in Gaarden haben sich auf die Situation spezialisiert, und man kann dort gut behandelt werden. Aber manchmal ist die Verzweiflung dann eben doch so groß, dass man einen Hilferuf an niemanden Bestimmtes äußert, und es geht eben nicht um fünfzig Cent für ein Busticket, sondern um psychoaktive Substanzen, und im heutigen Fall blieb der Hilferuf unbeantwortet. Wie schlimm so ein Craving sein kann, darüber hatte ich damals in der Hänschen-Geschichte geschrieben.

Es gibt Menschen, denen es wesentlich schlechter geht als einem großen Teil der AfD-Wähler, und trotzdem wird gerade bei dieser gehobenen sozialen Schicht Angst gemacht vor Immigranten, vor Flüchtlingen, die teilweise wirklich nichts mehr haben.

Ich könnte kotzen.

Sonntag, 21. Juli 2019

"Hallo, mein Großer!"

Dein Outfit bestimmt die Kommunikationsgrundlage.

In der Tat, der andere Beitrag braucht noch länger. Ich denke und schreibe und kapsele mich von der Außenwelt ab, die nichts von mir sieht und hört und sich vielleicht Sorgen macht. Deswegen gibt es jetzt zwischendurch eine kleine witzige Ankdote, quasi als Lebenszeichen, dass es mir gut geht.

Ich gehe hin und wieder am Samstag vormittags die Hamburger Chaussee hinunter, dann über die Gablenzbrücke (die neue Busansagestimme hat eine interessante Betonung: "Gablenz? Straße.") und hinein in's Getümmel nach Gaarden; ein Stadtteil Kiels, der mit vielen Vorurteilen belegt ist, die aber nicht ganz ohne Grund entstehen. Sehr hoher Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, die kein Deutsch sprechen können oder wollen, Treffpunkt der Drogenszene, der einzige Kieler Spritzenautomat (oder gibt es inzwischen mehrere?) für Abhängige, Alkoholiker, die an der Bushaltestelle Karlstal sitzen. In Heide war das früher eine ähnliche Situation an der Bushaltestelle vor Wandmaker, falls sich irgendjemand erinnert.

Das sind keine schlechten Menschen, sie haben nur in ungünstigen Momenten falsche Entscheidungen getroffen, und die Stadt Kiel versucht, ihnen zu helfen, zum Beispiel durch besagten Automat, die Drogengruppe Odyssee e.V. und mit einer ganzen Menge method acting. Sich verstellen, bzw. sich so zu verhalten, dass man mit seinem Gegenüber eine gute Kommunikationsbasis findet. Das ist vollkommen normal und richtig, war mir aber gestern in einem drolligen Moment nicht mehr bewusst.

Ich tingele also Richtung Karlstal, der Markt in der Elisabethstraße, viele Menschen sind auf der Straße, nicht so tot wie hier in Hassee, wobei Düsternbrook noch töter sein dürfte. Ich gehe in eine Apotheke, ich brauche Augentropfen (es gibt von Bepanthen Augentropfen, die wunderbar helfen, wenn die Augen trocken sind, deswegen jucken, man deswegen an ihnen herumreibt und sie deswegen gerötet sind - Panthenol und Hyaluron können da wahre Wunder bewirken, sehr angenehm, sehr sanft). Die Apotheke ist vollkommen überfüllt. Das ist kein Wunder. Hier lösen viele Abhängige, die sich in der Substi befinden, ihre Rezepte ein, um zum Beispiel an Buprenorphin zu kommen. Gute Sache, das.

Naja, und dann kommt ein etwas älterer Apotheker auf mich so, lächelt mich an, sagt mit lauter Stimme "Hallo, mein Großer!" und streckt mir seine Hand hin. Ich bin völlig überfordert. Kennt der mich? Naja, viele erkennen mich wieder wegen meines Outfits, aber müsste ich diesen Menschen kennen? What the...? Warum...? Was soll ich machen...rausgehen...Blick überallhin...Scheiß drauf. Ich gebe ihm die Hand, grüße ihn ebenfalls, und er realisiert, dass ich bereits bedient werde und geht zum nächsten Kunden.

Wow. Dieser Apotheker hat es drauf mit dem Method Acting. Er weiß, dass viele seiner Kunden einen Migrationshintergrund haben, der direkt mit "Du" arbeitet. Er weiß, dass man auf Abhängige freundlich und motivierend zugehen soll, persönlich und interessiert, um ihre Chancen einer Heilung zu erhöhen. Er sieht mich in meinem komplett schwarzen Outfit mit Totenköpfen und Metall und so, rechnet mich im Kopf sofort der Gruppe der Abhängigen hinzu und weiß, wie er mit mir umzugehen hat. Dass ich kein Bupre abholen will, weiß er nicht.

Er hat alles richtig gemacht, nur ich muss mich noch daran gewöhnen, dass das Soziale in Gaarden nach anderen Uhren tickt. (...und die große Buba spricht mit ihrer Amanda-Lear-Transenstimme: "Ich habe gute Uhren!")

War ein witziger Moment, wollte ich teilen. Geht bald weiter ;-)