Freitag, 4. November 2016

Déjà Vu mal wieder


Das hochbegabte Gehirn liebt es, Zusammenhänge herzustellen und alle verfügbaren Informationen miteinander zu vernetzen. Darin übt es sich Jahre, Jahrzehnte, und irgendwann übertreibt man es auch mal und sieht Zusammenhänge, wo eigentlich keine sind. Ich denke da an die "Verschwörung", der Russell Crowe in dem Film A Beautiful Mind zum Opfer fällt.

Während ich heute durch die Schule ging, hörte ich es hinter mir wispern "Das ist der coolste Lehrer an der Schule". Wow, sowas hört man gern denkt man dann vielleicht, aber ich nicht. Mir sind direkt wieder die Gedankenzüge entgleist und ich habe mich zurückversetzt gefühlt an die Theodor-Storm-Schule in Husum. Die Parallelen häufen sich: Schülern gefällt mein Unterricht, Kollegen lästern hinter meinem Rücken, besorgte Eltern werden negativ auf mich aufmerksam.

Oder sollte ich die Parallelen lieber an die Nordseeschule in St.Peter-Ording ziehen? Das wäre mir wesentlich angenehmer. Auch da Misstrauen hinter meinem Rücken, auch da Eltern, die sich beschweren, auch da Schüler, die meinen Unterricht mögen. Von der Größe des Kollegiums her böte sich die Husumer Parallele an, aber um meinen Geist zu beruhigen, ziehe ich lieber den Vergleich zur NOS in SPO (Was sollen diese fünf Buchstaben bedeuten, fragt sich jetzt die große Buba).

Das hat Positives: Die Schüler sind lernwilliger, haben weniger Angst vor dem Unterricht, weniger Angst vor den Tests - die ersten standen heute an - beteiligen sich mehr am Unterricht, das schaukelt sich richtig hoch und führt zu echt guten Noten im ersten Zeugnis von Dr Hilarius. Die Schüler merken nicht, wie viel sie dafür getan haben, weil sie begeistert waren, ist doch schön. Aber dann kommt die Wende (und damit meine ich nicht Wara, die wabert woanders).

Die Schüler denken, wow, das war ja leicht, ich musste kaum was tun für die gute Note. Easy, man! Und lehnen sich erstmal zurück. Schweben auf den Lorbeeren - und lassen sich hängen. Beteiligen sich weniger am Unterricht. Ich habe auf eine Frage hin nicht mehr fünf direkte Meldungen; auch nach Wartezeit will keiner was sagen. Wozu auch? Ging doch vorher auch, eigentlich einfach nur die Zeit absitzen, und so viel lernen muss man eh nicht.

Es dauert, bis dieser Effekt eintritt, aber er kommt, und die Noten verschlechtern sich zusehends. Was habe ich falsch gemacht? Ich spreche mit den Lerngruppen offen über das Problem, kann da aber niemanden erreichen - bis ich auf das bewährte Token-System zurückgreife: Wer im Unterricht gut mitgemacht hat, bekommt am Ende der Stunde einen Klebestern auf seine Sammelkarte. Wenn die Karte voll ist, gibt es eine Tüte Gummibärchen oder eine Tafel Schokolade. Das zieht, und endlich kommen sie wieder in Schwung. Die Noten bessern sich, die Schüler erleben, dass Lernen sich auszahlt.

Das war im Wesentlichen meine Erfahrung an der Westküste. Und all diese Abläufe, all diese Gedanken und Entwicklungen sind mir durch den Kopf geschossen. Das hatte Positives und Negatives. Die Schüler kommen in ein tiefes Leistungsloch, das ist nicht gut, aber sie kommen wieder heraus und begreifen vielleicht, dass Arbeit sich auszahlt. Und auch, was meine Person anbelangt, hatte das Gutes und Schlechtes.

Da mögen jetzt Kollegen sein, die sich durch mich provoziert fühlen, die mir misstrauen, lästern oder zumindest verunsichert sind. Und ich hoffe, dass sich das auch so entwickelt wie in St.Peter-Ording, dass nämlich mit der Zeit, über die Monate und Jahre hinweg, ein Verständnis aufkommt.

Das würde ich mir wünschen.

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