Samstag, 8. August 2020

"Erst werden Sie gebacken..."

 

"...und dann gibt es Kuchen!"

Das ist kein Tippfehler mit dem großen S in der Überschrift, diese Stimme sagt tatsächlich zu mir, dass ich gebacken werde, und dann gibt es Kuchen. Diese Stimme stammt aus einem Videospiel, anhand dessen man sehr gut das Konzept Absurde Literatur erklären kann (Portal). Ich habe mich im Englischstudium sehr für das Absurde interessiert, und wer ein exemplarisches Theaterstück erleben oder lesen möchte, dem empfehle ich Arthur Kopits Oh Dad, Poor Dad, Momma's Hung You In The Closet And I'm Feelin' So Sad (1959). In diesem Beitrag geht es aber weder um Videospiele noch Literatur, dafür tatsächlich um Kuchen. Genauer gesagt, um das Backen, denn ich fühle mich gerade, als würde ich gebacken.

Die Thematik ist altbekannt, Hochsommer in einer Dachgeschosswohnung, aber sie bietet einen neuen Blickwinkel - den Aspi-Faktor. Als ich hier eingezogen bin, hatte ich überhaupt keine Probleme mit der Sommerhitze in der Wohnung. Attwood sagt mir, dass Aspis erstaunlich unempfindlich gegenüber Hitze und Kälte sein können. Und wo sollte das Problem sein? Ich lege einfach alle Sitzflächen mit Handtüchern aus, um den Schweiß aufzunehmen, fertig. 

Zwei Jahre hat es gebraucht, bis ich Sonnenschutzfolien für die Fenster entdeckt habe. Einmal auf die Fenster geklebt, reflektieren sie einen Großteil der Wärme und der Effekt ist spürbar. Drei weitere Jahre hat es gedauert, bis ich auf die Idee gekommen bin, dass ich mir einen Ventilator in die Wohnung stellen könnte - und das, obwohl die große Buba mir so oft davon erzählt hat, wie gut ihr der Ventilator in ihrer Wohnung tut. Das nehme ich zur Kenntnis, aber komme nicht auf die Idee, dass das auch mir helfen könnte. Typisch für diese Behinderung: Es gibt ein Problem, die Lösung liegt auf der Hand, aber der Aspi kommt nicht drauf, diese Lösung anzunehmen. 

Oder überhaupt nach einer Lösung zu suchen; Sommer Dachgeschoss Wohnung Erfrischung bei Google einzugeben, würde sicherlich sofort praktische Tipps gebracht haben. Auch typisch Aspi: Er erkennt oft gar nicht, dass es überhaupt ein Problem gibt. Die ersten zwei Jahre bin ich hier in der Wohnung geschmolzen, aber dachte mir, dass ich doch wunderbar damit klarkomme, warum also sollte ich etwas ändern?

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich dieser Tage die Wasser-Sprühflasche wiederentdeckt habe. Es tut unglaublich gut, auf die heiße Haut etwas Sprühnebel zu geben, dessen Verdunstung dann angenehm kühlt, gerade im Ventilatorwind. So einfach, hätte ich schon längst haben können, aber nein, ich sehe ja überhaupt kein Problem in der Situation. 

Hoffentlich kommt Ihr einigermaßen frisch durch die Hitzewelle!

Freitag, 7. August 2020

Kleiner Stundenplan - Große Wirkung

Erste Dienstversammlung im neuen Schuljahr überstanden - erst jetzt fühle ich mich sicher, dass ich tatsächlich ein weiteres Jahr bleiben darf. Erst jetzt, wo ich meinen neuen Stundenplan vor mir sehe, kann ich das - wortwörtlich - begreifen, und das macht einen riesigen Unterschied zum Anfang der Woche.

Wenn auch die Unsicherheit da ist: Der Großteil der Kollegen trägt Maske, aber eben nicht alle, obwohl gestern Abend unser Hygienekonzept rumgegangen ist, in dem Maskenpflicht bei uns zumindest bis zum Vierundzwanzigsten vorgesehen ist. Und dann noch so viele neue Gesichter - die ich mir sicherlich nicht alle merken kann [und so viele mit Englisch - war schon immer Massenfach an der Uni, und trotzdem gibt es immer einen großen Mangel].

Welche große Wirkung hat dieser Stundenplan nun also? Zunächst einmal macht er mich sehr glücklich; der freie Tag hängt am Wochenende, und so kann ich mir die Woche wieder aufteilen in einen Schul- und einen freien Block. Mir hilft das, weil mein Kopf das Konzept Feierabend nicht kennt. Der gesamte Tag ist entweder Arbeit oder frei.

Bemerkenswerter ist aber, dass ich jetzt endlich mein Unterrichtskonzept planen kann. Klar, das hätte ich schon längst machen können, aber da steht mir mein Kopf im Weg: Wenn ich keine Sicherheit habe, welche Lerngruppen ich unterrichten kann, plane ich nichts. Typisch Aspi. Ohne Sicherheiten ist es, als ob eine gedankliche Handbremse angezogen ist, ich komme dann nicht voran, verbleibe in meiner Starre und verbringe meine Zeit mit Videospielen, Filmen und dem Lernen des Buddhismus - Dinge, die mir Sicherheit geben. Insofern mag das nur ein kleiner Stundenplan sein, aber die Wirkung insofern ist groß, als dass für mich nun das neue Schuljahr startet.

Seid Ihr mit Euren Stundenplänen zufrieden? Und wenn ja, warum nicht? Und wie sieht Euer Hygienekonzept aus? Kommentare sind herzlich willkommen!

Dienstag, 4. August 2020

Der Melissenwald


Mein Badreich ist um eine Zone reicher geworden: Nachdem ich Melisse Etheridge in den Pflanzkasten umgesetzt hatte, hat sie dort tatsächlich Fuß gefasst, ihre Wurzeln noch weiter ausgebreitet und ist in die Höhe und Breite geschossen - so sehr, dass deutlich weniger Tageslicht in's Bad kommt. Das passt mir aber ganz gut, denn ich habe ja das blaue Stimmungslicht, das per Bewegungsmelder eingeschaltet wird, die olle Areté hätte mal wieder ihren Spaß.

Irgendwie ist es ein sehr angenehmes Gefühl, mit der Hand über die vielen großen Melissenblätter zu streichen. Auf ihnen ist eine Vielzahl kleiner Härchen, fast schon flauschig, und wenn man mit ein wenig Druck an ihnen reibt, riechen die Finger frisch nach Zitrone, das ist toll. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Pflanze mein Bad derart bereichern würde, und das gibt mir die Motivation, auch noch eine dritte Pflanze dort wachsen zu lassen. Ich habe ein Bild davon im Kopf, jetzt muss ich nur noch die passende Pflanze dafür finden. 

Ich kann nicht erklären, warum, aber dieses Konzept von Natur im Bad finde ich gut passend, die Pflanzen produzieren Sauerstoff, es duftet frisch, jetzt muss ich es nur noch schaffen, regelmäßig zu gießen, denn Melisse säuft wie ein Loch; ich hätte nicht gedacht, dass sie zu einer Wasserholikerin wird. Immerhin hat sie sich mit Chuck die Pflanze gut angefreundet, so darf das gern weitergehen!

Sonntag, 2. August 2020

Die Dummheit kann uns keiner nehmen!


Wenn Ihr heute Abend die Nachrichten verfolgt, dann werdet Ihr von einer Demonstration in Berlin erfahren. Weit über zehntausend Menschen sind gegen die Schutzmaßnahmen zur Corona-Pandemie auf die Straße gegangen (auch wenn die Veranstalter währenddessen von Eins Komma Drei Millionen Menschen sprachen, ist ja nur ganz knapp daneben), ohne Mindestabstand, ohne Masken, dafür mit irren Parolen wie "Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit" oder, noch abstruser, "Wir sind die zweite Welle". Coronaleugner, Impfgegner, Linksradikale, Rechtsradikale, Esoteriker, Sich-Abgehängt-Fühlende, die Menschenmenge schien ein Pasticchio aus Gesinnungen zu sein.

Bin ich überrascht oder gar fassungslos? Nicht im geringsten; diese Krise zeigt nur, dass Menschen immer auch zur Unvernunft neigen, nur tritt es in einer solchen Situation noch viel stärker hervor als in normalen Zeiten. Ich lasse es generell nicht gelten, wenn mir jemand sagt "Ach, das sind doch nur Einzelne, die sich nicht daran halten". Ich kann weiterhin meine Quote von drei bis fünf Fahrgästen pro Busfahrt bestätigen, die die Maske nicht oder nur teilweise tragen, ich sehe Anpöbelungen, wenn sie auf dieses Versäumnis angesprochen werden, ich sehe Ignoranz oder Blindheit gegenüber den Laufrichtungen in Einkaufszentren. Sicher: Die Mehrheit der Menschen hält sich an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie, es ist - bisher - immer eine Minderheit, die sie ignoriert, aber leider eine sehr hartnäckige Minderheit.

Bin ich deswegen wütend? Nicht mehr so wirklich; anfangs habe ich mich über jedes neue Phänomen des Widerstands ein wenig aufbringen können, aber ich arbeite wirklich intensiv daran, das buddhistische Denken zu verinnerlichen, in dem Wut keinen Platz, beziehungsweise keinen Anlass hat. Wem könne außerdem damit geholfen sein, dass ich wütend werde und meinen Blutdruck hochtreibe?

Bin ich also deswegen traurig? Vielleicht ein wenig ernüchtert darüber, dass so viele Menschen nicht erkennen wollen, dass ihre Gesundheit und letztlich vielleicht sogar ihr Leben auf dem Spiel steht, wie auch das ihrer Mitmenschen.

Habe ich denn dafür Verständnis? Ich versuche, es aufzubringen. Die Corona-Schutzmaßnahmen sind ein Eingriff in die persönliche Freiheit des Menschen, mir werden Verhaltensweisen verboten, die normalerweise vollkommen in Ordnung sind. Womöglich glaube ich sogar den Verschwörungstheorien, die zahlreich im Internet und in der Bevölkerung kursieren, und kann deswegen erst recht nicht verstehen, warum ich meinen Lebensstil einschränken sollte, wenn es doch keinen Anlass dafür gibt. Sehr viele Menschen denken tatsächlich, dass es sich bei Corona um einen Schwindel handelt; sie klammern sich an jeden Strohhalm, um für ihre Freiheit zu kämpfen. Irgendwie versuche ich tatsächlich, das zu verstehen, und deswegen muss man eigentlich auf diese Demonstrationen gehen und mit dem Menschen reden, so wie es zum Beispiel Dunja Hayali versucht hat; auf ihrem Twitter-Account findet sich ein Video von der Demo, das sehr anschaulich zeigt, wes Geistes Kind die Menschen dort vor Ort sind, und einige dieser Menschen sind ernsthaft verzweifelt. Da hilft nur Aufklärung.

Natürlich ist der Begriff Dummheit für dieses Verhalten reißerisch und abwertend (aber nicht so schlimm wie SPD-Eskens Begriff Covidioten), aber letztlich ist es das doch irgendwo, oder? Und jeder von uns hat das Potential dazu, nur vielleicht nicht immer in einem Corona-Zusammenhang. Ich habe hier im Blog schon einmal darüber geschrieben, doch dieses Großevent in Berlin zeigt mir schon wieder: Diese Dummheit kann uns keiner nehmen. Manche Menschen lernen erst, wenn sie auf der Intensivstation liegen. Oder im Grab. Manche Menschen lernen es gar nicht.

Freitag, 31. Juli 2020

Durchgebrannt (T'n'T)

Die Hochzeitsgesellschaft

Ich bin mir nicht ganz sicher - kann es tatsächlich sein, dass ich diese Anekdote im Blog noch nicht erzählt habe? Falls ja, dann überspringt Ihr das einfach. Falls nein - nun, diese Geschichte zeigt, wie viel Unsinn man machen kann, wenn man jung ist. Ist vielleicht gerade nicht ganz unpassend, wenn man betrachtet, wie viele Jugendliche und junge Erwachsene momentan trotz der Corona-Pandemie es auf's Feiern anlegen - momentan ist die Berliner Hasenheide in den Medien, aber auch in Hamburg soll es Einschränkungen zum Alkoholausschank geben. Und was hat dieser Irre äi käi äi DrH damals im Studium gemacht? Er ist mit seinem damaligen Freund durchgebrannt - und hat seine "Hochzeitsgesellschaft" sitzengelassen.

Aber von Anfang an. Ich habe T vor fünfzehn Jahren kennengelernt. Wir waren damals im Kieler Birdcage für einen netten Abend. Mein Freund D (wir waren damals seit einigen Wochen im Guten getrennt) hatte mich dorthin geschleppt, er wollte sich mit seinem Ex treffen, der hatte seinen neuen Partner dabei, und irgendwie waren wir dann also eine Tuckenrunde, in der scheinbar jeder was mit jedem hatte, außer mir. Ja, so ist die Schwulenszene nun mal; auch wenn nicht alle so sind, so werden Partner doch gern und häufig weitergereicht. Man nimmt eben, was man bekommen kann, als Minderheit in der Bevölkerung, und außerdem habe ich den Eindruck, dass Schwule sexuell aufgeschlossener sind - wenn sie denn ihr closet erstmal aufgeschlossen haben.

Ich fand T damals sofort total süß. Er sah ziemlich jung aus, hatte ein richtig niedliches Gesicht und Lächeln und überhaupt, ich war sofort in ihn verschossen - aber das behielt ich natürlich für mich. Nach und nach fingen wir an, über die blauen Seiten zu chatten, und so kam eins zum anderen, beziehungsweise ich kam im Auto eines Nachts zu ihm nach Westerhever auf Eiderstedt, wo er seinen Zivildienst in einem Pflegeheim absolvierte. Einfach nur für einen Filmabend, selbstverständlich, ich war viel zu schüchtern, um nach etwas Anderem zu fragen. Wir haben Sommersturm geschaut, ausgerechnet.

Sorry, es wird auch ein bisschen romantisch und kitschig - durchhalten!

Das war zwar nicht im Sommer, aber es war trotzdem stürmisch. Das hat es drinnen umso gemütlicher gemacht, und es hat nach dem Ende des Films nicht mehr lange gedauert, bis wir zusammen auf's Bett gefallen sind und gekuschelt haben. Das war einer dieser Momente, die bestimmt einige von Euch kennen - endlich ist diese Barriere gefallen, ich weiß, dass ich den Anderen küssen darf, die Schüchternheit darf mal etwas in den Hintergrund rücken. In dieser Stimmung hat T mir erzählt, dass er sich bereits an diesem Abend im Birdcage vor einigen Monaten in mich verguckt hat. Das hat wohl auf Gegenseitigkeit beruht, das ist eine Grundlage für immerhin ein paar schöne Momente. Außerdem hat es irgendwie gepasst - ohne in die Details zu gehen, kann man sagen, dass T'n'T charakterlich und sexuell ganz gut zusammengepasst haben.

Wir waren außerdem beide gern albern und etwas kindlich. "Etwas??" mag sich jetzt vielleicht die Sannitanic fragen. Ja, genau wie bei der großen Buba habe ich auch bei T in den Kindheitsmodus gewechselt; man könnte fast sagen, ich hätte mich schwul verhalten. An solch' einem albernen Abend haben wir uns überlegt, dass wir doch einfach mal heiraten könnten. Nicht Standesamtiges, nichts Kirchliches, einfach nur eine kleine nette spielerische Geste. Das war natürlich nur ein Hirngespinst, aber an dem Abend haben wir uns das richtig detailliert ausgemalt - ein schönes Essen, eine richtige Predigt, alle in tollen Outfits, und natürlich würden wir dann auch durchbrennen und einfach mit dem Wagen von Kiel nach Dithmarschen fahren, an die Westküste, zu meinen Eltern, und dort die Hochzeitsnacht verbringen.

Diese Hirngespinste sind nach und nach so detailliert geworden, dass wir uns fragten, warum wir eigentlich noch überlegen. Dass das eine völlig schwachsinnige, irre, planlose, wilde Idee war - geschenkt. Wir sind Twens, wir wollen high life in Tüten, also warum nicht? Und so haben wir uns zusammengesetzt und einen Plan gebastelt. Rückblickend: Perfekt - Pläne, die dann eingehalten werden können, finde ich toll, das entspannt mich, und deswegen haben wir einen genauen Ablauf für das Event vorgesehen, das ich im Folgenden einfach Hochzeit nenne.

Als Erstes würden wir uns bei Burger King treffen. Freunde des Bräutigams und des Bräutigams. Dort würden wir uns vollstopfen, und dort würden wir auch die Trauung durchführen lassen. Wer würde uns wohl die Ehre des Standesbeamten erweisen? Ich fand es großartig, dass YazzTazz sich bereiterklärt hat, die Hochzeit zu vollziehen, in einem wunderschönen Bollywood-Outfit, und die anderen Gäste bitte in Abendgarderobe. Das sollte problemlos ablaufen. Danach gehen wir dann die zweihundert Meter Richtung Kronshagener Berge, alle Gäste werden in mein Zimmer verfrachtet, und ich bereite in der Küche den Nachtisch zu. Das wäre meine Ausrede, um aus dem Zimmer zu verschwinden. Und T? Der würde sich einfach auf's Klo entschuldigen. 

Und dann? Wie bekommen wir das hin, ihnen klarzumachen, dass wir durchbrennen würden - nicht, dass sie sich noch ernsthaft Sorgen machen, wenn wir plötzlich unauffindbar sind. Wie man es auch dreht und wendet - wir brauchten einen Komplizen. Einer der Gäste musste in den Plan eingeweiht sein, musste den genauen Ablauf kennen und zur Not die richtigen Schritte im Ablaufplan dirigieren. Es musste jemand sein, auf den ich mich absolut verlassen konnte, jemand, der den anderen Gästen eher unbekannt war, damit nichts rausrutschen konnte. Also fragte ich bei meiner besten Freundin A an, jene, in die ich damals in der Oberstufe verliebt war. A fand die Idee witzig und machte sich von Dithmarschen auf den Weg, um unsere Verbündete zu werden. Dann mussten wir nur noch einen "Abschiedsbrief" vorbereiten, Knabbersachen und Getränke bereitstellen, damit die zurückgelassenen Gäste sich trotzdem noch einen schönen Abend machen können. 

Genau so haben wir das Event dann durchgezogen. Es hat alles geklappt wie am Schnürchen, YazzTazzs Rede war schön, das Essen war lecker, die Gesellschaft sehr nett, niemand hat Verdacht geschöpft. Ein irres Gefühl, wie der Puls schneller wird, wenn man realisiert, dass es nur noch ein paar Minuten sind, bis man die Wohnung verlässt. Aufregend! T war genau so aufgeregt, aber wir versuchten, uns nichts anmerken zu lassen. Als der Nachtisch fertig zubereitet war, gab ich A und T im Zimmer das verabredete Zeichen und begab mich auf die Flucht - T einen kleinen Moment später. Aufgeregt standen wir im Fahrstuhl nach unten, der Puls rast, hoffentlich merken sie noch nichts, wäre zu blöd, wenn sie uns doch noch abfangen. Aber trotz aller Aufregung musste ein romantischer Kuss im Fahrstuhl noch sein. Dann ab in den Wagen, die Taschen schon längst eingepackt, und raus aus Kiel, total verliebt.

Ein einziger Wehmutstropfen blieb - ich hätte zu gern miterlebt, wann die Anderen merken, dass etwas nicht stimmt, und wie sie darauf reagieren, und was sie aus dem Abend machen. Schon damals war ich intensiv daran interessiert, menschliches Verhalten zu beobachten, und das wäre echt toll gewesen. Leider hatte ich dazu keine Gelegenheit.

...würde ich sagen, wenn wir nicht auch das mit eingeplant hätten, und so hatte ich in meinem Bücherregal ein Diktiergerät versteckt und auf Aufnahme geschaltet. So habe ich am Sonntag Abend einen kompletten Tonmitschnitt des Abends vorgefunden, habe mir ein leckeres Essen zubereitet und dann genüsslich schmunzelnd angehört, was die anderen Gäste so erlebt haben. Ich habe diese Datei auch heute noch, und es ist immer wieder schön zu erleben, wie die Anderen sich zunächst irgendwann fragen, wo T'n'T so lange sind - Mutmaßung: T ist zu T auf die Toilette gegangen und sie machen dort herum. Lacher. Einige Minuten später wird es etwas ernster, einer macht sich auf die Suche, findet aber niemanden. Leider auch nicht den Abschiedsbrief, den wir nicht sehr subtil an die Eingangstür gehängt hatten. Zum Glück war A noch vor Ort, und hat unauffällig den Zettel gefunden und alle aufgeklärt, dass wir durchgebrannt sind. Zu schön, sich die Gesichter in dem Moment vorzustellen!

Nun hätte ich ja gedacht, dass sie dann einfach den Nachtisch essen und nach Hause gehen - aber Studenten feiern nun mal gern, und so haben sie sich den Nachtisch aufgeteilt und nette Musik angemacht - Zitat: "Gute Musik bei T zu finden - ein hoffnungsloses Unterfangen." und sind dann schließlich bei ABBA Gold gelandet; von da an haben sie sich noch einen schönen Abend gemacht, zwei Stunden lang nett unterhalten, amüsiert über unser Durchbrennen, und haben sich Pläne überlegt, wie sie sich "rächen" könnten, darunter das Bett auseinander bauen oder alle CDs in den Alben vertauschen. Großartig! 

Unter'm Strich muss ich sagen - egal, wie dämlich die Idee auch gewesen sein mag, es war aufregend und wir hatten jede Menge Spaß. Eine Anekdote, an die ich mich vermutlich noch lange erinnern werde. Und unsere Eheringe haben wir noch heute ;-)


Montag, 27. Juli 2020

Ein Glas "Asperger Pur", bitte!


Welch' ein Genuss:

Ich falle heute morgen gegen elf Uhr aus dem Bett, mit dem Tagesplan im Kopf, den ich mir in der letzten Nacht zurechtgelegt habe. Ich brauche mein Drehbuch für den Tag, das gibt mir Sicherheit - an dieser Stelle lohnt es sich wirklich, noch einmal den Beitrag Hochbegabte Entgleisungen zu lesen. Ich habe das eben gemacht, und da habe ich doch tatsächlich geschrieben, dass jeder dieses Gefühl kennen müsste, und dass ich Mitleid mit Autisten hätte, denn bei denen dürfte es schlimm sein, wenn dieses Drehbuch nicht abgespielt wird, beziehungsweise dieser Gedankenzug für den Tag entgleist. Lest das mal, es ist so anschaulich, das sollte ich im Themenbereich verlinken - oder zumindest diesen Beitrag, als Nachschlagewerk, quasi.

Schwenken wir also zu heute morgen, nutzen wir statt der Drehbuch- wieder die Zugmetapher. Mein Zug für heute schreibt mir vor, dass ich um Elf Uhr die große Buba anschreibe, Treffen und so, und der gesamte Rest des Tages ist auch geplant - wann ich ein Videospiel spiele, wann ich in meinem Tagebuch weiterlese, wann ich einen Blogartikel schreibe, wann ich esse, unter die Dusche gehe, meditiere, Buba kommt, ich ein Hörspiel höre und dann in's Bett gehe. Alles geplant, ich bin beruhigt, das kann jetzt so ablaufen.

Also öffne ich um Elf Uhr Facebook, um eine Nachricht zu schreiben, und dann wird mir in rot angezeigt, dass ich selbst eine neue Nachricht habe, nämlich von der Sannitanic:

"Hey DrH,
Das ist jetzt spontan, sorry! Ich habe um 11h einen Zahnarzttermin und danach "kindfrei" in Kiel - wollen wir uns in der Stadt treffen?
Liebe Grüße"

Und dann geht's los. Beziehungsweise nein, alles hält an. Ich schaue auf die Nachricht und reagiere nicht mehr. Ich möchte nachdenken, kann es aber nicht, während ich die Nachricht sehe, ich fühle mich wie einbetoniert. Screenshot. Ich gehe zur Küchenzeile, stütze mich mit der Stirn gegen den Küchenschrank und schaue auf die Gläser unten auf der Arbeitsfläche. Ich schaue auf die runden Formen, vergleiche die Größen. Ich stelle fest, dass es leichter ist, das Größenverhältnis von Quadraten anzugeben, als von Kreisen, und in Gedanken stelle ich die Glaskreise ineinander.

Was antworte ich ihr jetzt? Sie schreibt es ja selbst - "das ist jetzt spontan, sorry!" - also weiß sie doch eigentlich, dass ich das nicht annehmen werde, oder? Wie schreibe ich ihr das? Oder sollte ich es doch irgendwie hinbiegen, dass es klappt? Immerhin geht es um meine beste Freundin, und wir haben uns lange nicht gesehen, und es fällt mir immer noch sehr schwer, abzusagen. Was mache ich nur?

Ich stehe eine Weile so gegen den Küchenschrank gelehnt, noch immer geistig einbetoniert, schließe dann die Augen, denn die Glasringe unten lenken mich ab. Der Verkehrslärm von rechts ist dagegen gleichmäßig und entspannend. Ein Auto rauscht heran, dann rauscht es herab. Ob sie enttäuscht ist, wenn ich absage?

Ich habe noch nicht dieses Selbstbewusstsein, dass ich mir sage, okay, sie weiß, dass bei mir der Verdacht auf Autismus besteht, und das würde bedeuten, dass das absolut nicht in Frage kommt - sich spontan zu treffen. Hinzu kommt noch, dass das im Studium kein Problem zu sein schien; wenn da plötzlich abends ein gewisser Ole unten vor den Kronshagener Bergen stand und sich auf ein Glas Wein eingeladen hat - gar kein Problem! Oder mit YazzTazz mal eben zu Burger King tingeln und ein wenig Frust ablassen und Gedanken sortieren - jederzeit!

Es gibt eine Erklärung dafür. Ich habe mir das im Laufe der letzten Jahre gedacht, und mittlerweile hat Tony Attwood (Facharzt für das Asperger-Syndrom) es mir bestätigt: Das Asperger-Syndrom wird auch als high-functioning autism bezeichnet, weil es sich im Prinzip um Autisten handelt, die aber trotzdem noch sehr gut "funktionieren" können, die relativ wenig auffallen. Nicht ganz so krass wie zum Beispiel Dustin Hoffman in Rain Man (1988), und bei dem kommt ja auch noch das Savant-Syndrom hinzu. Und genau so war es bei mir im Studium auch - klar war ich auffällig, aber irgendwie eher skurrill, und das ist bei Studenten der Klassischen Altertumskunde nicht ungewöhnlich, wir hatten da einige Autisten (die lateinische und griechische Sprache sind so herrlich beruhigend angenehm logisch).

Der wesentliche Unterschied zwischen damals und heute: Damals hatte ich einen festgeschriebenen Lebensplan. Erst Schule, dann Studium, so lange, wie es dauert, und dann an eine Schule, arbeiten, dann irgendwann Ruhestand, dann whatever. Mir war überhaupt nicht klar, dass ich nach dem Studium keine Stelle bekommen würde, nicht einmal im Ansatz. Auch wenn die Sannitanic mich vorsichtig zu warnen versucht hat - ich habe niemals damit gerechnet, alles war sicher, alles war absehbar, und so konnte ich gut funktionieren.

Seit sechs Jahren gehe ich von einer Schule an die nächste, und meine Welt bricht immer mehr zusammen. Immer mehr Unsicherheiten, immer mehr Unwägbarkeiten, ich kann auf nichts mehr bauen, auf nichts vertrauen, ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll. Tony Attwood nennt es stress. Und genau da liegt die crux: Unter Stress funktionieren Aspis überhaupt nicht mehr. Dann bricht ihnen der Boden unter den Füßen weg, und die Symptome des ganz klassischen Autismus können immer stärker hervortreten. Dadurch habe ich mir meine Jobchancen durch auffälliges Verhalten mehr und mehr versaut, im Prinzip ein Teufelskreis. Ich konnte ihn bis dato nicht benennen, hatte das Prinzip zwar im Kopf, aber Tony Attwoods fachliche Expertise hat mir gefehlt.

Jetzt weiß ich also endlich, warum ich in der Scheiße stecke, und das ist weder übertrieben noch dramatisch gemeint, sondern einfach sachlich betrachtet. Und jetzt wird mir das Ausmaß des Umstandes bewusst, dass ich ein Jahr länger an meiner Schule bleiben kann, denn vielleicht gibt mir das jetzt endlich wieder eine Möglichkeit, einen Lebensplan aufzubauen. Ein groß- wie auch kleinformatiges Skript zu entwerfen, an einer Schule zu arbeiten, an meiner Schule zu arbeiten, mit Tagesabläufen, in denen ich irgendwann dann auch endlich wieder spontan einem Treffen zusagen kann.

Ich hoffe es sehr.

Sonntag, 26. Juli 2020

Mein erster Kuss - la version hétérosexuel


"Sind sie schwul?"

Unvergessener Lehrermoment aus der Zeit in St.Peter-Ording; die Antwort lautete damals kurz und knapp Ja, obwohl ich mir da eigentlich gar nicht so sicher war und bin. Mittlerweile antworte ich, dass ich mich eigentlich nicht festlegen möchte - warum sollte ich auch? Mein Tagebuch verrät mir, dass ich den Großteil meiner Schulzeit in Mädchen verliebt war. Was es mir nicht verrät, weil ich es - warum auch immer - nicht niedergeschrieben habe, ist die kleine Anekdote meines ersten Kusses mit einer Frau.

Ich nenne sie Tilda, auch wenn sie nicht Tilda heißt - vielleicht wird aus dem Text deutlich, warum hier die Anonymität sinnvoll ist. Ich war seit der Mittelstufe mit Tilda in einer Klasse, und ich fand sie cool, weil sie unauffällig, ruhig, aber irgendwie interessant war. Und sie wurde eine sehr gute Freundin, weil sie mit einem Freak wie mir gut zurechtgekommen ist. Wir haben auch über die Schule hinaus bis in's Studium immer wieder nette Zeiten verbracht.

Das war noch die Phase, in der ich so froh war, offen mit jemandem über das Thema Sex zu reden. Ich fand es total interessant, von Frauen zu hören, wie das bei denen denn so ist, und Tilda hatte auch keine Probleme, mit mir darüber zu sprechen. Und bei ihr war es richtig interessant, denn sie hatte eine Affäre mit einem verheirateten Mann, und was sie zu erzählen hatte, war richtig aufregend, und ich habe das alles gierig aufgenommen.

Ich hatte damals selbst noch nicht so viel zu berichten - trotzdem fanden wir immer Gesprächsthemen, wenn wir uns zum Beispiel für einen Abend bei'm Griechen verabredet hatten. Mal waren das Freizeitparks, dann waren es Affären, dann war es der Beruf oder das Studium. Und natürlich hatte ich ihr auch total begeistert von meinem ersten Kuss erzählt - ich kann ja meinen Mund nicht halten. Konnte. Oder kann immer noch nicht, whatever. Und dann waren wir auch auf die Frage gekommen, ob ich schon einmal eine Frau geküsst hatte, was nicht der Fall war.

Naja, irgendwann wurde der Abend später, und ich habe es schon damals nicht ganz so lange mit anderen Menschen ausgehalten, also verließen wir das Restaurant Richtung Parkplatz, wo jeder mit seinem Auto geparkt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie es dann genau dazu gekommen war, aber ich glaube, ich habe sie gefragt, ob ich nicht einmal mit ihr einen Kuss ausprobieren könnte - schön mit allem, was dazu gehört. Da war dann keine große Barriere mehr, gesagt, getan, und mit geschlossenen Augen habe ich den Unterschied kaum mehr gemerkt.

Aber irgendwie war da dieses Bewusstsein, dass ich eben doch eine Frau küsste, und das hat die ganze Sache sehr "sachlich" werden lassen. Ein Experiment eben. Ich könnte mir vorstellen, dass es sich so für einen heterosexuellen Mann anfühlen dürfte, einen anderen Mann zu küssen. Trotz aller Sachlichkeit bleibt dieser Moment aber unvergessen - mon premier baiser, la version hétérosexuel.