Montag, 31. Dezember 2018

Kung Fu Kaufing

So holt man Sachen aus dem Regal!

...aber bevor es zu diesem über alle Maßen trashigen Titel geht, muss ich eine Beobachtung tätigen: Während ich in den letzten Jahren so etwa zweihundertfünfzig Beiträge im Jahr veröffentlicht habe, sind es in diesem Jahr nicht einmal zweihundertzwanzig gewesen. Das muss einen Grund haben, und der ist vielleicht nicht nur negativ. Das ist eine schöne Abwechslung, wenn ich bedenke, dass meine persönlichen Jahresresümees bei den letzten Malen doch eher negativ schadensbegrenzend ausgefallen sind: "Naja, so schlimm war das Jahr Zweitausendsiebzehn jetzt nicht." Wie toll das klingt.

Und wie schaut es aus, wenn ich auf Zweitausendachtzehn zurückblicke? Ich muss ehrlich sein und feststellen, dass das ein ziemlich tolles Jahr gewesen sein könnte - auch wenn ich oftmals total durch den Wind war, geistig ausgelastet mit Frustrationen und Umstellungen, völlig überfordert mit der Umstellung auf ein neues Schulsystem und dass ich plötzlich mehrere verschiedene Bildungsgänge gleichzeitig unterrichten soll. Das hat, glaube ich, in der Hauptsache dazu geführt, dass in diesem Jahr ein paar Beiträge weniger auf's digitale Blatt gekommen sind.

Und dennoch habe ich das seit August fast durchgehend als gutes Zeichen gedeutet, weil es mich an die Umstellung auf St.Peter-Ording erinnert hat: Anstrengend, überfordernd, aber erfüllend, und diesmal vielleicht mit dem Zeichen, dass ich endlich einen Grundstein für mein weiteres Leben legen kann. Endlich, nach achtzehn Arbeitsverträgen, einmal verbindlich, verlässlich, sicher. Und dass es sich gar nicht so schlecht anfühlt, wenn man einmal die anfänglichen Reservierungen aller nachsichtig betrachtet.

Ich glaube, dass ich mit diesem Jahr sehr glücklich sein kann, und dass ich heute Abend die (geistigen) Tassen hoch heben kann, anstoßen auf das, was da im neuen Jahr so kommen mag. New Year's Resolutions? Nein, keine. Fast alles, was ich im neuen Jahr anders machen möchte, habe ich schon vor Tagen oder Wochen begonnen. Dazu braucht es nicht einen bestimmten Tag, an dem man anfangen kann, sondern ein bestimmtes Mindset - glaube ich. Und das heute zu beschließen, einfach weil Silvester ist, halte ich für keine sehr beschlussfeste Grundlage.

Ich weiß, dass auch bei Euch im neuen Jahr wichtige Punkte anstehen werden. Sei es ein weiteres Kind, eine neue Wohnung, oder langsam to grips kommen mit dem Schulleben, oder mit der eigenen Persönlichkeit, alle diese Dinge brauchen Zeit und ich wünsche Euch, dass Ihr Euch diese ernsthaft nehmen könnt. Das Wichtigste dabei, das habe ich von meiner Mutter gelernt, und dem kann ich mich auch heute vollkommen anschließen, ist Gesundheit, und die wünsche ich Euch allen für das gesamte kommende Jahr, auch wenn Ihr vielleicht als schniefend-kotzende rumpeltittige Träsch-Trüller startet.

Und Kung Fu Kaufing? Naja. ich war heute einkaufen, wie jeder Vollidiot. Spülmaschinensalz und Eier. In einem Sky, der solche Menschenmassen nur vor und nach Feiertagen erlebt. So viele genervte Kunden, dass man wie bei'm Kung Fu mit blitzschnellen Bewegungen in das Regal greifen musste, um das Brot zu snatchen. Weil man sonst den Arm abgerollt bekommt von einem kleinen einkaufswagenfahrenden Kind. Und mit ebenso schneller Bewegung den Fuß in die Schlange am Kassenband drängeln, um einen Platz zu bekommen. Und mit filmreifer Geschicklichkeit das Kleingeld aus dem Portemonnaie angeln und der Kassiererin entgegenschleudern: "Ha! Ha! Ha! Frohes neues Jahr!" und wie der Blitz aus dem Laden verschwinden. Kung Fu Kaufing für Profis - und weil ich keiner bin, habe ich mich natürlich wieder an der längsten Schlange angestellt.

So, und nun noch einmal obligatorisch, aber deswegen kein bisschen weniger ernst gemeint: Ich habe mich über jede Eurer Rückmeldungen zu meinen Blogeinträgen gefreut. Es ist unglaublich wichtig, dass ich regelmäßig auch mal Gegenwind bekomme, von Menschen, auf die ich mich verlassen kann, bevor ich mich selbst mal wieder für unfehlbar halte. Ist das eigentlich so ein HB-Ding? Oder auch VHB? Also, in jedem Fall danke für Eure Erdung, das hilft mir sehr weiter, und führt dazu, dass ich mich auf ein weiteres Jahr kontroverser Beiträge und erleuchtender Diskussionen freue!

Sonntag, 30. Dezember 2018

Ich hör' nur Bahnhof!

Diesen Bahnhof werde ich mein Leben lang nicht vergessen, und auch nicht das Gefühl, als ich zum allerersten Mal hineingefahren bin...

Synästhesie.

Herr Leinhos weiß natürlich sofort, was das ist, denn er kann Griechisch. Es geht um das Zusammenwirken von Sinneseindrücken, dass man zum Beipiel Töne sehen kann, oder Farben schmeckt. Das klingt nach abgefahrenem Scheiß, ist aber nicht unüblich. So sehe ich manchmal ganz konkrete Dinge, wenn ich Musik höre, und ich spreche gerade nicht von Ambient, das mit seinen Natursounds bestimmte Assoziationen weckt. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, ob das irgendwie mit Hochbegabung zusammenhängen kann.

Ich führe als Beispiel einen Song aus dem Genre Downtempo/IDM an: Martin Nonstatic - Granite. Meistens höre ich diese Musik mit geschlossenen Augen beim Meditieren, um meine Fantasie spielen zu lassen, und manchmal entstehen da wunderbare Bilder. Dieser Song ist mir von Anfang an aufgefallen unter den anderen Liedern auf dem Album Nebulae - Live at the Planetarium. (Das war damals eine Nummer im Carl-Zeiss-Planetarium, in Bochum, glaube ich; irgendwann möchte ich so etwas auch einmal erleben, weil die Vorstellung toll ist)

Es ist sehr schwer, genau festzumachen, woran es liegt, aber bei Granite formt sich vor meinem geistigen Auge ein Bild eines unterirdischen Bahnhofs. So wie die Haltestelle Rathaus Spandau der U7 in Berlin: Groß, majestätisch, menschenleer. Ob es an den hallenden Sounds liegt? An dem Echo? An dem Rauschen im Hintergrund? An der Wahl der Synthesizersounds? Irgendwann habe ich zum ersten Mal diesen Bahnhof "gehört", und das Bild erschien mir so passend, dass es sich in den Folgemonaten immer weiter verfestigt hat.

Immer deutlicher konnte ich in die Tunnel hineinsehen, in denen nur einzelne Leuchtstoffröhren die Dunkelheit erhellen. Immer klarer wurde mir, dass an diesem Bahnhof wirklich keine Menschen sind - groß, leer, hallend, und immer mal wieder fährt ein Zug durch. Und weil ich das Gefühl sehr gut kenne (denn ich liebe es seit Jahren, U-Bahn zu fahren), kamen auch die anderen Sinne hinzu, nach und nach, und mit jedem Anhören immer detaillierter, ich konnte die muffige Luft des Bahnhofs riechen, und er fühlte sich kalt an, nach Marmorwänden (nicht umsonst heißt der Song Granite - was ich damals aber noch nicht wusste, als meine Bilder entstanden sind). Hier freut es mich wieder sehr, eine Anlage mit Surroundsound zu haben, denn viele Alben aus dem Downtempo, IDM, Ambient, Psybient (etc.) sind extrem sorgfältig auf alle Kanäle abgemischt. Dort links fährt der Zug vorbei. Rechts kann ich spüren, wie die Luft vor einem heranfahrenden Zug, die sogenannte ghost train an mir vorbeizieht.

Diese Detailliertheit, kombiniert mit dem Umstand, dass ich mich in U-Bahnhöfen wohlfühle, hat einen wunderbaren Effekt: Wenn ich Nebulae höre und realisiere, dass Granite gerade begonnen hat, entspanne ich mich sofort. Alle Anspannungen der Muskeln fallen ab, ich sinke noch tiefer in meine Couch hinein und freue mich, dass ich jetzt einige Minuten lang den Bahnhof hören kann.

Vielleicht steigt ja heute jemand aus dem Zug aus ;-)

post scriptum: Deswegen habe ich den Roman "Lowboy" von John Wray gern gelesen, über einen Autisten in der U-Bahn. Ach so, und hier hätten wir noch den Song "Granite" von Martin Nonstatic, in der Live-Version aus dem Planetarium, bei 12:01:

 

Samstag, 29. Dezember 2018

STOP

Den mag ich ja nun überhaupt nicht...

Hochbegabung meets Autismus

Ich habe in diesem Blog mehrmals über meine Leidenschaft für das S-Bahn-Fahren geschrieben. Auch darüber, wie sorgfältig ich mir den Sitzplatz aussuche, wenn ich die Fahrt richtig genießen möchte; es gibt allerdings auch rein zweckdienliche Fahrten, oftmals kurz, und da verhält sich das mit dem Sitzplatz anders - in der U-Bahn noch deutlicher als in der S-Bahn: Ich stelle mich, während ich auf den Zug warte, an die Stelle des Bahnsteigs, an der am Zielbahnhof der Ausstieg ist. Das war anfangs eine lustige Knobelei: Ist der Ausstieg vorn oder hinten? Kommt der Zug von vorne? Wie sieht noch gleich der nächste Bahnhof aus? Aber es hat nicht allzu lange gedauert, da kannte ich neben dem Liniennetz auch "meine" Bahnhöfe auswendig. Fantasie FTW!

Etwas anders ist es, wenn ich in Kiel mit dem Bus fahre. Früher im Studium habe ich mich gern an einer Endhaltestelle in den Bus gesetzt und bin die ganze Strecke entlang gegondelt, was sich besonders bei Linien wie der Einhundert oder der Fünfhunderteins lohnt. Aber auch in Kiel gibt es kurze Strecken, zum Beispiel zum Bahnhof, wenn ich zu faul zum Laufen bin oder nicht genügend Zeit habe. Seit einigen Jahren soll der Einstieg in den Bussen ja (mit einigen Ausnahmen) nur noch vorne stattfinden, halte ich für nachvollziehbar, aber ich kann mir aussuchen, wo ich aussteige.

Nun ist ein Bus wesentlich kürzer als eine U-Bahn, da macht es hinsichtlich der Zielhaltestelle nicht so viel aus, ob ich vorn oder hinten aussteige. Also brauche ich ein anderes Auswahlkriterium, und da kommt wieder ein leichter Anflug von Autismus in's Spiel: Ich steige an der Tür aus, die den "schönsten" STOP-Knopf hat.

Ich liebe es seit meiner Kindheit, auf Knöpfe zu drücken, Schalter umzulegen und damit irgendwas in Gang zu setzen. Ich glaube, das ist ganz normal, nicht hochbegabt, sondern einfach nur kindlich-neugierig. Allerdings macht es mir etwas aus, wie der Schalter ausieht - rot? Gelb? Metallic? Quadratisch? Länglich? Rund? Mit oder ohne Beschriftung in Braille? Und es beeinflusst meine Entscheidung auch, wie der Schalter sich bei'm Drücken anfühlt. Klickt es? Quietscht es? Rastet es irgendwie ein? Lässt der sich nur schwer reindrücken? Habe ich dabei das Gefühl, auch richtig gedrückt zu haben, oder muss ich noch einmal nach der Wagen hält-Anzeige schielen?

Da schlagen andere Menschen wieder die Hände über dem Kopf zusammen, "Warum machst du es dir so kompliziert, ist doch vollkommen egal, welchen Knopf du drückst!" - Nein, es ist mir eben nicht egal, genauso wie es mir nicht egal ist, mit welchem der diversen Esslöffel ich meine Suppe esse. Das macht etwas aus, auch wenn es nur eingebildet ist; ein gewaltiger Teil unserer Wahrnehmung der Welt ist eben nur das: Wahrnehmung. Und sie beeinflusst unser Leben. Und wenn ich niemandem damit schade, kann ich mir doch auch aussuchen, den schönen runden, metallischen, klickenden Knopf am Hinterausgang zu drücken, nicht wahr?

post scriptum: Nostalgieflash für heute - gibt es irgendein Kind der Neunziger, das diesen Song nicht mehr kennt? Schweden, die den amerikanischen Westen auf's Korn nehmen; denkt daran, falls Ihr über die Musik der heutigen Jugendlichen lästern wollt. Nicht falsch verstehen: Ich liebe den Song (wobei mir "Old Pop In An Oak" noch besser gefallen hat) noch immer ;-) Ach so, und was mich an der heutigen Musik stört, sind frauenverachtende, homophobe und überhaupt irgendwie herabwertende Tendenzen. Rednex, das war einfach nur Fun:




paulo post scriptum: Ich bin heute am Südfriedhof vorbeigefahren und der Anblick hat mich an eine Phase im Grundstudium erinnert. Ich hatte gerade Gothic und Doom Metal neu für mich entdeckt, und es war wunderschön, mit Tristanias Widow's Weeds über den Friedhof zu gehen, grauer Himmel, nasskalt, und zu sehen, wie die Bäume ihre kahlen Äste tief über Gräber, Gruften und Seen beugten. Irgendwie melancholisch, malerisch, und sehr schön. Talk about Ambiente...

Freitag, 28. Dezember 2018

Der siebenundzwanzigste Dezember

Finde kein passenderes Bild...

Jedes Jahr wieder gibt es eine Gruppe von Menschen, die nach den Weihnachtstagen in die Stadt aufbricht, den CITTI-Park unsicher macht, oder den Sophienhof, die Holtenauer Straße usw.; Menschen wie ich. Ich nenne sie "verzweifelte Idioten", Idioten wie mich. Und ich nenne sie verzweifelt, weil sie alle ihre Gründe haben, warum sie gerade am Siebenundzwanzigsten in die Stadt müssen: Dämliche Weihnachtsgeschenke umtauschen, Gutscheine einlösen, Geldgeschenke einzahlen (lange Schlangen vor den Einzahlgeräten, die "normalen" Geldautomaten sind in der Regel frei), Klopapier einkaufen und offensichtlich auch Medikamente gegen Übelkeit: Die Standardsubstanzen aus der Klasse sind kaum noch zu bekommen. Vielleicht war es dann doch etwas viel Weihnachtsfutter. Oder sie machen es wie ich: Sie brauchen Druckerpapier und sehen nicht, dass sie das auch eine Woche später wesentlich entspannter einkaufen könnten.

Ich nenne allerdings nur diejenigen Einkäufer Idioten, die am Siebenundzwanzigsten losfahren und dann vollkommen überrascht sind, dass auch noch andere Menschen auf diese Idee gekommen sind. Sie stehen dann im Stau, regen sich auf, hupen, blinken, überholen, überfahren Fußgänger, bleiben mitten auf der Straße stehen und haben von der SVO noch nie etwas gehört. Ihr Blutdruck schießt in die Höhe, sie laufen rot an, und sie könnten auch einfach ausgeglichen bleiben, aber diese Idioten regen sich dann auch noch über die Anderen auf, anstatt die eigene Fehlbarkeit einzusehen. Ich nenne sie Idioten - Idioten wie mich.

Und an dieser Stelle muss ich noch eine Reaktion loswerden: Vor einigen Tagen hatte ich mich in einem Beitrag darüber aufgeregt, dass ich Menschenmengen hasse, die von allen Seiten auf mich eindrängen, direkt vor mir fünf Meter breit stehen bleiben, ihr Kind zum Kotzen abstellen (während das Kind fröhlich spielt) und so weiter. Die große Buba hat daraufhin mit dem Dalai Lama gekontert, der völlig richtig sagt: Nichts ist entspannender, als das anzunehmen was kommt. Irgendwann habe ich DGB diesen Satz entgegen geschleudert, seither erinnert sie mich daran, wenn ich mal wieder selbst auszurasten drohe. Vollkommen zu Recht, mit einer Ausnahme: Was der Dalai Lama beschreibt, ist eine Einstellungssache. Wenn ich inmitten einer Menschenmenge eine solche Panikattacke bekomme, dass ich mich auf den Boden setzen muss, dann hat das nichts mit Einstellung zu tun, bzw. ich kann nicht mit "annehmen, was kommt" entgegenarbeiten, denn hier geht es um Chemie: Mein Gehirn suhlt sich in solchen Situationen in anxiogenen Substanzen, Chemikalien, die Angst auslösen und / oder verstärken. Und gegen diese chemische Panikwelle komme ich mit einer ausgeglichenen Einstelung leider nicht so gut an; deswegen verstehe ich die Daseinsberechtigung anxiolytischer Substanzen - jener, die genau das Gegenteil im Gehirn bewirken.

Naja, irgendwie habe ich gestern ja überlebt, und das Aufregen ging hauptsächlich gegen meine eigene Dummheit, weil es doch vollkommen klar war, dass ein Einkaufszentrum am siebenundzwanzigsten Dezember einem Kriegsgebiet gleicht: Schlagen, rempeln, nur noch weg hier, alles loswerden, was man nicht braucht, das Leben erträglicher machen und sich selbst der Nächste sein.

post scriptum: Brause im Auge. Daraufhin krabbelt meine Nase so sehr, dass ich in's Glas niesen muss. Küchenpapier.

p.p.s.: "Meine Nase krabbelt" - ruft Ellen Ripley! 

i.p.p.s.: Ich habe gestern "Edge of Tomorrow" (2016) geschaut und war sehr positiv überrascht; was sich als "Tom Cruise und Emily Blunt ballern Aliens um" verkauft, ist in Wahrheit pure Science Fiction, denn es geht um Ideen - was wäre, wenn... Und wer es schafft, im ersten Akt (Groundhog Day trifft auf Starship Troopers) nicht abzuschalten, wird mit einer sehr spannenden Geschichte belohnt.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Von hinten schräg durch die Brust in's Auge


Es ist immer wieder herzerwärmend, zu erleben, wie es gemobbte, ausgegrenzte Schüler sind, die sich an ihrer Schule weit über das übliche Maß hinaus engagieren, und zwar an weit mehr als nur einer Theater-AG. Sie bringen sich in der Schülervertretung ein, sie wagen es, der Schulleitung zu widersprechen, sie regen einen Diskurs an, sie werfen Sand in das Getriebe des schulischen Apparats. Sie versuchen, die Lage für ihre Hunderte von Mitschülern zu verbessern, indem sie aktiv Vorschläge für die Gestaltung des Schullebens einbringen oder einfach ganz "harmlos" schulische Konzepte wie Bildungsministerium oder Lehrplan für ihre Mitschüler anschaulich und nachvollziehbar erläutern. Um ihnen zu zeigen, wie seitens des Ministeriums oder jeglicher höheren Instanz mit ihnen umgegangen wird.

Ich war nie einer dieser Schüler; bei mir kam das erst im Studium, Studierendenparlament und dieser Kladderapatsch. Aber es gab sie, und an unserem Werner-Heisenberg-Gymnasium haben sie sich ein Bein ausgerissen, um eine Schülerzeitung zu gestalten und am Leben zu halten, was sehr schwierig war, denn - wie sie zu erzählen nicht müde wurden - während mehrere hundert Exemplare immer innerhalb der großen Pause ausverkauft waren, so fand sich phasenweise kaum jemand, um für die Zeitung zu schreiben. Man möge an dieser Stelle ahnen, in welche Richtung das geht: Ja, ich habe auch mal für die Zeitung geschrieben. Ja, irgendwann werde ich das auch mal hier im Blog posten, so als siebzehn Jahre alten Nostalgieschub, aber heute geht es um etwas ganz Anderes.

Man merkt, ich lese gerade meine alten SZ-Ausgaben quer und schaue, ob ich etwas davon in diesem Blog veröffentlichen möchte, und das scheint insgesamt wohl mehr als nur ein Artikel zu werden, und deswegen habe ich den Tag Schülerzeitung neu hinzugefügt. Dabei geht es seltsamerweise gar nicht mit Schülergedanken los. Zumindest nicht direkt.

Es hat nämlich auch einmal ein Lehrer geschrieben, unter der Rubrik PS: Paukers Standpunkt. Da meldete sich dann ein oller Seebär zu Wort, der nie verlegen um fiese Kommentare in Klausuren und im Unterricht war, den es immer biestig zu freuen schien, wenn er Hoffnungen auf gute Noten zunichte machen konnte, und der leider erst in der Oberstufe ansatzweise verstanden wurde in seinem Denken. Und er hat einen kleinen Aufschrei in der Hermes veröffentlicht, der vom heutigen Standpunkt aus "visionär" genannt werden muss.

Deutsche Sprache - Schwere Sprache
Sprache als Kulturtechnik betrachtet

von Klaus Brunkert



Wären Lehrer Stilblütensammler, könnten Korrekturen mehr Lust als Frust bereiten. Da erkältet sich warme Luft, wenn sie aufsteigt; es vermehren sich die Binnenschiffe auf der Wolga oder Sonne falle in Rom steiler auf die Erde als in Kiel. Solche verbalen Glanzpunkte verleiten natürlich zu launigen Randbemerkungen, die betroffene Schüler meistens gar nicht gut finden, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen.

Nehmen wir es also ernst. Faktum ist, dass immer mehr Schüler nicht in der Lage sind, komplexe Sachverhalte und zunehmend auch einfache sprachlich exakt wiederzugeben. Dies mag ein beispielhafter Dialog verdeutlichen:
- Lehrer erläutert nach der Rückgabe der Klausur, welche Inhalte er erwartet habe.
- Schüler beschwert sich, weil er für eine Passage keine Punkte erhalten habe, obwohl er genau das geschrieben hätte, was der Lehrer als Erwartungshorizont formuliert habe.
- Lehrer verweist auf seine Randbemerkungen.
- Schüler bezweifelt Korrekturkompetenz des Lehrers.
- Lehrer weist nach, dass der Absatz nicht das beinhaltet, was der Schüler behauptet, während sich der Rest des Kurses langweilt.
- Schüler: "Aber Sie wissen doch genau, dass ich damit das gemeint habe, was Sie hören wollten."

1. Die Ursachen für die stark eingeschränkte Sprachkompetenz sind vielschichtig, lassen sich aber mit Einschränkungen auf zwei Grundphänomene zurückführen: Während früher die meisten Schüler relativ viel gelesen haben und so mit der Schriftsprache vertraut wurden, dominieren heute (2001) audiovisuelle Medien, wobei besonders die kommerziellen eine comichafte Stichwortsprache präsentieren, die differenzierte Darstellungen nicht erlaubt. Sachverhalte werden auf das Niveau und Zeitlimit von einprägsamen Werbeslogans verkürzt, vereinfacht und zwangsläufig oft auch verfälscht.

2. Lehrer lassen sich immer weniger Zeit und/oder haben nicht die Geduld, Schüler zu zwingen, zumindest im Unterricht Sprache als präzises Instrument der Verständigung zu erlernen, sondern reduzieren Schüler zu Stichwortgebern, weil a) sonst der im Lehrplan vorgegebene Stoff nicht mehr bewältigt werden kann und b) Schüler sich nicht mehr über einen längeren Zeitraum auf einen Gegenstand konzentrieren können. Dies ist ein Verhalten, das den Hör- und Sehgewohnheiten heutiger Medienkonsumenten entspricht, die optische und akustische Highlights fast im Sekundentakt fordern als Preis für ihre Aufmerksamkeit. Als Beleg mag man die Länge von Filmsequenzen in alten und neuen Filmen vergleichen. Schüler werden also unkonzentriert und folglich abgelenkt, unruhig bis störend, wenn sie entgegen ihren Gewohnheiten gefordert werden. Pädagogisch richtig, im Ergebnis aber falsch wird ein häufiger Methodenwechsel angewendet.

Es scheint bedenklich, dass gerade in einer Zeit, in der Sachverhalte zunehmend komplizierter werden, die Fähigkeit, diese rein sprachlich zu verstehen oder gar darzulegen, bei einer wachsenden Zahl von Menschen abnimmt. Denn Nichtverstehen erzeugt irrationale Ängste und Reaktionen mit den entsprechenden gesellschaftspolitischen Implikationen, die vom Drogenmissbrauch bis zum politischen Radikalismus reichen.

Was also tun unter der Prämisse, dass Schule nur sehr begrenzt gegen allgemeine Entwicklungstendenzen steuern kann. Im Sinne von exemplarischem Lernen bleibt wahrscheinlich nur der Ausweg, den Lehrplanstoff erheblich zu reduzieren und an wenigen Inhalten das einzuüben, was man gemeinhin als Kulturfertigkeiten bezeichnet. Bei der heutigen Halbwertzeit von fachspezifischem Wissen scheint es zukunftsträchtiger, wenn die Schule sich von einem Institut der Wissensvermittlung zu einem Lernort von Arbeits- und Lernmethoden wandelt, wobei die Beherrschung der Sprache unentbehrlich ist. Dass dabei das Wissen um die geisteswissenschaftliche Vergangenheit unserer Kultur weitgehend verloren geht, scheint ein hoher, aber notwendiger Preis zu sein. Aber warum sollen heutige Schüler mehr über Goethe und Lessing wissen als über Aristoteles und Seneca?

Dienstag, 25. Dezember 2018

Das Ding mit Weihnachten


Das Fest der Liebe, oder so ähnlich, wird es in der Werbung genannt, sicherlich als Teil des AIDA-Konzepts, wie ich jetzt in der kaufmännischen Abteilung gelernt habe. Ich fand Weihnachten immer toll. Die ganze Familie beisammen, Schnee, kalt und dunkel, Gottesdienst, leckeres Essen, Karten spielen. Geschenke fressen, Essen auspacken, oder so ähnlich, meinte die große Buba. Vielleicht auch ein wenig Autorenlizenz.

Dann kam irgendwann das Zeitalter des Hinterfragens. Die Geschenke wurden flacher, wie meine Mutter ganz treffend gesagt hatte, und ich bin auch nicht mehr jedesmal zum Gottesdienst mitgegangen. Das Essen war immer noch lecker, aber irgendwann begann ich dann auch zu fragen, warum ich eigentlich Weihnachten feierte. Und stellte fest, dass etwas gefeiert wird, was ich für eine nette Fantasie halte, mit der ich persönlich nichts anfangen kann. Ich habe es nicht mit der evangelischen Religion, auch wenn ich nach meinem Kirchenaustritt immer noch vierzehn Monate Kirchensteuer an den Staat abgetreten habe. Ich hoffe, dass sich das geändert hat, die nächste Abrechnung wird es hoffentlich zeigen, inklusive einer Rückzahlung.

Ostern. Weihnachten. So viele Feiertage, gefeiert von so vielen Menschen, die mit der Religion überhaupt nichts am Hut haben, das konnte ich dann nicht mehr so ganz nachvollziehen, und seither bin ich jedes Jahr froh, wenn die Feiertage vorbei sind und endlich wieder Leben in die Stadt zurückkehrt, und Kommerz, und Falschheit (die eigentlich nie verschwunden war). Trotzdem fahre ich jedes Jahr zu Heiligabend nach Dithmarschen. Meine Brüder, meine Eltern und ich verbringen einen netten Abend, und wenngleich ich gern am ersten Feiertag wieder zurückkehre, bleibe ich diesmal noch einen Tag länger, damit ich am zweiten Feiertag meine Oma treffen kann, die in diesem Jahr Weihnachten zum ersten Mal in ihrer betreuten Wohnanlage verbringt.

Und irgendwie ist es dann doch ganz witzig, sie alle wiederzusehen. Ich fühle mich außerhalb meiner Wohnung nicht so wohl, das stimmt wohl, aber oft ist es auch mein eigener Kopf, der es mir so "unangenehm" macht. Und nun sitze ich kurz nach Mitternacht am Rechner in meinem alten Zimmer, schreibe diese Zeilen und finde es gar nicht so schlimm, dass ich den morgigen Tag hier verbringe.

Ändert alles nichts daran, dass ich froh bin, wenn die Feiertage um sind. Ich kann mit Weihnachten nichts anfangen, zumindest nicht mit dem religiösen Hintergrund. Seit sieben Jahren warte ich auf den Moment, auf das Weihnachten, an denen ich meinen Eltern endlich meine berufliche Sicherheit schenken kann, denn ich weiß, wie sehr sie um mich besorgt sind. So sind Eltern nun mal, ganz oft zumindest. Nun ja, vielleicht klappt es beim nächsten Fest. Mal schauen, ob das Ministerium meine potentielle Planstelle zusammenstreicht.

Ich hoffe, dass Ihr die Tage mit Euren Lieben verbringen könnt - wenn Ihr das denn wollt - und zwar stressfrei und tatsächlich mit etwas Liebe.

Sonntag, 23. Dezember 2018

Nächster Halt: Kongresshalle


Gestern beim Einkaufen war es mir zwischendurch dann doch wieder zu voll und eine leichte Panik hat sich eingestellt. Kennt Ihr vielleicht, und dann brauche ich irgendeine Hilfe, um mein Gehirn wieder runterzufahren (...in den Keller...). Wenn es ganz schlimm ist, suche ich mir irgendwo eine Regalecke und tue so, als ob ich etwas aus dem untersten Regal holen muss. Das ist eine Möglichkeit, mich auf den Boden zu setzen und in das Regal zu starren. Ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert, aber es beruhigt. Am besten dabei noch Inhaltsstoffe von Produkten durchlesen und Anteile ausrechnen. Zum Glück kommt das in diesem Ausmaß nicht so oft vor; leichtere Anflüge von Panik kann ich wegwischen, indem ich die Fibonaccireihe im Kopf durchgehe (0,1,1,2,3,5,8,13,21,34 und so weiter).

Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, habe ich noch einen ganz anderen Kniff, um wieder ausgeglichen zu werden, und die Wurzeln dieser Methode reichen zurück in die Kindheit. Ich hatte hier im Blog schon einmal berichtet, dass ich total in die Berliner S- und U-Bahnen vernarrt bin. Immer durch die Stadt fahren, und drumrum, oberirdisch, unterirdisch, und natürlich den Netzplan auswendig gelernt. Allerdings wohnte ich nicht in Berlin, sondern in Weddingstedt, und da gab es keine S-Bahn. Nur für jeweils ein paar Tage konnte ich in den Ferien nach Berlin fahren, Die Tante besuchen und den lieben langen Tag herumfahren.

Ich wollte aber nicht auf den Spaß verzichten, und deswegen habe ich mir mein eigenes Liniennetz für Weddingstedt und Umgebung entworfen. Dann habe ich mich auf's Fahrrad geschwungen und bin quer durch den Ort gefahren, von "Haltestelle" zu Haltestelle, Fantasie pur - oder einfach nur ganz normaler Wahnsinn. Natürlich habe ich mein Liniennetz stetig erweitert, bis ich am Ende auch die benachbarten Ortschaften "erobert" hatte.

Einzelne "Bahnhöfe" hatten besondere Aufmerksamkeit verdient, spezielle Namen, und in meiner Fantasie waren das ausschweifende architektonische Meisterwerke, ganz klar ein Nachklang der U-Bahnhöfe Rainer G. Rümmlers in Berlin. Und sogar die Namen der Haltestellen habe ich aus Berlin übernommen, nur in wenigen Ausnahmefällen habe ich mir eigene Namen ausgedacht oder welche aus Filmen, Videospielen etc. übernommen.

Ausgangspunkt für alle Linien war natürlich mein Elternhaus. Nur, welchen Namen gibt man dem wichtigsten Bahnhof im ganzen Netz? Hauptbahnhof? Wie unkreativ. Nein, das musste was Originelles sein, was, das interessant klingt. Geheimnisvoll, wichtig. Politisch, nach Großstadt - und so hieß es dann am Ende fast jeder Fahrradfahrt: Nächster Halt: Kongresshalle. Übergang zu allen S- und U-Bahn-Linien, sowie zum Regional- und Fernverkehr. Diese Zugfahrt endet dort, bitte alle aussteigen!

Irgendwie war das eine echt schöne Zeit. Ich bin an die frische Luft gekommen, hatte ausreichend Bewegung und konnte "anders" sein, ohne, dass ich jemandem damit auf die Nerven falle. Eine Alternative zur Waschmaschine, sozusagen. Und nun ist es zwanzig Jahre später, und noch immer mache ich mir den Spaß, zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto zu meinem Arbeitsplatz fahre. Da habe ich natürlich die Fahrstrecke in Teilstücke aufgeteilt, und da gibt es dann unterschiedlichste Haltestellen, "Waldwiese", "Ostring", "Elmschenhagen", "Klinkenberg" und so weiter, bis ich das Auto am Ende bei meiner Schule parken kann.

Und dieses Durchgehen der Haltestellen (Ausstieg rechts? Ausstieg links?), das beruhigt mich, wenn mal wieder leichte Panik aufkommen sollte. Das ist quasi mein Auto-Fibonacci, und einer der Handgriffe, die ich wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen werde.

post scriptum: Liebe Sonnenanbeter, es darf gefeiert werden, seit gestern werden die Tage wieder länger!