Donnerstag, 6. Juli 2023

Einstellen - Ausstellen. Und verschlafen.


"Und ich drücke dir die Daumen, dass dein Antrag bald durch ist und du offiziell schwerbehindert bist. Dann müssen sie dich nämlich einstellen, oder zumindest können sie dich dann nicht mehr einfach loswerden."

"Ja, und genau so ist es an einer meiner ehemaligen Schulen gewesen, da hat man mich ausgestellt, um eine normale und unkompliziertere Lehrkraft einzustellen."

Drollig, wie Autisten dazu neigen, neue Wörter zu erfinden. So kam es heute im Bus also zu diesem Dialog zwischen mir und einem meiner (ehemaligen) Schüler, jetzt in der achten Klasse. Dass der kleine Steppke nicht wie ein Achtklässler klingt, ist auch typisch Autist, da gibt es sowas wie Barrieren in der Kommunikation, dem Altersunterschied geschuldet, nicht.

Das Gespräch hat gut getan, im Rückblick auf einen Tag, an dem (fast) nichts so gelaufen ist wie gedacht. Unterrichtsschluss war heute etwas früher, weil die Verabschiedung der AbschlussschülerInnen anstand. Ich habe dieses Jahr einige von ihnen unterrichtet, deswegen ist es natürlich selbstverständlich, dass ich an der Feier teilnehme. Ein bisschen stolz auf die Kiddies, aufgeregt für sie und ihren ersten Schritt in die Realität. Und die machen sich so schick dafür, einen Punk/Goth-Schüler habe ich heute in Anzug und normalen Haaren kaum wiedererkannt. Ich hätte ihm sagen sollen, dass das eine gute Idee ist, denn die Vorurteile, die solche Outfits mit sich bringen, sind intensiv und überall.

Ich musste also nach der fünften Stunde nur kurz nach Hause, Notenlisten holen. Dann war aber noch eine halbe Stunde Zeit, und ich hab gedacht, eine Runde Dösen muss drin sein, der Verkehr draußen ist so laut, dass ich schon nicht einschlafen werde. Damit habe ich aber meinen Schlafmangel etwas unterschätzt - und bin vor knapp zwei Stunden wieder aufgewacht.

So ein Scheiß! Die Feier hat mir echt was bedeutet, und ich komme nicht umhin zu denken, dass mir sowas früher nie passiert wäre und dass es mir zeigt, wie scheiße die Situation gerade wirklich ist. Zum Glück lehrt uns der Buddhismus, in Krisen immer das Positive zu finden und sich darauf zu konzentrieren - und dazu gehörte dann zum Beispiel das Busgespräch und die Klausurrückgabe in Elf. Kaum zu glauben, aber nach Abstimmung haben sie sich einen Actionfilm gewünscht - und keiner von ihnen hat schon einmal Speed (1994) gesehen. Say what you want - in diesem Genre ist der Film eines der großen Meisterwerke. Wenn sogar das eher konservative Lexikon des internationalen Films das feststellt, will das was heißen, und von den Kritiken auf rottentomatoes.com fange ich gar nicht erst an.

Ich habe den Film selbst zuletzt vor über zehn Jahren gesehen - und es ist ein tolles Erlebnis. Wenn man hunderte Filme gesehen hat, sieht man irgendwann mit anderen Augen, und der Film ist heute wie damals ein anspruchsloser, aufregender Actionthriller. Und Sandra Bullock mag ich sowieso. Und das Eisessen mit dem Kurs in Neun heute war auch super.

Und ohne Gegenwehr lasse ich mich diesmal nicht so einfach ausstellen.

Freitag, 30. Juni 2023

KVG in Nöten

Weiterhin ein Zukunftstraum...

Momentan kann Busfahren in Kiel ein echtes Abenteuer sein. Seitdem das Deutschlandticket eingeführt wurde, nutzen deutlich mehr Menschen den ÖPNV. Die Busse sind voller, es ist lauter, drängeliger - nicht immer, aber immer öfter. Dazu kommt das Chaos in Kiel, hohes Verkehrsaufkommen, Baustellen und Umleitungen, Busse mit einer halben Stunde Verspätung kommen häufiger vor und das alles wird noch einmal verstärkt durch den erheblichen Personalmangel bei der KVG.

Es werden dringend BusfahrerInnen gesucht, um die Verkehrswende stemmen zu können. Man hat jetzt die Notreißleine gezogen und vorübergehend einige Änderungen im Fahrplan vorgenommen - so fahren die Linien Zwölf und Dreizehn nur noch zwischen Strande und Hauptbahnhof, nicht mehr die Hamburger Chaussee hinunter. Auf einigen Linien wird die Taktung reduziert, und so kann es vorkommen, dass ich unten an der Bushaltestelle gute zehn Minuten auf einen Bus warten muss, in der Hauptverkehrszeit.

Zum Glück fahre ich immer etwas früher los, denn manchmal bekomme ich meinen Anschlussbus nach Dietrichsdorf nicht mehr (vielleicht brauche ich ihn ja bald eh' nicht mehr. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen), und gegen den Stress im Bus habe ich meine Hefte mit Logikrätseln dabei, so kann ich die vielen Menschen ausblenden, die seit zwei Monaten die Busse bevölkern.

Ich finde, dass das Deutschlandticket eine tolle Sache ist. Allerdings haben wir dafür noch nicht die nötige Infrakstruktur, und das dauert... ich mag mir gar nicht ausmalen, wie das erst wird, wenn in Kiel die Straßen aufgerissen werden für die neue Stadtbahn. Noch gut zwei Jahre, dann dürften die Bauarbeiten beginnen. Aber immer das Ziel im Blick haben - irgendwann wird es in Kiel einen dicht getakteten, ausgelasteten ÖPNV geben, mit reichlich Menschen, die ihre Ausbildung als BusfahrerIn machen, damit die Menschenmassen befördert werden können.

Es kann sich nur noch um Jahrzehnte handeln.

Mittwoch, 28. Juni 2023

Vor Gericht


Morgen stehen neben zusätzlichen mündlichen Prüfungen für ESA und MSA die Versetzungskonferenzen an. Das Kollegium entscheidet bei SchülerInnen, deren Zeugnis nicht die Anforderungen für einen Aufstieg nach Zehn oder in die Oberstufe erfüllt. Sie haben einen Antrag gestellt; morgen wird entschieden. 

Ich bin mir noch ein wenig unschlüssig. Mal angenommen, mich würde eine Schülerin gefragt haben, ob ich bitte für die Versetzung stimmen könnte. Weiterhin angenommen, dass ich die Schülerin dann im Gespräch ausführlich darüber aufgeklärt habe, dass der Sprung in die SekII für Manche unerwartet hoch ist. Dass es durchaus ein realistisches Szenario sei, dass sie es - in meinem Fach - nicht auf eine ausreichende Leistung bringe. Sie sagt dann: "Okay, vielleicht wird das wirklich nichts, aber ich könnte es doch zumindest einmal probieren, mich richtig reinzuhängen, oder?"

Für mich wäre in einem solchen Fall klar, dass ich für die Versetzung stimmen würde. Einen Versuch ist es wert, aber mit allerlei Auflagen für das nächste Schuljahr. Meine Frage an Euch: Könntet Ihr mir Gründe nennen, warum ich mit Nein stimmen sollte? Das würde mir wirklich weiterhelfen, denn mir fallen sie von allein nicht ein - Theory of Mind klappt bei mir eben nicht so gut.

Ich freue mich über jeden Kommentar!

Montag, 26. Juni 2023

Die Diktierfunktion

Erstaunlich sexistischer Aufkleber.

"Moin moin,

bei wem bin euch hat Lara S. Englisch. 

Grüße von ..."

Es muss einfach alles immer schneller gehen, und die Menschen werden schreibfaul (Gehst du Rewe?). Tippen kostet Zeit, und eigentlich will man sich gar nicht darauf konzentrieren müssen. Also benutzt man die Diktierfunktion, die wie Pilze überall aus dem Boden schießt. Bei den Suchmaschinen, Fernbedienungen, Spielekonsolen, you name it.

Eigentlich eine geile Sache, aber ich traue dem Braten nicht. Es ist schon so oft vorgekommen, dass meine Amazon prime-Fernbedienung irgendwelchen Käse vorgeschlagen hat, nach dem Muster: "Der Exorzist." - "Ja, hier habe ich Countrymusik, die auf Amazon prime verfügbar ist." Und jetzt sagt mir bloß nicht, Euch sei sowas noch nie passiert. 

Deswegen benutze ich diese Diktierfunktion gar nicht mehr. Es ist ja nicht nur, dass die blöde Kuh mir dann die Countrymusik anzeigt, sondern sie wird auch direkt abgespielt, und wenn ich auf "zurück" drücke, läuft der Scheiß einfach weiter im Hintergrund. Ich kann mich auf diese Funktion nicht verlassen, und hier kommt wieder der Aspi: Ich habe Angst, dass sie mich missversteht, das ist ein Ungewissheitsfaktor, also bleibe ich bei'm guten alten Tippen.

Ein Gutes hat die Funktion allerdings - sie kann in unerwarteten Momenten willkommenen comic relief bescheren, wie zum Beispiel bei einer Mail aus dem Kollegium. Ich bin vor Lachen (die große Buba sagt Kachen) fast gestorben, nicht zuletzt, weil mir nicht in den Kopf gehen will, wie man statt "von" "bin" verstehen kann. 

Ich geh' Film.

post scriptum: Ich meine mich an gewisse Studien zu erinnern, die einen positiven Effekt von Schreiben auf die Entwicklung des Gehirns postulierten. In einer Zeit, in der Tafelbilder nicht mehr abgeschrieben, sondern abfotografiert werden, frage ich mich, was das irgendwann mit unserer Sprache macht...

Freitag, 23. Juni 2023

Unterrichtsversuch - fehlgeschlagen, zumindest teilweise


Was bin ich froh, wenn mir SchülerInnen ehrliches Feedback geben und nicht einfach nur Nettigkeiten schreiben, weil sie es sich nicht mit mir verderben wollen. Die Hutmethode funktioniert wunderbar. So kann ich neue Sachen im Unterricht ausprobieren und erleben, ob meine Befürchtungen möglicher Hindernisse sich bewahrheiten oder Probleme aufgekommen sind, an die ich nie gedacht hätte. 

In diesem Halbjahr habe ich versucht, eine Lektüre durch eine Miniserie zu ersetzen. Das Thema war gothic fiction, und als Lektüre hätten wir Shirley Jacksons The Haunting of Hill House (1959) gelesen. Da es aber eine brillante moderne Verfilmung als zehnteilige Miniserie gibt, habe ich gedacht, ich versuche das mal. Wir schauen das im Unterricht; zehn Wochen lang in der Doppelstunde mit Aufarbeitung danach, und in der Einzelstunde erarbeiten wir die nötigen Skills für das Abitur, ergo das Verfassen diverser Aufsatztypen. 

Da ist viel Gutes bei herumgekommen, manche SchülerInnen fanden es hilfreich, zusätzlich zum Text ein Bild vor Augen zu haben. Das kann aber auch zuviel des Guten sein, wenn zum Beispiel jemand lieber nicht hinsieht (gothic fiction ist eben eng mit horror verknüpft) und dadurch wichtige Details verpasst. Auch hat nicht jeder einen Netflix-Zugang, um die Episoden oder Teile davon nochmal zu schauen, wohingegen man in einem Buch einfach gewünschte Partien mehrmals lesen kann. Dazu kommt die Überforderung: Man schaut etwas Neues, Spannendes, in einer Fremdsprache. Man ist so gebannt auf den Bildschirm, dass man darüber hinaus seine Notizen vollkommen vergisst. 

Ich hätte nach jeder Episode die SchülerInnen eine kleine summary schreiben lassen sollen. So hätten sie den Plot jederzeit zur Hand gehabt und dazu mehr Schreibübungen. Mir fällt sowas immer erst im Nachgang auf, und das mag jetzt wie eine Ausrede klingen, aber es liegt zum Teil am Autismus. Genauer der Theory of Mind. Ich kann mir vollkommen neue Dinge nicht so einfach vorstellen; auch im Referendariat war es für mich immer schwierig, mögliche Probleme bei den SchülerInnen bei der Stundenplanung zu antizipieren. 

Ich werde lieber dreimal überlegen, ob ich so etwas noch einmal mache. Ändert aber nichts daran, dass ich nach wie vor gern mit Film im Unterricht arbeite, und unterstreicht meine Vermutung, dass Anthologieserien wesentlich besser geeignet sind für den Unterricht

Und in der Klausur waren auch vierzehn Punkte dabei, also will ich nicht meckern.

Dienstag, 20. Juni 2023

Erschreckende Analogie


Manchmal gruselt es mich, wenn ich Parallelen, Zusammenhänge oder Ähnliches in meinem Leben entdecke. Im Grundstudium der Amerikanistik hatte ich mich für das Theatre of the Absurd interessiert - absurde Literatur auf der Bühne. Eines der Theaterstücke, die ich gelesen habe, war Arthur Kopits Oh Dad, Poor Dad, Momma's Hung You In The Closet And I'm Feeling So Sad: A Pseudoclassical Tragifarce In A Bastard French Tradition (1963).

Es geht um eine Helikoptermutti, die mit ihrem Sohn und ihrem toten Ehemann Urlaub in der Karibik macht. Der Ehemann ist natürlich konserviert und reist im gemütlichen Sarg. Die Mutter, Madame Rosepettle, lebt ihr Leben nach dem Tod des Gatten am Rande des Nervenzusammenbruchs und tut so, als wäre nichts. Das geht eine Weile gut, aber Sohn Jonathan lernt gegen den Willen der Mutter eine junge Frau kennen. Damit beginnt der Zusammenbruch der Madame, der kulminiert in den Fensterläden, die von der Wand fallen, und einem herrlichen Schlussatz der Mutter, den ich gern zitieren würde, aber das Buch liegt im Keller. Es ist etwas in Richtung "Jonathan, das verstehe ich nicht. Auf deinem Bett liegt ein totes Mädchen, dein Vater hängt im Kleiderschrank und die Fensterläden sind heruntergefallen. As a mother to a son I ask you: What is the meaning of this???"

Madame Rosepettle versteht natürlich nicht, dass sie sich gerade im Nervenzusammenbruch befindet, aber die Symbolik im Stück ist eindeutig. Die Parallele zu meinem Leben? Über meinem Schreibtisch klebt an der Dachschräge seit acht Jahren eine Pinnwand, voll mit allem, was irgendwie wichtg ist, wenn ich am Computer tätig bin. Habt Ihr sicherlich auch in irgendeiner Form, Telefonnummern, Adressen, To Do-Listen, Fotos der besten Freundinnen und so weiter.

Ohne Vorwarnung ist vor ein paar Tagen mitten in der Nacht die Pinnwand herabgefallen. Abgesehen davon, dass ich mich zu Tode erschrocken habe, passte das Timing einfach perfekt zu meiner Lebenssituation. Ich musste direkt an das Theaterstück denken. Das Gute: Ich bin inzwischen ein paar Schritte weiter als Madame Rosepettle, habe mich gesammelt, habe viel Unterstützung und bin wieder auf dem Weg nach vorn. Oder nach oben. 

Und ich habe keine Leiche im Schrank.

Montag, 19. Juni 2023

Dreißig Grad

Erinnert mich an Griechenland. Trinken nicht vergessen!

Eigentlich reicht der Titel schon aus. Wie in jedem Jahr kommt irgendwann der Blogbeitrag, in dem ich feststelle, dass es in meiner Wohnung über dreißig Grad Celsius sind. Alle Sitzgelegenheiten sind wieder mit Handtüchern tapeziert und der Ventilator ist im Dauerbetrieb. Das alles macht es manchmal schwer, sich zu konzentrieren, ich liege in den letzten Zügen, um die Noten für die Kiddies in der Oberstufe fertigzumachen.

Das ist auch die Zeit, in der ich immer Wassermelone im Kühlschrank habe. Ich liebe das! Nicht so süß, unglaublich kühl-erfrischend und durstlöschend. Essen ansonsten eher auf dem Minimum, mein Magen mag gerade nicht alles. Und: Die Reise in's Königreich Hyrule in The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom muss eine ordentliche Pause einlegen. Jetzt geht es um Schule, Wohnung und das Bürokratiergehege.

Falls jemand von Euch Black Mirror mag, oder damit im Unterricht arbeitet: Es ist eine sechste Staffel herausgekommen, die extrem durchwachsen ist, aber eine richtig gute, pädagogisch wertvolle Geschichte dabei hat: Joan is awful thematisiert AI-generated content, deepfakes, das Recht am eigenen Bild und ist gleichzeitig eine witzige Komödie. Echter Tipp!

Aber bei dieser Hitze gehen die meisten Menschen wohl lieber an den Strand...