Donnerstag, 23. Juli 2020

Die Corvette

Wie wir waren

Man wird diesen Beitrag leicht als Kommentar zum Thema Oberflächlichkeit lesen können, aber eigentlich geht es mir um etwas ganz Anderes, und ich hoffe, dass das bis zum Ende des Artikels deutlich wird. Auch sollte dieser Beitrag ursprünglich Über das Alleinsein heißen, denn genau daran musste ich heute viel denken - aber wie es so kommen kann: Die Gedanken sind frei.

Ich versinke zur Zeit in einem Panoptikum auf mein bisheriges Leben, unterstützt durch das, was von meinem Tagebuch seit dem Jahr Zweitausend erhalten ist. Ich stelle fest, wie ich mich verändert habe, und es ist nicht immer einfach zu lesen - wie schnell ich mich habe beeindrucken lassen, wie schnell ich zu Meinungen und Vorverurteilungen gelangt bin, wie impulsiv ich damals gedacht habe (wesentlich drastischer als heute), wie meine Tagebuchgedanken von Oberflächlichkeiten geprägt waren - nicht immer einfach zu lesen, weil es mich mit einem leichten Grauen davor schüttelt, was ich für ein Jugendlicher gewesen bin.

Sinngemäß habe ich den Satz heute wieder in einer Fernsehserie gehört, die sich mit dem Thema Zeitreisen beschäftigt - ist es nicht bemerkenswert, wie wir die meiste Abneigung einem Menschen gegenüber im Blick auf uns selbst empfinden können? Mich reizen Zeitreisegeschichten, wenn sie wirklich gut gemacht sind, wegen ihrer Implikationen: Wenn ich könnte, würde ich in die Vergangenheit reisen, um einen Menschen zu retten, den ich verloren habe? Wenn ich könnte, würde ich versuchen, mich davon abzuhalten, der zu werden, der ich heute bin? Wenn ich könnte, würde ich Dinge ungeschehen machen? Herrlicher Diskussionsstoff für die Oberstufe, und es gibt mittlerweile wirklich viel brillante Literatur, Filme, Serien, Videospiele und noch mehr, die sich mit diesen Fragen ernsthaft und anspruchsvoll auseinandersetzen.

Angeregt also durch diese Serie und einige Gedanken daraus, habe ich heute einmal auf eine Anekdote zurückgeblickt, die zwar nicht im Tagebuch festgehalten ist, an die ich mich aber sehr gut erinnern kann.

Gehen wir zurück, etwa zwanzig Jahre, als Dr Hilarius ein Jugendlicher war und in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, mit einer Nachbarsfamilie, deren Töchter S1 und S2 ganz tolle Spielgefährten waren - was ich ihnen damals nie in dieser Form habe bewusst werden lassen. Wie Kinder nun einmal so sind - Mitmenschen und Freunde werden quasi als selbstverständlich hingenommen. Und wie Teenager dann auch so sind - es finden sich erste Partner an. Und so stand eines Tages auf dem Rasen vor dem Nachbarhaus ein Auto, das wir in unserer Straße bisher noch nie gesehen hatten - eine Corvette. Ein auffälliges Auto, und kombiniert mit dem Umstand, dass in einem Zweitausend-Seelen-Dorf viel geredet wird und jede Veränderung kommentiert wird, oft mit Misstrauen, konnte das Lästern beginnen.

Die ältere Schwester S1 hatte sich also einen Freund geangelt, der eine Corvette fährt, ein Sportwagen, und ziemlich schnell haben sich Meinungen gebildet - in unserem Haus, aber auch bei S1s Eltern, und überhaupt in der ganzen Straße. Sofort war für alle klar, was das für ein Mensch sein musste, dieser neue Freund, mit so einer Prollkarre. Engere Auseinandersetzung mit diesem Menschen war gar nicht gewollt.

Nun ist es also zwanzig Jahre später, und wir haben mittlerweile vielleicht selbst Kinder. Werden wir auch so reagieren? Werden wir auch misstrauisch werden, wenn unsere Tochter sich mit einem Jungen trifft, der ein auffälliges Auto fährt? Oder wenn unser Sohn eine Freundin mitbringt, die sich sexuell aufreizend kleidet? Oder wenn plötzlich ein gleichgeschlechtlicher Partner auftaucht? Oder werden wir es anders machen wollen als unsere Eltern, weil wir damals erlebt haben, wie das ist? Und werden unsere Kinder es dann wieder anders machen wollen?

Ich merke, dass ich mich sehr an meine Examensarbeit erinnert fühle - Die Generation X in der nordamerikanischen Literatur - in der ich mich mit diesen Fragen auseinandergesetzt habe (Ach sieh' an, die habe ich noch nicht veröffentlicht? Ist in Arbeit!). Das war vor knapp zehn Jahren, und nun bin ich wieder etwas älter, denke wieder etwas anders, und wahrscheinlich werde ich in zehn Jahren - wenn dieser Blog dann noch besteht - wieder anders denken. Das fasziniert mich ungemein, und deswegen bin ich auch von dieser Serie fasziniert, beziehungsweise Zeitreisegeschichten im Allgemeinen. Werden wir immer derjenige, der wir später sind? Können wir da überhaupt "mitreden"? Sind wir uns dessen überhaupt bewusst? Und wie haben unsere Eltern diese Gedanken erlebt, und wie werden unsere Kinder diese Gedanken erleben?

Eure Gedanken dazu?

Eine Corvette

Mittwoch, 15. Juli 2020

Männer...


...immer wieder interessant zu beobachten: Neulich in der Stadt steht an der Bushaltestelle eine junge Lady, schlank, schaut sich um, während sie auf den Bus wartet. Es dauert nicht lange, bis ein Exemplar der maskulinen Art kommt - das sind dann Momente, wo ich fast wegschauen möchte oder mich fremdschämen müsste: Er sieht, dass sie ihn einmal kurz angeschaut hat, aber sie sieht wieder weg.

Was macht er? Positioniert sich genau in ihrem Blickfeld, macht richtig die Schultern breit, damit sie was zu gucken hat. Dieses Imponiergehabe! Dann dreht er sich einmal linksherum, einmal rechtsherum, während er weiter seine breiten Schultern und seine aufgepumpte Brust präsentiert. Umso herrlicher zu beobachten, wie sie dann einfach woandershin schaut.

Aber er gibt nicht auf, positioniert sich wieder in ihrem Blickfeld und liefert seine Proll-Show ab. Manche Typen ändern sich echt nie - ich ticke dann eher wie die Dame, denn sie ist irgendwann ziemlich genervt und geht einfach weg. Er bleibt allein zurück, auf einmal sind die Schultern nicht mehr so breit, die Brust nicht mehr so dick, sie hat ihn abblitzen lassen...



Es ist immer wieder interessant, Tauben zu beobachten, während man auf den Bus wartet. Egal welche Spezies, die Männer müssen sich immer präsentieren - some things never change, der Natur sei gedankt.

Sonntag, 12. Juli 2020

Rest in Flames


Während ich jetzt so langsam aufräume, wird mir allmählich das Ausmaß bewusst, in dem ich meine Wohnung vernachlässigt habe, in der Zeit der Unsicherheit. Meine Denkweise (könnte Aspi sein, könnte aber auch ganz normal sein): "Wenn ich nicht weiß, ob ich im August wieder arbeitslos bin - ob meine Welt wieder einmal zusammenbricht, und ich nicht weiß, wofür ich das alles tun soll, warum soll ich dann aufräumen?"

Zum ersten Mal festgestellt habe ich das vorhin, als ich mein Bett neu bezogen habe; das letzte Mal muss Monate her sein. Und diesmal dann auch gleich mit neuer Bettwäsche; das spricht dann eher für die Denkweise "Toll, ich darf ein Jahr länger an meiner Schule bleiben, jetzt macht es auch Sinn, mein Leben zuhause endlich wieder in den Griff zu bekommen." Und dazu gehört eben auch das Home Improvement, wie zuletzt mit Melisse Etheridge. Nur, dass es diesmal eine neue Bettwäsche ist, die vom Label meines Vertrauens stammt.

Das ist dann wieder typisch Aspi, taucht aber auch bei normalen Menschen auf: Ich bestelle mein Apparel, also Outfits, Jacken, Textilien und so weiter, Kissen für die Couch oder auch die Bettwäsche, eigentlich nur noch bei Spiral UK, erst recht, seitdem die Auswahl bei'm deutschen Vertrieb EMP immer größer wird.

Ich fühle mich darin tatsächlich wohl, ruhig, entspannt und sicher ;-)

Freitag, 10. Juli 2020

Immer nur die Anderen!


Kiel Ringstraße, Kreuzung. Ein älterer Herr geht bei Rot über die Straße und wird fast von einem Auto angefahren, das aus der Seitenstraße auf die Kreuzung fahren möchte. Der ältere Herr wird sofort wütend, schlägt mit seiner Tasche zweimal auf die Motorhaube des Autos und schreit: "Ey, was soll das denn? Wozu gibt es hier wohl eine Ampel??" und zeigt dabei auf die Ampel. Der Autofahrer öffnet sein Fenster und entgegnet: "Ja, und die Ampel hat Rot für sie und Grün für mich." Der ältere Herr sagt: "Also so eine Frechheit!" und überquert die Straße.

Immer wieder interessant, zu sehen, wie einige Menschen für ihr eigenes Fehlverhalten andere Menschen ausschimpfen. Zu dieser Situation passt auch eine Beobachtung der letzten vier Wochen im Kieler Busverkehr: Im Schnitt trägt jeder fünfte Fahrgast seine Maske überhaupt nicht oder - scheinbar ein Trend - nur über den Mund, aber die Nase bleibt frei. Wie sagte Einstein: "Das Universum und die Dummheit der Menschen sind unendlich - nur bei dem Universum bin ich mir noch nicht sicher."

Meistens sind es jüngere Menschen bis Mitte Dreißig, die die Maskenregeln nicht beachten, aber eine interessante Beobachtung von heute: Ein älterer Herr nimmt extra zum Husten seine Maske herunter, und er hustet nicht in seine Ellenbeuge, sondern mitten in den Bus. Und es ist auch faszinierend festzustellen, wie wenige Menschen ihre Mitmenschen darauf hinweisen, wie der korrekte Umgang mit den Masken aussieht. Und wenn sie es dann doch tun, werden sie in drei von vier Fällen angemeckert. Gleiches Verhalten wie bei dem Ampelmann oben.

Ich fange gar nicht erst an, irgendwelche Quoten (von fünfzig Prozent oder so) anzugeben von Menschen, die sich im Sophienhof nicht an die auf dem Boden in grellem Orange vorgeschriebenen Laufrichtungen halten. Des Menschen Tendenz zur Rechthaberei und sein Unwillen, eigene Fehler zuzugeben, sind erstaunlich - es sind immer nur die Anderen, die sich scheiße Verhalten, heißt es dann zum Beispiel mit Blick auf die Trump-Anhänger in den USA - aber sie laufen auch bei uns herum, und das nicht zu knapp.

Für solche Situationen lässt sich immer ein Gedicht von Eugen Roth finden (gibt vermutlich noch passendere, aber er hat Hunderte Gedichte geschrieben, und ich habe gerade nur einen kurzen Überblick eingeholt - kann aber definitiv den Sammelband Sämtliche Menschen empfehlen. Roth ist perfekt für kleine Schmunzler zwischendurch und kommt immer gut an):


Zivilcourage

Ein Mensch erfährt, daß unsre Zeit
Voll sei von Rücksichtslosigkeit
Doch sieht aus Feigheit, aus bequemer,
Er ringsum lauter Rücksichtnehmer.
Die Freiheit geht wohl doch im Grunde
Aus solcher Rücksicht vor die Hunde.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Surreal

Hilarious!

Gestern hat die große Buba ein Foto von mir gemacht, das symptomatisch für einen Teil meiner Lebenseinstellung ist. Ich werde ganz bestimmt nicht sagen "Realität ist langweilig!" - denn das ist sie nicht. Aber sie ist für mich nicht so reizvoll. Ich habe gelesen, dass Aspis häufig die Möglichkeit nutzen, sich in fiktionale Welten zu flüchten.

In der Realität werde ich angefeindet dafür, wie ich bin. In der Realität gibt es Grau. In der Realität gibt es Regen. In der Realität gibt es Schwerkraft. Ich versuche, mir surreale Phasen zu ermöglichen - in denen eigentlich alles wie immer ist, aber eine Kleinigkeit ist eben doch anders. Aus diesem Grund habe ich über meinem Bett eine Schwarzlichtlampe fest an der Wand montiert - dadurch lässt sich eine abgefahrene Atmosphäre erzeugen, und das möchte ich manchmal einfach nur genießen.

Die Realität kann aufregend sein - mein Arbeitsvertrag ist angekommen - aber hin und wieder sehne ich mich nach diesen kleinen Momenten Realität Plus.

Mittwoch, 8. Juli 2020

Flora im Badreich

Natur im Bad - gefällt mir.

Ich glaube, es war eine gute Entscheidung, Melisse Etheridge zu Chuck die Pflanze in's Bad zu stellen und ihr einen vernünftigen Pflanzkasten zu besorgen. Aus irgendeinem Grund finde ich den Gedanken schön, im Bad Pflanzen zu haben. Ein dritter neuer Mitbewohner ist bereits geplant, aber dazu muss ich schauen, ob es eine Pflanze gibt, die die verschiedenen Kriterien erfüllt. Jedenfalls fühlt sich das gut an!

Sonntag, 5. Juli 2020

Kaugummi

Immer Vorräte da 

Wann immer man mir in der Kindheit, Jugend und Adoleszenz Kaugummi angeboten hat, habe ich dankend abgelehnt. Ich dachte mir, wozu soll ich auf einem Kaugummi herumkauen, Nährwert kaum vorhanden, Hunger wird nicht gestillt - warum kauen Menschen Kaugummis?

Im Studium ist mir dann immer wieder die Information unter die Augen gekommen, dass Kaugummikauen Schülern bei der Konzentration helfen kann. Fair enough, aber das konnte kein Anreiz für mich sein. Wenn ich mich auf eine Sache intensiv konzentriere, dann lenkt mich das Kauen eher ab, ich kann dann keine anderen Sinneseindrücke gebrauchen.


Seit ein paar Jahren habe ich nun doch immer Kaugummi in ausreichender Menge in der Wohnung. Die einzige Bedingung ist, dass es Xylit-Kaugummis sein müssen, denn die haben tatsächlich einen praktischen Nutzen und geben mir eine Antwort auf die Frage "Wozu soll ich auf einem Kaugummi herumkauen?". Xylit ist ein Wirkstoff, der Kariessäuren im Mund neutralisieren kann, wenn man lang genug darauf herumkaut - in etwa zwanzig Minuten.

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht, aber wenn ich etwas gegessen habe, habe ich etwas später immer einen Nachgeschmack im Mund, säuerlich eben, und den mag ich überhaupt nicht. Deswegen kaue ich mittlerweile nach jeder Mahlzeit direkt eines dieser Xylit-Kaugummis, bis ein angenehm frischer und danach neutraler Geschmack im Mund bleibt.

Das unterstützt übrigens tatsächlich die Zahnpflege, weil auf diese Weise die Kariessäuren sich nicht an den Zähnen zu schaffen machen können. Ersetzt sie natürlich nicht - aber für mich, der ich mir nur einmal am Tag die Zähne putze (wenn ich denn dran denke), sind die Kaugummis eine wunderbare Ergänzung und aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.

post scriptum: Ein Gefühl aus meiner Jugend wabert derzeit wieder in meinem Kopf herum - ich spiele endlich mal wieder ein klassisches Grafikadventure, "The Vanishing of Ethan Carter", und ich kann es richtig genießen: Die wunderschöne Landschaft betrachten, einfach mal nur dastehen, ohne jeglichen Zeitdruck, mit angenehmer, nicht aufdringlicher Musik im Hintergrund, dazu die Naturgeräusche, und in aller Ruhe die Gegend betrachten und anhand einzelner Hinweise eine Geschichte in meinem Kopf zusammensetzen. Das erinnert mich an eines meiner Lieblingsspiele in der Jugend (und im Studium), "Riven", wo man ebenfalls ganz entspannt durch faszinierende Landschaften wandern kann. Ich hatte tatsächlich vergessen, was für ein Genuss das ist.