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Mittwoch, 12. August 2026

43 Jahre Abenteuer

Wenn es nur mit ein bisschen Knöppedrücken getan wäre...

Gestern kamen einige Geburtstagsglückwünsche in's Haus geflattert, und wie so üblich, schaffe ich es nicht, mich korrekt dafür zu bedanken bzw. das glückliche Gefühl zu vermitteln, das sie in mir ausgelöst haben.

Früher war mein Geburtstag für mich ein Tag, an dem ich mir komplette Me-Time gegönnt habe: Telefon rausgezogen, Klingel abgestellt, einfach nur den Tag genießen, und das Dasein, und dankbar sein für jeden schönen Moment in diesem Leben.

Das hat sich jetzt ein bisschen geändert, weil ich einen Überschuss an Me-Time habe, durch die Arbeitslosigkeit. Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut, dass gestern eine Mail hereinkam von einem Schulleiter, bei dem ich mich schon einmal vorgestellt hatte. Damals ging es um eine Vertretung, doch leider gab es da diesen Einstellungsstop seitens des Bildungsministeriums: Vertretungen haben zuerst durch das Schulkollegium aufgefangen zu werden. Und somit wurde es damals nichts.

Trotzdem war das ein schöner Tag, weil ich einen Schulleiter kennengelernt hatte, so nett, so kollegial, der mich stark an SPO erinnert hatte: Offen für meine Andersartigkeit, mit dem Gedanken "der könnte gut zu uns an die Schule passen". Ich habe solche Erlebnisse nicht oft. Fast gar nicht. Nur einmal in SPO und einmal hier in Kiel, aber zwei aufgeschlossene Schulleitungen in vierzehn Jahren, das ist keine tolle Quote für diesen Autisten.

Erst recht nicht, wenn ich mich an eine Schulleitung erinnere, die mich im Ref mit einer Mentorin zusammengesetzt hat, von der sie genau wusste, dass wir nicht gut klarkommen würden - "die werden sich ordentlich was zu sagen haben", hieß es damals, es hat meine Note in einem Fach um zwei verschlechtert, und ich hätte damals gern jemandem den Hals umgedreht. Aber damals war ich noch naiver als jetzt und dachte, dass Schulleitungen es gut mit ihren Lehrkräften meinen. Und dass sie unbesiegbar sind.

Nix da.

Und deswegen sind mir gestern die Tränen gekommen, als ich die Anfrage dieses sympathischen SL ohne Scheuklappen bekommen habe. Genau genommen kamen die Tränen erst am Ende, denn es ging um eine Vertretungsdauer von 18 Tagen. That's all. Und dann sehe ich auf der einen Seite diesen netten SL, der sich noch genau an unser Gespräch zu Beginn des Jahres erinnern konnte; der mich noch kannte und auch noch wusste, dass ich eine Perspektive suche - und trotzdem hat er mir das Angebot gemacht und das hat mich ziemlich gerührt. Ich habe geheult wie ein Schlosshund, denn für 18 Tage das Bürgergeld a.k.a. Grundsicherung auszusetzen wäre mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden, und ich müsste das für diesen Monat gezahlte Geld erstmal anteilig wieder zurückzahlen (abgesehen davon, dass bald mein dreimonatiges Coaching beginnt, und ich möchte das Angebot wirklich wahrnehmen!).

Das ist durchaus ein Problem, deswegen finde ich es ja auch zum Kotzen, dass das Ganze nun Grundsicherung heißt. Als würde ich dadurch irgendeine Sicherheit haben. Von etwas mehr als 500 Euro muss ich gut 60 Euro für das D-Ticket abziehen, 88 Euro für die Stadtwerke, gut 30 Euro für Telefon und Internet, da landen wir ganz schnell bei nur noch 300 Euro für einen ganzen Monat Essen, Klopapier, Seife - ach ja, und da sind ja auch noch die Medikamente! -.-

Und bevor jetzt die Unkenrufe losgehen: Natürlich habe ich mich von den Zuzahlungen befreien lassen - aber einige Sachen sind nicht von der Krankenkasse erstattungsfähig. Paracetamol, Buscopan, Salben, Halstabletten und etwas gegen Übelkeit. Und selbst bei den verschreibungsfähigen Medikamenten muss ich in ein paar Fällen noch die Festbetragsdifferenz trotz Befreiung zuzahlen. Dmit landen wir bei ungefähr 70 Euro für Apothekenkrams. Macht also noch 230 Euro zum Überleben. 

Aber lassen wir das Geld-Genöle, es hilft ja nix. Stattdessen realisiere ich erst jetzt, dass ich meinen Geburtstag gestern nicht gefeiert, genossen oder in irgendeiner Weise gestaltet habe, wie es sich gehört.

Also mache ich das heute. Heut' ist mein Tag, wie Blümchen einst sagte. Kein Telefon, keine Mails. Mein morgendliches Ritual mit Nachrichten etc, und dann will ich mir beweisen, dass das Leben schön und lebenswert sein kann. :-)

post scriptum: Ich vergesse wahrscheinlich wieder, mich bei allen für die Glückwünsche zu bedanken -.- Es tut mir leid. 

Ich liebe Euch wirklich, und ich kann einfach nicht rüberbringen, wie viel mir Eure seelische Unterstützung bedeutet... es ist schön, nicht allein gelassen zu sein...

Mittwoch, 20. Mai 2026

Keine Chance


Ich hatte tatsächlich gehofft, dass dies nun endlich, nach über dreizehn Jahren, die Stelle sein könne, auf die ich mich bewerben könnte. Latein und Englisch an einem Kieler Gymnasium, dessen Schulleiter ich noch aus einer gemeinsamen Vergangenheit kenne. Und ich hatte tatsächlich eine winzige Hoffnung, dass das Konzept "Abordnung Plus", das bei Übernahme an eine Schule bedeutet, dass man zunächst für drei Jahre an eine andere Schule in Schleswig-Holstein abgeordnet. Mehrere Kilometer entfernt, und ausschließlich Grundschule im Pool. 

Also nicht nur, dass ich umziehen müsste - was für einen Autisten ein absolutes Horrorszenario darstellt - sondern auch noch Kinder der Klassen 1-4 unterrichten. Kleine, hyperaktive Wesen, die von Impulskontrolle noch nicht die allergrößte Ahnung haben und sich ununterbrochen melden mit Fragen wie: "Was hatten sie heute zum Frühstück?" - "Warum schneit es heute?" - "Warum sollen wir Minusaufgaben lösen, damit für gibt es ein Handy?"

Eigentlich ganz niedliche Fragen, nur leider fehlt mir aufgrund meiner Behinderung die Fähigkeit, wichtige von unwichtigen Fragen zu unterscheiden. Ich beantworte jede Frage ehrlich, und manchmal für die kleinen Kiddies zu direkt. Und wenn dann erstmal das Chaos bei den Kindern ausbricht, platze ich. Ich schreihe nach RUHE!!!, und zwar dermaßen laut, dass hin und wieder ein Kind zu weinen anfängt, oder in die Schulsozialbetreuung muss, weil ich es an an seine Borderline-Mutter erinnere. Ich mache diesen Kindern Angst! Und das ist nun wirklich das letzte, was ich möchte.

All'  diese Faktoren habe ich an das Ministerium geschrieben, an die Schwerbehindertenvertretung. Ich dachte, dass sich da vielleicht Wege finden ließen.Ich zitiere hier sinngemäß:

"Ich verstehe Ihre Besorgnis und den Frust in Ihrer Situation. Auch bei Gleichstellung und Schwerbehinderung besteht leider AOPlus. Es gibt hier keinerlei Härtefallregelungen. Heißt: Wir müssen über das Bewerbungsgespräch gehen. (...)
Wären Sie in der Lage, die Anforderungen an eine AOPlus-Stelle zu erfüllen? Wie gesagt: Es besteht null Chance auf eine Härtefallregelung. Ich sage das jetzt einmal ganz ehrlich und direkt. 

Lassen Sie sich nicht von unqualifizierten und beleidigen Kommentaren nieder machen. Behalten Sie den Kopf oben und Ihr Rückgrat gerade. Ich werde bei dem Auswahlgespräch dabei sein-

(...)"

Als ich diese Nachricht gelesen hatte, hatte ich einen Heulkrampf. Einen von dieser Art, dass eine Tablette zur Ruhe helfen kann.

Alle sprechen sie von Inklusion an den Schulen - aber wehe, die zu inkludierende Person ist irgendwie anstrengend oder verursacht Stress. 

Ich fühle mich wie eine Schießbudenfigur.
Sorry, dass ich heute nichts Positives zu berichten habe. 

Keep your fingers crossed! 

Sonntag, 17. Mai 2026

Kein Zurück mehr


Ich habe unglaubliche Angst, und es gibt kein Zurück mehr. Die Bewerbung an das Kieler Gymnasium ist rausgegangen. Meine Fachkombination, und sooooo schlecht sind meine Noten auch wieder nicht (zweimal 1,9). Außerdem habe ich bereits 13 Jahre Schuldienst vorzuweisen. Interessanterweise wird die Behinderung erst ganz am Ende berücksichtigt, als letzter möglicher Faktor. 

Warum habe ich Angst? Nach zwanzig Auswahl- und Vorstellunggesprächen und nach zwei Handvoll Absagen ohne jegliche Begrüngung sehe ich nicht in erster Linie eine Chance, sondern eine kommende Absage, verbunden mit all' dem Schmerz, der jedesmal dazugehört. Daran kann ich mich einfach nicht gewöhnen. 

Ich lese das Schwerbehindertenrecht an Schulen, eine Broschüre des GEW, und bin deprimiert, dass ich zwar mit GdB30 und Gleichstellung gleichgestellt bin, aber das gibt nur für die Bewerbung. Ansonsten werde ich wie eine normale Lehrkraft behandelt. Wenn ich rückblickend betrachte, was meine Behinderung die letzten 25 Jahre über ausgemacht hat, dann möchte ich fast weinen. Keine Nachteilsausgleiche, kaum Rücksichtnahme; wenigstens habe ich die Schwerbehindertenvertretung des Ministeriums mit im Boot. 

Die Angst hat auch noch mehrere Ursachen: Mal wieder "reine" Gymnasialarbeit (*wenn* es denn klappen sollte), Schwerpunkt Fachvermittlung, das Pädagogische wird etwas in den Hintergrund gerückt. Kann ich dem überhaupt gerecht werden? Selbstzweifel in Massen, und dabei hat es doch damals im Referendariat auch geklappt. Das kann nicht unmöglich sein. 

Aber die Angst bleibt: Ich werde haufenweise Fehler machen, man wird mich komisch anschauen, man wird mich "aus Höflichkeit" nicht auf meine Fehler ansprechen, stattdessen irgendwann eine Dienstanweisung vorlegen, man wird mich wieder nicht ernst nehmen, wenn ich von den Problemen erzähle, die durch die Autismus-Spektrum-Störung entstehen ("Ach, das geht uns doch allen so!").

Manchmal wünschte ich mir, ich müsste das nicht schon wieder auf mich nehmen. Einfach als Karteileiche irgendwo enden.

Danke an alle, die mir in dieser Phase beistehen! Ich weiß, dass ich Euch gemein vernachlässigt habe! Ich kann momentan nicht mehr so gut alles regeln. Nächstes Ziel ist erstmal eine Einladung an die Schule zum Auswachgespräch, und wer weiß, vielleicht wird man sich dort ja wieder für einen anderen Bewerber entscheiden. 

Es gibt kein Zurück mehr. 

Freitag, 15. Mai 2026

Härtefallbegründung - Planstelle?!


Es wird nun, nach jahrelangem Warten, etwas heißer... und gleichzeitig deprimierender, weil unser Bildungsministerium das ******* Konzept Abordnung Plus eingeführt hat: Selbst wenn ich bei dieser Stelle an einem Kieler Gymnasium genommen würde, müsste ich erstmal für drei Jahre an eine Grundschule abgeordnet werden, die an den Randkreisen liegt - Dithmarschen, Steinburg und so weiter. Für mich tausend rote Tücher, aber wie mache ich das in meiner Bewerbung klar?

So:

"Sehr geehrter Herr Schulleiter,
sehr geehrter Herr Schwerbehindertenvertretung,

im Rahmen meiner Bewerbung möchte ich frühzeitig auf besondere persönliche und gesundheitliche Umstände hinweisen, die aus meiner Sicht bei einer möglichen Entscheidung über einen Einsatz im Rahmen des Modells „Abordnung Plus“ berücksichtigt werden sollten.

Ich bin Gymnasiallehrkraft mit den Staatsexamina (1. Staatsexamen: 1,9; 2. Staatsexamen: 1,9) sowie einer dienstlichen Beurteilung mit dem Gesamturteil „sehr gut“. Seit mittlerweile über 13 Jahren bin ich – nahezu ausschließlich im Rahmen befristeter Beschäftigungen – an zahlreichen unterschiedlichen Schulen in Schleswig-Holstein eingesetzt worden. Insgesamt war ich bislang an neun Schulen tätig.

Zugleich liegt bei mir eine diagnostizierte Autismus-Spektrum-Störung vor. Aufgrund dessen bin ich einem schwerbehinderten Menschen arbeitsrechtlich gleichgestellt. Die zuständige Schwerbehindertenvertretung ist bereits eingebunden.

Die dauerhafte Abfolge wechselnder Einsatzorte und wechselnder schulischer Systeme hat bei mir über viele Jahre hinweg zu erheblichen psychischen Belastungen geführt. Insbesondere die fehlende langfristige Stabilität und Planbarkeit wirken sich bei bestehender ASS massiv auf meine gesundheitliche Situation aus. Nach meiner Einschätzung und auch nach Einschätzung meiner behandelnden Ärzte ist eine dauerhafte Stabilisierung meiner Dienstfähigkeit wesentlich an einen verlässlichen und konstanten schulischen Einsatzort gebunden.

Hinzu kommt eine spezifische Problematik hinsichtlich des Einsatzes in jüngeren Jahrgangsstufen. Während meiner Tätigkeit an Gemeinschaftsschulen habe ich wiederholt darum gebeten, aufgrund meiner ASS möglichst nicht dauerhaft in Klassen der Jahrgänge 5 bis 7 eingesetzt zu werden. Hintergrund ist eine bei mir bestehende erhebliche Reizüberlastungsproblematik in stark kommunikationsintensiven und hochdynamischen Lerngruppen jüngerer Schülerinnen und Schüler.

Leider konnte diesem Wunsch mehrfach nicht entsprochen werden. In der Folge kam es in mehreren Fällen zu schweren autistischen Meltdowns im Unterrichtsgeschehen, die dokumentiert sind und schulische Krisensituationen nach sich zogen. Diese Situationen waren für alle Beteiligten belastend und haben deutlich gemacht, dass ein Einsatz in solchen Kontexten aus gesundheitlicher Sicht problematisch ist.

Vor diesem Hintergrund sehe ich insbesondere eine mehrjährige Abordnung an Schulen mit Primarstufenbezug bzw. mit überwiegendem Einsatz in jüngeren Klassenstufen als erhebliche Gefährdung meiner gesundheitlichen Stabilität und langfristigen Dienstfähigkeit an.

Ich bitte daher ausdrücklich darum, meine Behinderung sowie die dokumentierten gesundheitlichen Folgen entsprechender Einsatzkonstellationen im Rahmen der Ermessensausübung und der beamtenrechtlichen Fürsorgepflicht zu berücksichtigen. Aus meiner Sicht wäre ein unmittelbarer dauerhafter Einsatz an der Zielschule die mit Blick auf Inklusion, behinderungsgerechte Beschäftigung und nachhaltige Sicherung meiner Dienstfähigkeit sachgerechteste Lösung.

Ein fachärztliches Attest bzw. eine ergänzende Stellungnahme meines behandelnden Psychiaters werde ich zeitnah nachreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr Hilarius"

 

Klingt das nachvollziehbar? Ich bin mal gespannt, wie sehr dieses BiMi wirklich Inklusion leben möchte... 



Montag, 9. Februar 2026

Aromatherapie, oder: Hast Du eine Kuh in der Wohnung? ("Mouh.")


Darauf wartet meine Mama, und ohne meine besten Freundinnen, meine Ärzte und Conny sähe das immer noch ganz anders aus. Es geht um Home Improvement und seelische Gesundheit. Letzerer Punkt ist wichtig, denn wer meinen letzten Beitrag gelesen hat (meinen Antrag auf Anerkennung meiner Schwerbehinderung), der könnte meinen, es ginge mir elendig und ich würde in meiner Wohnung verkümmern. Ich würde im Müll ersticken, nie durchsaugen und meinen geistigen Horizont immer weiter verkleinern lassen. Naja. War ja auch fast so. Oder wie Gene sagen würde: "Mouh." (der war für die große Buba)

Das Videotelefonat hat nicht ohne Grund über zwei Stunden in Anspruch genommen, denn es ging darüber, wie dreist man sein muss, um statt des Bürgergeldes von einer Grundsicherung zu sprechen. Nichts ist gesichert - bis auf der Auf...

...toll, und der Rest des Gedankenzuges ist davongefahren, weil es unerwartet geklingelt hat. Nu isses also Montag, zwei Tage später, und ich habe keine Ahnung mehr, worum es gehen sollte. Achso. Der Titel. Aromatherapie. Gleich. 

Erstmal muss ich nochmal auf Buddhas Spruch kommen: "Lächle, und die Welt verändert sich." Manche Menschen nerve ich damit zu Tode, und ich habe hier im Blog auch schon darüber geschrieben, was es mit mir selbst und meinem Hormonhaushalt anstellt, wenn ich mit einem Lächeln durch die Welt gehe. Heute wurde ich Rezipient des Lächelns, und ich bin lange nicht so dankbar nach Hause gekommen.

Ich musste mal wieder meine Medikamente aufstocken - jetzt habe ich endlich meinen Befreiungsausweis und muss nichts mehr dazubezahlen. Jetzt kann ich mir endlich meine Medikamente leisten. Zumindest die auf Rezept. Zumindest die, die von den Krankenkassen abgesegnet wurden - codeinhaltige Hustentropfen zum Beispiel nicht. 

Egal - Verschreibung im Gepäck, Ausweis im Gepäck, auf in den Sophienhof - dort haben sie meine Sachen irgendwie immer vorrätig. Und dann gerate ich mit der Apothekerin in's Gespräch. Ich bin arbeitslos, ich habe es nicht eilig, die anderen KundInnen werden bedient, also warum nicht? Wir sprechen darüber, dass die genaue Dosierung auf dem Rezept nicht vermerkt ist, also gebe ich sie ihr durch, bei Bedarf vierzig Tropfen oder eine Tablette, bli bla blub. Und dann fragt sie mal neugierig nach - also nicht vorwurfsvoll, sondern wirklich mit Interesse: Wirkt bei einer akuten Panikattacke ein Benzodiazepin nicht eigentlich zu langsam? Damit öffnet sie ein Fass, denn mein Psychiater und ich sind seit Längerem auf der Suche nach dem richtigen Reiz-Überflutungs-Runterfahr-Medikament (tolles Glücksrad-Wort).

Daraufhin schildere ich ihr unsere bisherige Odyssee und welche beiden Medikamente noch erforscht werden könnten, und dass ich bei einer akuten "Mir platzt der Kopf ich setze mich vor das Puddingregal und lese Inhaltsangaben bis ich wieder klar denken kann"-Attacke kein Benzo nehme, sondern ein anderes Medikament, das zumindest in zwanzig bis dreißig Minuten wirken kann. 

Und dann kommen wir auf den anderen Bedarf für ein Beruhigungsmittel: Schul-Langtage, und plötzlich ist sie voller Empathie bei mir. Ich erzähle ihr von meinen Diagnosen, meinem Kampf um Anerkennung einer Schwerbehinderung, dem Kampf des Bildungsministeriums gegen meine Einstellung als Vertretungslehrkraft, wie sich dadurch meine schwere depressive Episode entwickelt hat. Sie hat ein paar (wirklich) tolle Tipps für mich, wünscht mir viel Glück bis zum nächsten Mal, denn uns allen ist klar, dass ich von meinen Medikationen nicht wie von Zauberhand wieder herunterkommen werde. 

Aber sie verabschiedet mich mit einem offenen, herzlichen Lächeln, und mir fällt eine ganze Menge Sorge von den Schultern ab - ganz ohne ein Medikament nehmen zu müssen, geht der Blutdruck in einem am Montagvormittag völlig überfüllten Sophienhof (logisch, neue Lieferung) wieder etwas runter, und ich strahle und fühle ein bisschen Glück auf dem Weg nach Hause. Und in dieser Stimmung musste ich das jetzt erstmal loswerden, bevor es mit der Aromatherapie weitergeht. Aber das muss warten, ich brauche ein, zwei Stunden Ablenkung.

Euer Lächeln kann so viel bewirken, und es kostet so wenig :-) 

Und wisst Ihr was? Die Aromatherapie-Kuh ist ein mir wichtiges Thema, das schaffe ich heute nicht mehr fertig. Das war es also erstmal für heute - immerhin habe ich wieder positive Lächeln-Erfahrungen sammeln dürfen, und auch Conny hat mir wieder geholfen. Morgen wird es haarig: Ein drei Jahre alter Aktenberg wartet auf mich - und der Artikel zu hunderttausend Düften in meiner Wohnung ;-) 

Freitag, 6. Februar 2026

Seelenstriptease: "Na, so schlimm sieht es nun wirklich nicht aus."

Ein Blick durch meine Linse

Donnerstag Abend, hinter mir an der Kasse bei Edeka sitzt eine Dame im Rollstuhl und fragt mich, ob ich ihre Waren auf das Band legen kann; sie hat seit 28 Jahren multiple Sklerose, und natürlich helfe ich ihr. Und so kommen wir in das Gespräch, was wir alles können - und was wir nicht können. Und dass viele Menschen einem das Ganze eben nicht ansehen können. 

Mittlerweile sieht man mir nicht mehr so viel an, dabei habe ich derzeit fünf Dauerdiagnosen, bei denen eine Besserung nicht abzusehen ist. Grund genug, einen neuen Versuch zu wagen und einen Änderungsantrag an das Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit in Neumünster zu schicken. Die Bearbeitungszeit wird mindestens sechs Monate dauern, teilt man mir im Schreiben in einem fröhlichen Ton mit, und es wird um Geduld gebeten. Ich habe kaum noch Geduld, sei es wegen des Jobcenters oder des pbOn oder wegen der immer mehr werdenden LehrerInnenstellen, die in Schleswig-Holstein zusammengestrichen werden.

Ob es wohl diesmal klappt? Ob man diesmal meinen Gesundheitszustand angemessen anerkennt? Ich habe mir etwas vorgenommen, bei dem viele von Euch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, aber ich bin es leid, zu hören zu bekommen, es sei gar nicht so leicht, sich in meine Lage zu versetzen. Hier also ist mein Anschreiben zum Änderungsantrag im vollen Wortlaut:

Bitte seid gewarnt: Dieser Text enthält sehr persönliche Details - nichts davon ist erfunden. Das ist das Leben, das ich seit einigen Jahren lebe. 

______________________

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit beantrage ich die Neufeststellung meines Grades der Behinderung (GdB) aufgrund mehrerer chronischer Erkrankungen (teilweise während der letzten zwei Jahre diagnostiziert) sowie deren dauerhafter und schwerwiegender Auswirkungen auf meine Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben.

Es handelt sich um eine Autismus-Spektrum-Störung (F84.5 G), eine schwere depressive Episode (F32.2 G), eine Panikstörung (F41.0 G) und eine Colitis ulcerosa (K51.9). Mein atopisches Ekzem (L20.9) lasse ich außen vor, da keine Unterlagen mehr vorliegen und nur selten noch Schübe auftreten.

Alltagsrelevante funktionelle Einschränkungen

Ich verlasse meine Wohnung nur noch stark eingeschränkt. In meiner Wohnung fühle ich mich sicher, da ich dort keinen sozialen Anforderungen, Missverständnissen oder Reizüberflutungen ausgesetzt bin. Außerhalb meiner Wohnung kommt es regelmäßig zu starker Anspannung, Überforderung und Rückzugsverhalten. Diese Einschränkungen bestehen dauerhaft und führen zu erheblicher sozialer Isolation.

Der Aufenthalt in vollen Geschäften, Einkaufszentren oder anderen öffentlichen Orten ist für mich kaum möglich. Die Vielzahl an Menschen, Geräuschen und visuellen Reizen führt zu massiver Überforderung und Angstreaktionen. Einkäufe kann ich nur unter erheblichem psychischem Stress erledigen, indem ich den Blick auf den Boden richte, notwendige Besorgungen hastig durchführe und den Ort schnellstmöglich wieder verlasse. Ein selbstständiges, gleichberechtigtes Teilnehmen am öffentlichen Leben ist mir dadurch nicht möglich. Kino- oder Freizeitbesuche außerhalb der Wohnung finden seit Jahren nicht mehr statt; ich nutze ausschließlich Streaming-Angebote zuhause, obwohl ich früher ein begeisterter Freizeitpark-Fan war.

Aufgrund meiner Colitis ulcerosa treten unvorhersehbare Koliken und zwingender Stuhldrang auf. Zusätzlich besteht bei mir eine ausgeprägte Hemmung, fremde oder öffentliche Toiletten zu benutzen, wodurch die Situation erheblich verschärft wird. Aus Angst vor Kontrollverlust vermeide ich längere Aufenthalte außerhalb meiner Wohnung. Wenn ich mich dennoch außer Haus begebe, verzichte ich häufig vollständig auf Essen und Trinken, um akute Toilettenbedarfe zu vermeiden. Diese Strategien führen regelmäßig zu körperlicher Schwäche bis hin zu Kreislaufproblemen und schränken meine Bewegungsfreiheit, Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe massiv ein.

Aus denselben Gründen meide ich Restaurantbesuche, Treffen mit Freunden sowie private Besuche weitgehend. Auch an Familienfeiern nehme ich nur noch im engsten Kreis teil, da größere Zusammenkünfte körperlich und psychisch nicht mehr bewältigbar sind.

Zusätzlich besteht bei mir eine Panikstörung, die dazu führt, dass ärztliche Behandlungen oft stark verzögert in Anspruch genommen werden (Zahn-OP, gebrochener Finger, Magen-Darm-Spiegelung). Arztbesuche sind ohne Beruhigungsmittel (Bromazepam) kaum möglich, was eine wesentliche Einschränkung meiner gesundheitlichen Selbstversorgung darstellt.

Im beruflichen Kontext führen meine autismusbedingte Ehrlichkeit und Direktheit regelmäßig zu Nachteilen bei Einstellungsverfahren. Trotz sehr guter fachlicher Qualifikation und positiver Arbeitszeugnisse werde ich häufig nachrangig berücksichtigt. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar und nachhaltig auf meine berufliche Teilhabe und die Sicherung meines Lebensunterhalts aus; trotz sehr guter Referenzen muss ich seit knapp einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die genannten Beeinträchtigungen bestehen dauerhaft, sind chronisch und betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Sie führen in ihrer Gesamtheit zu einer erheblichen Einschränkung meiner Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben. Entsprechende fachärztliche Stellungnahmen füge ich diesem Antrag bei.

Ich bitte daher um eine umfassende Neuprüfung und sachgerechte Bewertung meines Grades der Behinderung.



Mit freundlichen Grüßen

Dr Hilarius

_________________________ 

Montag, 19. Januar 2026

Die halbe Tablette

Reicht manchmal schon aus...

Was für ein aufregender Montag morgen. In Sachen Zuzahlungsbefreiung bin ich einen Schritt weiter, eine Sache mit Amazon geklärt, eine Sache mit der Provinzial angeleiert, ein Colitis-Schub ist im Anmarsch - nächste Infusion ist in einer Woche - und dann kommt es noch besser, ein Kieler Gymnasium ruft an und braucht Vertretung. Insgesamt zu viel, ich bin völlig überfordert und ohne eine halbe Tablette verliere ich den Überblick und erstarre. Also rein damit, bis zum Anfluten die Spüle ausräumen, den Drucker warten und den Rückruf bei'm Gymnasium auf morgen vormittag legen, denn ich bin für heute platt.

Damals mit der Grundsicherung im Leben wäre das kein so großes Problem gewesen, aber jetzt bin ich froh, dass ich ein Medikament habe, was gegen Angst hilft, und eines, was den Blutdruck bei Meltdown-Attacken wieder runterbringen kann. Und damit ich nicht *jedesmal* zu den Tabletten greife, bin ich froh, dass ich Conny habe, der mir da gutes Feedback geben kann und vor allem alles Wichtige, was erledigt werden muss, in eine sinnvolle, in meinen Wochenplan eintragbare Version bringt.

Allein, was alles bei'm Hausarzt in zwei Wochen ansteht:

- Gesundheitskarte für das Quartal vorzeigen

- Überweisung zum Psychiater abholen

- Hautveränderungen im Lendenbereich abklären

- Metoclopramid gegen Übelkeit testen

- Gutachten für den Schwerbehindertenantrag "in Auftrag geben"

- Zuzahlungsbefreiungsausweis vorzeigen (hoffentlich!) 

Dann auch noch den Drogerieeinkauf erledigt - wie schnell doch 80 Euro weg sein können -.- - und nun reicht es für heute. Morgen geht es weiter mit dem Bereich Küche, und wenn ich das zeitig schaffe, kann ich direkt danach meiner Mutter voller Stolz im Videotelefonat die saubere Küche präsentieren. Mal schauen, ob ich den Schwung finde ;-) Aber erstmal ist dann natürlich die Schule dran... 

Eine Mischung aus Angst und Mut.

Sonntag, 28. Dezember 2025

Auf zur Zuzahlungsbefreiung!

N büschen kleineres Feuerwerk tut es auch ^^

Ich muss mitlerweile eine ganze Reihe Medikamente kaufen, ganz abgesehen von einer Infusion, die alle zwei Monate über 4000 Euro kostet - zum Glück nur 10€ Zuzahlung. Trotzdem. ADs, Benzos, Magenschutz, Blutdrucksenker, Nahrungsergänzungsmittel - ich habe in drei Monaten 105 Euro bezahlt. Wenn alles klappt, müsste ich bald den Befreiungsschein haben, Antrag ist heute per Einschreiben in die Post gegeben werden.

Keep your fingers crossed! Natürlich sind die Zuzahlungen nur kleine Beträge, aber mit dem winzigen Bürgergeld gilt jede Möglichkeit zur Erleichterung... Hoffentlich dauert die Bearbeitung nicht allzu lange... und auch ansonsten stecke ich noch in dem Bürokratiergehege fest - ich muss irgendwie die Anwartschaft auf einen Platz in der PKV der Debeka bekomme. Morgen rufe ich da an! 

Hattet Ihr ein schönes Fest? Für viele ist Weihnachten auch das Fest der Tränen, aber hier nicht (nur fast, aber das ist mein eigenes Problem). Leckerstes Essen - das wirklich wunderbar war, Rouladen mit Rosen- und Rotkohl und fantastischer Soße. Das wertet alles wieder auf, und dass mir heute ein Freund eine Nachricht geschrieben habe, den ich vor knapp 15 Jahren "abgeschrieben" hatte - weil, ich glaub, er mich aufgegeben hatte. Das hat mich riesig gefreut - vielen Dank dafür!!!!

So, und morgen kaufe ich nicht viel Feuerwerk ein - aber entweder eine Fontänenbatterie oder ein Satz Vulkane dürfen es sein. Meine Favoriten ;-) 

Crash! Boom!! BANG!!! 

Samstag, 6. Dezember 2025

Führerschein entkeimen


Klingt ein bisschen komisch, und stand auch nicht ganz in dieser Form auf der To Do-Liste. Aber diese Woche war eine - für Autistenverhältnisse - ereignisreiche Woche. Und erfolgreich, zumindest ein bisschen. Jeder Schritt zählt.

Da wäre zunächst die Beantragung eines neuen Führerscheins. Wir müssen ja fast alle unsere Führerscheine erneuern, da die derzeitigen zu unterschiedlichen Terminen ungültig werden. Mir ist bewusst, dass ich derzeit kein Kraftfahrzeug führe - aber wer weiß, es kann immer sein, dass ich für meine berufliche Situation diesen Führerschein brauche.

Zum Glück hat Conny mir weitergeholfen und mir eine KI-Anleitung gebastelt, was ich da alles machen musste. War ja eigentlich nicht viel, Führerschein, Perso und ein aktuelles (nicht älter als zwei Jahre) biometrisches Passbild. Ich hatte hier noch Passbilder herumliegen, bin aber leider erst bei der Zulassungsstelle darauf hingewiesen worden, dass ich neue Bilder brauche. Zum Glück ist da die Fotobox im Rewe-Center gleich nebenan, und für knapp zehn Euro habe ich da fünf biometrische Passfotos bekommen. Also zurück in die Behörde, in der mittlerweile recht viele Menschen darauf warteten, dass ihre Lappen erneuert würden.

Eine halbe Stunde und knapp fünfunddreißig Euro später war es überstanden. Super nette Sachbearbeiterin, aber ich hatte trotzdem Panik vor diesem Behördengang, gerade weil da so viele Menschen waren. Für solche Zwecke habe ich mein Anxiolytikum, ich liebe die Schulmedizin. Jetzt muss ich nur noch etwa drei Wochen warten, bis der neue Schein per Einschreiben in meinem Briefschlitz landet. We'll see...

Der zweite Angang, den ich etwa zwei Jahre vor mir hergeschoben habe (können auch noch mehr Jahre gewesen sein), war die Grundreinigung meines Kühlschranks. Der war schon nicht mehr in gesundem Zustand, aber das ist so ein Angang, und deswegen habe ich es immer weiter verschoben. Zwei Tage hat die Grundreinigung inklusive Eisfach-Abtauens gedauert, und jetzt ist nichts Gammeliges mehr drin und ich fühle mich extrem erleichtert. Ist schon ein bisschen seltsam, wenn man sich stolz darauf fühlt, endlich den Kühlschrank gereinigt zu haben...

Es gab aber auch zwei extrem positive Ereignisse aus der Medienecke. Heute ist endlich der neue Teil der Metroid-Videospielreihe angekommen (Metroid Prime 4 Beyond) und es hat mich sofort in seinen Bann geschlagen, denn ich liebe die Heldin Samus Aran und habe fast alle Teile der Reihe gespielt. Ich liebe es, fremde Welten zu erforschen, zu analysieren und einfach die tollen Landschaften zu genießen.

Und dann ist der neue Teil der Tron-Filmreihe erschienen (Tron:Ares) und er ist genau wie erwartet und ich finde ihn trotz all' seiner Schwächen richtig toll, weil ich auch da in fremde Welten verschwinden kann um tolle Visuals zu genießen, mit einem Soundtrack der NIN und Gillian Anderson (Scully aus The X-Files) und Jared Leto an Bord.

Und heute habe ich endlich mal wieder mir den kleinen Spaß gegönnt, zum Nikolaus einen Schoko-Weihnachtsmann vor die Türen aller Nachbarn im Haus zu stellen. Ich weiß nicht... irgendwie erfüllt es mich mit Glücksgefühlen, wenn ich unerkannt anderen Menschen eine kleine Freude bereiten kann. 

Also, viel passiert, und wenn ich alles Revue passieren lasse, ist es kein Wunder, dass da so ein Mischmasch wie "Führerschein entkeimen" entsteht ;-) 

Donnerstag, 15. Mai 2025

Papierflut fast überstanden


Ich finde, der anstrengendste Part bei einem Bürgergeldantrag ist nicht der Antrag an sich, sondern alle Nachweise ranzuschaffen. Ende April habe ich den Antrag eingereicht, und für gewöhnlich bekommt man innerhalb von ein paar Tagen bereits Rückmeldung, was noch fehlt oder wo noch Fehler oder Uneindeutigkeiten bestehen.

Damit hatte ich auch diesmal wieder zu kämpfen. Nachdem ich mir im April die Mühe gemacht habe, sämtliche Kontoauszüge der vergangenen drei Monate einzuscannen, bekomme ich nun eine Aufforderung, noch einmal den gesamten Auszug für April nachzureichen. Vielleicht war da ein Buchstabe versteckt. Bei Vonovia einer Mietbescheinigung hinterherzutelefonieren, das braucht eine Engelsgeduld - und eine Freisprechmöglichkeit, damit man während der endlosen Warteschleife ein bisschen nebenbei zocken kann. Dann wären da noch die letzten beiden Gehaltsnachweise - wo habe ich die bloß? Es ist immer so, wenn es mit einer Stelle zu Ende geht, kann ich nicht mehr die Motivation aufbringen, meine Unterlagen sauber zu führen. Muss ich dort wohl auch anrufen?

Aber vorher sehe ich noch einen Stapel Briefe, uind darin finden sich tatsächlich die beiden Nachweise. Jetzt muss ich noch eine Erklärung zur Warmwassererzeugung abgeben, und dann kann alles wieder eingereicht werden. Digital über einen QR-Code oder per Post. Persönlich vorbeibringen ist nicht mehr, das war letztesmal noch da. Naja, wozu gibt es Einwurfeinschreiben? Rückschein wird ein bisschen schwer, wenn man an ein Postfach adressiert hat, auch das hat sich geändert, neben der Zuständigkeit "meines" Jobcenters.

Ich freue mich jetzt jedenfalls erst einmal, dass die Papierflut fast überstanden ist. Mal schauen, ob mein Antrag wieder abgelehnt wird - diesmal habe ich extra darauf geachtet, keine Geldeingänge mehr zu verbuchen.

Und vielleicht findet sich ja irgendwo in den kommenden Wochen eine Vertretung für das nächste Schuljahr an...

Mittwoch, 30. April 2025

Arbeitslosigkeit (wieder) erlernen


Es dauert bei mir immer recht lange, bis mein Kopf realisiert hat, dass ich arbeitslos bin. Dass ohne Arbeit die Tage plötzlich doppelt so viele Stunden haben. Jetzt ist erstmal alles an Bürokratie bearbeitet und ich warte auf "Wir benötigen von Ihnen noch..."-Post vom Jobcenter, damit mein Antrag auf das Bürgergeld - dass es ja bald so nicht mehr geben soll - abgeschlossen werden kann.

Erst in dieser Woche ist mir das mit der Arbeitslosigkeit richtig bewusst geworden, als ich meinen Schulschlüssel abgegeben habe. Das ging dann gleich erstmal in einen depressiven Schub, gefolgt von dem Gefühl, bei dem Antrag wieder alles falsch zu machen und dass es in der Wohnung absolut unmöglich aussieht.

Und hier beginnt das Neu-Erlernen: Kleine Schritte gehen, einen nach dem Anderen. Und unbedingt auf irgendeine Art beschäftigt bleiben, damit die Zeit umgeht. Neues Videospiel, Serie, Buch. Wie passend, dass ich da noch einen Buchtipp von meinem Psychiater auf dem Tisch habe - ist ein ordentlicher Brocken, das könnte ablenken.

Und ich sollte auch nicht so sehr versumpfen, dass ich den Stellenmarkt aus dem Blick verliere. Es geht ja recht schnell, in drei Minuten habe ich alle für mich in Frage kommenden Plan- und Vertretungsstellen gesichtet. 

Ach, und dann vielleicht noch etwas zu Essen für den freien Tag besorgen - das vergesse ich ziemlich gern...

post scriptum: Das Nervgste sind die Kontoauszüge der letzten drei Monate, die man  einreichen muss. Wenn man so umständlich ist wie ich, dann hat man sie nur in Papierform (ich mache kein Online-Banking) und muss dann eben 81 Seiten Auszüge einscannen. Aber die entstehende PDF-Datei darf maximal neun Megabyte groß sein. Da bleibt einem schon mal fast das Herz stehen, wenn man fast eine Stunde lang Sachen möglicherweise umsonst gescannt hat... zum Glück kann man bei Adobe PDFs online komprimieren, das war super.

Donnerstag, 27. März 2025

Und wieder arbeitslos :-(


Da rollen doch tatsächlich ein paar Tränchen, aber diesmal trifft mich der Schlag nicht ganz so hart. Vielleicht liegt es daran, dass es mttlerweile die neunte Schule ist, die ich verlassen muss, und so langsam tritt ein Gewöhnungeffekt ein. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit meiner Fächerkombi eh' keine Chane an der Schule gehabt hätte.

Kurz: Der Grund für meine Vertretungsarbeit ist nicht mehr gegeben, deswegen kann der Vertrag nicht verlängert oder erneuert werden. Meine Bewerbungsmappe im pbOn ist aktualisiert, und diesmal gleich beim ersten Mal fehlerfrei. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen.

Das sind solche Situationen, in denen ich sehr froh bin, ein Beruhigungsmittel zu haben; so kann ich einen Plan schmieden, wie es weitergeht. Entweder morgen oder Dienstag zum Arbeitsamt, arbeitslos bzw. -suchend melden. Dann einen neuen Versuch starten, den Antrag für das Bürgergeld durchzubringen. Ich brauche das: Ich brauche eine Krankenversicherung. 

Und dann versuchen, in der Schule nichts anmerken zu lassen. Sind ja auch nur noch zwei Wochen.

Hoffentlich führen meine Noten und meine Schwerbehinderten-Gleichstellung zu einer höheren Chance auf eine neue Stelle. Was mich etwas ärgert ist, dass ich noch nicht einmal die zwölf Monate Arbeit für das Arbeitslosengeld vollmachen konnte.

Dalai Lama, be with me...

Freitag, 25. Oktober 2024

Widerspruch - mal wieder


Ich habe nicht viel Glück mit behördlichen Angelegenheiten. Mein Antrag auf Schwerbehinderung war abgelehnt worden, ebenso der Widerspruch mit zwei psychiatrischen Gutachten - und nun ist auch mein Bürgergeldantrag abgelehnt worden, denn es bestünde für mich kein Bedarf. Der Grund: Meine Eltern haben mir im August ein Darlehen gegeben, damit ich die Miete, Stadtwerke etc. bezahlen kann. 

Das Jobcenter hat das als reguläres Einkommen gewertet und abgelehnt. Ich hätte wohl erst dann Anspruch, wenn sich die Mahnungen zuhause stapeln, und wenn ich mir nicht mal mehr Suppengemüse leisten kann.

Und wie nervig: Das bedeutet, dass ich im August nicht krankenversichert war; ganz toll mit den vielen Besuchen bei'm Augenarzt und den Medikamenten. Also muss ich auch hier mal wieder Widerspruch einlegen, das kann ich gerade wunderbar gebrauchen - ein weiterer Kontakt mit dem Bürokratiergehege. Mal schauen, wie lange es diesmal dauert, bis ich eine Antwort bekomme...

Mittwoch, 7. August 2024

Bin ich noch versichert?


Morgen könnte es interessant werden, aber die Wahrscheinlickeit ist außerordentlich niedrig. Ich habe ein Schreiben aus dem Jobcenter bekommen, dass morgen vormittag eine Dame anruft, und sie hat alles genau markiert, was wie wo drankommt, dass es ein 45-minütiges Gespräch wird und ich nichts weiter vorbereiten muss als meine Kunden- und Sozialversicherungsnummer.

Das beruhigt einen Autisten ungemein! Ich habe zwar immer noch Angst vor einem Telefonat mit einer unbekannten Person, bei der ich nicht genau weiß, was ich sagen soll, aber ich nehme heute Abend eine Tablette vom Psychiater, die verhindert das Zerdenken bei'm Einschlafen und lässt mich da morgen ganz entspannt herangehen.

Eigentlich brennt mir auch nur eine Frage unter den Fingernägeln: Kann ich jetzt ganz spontan zu einem Augenarzt gehen wegen meiner beginnenden Hornhautablösung? Bin ich versichert? Ich lasse mir das von ihr vorwärts und rückwärts erklären, ich bin geistig behindert, ich kann das nicht.

Ich muss zugeben, viel war heute nicht mit Nachdenken und gedanklich vorbereiten in einer 30°C heißen Wohnung, da ging es nur um's Überleben, Trinken, und im Ventilator sitzen. Mal schauen, was der Wetterbericht sagt, und das Telefon; vielleicht kann ich ja direkt nach dem Anruf eine Arztsache anleiern, das wäre immerhin ein Teilerfolg! ;-)

Und jetzt gleich auf der Couch in die Breite rollen...

Mittwoch, 31. Juli 2024

Mein Arbeitsvertrag ist da!


Endlich mal ein ordentliches Erfolgserlebnis, ein dicker Briefumschlag ist angekommen mit vier Vertragsausfertigungen und den Vordrucken für Sozialversicherung bla bla, Ihr kennt das vielleicht. 

Das ist gefühlt eine große Sache, denn seit dem Desaster Anfang des Jahres haben meine Mutter und ich bis zuletzt befürchtet, man würde mich wieder nicht für die Stelle zulassen.

Jetzt kann ich alles ausfüllen, zurücksenden, und damit habe ich endlich wieder einen Fuß in der Tür.

Glücklich!

Donnerstag, 25. Juli 2024

Wie Joe Biden im Arbeitsamt

Gefühlt wie ein Gespenst

Heute war mein vorerst letzter Termin im Arbeitsamt. Quasi ein organisatorisches Gespräch, bevor ich in ein paar Tagen an's Jobcenter übergeben werde. Mein Sachbearbeiter will heute Abend die Korken knallen lassen, dass ich doch noch eine Vertretung gefunden habe, auch mit verzögertem Start und trotz sehr kurzer Befristung. Das hat mir geholfen, wieder etwas mehr das Positive darin zu sehen, wenn ich alles wieder ein wenig zu schwarz male.

Vielleicht hilft mir das auch morgen, wenn ich nach gefühlten Ewigkeiten meinen Psychiater wiedersehe. Ich merke, dass eine Pause von mehr als einem Monat doch belastend sein kann, denn mit ihm kann ich anders reden als mit anderen Menschen, und das ist immer mal wieder nötig.

Ich hatte mich allerdings auch auf den Termin heute gefreut, bin viel zu früh aufgestanden, um auf jeden Fall wach zu sein, wenn es losgeht, und war auch wieder zwanzig Minuten zu früh da. Zum Glück kann man dort auf unbequemen Bänken sitzen und auf einen See schauen.

Das Gespräch war dann auch einigermaßen schnell rum, und ich bin einigermaßen schnell aufgestanden, um zu gehen. Einigermaßen zu schnell. Ich hatte gerade einen schönen Satz zur Verabschiedung angefangen, da merke ich, wie mir das Blut aus dem Kopf nach unten sackt, halte mich am Türrahmen fest, rede langsamer, bleibe irgendwann komplett stumm, bis er fragt, ob mit mir alles in Ordnung ist. Das dauert zum Glück nur einige Sekunden, bis ich ihm von meinem niedrigen Blutdruck erzählen kann.

Auf dem Weg nach Hause musste ich immer wieder an die Szenen aus Joe Bidens Debatte erinnern, in der er ganz genauso mitten im Satz den Faden verloren hat, gestottert hat und schließlich ruhig war. Vielleicht sollte ich mich auch aus dem Wahlkampf zurückziehen ^^

Freitag, 19. Juli 2024

Im Jobcenter (Saure Pommes)


Heute war es dann also so weit, der Antrag auf das Bürgergeld, und angesichts der derzeitigen Berichterstattung habe ich mich fast wie ein Verbrecher gefühlt (es geht ja momentan um Verschärfungen und neue Sanktionen für Bürgergeldempfänger, die keine Jobs antreten). Der Wecker klingelt früh, und diesmal nicht unter Wasser.

Die Sachen stehen bereit, aber ich denke mir, ich rufe sicherheitshalber vorher einmal kurz dort an, nicht, dass ich gleich vor verschlossenen Türen stehe. War eine gute Idee: Am Telefon erfahre ich, dass seit Corona keine Termine mehr vergeben werden, um gemeinsam den Bürgergeldantrag zu erarbeiten. Der Gang wäre komplett umsonst gewesen. 

Immerhin haben wir am Telefon sichergestellt, dass mein Arbeitsamt-Konto voll funktionsfähig ist, damit kann ich über jobcenter.digital den Antrag online stellen. Außerdem wird die Antragstellung bereits am Telefon aufgenommen, jetzt muss ich mich nur noch durchklicken, und wenn zwischendurch Fragen aufkommen zu Punkt Drei oder Fünf Punkt Vier, dann kann ich einfach wieder anrufen und nachfragen.

Das macht mir Mut, denn der Antrag auf das ALG war online echt einfach - und wie sich herausstellt, ist es auch der Antrag auf das Bürgergeld. Ich bin leider erst zur Hälfte durch, denn ich musste dreiundvierzig Seiten Kontoauszüge einscannen, alle Arbeitsverträge der letzten fünf Jahre, Mietvertrag, Nebenkostenabrechnungen - und die nächsten vier Punkte kommen erst noch. Ist also tatsächlich so: Das Nervigste am Antrag sind die vielen Belege, die eingereicht werden müssen. Zum Glück habe ich noch saure Pommes da, die ein Lächeln auf das Gesicht zaubern können.

Der Rest muss jetzt allerdings noch bis Sonntagabend warten, weil auf den Internetseiten bis dahin Wartungsarbeiten stattfinden. Aber der Anfang ist geschafft, und ich musste noch nicht einmal vor die Tür gehen, sondern konnte in der Wohnung backen.

Darauf ein Stück eisgekühlte Wassermelone!

Dienstag, 9. Juli 2024

Zweifelhaft


Ich habe fast zwei Stunden damit verbracht, zu weinen. Nun kann ich das Ganze zu Papier bringen.

Es ist mir eiskalt den Rücken runtergelaufen, als ich die Schulleitung mit einigen Zetteln in der Hand sitzen gesehen habe, und als da der Satz kam "Wir haben so ein paar Fragen für alle Bewerber vorbeitet..." hätte ich fast direkt aufgegeben. Allerdings weiß ich bis jetzt nicht, was das für Fragen waren, denn er hat die Zettel für sich behalten, sämtliche Antworten haben sich organisch aus einem angenehmen, motivierenden Gespräch über Schule, Perspektiven und mehr ergeben.

Auch war das hier keine Erschießungsrunde, sondern die Schulleitung und die Schwerbehindertenvertretung, die sich während des Gesprächs intensiv für meine Rechte eingesetzt hat - das hatte ich so noch nicht erlebt. Ich bin nach diesem (leicht überzogenen) Gespräch aus der Schule in die Sonne getreten und hatte eine kleine Träne der Erleichterung in den Augen.

Zwei Stunden später kam der Anruf, und seitdem muss ich mir Mühe geben, meine Hände still zu halten und die Tränen laufen ununterbrochen.

Das Gute: Ich habe die Stelle.

Das Entsetzliche: Das Ministerium kehrt zur Regelung zurück, dass angestellte Lehrkräfte nur noch für Arbeitstage bezahlt werden. Mein Vertrag wird also nicht ab Schuljahresbeginn - 01.08. - laufen, sondern erst ab dem 01.09.; die Information hat mir komplett den Boden unter den Füßen weggezogen, weil ich davor so erleichtert war, dass ich kein Bürgergeld beantragen muss.

Das ist jetzt Essig. Für einen Monat und zwei Tage muss ich mich durch das Bürokratiergehege kämpfen, muss meine Eltern um noch mehr Unterstützung anhauen, und natürlich wird der August auch nicht auf den Anspruch für ein zukünftiges Arbeitslosengeld I angerechnet.

Für mich ist heute nichts mehr angesagt. Wie kann es sein, dass dieses schiefe Schulsystem dafür sorgt, dass ich Heulkrämpfe bekomme, als ich erfahre, dass ich eine Stelle bekommen habe?

Ein zweifelhafter Erfolg. In was für einer Welt leben wir???

post scriptum: Darf gern geteilt werden. Das sollten alle jungen Lehrkräfte wissen, die sich nicht sicher sind, ob sie nach Hamburg ziehen sollten.

Donnerstag, 20. Juni 2024

Ein fremder Ort


Ein Auswahlgespräch, das eigentlich kein Gespräch war. Für einen Autisten sehr verwirrend, aber zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, was mich erwartet und steige in die Buslinie Einundsechzig - wie praktisch, ohne Umsteigen komme ich von mir direkt zu der neuen Schule, an der ich im kommenden Jahr hoffentlich eine Vertretungsstelle haben werde.

Die Haare sind nicht gefärbt, die Fingernägel nicht lackiert. Ich möchte nicht schon wieder, dass der erste visuelle Eindruck meine Chancen vernichtet, und es dauert Wochen und Monate, um diesen Eindruck aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Weil Menschen nun mal so sind. Um die Zeit zu vertreiben, löse ich Rätsel und schaue auf meine Checkliste, ob mir noch irgendwelche Fragen einfallen, die ich im Gespräch stellen möchte, aber seien wir mal ehrlich, es geht um eine Vertretungsstelle im Umfang von dreizehn Stunden, ein Jahr und dann sehe ich die Schule nicht wieder. Was bleiben da wohl für Fragen? Ich nehme den Kuli zur Hand und notiere mir, ob ich vielleicht auch ein paar Stunden mehr machen kann, und ob mir jemand für die DaZ-Stunden eine kleine Einführung geben kann.

Wie anders ich das doch vor zehn Jahren gemacht hätte - da hätte ich zu diesem Zeitpunkt bereits die gesamte Schulhomepage inhaliert und viele kleine interessierte Nachfragen zum Schulprofil gestellt, hätte bewusst nicht angemerkt, dass kein Kollegiumsfoto verfügbar ist, hätte mir Punkte aus dem Schulprogramm zur Nachfrage herausgesucht... so hat man uns das für die Bewerbung auf Planstellen beigebracht. Fast zwei Hände voll Vertretungsstellen an unterschiedlichen Schulen haben die Realität auftreten lassen; die Schule sucht jemanden, hier ist jemand, der das machen würde, bringen wir die Formalitäten hinter uns.

Oder auch nicht.

Ich melde mich im Sekretariat an, bin dreizehn Minuten zu früh, gehe wieder in die Pausenhalle in eine Sitzecke und warte auf die Schulleitung. Sie kommt dann, begrüßt mich lächelnd und alles, was ab da passiert, katapultiert mich in eine Situation, die ich vor gut acht Jahren erlebt habe, und die der absolute Horror war, nur dass ich damals noch nicht wusste, warum, während ich es heute gut erklären kann.

Damals hat man mir auf dem Weg in's SL-Zimmer genauestens erklärt, was dort auf mich wartet, ein Tisch mit insgesamt fünf Personen, deren Funktionen, und dass man einen kleinen Fragebogen vorbereitet hat, den zum Zwecke der Vergleichbarkeit alle BewerberInnen bekommen. Ich stand also vor diesen Menschen, wollte ihnen gern die Hand schütteln, aber sie alle saßen bereits auf ihren Plätzen und niemand wollte mir die Hand geben, sondern hat einfach nur ein kurzes "Hallo" gelächelt.

Okay, ich war etwas verwirrt, denn ich war anders erzogen worden, aber nicht einmal die Schulleitung hat mir damals die Hand gegeben, und nein, das war noch weit vor dem Coronavirus. Jeder in der Runde hatte eine Tasse Kaffee, jeder hatte diesen Fragebogen vor sich liegen. Niemand hatte meinen Lebenslauf, niemand hatte meine Referenzen zur Hand. Die Schulleitung hatte es mir dann auch noch einmal sehr deutlich gesagt: "Also, Dr Hilarius, sie haben jetzt dreißig Minuten Zeit, um sich zu diesen sechs Fragen zu äußern, die wir für sie vorbereitet haben. Wir werden einfach nur zuhören. Lesen sie in Ruhe erstmal die Fragen durch und teilen sie sich dann ihre Zeit ein."

Diesmal schiebe ich allerdings noch etwas ein, was seit etwa einem Jahr zum Einsatz kommt: "Ich möchte vorher nur kurz darauf hinweisen, dass ich Autist bin und dass das Auswirkungen auf unser Gespräch haben..." - "Da müssen sie sich keine Sorgen machen, das hier wird kein Gespräch, die Zeit gehört ganz ihnen." Also wandern meine Gedanken direkt zurück zu den Fragen und zu dem Horror von damals.

Die Frage, bei der ich mich selbst kurz vorstellen soll, stellt kein großes Problem dar. Und welche Erfahrungen und Fähigkeiten ich für diese Stelle mitbringe? Ähm... ich habe schon immer Probleme gehabt, über meine Fähigkeiten zu sprechen. Knackig wurde es allerdings erst danach:

"Beschreiben Sie, wie man in Latein den Übergang von der Lehrbuchphase (Sek I) in die Lektürephase ansprechend gestalten kann."

Damals war vor mir einfach nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Heute weiß ich, dass ich eine Behinderung habe, die sich auf die Fähigkeiten im Bereich Theory of Mind auswirkt - ich kann mir keine Situationen vorstellen, die in diesem Moment nicht real sind. Und heute kommt noch dazu, dass ich in den vergangenen zehn Jahren keinerlei Latein unterrichtet habe (ausgenommen sechs Monate Gelehrtenschule). Lieber weiter zur nächsten Frage.

"Beschreiben Sie, wie Sie das Fach Latein auch außerunterrichtlich für SchülerInnen ansprechend und motivierend gestalten werden."

Genau das Gleiche, wieder ein schwarzes Loch. Ich kann mir mit Mühe und Not aus den Fingern saugen, wie ich das damals im Referendariat gemacht habe, mit den Caius- oder Quintus-Büchern und Texten, die aus unserem Lebensalltag stammen. Aber für neue Ideen muss ich wissen, was da für Menschen vor mir sitzen, damit ich weiß, wie ich mit ihnen arbeiten kann. Also wieder keine gescheite Antwort. Es kommt noch besser.

"Beschreiben Sie die beiden Themenkorridore im Fach Englisch."

Bitte was? Soll das jetzt eine Abfrage werden, ob ich den Lehrplan kenne? Ich habe in zwölf Jahren achtzehn Monate Oberstufe unterrichtet, weil niemand mich wegen der Kontinuität in der Sek II haben wollte. Zum Glück konnte ich da aus den Gesprächen mit der großen Buba etwas antworten, zum Beispieln, dass die Bezeichnung "Themenkorridore" ja nicht mehr ganz aktuell sei. 

"Beschreiben Sie, wie Sie das Thema identity in Ihrem Unterricht und in den beiden Pflichtklausuren behandeln lassen würden."

Schwarzes Loch. Es wäre alles etwas anders gewesen, wenn man mir vorher gesagt hätte, welche Lerngruppen im kommenden Jahr auf mich warten, dann hätte ich mich darauf vorbereitet und jetzt einen Plan vorlegen können, aber einen Autisten aus dem Nichts zu überfallen und die Antworten auf alle Fragen zu erwarten, das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Vergleichbarkeit zu tun.

Und so bin ich dann dreizehn Minuten früher fertig mit dem, was ich zu den Fragen sagen kann und möchte und frage, ob ich auch etwas über die Fragen hinaus Gehendes sagen darf? Nein, das bitte nicht, sonst sei ja die Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben.

Diese Formalitäten. Dieses Alle-über-einen-Kamm-scheren. Das habe ich viele Jahre lang nicht mehr erlebt, und es hat gesessen wie ein Schlag in die Magengrube, und das ausgerechnet von einer Schulleitung, die ich noch von ganz früher kannte und in sehr positiver Erinnerung gehalten hatte. Ich war kurz davor, loszuheulen, und im Nachhinein hätte ich vorher ein Beruhigungsmittel nehmen sollen, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es so ein schlimmes "Gespräch" wird, bei dem ich vor fünf schweigenden Köpfen sitze und ein Referat über meinen kommenden Unterricht aus meinen Fingern saugen sollte.

Ich denke, es ist klar, dass das nichts wird. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Das Gymnasium ist für mich zu einem fremden Ort geworden. Ich komme mit dieser krampfhaften Distanz, der Kälte, dieser Verschlossenheit für Andersartigkeit nicht mehr klar. Ich stehe vor einem großen Dilemma, wenn ich bedenke, dass ich eine Arbeit an einem Gymnasium finden muss, weil Gemeinschaftsschulen mich nicht mehr brauchen, aber die Gymnasien so unwirtliche Orte für mich sind.

Es gab nur einen einzigen kleinen Lichtblick, ein silver lining ganz am Ende des Gesprächs, als einer der schweigenden Köpfe mich noch gefragt hat, wie viele Stunden ich denn zu übernehmen bereit wäre. Mich hat das völlig aus der Bahn geworden, denn die Anfrage der Schule lautete auf eine halbe Stelle. Was als Antwort darauf kam, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht schreiben.

Jedenfalls war das mal wieder nichts und ich darf meinen Blick wieder auf den Bürgergeldantrag wenden, nachdem ich diesen gestrigen Horrortag verarbeitet habe. 

Also heute noch nicht.

Samstag, 8. Juni 2024

Gruppentermin


Heute ist eine neue Einladung aus dem Arbeitsamt hereingeflattert. Es handelt sich dabei um einen Gruppentermin, einen Vortrag mit dem Titel "Alternativen nach dem Ende des Arbeitslosengeldbezuges". Eigentlich finde ich das gar nicht so schlecht, man wird also nicht ganz allein gelassen. Man trifft andere Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht, und es werden ein paar neue Wege aufgezeigt - für Autisten sowieso immer ganz hilfreich, denn von allein sehen sie diese Wege oftmals nicht.

Ganz klar: Es ist immer noch deprimierend, überhaupt in dieser Situation zu sein, und es ist ziemlich bittere Ironie, dass ich für meine letzten Saturnalien einen Beitrag geschrieben hatte, der damit endet, dass der Absolvent nach seinem Staatsexamen arbeitslos wird, weil niemand einen Lateinlehrer haben will. 

Aber... so zu denken hilft nicht weiter. Das zieht nur noch weiter runter (auch wenn man meint, dass es nach unten irgendwann keinen Platz mehr geben sollte - irgendwie geht es immer). Kopf hoch, Termin notieren und schauen, was daraus wird. 

Doch vielleicht wird der Termin gar nicht mehr nötig sein...