Montag, 25. September 2023

Tag 56 - Kiel zerlegt sich



Unglaublich, es ploppen immer mehr Baustellen in Kiel auf. Mal merke ich es direkt, weil es vor meiner Haustür ist, mal merke ich es indirekt daran, dass manche Busse Umleitungen fahren oder einige Straßen, die sonst relativ ruhig sind, plötzlich im Berufsverkehr "verstaut" sind. Was bin ich froh, nicht mehr das Auto zu nehmen!

Aber es ist ja schön, dass sich hier endlich was tut. Manche Straßen waren so marode; wenn ich mit der Buslinie Vierzehn zur Schule fahren musste, ging es die Werftstraße runter, und wenn man dann nicht in einem dieser supergefederten Elektrobusse saß, hat das Frühstück (wenn man es denn gegessen hat) eine ordentliche Schleuderpartie bis nach Wellingdorf bekommen.

Zum Glück wird die Werftstraße neu gemacht, und wie spannend das ist: Man sieht bereits Bauvorleistungen für die zukünftige Tramführung in Form von erhöhten Bordsteigen in der Straßenmitte, wo später einmal die Straßenbahnhaltestellen sein werden. Aber bevor ich mich jetzt zu sehr aufrege und freue, erinnere ich mich wieder dran, dass bis Ende Zwanzig Vierundzwanzig in erster Linie Planungen stattfinden, erst ein gutes Stück danach wird es mit den tatsächlichen Bauarbeiten losgehen.

So, nun Termine zurechtlegen, diese Woche muss gut abgepasst sein - Details folgen.

Samstag, 23. September 2023

Tag 54 - Panikattacke


So, diesen Artikel hätte ich schon am Donnerstag schreiben wollen, aber es sind immer wieder andere Ideen im Kopf. Heute darf er aber festgehalten werden, und es handelt sich aus einen Beitrag aus dem Bereich Asperger pur - wobei diesmal, glaube ich, auch neurotypische Menschen ein bisschen an die Decke gegangen wären.

Ich habe endlich meinen neuen Termin bekommen, für das nächste Orientierungsgespräch in der Agentur für Arbeit. Ich hatte schon geschrieben, dass ich mich darauf freue, weil ich einen neuen Betreuer habe, der wohl auf berufliche Integration von Menschen mit Behinderung - oder so ähnlich - spezialisiert ist. 

So wird also vorgestern, am Donnerstag, kurz vor Mittag ein Brief durch meine Tür geworfen, und ich mache mich an's Lesen. "Sehr geehrter bla, ich möchte mit Ihnen Ihre berufliche Situation besprechen bla und so weiter". Termin, dazu noch die Hotline der AA, falls man zehn Minuten Zeit zum Warten hat, um irgendwelche Fragen beantwortet zu kommen. Und dann kommt da wieder so ein Absatz, den ich grausam finde.

Fast so grausam wie das "Sie haben keinen Wichtigen Grund für Ihr Versäumnis mitgeteilt" neulich, das ich extra nochmal brieflich bekommen habe. Diesmal stand in diesem Absatz der freundliche, aber sehr deutliche Verweis darauf, was alles mit mir passieren kann, wenn ich dieser Vorladung zum Gespräch nicht nachkomme, ohne vorher per Formular abzusagen. Und das klingt alles sehr rechtlich korrekt, und ist es leider auch, aber ich fühle mich ein bisschen, als ob man davon ausgeht, ich würde den Termin nicht wahrnehmen wollen und einfach nur das Geld abkassieren.

Ist ja alles richtig und gut so. Fühlt sich nur doof an. Aber gut, ich schaue drauf, wann mein Termin ist, und die Züge entgleisen mal wieder. Der Termin ist an genau dem Donnerstag, wo ich diesen Brief erhalten habe, und zwar zwei Stunden, bevor er mir zugestellt wurde.

Mittlerweile wird das ein bisschen routinierter - merken, wie die Atmung schneller wird, wie die Panik anflutet, zum Portemonnaie greifen und eine Tablette nehmen, Viertelstunde warten, bis alles wieder runtergefahren ist.

Und natürlich sind meine ersten Gedanken wieder bei mir: Scheiße, ich habe den Brief bestimmt übersehen, der lag doch sicherlich schon einige Tage hier, denn die müssen ja eine Vorlaufzeit haben, und ich habe es mal wieder versaut. In Gedanken sehe ich schon einen weiteren Brief mit der nächsten Sperrfrist eintrudeln, oder am besten gleich mit der kompletten Streichung sämtlicher Bezüge - was mache ich nur, was tue ich jetzt? Den Betreuer anrufen! Also suche ich oben rechts nach der Telefonnummer, aber die gibt es natürlich nicht, sondern nur die der allgemeinen AA-Hotline mit der Viertelstunde Wartezeit. Aber ich sehe etwas Anderes dort gedruckt und werde stutzig.

Der Brief ist tatsächlich mit der korrekten Vorlaufzeit von zwei Wochen geschrieben worden. Datum des Briefes ist der siebte September. Dann schaue ich auf den Briefumschlag und suche nach dem Poststempel und ich gehe fast direkt hoch - abgestempelt am achtzehnten September. Elf Tage lang ist dieser Brief also nicht eingeliefert worden. Und dass es dann drei Tage gedauert hat, den Brief bei mir einzuwerfen, ist derzeit leider normal, weil sowohl die Deutsche Post als auch DHL extrem lange Zustellzeiten haben und Briefe in den letzten Monaten verschwunden sind.

Nun könnte ich mich eigentlich beruhigen, denn ich habe nichts falsch gemacht, also sollten mir auch keine negativen Konsequenzen entstehen. Dann fällt mir ein, dass ich bei meinem Antrag auf das Arbeitslosengeld auch nichts falsch gemacht habe und es sieben Wochen gedauert hat, bis das erste Geld gekommen ist, und ich setze mich in die Zimmerecke und mache nichts mehr. 

Heute, am Samstag, bin ich wieder einigermaßen bei mir, die Dickschwartigkeit ist zurück, und ich lege mir den Brief zurecht, um am Montag früh um acht Uhr bei der AA anzurufen und freundlich, aber bestimmt um einen neuen Termin zu bitten, und werde direkt aufnehmen lassen, wie das mit dem Terminversäumnis gelaufen ist. Ich werde eine Möglichkeit zur Stellungnahme verlangen, ich werde darin eine Kopie der Einladung und eine Kopie des Briefumschlags mit dem Poststempel anhängen. 

Toll, wo Autisten sowieso so gut damit zurecht kommen, wenn Dinge spontan ablaufen. Wie soll ich einen Termin wahrnehmen, der gut neunzig Minuten vor Erhalt der Vorladung liegt???

Blutdruck runter. Videospiel. Folgen der Panikattacke ausstehen und meinen Psychiater nächstesmal fragen, ob meine Reaktion in so einer Situation normal ist, oder ob ich mir tatsächlich mal wieder den Schuh anziehen muss, ich hätte es versaut.

"Sie haben keinen Wichtigen Grund für Ihr Versäumnis mitgeteilt."

Freitag, 22. September 2023

Tag 53 - Die Fragen

Gnôthi seautón, oder wie man so sagt...

"Und, haben sie sonst noch irgendwelche Fragen, zu unserer Schule, zur Stellenausschreibung?"

Für gewöhnlich endet auf diese Weise ein Auswahlgespräch für Planstellen. Im Referendariat wurde mir beigebracht, dass ich an dieser Stelle Interesse signalisieren soll, indem ich vorher gründlich die Schul-Homepage gelesen habe und mir zwei, drei Fragen zurechtgelegt habe. Habe ich immer gemacht. Hat nichts gebracht.

Damit ist jetzt Schluss.

Ich lege mir einen Fragenpool zurecht - welche Fragen ich daraus letztlich nehme, muss ich nochmal schauen. Was ich mit diesen Fragen erreichen will? Ich möchte mir einen Eindruck darüber verschaffen, ob diese Schule ein "passendes" Arbeitsumfeld für mich zu bieten hat. Gerade weil das in den letzten Jahren nicht immer der Fall war, nehme ich Fragen aus jenen Erfahrungen. Here goes:

1. "Haben sie (alle) mein Anschreiben gelesen?"

    Wer schon bei mehreren Auswahlgesprächen war, weiß vielleicht, dass das nicht immer der Fall ist - gerade wenn die Schule bereits einen Wunschkandidaten für die Stelle hat. Dann sind diese Auswahlgespräche nur eine Zeit verschwendende Farce. Ich hatte einmal diese Frage in die Runde gestellt und eine vielsagende Antwort bekommen: "Die Unterlagen sind allen Mitgliedern der Runde zugegangen." Ich hätte am liebsten direkt gesagt "Das war nicht meine Frage. Mir geht es darum, ob sie es gelesen haben". Ich hätte mir damals Zeit und Frust ersparen können.

2. "Haben sie derzeit oder früher schon einmal autistische Lehrkräfte gehabt?"

    Kann gut sein, dass hier nicht ehrlich geantwortet wird, beziehungsweise auf die Schweigepflicht verwiesen wird. Manche Aspis oder hochfunktionale AutistInnen möchten ihre Behinderung nicht nach draußen tragen, und dann hat der Dienstherr selbstverständlich die Pflicht, diese Information für sich zu behalten. Falls aber ein "ja" kommen sollte, könnte auf die nächste Frage bereits eine sehr aufgeschlossene Antwort folgen.

3. "Haben sie eine ungefähre Vorstellung, was es bedeuten kann, einen Autisten im Kollegium zu haben?"

    Hier erwarte ich einfach mal die Antwort "nein", und das wäre gut so, denn dann hätte ich einen Grund, um direkt in ein paar Schulalltagsszenarien überzuleiten. Naja, nicht direkt. Vorher würde ich ihnen einmal anschaulich erläutern, wie es ist, als Lehrer auf'm Spektrum zu sein.

4. "Angenommen, ich bitte sie, mich möglichst nicht in den Klassenstufen 5 und 6 einzusetzen (inklusive Erklärung). Ihre Reaktion?"

    Ich bin bereits mehrfach trotz der Erklärungen in die Orientierungsstufe gesetzt worden. Manchmal kam die Erklärung "Das geht so nicht, ich muss dich in allen Klassenstufen einsetzen können", und da mag etwas dran sein. Ich habe aber zumindest bezüglich der Konsequenzen vorgewarnt, und natürlich sind diese dann auch eingetreten, das ist immer nur eine Frage der Zeit.

5. "Angenommen, sie teilten mich trotzdem ausschließlich in den Stufen 5-7 ein. Ein paar Wochen später erhalten sie einen besorgten Anruf einer aufgebrachten Mutter, dass der neue Lehrer die Klasse völlig ohne Vorwarnung und ohne Grund so laut angeschrien hat, dass manche SchülerInnen davon Albträume bekommen haben. Wie gehen sie mit der Situation um?"

    Ganz realistisches Szenario, die meltdowns gerade bei männlichen Autisten sind bekannt und ein Grund für ihre oft mangelhafte soziale Integration in ihr Umfeld. Ist mir auch an früheren Schulen genau so passiert. Dass der Wutausbruch nicht grundlos war, kann man sich denken; ich schreie nicht herum, weil es mir Spaß macht, im Gegenteil, ich bekomme eine Panikattacke, zerbreche dabei Stifte, fange an zu zittern und bin einmal mit Tränen in den Augen Richtung Toiletten gestürmt, um mich wieder zu fangen.

In einem Fall wurde ich nicht gefragt, wie meine Sichtweise zu diesem Vorfall ist (so eine Anhörung oder Stellungnahme ist eigentlich im Konfliktmanagement selbstverständlich). Auf die Frage, warum ich nicht meinen Blickwinkel schildern durfte, hieß es dann wörtlich "Weil ich davon ausgehe, dass du mich eh' anlügen wirst." Danke für das entgegen gebrachte Vertrauen, einer Person gegenüber, die in Stressituationen gar nicht anders kann, als die Wahrheit zu sagen.

In einem anderen Fall habe ich genau auf diese "Vorwarnungen" verwiesen, über die ich bei Auswahl- und Einstellungsgespräch gesprochen habe, und auf meine autistischen Verhaltensweisen. Das war bei jener Schulleitung, die damals zur Begrüßung meinte "Wenn wir schon Inklusion leben sollen, dann gilt das selbstverständlich auch für das Kollegium". Da bekam ich als Reaktion nur "Ja, aber so geht das nicht, da musst du dich schon etwas anpassen".

6. "In jeder Konferenz - LeKo, ZK, alles, was so anstehen kann - sitze ich im Konferenzraum auf dem gleichen Platz, irgendwo am Rand oder in der Ecke, und arbeite in einem Rätselheft. Ihre Reaktion?"

    Die Schulleitungen hatten damit bisher kein Problem, denn ich hatte ihnen vorher erklärt, dass ich das zur Beruhigung mache (stimming) und trotzdem alles mitbekomme. An einer ehemaligen Schule ist es allerdings zu Beschwerden anderer KollegInnen darüber gekommen, und darüber, dass ich mich ja durch meinen Sitzplatz in der Ecke vom Rest des Kollegiums abgrenze und das etwas unsozial wirkt, und dass es dann ja auch kein Wunder sei, dass ich Probleme habe, die richtige Schule für mich zu finden.

Wie ich es mache, mache ich es verkehrt: Wenn ich das Kollegium nicht über meine autistischen Verhaltensweisen aufkläre, kommt es zu Beschwerden, und wenn ich es doch tue, kommt es zu Beschwerden, dass ich mich unnötig wichtig machen will. Alles gehabt, deswegen bin ich mit dieser Frage tatsächlich auf die Reaktion gespannt. 

7. "Angenommen, nach zwei Jahren an ihrer Schule bekommen sie einen Anruf einer verstörten Mutter, die fragt, wie es sein kann, dass einer der beliebtesten Lehrer der Schule sich so einen Aussetzer leisten kann - denn in der sechsten Klasse habe er zwischendurch gesagt, Schüler XY stelle sich bestimmt gerade vor, wie es ist, in den Arsch gefickt zu werden. Wie gehen sie mit der Situation um?"

    Ja, vorgekommen. Begründung eine Mischung aus meltdown und Schlagfertigkeit, das war ein Konter auf etwas, was XY davor gesagt hat, und ich habe mich seines Wortlauts bedient. Interessant, ich realisiere gerade, dass ich hier im Blog bisher noch nicht darüber geschrieben zu haben scheine. Zur Info: Das Ganze hat ein Dienstgespräch nach sich gezogen, Anwesende waren die Schulleitung, Elternbeiratsvorsitzende, Heimleitung, Klassenlehrer, Schulsozialpädagogin, eine(r) fehlt noch, wir waren zu siebt.

Natürlich darf ich nicht darüber sprechen, wie das Gespräch abgelaufen ist. Ich darf nur sagen, dass wir am Ende allesamt sehr erleichtert rausgegangen sind und die SozPäd mich einmal in den Arm genommen hat; dass mich die Heimleiterin dann einen Tag in ihr Heim eingeladen hatte und, wie sie danach zu einem ihrer Jugendlichen sagte, ein "ganz tolles Gespräch mit einem ungewöhnlichen Lehrer" hatte.

Ich warte nur darauf, dass irgendwann jemand sagt, dass diese Szenarien doch insgesamt recht unrealistisch seien. Steilvorlage, und vielleicht könnte das eben auch ein bisschen die Antwort zur dritten Frage liefern.

8. "Angenommen, jemand berichtet ihnen, ich würde mich privat mit meinen SchülerInnen treffen. Ihre Reaktion?"

    Vorgekommen, und die direkte Reaktion damals war eine dienstliche Abmahnung, in der es hieß, private Treffen mit Schülern (sic) seien in Zukunft zu unterlassen. Und ich Idiot hab' das auch noch so unterschrieben, weil ich deutlich jünger und dünnfelliger war - dabei habe ich mich noch nie privat mit meinen SchülerInnen getroffen. Es gibt eben auch negative Publicity, wenn man bei seiner SchülerInnenschaft gut ankommt, und auch hier würde - meiner Meinung nach - eine gute Schulleitung zuerst um eine Stellungnahme meinerseits bitten (wie das zum Beispiel bei dem vorherigen Fall geschehen ist).

9. "Ihnen kommt zu Ohren, dass der neue Lehrer mit seiner siebten Klasse jede Woche nur Filme schaut. Wie gehen sie damit um?"

    Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich gern mit Filmen oder Serien im Unterricht arbeite, und ich habe hier auch schon mehrfach darüber geschrieben. Ich glaube auch weiterhin, dass das mit der richtigen Lerngruppe ein fruchtbarer Versuch ist. Ich lasse mir aber nicht unterstellen, ich würde in jeder einzelnen Englischstunde meine SchülerInnen vor eine DVD setzen und mir einen faulen Lenz machen. Leider kommt dieser Eindruck dabei rüber, nicht selten, und sorgt auch nicht selten für deutliche Beschwerden bei der Schulleitung und auf Elternsprechtagen. Auf letzteren allerdings habe ich in der Regel mehr Elternteile, die mir mitteilen, dass sie das gut finden, und dass ihr Kind richtig begeistert ist und von sich aus im Internet auf Englisch weiterschaut. Und das erkläre ich auch gern jeder Schulleitung, die das denn hören möchte, und auf das obige Gerücht (9.) zumindest erstmal eine Stellungnahme hören möchte, bevor sie mir eine Abmahnung schreibt (auch passiert).

10. "Ich führe einen Blog. Wie stehen sie dazu?"

    Scheint wie eine kleine, harmlose Frage, ist aber extrem wichtig. Der einfachste Weg für die Lehrkraft wäre, einhergehend mit der Entfristung den Blog einzustellen, damit man keine Risiken eingeht. Das wird aber so nicht funktionieren.

Dieser Blog ist wie eine lifeline für mich. Er ist meine Verbindung zu Euch - Familie, Freunde, Bekannte - denn ich mag mich nun mal nicht so für eine kleine Plauderei verabreden. So würde man sich zwar häufiger sehen, aber so funktioniert der Kopf des Autisten nicht. Die Welt da draußen ist chaotisch und unberechenbar, und in meinen eigenen vier Wänden weiß ich genau, wie alles läuft. Dass alles läuft. Jeder Gang nach draußen birgt Konfliktpotential (Missverständnisse und so weiter, habe ich ja schon öfters drüber geschrieben).

Mit dem Blog kann ich Euch mitteilen, was mir gerade durch den Kopf geht, wie es mir geht, was ich mache, und ich kann es mit dem geduldigen "Papier" machen und muss mich nicht spontaner interpersoneller Kommunikation aussetzen. Klingt, als wollte ich Euch nicht sehen. Hart, aber wahr: Will ich auch nicht immer. Das war anders, als es mir noch gut ging - im Studium. Da war ich spontan mal mit YazzTazz los zu Burger King, oder da stand eines abends einfach mal ein Ole mit einer Weinflasche vor den Kronshagener Bergen. Damals hatte ich eine grundlegende Sicherheit, und die bedeutet für Menschen auf dem Spektrum wirklich alles.

Es ist für mich absolut unmöglich, mir vorzustellen, dass ich diesen Blog für eine Schule schließen müsste. Dann trete ich diese Stelle lieber nicht an. Es bleibt dabei, dass auf meiner Prioritätenliste im Leben der Beruf auf dem zweiten Platz steht. Mein eigenes Privatleben, oder öffentliches Leben, wie auch immer - das ist mir wichtiger. Ich habe - vorerst - nur dieses eine Leben, und das möchte ich genießen, und das lasse ich mir von niemandem mehr nehmen.

Auch wenn es Arbeitslosigkeit bedeutet. 

Aber der nächste Termin im Arbeitsamt steht bestimmt bald an, und dann sondieren wir mal.

post scriptum: Nochmal: Ich weiß nicht, welche von diesen Fragen ich tatsächlich benutze. Die Fragen 1-3 werden aber auf jeden Fall kommen, damit ich jeder Schulleitung die Möglichkeit geben kann, mir mitzuteilen, dass sie weiß, was es bedeutet, Autist zu sein, und falls nicht, dann werde ich sie unter 3. darüber erstmal gründlich aufklären, bevor es an die Fallstudien geht. Ich möchte niemanden überfordern oder vor den Kopf stoßen, aber ich möchte sichergehen, dass meine zukünftige Schule weiß, wen sie sich da in's Boot holt, und ich möchte zumindest eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, wer mein zukünftiger Dienstherr ist, und wer meine Ansprechpartner in Sachen Gleichstellung sind.

Dienstag, 19. September 2023

Tag 50 - Das Anschreiben


vorweg: Ich gebe zu, ich wollte mein neues - und hoffentlich letztes - Anschreiben für meine Bewerbung an Schulen etwas drastischer formulieren. Ich wollte ein paar sehr ehrliche Sätze einbauen, die sich aus den letzten elf Jahren Beschäftigung ergeben haben.

Ich kann wirklich nicht sagen, warum ich das nicht gemacht habe. Es wäre ein sehr langer Text geworden, an dessen Ende etwas in Richtung "Wenn Sie diesen Text komplett gelesen haben, möchte ich mich bei Ihnen dafür bedanken, zu einer absoluten Minderheit zu gehören, die mir sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht hat. Ich würde Sie sehr gern in einem persönlichen Gespräch kennenlernen."

Natürlich wäre das beruflicher Selbstmord gewesen, aber andererseits wäre es ein Text gewesen, der mich repräsentiert. Was ich stattdessen gemacht habe: Ich habe alles auf ein Minimum zusammengestrichen, was eh' kein Schwein interessiert (Theaterarbeit, Arbeit in der Suchtprävention, der Umstand, dass ich Latein unterrichte, dass ich Autist bin), und auf das konzentriert, was für Schulen hilfreich sein könnte: Dass ich besonders gut mit SchülerInnen in schwierigen Situationen der Klassenstufen sieben bis zehn zusammenarbeiten kann.

Deprimierend, aber aufgrund meiner Note und Gleichstellung müssen sie mich eh' anschreiben (und einladen), und die interessanten Sachen können wir dann auch im Gespräch klären.

Danke, Schulsystem.

 

Sehr geehrte Schulleitung (sic),

hiermit bewerbe ich mich zum nächstmöglichen Zeitpunkt auf eine Planstelle (oder auch
Vertretungsstelle mit Aussicht auf eine unbefristete Beschäftigung) für die Fächer Englisch und Latein. Ich hätte kein Problem damit, das Fach Latein nicht zu unterrichten; in den vergangenen elf Jahren habe ich aufgrund mangelnden Bedarfs nur insgesamt zweieinhalb Jahre Latein unterrichtet.

Im Juli 2011 habe ich das Studium dieser Fächer für das Lehramt am Gymnasium an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem 1.Staatsexamen abgeschlossen. Mein 2.Staatsexamen habe ich am 27.11.13 abgelegt (Note 1,9). Derzeit bin ich arbeitslos.

Ich bin Autist. Welche Auswirkungen das auf meine Arbeit als Lehrer haben kann, würde ich gern in einem persönlichen Gespräch mit Ihnen erörtern, auf das ich mich sehr freue.

Vielleicht kann ich mit meiner Erfahrung als Hochbegabter Ihre Schule auch in diesem Bereich unterstützen; an meinen bisherigen Schulen konnte ich bereits ein paar SchülerInnen als hochbegabte Underachiever erkennen und fördern. Ebenso würde ich Ihrer Schule gern als Experte für SchülerInnen mit autistischem Verhalten zur Seite stehen, wie ich es auch in den letzten Jahren tun durfte.

Eine meiner Stärken ist es, die SchülerInnen für meine Fächer zu begeistern, ihnen zu zeigen, dass Schule weit mehr ist als bloße Lerninhalte und in der Konsequenz den Lernwillen und –erfolg anzufeuern. Durch meine Arbeit an Regional- und Gemeinschaftsschulen habe ich mich mit verschiedenen Lernausgangslagen auseinandergesetzt, so dass ich differenziert auch mit SchülerInnen in schwierigen Situationen arbeiten kann; meine Schwerpunkte liegen in den Klassenstufen 7-10 (aber ich besitze die volle Facultas für die Sekundarstufe II).

Über weitere Befähigungen (Theaterarbeit, Suchtpräventionsarbeit, Freizeitbereich) würde ich mit Ihnen gern in einem persönlichen Gespräch reden.

Mit freundlichen Grüßen,

Tobias Homann

post scriptum: Wie cool es sein kann, einen ehemaligen Schüler am Hauptbahnhof wiederzutreffen. Eine kurze Runde unterhalten, bis der Bus kommt, ich habe mich richtig gefreut! 

paulo post scriptum: Ihr seid herzlich eingeladen, mir zu erklären, warum das ein ziemlich ungeschicktes Anschreiben ist ;-) Immerhin ist es authentisch.

Sonntag, 17. September 2023

Tag 48 - Heizkostenabrechnung


Manchmal kommt ein Lächeln von unerwarteter Seite. Unter den Briefen, die ich in den letzten Tagen erstmal zur Seite gelegt habe, war ein dicker Brief von meinem Vermieter. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass dicke Briefe von Vonovia oft nichts Gutes bedeuten. Wobei... die Mieterhöhung kam in einem sehr dünnen Brief mit zwei Zetteln. Diesmal kam die Heizkostenabrechnung, und die lohnt sich tatsächlich.

Sie hat sich auch schon letztes Jahr gelohnt, und damals hat V geschrieben, dass sie die Vorauszahlung nicht runtersetzen, weil die Energiepreise im Moment steigen. Das führt dazu, dass ich dieses Jahr noch mehr Geld zurück bekomme und effektiv anderthalb Monate keine Miete zahlen muss (was bei Arbeitslosigkeit sehr hilfreich sein kann). Und trotzdem heißt es auch dieses Jahr wieder, dass die Vorauszahlungen nicht heruntergesetzt werden. Ich bin mal gespannt, ob es dann nächstes Jahr wieder genauso läuft.

Nur dass ich dann hoffentlich nicht mehr auf sowas angewiesen sein serde, weil ich dann endlich einen festen Job habe ^^

Montag, 11. September 2023

Tag 42 - Dreiunddreißig Grad

Darf es ein bisschen heißer sein?

Langsam reicht es wirklich. Ich sollte nicht klagen, der Rest des Sommers war sehr mild, aber die Backofenwohnung läuft auf Hochtouren, und wenn um Mitternacht immer noch knapp über dreißig Grad übrig sind, das strengt einfach nur an. Und irgendwie bekommt das meinem Magen nicht, oder wie auch immer, jedenfalls bin ich froh, aus der Apotheke vorhin etwas Diphenhydramin gegen Übelkeit bekommen zu haben. 

Bis Mittwoch soll es sich ein wenig abkühlen, das wäre mir sehr recht. Die Sannitanic ist auf Klassenfahrt, wenn ich das richtig verstanden habe - hoffentlich muss sie sich mit ihrer Baggage nicht ganz so durchbacken lassen. Gilt natürlich für alle, die diesen Text lesen und die direkte Hitze vielleicht nicht so sehr mögen.

Daumen drücken für ein wenig Wind, dann kann die frische Luft heute Nacht hier quer durch die Wohnung ziehen und der Ventilator zur Abwechslung mal aus bleiben. Tipp: Nasse Handtücher in der Wohnung aufhängen, damit die Luft nicht zu trocken wird.

Sonntag, 10. September 2023

Tag 41 - Flurwoche

Interessant, so sah das Bad früher aus, als mein Leben noch Sicherheit hatte ^^

Gestern habe ich einen Beitrag verfasst, aus dem man ableiten könnte, dass es mir gut geht. Dafür gibt es tatsächlich auch mehrere Anzeichen, eines davon, dass ich im letzten halben Jahr abgenommen habe. Während man denken könnte, dass das eher ein Symptom dafür sei, dass es jemandem schlecht geht, habe ich meine eigene Theorie, die ich an meiner Familie zu überprüfen versuche, nämlich dass der Aspi in guter Stimmung weniger Gedanken an das Essen verschwendet, sondern an Themen, die ihn interessieren. Und noch so ein paar andere Überlegungen. Natürlich ist das alles Humbug, aber vielleicht kann der eine oder andere Leser auf'm Spektrum das aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Phasen im Leben, in denen ich zugenommen habe, waren immer einige der schwersten.

Ein anderes Symptom könnte die Flurwoche sein. Alle drei Wochen bin ich dran, das Treppenhaus bis zur Etage unter uns zu fegen und wischen. Ich habe mir gerade das Equipment bereitgestellt und erledige das heute als Erstes. In den letzten Monaten und Jahren habe ich das meistens komplett vergessen oder eine Woche zu spät gemacht, weil einfach weniger Achtsamkeit im Spiel war.

Hoffen wir mal, dass es so weitergeht - dass mir tatsächlich der Flurputz in Zukunft wieder Spaß macht ;-)

post scriptum: Und vielleicht kennt Ihr das - ich bin gerade im Putzmomentum, da kann ich auch noch schnell die Badewanne erledigen, die war fällig nach einem kalten Ölbad (Neurodermitisschub lässt grüßen). Im Englischen würde man sagen "I was on a cleaning spree!" :D