Montag, 11. Januar 2021

Der falsche Käse


Der Start in die Woche läuft ein wenig durchwachsen. Das mit dem Lernvideo für meine Schüler muss einen Tag warten, weil ich seit gestern Abend immer mal wieder mit dem Magen zusitze. Drollig - etwas Falsches sollte ich eigentlich nicht gegessen haben, aber dazu später mehr. Heute werden die Zeugnisnoten und die Lernberichte fertig gemacht - oder zumindest Letztere, die Noten sind dann morgen dran, damit ich die USB-Sticks mit den Urteilen über meine Schüler pünktlich am Mittwoch loswerden kann. Diejenigen von Euch, die ebenfalls Lernberichte schreiben (müssen), wünschten sich vielleicht manchmal, sie müssten nur eine Note schreiben und nicht allzu umfangreich und individuell für alle Lernenden kleine Gutachten zusammenschustern, die manchmal dann doch nur aus vorgefertigten Phrasen bestehen. Die Ironie dabei: Diejenigen von uns, die Noten geben, wünschten sich vielleicht manchmal, sie könnten etwas besser differenzieren, als einfach nur eine Note hinzuklatschen, gerade bei Schülern wie Hilda-Pomfrieda, die sprachlich in Englisch gut ist, aber im Unterricht nie mitmacht, und so klatscht man dann aus einer Fünf für Unterrichtsbeiträge und einer Eins für Leistungsnachweise eine nichtssagende Drei in's Zeugnis.

Der Titel des Beitrags suggeriert, dass es aber gar nicht darum gehen soll. Aspis können ihre Vorteile haben, zum Beispiel, wenn sie am besten damit klarkommen, jeden Tag die gleiche Mahlzeit zu sich zu nehmen. Ich finde das sehr hilfreich, das gibt mir etwas, woran ich mich halten kann, von dem ich weiß, dass ich es mag und dass ich das gut vertrage. "Du kannst doch nicht jeden Tag das gleiche essen!" - solche Vorwürfe sind mir bestens vertraut von früher, mit dem Unterschied, dass ich heute einfach antworten würde "Warum nicht?"; die Sannitanic wird mir dann vollkommen zu Recht einen Vortrag über Nährstoffe, Vitamine und so weiter halten - naja, heute nicht mehr, weil sie weiß, dass mir nicht mehr zu helfen ist und dass meine Tablettenbox zum größten Teil aus Nahrungsergänzungsmitteln besteht.

Und so esse ich seit fast einer Woche Baguettes mit Zwiebeln, Schinken, Käse, Knoblauch und zwei Zahnstochern. Alles wunderbar, und so wollte ich eben nur schnell neuen Käse besorgen - junger Gouda in Scheiben, die Billigvariante in meinem Supermarkt unten. Und der war vergriffen. Da gehen für einen Moment alle Lampen im Kopf aus; ich kann doch nicht einfach irgendeinen anderen Käse nehmen... und so habe ich hier nun Butterkäse, immerhin ebenfalls in Scheiben, immerhin ebenfalls die Billigvariante, und muss mal schauen, ob ich den Abend überstehe.

Und hier noch ein shoutout an alle tapferen Menschen, die gerade in der Schule sind: Die Schüler, die mutig für ihre Abschlüsse trainieren; die Kollegen, die sie unermüdlich, aber distanziert unterrichten; die Kollegen auf Funktionsstellen, die es irgendwie schaffen sollen, dass das alles läuft; die Mitarbeiter im Ganztag und überhaupt die ganze Schulgemeinschaft, die den Laden am Laufen hält. 

Bleibt gesund!

Freitag, 8. Januar 2021

Das zieht Kreise


Genau aus diesem Grund möchte ich kein Politiker sein: Was man sagt, hat Gewicht. Donald Trumps Worte haben Folgen, er hat seine Anhänger dazu aufgestachelt, das Kapitol zu erstürmen, also haben sie das gemacht. Natürlich müssen die Aufständigen zur Rechenschaft gezogen werden, aber es ist und bleibt Donald Trumps Schuld an diesem bemerkenswerten Zwischenfall. Weil er sich überhaupt nicht darum schert, was er sagt.

Kenne ich irgendwoher - denn ich mache es auch so, allerdings suche ich mir das nicht aus. Ich habe an sieben Schulen unterrichtet, und an sieben Schulen wurde ich früher oder später zur Schulleitung zitiert, weil ich im Unterricht etwas gesagt habe, das ein Lehrer eigentlich nicht sagen sollte. Ich spreche aus der Stimmung heraus, aus der jeweiligen Atmosphäre heraus und im Register der Schüler, und da kommen problematische Formulierungen heraus, die ich in dem Moment überhaupt nicht als problematisch wahrnehme; erst Tage oder Wochen später habe ich dann eine Notiz in meinem Fach im Lehrerzimmer "Bitte um ein Gespräch" von der Schulleitung.

Ja, das liegt am Asperger-Syndrom. Whatever. Aber das kann mir gut erklären, warum ich wirklich kein Politiker sein sollte: Ich würde so viele Dinge sagen, die für Aufruhr sorgen; ich bin immer wieder baff, wie wenig Zündstoff Angela Merkel in ihre Worte einbaut - das würde ich niemals schaffen. Als ich damals im Studium meinen Sitz im Studierendenparlament hatte, habe ich die meiste Zeit meinen Mund gehalten, und das ist eigentlich keine gute Grundhaltung für einen Politiker, und sei es ein studierender Politiker. Einige meiner Kollegen von damals sehe ich heute im Fernsehen und denke mir, joah, Du hast das schon genau richtig gemacht. Und ich auch. War eine tolle Erfahrung, reicht aber auch.

Donald Trump ist kein Aspi, sondern ein Arsch. Deswegen ist es ihm vollkommen egal, was er sagt und was er damit auslöst. Er hat das sogar wörtlich gesagt: "I don't take any responsibility for anything" - er übernehme überhaupt keine Verantwortung für irgendwas. Und das von einem Mann, der eine Nation hat leiten sollen. 

Wird Zeit, dass das Pommesbaby aus dem Weißen Haus entfernt wird.

Und dass ich wieder trainiere, meinen Mund zu halten.

post scriptum: Und dass ich weiter das Lojong praktiziere - "Donald Trump ist ein Arsch" ist nicht gerade buddhistisch formuliert -.-

Donnerstag, 7. Januar 2021

Zuviel des Guten


"I would do anything to help, but killing my dead wife is not an option!"

Viele von uns kennen das Gefühl der Überforderung. Aspis neigen dazu, schneller überfordert zu sein als neurotypische Menschen, und das nicht nur, wenn Chaos herrscht, sondern auch, wenn zu viele interessante Themen auf einmal auftreten. Sensory overload passt hier nicht so ganz, weil die Überforderung eher im Gehirn stattfindet: Zu viele verschiedene Gedanken, die mich alle reizen, und ich kann das alles nicht verarbeiten. So wie heute, am ersten "Schultag".

Da wäre zunächst einmal die Lage in den USA, denn die interessiert mich wirklich. Ich finde es toll, dass die Demokraten sich (mit Kamala Harris als Pattbrecher) die Mehrheit im Senat zurückgeholt haben. Ich finde es nicht toll, dass Trump Gewalt anstachelt - falls Ihr das noch nicht gehört habt, wird es sicher heute in den Nachrichten auftauchen: So wie vor ein paar Monaten bei unserem Reichstag, so wurde gestern das amerikanische Kapitol von Demonstranten erstürmt. Im Rahmen dieser Aktion sind vier Menschen um's Leben gekommen. Das beschäftigt mich.

Dann habe ich eine neue Rollenspielreihe entdeckt. Das mag vielleicht nicht so dramatisch klingen, aber wenn ein Aspi etwas Neues findet, das ihn interessiert, dann rückt alles Andere in den Hintergrund, und ich muss Tricks anwenden, damit meine Arbeit nicht darunter leidet. Klar habe ich das Ende des Januars im Blick, denn dann sollen der neunte Teil der Reihe Ys und der einundzwanzigste Teil der Atelier-Reihe veröffentlicht werden. Wenn nun aber eine ganze Reihe neu dazukommt, dann dürfte mich das eine ganze Weile beschäftigen.

Dann hätten wir natürlich den Umstand, dass heute der erste Schultag ist, und dass ich an meinem Distanzlernkonzept arbeite, jetzt mit der Erkenntnis, dass ich nun doch neue Unterrichtsinhalte vermitteln darf - das legt die bisherigen Planungen flach und ich muss das alles einmal überdenken.

Und last, but not least wäre da noch eine herrliche Komödie, die ich mir heute angeschaut habe - und aus der das obige Zitat stammt. Extra Ordinary (2020) ist ein Hybrid aus Romanze, Komödie und Horror aus Irland, wirklich herrlich und ich habe mich schlappgelacht über eine Fahrschullehrerin, die ihre übersinnlichen Fähigkeiten eigentlich an den Nagel hängen wollte, wenn da nicht ein Popstar wäre, ein one hit wonder, dem das Geld nach seinem einzigen Hit ausgeht und der dann versucht, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, um wieder finanziell oben zu schwimmen. Großartig, Bluray ist unterwegs.

Wenn solche für mich relevanten Ereignisse zu schnell auf mich einregnen, bin ich überfordert - und das ist nun wirklich typisch für Menschen mit dem Asperger-Syndrom. Bei jungen Aspis kann das zu Wutausbrüchen oder Weinkrämpfen führen, mit dem Alter lernt man (hoffentlich) Kompensationsstrategien. 

Wie war Euer erster Schultag?

Mittwoch, 6. Januar 2021

Ist doch nicht wahr...


Ich habe heute nichts für die Schule gemacht und ich frage mich die ganze Zeit, warum das so ist. Morgen beginnt der Fernunterricht, eigentlich sollte alles vorbereitet sein. Meine Schüler sollten ihre Arbeitsaufträge haben, sie sollten Arbeitsbögen erhalten haben, damit sie morgen dann im Distanzlernen arbeiten können - soweit die Theorie. Warum habe ich also davon noch nichts gemacht? Mir dämmert da etwas, und das werde ich gleich in der Meditation einmal durchdenken müssen. Danach schreibe ich weiter.

(...)

Toll, die Erklärung dürfte wieder im Bereich Asperger-Syndrom liegen. Als es hieß, dass die Schulen bis Ende Januar geschlossen bleiben, habe ich angefangen, mir einen Plan für meinen "Unterricht" zurechtzulegen. Dann kam allerdings die Option auf, dass die große Buba infolge der Situation vielleicht den Januar in Kiel verbringt. Und das ändert alles. In meinem Kopf gibt es einen riesigen Unterschied zwischen Tagen ohne und mit die große Buba. Weil das alles noch so frisch und unsicher war, habe ich erstmal gar nichts gemacht. Ich brauche tatsächlich einen Plan, den ich mit der fetten Schnecke zusammen zurechtlege, damit ich eine gewisse Sicherheit habe. 

Hängt alles davon ab, wie an ihrer Schule die Konferenzen laufen werden. Unsere Zeugniskonferenzen werden online stattfinden - wie ist es bei Euch? Jedenfalls bin ich jetzt um eine Erklärung reicher. Solche Situationen sollte man wie Gegenstände sammeln können, damit man etwas in der Hand hat, wenn jemand sagt "Du bist Asperger-Autist? Mach' doch mal vor, wie das so ist!" - denn in jenen Situationen kann ich dann nur selten vernünftig antworten.

Schule in Zeiten einer Pandemie. Tempores mutantur, wie es in den Saturnalien einmal hieß - die Schläfen ändern sich.

post scriptum: So ein Scheiß, ich muss gründlicher recherchieren: Auf der Suche nach den besten Horrorfilmen des Jahres Zwanzig Zwanzig - wo ich auch gestrigen "His House" gefunden habe - wurde mir "La Llorona" angezeigt, geht um ein Folktale. Dann sehe ich heute, dass der bei Netflix verfügbar ist - klasse, denke ich mir, schaue ich mir an. Dann sehe ich einen Film, der irgendwie Hollywood-weichgespült ist, Jumpscares, keine richtige düstere Atmosphäre und dann taucht da auch noch diese "Annabelle"-Puppe auf, und erst im Abspann realisiere ich, dass ich nicht den hervorragenden Film aus Guatemala gesehen habe, den ich eigentlich sehen wollte, sondern Teeniefutter aus den USA. Okay, hat nix gekostet, aber die Zeit war definitiv verschwendet. Ich muss besser aufpassen, wenn ich in den Streaming-Diensten unterwegs bin...

Dienstag, 5. Januar 2021

Flüchtlinge in einer neuen Welt


Ich kann mir nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie es sein muss, aus seiner Heimat zu fliehen. Familie und Freunde zurückzulassen, Besitz zurückzulassen, die eigene Kultur zurückzulassen und in einem neuen Land gefordert zu sein, sich anzupassen. Seit ein paar Monaten gibt es einen Netflix-Film, der dieses Erlebnis und die Konsequenzen eindrücklich zeigt - His House (2020).

Das Ehepaar Bol und Rial fliehen mit ihrer Tochter Nyagak aus dem Südsudan, in dem Krieg herrscht. Bei der Überfahrt auf dem Meer ertrinkt ihre Tochter, und so landen die beiden am Ende in Großbritannien und sehen sich mit Lästereien, Benachteiligungen und Ausgrenzungen konfrontiert. Besonders erschreckend fand ich eine Szene, in der ausgerechnet ein schwarzer Brite Rial entgegenruft, sie solle nach Afrika zurückgehen.

Immerhin werden die beiden nach langer Zeit im Flüchtlingslager in einer eigenen Wohnung untergebracht. An jeder Ecke spürt man die Feindseligkeit, die ihnen entgegengebracht wird, und in dieser Hinsicht ist der Film durchaus realistisch. Als wäre die Situation nicht schon düster genug, verfolgen die Gedanken an die verlorene Tochter die beiden in ihre Träume, und sie sind hin- und hergerissen: Bol möchte sich anpassen, möchte in die Zukunft sehen, möchte mit allem abschließen. Rial kann das Gedenken an ihre Tochter nicht aufgeben, kann die Traditionen aus ihrem Heimatland nicht ablegen, möchte auch weiterhin ihre Muttersprache sprechen.

Der Film verfolgt mich in meinen Gedanken, denn die Szenen des Kriegs zeigen, dass die Realität grausamer sein kann als jeder Horrorfilm. Im letzten Drittel des Films gibt es eine Szene, bei der mir der Mund offen stand - und zwar ganz ohne Gewalt, Jumpscares und Blut. In der Hinsicht erinnert mich der Film an Tell Me Who I Am (2019); die Verquickung von Krieg mit alltäglichem Horror und traditionellem Grusel lässt mich an den persischen Under The Shadow (2016) denken, der im Iran-Irak-Krieg spielt.

Ich finde es ziemlich interessant, wenn Horrorfilme ernste Themen ansprechen und ernsthaft beleuchten. His House ist auf Netflix verfügbar, und wer eineinhalb Stunden Zeit zur Verfügung hat, dem empfehle ich diesen Film wärmstens.

Montag, 4. Januar 2021

Kein Plan


Am Donnerstag beginnt in Schleswig-Holstein die Schule im Distanzlernen. Theoretisch. Und ab dem elften Januar soll Präsenzunterricht stattfinden. Theoretisch. Denn die Stimmen der Kultusminister und Ministerpräsidenten werden lauter, die weiterführenden Schulen geschlossen zu lassen, am besten bis Ende Januar. Naja. Die Politik wird sich dann mal zusammensetzen und irgendwann gibt es Sicherheit. Irgendwann (a.k.a. morgen) - diese Zeit ist die reinste Aspi-Hölle, und das war absehbar; schon zu Beginn der Ferien haben wir darüber gescherzt, dass dann am letzten Ferientag vielleicht neue Auskünfte kommen.

Ich habe überhaupt keinen Plan, wie ich mich verhalten soll! Also verhalte ich mich am besten gar nicht, dann mache ich nicht wieder was falsch. Das ist in unsicheren Situationen meine Grundhaltung - so wäre es auch an der neuen Schule gelaufen; dort rede ich mir allerdings einfach ein, dass ich da werde bleiben können. 

Vielleicht sollte ich mir in dieser Situation auch einfach einreden, dass die Schule erstmal dicht bleibt und es bei'm Distanzunterricht bleibt. Dann werde ich morgen meine Schüler mit Aufgaben und Lernaufträgen versorgen, Deadline Freitag und dann vielleicht Besprechung der Aufgaben per Videokonferenz oder Lernvideo. Was mich daran erinnert, dass ich morgen einmal mein Konto checken muss, um zu sehen, ob jetzt ein richtiges Notebook drin ist.

Ich hasse diese Unsicherheit... Lojong hilft, zum Glück.

Freitag, 1. Januar 2021

Vorsätzlich nachgedacht

Nur ein Stück Keramik, aber für zwanzig Minuten ein reizvoller Blickfang, wenn der Rauch durch diesen kleinen Brunnen fließt...

Over the past few years, to the traditional sounds of an English summer, the drone of lawnmowers, the smack of leather on willow, has been added a new noise. "What were the skies like when you were young?"...

So, der Hackbraten ist im Ofen (die große Buba sagt "Ihn meine Hände kann ich ein HACK BRA TÖNN!"), jetzt kann das Schreiben beginnen. Es ist jetzt einundzwanzig Uhr, der letzte Blogbeitrag dieses Jahres wird vermutlich erst im neuen Jahr veröffentlicht werden, denn ich lasse ihn geöffnet und schreibe im Laufe des Abends vorbeiwabernde Gedanken hinzu.

Jedes Jahr wieder läuft zur ersten Meditation am Silvesterabend das Album The Orb's Adventures Beyond the Ultraworld, dessen Sturm auf Platz Eins der britischen Charts Anfang der Neunziger Entsetzen bei den Musikkritikern auslöste, die das einfach nicht für Musik halten konnten. Seit ich angefangen habe, mich mit der psychedelischen Szene auseinanderzusetzen, begleitet das Album mich bei vielen meiner Gedankenreisen. Ich liebe es, weil es ein buntes, unaufgeregtes Pasticchio aus Sprachsamples, Naturambiente und Musik ist - eine echte Gedankenbegleitung, die nicht meine Aufmerksamkeit braucht, mich aber wunderbar unterstützt. Ich kann die Sprachpartien fast auswendig und spreche das oben zitierte Intro im Geiste jedesmal mit, weil ich weiß, dass das der Beginn einer fast zweistündigen Reise ist, in der ich meine Ruhe habe und sicher bin vor der chaotischen Welt da draußen.

Viele Menschen machen sich Vorsätze für das neue Jahr. Das ist kein buddhistisches Denken, denn ein Vorsatz hat ein inhärentes Potential zum Scheitern, was dann für Enttäuschung sorgen kann. Buddhisten gehen den Quellen negativer Emotionen aus dem Weg, wann immer sie können. Ich mache mir auch keine Vorsätze mehr, und mittlerweile bin ich soweit, dass ich überhaupt nicht mehr an das kommende Jahr denke. Egal was kommt - ich werde es annehmen, sagt zumindest der Dalai Lama.

Stattdessen blicke ich hinter mich, auf das vergangene Jahr. Dabei denke ich nicht an die Momente, die schön waren, oder jene, die nicht schön waren, sondern ich blicke auf mich. Ich frage mich: Wie habe ich mich in diesen Momenten verhalten? Warum habe ich mich so verhalten? Ist dieses Verhalten mit meinem Wunschverhalten vereinbar? Wenn nein, warum nicht? Habe ich das Potential zu diesem "abweichenden" Verhalten auch heute noch? Oder habe ich trainiert, anders mit solchen Situationen umzugehen, um nicht mehr in das unerwünschte Verhalten zu fallen?

Wie könnte ich auch anders mit diesen Momenten und Situationen umgehen? Wie möchte ich mich in dieser Welt benehmen? Kann ich zum jetzigen Zeitpunkt auf mich blicken und mit Ruhe und Zufriedenheit sagen "Ja, ich bin der Mensch, der ich sein möchte"?

Der einzige Blick, den ich auf das kommende Jahr werfe, widmet sich den anstehenden Herausforderungen: Werde ich wieder arbeitslos sein? Wie werde ich damit umgehen, mit mir selbst im Einklang? Das klingt alles zu esoterisch, es wird Zeit für einen rändömpömpöm-Einschub.

Einschub "Tenet" ----------------------------

I have seen quite a few films on the topic of time travel or otherwise time-bending mechanics. There are some movies that take their topic seriously, face the problems of time paradoxa and don't try to cheat on the viewer. Primer (2004) comes to mind, or Los Cronocrimenes (2007), both intelligent and well done on a miniscule budget. I like these films that don't have to explain everything to their audience, and that follow their time travel problems through to the end. Christopher Nolan's Tenet (2020) is not one of them.

But what did I expect? Truth be told: You go to watch a Nolan film - you see a Nolan film. Massive budget, great visuals, showing off the modern film technology to the point that it becomes pretentious, high concept, paper-thin characters, not much of a plot and questionable dialogue ("Everyone on this planet will die. Also my son." - "I like to see a man choke on his own balls."). 

High concept means that it can be told concisely, in very brief terms: What if there was a way to "invert" items, people etc. so that they move backwards through time instead of forwards as we all do? That's all there is to it. There is not much of a philosophy behind all this, the movie soon becomes an action blockbuster with amazing special effects and one scene on a highway in Tallinn that I actually liked a lot. The film is rather muddled, so confusing that you might not now what to feel in certain situations.

Alfred Hitchcock said "I like to play the audience like a piano." - Christopher Nolan wishes to do that as well, but only sometimes succeeds. Usually when you don't think about his movies too much.

Einschub "Tenet" Ende ------------------

Und nun ist es zwei Uhr dreißig, vom Jahreswechsel habe ich nicht viel mitbekommen, weil ich in einem meiner Lieblingsfilme versunken bin, Cloud Atlas (2012), den ich immer wieder schauen und genießen kann, weil er mir viele...

...toll, und wie jedes Silvester bin ich dann einfach irgendwann eingeschlafen und an Neujahr mitten im Chaos aufgewacht. Der Neujahrstag geht mehr und mehr mit der Realisierung einher, dass ich für die Außenwelt zwischen dem vierundzwanzigsten Dezember und dem zweiten Januar nicht zu erreichen bin. Völlig abgeschnitten. Nehmen sie es hin, das ist eben so, wie Herr Doktor Dohm damals im Griechischkurs zu sagen pflegte, wann immer ich gefragt habe, warum eine bestimmte Auffälligkeit der griechischen Sprache existiert.

Morgen geht es los, ich ahne tausende von Mails auf dem Schulserver, nützt nichts, da müssen wir alle durch. Ich muss mich für die Unerreichbarkeit entschuldigen, aber seelisch die relevanten Personen auch darauf einstellen, dass es nächstes Jahr wohl wieder so ein wird.

Liebe Leser da draußen: Bleibt gesund. Passt auf Euch auf - wann immer es geht. 

post scriptum: Heute gab es ein zweites Viewing von "Tenet", diesmal auf deutsch, da Nolans Filme auch in meiner Muttersprache noch verwirrend genug sind. Das kann etwas Gutes sein, wenn hinter der Verwirrung eine Logik steckt - bei Nolan ist das nicht der Fall, und deswegen verbindet mich mit ihm eine Hassliebe: Über die erste Hälfte seiner Filme staune ich über das "Gadget", das er anwendet, sei es nun Traumkreation, eine Geschichte rückwärts zu erzählen, ein Wurmloch oder eben invertierte Gegenstände (Zeit ist offensichtlich Nolans schtick - ob sich daran etwas ändern wird?), denn er macht das bis dahin richtig gut. Erst wenn es darum geht, zu Ende zu denken, bricht alles zusammen.

Ich muss mein Tenet-Bashing von gestern etwas differenzieren. So dürfte die Highway-Szene, die mir gestern so gut gefallen hat, für HSPs und släsch oder Hochbegabte sehr desorientierend sein, weil die Geräusche der hochdrehenden Motoren überhaupt nicht zu den langsamen Bewegungen der Autos passen. Es wird durch Klang suggeriert, man fahre sehr schnell, gleichzeitig beweist das Visuelle, dass man recht gemütlich über den Highway rollt. Ich finde das sehr seltsam, und so konnte ich eben diese Szene heute überhaupt nicht genießen.

Eine andere dagegen hat mir heute richtig gut gefallen, während ich gestern einfach nur gedacht hab, ich schaue nicht recht - eine Rauferei zwischen zwei Männern, von denen sich der eine in der Zeit vorwärts, der andere rückwärts bewegt, hat einen Funken von Genialität, Hut ab. Und Hoyte van Hoytemas Kameraarbeit ist brillant, dieser Mann hat wirklich ein Talent dafür. Und der Soundtrack ist genauso weird, genauso seltsam, wie die zweite Hälfte in diesem Film, mit einem immer wiederkehrenden Motiv, wenn die Invertierung eine Rolle spielt - auch wirklich gut.

Trotzdem bleibt der Film eine testosterongeschwängerte Eierschaukelei eines Filmemachers mit seinem Technikteam. Muss man gesehen haben, um es wirklich zu begreifen. Muss man aber nicht gesehen haben.