Kennt Ihr das Phänomen des phantom train? Ich weiß nicht, ob das eine "offizielle" Bezeichnung ist - mir ist sie zum ersten Mal auf dem Weg in's erste Staatsexamen im Roman Lowboy von John Wray begegnet. Der Protagonist Will Heller liebt Züge, Bahnhöfe, er hält sich gern im Untergrund auf, wo es für ihn angenehm kühl ist. Mit einer Begeisterung erzählt er davon, wie er U-Bahn-Fahrten erlebt, dass es mich sehr an einen guten Bekannten erinnert hat. So erzählt er auch von dem Phantomzug: Während er am U-Bahnsteig auf den nächsten Zug wartet, spürt er ab einem gewissen Zeitpunkt den Zug kommen. Er sieht ihn nicht, er hört ihn nicht, aber er fühlt ihn in Form des Luftzuges, der durch den heraneilenden Zug in den Bahnhof geschoben wird. Ich kenne das Gefühl sehr gut, ich liebe U-Bahnen. Dass ich quasi meinen eigenen Phantomzug vor mir her treibe, hat allerdings nichts mit der U-Bahn zu tun, sondern mit den Aromen, mit denen meine Räucherware meine Kleidung durchtränkt hat. Ich weiß nicht mehr, ob es die Sannitanic oder die große Buba (oder doch jemand Anderes?) war - eine meinte jedenfalls einmal, dass man mich schon aus der Ferne riechen kann, weil das ganze Treppenhaus nach Frangipani-Blüten duftet.
Ist das echt so? Tja, damit dürfte ich dann festhalten, dass zumindest mein Geruchssinn nicht hochsensibel ist. Ich brauche immer einen sehr intensiven Duft, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Und mit diesen Effekten meine ich nicht, dass ich bei anderen Menschen einen guten Eindruck machen möchte; ich spreche hier nicht von After Shaves und solchem Gedöns. Es geht um Kräuter, Harze, Blumen, Hölzer und mehr, die zu einem bestimmten masala vermischt und abgebrannt werden. Es geht um Aromatherapie - darum, mir selbst ein bisschen zu helfen. Denn sooooo gut geht es mir im Moment psychisch nicht.
"Aber du bekommst doch Tabletten für dies und das!" - ja, richtig. Aber ich möchte nicht von den Tabletten für dies und das abhängig werden - also suche ich mir andere Wege, um den "ruhelosen Geist" hin und wieder etwas runterzufahren. Das scheint für HBs oder Menschen auf dem Spektrum hin und wieder nötig zu sein - sei es, weil sie Reize nicht schnell genug verarbeiten können und überfordert sind, oder gerade weil sie so rasant denken, dass sie sich selbst keine Ruhe gönnen.
Oder am Schreibtisch sitzen, eine Liste mit zu erledigenden Sachen neben sich haben, aber komplett blockiert sind, mit nichts anfangen können. In diesen Situationen hilft es mir, komplett abzubrechen, was ich gerade mache(n wollte). Die Wohnung abdunkeln, und dann je nach Bedarf ein paar Räucherstäbchen anzuzünden. Nag Champa kann helfen, den Kopf und die Gedanken zu lösen. Sandelholz (Chandan) spendet Wärme, Adlerholz (Oudh) hilft, bei Meditationen tief in die eigene Gedankenwelt einzutauchen und herauszufinden, wo man gerade feststeckt.
Wer das Aroma lieber etwas intensiver hat, kann Räucherkegel (dhoop cones) verwenden, wer es lieber subtiler hat, dem empfehle ich japanische Räucherstäbchen, die kein Holz enthalten, weniger Rauch entwickeln - oben auf dem Bild sieht es aus, als wären da hunderttausend verschiedene Sorten an Aromen im Regal zu finden. Für mich ist einfach nur hilfreich, für jeden Bedarf etwas da zu haben. Ich frage mich, was ich gerade brauche, und wenn die Gedanken wirklich komplett blockiert sind - Nag Champa (eher süßlich-blumig) oder Sandelholz (je nach Hersteller dezenter, warm-holzig) gehen immer.
Auch jetzt. Letzter Absatz; bevor ich diesen Beitrag heute Abend veröffentliche, gibt es erstmal eine Tasse Tee, eine Reise in virtuelle Welten (momentan Hyrule für die, die es lieben ^^) und dazu Räucherstäbchen - handgerollt, aus Indien. Wer einmal industriell hergestellte Stäbchen abgebrannt hat, der kennt den Unterschied :-)
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