Sonntag, 31. Dezember 2017

Berliner mit Senf

...no comment...

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich unten bei'm Bäcker die Menschen, die sich für heute und morgen mit allem eindecken, was man vom Bäcker gebrauchen könnte. Das scheint eine Menge zu sein, denn die Schlange der Menschen reicht bis nach draußen, auf die Straße, im Regen. Sie haben für heute graues Wetter angesagt und eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Feuerwerk in's Wasser fallen könnte.

"Na und? Du hast es doch eh' nicht so mit den Festen und Feiertagen, oder?"

Es ist spannend. So wenig ich Weihnachten nachvollziehen kann, so wichtig sind mir die letzten Tage des Jahres. Silvester bedeutet mir etwas, und ich kann versuchen, das zu erklären, aber das wird vielleicht erfolglos bleiben, denn das ist etwas, was ich selbst nur spüre und vielleicht noch nicht ganz verstanden habe.

Schon als Kind hat sich Silvester für mich irgendwie "besonders" angefühlt. Ich habe das Feuerwerk geliebt; ich tue das immer noch, allerdings bin ich seit ein paar Jahren nicht mehr selbst der große Abfackler. Es liegt daran, dass ich die Effekte mittlerweile kenne. Wenn ich mir heute Abend das Feuerwerk anschaue, werde ich hier- oder dorthin deuten und aufzählen, was das gerade für Elemente sind, die die bunten Lichter erzeugen. Dass ich selbst nichts mehr abbrenne, heißt aber nicht, dass ich es mir nicht gern anschaue, im Gegenteil. Das ist auch einer der Gründe, warum ich jedes Jahr im Herbst, in den letzten zwei Wochen der Saison, einmal in den Hansa-Park fahre, um nach den Achterbahnfahrten im Dunklen zum Abschluss des Abends das dortige Feuerwerk anzuschauen.

Der Silvesterabend ist mir wichtig - und gerade weil er so wichtig ist, möchte ich ihn allein verbringen. Damit ich ihn genau so verbringen kann, wie ich es möchte - damit mir sozusagen niemand dazwischenfunken kann. Das klingt etwas verbohrt. Ist vielleicht wieder eine kleine Nische, die ich mir mit Autisten teile: Wenn der Abend nicht nach meinen Vorstellungen verläuft, werde ich wütend, oder traurig, oder beides. Das weiß ich mittlerweile, und deswegen reserviere ich den Abend nur für mich.

Ich decke mich mit allem ein, was ich brauchen kann. Leckeres Essen (kaum zu glauben, mirabile dictu, aber ich esse etwas an Silvester!), gute Filme, gute Musik. Alles, was ich für eine perfekte Meditation brauche. Denn ich werde nachdenklich. Sehr nachdenklich; das ausklingende Jahr lädt mich ein, über mein Leben nachzudenken. Ich lasse das vergangene Jahr Revue passieren - was sicherlich nichts Besonderes ist, es wimmelt dieser Tage ja nur so von Jahresrückblicken - ich rufe mir in Erinnerung, was Gutes und Schlechtes passiert ist. Und im Schlechten versuche ich das Gute zu sehen. Denn wir neigen dazu, uns eher auf die schlechten Ereignisse zu berufen und dann festzustellen, dass es doch irgendwie ein Scheißjahr war.

Und was haben wir nicht alles an Anlässen dazu! Terroranschläge, eine AfD, die in den Bundestg einzieht, ein komplett verregnetes Jahr, schlechte Ernten, Krieg auf der Welt, eine nicht enden wollende Flüchtlingskrise, schon wieder Arbeitslosigkeit, Betriebskostennachzahlung, ein gebrochener Finger und und und...

...und damit ihr sowas nicht den Abend verhagelt, hat die große Buba eine ganz geniale Methode dagegen: das Glücksglas. Wann immer ihr im Jahr etwas Schönes passiert ist, wann immer sie besonders glücklich war, hat sie dieses Ereignis, ihre Gedanken dazu, auf einen Zettel geschrieben, zusammengefaltet und in ein Glas gesteckt. So hat sie alles Glück über die Monate gesammelt und schaut zum Jahresausklang in das Glas, sie faltet die Zettel auseinander und wird beim Lesen daran erinnert, dass ihr so viel Schönes widerfahren ist. Eine tolle Methode, und ich überlege, ob ich sie im kommenden Jahr ebenfalls anwenden möchte.

Ich denke an Silvester nicht einfach nur über alles nach, was passiert ist, sondern ich versuche, mein eigenes Verhalten im Angesicht all' dieser Ereignisse zu analysieren - zu beschreiben, und schließlich zu beurteilen. Ich gehe mit mir selbst in's Gericht, mit der Frage: "Was möchte ich im neuen Jahr anders machen? An welchen Stellen möchte ich mein Verhalten ändern, im Idealfall zum Besseren wenden?" Ich verbringe an diesem Tag mehrere Stunden mit solchen Überlegungen.

Ich habe letztes Jahr zu Silvester ein kleines Rätsel gepostet und mich darin bei den Menschen bedankt, die ich liebe. Auch heute möchte ich mich bedanken, und zwar bei Euch, meinen Lesern - genauer gesagt: Bei Dir, und zwar genau jetzt, da Du diesen Beitrag liest. Vor bald zwei Jahren habe ich angefangen, diesen Blog zu schreiben. Wenn es Dich nicht gäbe, Dich und Deine Reaktionen, Antworten, Beiträge und Meinungen zu dem, was ich hier fabriziere, dann hätte ich wohl längst das Interesse am Bloggen verloren. Dann hätte ich nach ein paar Monaten aufgehört zu schreiben. Mittlerweile weiß ich, dass es da draußen Menschen wie Dich gibt, die tatsächlich daran interessiert sind, was ich hier zu sagen habe. Das ist ein tolles Gefühl; die Tatsache, dass ich aus einem Arbeitsvertrag nach dem anderen ausscheide, von einer Schule nach der anderen gehe, lässt mich denken, dass mein ganzes Handeln vergeblich ist. Hier im Blog ist das anders.

Ich staune immer wieder darüber, wer alles mitliest. Das erkenne ich nur an den Reaktionen auf die Beiträge, zu denen Du dich vielleicht hast hinreißen lassen, und für die ich sehr dankbar bin. Ich habe einst darüber geschrieben, wie toll es ist, Fußspuren im Leben anderer Menschen zu hinterlassen, und dieser Blog belegt mir quasi, dass es wirklich so ist.

Danke für Dein Interesse. Danke für Dein Feedback. Danke, dass Du mir das Gefühl gibst, etwas Sinnhaftes zu tun. Ich hoffe, dass es auch in Deinem Leben diese "Reflektoren" gibt, die Dir zeigen, wofür Du das alles machst. Ich wünsche Dir für das neue Jahr genügend Gesundheit, das Leben in vollen Zügen genießen zu können; worauf wartest Du? Ich habe mit dem Genießen viel zu lange gewartet, habe mir immer wieder gedacht, dass ich das erst mache, wenn ich einen festen Job habe. Die Tatsache, dass ich aus jedem Arbeitsverhältnis erneut wieder hinausgekickt werde, und das positive Beispiel der Sannitanic haben mir klargemacht, dass ich mein Leben jetzt leben sollte, und nicht in irgendeiner weit entfernten Zukunft.

Mach' Zweitausendachtzehn zu einem großartigen Jahr - zu Deinem großartigen Jahr!

DANKE!!!

post scriptum: Ich denke, die "Berliner mit Senf"-Tradition dürften die Meisten kennen. Nachdem unten die gefühlt kilometerlange Schlange beim Bäcker verschwunden ist, bin ich auch einmal runtergetrottet und habe mir ein paar Teile geholt, allerdings mit den Füllungen, die ich als etwas leckerer empfinde ;-)

Samstag, 30. Dezember 2017

Rückkehr nach Twin Peaks


"I'll see you again in twenty-five years."

Diesen Satz sagt Laura Palmer zu Special Agent Dale Cooper in der Black Lodge - und es ist wahr geworden. David Lynch hat fünfundzwanzig Jahre nach der zweiten Staffel der mittlerweile tatsächlich legendären Serie Twin Peaks viele Darsteller der Originalserie zusammengetrommelt und ein neues Kunstwerk erschaffen: Twin Peaks - A Limited Event Series.

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll; ich bin extrem beeindruckt, dabei habe ich gerade einmal die erste Folge der neuen Staffel gesehen. Mehr als einmal konnte ich meinen Augen nicht trauen, denn sie sind alle wieder da, und sie sind fünfundzwanzig Jahre älter geworden: Deputy Andy Brennan und Lucy Moran haben einen vierundzwanzigjährigen Sohn. Hawk hat mittlerweile graue Haare. Margaret, die Log Lady, taucht auf; ihre Szene ist ein besonderer Genuss, denn die Darstellerin Catherine E. Coulson ist bereits 2015 verstorben. Dieser Umstand trägt zur Atmosphäre bei, die sich schnell beschreiben lässt: düster, verstörend.

Das neue Werk ist wesentlich tiefer im psychologischen Horror verwurzelt als die Originalserie. Ich muss zugeben, zeitweise hatte ich ein bisschen die schräg-lustige Seite von damals vermisst - das soll aber nicht heißen, dass kein Humor vorkommt, ganz im Gegenteil, es gibt wieder den rabenschwarzen Lynch-Humor. Ich habe zwischendurch einen Lachanfall bekommen bei einer Szene, in der es um das Öffnen einer Apartmenttür geht. Ich gehe nicht in's nähere Detail, denn ich könnte mir vorstellen, dass es da draußen mehrere Menschen wie mich gibt: aufgeschlossen für Neues, gierig nach Lynch-Input und ich möchte nicht "gespoilert" werden (was die Sprache so alles anstellt...).

David Lynch hat diesmal die Zügel nicht aus der Hand gegeben (wie in der zweiten Staffel), er hat eine ganz konkrete Vorstellung davon gehabt, wie sich das alles entwickeln soll. Die Serie ist eine achtzehnstündige Einheit. Wenn nicht die Credits über den Bildschirm laufen würden, wüsste man nicht, dass eine Folge zu Ende ist. Lynch hat alles gefilmt, was er zu "sagen" hatte, und hat dann das Ganze in achtzehn Episoden unterteilt.

Ich bin so beeindruckt - und auch dermaßen verstört - von der ersten Folge, dass ich unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Lynch hat die Pilotfolgen 1 und 2 beim Filmfestival in Cannes in diesem Jahr gezeigt und fünfminütige standing ovations bekommen. Das zeigt: David Lynch ist ein Meister seines Fachs, das hat nichts mehr mit Mainstream zu tun, das ist eine Nische, aber eine sehr tiefgründige, inspirierende und illuminierende Nische.

Es sollte erwähnt werden, dass die Serie in Deutschland das Siegel FSK18 bekommen hat, und das zu Recht. Der Inhalt ist definitiv nicht für Jugendliche gedacht. Es ist eine düstere Kunst und verlangt eine gewisse Reife, um das Gezeigte überhaupt verarbeiten zu können.

Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Ich muss jetzt erstmal die Eindrücke der ersten Folge verarbeiten. Die älter gewordenen Darsteller. Die düsterer gewordene Grundstimmung (trotz Kaffee und Donuts). Die neuen Schauplätze (zusätzlich zur Stadt Twin Peaks). Ich weiß noch sehr gut, was am Ende der letzten Staffel mit Dale Cooper passiert ist, auch Er weiß das noch, und unzählige Menschen da draußen, und nun entwickelt sich alles genau in die in der letzten Folge angedeutete Richtung.

David Lynch hat ein unglaubliches Talent dafür, Alpträume mit der Kamera aufzuzeichnen. Das hat er schon in Mulholland Drive (2001) getan, und es ist ein Genuss, sich in sein düsteres Universum entführen zu lassen.

Thank you for being unconventional.

Freitag, 29. Dezember 2017

Karma

Jeder Mensch hat seinen eigenen Blickwinkel im Leben, handelt dementsprechend und arbeitet an seinem Karma...

"Ich bin nicht böse, ich habe nur eine Dummheit gemacht."

So erklärt die mexikanische Haushaltshilfe den amerikanischen Kindern, auf die sie hat aufpassen sollen, warum sie von der Polizei abgeführt wird. Das ist eine Szene aus dem Film, den ich eben gesehen habe, dazu unten mehr. Wir alle machen Dummheiten. In meiner Wahrnehmung mache ich überdurchschnittlich viele Dummheiten, aber das kann täuschen. Jedenfalls haben diese Dummheiten Konsequenzen. Vielleicht kaum spürbar, vielleicht nicht sofort, vielleicht erst in Jahrzehnten. Aber ich glaube fest daran, dass all' unsere Aktionen Folgen haben.

Ich habe oft genug erklärt, dass ich nicht an das Christentum glaube, nicht an irgendeinen Gott oder so, und das erklärt auch, warum mir die Feiertage nichts bedeutet haben. Natürlich habe ich mich auch selbst schon öfters gefragt: "Glaube ich überhaupt an irgendetwas?" Und über die Jahre hinweg habe ich die Antwort gefunden, dass ich an das Karma glaube.

Ich nehme mir jetzt einmal die Frechheit heraus, das Karma schön bildlich wie eine Art "Seelenkonto" zu beschreiben. Mit jeder Handlung in unserem Leben zahlen wir auf dieses Konto ein. Das betrifft sowohl gute Taten, als auch Lügen, Betrügereien, Verstöße gegen das Recht und vieles mehr. Alles wird auf das Konto eingezahlt, man kann keine Aktion einfach ungeschehen machen. Auch wenn es vielleicht nur eine kleine Dummheit war (die unter Umständen eine Kettenreaktion ausgelöst hat).

Über die Jahre hinweg füllt sich das Konto immer weiter - und es gibt Zinsen obendrauf, indem zum Beispiel eine kleine Notlüge von einst mittlerweile zu einer persönlichen Lebenslüge angeschwollen ist. Allerdings erhalten auch die "guten" Taten ihre Zinsen. Das Konto existiert zu jeder Zeit, daran glaube ich, und daran, dass ich irgendwann meinen Anteil ausgezahlt bekomme.

Im Positiven heißt das, dass ich vielleicht für eine kleine Hilfe, die ich jemandem im Studium geleistet habe, eine große Hilfe im Erwachsenenalter zurückbekomme. Egal in welcher Form, auch egal in welchem Umfang: Das Positive wird sich auszahlen, expressis verbis. Im Negativen bedeutet das allerdings, dass jede kleine Dummheit sich auch irgendwann auszahlen wird. Da habe ich zum Beispiel einmal jemanden angelogen, diese Lüge jahrelang aufrecht erhalten und bekomme nun die Konsequenzen zu spüren, ohne eine realistische Chance, die Sache aufzuklären.

Ich glaube, das ist der Grund, warum ich immer nett und freundlich bin, und warum ich versuche, im Umgang mit anderen Menschen "gut" zu sein. Nicht als Gegenstück zu "böse", denn an das Böse glaube ich nicht. Ich verhalte mich so, dass mein Karma, mein persönliches Seelenkonto, jederzeit möglichst gut dasteht. Ich konsumiere keine illegalen Drogen - auch wenn die Versuchung hin und wieder sehr stark war. Ich stehle keine Ware - auch wenn ich noch so knapp bei Kasse bin. Ich beschädige nicht fremdes Eigentum - auch wenn ich mich manchmal für etwas würde rächen wollen, oder einfach nur Wut ablassen. Ich möchte mein Gewissen nicht mit diesen Dingen beladen.

Auch wenn meine direkte Ehrlichkeit manche Menschen sehr vor den Kopf stößt und sie für den Moment verblüfft, verstört oder verärgert: Ich benutze keine white lies mehr, keine Notlügen aus Höflichkeit.

Es gibt ein perfektes Filmgenre für genau diese Thematik, nämlich den Episodenfilm. Diese Filme haben in der Regel keine Exposition, keine Peripetie, kein Denouement. Es ist, als ob der Film sich für eine Weile in das Leben eines Menschen einschaltet und ihn beobachtet, bei seinem Alltag, bei seinen Missgeschicken und auch bei seinen kleinen Erfolgen im Leben. In der Regel verbindet jeder Episodenfilm mehrere verschiedene Handlungsstränge, verschiedene Personen, die wir bei ihrem Leben beobachten (viele Episodenfilme zeichnen sich durch hohen Realismus aus), und manchmal werden sie auf eine ziemlich geniale Art verknüpft. Dafür gibt es unterschiedlichste Techniken.

Richard Linklaters Slacker (1991) beobachtet zum Beispiel einen Mann, der im Bus fährt und über den Sinn des Lebens nachdenkt. Ich erfahre, wo er herkommt und wo er hin will, ich habe mich gerade richtig auf seine Geschichte eingelassen, da stoppt der Bus wegen eines Unfalls (ich nehme hier ein bisschen Freiheit, das ist nicht die genaue Abfolge im Film). Ein Fahrradfahrer ist angefahren worden, seine Freundin kniet neben ihm, der Notarzt ist verständigt. Ich erfahre, dass er auf dem Weg zu einer Preisverleihung war - der Busfahrer ist mittlerweile verschwunden, ich bin in einer neuen Episode. Und so geht es weiter.

Ein Meister der Episodenfilme ist Alejandro Gonzalez Inarritu, dessen Film Babel (2006) ich mir heute angesehen habe. Er verbindet drei scheinbar völlig unabhängig voneinander stattfindende Episoden in Marokko, Japan und den USA/Mexiko, auf sehr geschickte Art und Weise. Es beginnt alles damit, dass ein marrokanischer Vater von einem Bekannten ein Gewehr geschenkt bekommt, die beiden waren zusammen auf der Jagd. Der Vater zeigt das Gewehr seinen Söhnen und erklärt ihnen, dass sie damit in Zukunft Jagd auf Schakale machen werden (komplett in der Landessprache, natürlich untertitelt - soviel zum Thema Realismus). Die Jungen nehmen das Gewehr und machen Zielübungen. Sie glauben dem Bekannten ihres Vaters nicht, dass man damit angeblich auf drei Meilen genau treffen kann. So weit? Geht nicht! Sie sind Kinder und wissen es nicht besser, steigen auf einen Berg und machen weiter Zielübungen. In weiter Entfernung fährt ein Bus mit Touristen die Passstraße entlang. "Wetten, du triffst den Wagen nicht?" Und der Bruder schießt. Natürlich passiert nichts, der Bus fährt ganz normal weiter. Die Jungen stehen enttäuscht auf und wollen weggehen, da sehen sie, wie der Bus unten bremst.

Schnitt auf ein amerikanisches Ehepaar (sehr schön gespielt von Cate Blanchett und Brat Pitt, wenn auch etwas Overacting dabei war), das Urlaub macht und vom Bus aus die Landschaft betrachtet. Meilenweit nur Berge, Wüste, trockene Pflanzen. Es leises Geräusch kommt von irgendwoher, wir sehen, wir sich die Bluse der Frau an der Schulter langsam blutig rot verfärbt.

Damit beginnt eine Kettenreaktion, die - wie beschrieben - auch noch Mexiko und Japan beinhaltet, denn: Jede Tat, die in diesem Film ausgeübt wird, hat Konsequenzen, positive oder negative. Der Film verzichtet zum Glück auf spektakuläre Spezialeffekte, sondern bietet Szenen, mit denen jeder Erwachsene sich identifizieren kann, und dadurch trifft er umso stärker in mein eigenes Gewissen. Jede Handlung, die ich vollbringe, wird sich irgendwie auswirken. Es mag für mich nur eine Kleinigkeit sein (wie die Zielübungen der Jungen im Film), aber für jemand Anderen bedeutet es vielleicht sehr viel (Cate Blanchett droht an der Wunde zu verbluten, mitten im Land, ohne Ärzte und Verbindungen).

Das ist Karma.

Je älter ich werde, umso mehr bekomme ich meine ersten Auszahlungen zu spüren. Da unterrichte ich an der KGS zwei Schüler, die ich vor fünf Jahren in Husum einmal kurz hatte, und sie erinnern sich und haben mich in sehr guter Erinnerung. Und machen in meinem Unterricht toll mit. Da schickt mir die große Buba eine Nachricht, denn - Zufall - ich unterrichte den Sohn einer Bekannten von ihr und der scheint sehr positiv beeindruckt zu sein.

Ihr kennt solche Auszahlungen sicherlich selbst. Und, schauen wir uns nur diesen Blog an. Die verschiedensten Menschen lesen ihn. Manche reagieren auf die Beiträge. Zum Beispiel Renate Schalkalwies, meine benachbarte "Tante Renate" aus meiner Kindheit in meinem Heimatdorf. Oder Jeanette Bornträger, mit der ich einmal zusammen bei den Saturnalien auf der Bühne stand und die mir den Tipp gegeben hat, dass man zum Rasieren wunderbar Haarspülung nehmen kann. Oder Beke Hansen, die ich vor Jahren einmal an der Uni in meinem Tutorium hatte. Georg Leinhos, mit dem ich das Lateinmodul bei Herrn Kruse erleben durfte. Franka Wottawa: Die Schwester meiner angeheirateten Tante. Die Verbindungen können so vielfältig sein.

In all' ihren Leben habe ich einen Eindruck hinterlassen, der sich darauf auswirkt, wie wir heute zueinander stehen. Alles Karma. Und deswegen glaube ich daran, dass ich mich auch in Zukunft den Menschen gegenüber "gut" verhalten möchte. Auch wenn ich dabei naiv wirke. Auch wenn es Geld kostet. Auch wenn whatever.

Daran glaube ich. Das ist, sozusagen, meine Religion.

post scriptum: Noch mehr Episodenfilme, die sich mit Verbundenheit auseinandersetzen, wären "Cloud Atlas" (fantastisch!), Jim Jarmuschs "Mystery Train" (Jarmusch eben), Robert Altmans "Short Cuts", Martin Gypkens' "Wir".

"Babel" und "Mystery Train" kann man sich bei Amazon prime kostenlos anschauen.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Schleimerella


Ich habe vor Kurzem von einem meiner Schüler ein extrem positives Feedback erhalten. Das macht mich misstrauisch, denn wir hatten bisher nicht einmal zehn Unterrichtsstunden. Aber ich lerne, dass ich es einfach genießen soll. Und klar, ich freue mich, gerade auch weil sich bei mir die Befürchtung breit gemacht hat, dass ich bei Gymnasialschülern nicht ankomme. Ich habe mich im Verhalten so sehr auf Gemeinschaftsschulen umgestellt, dass ich ein sehr loses Mundwerk mit recht zügelloser Unterrichtssprache pflege. Schön zu wissen, dass es nicht zu schlimm geworden ist.

Diese Erfahrung, das positive Feedback, hat mich in's Nachdenken gebracht. Ich habe einen relativ guten Zugang zu Schülern. Gilt das tatsächlich an jeder Schule? Und dann fällt mir wieder ein, dass auch ich Schüler habe, mit denen ich nicht klar komme, die mich in den Wahnsinn treiben können und zu denen ich keinen Draht knüpfen kann.

Aus meiner Erfahrung heraus sind es ganz brave Kinder, Lehrerlieblinge, mit denen es Stress geben kann. Ein solcher Lehrerliebling ist Schleimerella. Schleimerella bringt sich ein, wo sie nur kann, natürlich arbeitet sie in der Schülervertretung, natürlich ist sie sehr fleißig. Das halbe Kollegium liebt Schleimerella und ist stolz auf seine Vorzeigeschülerin.

Ich gebe jedem Schüler die Chance, bei mir mit "ausgeglichenem Konto" zu starten. Damit meine ich, dass es mich herzlich wenig stört, wenn die Kollegen den Schüler als verhaltensauffällig, Leistungsverweigerer und Asozialen abstempeln: Er bekommt bei mir, da ich über seine "Vorgeschichte" nichts weiß, genau die gleichen Startbedingungen und Chancen wie Schleimerella. Auch ihre Vorgeschichte kenne ich nicht, scheint positiv zu sein.

Schleimerella geht davon aus, dass ich ihren Ruf natürlich schon kenne, und sie arbeitet fleißig weiter daran. Sie macht nicht wirklich viel im Unterricht, außer hübsch auszusehen und zu lächeln. Sorry, Mädel, aber der angebliche Leistungsverweigerer trägt mehr zum Unterricht bei als Du. Das zieht sich dann die Wochen über hin, und dann wird es Zeit für Noten. Schleimerella ist unzufrieden.

"Warum habe ich nur eine 3 bekommen?"
"Deine Mitarbeit im Unterricht, die Klassenarbeiten... tut mir leid, aber ich komme nicht über die 3 hinaus."

Und so bekommt man dann beef. Sorry, aber ich werde Schleimerella nicht besser bewerten, nur weil sie sonst total beliebt ist. Und genau solche Schleimerellen sind für ich ein rotes Tuch. An Gemeinschaftsschulen war die Frequenz solcher Schüler nicht sehr hoch; ich hoffe, dass ich an meiner jetzigen Schule keine Schleimerella bekomme.

Montag, 25. Dezember 2017

Urlaub in den Misanthropen

Man sieht Menschen wieder, die einem etwas bedeuten. Zumindest theoretisch.

Ich gehe nicht davon aus, dass irgendjemand diesen Beitrag liest. Es ist Heiligabend - solltet Ihr die Zeit nicht mit den Menschen verbringen, die Euch am Herzen liegen?

Da haben wir es wieder - "solltet Ihr nicht...", denn es ist Weihnachten und es geht um Konventionen und Traditionen. Ich habe das Fest nie wirklich verstanden. Nachdem ich mittlerweile aus der Kirche ausgetreten bin, wäre es auch kein Verlust für mich, überhaupt nichts davon mitzubekommen. Ich mag nicht den Einkaufsrummel. Ich mag nicht die ganze Weihnachtsdeko. Ich mag nicht, wenn Familien sich gegenseitig vorspielen, alles sei in Ordnung, nur weil ein bestimmtes Datum im Kalender erreicht ist.

An diesem Datum soll ich etwas feiern, woran ich nicht glaube. Nie geglaubt habe; ich bin dazu erzogen worden, das toll zu finden, wenn überall die Lichter leuchten, wenn die Familie zusammenkommt, wenn es leckeres Essen gibt, und die Geschenke. Damals habe ich das alles nicht hinterfragt. Mittlerweile denke ich anders darüber, und ich bin tatsächlich froh, wenn die Feiertage vorüber sind.

Ich mag die Stille nicht. Überall ist es ruhig, weil ja alle die Zeit mit ihren Lieben verbringen. Für einen Menschen, der nicht so gern viel Zeit mit Anderen verbringt, ist diese Zeit eher belastend. Ich bin nicht gern außerhalb meiner Wohnung, wenn ich es mir aussuchen kann. Ich mag es nicht, von einem Essen zum nächsten zu feiern und ich habe Probleme damit, so zu tun, als sei alles super. Für mich ist es schöner, wenn ich danach wieder nach Hause komme, in meine eigene Wohnung, in der ich Möglichkeiten habe, die Zeit herumzubringen, bis endlich wieder Leben in die Straßen und Häuser einkehrt.

Es ist jetzt der Vorabend des Vierundzwanzigsten. Morgen fahre ich zu meiner Familie und werde am ersten Feiertag wieder zurückfahren. Ich weiß, dass es antisozial klingen muss, aber ich genieße die Zeit nun mal nicht wirklich. Ich freue mich jetzt schon drauf, wenn ich wieder zurück bin. Mir tut das immer sehr leid, meiner Mutter gegenüber.

Ich gewöhne mich langsam daran, dafür schräg angeschaut zu werden. Wenn ich bei Familientreffen nicht dabei bin, egal, zu welchen Anlässen. Denn warum soll ich dorthin kommen - nur damit die Anderen mich zu sehen bekommen? Für mich sind diese Anlässe nichts Tolles oder Angenehmes.

Ich lege gerade die Sachen zurecht, die ich für den kurzen "Urlaub" brauche. Sachen, um mich zwischen den "Familienanlässen" zu beschäftigen, Buch, Videospiel, Hörspiele. Morgen werde ich diesen Beitrag dann auch weiterschreiben.

(...)

Okay, erster Feiertag, ich habe den Heiligabend einfach mal genossen, so gut es geht, und eigentlich war es irgendwie auch ganz schön. Mit allen zu reden und gut gehen lassen. Aber jetzt ist mein Bedarf an menschlicher Kommunikation schon wieder gedeckt und ich bin gerade dabei, die Sachen für die Rückfahrt zu packen. Ich freue mich tatsächlich wieder, wenn ich in meine Wohnung zurückkommen kann und mein Kurzurlaub in den Misanthropen vorbei ist. Bevor ich diesen Beitrag dann veröffentliche, werde ich noch einen letzten Absatz hinzufügen, wie es sich anfühlt, wieder die eigenen Gefilde zu betreten. Jetzt muss ich erstmal schauen, dass ich nichts vergesse. Und wie Mütter nun mal so sind, wird mir meine viel mehr Dinge mitgeben, als ich jemals gebrauchen kann, darunter ein paar Tonnen Essen, damit ich auch ja nicht verhungere. Der mütterliche Instinkt ist auch nach den Jahrzehnten noch sehr stark. Und gerade wenn Du Dein Kind nur noch einmal alle paar Monate zu Gesicht bekommst, kann dieses eine Wiedersehen sehr viel bedeuten. Das sollte ich ihr gönnen.

(...)

Es fühlt sich schön an, wieder in meine Wohnung zu kommen. Hier habe ich definitiv nicht das Gefühl, dass ich mich verstellen muss, und ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum ich nicht so viel rausgehe.

Der mütterliche Instinkt hat mich reichlich versorgt, ich dürfte die nächsten drei Monate essenstechnisch über die Runden kommen. Dabei hatte sie mir noch eine Geschichte erzählt, ging gar nicht um's Essen, sondern um eine befreundete Familie, die vor längerer Zeit schon aus der Kirche ausgetreten ist, aber immer noch fleißig Weihnachten feiert. Sollen sie gern machen, aber irgendwie ist das unsinnig, und ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich in den letzten Tagen öfters genau darüber nachgedacht habe. Ich bin auch vor ein paar Monaten aus der Kirche ausgetreten. Und da ich an das alles nicht glaube, verstehe ich auch nicht, warum ich Weihnachten feiern sollte. Klar, Familie beisammen und so. Aber eigentlich sehe ich keinen Grund, das Fest ob des religiösen Hintergrundes zu feiern. Ehrlich gesagt vermisse ich seit dem Kirchenaustritt überhaupt nichts.

Und nun gibt es ein Hörspiel und dann ist wieder Bubatime, Rätsel knacken und explodieren. Genießt Eure Feiertage. Genießt die Zeit bei Euren Liebsten. Tankt etwas Energie, damit danach der Alltag wieder beginnen kann.

post scriptum: Der schöne Ausdruck "Urlaub in den Misanthropen" stammt nicht von mir, sondern aus einem Liedtext, aber ich konnte den nicht ungeteilt lassen (Grossstadtgeflüster - Fickt-Euch-Allee).

Samstag, 23. Dezember 2017

Susi & Peter

Bosch würde vor Neid erblassen!

Es wird mal wieder Zeit für einen Artikel aus der Kategorie geisteskrank: eine kleine Geschichte aus meiner Schulzeit. Ich habe mich im Unterricht sehr oft gelangweilt. Einen Großteil dieser Zeit habe ich mit dem Intelligenztrainer verbracht, der alle paar Monate erschien und reichlich anspruchsvolle Rätsel zur Beschäftigung bereit hielt. Das war immer noch besser, als meine Lehrer zu nerven, zum Beispiel, indem ich einen fünfminütigen Lachkrampf wegen des Wortes "Vulva" bekam und Herr Mordhorst mich wild herumbrüllend aus dem Deutschunterricht geworfen hat. Das war herrlich, eine Lehrstunde für jeden Pädagogen. Gegen das Lachen hat es allerdings nicht geholfen.

Ich bin sehr dankbar für diese Phasen des Nichtstuns, denn manchmal bin ich auch sehr kreativ dabei geworden - so ist zum Beispiel Das Schwimmbad entstanden, mein erstes eigenes Rollenspiel. In anderen Langeweilephasen habe ich kleine Comics gezeichnet. Ich konnte damals nicht zeichnen und kann es heute noch weniger, daher hatte ich die Comics auf das Nötigste begrenzt, nämlich auf zwei Figuren und etwas "Werkzeug". Und ich brauchte nichts weiter als einen Kugelschreiber und einen Rotstift.

Diese Comics mit dem Namen Susi & Peter folgen immer derselben Strategie: Susi und Peter, zwei Schulkinder, treffen sich, und einem von beiden geht es besser als dem Anderen, aus unterschiedlichsten Gründen: Keine Hausaufgaben, ein Geschenk bekommen, Lehrer in den Wahnsinn getrieben, irgendwelche Anlässe ließen sich immer finden. Und das fröhliche Kind (die Rollen haben immer gewechselt) hat es dem anderen auf die Nase gebunden, so dass das andere Kind erst traurig war, dann wütend wurde und dann, völlig random, mit einem x-beliebigen Gegenstand sein Gegenüber ermordet hat, so dass im Schlussbild die Rollen vertauscht waren: Das traurige Kind hat sich biestig gefreut und das andere Kind, nun ja, war tot (und traurig).

Deswegen auch der Rotstift. Damit man genau sieht, wo überall das Blut herumgespritzt ist, und der Mordgegenstand wurde auch immer beschriftet, damit man auch wirklich wusste, was da genau passiert ist. Ich war zu der Zeit etwa vierzehn Jahre alt, ich glaube, das sind ganz normale Teenagerfantasien. Oder etwa nicht? Wie kann ich dann erklären, dass tatsächlich ein paar Freunde die S&P-Comics lustig fanden und immer wieder neue haben wollten? Mit diversen Mordwaffen, Pürierstab, Haarfön, Käseigel, Staubsauger, Einhorn... und dass zum Schluss sogar jemand Anderes eine S&P-Geschichte für mich gezeichnet hat, mit allem, was dazugehört?

Ein Hauch von Wahnsinn aus der Kindheit, hier nur für Euch, die erste Susi & Peter-Geschichte, die ich je gezeichnet habe. Nicht in der Originalausgabe, ich habe sie eben neu gezeichnet, aber ich freue mich, dass ich mich noch so gut daran erinnern konnte:



post scriptum: Ich muss zugeben, dass ich auch heute wieder nicht enden wollende Lachkrämpfe ob der Absurdität des vierten Bildes hatte... (man beachte die willkürlich auftauchenden und verschwindenden Hände und dass die Köpfe im zweiten Bild selbst wie Luftballons aussehen)... und Mord per Käseigel...

Freitag, 22. Dezember 2017

Advent, Advent, das Drecksgör brennt

Manchmal wünschte ich mir, das ganze Weihnachtsgedöns würde einfach in Flammen aufgehen...

"Heute aktualisiere ich endlich meine Bewerbung im pbOn!" Mit diesem Gedanken stehe ich aus dem Bett auf, denn bald ist ja schon die Hälfte meiner Zeit an der neuen Schule um. Und in den Ferien kommen häufiger Vertretungsgesuche zutage, also sollte ich dafür sorgen, dass jedermann mich anfordern kann. Ehrlich gesagt ist das ein grauenhafter Gedanke: Ich habe noch nicht einmal richtig angefangen, mich an die KGS zu gewöhnen, und dann soll ich schon wieder an eine andere Schule? Ich hasse dieses Scheiß-System.

Ich tapere in Zeitlupe in's Bad; gestern war die große Buba da, das war toll, und die Nacht war kurz. Aus dem Treppenhaus höre ich das Klappern der Briefschlitze der Nachbarn weiter unten, sieh' an, da kommt die Post, vielleicht ist ja auch etwas für mich dabei. Ich stehe im Bad, schaue meine Überreste im Spiegel an und tatsächlich klappert es in dem Moment auch bei mir. Ein Luftpolsterbrief landet auf meiner Fußmatte und ich bin mit einem Mal hellwach: Ist das etwa...?

Koffein gefrühstückt, Fenster geöffnet, etwas Sauerstoff tut sicherlich gut, und ich reiße den Briefumschlag auf. Tatsächlich: Obwohl sie erst ab dem Siebenundzwanzigsten ankommen sollte, hat sie es überraschenderweise jetzt schon aus Spanien zu mir geschafft, die Bluray mit der restaurierten Version von Metropolis. Ohne Zögern werfe ich den kompletten Tagesplan um, dieser Tag gehört diesem Film. Habe ich alles, was ich brauche?

"Nur noch schnell Tiefkühlpizza holen. Ach so, und Hustenstiller habe ich auch keine mehr, lieber besorgen, bevor ich über die Feiertage nichts da habe."

Es klingt nach einem schnellen Gang, allerdings sind es zwei unterschiedliche Ziele, Apotheke und Laden mit TK-Pizzen. Ich entscheide mich, in den Cittipark zu gehen. Da gibt es eine Apotheke, da finde ich etwas zu essen. Und, naja, vielleicht sehe ich ihn ja dort. Nachdem Er mir geschrieben hat, dass Er heute und morgen da arbeiten muss, sehe ich eine schöne Chance, ihm zufälligerweise über den Weg zu laufen. Einmal anstrahlen würde schon reichen, ich weiß, dass Er das auch mag.

Gewappnet gegen die Kälte marschiere ich los, es ist eine herrlich klare Luft, Sonne, ich atme beides ein, so reichlich ich kann. Kombiniert mit der Vorfreude, ihn vielleicht zu treffen, kann ich nicht anders, als extrem breit zu grinsen. Wie sagte Buddha noch gleich? "Lächle - und die Welt verändert sich", und recht hat er. Es fühlt sich toll an, die noch weiter gesteigerte Vorfreude darauf, endlich Fritz Langs SciFi-Epos mit knapp einer halben Stunde restaurierter Szenen zu sehen... ich gehe über den Bahnsteig, die Treppe hinauf, rechts abbiegen und geradeaus in das Einkaufszentrum, Grinsen weiter zementiert. Die automatische Schiebetür öffnet sich.

Wuff.

Es ist, als ob ich gegen eine unsichtbare Wand laufe. Mit einem Schlag überrollt mich die Luft aus dem Inneren, warm, stickig, nach Schweiß und Deo, nach Zimt und Kotze. Die Temperatur erhöht sich schlagartig um etwa achtunddreißig Grad Celsius. Wo eben noch klare, herrliche, übersichtliche Umgebung war, stehen nun Menschen. Tausende. Es müssen Millionen sein. Familien. Sie stehen einfach nur herum. Überall stehen Familien. Halluziniere ich ob der schlechten Luft, oder hat da tatsächlich gerade die kleine Schantalle-Mandragora dem Kähwien-Hasduball (nein, hab' ich nicht!) auf die Schuhe gekotzt?

Ich möchte stehen bleiben. Ich brauche einen Moment Ruhe. Orientierung. Gedankenzüge fahren in tausend Richtungen gleichzeitig. Ich atme tief durch, aber ich kann nicht stehenbleiben, da ich mit einer perpetuum-mobile-Masse von einkaufenden Familien verschmolzen bin. Ich werde gnadenlos weiter in das Einkaufszentrum geschoben, von kalter, klarer Luft ist nichts mehr zu spüren, nur die Sonne scheint durch die Dachfenster herein, ein Strahl erhellt meinen Weg gerade noch rechtzeitig, damit ich um die Kotze herumsteuern kann.

Ich ahne nicht, dass es im Moment noch halbwegs erträglich ist. Die puddingartigen Bewegungen der Menschenmasse befördern mich aus dem Verbindungskorridor in den Hauptteil des Einkaufszentrums. Ich erblinde fast, was allerdings nicht an der Sonne liegt, sondern daran, dass sie von zigmilliarden Christbaumkugeln reflektiert wird, die sich mit Grünzeug verbunden wie ekelhaftes Gewürm um alles schlängelt, was sich umschlängeln lässt. Das Einkaufszentrum ist zu einem Mekka der einkaufenden Familien geworden, kurz MedeF, wobei Moloch ein passenderer Name gewesen wäre. Und auf einmal stehe ich still.

In der Tat. Ich bin nicht mehr Teil der sich wie Soße ausbreitenden Menschen mit zuviel Geld auf dem Konto, ich stehe still. Allerdings nicht, weil etwa dafür genügend Platz wäre, nein, es sind überall Menschen. Das ist nicht übertrieben. Aber die Menschen, die nicht von einem Geschäft zum nächsten wabern, stehen an. Anstellschlangen in Ausmaßen, dass eine Naturdoku angebracht wäre. Ich weiß noch nicht einmal, wofür ich gerade anstehe, ich weiß nur, dass es noch lange dauern wird, bis ich es herausfinde. Da nützt es auch nichts, wenn man ein fast zwei Meter großer Mann ist, denn ich schaue lieber weiterhin auf den Fußboden, wohl ahnend, dass das erste Riff der Kotze nicht das letzte gewesen sein wird.

Apotheke, dröhnt es in meinen Ohren, und zu Citti, Pizza und vielleicht ist Er ja gerade dort. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass meine Chance sehr gering ist, in diesem Menschenauflauf eine bestimmte Person zu finden. "Wofür stehen sie hier an?" fragt mich eine ältere Dame von rechts und ich muss zugeben, dass ich immer noch keine Ahnung habe, allerdings finde ich es in genau diesem Moment heraus, denn ich fahre runter. In's Erdgeschoss. Wo noch mehr Kotze is'. Denn das war die Warteschlange für die Rolltreppen. Dort, Erlösung, ich sehe die Apotheke! Doch halt! Ich brauche Geld! Und zeitgleich schwant mir Übles - wie lange werde ich wohl am Geldautomaten warten müssen? Ich suche das Ende der Warteschlange schon gar nicht mehr am Automaten selbst, sondern schaue mich direkt im Umkreis von etwa einhundert Metern um. Ist das zu glauben? Ich finde nichts! Überall fließt der Menschenpudding weiter, nirgends steht jemand still. Ich vertraue auf meinen Orientierungssinn und kehre zurück zum Geldautomaten: Es ist kaum zu glauben, dort steht niemand an. Wahrscheinlich haben die einkaufenden Familien den heutigen Einkauf lange vorher geplant, um eine Chance auf Überleben zu haben, und dazu gehört natürlich auch, das Weihnachtsgeld und die letzten beiden Monatsgehälter in bar auszahlen zu lassen, damit man wenigstens ein kleines Geschenk für die Kinder kaufen kann.

Da also niemand noch mehr Geld vom Konto abheben musste (konnte?), erledige ich diesen Punkt rasant. Rasant, damit ich nicht meinen Kontostand sehen musste, denn rote Zahlen trifft es nicht so ganz, meine Kreditkarte schämt sich für mich und ich rede mir ein, wenn ich einfach nicht auf den Kontostand schaue, dann wird es schon nicht so schlimm sein.

Selbst in der Apotheke stehen die Familien Schlange, und das, obwohl sechs Apotheker gleichzeitig bedienen. Leute, was zur Hölle ist mit euch nicht in Ordnung? Warum müsst ihr gerade vor Weihnachten noch Medikamente einkaufen, als gäbe es danach keine mehr? Ich bin dabei, mich richtig aufzuregen über das dämliche Verhalten wohlsituierter Großstädter zur Einkaufszeit, da fällt mir ein, dass ich selbst gerade jetzt gerade hier stehe, auf der Suche nach Medikamenten. Schade, ich hatte mich gerade so schön aufgeregt. Da kann Buddha noch so viel labern, seitdem diese Schiebetür aufgegangen ist, befinde ich mich in einer Parallelwelt, in der ich gar nicht mehr ausgeglichen sein möchte.

Schnaufend begebe ich mich in das nächste Geschäft, Ziel: Tiefkühlpizza. In diesem Laden, Citti höchstpersönlich, gibt es ein interessantes Fließverhalten der Menschenmassen zu beobachten: In den Hauptgängen fließt alles dicht gedrängt, schwitzend, fluchend, geldausgebend wie überall - doch in den Seitengängen steht kein Mensch. Meine Erlösung! Und so lasse ich mich nach links aus dem Strom herausrempeln. Endlich durchatmen - und so atme ich tief ein, die ganze Schweiß-Deo-Kotze-Zimt-Mischung und überlege, zur Apotheke zurückzugehen und mir etwas gegen Übelkeit mitgeben zu lassen.

Indem ich von Seitengang zu Seitengang husche, bekomme ich schließlich meine Pizza, und zwar die ohne Tomatensoße, weil die herrlich abgestimmte Aromen hat - als mir das bewusst wird, geht ein seliges Lächeln über mein Gesicht, eine Sekunde Paradies in dieser Weinachtshölle. Wo sind die Kassen? Ich muss gar nicht suchen: Die einkaufenden Familien sind so sehr darauf fixiert, möglichst viel Geld auszugeben, um ihre Mistbälger für einen Abend ruhig zu stellen, dass sie alle aus einem Instinkt heraus die Kassen ansteuern, und so lasse ich mich von dem Strom treiben.

Auch vorbei an der Obst- und Gemüseabteilung und ich schaue nach rechts, denn ich weiß ja, dass Er da arbeitet. Sehe ich ihn irgendwo? Einen großen Mann mit Ohrlöchern, Tattoos und muskulösen Oberarmen, der verzweifelt-freundlich lächelt, um die Kunden abzufertigen, und dabei nichts lieber als einen ruhigen Tag mit seiner Freundin verbringen möchte. Ich schaue hin und her, mehrmals, aber kann ihn nicht entdecken. Anhalten ist nicht angesagt, da ich mich im Kassenstrom befinde - so wie das Wasser immer bergab fließt, so wabern die einkaufenden Familien zu den Kassen, und schließlich sind die Einkäufe erledigt.

Nur noch raus - aber das ist gar nicht so einfach in dem Gedränge. Immerhin muss ich an der Rolltreppe nach oben diesmal nicht anstehen, während die Gegenrichtung unter dem Gewicht der Massen den Geist aufgegeben hat und gerade vom technischen Dienst überprüft wird. Eingedenk meines Beinahe-Kotzeriff-Fiaskos gehe ich diesmal in einem großen Bogen um die widerliche Stelle, die inzwischen mit blauem Band vom Strom der Menschen abgetrennt ist. Und da höre ich fast schon das Zischen der automatischen Schiebetür (kann aber auch weiteres Halluzinieren sein). Ich fühle mich, als ob das Einkaufszentrum jetzt mich auskotzt - und kann endlich wieder die klare, kalte, frische Lust atmen, endlich wieder die Sonne genießen, endlich wieder einfach stehenbleiben. Was zur Hölle habe ich gerade durchgemacht???

Zweiundzwanzigster Dezember.

Egal welches Jahr, egal wo. Es wird sich nie ändern.