Mittwoch, 17. Oktober 2018

The Evil Within Me. And You.

Mancher muss sehr gründlich in die eigene Seele schauen, um das Böse zu finden...

Mir ist bei der Auswahl der tags eben aufgefallen, dass dieser Beitrag eigentlich so viele Themen anschneidet. Und Schuld daran trägt der Zufall, der ein paar Ereignisse zeitlich nah beieinander hat geschehen lassen: Gestern der Film My Dinner With André, heute hat Er mir dann auf eine Videobotschaft von mir geantwortet und ich überlege, was in das nächste Video soll, und dann habe ich heute auch noch einen Film von Michael Haneke gesehen. Ausgerechnet.

Haneke ist ein verdammt unbequemer Regisseur, weil seine Filme sich überhaupt nicht den Bedürfnissen von Hollywood hingeben, sondern extrem authentisch die Unmenschlichkeit des Menschen portraitieren. Vor einer Weile hatte ich seinen Film Caché (2005) gesehen; einer von Euch hatte ihn mir empfohlen, und so habe ich angefangen, mich mit Haneke auseinanderzusetzen. Heute gab es Das Weiße Band (2009; bei Amazon prime frei verfügbar), eine "deutsche Kindergeschichte", wie es im Vorspann heißt. Wir sehen dann zweieinhalb Stunden lang das Leben in einem deutschen Dorf vor dem Ersten Weltkrieg. Bei Haneke darf man sich sicher sein, dass alles, was da läuft, authentisch und bis in's Detail durchdacht ist; er ist ein recht kompromissloser Regisseur, und seine Filme mögen gerade für jüngere Zuschauer langweilig wirken, aber irgendwann kommt der Moment im Leben, dass man realisiert, dass die Bösen nicht immer die Anderen sind.

Das Potential, Böses zu tun, schlummert in jedem von uns. Und es muss nicht immer gleich ein Mord oder ein Weltkrieg sein; dass Haneke den Film zur Zeit des Attentats enden lässt, ist eine konsequente Weiterentwicklung aus dem, was er uns vorher gezeigt hat: Ein Pferd und Reiter stürzen über einen gespannten Draht, ein Gebäude wird angezündet, einem Jungen werden die Augen ausgestochen. Grausige Ereignisse, die in der Dorfgemeinde bewirken, dass jeder jeden mit anderen Augen anschaut. Hanekes Geniestreich - wie auch schon bei Caché: Er liefert uns keinen Täter. Das Whodunit bleibt offen, und damit wird uns bewusst, dass es Haneke gar nicht um die Frage des Täters ging, sondern um die Erkenntnis, dass es jeder hätte gewesen sein können.

Unschuld gibt es nicht. Können wir uns davon frei machen? Wann bist Du zum letzten Mal schneller gefahren als erlaubt? Wann hast Du jemandem ein Kompliment zum Outfit gemacht, das in Wirklichkeit grauenvoll aussieht? Wann hast Du zum letzten Mal Deine Freundin belogen und ihr verheimlicht, dass Du mit jemand Anderem Kontakt hast? Wann hast Du verheimlicht, dass Dir der Sex mit ihm eigentlich überhaupt keinen Spaß gemacht hat? Diese Liste ließe sich ad infinitum fortführen. Es geht um die Erkenntnis, dass jeder von uns das Potential hat, "Böses" zu tun.

By the way, natürlich hat Haneke damit keine großen, neuartigen Erkenntnisse auf Zelluloid gebannt - David Lynch hat das zum Beispiel auf seine ganze eigene Weise in der jüngsten Staffel Twin Peaks gemacht. Aber Haneke schafft das ganz ohne Effekte, ohne komplexes Sounddesign. Er gibt uns das Gefühl, dass das, was wir da auf dem Bildschirm sehen, wirklich so geschehen ist. Dadurch baut der Regisseur die Vierte Wand ab - was er zum Beispiel bei Funny Games etwas plakativer gemacht hat.

Ich finde es scheiße, wie oft in unserer Welt Menschen die Schuld immer woanders suchen und sich selbst für den Ursprung aller Unschuld halten. Und weil der Film mich inspiriert hat, möchte ich ein kleines bisschen dieser Ehrlichkeit in die nächste Videobotschaft einbauen, mal schauen, ob Er etwas merkt.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Denkwürdiges Abendessen

Wer bin ich...?

Selbstreflektion: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Woher komme ich, wohin gehe ich? Bin ich authentisch? Wie behandele ich meine Mitmenschen? Sich selbst zu hinterfragen tut unglaublich gut, denn wir neigen dazu, durch den Alltag zu Maschinen zu werden, gleiche Denkmuster, gleiche Bewegungsabläufe.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass diese Reflektion nicht auf Kommando geschehen kann. "So, jetzt möchte ich mal mein Handeln hinterfragen!" - klappt nicht. Zumindest nicht ernsthaft. Es braucht schon einen guten Denkimpuls, der den Wunsch zur Selbstreflektion auslöst. Das kann ein Beitrag aus den Nachrichten sein, ein Buch oder ein Film, und sicherlich gibt es noch viel mehr Denkanstöße.

Ich weiß leider nicht mehr, wer mir vor einiger Zeit den Film My Dinner With André (1982) empfohlen hat; heute war es soweit und ich habe ihn mir einmal angeschaut. Eigentlich total simpel: Zwei Männer treffen sich zum Abendessen und kommen in's Gespräch. Die Frage "Wo warst du denn so in letzter Zeit unterwegs?" lenkt in eine Diskussion über das Leben, über Charakter, Buddhismus und Vieles mehr. Und das war irgendwie faszinierend: Ich habe mich gefühl, als ob ich an der Unterhaltung aktiv teilgenommen habe - weil sicherlich jeder Zuschauer irgendwelche Anknüpfungspunkte finden kann. Und ich habe gemerkt, wie viel André in mir steckt.

Also, wer auch immer mir den Film empfohlen hat: Vielen Dank für die Idee! Und es war für mich besonders spannend zu bemerken, dass Roger Ebert den Film damals in seine Liste der Great Movies aufgenommen hat. Ich denke, ich werde den Film alle paar Jahre wieder schauen, um zu sehen, wie ich mich weiterentwickelt habe. Ich glaube, Er könnte diesen Film gut gebrauchen. Damit es ihm vor Augen geführt wird: die Diskrepanz zwischen authentischem Ich und gespieltem Ich.

post scriptum: Vielen Dank für Eure Kommentare zum "Schulleiterin"-Beitrag! Ich weiß, es klingt vollkommen dämlich, aber diese Kollegen haben mich tatsächlich in's Überlegen gebracht, ob Frauen für eine Schulleitung weniger geeignet sind. Eure deutliche Rückmeldung hat mir diesen Unsinn aus dem Kopf gepustet ;-)

Sonntag, 14. Oktober 2018

Schulleiterin

Was denkst Du?

Heute interessiert mich Eure Meinung; ich habe in den letzten Jahren an zwei unterschiedlichen Schulen folgende Aussage (in ähnlichem Wortlaut) zu hören bekommen:

"Männer sollten Schulleiter sein, mit Frauen hat man da viel Stress."

Ich versuche gerade, mich zu erinnern, ob dafür auch Gründe genannt wurden. Ich meine, da war so etwas gekommen von wegen "Männer sind rationaler, Frauen emotionaler, und als Schulleiter muss man sachlich bleiben können".

Welche Erfahrungen habe ich mit meinen Schulleitern gesammelt? Ich hatte in Husum und Neumünster weibliche Dienstherrn, und an einer Schule bin ich mit ihr nicht klar gekommen, aber ich glaube nicht, dass das mit dem Geschlecht zu tun haben könnte.

Was meint Ihr? Platter Sexismus, oder ist da was dran?

Samstag, 13. Oktober 2018

Meditation - ein Genuss

Lächle - und die Welt verändert sich (Buddha)

Ist eine kleine Anspielung auf meinen Studienleiter, der am Examenstag zu mir meinte: "Dr Hilarius, die Lateinstunde - ein Genuss." Und keine Sorge, es geht nicht um Selbstbeweihräucherung, denn mein Portfoliogespräch und die PFDS-Aufgabe habe ich glänzend versaut. Bzw. einer hat eine Eins dafür gegeben, jemand Anderes eine Fünf und dann haben sie sich die Köpfe eingeschlagen, was es denn nun werden sollte.

Naja, es freut mich ja, dass er die Stunde genießen konnte. Ich lerne auch immer mehr, die Welt um mich herum zu genießen, und deswegen möchte ich die Meditation unbedingt als festen Bestandteil in meinen Alltag integrieren. Erst wird geduscht, und da geht es schon los. Kennt Ihr das nicht? Das Gefühl, dass der Körper rein ist? Irgendwie schon ein bisschen befreit. Und dann gehe ich aus dem vollgedampften Badreich in meine Wohnung und ein angenehm erfrischender Luftzug ist am ganzen Körper zu spüren.

Der schönste Moment ist allerdings der Einstieg in die Meditation. Wenn ich mich mit weicher Haut langsam auf das gestärkte, pieksige Handtuch lege - wirklich ganz langsam, um das Gefühl zu genießen - und dann schließe ich die Augen, so dass ich mich intensiver auf meine anderen Sinne konzentrieren kann. Ich weiß, dass ich jetzt eine Stunde in kompletter gedanklicher Freiheit vor mir habe, und das Gefühl ist berauschend. Und langsam kommen Sinneswahrnehmungen hinzu.

So merke ich nach ein paar Minuten den Duft nach Nag Champa, der sich in der Wohnung verbreitet, denn ich habe dabei immer Räucherware an - zur Abwechslung momentan gerne dhoop cones, Räucherkegel. Ich genieße diesen Duft für ein paar tiefe, langsame Atemzüge, und dann merke ich, wie mein Körper von innen heraus warm wird; ich trinke immer einen heißen Tee direkt vor dem Hinlegen.

Der weiche Körper, die Signale, die meine Haut Richtung Gehirn abgibt (wegen der pieksigen Handtücher), die Wärme von innen und der Duft werden zudem um Musik bereichert. Durch die Meditationen habe ich die Musikrichtung downtempo überhaupt erst kennengelernt, und dank des Surroundsounds passiert überall um mich herum etwas. Hier fegt ein Wind durch Blätter, dort fallen Regentropfen und da drüben knacken Äste, alles zu einer Musik, die Emotionen wecken kann und keine Songtexte hat, auf die man sich konzentrieren müsste. Und da meine Augen geschlossen sind, fabriziert mein Gehirn die Klangwelt um mich herum, quasi behind closed eyelids.

Und nachdem ich mich so etwa zehn bis zwanzig Minuten eingelebt habe in dieser Atmosphäre, lasse ich meine Gedanken frei. In alle Richtungen, ich möchte alles abarbeiten, was in meinem Gehirn gerade aktuell ist. Und ich sperre keine Gedanken aus: Geh' an die Orte, die Du fürchtest, hat Pema Chödrön geschrieben, und ich verstehe, warum.

Dann bemerke ich meinen musikalischen Fingerzeig; das ist die Stelle im Musikalbum, an der Aufwachen angesagt ist. In der Regel habe ich das Album bis dahin fast komplett durchgehört. Und nur gaaaanz langsam fange ich an, meine Zehen zu bewegen. Die Füße zu drehen. Nach einer Stunde völliger Regungslosigkeit fühlt sich das fantastisch an, und ich mache ganz langsam weiter, um das Gefühl zu verlängern.

Im Studium hätte ich mir niemals die Zeit eingeräumt, um bewusst zu meditieren, das kam erst ganz spät, weil ich immer dachte, dass ich die Zeit sinnvoller nutzen könnte. Aber meine Erfahrung ist, dass es einem hochbegabten Gehirn ganz gut tut, wenn man es regelmäßig frei lässt.

Mittlerweile meditiere ich seit fünf Jahren, und es wird immer noch besser mit jedem Mal.

post scriptum: "Oops." - das ist der Moment, in dem man realisiert, dass man richtig Scheiße gebaut hat. Das kennt Ihr vielleicht. Ich weiß es noch von damals, als ich meine linke Hand betrachtet habe und ganz fasziniert davon war, dass mein Zeigefinger am Mittelgelenk um neunzig Grad nach links abgebrochen war. Daran musste ich denken, als ich mir heute Danny Boyle's "127 Hours" (2010) angeschaut habe. Dort rutscht ein Extremsportler beim Kaminklettern ab, und ein Fels quetscht seine Hand so gegen die Wand ein, dass er nicht mehr herauskommen kann. Wahre Begebenheit, toller Film, und der Moment kommt dort, als der Kletterer realisiert hat, dass er niemandem Bescheid gesagt hat, wo er gerade ist - und ihn somit niemand retten kann. Oops.

Immerhin hat er aus dem Ereignis gelernt - der Film zeigt seine Tortur bis hin zu dem Moment, an dem er sich entschließt, sich den Arm abzuschneiden, mit einem Billig-Multifunktionswerkzeug. Und weiter: Der Film hat in der ungekürzten Fassung völlig zu Recht eine Freigabe ab achtzehn erhalten, denn die Szene, in der er sich seine Sehnen durchschneiden muss, geht in Mark und Bein. Wer sowas nicht abkann, aber trotzdem gern sehen würde, was diese Situation mit ihm angestellt hat, der kann gern die geschnittene Fassung anschauen, bei der wirklich nur die explizitesten Szenen entfernt wurden. Es lohnt sich! Typisch Danny Boyle, flashy, tolle Musik, ein echtes Abenteuer.

Freitag, 12. Oktober 2018

Lessness

Das waren mal meine DVDs

Less bedeutet "weniger". Lessness zu übersetzen stellt mich vor Schwierigkeiten, und vielleicht fragt sich der eine oder andere Leser ja auch, ob es das Wort überhaupt gibt, oder ob Dr Hilarius mal wieder kläglich scheiterte an dem Versuch, mit Sprache zu spielen.

Ich bin mit dem Begriff lessness im Studium in Berührung gekommen. Ist eine längere Geschichte, die American Psycho und meine Examensarbeit involviert - ein anderes Mal. Lessness beschreibt den Zustand des Wenigerseins oder Wenigerwollens. Weniger Details in einem Gemälde, weniger Instrumente in einem Musikstück, weniger dekorative Ecken in einem Haus. In den verschiedenen Künsten geht das bis hin zum Minimalismus - soweit "muss" es nicht immer kommen. Aber ich denke mal, viele von Euch haben irgendwann im Leben einen dieser Gedanken gehabt: "Nein, ich möchte eine schlichte Jacke tragen, nicht so viele Muster darauf, nicht so viele kleine Taschen überall dran." - "Ich möchte einmal Musik hören, die nicht effekt- und instrumentüberladen klingt, denn ich möchte mich auf die einzelnen Tonspuren konzentrieren." - "Ich möchte keine Fertigprodukte mehr essen, keine Geschmacksverstärker mehr, ich möchte erleben, wie so ein Stück Kohlrabi eigentlich schmeckt."

Man könnte den Beitrag jetzt in Richtung sensorische Deprivation fortführen, um herauszuheben, welche positiven Effekte es hat, wenn man die Sinneseindrücke eine Weile minimiert. Ich habe das damals in aller Kürze getan; heute allerdings geht es mir um eine andere Art der Minimierung.

Im Studium wollte ich unbedingt Regalwände haben, die bis obenhin voller Bücher, Musik-CDs und Filme sind. Das kennst Du, oder die große Buba? Warum? Keine Ahnung, wollte ich damit irgendjemandem imponieren? Oder wollte ich einfach stolz sein auf mich selbst - "Schau mal, Doc, so viele Romane hast du schon gelesen!" ...wollte ich mir selbst gegenüber beweisen, dass ich nicht dumm bin? Jedenfalls hat es geklappt, ich war stolz auf meine Reihen an Büchern und Filmen, und konnte damit insgesamt vier Regale füllen.

Aber die Dinge ändern sich. Die Sichtweisen ändern sich. Heute denke ich pragmatisch: "Doc, du lebst jetzt in einer Ein-Zimmer-Wohnung, das mögen 55m² sein, aber der Platz ist trotzdem eingeschränkt. Wo sollte ich die vier Regale aufstellen?" Vor der Frage stand ich beim Einzug tatsächlich, und ich habe versucht, immerhin so viele volle Regale wie möglich aufzustellen. Aber nach dem Einleben ist mir bewusst geworden, dass dieser Anblick mir keine Befriedigung mehr verschafft ("Eigentlich brauche ich das gar nicht!"), und es kamen immer neue Bücher und Filme hinzu. Also habe ich überlegt, wie ich all' diese Regale entrümpeln kann. Und dabei sind ein paar Sachen herumgekommen, die mir das Leben wirklich praktischer gemacht haben:

Von diesen Taschen habe ich mittlerweile drei - je eine für DVDs, Blurays und Videospiele.
Das waren früher einmal unzählige Musik-CDs.
Ich habe ein paar der DVD-Hüllen, CDs etc. aufgehoben, weil sie sich vielleicht gut als Deko machen würden; meine Hitchcock-Sammlung ist ein echter Hingucker. Und das mag oberflächlich klingen, aber ich verbringe sehr viel Zeit in meiner Wohnung und ich bin sehr empfänglich für Sinnesgenüsse. Mein Ziel war es, die Regale komplett loszuwerden, um stattdessen vielleicht ein weiteres Wandtattoo anzubringen, und ich überlege, ob ich eine Art esoterischen Altar in der Wohnung haben möchte. Dr-Hilarius-Buddhismus-Grad plus zehn Punkte.

Aber das trägt alles dazu bei, dass ich mich an meinem Ort sehr wohl fühle. Ich möchte wirklich nicht hier weg.

Und wenn bei Euch jetzt der Eindruck entstanden sein sollte, das hier schon einmal irgendwo gelesen zu haben - kein Wunder, ich habe schon einmal darüber geschrieben... oder auch nicht, jedenfalls kann ich den Beitrag gerade nicht finden. Aber heute ist es mir wieder bewusst geworden, wie sehr mir das Minimieren gefällt. Und wie sehr ich in dieser Wohnung bleiben möchte.

Wie wohl ich mich fühle.

post scriptum: Die Sannitanic geht ja bald zum zweiten Mal unter, ich habe das heute gemerkt, wenn ich ihr einmal die Tür aufhalten wollte - sie ist so fett, da passt niemand mehr durch die Tür! Und ich freue mich wahnsinnig für sie, denn das zweite Kind ist unterwegs. Und, das muss wohl Zufall gewesen sein, aber der heutige Film war "Children of Men" (2006); Regisseur Alfonso Cuarón hat die Frage beleuchtet, wie die Welt wohl aussähe, wenn in einer nahen Zukunft alle Frauen unfruchtbar wären und niemand mehr schwanger werden kann. Ich muss zugeben, der Film ist echt gut, und als mir dann wieder eingefallen ist, dass Cuarón auch für "Gravity" (2013) verantwortlich war, hat das seine Tendenz, die menschliche Psyche offenzulegen, bestätigt.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Die letzte Zugfahrt

Manches lässt sich nicht trennen

Wir sitzen am Bahnhof, niemand sonst wartet auf den Zug nach Freiburg. Niemand da, der stören könnte, und trotzdem sprechen wir nicht miteinander. Wir blicken beide traurig abwechselnd auf den Boden oder in die Richtung, aus der der Zug kommen sollte. Wir haben beide rote Augen. Ich vom Weinen, Er von der durchgemachten Nacht. Wir sind beide übermüdet; vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum wir nicht miteinander reden. Was sollten wir denn auch besprechen? Worüber unterhält man sich auf der letzten gemeinsamen Zugfahrt? Was sagt man sich, wenn man sich am Zielbahnhof ein letztes Mal in den Arm nimmt? Was sind die letzten Worte, die man dem Menschen sagen soll, der einem so sehr ans Herz gewachsen ist, wenn man weiß, dass man sich nicht mehr wiedersehen wird?

Ich habe mich bereits die letzten zwei Nächte über mit dem Gedanken auseinandergesetzt – aber Er ist sich erst spät, bzw. heute in aller Frühe dieser Realität bewusst geworden. Und dabei hätte es alles toll sein können. Wir beide sind für vier Tage von zuhause geflohen, quer durch Deutschland gefahren und den Europa-Park besucht. Ich hatte versucht, für alles zu sorgen, und Er meinte, dass das ein echtes Erlebnis ist.

Ich will auch gar nicht weiter darüber nachdenken, was zu dieser beschissenen Situation geführt hat. Und nun kommt der Zug, wir steigen ein und zwanzig Minuten später schon wieder aus. Und reden immer noch nicht miteinander. Dann fährt der ICE Richtung Norden ein, wir suchen unsere reservierten Plätze, ein Vierer, und uns gegenüber sitzt eine Frau mit ihrer Tochter. Die Kleine ist so niedlich, dass wir beide lächeln und ein bisschen mit ihr spielen.

Der Zug fährt ab, und ich schaue ihn zum ersten Mal an diesem Tag direkt an, und Er schaut zurück. „Hey, wollen wir uns jetzt stundenlang anschweigen?“ fragt sein Blick mich. Ich lächele traurig, Er auch. Er nimmt sich seinen MP3-Player und setzt die Kopfhörer auf. Ich fasse nach seiner Schulter, bitte noch nicht, bitte lass' uns wenigstens ein bisschen reden. Das tun wir. Unauffällig, weil wir dem kleinen Mädchen nicht alle Details der letzten Nacht servieren wollen.

Aber worüber reden wir nun? Ich schaue auf die Uhr, noch sechs Stunden, dann heißt es Abschied nehmen. Wir schauen uns seit Minuten an, ununterbrochen. Ich möchte nicht mehr wegschauen, und Er auch nicht. „Mama, warum sind die beiden Männer so still?“ Wir lächeln. „Tina, die Männer sind bestimmt sehr müde, lass' sie mal ein bisschen in Ruhe.“ Die Mutter lächelt uns an, und ich verwette mein Gehirn, dass sie genau weiß, woran Er und ich gerade denken. Sie sieht, dass wir traurig sind. Man könnte denken, dass wir uns lieben, ich ihn und Er mich. Und die Mutter lächelt hilflos, denn sie würde uns gern etwas Gutes tun.

Nach einer gefühlten Ewigkeit den Anschauens fragt Er mich, ob es okay ist, wenn Er eine Weile Musik hört. Natürlich ist es das, und wir schließen die Augen und lehnen uns zurück. Ich nehme meine Armbanduhr ab, ich möchte nicht sehen,wie unsere letzte gemeinsame Zeit verrinnt.

Und dann fangen wir doch an zu reden. Wir möchten uns nicht die Schuld geben. „Es war nicht dein Fehler“, sagt Er. Dann ich. Ich nehme seine Hand. Die kleine Tina malt in einem Buch herum. Und selbst, wenn sie das nicht täte: Heute ist es uns egal, was die Menschen um uns herum denken. Wir bekommen gar nichts mehr mit, schauen uns nur wieder an. „Ich will dich nicht gehen lassen“, aber wir haben diesen Entschluss in der letzten Nacht gefällt. Seitdem hatte er nicht mehr mit mir gesprochen, hat sich im Hotel im Bett weggedreht, weil er nach und nach die Tragweite dieses Entschlusses einschätzen konnte.

Und plötzlich fangen wir an, ehrlich miteinander zu reden. Über Gefühle, über alles, was wir erlebt haben. Über die irren Nächte, über die schönen Zeiten, ich halte immer noch seine Hand. Wir würden das niemals zuhause in der Öffentlichkeit gemacht haben, denn ich war nie ein gutes Gesprächsthema in seiner Welt, und deswegen hat Er versucht, mich geheim zu halten. Aber nun, mehrere Hundert Kilometer entfernt von den Menschen, die nicht wollen, dass wir befreundet sind, nun können wir endlich authentisch sein. Wir haben noch nie so offen gesprochen wie auf dieser Zugfahrt, haben uns angeschaut und die Mutter gegenüber lächelt uns weiter an. 

Wir haben Eis gebrochen, und wir reden über alles, was in unseren Herzen vor sich geht. Wir haben Angst davor, zurückzukehren in eine Welt, in der wir wieder Rollen spielen müssen, in der wir nicht wir selbst sein dürfen. Wir würden so gern diese Zugfahrt ewig ausdehnen, denn Er redet wie ein Wasserfall von seinen Gedanken und Gefühlen, und für eine Weile wirkt es, als würden wir uns in einer leuchtenden Kugel befinden, in der wir endlich ehrlich sind und keine Blicke von außen fürchten müssen.

Dann fährt der Zug durch den Bahnhof Hamburg-Harburg, und wir realisieren, dass die Heimat immer näher kommt - und das Leuchten unserer Kugel wird schwächer. Er setzt seine Kopfhörer auf, ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Habe ich ihn lang genug angesehen, dass ich in Zukunft ohne diesen Anblick werde auskommen können?

Time will tell...

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Und ich erspare Euch die letzten Momente nach der Ankunft in Kiel. Warum schreibe ich das hier überhaupt? Weil Streit, unschöne Gefühle, Tiefen einfach zu jeder zwischenmenschlichen Beziehung dazugehören. Und die Geschichte zeigt uns vor allem eins: Solche traurigen, schweren Zeiten machen uns stärker. Warum würde Er sonst immer noch für mich aufgeschlossen sein?

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Die erste Zugfahrt

Aller Anfang ist schwer...

Es ist früher Abend, als ich im Bus sitze. Langsam dämmert es, kein Wunder, es ist Herbst. Es wird kälter, aber so wirklich nehme ich das nicht wahr, denn ich fühle mich schon kalt genug. Ich fahre zum Bahnhof, habe einen Rucksack mit Zeitschriften, Büchern dabei, außerdem eine Sporttasche mit Wäsche, die gewaschen werden muss.

Bevor ich am Bahnhof in meinen Zug steige, hole ich noch vom Zeitschriftenladen den aktuellen Intelligenztrainer und von Pizza Hut etwas Wegzehrung. Ich habe noch über zwanzig Minuten, bis der Zug nach Neumünster abfährt, und so genieße ich die Pizza, habe einen Viererplatz im Zug ganz für mich und schaue hinaus, auf das, was sich später einmal Bahnhofshalle nennen soll. Es dauert schon ewig, es wird auch weiterhin ewig dauern, kann mir aber egal sein, ich mache mir sowieso nicht viel aus Kiel, ich werde hier neun Semester studieren und dann haue ich wieder ab.

Es ist im Herbst Zweitausenddrei, und ich habe die erste Woche in meiner neuen Wohnung hinter mir, in meiner neuen WG, und ich vermisse meine Eltern wirklich sehr. Ich bin so froh, dass jetzt Wochenende ist und ich sie besuchen kommen kann. Die ersten Nächte in Kronshagen waren die Hölle. Alles so allein und ruhig und Conny nervt.

Eine gute halbe Stunde Fahrt später sitze ich im Anschlusszug nach Dithmarschen. Das ist der, der nur zwanzig Kilometer in der Stunde fährt und alle paar Minuten Warnsignale in die Nacht hinaus trötet, falls Kühe auf den Gleisen grasen. AKN. Nach H, und dann nach B.
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Das war vor fünfzehn Jahren. Heute sitze ich wieder im Zug, wieder die Pizza neben mir. Nur dass es jetzt nicht mehr die AKN ist, sondern die nordbahn, und dass die Kieler Bahnhofshalle fertig ist. Und dass ich nicht mehr in Kronshagen wohne, nicht mehr in einer WG, und meine Wäsche inzwischen selbst wasche. Und der Intelligenztrainer heißt mittlerweile Intelligenzrätsel.

Hat sich also Vieles verändert, und mittlerweile will ich auch gar nicht mehr aus Kiel weg. Aber es war ganz spannend zu erleben, wie all' diese Gefühle bei so einer Zugfahrt wieder hochkommen können.

Vermisse ich das Studium? Nein. Jedesmal, wenn ich einen Film über Studenten sehe, bin ich eigentlich ganz froh, dass ich einen Schritt weiter bin. Unabhängiger, selbstbewusster. Und mehr nach vorne schaue. War eine geile Zeit, aber ich bin froh, dass sie vorbei ist.

Coming of age und so...