Mittwoch, 6. Mai 2020

Troilus und Kresse? Da!

Ein neuer Mitbewohner

Mit einem ganz grausigen Wortspiel auf die antike Geschichte von Troilus und Cressida (Homer dürfte sich im Grabe herumdrehen, Chaucer und Shakespeare drehen sich mit) beginnt also eine Nachricht nach einer Woche Funkstille; ich muss diese Beiträge endlich wieder in so etwas wie einen geregelten Tagesablauf integrieren, der auch Tiefkühlessen enthält. Oder überhaupt irgendein Essen.

Vielleicht sogar mit selbstgezüchteter Kresse; die erobert mittlerweile mein Küchenfenster, ist am oberen Rahmen angekommen und wird bald durch die Außenwand brechen (wird dann wieder Zeit für einen Katastrophenthriller mit einer dicken Frau auf einer Parkbank, die Sahnetorten mit Kresse einatmet). Dabei esse ich gar keine Kresse, und obwohl ich mir vor einigen Wochen vorgenommen hatte, Kresse für den eigenen Verzehr zu züchten, hatte das Ganze einen völlig anderen Hintergrund.

Ein Haustier.

Ich schaue zur Zeit endlich etwas konsequenter die Serie Mr. Robot, und die Hauptfigur wird als Mensch mit Sozialphobie beschrieben - gleichzeitig realisiert er aber, dass er sich zuhause nicht mehr allein fühlen will. Das war in meinem Kopf erstmal nur sehr schwer vereinbar - gleichzeitig Menschen um jeden Preis meiden zu wollen, sich aber trotzdem schmerzhaft allein zu fühlen. Liegt möglicherweise einfach nur daran, dass ich selbst als Sozialphobiker (oder Schizoider, who knows?) keine Einsamkeit verspüre. Auch kein Alleinsein.

Und wenn dann einmal ein Mensch hier zu Besuch war, brauchte ich immer wieder eine Pause danach, Ruhe von Kontakten jeglicher Art. War nicht leicht für meinen ersten Freund, dass ich nach einem gemeinsamen Abend jedesmal mehrere Tage Abstand brauchte - und ist mir immer noch unangenehm, wenn jemand auf ein Gespräch vorbeikommen möchte, dass ich dann irgendwann nach einer halben Stunde oder so sagen möchte "Okay, können wir bitte Schluss für heute machen, mir reicht's gerade..."; das gilt auch für die große Buba, die ich zwar hochdosiert ertragen kann, auch täglich, aber auch da gilt, dass ich nach zwei oder drei Stunden lieber allein sein möchte.

Hin und wieder habe ich überlegt, ob ich ein Haustier haben möchte, und wenn ja, was ich dann gern hätte. Ich war immer begeistert von der Idee, eine Katze zu haben, aber ich bin allergisch gegen Katzenhaare - und selbst eine Katze ist mir zu pflegeintensiv, ich kann dafür nicht die Verantwortung übernehmen, ich würde die Katze vernachlässigen und es nicht einmal merken. Und sie rempelt mir meine Sachen in der Wohnung um. Also lieber den Nerdklassiker, ein Goldfisch mit dem Namen Sushi im Glas (die Idee ist noch nicht vom Tisch), oder eine Schlange.

Oder eben doch kein Tier, sondern wieder einmal eine Pflanze. Kaum zu glauben, aber Chuck die Pflanze im Bad lebt immer noch, wuchert mittlerweile um die ganze Waschmaschine herum, und auch das achtarmige Monster, das mir damals in den Kronshagener Bergen die Bücherregale umarmt hat, hat es sehr lange mit mir ausgehalten.

Also Kresse. Tausend winzige Samen in diese Anpflanzerde von IKEA, und wochenlang passiert nichts. Kaum Sonnenlicht. Klar, einer der Hauptgründe gegen eine Pflanze war für mich immer, dass ich es in meiner Wohnung gern dunkel habe - aber auf der Küchenbank konnte ich die Pflanze so arrangieren, dass das Rollo davor heruntergezogen werden kann - Dunkelheit in der Wohnung, Sonne für Troilus und Kresse? Da! (TuKD).

Und nach ein paar Wochen ging es dann auch endlich los, und es haben nur drei Samen gekeimt, einer von denen erinnert mittlerweile allerdings an eine Liane im Urwald. Nur weiter so! Und damit es TuKD nicht langweilig wird, habe ich daneben noch so einen Pflanzerdewürfel gestellt, diesmal mit Zitronenmelisse. Die sollte nach zweiundzwanzig bis dreißig Tagen keimen - nach fünf Tagen war bereits alles grün, und ich bin mal gespannt, was daraus wird, und ob mir dafür auch ein völlig unpassender Name einfällt. Ich nehme auch gern Vorschläge an - ich setze sie zwar selten um, aber "große Buba, dicke Tuba" beweist, dass ich auch mal was von meinen Mitmenschen übernehme, also seid kreativ!

Tja... und irgendwie bin ich nun doch ganz froh, Lebewesen in meiner Wohnung zu haben, die nicht allzu anspruchsvoll sind, bei denen sich aber trotzdem "etwas tut". Hätte ich ein Problem damit, wenn sie alle plötzlich verfaulten und ich sie rauswerfen müsste? Wahrscheinlich würde ich das nicht einmal mitbekommen...

Donnerstag, 30. April 2020

Die Phantom-Maske


Schwitzen - das war mein erster Eindruck in der Stadt unter Maskenpflicht. Dabei hat dieses Gefühl mit Schwitzen natürlich gar nichts zu tun, es ist der warme, feuchte Atem, der sich in der Maske verfängt, und es gibt schönere Gefühle, denke ich mal. Jedenfalls war es sehr befreiend, als ich fernab der Menschen die Maske wieder abnehmen konnte. Immerhin: Ich habe fast keine Menschen gesehen, die sich nicht daran halten. In allen Formen und Farben, und nicht selten sieht es aus, als hätte ein Mensch sich Unterwäsche über den Kopf gezogen.

Das Schwitzgefühl mag ein negativer Aspekt der aktuellen Situation sein, aber ich bin von einer Sache ganz positiv überrascht, nämlich der Hilfsbereitschaft. Plötzlich gehen viele Menschen an die Nähmaschinen und nähen Masken für ihre Mitmenschen zurecht. Eine Kollegin an meiner Schule hat allen angeboten, für Masken zu sorgen, und das fand ich richtig toll. Das ist dann die große Stunde der Näher, und Stoffmasken sind insofern besser als manch' andere, als dass man sie waschen kann.

Wieder einmal ein Moment, in dem ich stolz bin, dass meine Mutter mir beigebracht hat, wie vielseitig Stoffwindeln sind, große weiße Baumwolltücher, strapazierfähig und können gekocht werden, und sie trocknen extrem schnell. Seit fast siebenunddreißig Jahren für mich eine tolle Alternative zum Taschentuch, und jetzt kann ich jeden Tag eines dieser Tücher nehmen und am Wochenende einmal alle durchwaschen.

Eine interessante Erfahrung gab es eben in der Meditation - in der Phase gibt es nichts, was meinen Körper bedeckt, um mich möglichst frei zu fühlen. Dennoch hatte ich auf dem Gesicht immer noch eine Art Kribbeln, es fühlte sich an, als ob ich immer noch eine Maske aufgesetzt habe. Die Haut gewöhnt sich scheinbar an solche Gefühle, und das Gehirn kann sie auch registrieren, wenn die Kleidung nicht mehr angelegt ist. Erinnert mich an Phantomschmerzen.

Bleibt gesund!

Dienstag, 28. April 2020

Einer geht noch: Die Tastatur


Na super, da töne ich gestern noch 'rum, dass die Asperger-Beiträge erstmal ein Ende haben, da fällt mir noch eine interessante Kleinigkeit ein. Falls Ihr schon einmal Aspi-Schüler unterrichtet habt, kennt Ihr vielleicht den Nachteilsausgleich, dass Klausuren an einem Computer geschrieben werden dürfen. Das rührt daher, dass sehr viele Aspis Probleme mit der Handschrift haben; für sie selbst ist das durchaus lesbar, was sie da zu Papier bringen, aber als korrigierender Lehrer kann das ein echtes Problem geben.

Ich kenne das auch von mir selbst. Meine Mutter, eine ehemalige Grundschullehrerin, die ihr Leben lang Kindern das Schreiben beibrachte (und selbst eine perfekte Handschrift hat), hat mit mir viele und lange Schreibübungen gemacht, und das war auch nötig. Meine Schreibschrift war viel zu eckig, ich war bei den Feinheiten etwas ungeschickt - auch das nicht unüblich bei Aspis: Ich konnte im Kunstunterricht nicht gut runde Flächen aus Papier schneiden. Da waren immer Ecken drin, und auch das ist heute noch so, wenn ich meine Fingernägel schneide. Da bleiben manchmal Ecken übrig; ganz toll für den Sockenverschleiss.

Ich habe früh angefangen, selbst zu schreiben, angeregt durch den Schulunterricht. In Biologie bei Herrn Kries sollten wir damals eine Kurzgeschichte über einen Laubfrosch oder eine Erdkröte schreiben. Ich habe es geliebt, aus Fantasien heraus zu schreiben, und ich war heilfroh, dass Papa eine Schreibmaschine hatte: Per Hand schreiben war mir immer zu aufwendig, zu kompliziert, Tippen ist viel besser, und so kamen während der Schulzeit meine ersten Kurzgeschichten und Drehbücher zustande.

Das hat auch im Studium nicht aufgehört, und ich kann mich noch gut erinnern, dass man mir hin und wieder gesagt hat, dass ich ziemlich schnell am Computer schreiben könnte. Das konnte ich natürlich nicht einordnen, denn für mich war das alles normal, ich hatte keine Vergleichswerte. Ich habe also "fliegende Finger" an der Tastatur, ohne das trainiert zu haben, und das Zehn-Finger-System habe ich nie gelernt (das merkt man auch). Daran liegt es auch, dass ich beim Tippen fast nie auf den Bildschirm schaue, sondern immer auf die Tastatur starre (die große Buba sagt "Tatatus").

Und dann lese ich doch tatsächlich in Aspi-Büchern, dass Aspis überdurchschnittlich gut mit Tastaturen umgehen können. Eine random Information, aber ist mir in's Auge gestochen und hängen geblieben (bitte nicht bildlich vorstellen).

Hier sind die Links zu den anderen Asperger-Symptomatiken:

Visuelles Denken

Eingeschränkte Interessen

Denken in Extremen (Schwarz-Weiß-Denken)

Idiosynkratischer Sprachgebrauch

Lichtempfindlichkeit

Montag, 27. April 2020

Lichtempfindlichkeit


vorweg: Ich denke, dass dies hier der letzte Beitrag zu Asperger-Symptomen wird - für den Moment jedenfalls. Es gibt so viele andere schöne Themen, über die ich schreiben könnte, aber die ganze Sache beschäftigt mich zur Zeit wirklich sehr, und deswegen war der Blog etwas einseitig. Aber vielleicht kann ich daraus ja später auch eine Art "Nachschlagewerk" basteln, damit jemand, der sich für das Thema interessiert, schnell mal nachlesen kann, ohne sich ein Buch zu kaufen.

"Huch, das ist ja so duster hier drin, du musst dir doch mal etwas Licht anmachen!"

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz von meiner Mutter gehört habe - unzählige Male während meiner Kindheit, meiner Jugend und auch heute noch manchmal, wenn ich sie besuche - wobei sie mittlerweile aber weiß, dass ich nun mal so bin. Ich mochte es nie so ganz hell, lieber schummerig, lieber mit schwacher künstlicher Beleuchtung, warmes Licht - deswegen ist es in meiner Wohnung die meiste Zeit dunkel.

Dunkel ist schön, da fühle ich mich geborgen

Wenn Lampen an sind, dann nur mit niedriger Leuchtkraft

Ich finde das angenehm. Helles Licht wirkt auf mich irgendwie aggressiv, und ich gehe instinktiv in eine Art Verteidigungshaltung; man kann das noch immer an mir beobachten, wenn ich aus meiner Wohnung nach draußen gehe und es taghell ist. Zwar liebe ich die Sonne und das, was sie mit meiner Stimmung anstellt, und bin ein Kind des Sommers - aber die Sonne darf bitte gern draußen bleiben. Das ist einer der Gründe, warum ich immer eine schwarze Sonnenbrille trage und froh bin, wenn ich wieder reingehen kann.

Scheint ein Paradoxon zu sein, dass ich "dennoch" so gern in Freizeitparks gehe, die ja in vielen Fällen im Freien liegen. Und in der Tat ist es für mich unangenehm, in der Sonne anstehen zu müssen, und ich genieße sogenannte dark rides ganz besonders, die im Dunklen sind, wie zum Beispiel Geisterhäuser oder Dunkelachterbahnen. Damals in Kings Island bin ich in der knalligen Mittagssonne immer wieder gern zu der Achterbahn Flight of Fear gegangen, weil dort auch der gesamte Wartebereich im Dunklen lag.

In meiner Wohnung habe ich über dreißig verschiedene Lampen, die meistens abgeschaltet sind. Dass ich so viele Lampen habe, liegt daran, dass ich mit den unterschiedlichen Modellen ganz unterschiedliche Atmosphären erzeugen kann - und möchte. Duster, aber trotzdem alles sehen können. Und wenn möglich, dann nur indirekte Beleuchtung, so dass ich keine Lämpchen direkt sehen kann.

Ich dachte bisher eigentlich immer, dass das nur wieder eine Eigenart von mir ist, doch jetzt lese ich, dass das tatsächlich Methode haben könnte: Viele Menschen mit dem Asperger-Syndrom sind lichtempfindlich. Wobei das differenziert werden muss: In verschiedenen Belangen sind Aspis oft entweder überempfindlich oder empfinden kaum etwas. Das gilt für Licht, Hitze, Kälte - oder auch Schmerzen; als ich mir den Finger im rechten Winkel gebrochen hatte, hatte ich kein Problem damit, das einfach wieder zurückzubrechen. Klar, Schock, mag man sagen. Aber auch bei allem, was in den Tagen und Wochen danach kam, hatte ich keine Probleme mit den Schmerzen. Die langjährige Meditation verstärkt diese stoische Ruhe noch etwas.

Aspis können Situationen aushalten, die für normale Menschen unerträglich sind - oder aber überempfindlich gegenüber dem Tageslicht sein. Ich habe sowieso nie verstanden, warum Menschen an den Strand gehen: Da ist überall Sonne, selbst mit Sonnenschirm ist es überall viel zu hell, und mein Kopf hat gar nichts zu tun. Warum Menschen so gern an den Strand gehen, verstehe ich bis heute nicht.

Viele Grüße aus meiner Grotte! ;-)

Freitag, 24. April 2020

Idiosynkratischer Sprachgebrauch


"Appeldrabsch."

Dieses Wort existiert nicht - aber das hat meine Mutter nicht davon abgehalten, es immer wieder zu benutzen, um etwas zu beschreiben, was komisch, unbeholfen, albern oder ähnliches ist. So ganz ausgedacht hat sie sich das Wort allerdings nicht; es ist eine Abwandlung des niederdeutschen Wortes "appeldwatsch". Woher ich das weiß? Nun, was wäre ich ohne die Sannitanic?

Ich fand appeldrabsch absolut großartig, als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener. Ich werde nie jene Szene vergessen: Hochsommer, an der Front unseres Hauses hatten wir eine große Weinpflanze, alles mit grünem, dichten Laub bedeckt und kleine Weinbeeren sind nach und nach zu Boden gefallen - ein Genuss für Drosseln! Und wenn Weinbeeren lange in der Sonne liegen und gären, dann entsteht Alkohol, und es kam nicht selten vor, dass die Drosseln (wie auch alle anderen Vögel) über den Rasen gehopst sind, diese gärigen Beeren gefressen haben und... naja, wegfliegen ging irgendwann nicht mehr. Irgendwann waren die Drosseln tatsächlich so betrunken, dass sie sich mit ausgebreiteten Flügeln mitten auf den Rasen in die Sonne gelegt haben. Gerade laufen war nicht mehr drin, es war ein taumeliges Gehopse, und ich hätte dieses herrliche Schauspiel verpasst, wenn meine Mutter mir damals nicht Bescheid gesagt hätte: "Schau mal, die Drossel, die hat zu viele Beeren gegessen und jetzt wankt sie total appeldrabsch über den Rasen."

Seitdem fand sich appeldrabsch in meinem eigenen Wortgebrauch wieder. Das Drollige: Selbst nachdem die Sannitanic mich darüber aufgeklärt hat, dass es eigentlich appeldwatsch heißt, bin ich bei "meiner" Version geblieben, und das mit einer solchen Überzeugung und Hingabe, dass selbst die große Buba irgendwann des Wort appeldrabsch benutzt hat (was dann interessanterweise der Moment war, in dem ich aufgehört habe, es zu nutzen).

Das kommt übrigens nicht selten vor: Ich schnappe Wörter auf oder bastele sie in meinem Kopf zurecht, diese Wörter haben nichts mit gewöhnlicher Sprache zu tun, aber ich benutze sie trotzdem, wie zum Beispiel pomplodieren (ein Portmanteau aus dem lautmalerischen pomm und explodieren), oder Kartu (habe ich von Cate Blanchett aufgeschnappt, die große Buba hat es irgendwann übernommen, aber auf der zweiten Silbe betont, und jetzt benutze ich es nicht mehr, warum auch immer). Und über die Autobahn-Sulli hatte ich bereits geschrieben.

Es ist ein klassisches Merkmal von Menschen mit dem Asperger-Syndrom, dass sie einen idiosynkratischen ("eigenartigen") Sprachgebrauch pflegen. Ist mir auch bei dem Aspibuch von Leo M. Kohl aufgefallen, der beharrlich die Form frug benutzt - kein einziges Mal fragte oder hat gefragt. Und seitdem ich das Wort wenngleich kenne, benutze ich es immer wieder in diesem Blog. Manchmal sind es seltene und släsch oder altmodische Wörter, manchmal sind es ganz eigene Erfindungen. Ach ja, släsch ist auch ein Beispiel dafür, ebenso wie der Umstand, dass ich in den Blogartikeln fast immer Zahlen ausschreibe. Und dass ich weiß auf schwarzem Hintergrund schreibe. Jetzt habe ich also vielleicht eine Erklärung dafür.

Das ist immer drollig, wenn ich die Blogartikel zur Korrektur lese und diese seltsamen Wörter betrachte... kann man die überhaupt falsch schreiben? Das Korrekturlesen ist der Moment, in dem ich dann endlich mal die Schreibtischlampe einschalte, ansonsten ist es hier dunkel, mag ich lieber. Das ist übrigens gar nicht so ungewöhnlich... für einen Aspi. Aber darum geht es in dem nächsten Beitrag.

Mittwoch, 22. April 2020

Denken in Extremen


Wer aufmerksam mitgelesen hat, der wird gemerkt haben, dass sich die letzten beiden Beiträge über Visuelles Denken und Eingeschränkte Interessen um klassische Merkmale von Menschen mit dem Asperger-Syndrom gedreht haben, und ich habe versucht aufzuzeigen, inwiefern das auf mich zutreffen könnte. Heute geht es damit weiter, und vermutlich wird sich auch der nächste Beitrag noch einmal um Aspi-Symptome drehen. Vielleicht schreibe ich das einfach nur als Reaktion auf die Aspi-Bücher, die ich gerade lese, und in denen ich mich ziemlich gut wiederfinden kann. Keine Sorge, bald kommt auch wieder der ganz normale Wahnsinn an Blogthemen.

Ich bin nicht wirklich kompromissfähig. Das habe ich spätestens in der Saturnaliengruppe gemerkt; ich habe über die Jahre sehr viele Beiträge für das Theater geschrieben, der Großteil davon (zum Glück) unveröffentlicht. Gerade in den späteren Jahren habe ich dazu tendiert, Sketche zu umfangreich zu schreiben, zu viele Informationen, damit das Ganze "rund" wird. So hatte ich nach dem Schlussstrich zwar das Gefühl, ein fertiges Ding abgeliefert zu haben, aber für die praktische Umsetzung auf der Bühne waren die Sachen einfach zu lang, Lachfrequenz zu gering, zu sachlich.

Ich habe mich immer wieder mit der Frage konfrontiert gesehen, ob ich Sketche kürzen könnte, damit sie vielleicht doch auf die Bühne gebracht werden könnten. Ich konnte mich nie dazu durchringen: Ganz oder gar nicht. Und auf diese Weise sind viele Beiträge auf meiner Festplatte verstaubt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie der Beitrag mit ein paar Kürzungen immer noch das sein konnte, was ich auf die Bühne bringen wollte.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken, das Denken in Extremen, zeigt sich auch in einer anderen Anekdote.

Im Studium ist es oft vorgekommen, dass ich Gespräche immer wieder auf mich gelenkt habe, und das hat oft gar nicht so lang gedauert. Entweder ging es in meinen Beiträgen um mich oder um die Themen, die mich interessierten. Selten habe ich ernsthaftes Interesse für die Anderen gezeigt - ich habe einfach nicht daran gedacht. Es ging nur um das neue Buch, das ich gerade entdeckt hatte, oder um den neuen Film oder welches Problem mich gerade beschäftigte. Die Egozentrik ist für Aspis ein ganzes Kapitel für sich - darum geht es heute aber nicht.

Irgendwann bin ich auf diesen Umstand angesprochen worden. Ich habe nicht mehr den genauen Wortlaut zur Hand, und ich weiß nicht mehr, wer das war, nur, dass es mindestens zweimal von unterschiedlicher Seite gekommen ist: "Bei dir dreht sich alles nur um dein Thema." Ich wurde völlig aus der Bahn geworfen. Was? Machte ich das tatsächlich, immer nur von mir und meinen Themen zu reden? Und je mehr ich darüber nachdachte, umso stärker schwante mir, dass da etwas dran ist.

Also beschloss ich, gar nicht mehr zu reden. Auf diese Weise könnte ich auch nichts Falsches mehr sagen. Die Menschen, die mir nahe stehen, die Sannitanic und die große Buba, können bestätigen, dass ich heutzutage viel weniger rede als noch im Studium, sondern eher zuhöre. Selektiver Mutismus, das "bewusste Schweigen", ist ein klassisches Phänomen bei Aspis (unter anderem auch bei Greta Thunberg) und resultiert aus dem Denken in Extremen: Wenn ich etwas sage, dann ist es falsch, also sage ich gar nichts mehr.

Dass man auch abstufen könnte - weniger zu reden, oder anders zu reden - kommt mir dabei nicht in den Sinn, denn ich bin von diesem Schwarzweißdenken geprägt. Ganz oder gar nicht. Das ist auch etwas, was ich mir bisher nicht abtrainieren konnte (oder wollte). Nachdem nun aber jedes der Aspibücher, die ich lese, auf dieses Phänomen verweist, frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, das abzutrainieren. Die Bücher postulieren, dass es geht, aber es gehört sehr viel Training dazu.

Der Umstand, dass Aspis gern allein sind, trägt leider nicht zur Verbesserung bei: Wenn ich allein bin, muss ich nicht aufpassen, was ich sage, und muss mich nicht anpassen. Das ist mir am liebsten, am bequemsten, aber gleichzeitig habe ich auf diese Weise kaum interaktionelle Trainingschancen, dieses extreme Denken zu überwinden.

Ist das nachvollziehbar?

Allein dieser Ausdruck "interaktionelle Trainingschancen"... da isser wieder, der arrogante, überhebliche Klugscheißer. Das führt zu dem nächsten Aspi-Symptom - aber das kommt im nächsten Beitrag. Danke für's Zuhören Släsch Mitlesen!

post scriptum: Das dritte Buch zu diesem Thema gefällt mir bisher am besten, weil es ein schön übersichtliches, geordnetes Handbuch ist - Tony Attwoods "The Complete Guide to Asperger's Syndrome". Dort werden nicht nur alle Symptomatiken beleuchtet, sondern auch die Frage beantwortet, warum man sich überhaupt eine Diagnose einholen sollte. Und diese Antwort werde ich jetzt jedem um die Ohren hauen, der mich fragt, warum ich denn unbedingt eine Diagnose haben will. ;-)

paulo post scriptum: Nachdem die Netflix-Serie "Tiger King" von den Kritikern so hoch gelobt wurde, musste ich herausfinden, warum das so ist. Ich bin jetzt mit der dritten Folge (von insgesamt acht) durch, und es spricht einfach so viele verschiedene Gefühle an, den Tiger King mit seinem Ehemann zu sehen, die Beziehungen zwischen Menschen und Großkatzen, aber auch die kriminellen Machenschaften - auch seitens der Tier"retter"; die dritte Folge bietet Stoff für einen Thriller, das war heute richtig spannend. Ich werde mir das definitiv weiter anschauen ;-)

Montag, 20. April 2020

Eingeschränkte Interessen


"Was für Musik hören sie eigentlich so? Lassen sie mich raten: Heavy Metal?"

Die Frage kommt früher oder später an jeder Schule, und meistens auch mit diesem Musikvorschlag. Und obwohl mir bewusst ist, dass viele der Schüler noch zu jung sind, um sämtliche Musikgenres inklusive der diversen Ausprägungen im Bereich "Metal" zu kennen, antworte ich jedesmal ganz ehrlich "Nein". Und mehr nicht. Erst, wenn der Schüler dann tatsächlich fragt, was für Musik ich stattdessen höre, gebe ich ihm eine Auflistung, in der sich gothic metal, doom metal, downtempo, ambient, electronic, industrial, goa, psytrance, aggrotech, pop, neoclassical und weitere wiederfinden. Dass ein Schüler mit so einer langen Auflistung überfordert sein könnte, realisiere ich nicht - bzw. erst jetzt, nachdem sich diese Frage immer wiederholt.

Aus einer solch' vielfältigen Aufzählung könnte eine Psychiaterin nun heraushören, dass ich "vielseitig interessiert" bin. Das könnte ich sogar fast verstehen - wenn ich davon ausginge, dass die Psychiaterin nicht bedenkt, dass sie es möglicherweise mit einem Aspi zu tun hat, der Wörter gern sehr wörtlich und sehr genau nimmt. Sie hat gefragt, was für Musik ich höre, nicht welche Musik mich interessiert, und das ist für mich ein großer Unterschied.

Hören bedeutet für mich, wenn Musik zufälligerweise läuft, zum Beispiel im Bus, im Supermarkt, auf dem Schulhof oder wo auch immer, dass ich gern zuhöre und nicht genervt weggehe.

Interesse bedeutet für mich, dass ich, wenn ich Lust auf Musik habe, ganz explizit sage "Diese Art von Musik würde ich jetzt gern hören." Im Studium waren das zunächst Ausprägungen von Metal, dann elektronische Musik aus der Schwarzen Szene. Nacheinander - nicht gleichzeitig. Denn zu einem bestimmten Zeitpunkt habe ich immer nur ein sehr eingeschränktes Interessengebiet in Sachen Musik (wie auch in anderen Bereichen - tolle Filme schaue ich sehr gern, aber von mir aus suche ich meistens nur nach Horror oder Science Fiction).

Anfang des Studiums habe ich also Metal gehört - und fast nichts Anderes. In der zweiten Hälfte bin ich bei der elektronischen Musik gelandet - und ich hatte zwar eine ganze Reihe Metal-Alben in meinem Regal stehen, die waren dann aber "out" und sind gemütlich eingestaubt. Und heutzutage bin ich also beim Downtempo mit seinen diversen Formen gelandet. Mittlerweile ist auch die Schwarze Szene-Musik für mich nur noch marginal relevant.

Das ist typisch für Autisten, selbst für Aspis (die meist nur milde Autismus-Symptome zeigen): Eingeschränkte Interessen, die sich durchaus ablösen können, aber der Blick bleibt immer wie durch Scheuklappen auf ein enges Interesse beschränkt.

Wie ich heute darauf komme? Ich habe eben im Supermarkt den Song New Age von Marlon Roudette gehört. Fand ich schön, fand ich damals, als er rausgekommen ist, schon schön - aber ich würde nie sagen "Also jetzt hätte ich Lust, Marlon Roudette zu hören!" - wenn im Radio ABBA laufen, finde ich das wunderbar, aber die CDs hier in meiner Wohnung waren schon seit Jahren nicht mehr im Player.

Ich habe im Studium öfters in Gesprächen den Satz zu hören bekommen "Bei dir geht es immer nur um ein Thema", egal ob es jetzt Achterbahnen, Medikamente, Hochbegabung, Autismus oder einfach nur mein Leben war (im Gegensatz zu den Anderen, an die ich oft nicht dachte und nicht denke). Meine Reaktion darauf war, das Reden einfach so weit wie möglich einzustellen. Einfach gar nichts mehr sagen, dann ecke ich nicht an (dachte ich).

Wie es zum Denken in diesen Extremen kommt, darum soll es in einem der nächsten Beiträge gehen.