Montag, 18. Mai 2020

Vorne

Wieder einmal umgestellt

Ein grauer, vernieselter Tag wie jeder andere, ich atme in meine Maske, während ich auf den Bus warte, der von dort kommt. Sieben weitere Fahrgäste warten an der Haltestelle Diesterwegstraße an diesem Montag. Sie alle sitzen in und am Wartehäuschen. Ich mache das nicht - es nieselt kaum und wir müssen ja eh' hinten einsteigen, also setze ich mich auf die hintere Bank.

Der Bus kommt, ich entscheide mich für die letzte Tür, drücke auf den Knopf zur Türöffnung, aber nichts passiert. Ich drücke mehrfach, schaue dann einmal nach vorne, ob die anderen Leute einsteigen können. Können sie, tun sie, und zwar so wie früher: Nur durch die Vordertür darf in den Bus eingestiegen werden. Kurzer Moment Verwirrung, dann muss ich ja wieder meine Busfahrkarte vorzeigen, ich steige ein und realisiere die neue "Busausstattung" - ein Plexiglasschutz für den Fahrer, die vorderen Sitzplätze gesperrt, Maskenpflicht, sonst alles wie früher.

Und erst jetzt realisiere ich, dass wir ja einen Schritt weiter gegangen sind in Sachen "Öffnung", einen Schritt in Richtung Normalität. Nächste Woche beginnt wieder Unterricht, in reduzierter Form, ich unterstütze die Englischlehrkräfte in drei neuen Klassen. Mittlerweile schockt mich das nicht mehr so, in meinem Kopf habe ich abgemacht, dass überhaupt nichts mehr planbar ist, dass nichts mehr "gewiss" ist, und versuche einfach alles hinzunehmen. Der Buddhismus hilft dabei, und ich zitiere wieder den Dalai Lama: "Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt."

Ist dann halt eine Phase, in der ich nicht funktioniere. Ich denke nicht daran, mich bei meiner Familie zu melden, ich vergesse, meinen Schülern neue Aufgaben zu schicken, meine Wohnung sieht unmöglich aus. Der Umstand, dass wir eine Phase weiter sind, einen Schritt raus aus dem lockdown, macht die Lage für mich nicht einfacher, sondern verwirrender.

Immerhin weiß ich jetzt, dass ich im Bus wieder vorn einsteigen muss.

post scriptum: Nach langer Zeit habe ich mir heute mal wieder James Ward Byrkits "Coherence" (2013) angeschaut - und er ist wesentlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Kleiner Indie-Film mit einer Dinnerparty, bei der etwas schiefgeht. Nicht psychological horror-schief wie in "The Invitation" (2015), sondern science fiction-schief. Mystery. Echt klasse, schönes mind food, regt zum Nachdenken an. 

Die große Buba: Das könnte ein Webstuhl-Film für uns sein, ein bisschen im Stil von "Primer" (2004).

Samstag, 16. Mai 2020

Corona-Demo-Manifest


ES REICHT!!!

Wir sind das Volk, und wir lassen uns nicht länger das Grundrecht auf Freiheit nehmen! Wir haben die Nase voll von denen da oben, die uns sagen, dass wir uns nicht mehr mit Freunden und Familie treffen dürfen! Die uns sagen, dass wir nicht mehr in Restaurants gehen dürfen, die uns vorschreiben, dass wir Abstand halten sollen!

Wir sind das Volk, und wir haben ein Recht darauf, in diesem Land überall hin zu gehen, wo es uns passt! Wir haben das Recht, unsere Familien zu besuchen, und wir haben das Recht, für unsere Rechte zu demonstrieren! Niemand darf uns das wegnehmen!

Wir sind das Volk, und wir haben das Recht darauf, uns von rechten Ideologien instrumentalisieren zu lassen! Es ist unser gutes Recht, uns bei unseren Mitmenschen mit einer potentiell tödlichen Krankheit anzustecken! Wir haben das Recht, diese Krankheit an alle weiterzugeben, die mit uns auf die Straße gehen! Corona ist ein gesellschaftliches Gut, das geteilt werden muss! Wir lassen uns unser Virus nicht wegnehmen!

Wir sind das Volk, und wir haben das Recht darauf, jenseits des gesunden Menschenverstandes über die Politik zu schimpfen, auch wenn wir gar nicht verstehen, warum es überhaupt so etwas wie Social Distancing gibt! Jeder von uns hat das Recht darauf, zu sterben, wie er möchte! Niemand muss sich verstellen, jeder darf das Coronavirus offen zur Schau stellen, und wir werden auch nicht mehr in die Armbeuge niesen oder Masken tragen - in diesem Land dürfen wir wir sein, niemand soll gesund sein müssen!

WIR SIND DAS VOLK!!! Sollen doch die Politiker da oben sich schützen vor einer gefährlichen Krankheit - wir machen das nicht mit, nur weil alle anderen das auch tun! Wahrscheinlich benutzen die sogar Kondome - Schutz ist was für Weicheier! Wenn alle sich entscheiden, nicht vom Hochhaus zu springen, springst Du dann etwa auch nicht? DOCH, TUST DU! Allein schon um zu meckern, um zu schimpfen, um zu sagen, wie schlecht doch alles ist!

WIR HABEN EIN RECHT

AUF DUMMHEIT,
AUF KRANKHEIT,
AUF ASOZIALES VERHALTEN!!!

post scriptum: Ich hoffe, der Sarkasmus ist erkennbar.

Donnerstag, 14. Mai 2020

Plus One

Maske mit Stil

Plus One ist der Name einer der neueren Episoden aus The X-Files; es geht darin um einen Doppelgänger, den man sieht, als Omen eines schlimmen Ereignisses. Spannende Folge, aber darum soll es heute nicht gehen.

+1 findet sich auch in diversen Videospielen wieder; meistens geht es dabei um Gegenstände, die man durch diverse Techniken verbessert hat, so dass sie effizienter sind, schärfer oder sonstwie das Original übertreffen, zum Beispiel "Eisenschwert +1". Die große Buba erinnert sich gerade an Dragon Quest XI, wo man bis +3 aufwerten konnte. Und in gewissem Sinne geht es heute genau darum.

Ich habe vor Kurzem über die Schutzmaske geschrieben, die ich mir im Zuge der Maskenpflicht aus einem Baumwolltuch improvisiert hatte. Butter bei die Fische: Der Stoff ist Jahrzehnte alt und so oft durchgekocht, dass er dünn wie Papier ist, und so grobmaschig, dass sich eine Tröpfcheninfektion damit nicht wirklich vermeiden lässt. Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, dass sich die Maskenpflicht noch eine ganze Weile hinziehen kann, also sollte ich mir vielleicht einmal was Ernsthaftes und Sinnvolles suchen.

Es muss schon irgendwie zu meinem Outfit passen, war mein Grundgedanke, aber wo bekomme ich eine Schutzmaske in schwarz her? Die Sannitanic kann toll nähen, aber sie hat zwei Kinder und 'nen Arsch voll Arbeit, die werde ich damit ganz bestimmt nicht behelligen. Hey, neulich hat doch eine Kollegin angeboten, für unser Kollegium Schutzmasken zu nähen. Ob ich sie danach fragen kann? Ich würde ihr den Stoff und die Arbeitszeit bezahlen, ganz klar, denn ich hätte gern Schutzmasken, die zu mir passen.

Ein normaler Mensch denkt sich "Gute Idee, ich frag' sie direkt mal"; ein Aspi hat es da etwas schwerer: Menschen mit dem Asperger-Syndrom können erhebliche Probleme damit haben, in einer bestimmten Situation um Hilfe zu bitten, selbst wenn ein geeigneter Helfer direkt vor der Nase steht. Ich dachte früher, dass das was mit der Hochbegabung zu tun hat, aber jetzt bin ich dank Lektüre ein wenig schlauer.

Jedenfalls habe ich mir sehr lange den Kopf zerbrochen, ob ich die Kollegin wohl danach fragen sollte, und in einem irrwitzigen Moment habe ich sie einfach angeschrieben. Lange Geschichte kurz: Jetzt bin ich stolzer Besitzer einiger schwarzer Masken, und ganz besonders stolz bin ich auf die Maske im Bild oben: Schwarz, mit englischen Gedanken zu Rosen als Aufdruck. So toll! Vielen Dank, Tessa!

Ich gehe ja kaum aus dem Haus, brauche die Masken also nicht so oft, aber ich fühle mich wesentlich wohler mit den schwarzen Masken. Warum stehe ich mir nur so oft selbst im Weg? (rhetorische Frage, so langsam weiß ich es ja)

post scriptum: Ich werde langsam ein Fan des Konzeptes "Miniserie", Serien, die oft nur aus einer Staffel bestehen und eine zusammenhängende, abgeschlossene Geschichte erzählen. Ich werde darüber wohl einen Eintrag für den Blog schreiben, denn es gibt ein paar brilliante Beispiele dafür.

Montag, 11. Mai 2020

Theory of Mind - Bin ich empathiefähig?


Einer der Bereiche, die bei Testung auf eine Autismus-Spektrums-Störung abgeklopft werden, nennt sich Theory of Mind (ToM). Laut der Psychiaterin, die mich getestet hat, ist das die Fähigkeit, sich Geschichten auszudenken und sich andere Situationen vorzustellen als die, in der man gerade ist. Zitat: "Ich sehe da bei ihnen überhaupt keine Auffälligkeiten, sie konnten mir diese Bildergeschichte problemlos erklären und sie konnten auch so tun, als würden sie - hier in meinem Büro - in ihr Auto steigen." Ergebnis: Null Punkte in Sachen Auffälligkeiten bei ToM. Hab' ich so hingenommen; jetzt nicht mehr so sehr.

Ich lese zur Zeit The Complete Guide to Asperger's Syndrome (2007) von Tony Attwood, und ich werde daraus ein paar Passagen zitieren, die für mich sehr erhellend waren und das Gutachten der Ärztin in meinen Augen noch weiter in Zweifel ziehen.

"ToM means the ability to recognize and understand thoughts, beliefs, desires and intentions of other people in order to make sense of their behaviour (...) A synonymous term is empathy."

Okay, das hatte ich jetzt nicht so ganz erwartet. Denn damit bin ich wieder an einer meiner wiederkehrenden Überlegungen angekommen, nämlich, ob ich empathiefähig bin. Ich bin mir da nie sicher, aber die große Buba kann da Einiges bei mir finden. Und passenderweise schreibt Attwood dazu:

" [The person with AS] has immature or impaired ToM abilities or empathy, not an absence of empathy. To imply an absence of empathy would be a terrible insult to people with Asperger's Syndrome. (...) The person does care, very deeply, but may not be able to recognize the more subtle signals of emotional states or "read" complex mental states."

Darum ging es bei der Bildergeschichte (deren Testung übrigens laut Attwood für gewöhnlich nur bei Kindern und Jugendlichen zielführend ist) nicht. Auch nicht bei'm Autofahren. Das mag bei "herkömmlichen" Autisten noch einmal anders sein, aber es hieß auf meiner Überweisung ja explizit "V.a. Asperger-Syndrom, Diagnose erbeten".

"[These people] appear to engage in less eye contact than anticipated, tending to look at a person's face less often, and therefore missing changes of expression." - Zitat eines Aspis: "Why would I want to look at you when I know where you are?"

Einer der Faktoren in Sachen ToM ist laut Attwood also die Schwierigkeit, soziale/emotionale Nachrichten in jemandes Augen zu lesen. Im sogenannten Reading-Mind-in-the-Eyes-Test habe ich unterdurchschnittlich wenige Punkte erreicht (bzw. die genaue Durchschnittzahl bei Aspis), was für eine Auffälligkeit spricht. Ein weiterer Faktor ist genau dieses Wörtlichnehmen, mit dem ich öfters überfordert bin.

"Making a literal interpretation: One of the consequences of impaired or delayed ToM skills is a tendency to make a literal interpretation of what someone says."

Ebenfalls zur ToM gehört Verhalten, das als respekt- und rücksichtslos aufgefasst wird:

"...may not notice (...) the subtle cues that [others] are becoming annoyed with his or her egocentric or dominating behaviour or conversation."

Ich habe nie mitbekommen, wenn ich das Heft in irgendeiner Sache an mich gerissen habe, und ich habe auch nie mitbekommen, wenn ich jemandem mit meinen Gesprächsthemen auf die Nerven gegangen bin:


"...have a remarkable enthusiasm for their special interests. However, they may not recognize that other people do not share the same enthusiasm (...) and may not see or recognize the subtle signs of boredom."

Ich bin aus allen Wolken gefallen, als mir irgendwann endlich einmal gesagt wurde, dass ich Menschen damit auf die Nerven gehen kann (und das definitiv auch tue). Die Konsequenz daraus ist nun eben, dass ich in Gesprächen eigentlich kaum noch spreche, aus Angst, wieder zu langweilen. Klar ist das auch kein schöner Zustand, aber ich habe in meinem Kopf keinen Sinn für das richtige Maß, darüber hatte ich neulich auch geschrieben.

"Honesty and deception: Children and adults with Asperger's syndrome appear to have a greater allegiance to honesty and the truth than to the thoughts or feelings of others."

Besser könnte ich es gar nicht formulieren. Wenn ich daran denke, was Er sich von mir alles hat anhören müssen an unbequemen Dingen, weil ich dachte, dass es doch toll ist, wenn man Menschen auf ihre "Fehler" hinweist, damit sie daran arbeiten können. Auch die große Buba hat da was abbekommen; Attwood schreibt dazu noch:  

"The person with Asperger's syndrome can be very astute at identifying mistakes and can be very keen to point out another person's mistakes. The comments can be interpreted as deliberately critical and hostile, but the motivation of the person with Asperger's syndrome may have been to encourage perfection and to enlighten the other person about the error."

"Problem solving: When presented with a problem, seeking guidance from someone who probably knows what to do is usually not a first or even a second thought."

Volltreffer, ich habe das hier im Blog schon einmal beschrieben und es ist auch genau das, was mit meiner mündlichen Examensprüfung in Englisch passiert ist. Natürlich hätte ich mit meiner Prüferin abklären können, wie das alles ablaufen wird - aber nein. Ich komme nicht auf die Idee, um Hilfe zu fragen.

"Exhaustion: We know that the acquisition of ToM skills can be delayed in those with Asperger's syndrome, and that over time they can eventually achieve advanced ToM abilities. However, we also need to recognize the degree of mental effort required by people with Asperger's syndrome to process social information. (...) One of my clients has an excellent phrase to describe her exhaustion from socializing. She says, I'm all peopled out."

Diesen letzten Ausdruck muss ich mir unbedingt merken, denn das ist genau eines meiner Probleme - ich halte nicht so viele Menschen aus, und muss mich danach erstmal erholen, und das trifft auch enge Freunde.

All' diese Probleme, die auftreten können, stehen also in einem Zusammenhang mit einem ToM-Defizit - und dann sagt die Ärztin, der gegenüber ich mich zweimal eine Stunde lang "zu" normal verkauft habe, dass es in der Theory of Mind bei mir nun wirklich überhaupt keine Probleme gebe.

Langsam wird es Zeit für eine zweite professionelle Meinung.

post scriptum: Dieses Aspi-Handbuch ist echt großartig, es ist vollkommen übersichtlich, arbeitet alle Bereiche des AS ab, mit Symptomen und immer einer ganzen Reihe von Hilfen, Trainings und ähnlichem für Eltern, Lehrer und Mitmenschen. Ich bin begeistert.

Freitag, 8. Mai 2020

"Atmen Sie eine Tasse Kaffee aus!"


Es ist immer wieder ein Abenteuer, am frühen Freitagnachmittag auf dem Kieler Ostring oder B76/Theodor-Heuss-Ring/Olof-Palme-Damm mit dem Auto unterwegs zu sein. Selbst in Zeiten von Corona Släsch Zuhausebleiben ist dort die Hölle los und man muss mit Stau und Geschiebe rechnen. Doch auch wenn diese Straßen frei sind, gibt es dort bemerkenswerte Verkehrsteilnehmer.

Meistens fahren sie zu schnell, manchmal drängeln sie mich oder überholen mich rechts (das Fahrverhalten mancher Menschen lässt glauben, sie hätten nicht gelernt, dass man das nicht darf). Wenn dann jemand hinter mir mit Lichthupe arbeitet oder ich einen genervten Verkehrsteilnehmer überholen sehe, dann könnte ich mich aufregen - mache ich endlich so gut wie nicht mehr. Ich bin einen großen Schritt weiter als damals noch im Beitrag Entschleunigung.

Ich denke jetzt nämlich anders. Ich versuche zu verstehen, dass die Menschen, die sich so verhalten, Probleme haben. Sie müssen dringend irgendwohin, sie sind zu spät aufgestanden oder sie sind einfach uneingedenk ihrer eigenen Fehler. Das gibt es überall und ist ein wunderbarer Impuls für die Praxis des Tonglen, die Praxis des "Nehmens und Gebens im Wechsel".

Konzentration auf die Atmung ist in jeder Meditation sehr wichtig. Bei'm Einatmen denken wir an alle Menschen, die diese Probleme haben, diesen Stress, die Belastung, und wir nehmen es von ihnen. Wir atmen ihren Stress ein, ihre Genervtheit und was es noch an Problemen der Mitmenschen gibt. Bei'm Ausatmen senden wir etwas, das ihnen Freude bringt, ein Glücksgefühl, und das muss keine große Sache sein - vielleicht ist es einfach nur eine wärmende Tasse Kaffee. Daran denken wir bei'm Ausatmen - auch Pema Chödrön erklärt es unten im Video. Kann ich empfehlen, es wirkt!

Und für Dich, die große Buba, atme ich Keksteig aus ;-)

post scriptum: In dieser Woche habe ich eine zehnte Klasse auf den MSA Englisch vorbereitet, und mir ist so sehr bewusst geworden, wie es mir fehlt, in der Mittelstufe zu unterrichten. Ich habe wirklich Probleme, zu den Lütten den richtigen Draht zu finden. War eine schöne Erfahrung, diese Vorbereitung.

Mittwoch, 6. Mai 2020

Troilus und Kresse? Da!

Ein neuer Mitbewohner

Mit einem ganz grausigen Wortspiel auf die antike Geschichte von Troilus und Cressida (Homer dürfte sich im Grabe herumdrehen, Chaucer und Shakespeare drehen sich mit) beginnt also eine Nachricht nach einer Woche Funkstille; ich muss diese Beiträge endlich wieder in so etwas wie einen geregelten Tagesablauf integrieren, der auch Tiefkühlessen enthält. Oder überhaupt irgendein Essen.

Vielleicht sogar mit selbstgezüchteter Kresse; die erobert mittlerweile mein Küchenfenster, ist am oberen Rahmen angekommen und wird bald durch die Außenwand brechen (wird dann wieder Zeit für einen Katastrophenthriller mit einer dicken Frau auf einer Parkbank, die Sahnetorten mit Kresse einatmet). Dabei esse ich gar keine Kresse, und obwohl ich mir vor einigen Wochen vorgenommen hatte, Kresse für den eigenen Verzehr zu züchten, hatte das Ganze einen völlig anderen Hintergrund.

Ein Haustier.

Ich schaue zur Zeit endlich etwas konsequenter die Serie Mr. Robot, und die Hauptfigur wird als Mensch mit Sozialphobie beschrieben - gleichzeitig realisiert er aber, dass er sich zuhause nicht mehr allein fühlen will. Das war in meinem Kopf erstmal nur sehr schwer vereinbar - gleichzeitig Menschen um jeden Preis meiden zu wollen, sich aber trotzdem schmerzhaft allein zu fühlen. Liegt möglicherweise einfach nur daran, dass ich selbst als Sozialphobiker (oder Schizoider, who knows?) keine Einsamkeit verspüre. Auch kein Alleinsein.

Und wenn dann einmal ein Mensch hier zu Besuch war, brauchte ich immer wieder eine Pause danach, Ruhe von Kontakten jeglicher Art. War nicht leicht für meinen ersten Freund, dass ich nach einem gemeinsamen Abend jedesmal mehrere Tage Abstand brauchte - und ist mir immer noch unangenehm, wenn jemand auf ein Gespräch vorbeikommen möchte, dass ich dann irgendwann nach einer halben Stunde oder so sagen möchte "Okay, können wir bitte Schluss für heute machen, mir reicht's gerade..."; das gilt auch für die große Buba, die ich zwar hochdosiert ertragen kann, auch täglich, aber auch da gilt, dass ich nach zwei oder drei Stunden lieber allein sein möchte.

Hin und wieder habe ich überlegt, ob ich ein Haustier haben möchte, und wenn ja, was ich dann gern hätte. Ich war immer begeistert von der Idee, eine Katze zu haben, aber ich bin allergisch gegen Katzenhaare - und selbst eine Katze ist mir zu pflegeintensiv, ich kann dafür nicht die Verantwortung übernehmen, ich würde die Katze vernachlässigen und es nicht einmal merken. Und sie rempelt mir meine Sachen in der Wohnung um. Also lieber den Nerdklassiker, ein Goldfisch mit dem Namen Sushi im Glas (die Idee ist noch nicht vom Tisch), oder eine Schlange.

Oder eben doch kein Tier, sondern wieder einmal eine Pflanze. Kaum zu glauben, aber Chuck die Pflanze im Bad lebt immer noch, wuchert mittlerweile um die ganze Waschmaschine herum, und auch das achtarmige Monster, das mir damals in den Kronshagener Bergen die Bücherregale umarmt hat, hat es sehr lange mit mir ausgehalten.

Also Kresse. Tausend winzige Samen in diese Anpflanzerde von IKEA, und wochenlang passiert nichts. Kaum Sonnenlicht. Klar, einer der Hauptgründe gegen eine Pflanze war für mich immer, dass ich es in meiner Wohnung gern dunkel habe - aber auf der Küchenbank konnte ich die Pflanze so arrangieren, dass das Rollo davor heruntergezogen werden kann - Dunkelheit in der Wohnung, Sonne für Troilus und Kresse? Da! (TuKD).

Und nach ein paar Wochen ging es dann auch endlich los, und es haben nur drei Samen gekeimt, einer von denen erinnert mittlerweile allerdings an eine Liane im Urwald. Nur weiter so! Und damit es TuKD nicht langweilig wird, habe ich daneben noch so einen Pflanzerdewürfel gestellt, diesmal mit Zitronenmelisse. Die sollte nach zweiundzwanzig bis dreißig Tagen keimen - nach fünf Tagen war bereits alles grün, und ich bin mal gespannt, was daraus wird, und ob mir dafür auch ein völlig unpassender Name einfällt. Ich nehme auch gern Vorschläge an - ich setze sie zwar selten um, aber "große Buba, dicke Tuba" beweist, dass ich auch mal was von meinen Mitmenschen übernehme, also seid kreativ!

Tja... und irgendwie bin ich nun doch ganz froh, Lebewesen in meiner Wohnung zu haben, die nicht allzu anspruchsvoll sind, bei denen sich aber trotzdem "etwas tut". Hätte ich ein Problem damit, wenn sie alle plötzlich verfaulten und ich sie rauswerfen müsste? Wahrscheinlich würde ich das nicht einmal mitbekommen...