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Sonntag, 24. März 2019

Preisauskunft (starten würden fahren könnten)


Weddingstedt, den 29.12.02

Betreff: Preisauskunft

Sehr geehrte Damen und Herren der Deutschen Bahn!

Ich habe eine kleine Frage bezüglich des neuen Preissystems. Ich möchte nämlich im nächsten Frühjahr mit meiner Familie meine Verwandten in Berlin besuchen. Es wäre sehr nett, wenn Sie mir zum Einen die günstigste, zum Anderen auch die bequemste Möglichkeit, also mit möglichst wenig Umsteigen (Meine Oma ist 82) aufzeigen würden. Hier die Einzelheiten zu meiner Reise:

Wir wohnen alle in Heide, Holstein. Die Hinreise nach Berlin, Zoologischer Garten soll am Donnerstag, den 6. März und die Rückfahrt am Dienstag, den 18. März stattfinden. Sehr zuvorkommend wäre es natürlich, wenn sie uns für die Hinfahrt eine Verbindung zwischen 11.45 Uhr und 14.45 Uhr sowie für die Rückfahrt eine Abfahrt in Berlin Spandau zwischen 16.00 Uhr und 18.30 Uhr angeben könnten. Ich möchte nochmals betonen, dass ich gerne sowohl die günstigste als auch die bequemste Verbindung wüsste. Hier nun die Einzelheiten zu den Mitreisenden. 

Ich bin 19 Jahre alt und habe sowohl einen Zivildienstausweis als auch eine Bahncard nach den alten Tarifen, die bis zum 10. März gültig ist. Meine Eltern kommen auch mit, die Bahncard meiner Mutter ist nach den alten Tarifen und noch bis Ende Mai gültig, mein Vater hat eine neue Bahncard (25% auf alle Rabatte). Ich möchte auch noch meinen kleinen Bruder mitnehmen. Er ist 18 Jahre alt und beginnt zum 1. März seinen Zivildienst. Leider hat die Dienststelle ihm nur Urlaub vom 6. März bis zum 14. März gegeben, das heißt, dass er bereits am Freitag, den 14. März zurückfahren muss. Auch hier wäre eine Abfahrtszeit (aus Berlin Zoologischer Garten) zwischen 16 Uhr und 18.30 Uhr sehr passend. Seine neue Idee war aber, dass wir alle vielleicht mit einem Schönes-Wochenende-Ticket, wenn wir nun erst am Samstag, den 8. März starten würden, fahren könnten. Ich bin mir nun aber nicht mehr sicher, ob es dieses Ticket noch gibt. Die fünfte Person im Bunde ist dann nämlich meine Schwester. Sie ist dreizehn Jahre alt und fährt damit sowieso umsonst, wenn ich mich recht entsinne. Sie wird aber am Mittwoch, den 12. März 14 Jahre alt, wir feiern bei meiner Tante. Damit dürfte zumindest die Rückfahrt etwas kosten, aber es gibt ja auch immer noch so etwas wie Mitfahrerrabatte, habe ich gehört. Natürlich möchte ich auch den Frühbucherrabatt miteinberechnet sehen, da wir mit der endgültigen Planung Anfang Februar beginnen. 

Es gibt nun kleine Komplikationen bei der Rückfahrt. Wie schon gesagt, werden wir in Berlin Spandau einsteigen (nach dem Besuch bei meiner Großtante). Diese kommt auch mit, um ihre Schwester in Heide zu besuchen. Da meine kleine Schwester inzwischen ihre Freundin in Wittenberge besucht, sollten wir sie auf dem Rückweg natürlich mitnehmen. Die Kosten übernimmt die Familie ihrer Freundin, diese brauchen Sie also nicht miteinzuberechnen. Die Freundin fährt aber nur zu ihrem geschiedenen Vater in Hamburg. Der wird sie in Altona abholen, also hätten wir alle die Rückfahrverbindung gerne über Altona. Wir gehen zwar davon aus, dass meine Großmutter für ihre Schwester die Rückfahrkosten nach Berlin übernimmt, aber das kann sich immer noch ändern. Bitte planen Sie für meine Großtante also auch die Rückfahrt nach Nauen ein. Sie findet am Sonntag, den 23. März statt. Der Beginn der Fahrt ist im Prinzip egal, aber bitte keine Abfahrt in Heide/Holstein vor 9.15 Uhr. Auch ist es zu begrüßen, wenn sie nicht nach 15.30 Uhr in Nauen ankommt – sie wird nämlich immer schon recht früh müde und wollte sich in Nauen mit einer guten Bekannten treffen.
Ich möchte mich schon einmal im Voraus bei Ihnen für die Hilfe bedanken; ich bin nämlich davon überzeugt, dass gerade nach der Tarifumstellung diese kleine Auskunft Ihnen keine Probleme bereiten dürfte.

Hochachtungsvoll,

Dr Hilarius

Samstag, 12. Januar 2019

Die Abschaffung der Nacht

Nacht? Überbewertet...

Es gab da also einmal diese Phase, in der ich einen Beitrag für unsere Schülerzeitung Hermes schreiben wollte, aber ich war gerade in der Oberstufe angekommen, hatte weder Rückgrat noch Selbstvertrauen und war mir sehr sicher, dass ich nicht gut schreiben kann. Ganz bestimmt könnte ich keinen ernsthaften Beitrag veröffentlichen, der zum Nachdenken anregt, ganz bestimmt fehlten mir dazu Intelligenz und Hintergrundwissen. Also entschied ich mich für den einfacheren Weg und nahm mir vor, etwas Witziges zu schreiben. Das war der viel einfachere Ausweg, denn auf diese Weise sollte man meinen Text gar nicht ernst nehmen und ich wäre aus dem Schneider, gewissermaßen.

Aber ich war mir sicher, dass ich genau genommen auch nichts Witziges schreiben konnte. Das musste irgendwie anders erzeugt werden. Ich musste etwas schreiben, dass sich selbst nicht ernst nimmt, dessen gewünschte Leserreaktion allerdings anders erzeugt wird. Wie soll das gehen? Zeichnen konnte ich erst recht nicht, und ich war bei Weitem nicht so schlau wie unser Jahrgangsprimus MC S, niveauvoll war also auch nicht drin. Es musste etwas völlig Unsinniges sein, und am besten auch ohne meinen Namen in der Zeitung veröffentlicht werden, damit niemand irgendwelche Rückschlüsse auf meine Person ziehen könnte.

Also nahm ich mir etwas Albernes vor. Und schrieb einen Brief an die damalige Bürgermeisterin der Dithmarscher Kreisstadt Heide, Maike Jahns. Ich wollte das einfach mal probieren: Einen Brief an eine wichtige Person schreiben, und dann mal schauen, ob und wie diese Person (oder meinethalben irgendein Angestellter) darauf reagiert. Und sollte diese Reaktion witzig sein, gäbe ich sie zusammen mit meinem Brief an die Redaktion der Schülerzeitung weiter.

Dann versuchte ich, einen Mittelweg zu finden: Etwas völlig Albernes zu schreiben, aber mit ganz sachlicher Logik zu argumentieren, pseudo-ernsthaft, so dass diese "berühmte Person" selbst entscheiden kann, ob ernsthaft oder witzig geantwortet würde. Also schrieb ich an die Bürgermeisterin einen Brief mit der Bitte um die Abschaffung der Nacht, da eine Reihe von Argumenten dafür sprächen.

Und ja, es kam eine Antwort. Das war dann so ein Fall, wo es in meinem Kopf hieß: "Was, sie hat tatsächlich geantwortet? Oder irgendjemand? Oh mann, den Brief mache ich nicht auf, mein Brief war so albern, ich bekomme bestimmt Ärger oder so." Keine Ahnung, ob das typisch HB ist oder einfach konditioniert, diese Versagensangst bzw. Angst vor Zurückweisungen. Dennoch habe ich den Brief geöffnet - und kurze Zeit später konnte der Briefwechsel dann in der Schülerzeitung unter der Rubrik Funkuchen gelesen werden (draufklicken zum Vergrößern):



post scriptum: Ich habe mir heute endlich einmal "The Social Network" (2010) angeschaut, ein Biopic über Mark Zuckerberg und seine Facebook-Gründung. Ein brillanter Film, für mich anstrengend zu folgen, weil derweil so viele Gedanken in meinem Kopf gekreist sind. Und eine sehr authentische Darstellung eines sozial inkompetenten, gefühlskalten, genialen Hochbegabten, und deswegen füge ich diesen Film der Seite "Hochbegabung im Film" hinzu.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Von hinten schräg durch die Brust in's Auge


Es ist immer wieder herzerwärmend, zu erleben, wie es gemobbte, ausgegrenzte Schüler sind, die sich an ihrer Schule weit über das übliche Maß hinaus engagieren, und zwar an weit mehr als nur einer Theater-AG. Sie bringen sich in der Schülervertretung ein, sie wagen es, der Schulleitung zu widersprechen, sie regen einen Diskurs an, sie werfen Sand in das Getriebe des schulischen Apparats. Sie versuchen, die Lage für ihre Hunderte von Mitschülern zu verbessern, indem sie aktiv Vorschläge für die Gestaltung des Schullebens einbringen oder einfach ganz "harmlos" schulische Konzepte wie Bildungsministerium oder Lehrplan für ihre Mitschüler anschaulich und nachvollziehbar erläutern. Um ihnen zu zeigen, wie seitens des Ministeriums oder jeglicher höheren Instanz mit ihnen umgegangen wird.

Ich war nie einer dieser Schüler; bei mir kam das erst im Studium, Studierendenparlament und dieser Kladderapatsch. Aber es gab sie, und an unserem Werner-Heisenberg-Gymnasium haben sie sich ein Bein ausgerissen, um eine Schülerzeitung zu gestalten und am Leben zu halten, was sehr schwierig war, denn - wie sie zu erzählen nicht müde wurden - während mehrere hundert Exemplare immer innerhalb der großen Pause ausverkauft waren, so fand sich phasenweise kaum jemand, um für die Zeitung zu schreiben. Man möge an dieser Stelle ahnen, in welche Richtung das geht: Ja, ich habe auch mal für die Zeitung geschrieben. Ja, irgendwann werde ich das auch mal hier im Blog posten, so als siebzehn Jahre alten Nostalgieschub, aber heute geht es um etwas ganz Anderes.

Man merkt, ich lese gerade meine alten SZ-Ausgaben quer und schaue, ob ich etwas davon in diesem Blog veröffentlichen möchte, und das scheint insgesamt wohl mehr als nur ein Artikel zu werden, und deswegen habe ich den Tag Schülerzeitung neu hinzugefügt. Dabei geht es seltsamerweise gar nicht mit Schülergedanken los. Zumindest nicht direkt.

Es hat nämlich auch einmal ein Lehrer geschrieben, unter der Rubrik PS: Paukers Standpunkt. Da meldete sich dann ein oller Seebär zu Wort, der nie verlegen um fiese Kommentare in Klausuren und im Unterricht war, den es immer biestig zu freuen schien, wenn er Hoffnungen auf gute Noten zunichte machen konnte, und der leider erst in der Oberstufe ansatzweise verstanden wurde in seinem Denken. Und er hat einen kleinen Aufschrei in der Hermes veröffentlicht, der vom heutigen Standpunkt aus "visionär" genannt werden muss.

Deutsche Sprache - Schwere Sprache
Sprache als Kulturtechnik betrachtet

von Klaus Brunkert



Wären Lehrer Stilblütensammler, könnten Korrekturen mehr Lust als Frust bereiten. Da erkältet sich warme Luft, wenn sie aufsteigt; es vermehren sich die Binnenschiffe auf der Wolga oder Sonne falle in Rom steiler auf die Erde als in Kiel. Solche verbalen Glanzpunkte verleiten natürlich zu launigen Randbemerkungen, die betroffene Schüler meistens gar nicht gut finden, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen.

Nehmen wir es also ernst. Faktum ist, dass immer mehr Schüler nicht in der Lage sind, komplexe Sachverhalte und zunehmend auch einfache sprachlich exakt wiederzugeben. Dies mag ein beispielhafter Dialog verdeutlichen:
- Lehrer erläutert nach der Rückgabe der Klausur, welche Inhalte er erwartet habe.
- Schüler beschwert sich, weil er für eine Passage keine Punkte erhalten habe, obwohl er genau das geschrieben hätte, was der Lehrer als Erwartungshorizont formuliert habe.
- Lehrer verweist auf seine Randbemerkungen.
- Schüler bezweifelt Korrekturkompetenz des Lehrers.
- Lehrer weist nach, dass der Absatz nicht das beinhaltet, was der Schüler behauptet, während sich der Rest des Kurses langweilt.
- Schüler: "Aber Sie wissen doch genau, dass ich damit das gemeint habe, was Sie hören wollten."

1. Die Ursachen für die stark eingeschränkte Sprachkompetenz sind vielschichtig, lassen sich aber mit Einschränkungen auf zwei Grundphänomene zurückführen: Während früher die meisten Schüler relativ viel gelesen haben und so mit der Schriftsprache vertraut wurden, dominieren heute (2001) audiovisuelle Medien, wobei besonders die kommerziellen eine comichafte Stichwortsprache präsentieren, die differenzierte Darstellungen nicht erlaubt. Sachverhalte werden auf das Niveau und Zeitlimit von einprägsamen Werbeslogans verkürzt, vereinfacht und zwangsläufig oft auch verfälscht.

2. Lehrer lassen sich immer weniger Zeit und/oder haben nicht die Geduld, Schüler zu zwingen, zumindest im Unterricht Sprache als präzises Instrument der Verständigung zu erlernen, sondern reduzieren Schüler zu Stichwortgebern, weil a) sonst der im Lehrplan vorgegebene Stoff nicht mehr bewältigt werden kann und b) Schüler sich nicht mehr über einen längeren Zeitraum auf einen Gegenstand konzentrieren können. Dies ist ein Verhalten, das den Hör- und Sehgewohnheiten heutiger Medienkonsumenten entspricht, die optische und akustische Highlights fast im Sekundentakt fordern als Preis für ihre Aufmerksamkeit. Als Beleg mag man die Länge von Filmsequenzen in alten und neuen Filmen vergleichen. Schüler werden also unkonzentriert und folglich abgelenkt, unruhig bis störend, wenn sie entgegen ihren Gewohnheiten gefordert werden. Pädagogisch richtig, im Ergebnis aber falsch wird ein häufiger Methodenwechsel angewendet.

Es scheint bedenklich, dass gerade in einer Zeit, in der Sachverhalte zunehmend komplizierter werden, die Fähigkeit, diese rein sprachlich zu verstehen oder gar darzulegen, bei einer wachsenden Zahl von Menschen abnimmt. Denn Nichtverstehen erzeugt irrationale Ängste und Reaktionen mit den entsprechenden gesellschaftspolitischen Implikationen, die vom Drogenmissbrauch bis zum politischen Radikalismus reichen.

Was also tun unter der Prämisse, dass Schule nur sehr begrenzt gegen allgemeine Entwicklungstendenzen steuern kann. Im Sinne von exemplarischem Lernen bleibt wahrscheinlich nur der Ausweg, den Lehrplanstoff erheblich zu reduzieren und an wenigen Inhalten das einzuüben, was man gemeinhin als Kulturfertigkeiten bezeichnet. Bei der heutigen Halbwertzeit von fachspezifischem Wissen scheint es zukunftsträchtiger, wenn die Schule sich von einem Institut der Wissensvermittlung zu einem Lernort von Arbeits- und Lernmethoden wandelt, wobei die Beherrschung der Sprache unentbehrlich ist. Dass dabei das Wissen um die geisteswissenschaftliche Vergangenheit unserer Kultur weitgehend verloren geht, scheint ein hoher, aber notwendiger Preis zu sein. Aber warum sollen heutige Schüler mehr über Goethe und Lessing wissen als über Aristoteles und Seneca?